Robinsons blaues Haus – Ernst Augustin

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So, jetzt reicht es. Bevor ich noch ewig mit der Rezension dieses wunderbaren Buches warte, nur weil ich kein blaues Haus für das Foto finde oder aber das Haus da ist, ich dann aber das Buch nicht dabei habe. Heute wird es rezensiert und dann halt ohne das typische Lesebild aber dafür mit meinem blauen Lieblings-Tshirt. Es hilft ja nix.

Die Rezension selbst wird schon nicht einfach, denn das ist ein wirklich mysteriöses Buch für mich gewesen. Auf wunderbare, wenn auch teils verwickelt-komplizierte Art und Weise vermischt der Autor den Protagonisten mit Phantasie-Elementen, das man häufig Schwierigkeiten hat, auseinanderzuhalten was jetzt was ist. Aber genau das macht den Charme dieses Buches aus und seine unglaubliche poetische Schönheit.

Ernst Augustin wurde 1927 im schlesischen Hirschberg als Sohn eines Oberstudiendirektors geboren und wuchs in Mecklenburg auf. Im kriegszerstörten Rostock begann er ein Medizinstudium, das er an der Ost-Berliner Charité fortsetzte. Er promovierte über „Das elementare Zeichnen bei den Schizophrenen“. Er ist seit 3 Jahren erblindet, was vielleicht die Farbfülle des Romans erklärt. Hier ein Interview mit ihm aus dem SZ-Magazin aus 2013.

„Ich schreibe mit der Hand, ohne zu sehen, was ich schreibe“
„Ich baue mir auch meine eigenen Räume, die eben Fantasieräume sind. Aber ich liebe es, wenn sie wirklich da sind, wenn ich wirklich hineingehen kann.“

Es ist nicht ganz einfach, den Inhalt des Romans wiederzugeben. Man schlägt die letzte Seite zu und es ist wie aus einem Traum zu erwachen. Da sind noch Fetzen von Erinnerung, doch je mehr ich versuche die Fetzen zu fassen, desto mehr entgleiten sie mir. Wie in einer bunt schillernde Seifenblase sieht man Farben und Räume, geflutete Kirchen, Taucherglocken, Kammern und immer wieder winzige Zimmer, denkt an Kandinsky, Nolde und irgendwie auch an Erich Kästner.

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„Der Sinn des Lebens erklärte ich einst meinem Freund, besteht aus nichts anderem als dem fortgesetzten Bemühen, sich wohnlich enzurichten. Einigermaßen.“

Robinson erzählt einigermassen chronologisch von seinem Leben und den Räumen, die er immer wieder überall gebaut hat. Er übernimmt von seinem Vater ein kriminelles Geschäft, wird von dunklen Gestalten verfolgt, ist immer auf der Flucht und hat überall auf der Welt seine kleinen Häuser, in denen er sich versteckt. Die Skurrilitäten, die auf so nonchalente Art und Weise erzählt werden, gilt es nicht zu hinterfragen. Ernst Augustin ist kein Autor, der erklärt oder stringent erzählt, er lässt erleben. Wir sehen, hören, riechen und erleben die Dinge mit Robinson. Show – don’t tell.

Wer als Kind mit Hingabe Wohnhöhlen gebaut hat, der wird Robinsons phantastische Unterkünfte lieben. Wer träumt nicht davon, im ehemaligen London Dungeon zu wohnen oder in stillgelegten Bahnbaracken eine Kammer zu haben. Mit jedem Ortswechsel verändert sich auch seine Identität, oder nicht? Egal in welchem seiner gut gesicherten Räume er sich auch befindet, eines ist sicher: es wird nach Zimt riechen, die Musik von Hotel Costes wird spielen und ein Glenfiddich wird bereitstehen.

„Und dann steht man vor dieser Tür und steckt den Schlüssel ins Schluß. Und dann — Wärme, Wärme, Ruhe, Ruhe, teefarbene Beleuchtung, das Bernsteinlämpchen. Und ja, der leise zimtartige Geruch, der ist auch ganz wichtig, es ist die Täfelung aus Dengue-Holz, die nur sehr schwer zu beschaffen war, nur unter größten Umständen.“

Dreyerley sei deyn Haus,
deyn Hüll, so weder Wind noch Wetter,
deyn Seel, so es dich habet,
deyn Burg, so dich nachtens gar keines abschlachtet.

In einem Chatroom schreibt er regelmässig mit Freitag, er selbst nennt sich Robinson und ihr (oder ihm?) erzählt er sein Leben  und für die er ein überdimensioniertes Liebesnest bauen will, das perfekteste, höchste und sicherste Hochhaus Manhattans. Der Architekt wird in den Wahnsinn und/oder Tod getrieben von Robinsons Anforderungen, aber später kommt er ja wieder aus der Oper, also alles nicht so schlimm. Die angedeutete, undurchsichtige Liebesgeschichte mit dem oder der Freitag endet im irgendwo und spricht von der Lust am Suchen und Finden.

„Am Gang erkennt man den Menschen, selbst von hinten, besonders von hinten. Ich will mich nicht brüsten, aber ich bin schon einmal – als es zählte – in der Lage gewesen, einen äußerst kurzbeinigen Japaner hinzukriegen, in Panik mit gebeugten Knien nach allen Seiten zugleich laufend. Eine Frage der Ästhetik.“

Lasst Eurer Phantasie freien Lauf und träumt einfach entspannt diesen leichten, blauen, leise vibrierenden Traum, es wird eine wundervolle Erfahrung – für einen melancholisch-romantischen Sommernachmittag bestens geeignet. Und nein, den Schluß habe ich auch nicht ganz verstanden, aber hey what the heck – davon lassen wir uns nicht von unserer Insel vertreiben, trinken Glenfiddich und schauen aufs Meer.

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