Macht – Karen Duve

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Karen Duve ist neben Juli Zeh eine der deutschsprachigen Autorinnen, die ich am liebsten lese. Da kann man sich auf intelligente, spannende, aber auch gerne mal böse Unterhaltung freuen. Wie Frau Duve in einem Interview selbst sagte, Strandlektüre gibt es genug, man kann und sollte den Leuten ruhig mal was zumuten. Und das tut sie.

Ihr Protagonist Sebastian ist ein echtes Arschloch. Früher als veganer Ökokämpfer bei Greenpeace unterwegs, hat er inmitten des drohenden Weltuntergangs seine Männlichkeit wiederentdeckt und hält seine Ex-Frau im Keller gefangen.

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„Wir können alles tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn man keine Zukunft hat.“

Ihr 400-seitiger Roman ist ein bitterböser Dystopie-Spaß, der in nicht allzuferner Zukunft im Jahre 2031 spielt. Das Wetter dreht durch, kein Tag mehr unter 36 Grad in Deutschland, Fleischkonsum ist nur noch per Co2-Punkt möglich und die Männer haben das sinkende Schiff verlassen. Jetzt wo nix mehr zu retten ist, darf der Staatsfeminismus ran. Aber nach wie vor beschäftigen die Menschen sich weniger mit möglichen Auswegen aus der Katastrophe, als mit Verjüngungspillen, ob die Krebs verursachen oder nicht.

„Jeder Staatsapparat ist machtlos, wenn nur eine genügend große Zahl von Menschen beschlossen hat, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. Deswegen geben religiöse Führer ja auch nie nach, sondern bringen ihre Anhänger gegen jede Vernunft und Menschlichkeit dazu, kleinen Jungen ein Stück vom Penis abzuschneiden oder ein lebendiges Tier aufzuschlitzen.“

„Religionen sind totalitäre Systeme, und die Sehnsucht des Menschen nach Religion ist die Sehnsucht des Menschen nach totalitären Systemen.“

Die „Bio“-Jugend sticht die „Chrono“-Jugend aus, denn die haben neben der straffen Haut auch noch das entsprechende Kleingeld und Lebenserfahrung. Auch sonst hat man 2031 wenig Grund zur Freude. Radikale Endzeitsekten, randalierende Männergruppen, Hitzestürme und Lebensmittelknappheit. Der Weltuntergang ist nichts für Weicheier, immerhin sehen die meisten gut aus dabei.

Nach „Anständig Essen“ und „Warum die Sache schief geht“ ein weiteres Werk Duves, das sich mit der drohenden Klimakatastrophe beschäftigt. Das Buch ist ähnlich provokant, noch mal eine Schippe böser und dabei richtig spannend geschrieben. Langweilig wird einem auf keinen Fall.

In der Presse ist es meiner Ansicht nach zu Unrecht verrissen worden, denn da steckt einfach eine Menge Wahrheit in dem Roman. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir von Klimaflüchtlingen sprechen und die dadurch ausgelösten Völkerwanderungen wird kein Zaun so einfach aufhalten können. Aber noch machen wir einfach „Business as Usual“, sollen sich doch die späteren Generationen um die Sache kümmern, jetzt haben wir viel wichtigere Dinge zu klären. Quod esset demonstrandum.

Irgendwo wurde Frau Duve als „Weltuntergangsfetischistin“ bezeichnet, ein Titel, den ich ihr zu gerne streitig machen würde, schließlich bin ich jederzeit für einen guten Weltuntergang zu haben.

„Und wenn ich eine Prognose wagen darf: Es werden nicht die mit dem Fahrradhelm sein, die am längsten überleben.“

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4 Kommentare zu “Macht – Karen Duve

  1. So sehr ich es uns ja gönnen würde, zu den Auserwählten zu zählen, die das Ende der Welt erleben, wir werden es wohl mit 99.9% Wahrscheinlichkeit nicht sein. Nicht mal die Auserwählten werden wir sein, die das Ende der Menschheit einläuten.

    Gerne verwechseln wir immer den Weltuntergang mit dem Untergang der Menschheit. Menschen sind ja bekanntlich nur ein heftiger Ausschlag, den der Planet Erde gerade ertragen muss.

    Auch der Umwelt-, Klima- bzw. Naturschutz ist ein großes Missverständnis. Denn nichts davon muss geschützt werden. Das hat sich seit Milliarden Jahren bestens selbst entwickelt und sich immer wieder verändert. Es geht einzig um Menschenschutz. Der Natur ist das alles ziemlich schnuppe, selbst die Krätze Mensch.

    Noch zum Roman: ich habe mich bislang nicht sonderlich für ihn interessiert, da ich aus keiner Besprechung bislang erfahren habe, ob das eigentlich höchst spannende Thema „Macht“ befriedigend behandelt wird. Ich erfahre immer nur von dem banalsten Aspekt, dem psychopathischen Machtmissbrauch durch physische Gewalt.

    Wenn man seinem Roman den Titel „Macht“ gibt, erwarte ich eine komplexe, vielschichtige Beschäftigung mit dem ambivalenten Phänomen „Macht“. Doch offenbar erfüllt der Roman da nicht meine Erwartung.

    • @ Brasch und Buch – in diesem interessanten Interview mit der Autorin spricht sie darüber, dass es ihr gerade nicht um „Psychopathischen“ Machtmissbrauch ging, sondern, dass das einer der Gründe war, den Roman als Science Fiction und nicht als Krimi anzulegen, dass sie untersuchen wollte, wieviel Bedürfnis nach Unterwerfung im Normalen steckt, und das aus der Perspektive des Unterwerfenden zu schildern, der sich selbst als Opfer sieht. Dabei macht die Moderatorin beim Drehen an der Wahrnehmung auch eine Parallele zum Umgang mit Flüchtlingen auf.

  2. Die Realität ist doch tatsächlich, dass es schon genügend Klimaflüchtlinge gibt. Durch das Leben, wie wir es führen in den sog. Industrieländern, beeinflussen wir stark das anderer Menschen, die meist sehr viel weniger haben, als wir … und keinen Einfluß auf das Verhalten der sog. „Krone der Schöpfung“ – da kann man schon zum Misanthropen werden. Aber das ist mir persönlich zu wenig 😉

  3. Pingback: Day 17 Book-a-Day Challenge: A book everyone hated but you liked | Binge Reading & More

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