Sich lieben – Jean-Philippe Toussaint

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Vor ein paar Monaten bin ich im Feuilleton über Toussaint gestolpert, hatte noch nie von ihm gehört, aber sein neu erschienener Roman „Nackt“ hat mich neugierig gemacht und der Begriff Roman-Tetralogie klang spannend. Ja und dann fällt mir der erste Band „Sich lieben“ auch noch im offenen Bücherschrank in die Hände. Wenn das kein Zeichen ist 😉

Interessanterweise kurz nach „Takeshis Haut“ wieder ein Roman, der in Tokio spielt, das war aber eher der zufälligen Reihenfolge meines SUBs zu verdanken, als irgendeiner bestimmten Planung und wieder schwankte der Boden und mit ihm die inneren Welten der Protagonisten.

Sich lieben“ erinnert am Anfang sehr an den Film „Lost in Translation“. Die Modeschöpferin Marie befindet sich mit dem Ich-Erzähler in einem Hotel in Tokio. Es wird nicht ganz klar, welche Verwicklungen zur Trennung führen, aber diese scheint unausweichlich zu sein.  Die beiden haben ein letztes Mal Sex, der jedoch von einem eingehenden Fax jäh gestört wird.

„Es braucht Zeit, um den Menschen nicht mehr zu lieben, den man nicht mehr liebt.“

„Aber wie oft haben wir uns nicht schon zum letzten Mal geliebt?“ Ich weiß es nicht, häufig. Häufig…

„An jenem Tag, da Marie mir vorschlug, sie nach Japan zu begleiten, begriff ich, daß sie bereit war, auf dieser großen Tour unsere letzten Liebesreserven zu verheizen.

„… denn so wie die Nähe uns zerriß, so hätte uns die Ferne wieder nähergebracht.“

Touissant erzählt lakonisch und reduziert von dieser Trennung. Immer weiter schält er das Eigentliche aus der äußeren Handlung heraus, entledigt sich lässig aller unwichtigen Nebensächlichkeiten und dringt zum Kern vor. Eine Reise zum Mandelkern der Angst vor dem Verlassen und dem Verlassenwerden.

Die beiden lieben sich noch, aber stets mehr, je weniger sie tatsächlich zusammen sind. Nähe ist Gift für ihre Beziehung. Je mehr man von den beiden erfährt, desto weniger versteht man sie, desto unklarer werden ihre Beweggründe.

Der erste Teil liest sich fast quälend. Quälend im Sinne von, ich habe das alles irgendwie körperlich als quälend empfunden. Ihre Übermüdung, da sie seit fast 48 Stunden auf den Beinen sind und doch gönnen sie sich keinen Schlaf. Irren durch Tokio, gehen ins Hotelzimmer, schlafen miteinander, werden vom Fax unterbrochen, trennen sich. Er bricht in den Wellnessbereich ein, schwimmt eine Runde, geht in Hose, Tshirt und Hotelschlappen in die Lobby und trifft dort Marie im Abendkleid, ebenfalls in Hotelschlappen die das Coitus-Interrupti-Fax an der Rezeption holt. Sie gehen spazieren in der eiskalten Nacht. Es schneit, sie verirren sich, die Schlappen weichen durch und die Erde bebt wieder, sie küssen sich, lieben sich fast auf offener Straße, kurz darauf streiten sie sich wieder.

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Foto: Matt Allison

Irgendwann geht er wirklich. Reist ab zu einem Freund nach Kyoto und erst da konnte ich wieder durchatmen. Die Luft scheint freier zu sein ohne Marie und auch, wenn er grippekrank im Bett liegt und von Kyoto und seinem Freund nicht viel mitbekommt, so spürt man doch, wie gut und wichtig diese Distanz ist.

„Ich versuchte, der Gewalt der Gefühle, die mich zu Marie trugen, zu widerstehen, aber natürlich war es bereits zu spät, ihr Charme war erneut in Aktion getreten, und ich fühlte, daß ich mich wieder einmal in die Spirale hineinziehen lassen würde, diese Spirale wenn nicht der inneren Zerrissenheit und der Dramen, so doch der Leidenschaft.“

Solche Beziehungen sind wie Kerzen, die an beiden Enden brennen. Sie brennen irre hell, aber nicht dauerhaft und meist brennt einer zuerst aus und kann nicht mehr. Doch die Illusion, die Macht der Liebe könnte die immer wiederkehrenden Schmerzen und die Unerträglichkeit eines solchen Zusammensein überwinden, hält sich lange und wieder und wieder gibt man der Liebe eine Chance.

Nach „Sie lieben“ kommen die Bände „Fliehen“, „Die Wahrheit über Marie“ und „Nackt“  – Toussaint zieht einen in den Bann und man will mehr, tiefer eindringen in das Marie-Universum, die Neonlichter Tokios und bei dem Paar sein, dem die Trennung nicht so recht gelingen will. Mehr verstehen oder auch nicht, ich bin auf die kommenden Bände sehr gespannt.

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