Schwätzen und Schlachten – Verena Rossbacher

schlachten

Das Buch ist nichts für die Anhänger der Nouvelle Cuisine. Hier handelt es sich um ein mindestens zwölfgängiges Menü in Buchform, in dem die Protagonisten tatsächlich überwiegend schwätzen, abschweifen, nicht auf den Punkt kommen, so dass man beim Lesen völlig aus der Puste kommt und am Ende – wenn nicht schon mittendrin auch immer wieder – zu Völlegefühl vertreibenden Tabletten greifen muss um kein Bauchweh zu bekommen. Überhaupt Bauchweh. Das die drei Jungs nicht alle paar Seiten welches bekommen ist mir komplett unverständlich. Die sind permanent hungrig und schieben sich unglaubliche Mengen an Essen in die ständig offene Klappe, unglaublich.

Das werden nicht alle Leser mögen und wollen, aber ich habe bei diesem Roman einen Heidenspass gehabt. Selten habe ich jemanden so gekonnt, komisch und intelligent mit Sprache spielen sehen – ich habe mich ganz und gar in die Verbal-Akrobatik der philosophierenden schwätzenden Protagonisten verliebt.

Drei durchs Leben stolpernde befreundete Jungs, die den Großteil ihrer Zeit essend und schwätzend in Cafés – gelegentlich bei Hausmusik unklarer Qualitätsgüte – verbringen. Es handelt sich um den Österreich-Exilanten Stanjic (der wohl schon in ihrem Debütroman „Verlangen nach Drachen“ vorkommt), den liebeskranken Literaturstudenten Frederik von Sydow und den irgendwas mit neuen Medien machenden Glaser.

„Dieser hier trug auffällig schöne Schuhe, echte Waldviertler, wie Stanjic mit dem geübten Blick des Ureinwohners sofort erkannte, und wenn er auch mit gutem Grund sonst alle Österreichische boykottierte, die Waldviertler waren einfach solides Schuhwerk, Krisengebiet hin und her. Vielleicht aber auch gerade darum, vielleicht hatte ein pfiffiger Kopf angesichts des tiefen österreichischen Sumpfs einfach die idealen Schuhe erfunden fürs Land, trittsicher auch wenn es bergab geht.“

Einen wirklichen Handlungsfaden zu beschreiben finde ich ausgesprochen schwierig. Die drei mäandern durch den Roman, um einen Mord zu verhindern oder auch aufzuklären, Verena Rossbacher selbst tritt immer wieder Dialoge führend mit ihrem Lektor auf, der sie auf Knien anfleht, das Buch zu kürzen und doch endlich auf den Punkt zu kommen.

„Ich sags ihm, sagte Sydow. Ich hoffe, er nimmt es als Ermunterung noch gelassener zu sein. Er kurbelte das Fenster wieder hoch, lass dir ruhig Zeit, sagte er. Ich glaube, die Meditation hat ein paar neue Anhänger gewonnen.
Stanjic kriegte endlich den Motor gestartet, ließ ihn aufheulen und das Auto machte einen Satz nach vorn, brauste über die Kreuzung. Sydow hielt sich am Handgriff über der Tür fest, bestens er nickte, bei Rot über die Ampel.
Grün, rot, Stanjic bog quietschend um die Ecke, das sind einfach viel zu hektische Phasen hier.
Gewiss. Sydow nickte ein bisschen weiter, ganz sicher. Zu viele Farben auch, alles so schön bunt hier, das ging den Ossis nach der Maueröffnung auch so, hatten noch nie eine Ampel gesehen, standen in ihren kleinen Pappautos auf den Kreuzungen herum, staunten. Sie überlegten, dass hier sicher für was geworben wird, mit schönen bunten Lichtern, Kapitalismus halt, wo man geht und steht, wird für was geworben. Sie haben auf den Kreuzungen gestanden, das Spiel der Lichter betrachtet, sie haben gedacht, hier wird geworben und gegrübelt, wofür. Damals sind viele Westberliner in die Meditationskurse geflüchtet, Gelassenheit üben.“

Der Star des Buches ist die Sprache, die vielen Wörter, die man eigentlich gar nicht mehr sagt, die Klopapierweisheiten und die Jungs, die einfach irgendwie rührend sind, wie sie so ziellos und dauerquatschend durchs Leben rutschen. Ich stehe nicht so sonderlich auf humorvolle Bücher, schon das Wort Humor reimt sich für meinen Geschmack viel zu sehr auf Tumor und ich finde dieses Thema oft schwierig, aber ich habe mich bei dieser Lektüre teilweise vor Lachen in die Ecke geworfen.

Kein einfaches Buch und sicherlich nicht für jeden, aber wo Buch und Leser hier zusammenfinden, kann man sich auf ein wunderbares Abenteuer gefasst machen und man kann richtig Spaß haben. Auf den Innenseiten des Romans ist auch eine Karte enthalten mit der man ideal mit dem Radl alle Stationen des Buches nachfahren kann – der nächste Urlaub ist also geplant und der wichtigste Stopp wäre natürlich das Lieblingscafé der drei: das „Visit ma Tante“ am Prenzlauer Berg, das klang schon sehr gemütlich und ich hatte ständig Lust auf Kuchen beim Lesen.

Verena Rossbacher die „stets auf Hochtouren laufende Sprachmaschine“ (Zitat der Jurorin Karin Fleischanderl bei den Klagenfurter Literaturtagen 2010) hat Anfang des Jahres auf dem Frühlings-Mix des Literaturhauses aus ihrem Roman vorgelesen und ich war hin und weg. Trotz Kräutertee als Lieblingsgetränk, die Frau ist klasse.

Es gab einen Satz im Buch, den ich leider nicht mehr finde, der ein Gefühl sehr gut beschreibt, das ich gut kenne – das Gefühl „wie ein leerer Einkaufswagen durchs Leben geschoben zu werden“ aber wenn das Gefühl mal wieder droht, dann einfach den Konjunktiv anwenden.

„Konjunktiv ist eine prima Sache, Konjunktiv ist eine schönere Welt“.

„Frederik, sagte sie warnend, geh studieren oder herumlungern, geh einkaufen oder ein Buch lesen. Was immer es ist, tu es nicht hier. Und nimm deinen Freund mit, er braucht frische Luft. Und die Stoßstange.“

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3 Kommentare zu “Schwätzen und Schlachten – Verena Rossbacher

  1. klingt juuuuut! ick liebe wortakrobatik! berlin! und dit buchcover! 😉
    ich lese gerade die ersten seiten „ein winter in nizza“ … bisher quälend langweilig ;-(
    herzlichste grüße & wünsche an dich und euch 😉
    amy

  2. Pingback: Meine Woche | Binge Reading & More

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