The Left Hand of Darkness – Ursula LeGuin

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Ich habe diese Rezension hier mehrfach angefangen, alles wieder gelöscht, wieder gestartet, ich finde es so schwierig, eine Besprechung zu schreiben, die diesem tiefgründigen und bewegenden Buch Rechnung trägt.

Vordergründig geht es in „The Left Hand of Darkness“ um einen Botschafter eines intergalaktischen Planetenverbandes, Genly Ai, die einen weiteren Planeten in ihre Union aufnehmen wollen. Die Welt, um die es geht, ist dabei recht einzigartig. Abgesehen davon, dass es sich um einen Planeten handelt, auf dem extreme Kälte herrscht, die es fast unmöglich macht, dass Leben auf dem Planeten existiert und der informell als Planet „Winter“ bezeichnet wird, die dort lebenden Humanoiden sind darüber hinaus ambisexuell. Den größten Teil des Monats sind sie weder weiblich noch Mensch, nur für einige Tage pro Monat, in denen sie sexuell aktiv sind, können sie weibliche oder männliche Attribute und Eigenschaften wählen.

Genly wird bei seiner diplomatischen Mission in politische Intrigen um Estraven verstrickt, ein ehemals enger Vertrauter des Königs. Genly landet im Gefängnis, ohne wirklich zu verstehen, was er eigentlich getan haben soll, Estraven wird vogelfrei gesprochen und des Landes verwiesen. Estraven rettet Genly aus dem Gefängnis und die beiden machen sich auf eine lange gefährliche Reise über das Eis aus zurück nach Karhide in eine ungewisse Zukunft hinein.

Es war gar nicht unbedingt der Plot, der mich so gefesselt hat bei dem Buch, den fand ich sogar ehrlich gesagt stellenweise etwas langatmig. Es war mehr die Intensität, die dahinterliegende Philosophie, der atemberaubende „Weltenbau“, all das zusammen fand ich ziemlich umwerfend.

Die Art und Weise wie Le Guin Gender, Sex, platonische Beziehungen und Gesellschaften durch die Augen des Botschafters erkundet, ist richtig richtig gut.

„There is no unconsenting sex, no rape. As with most mammals other than man, coitus can be performed only by mutual invitation and consent; otherwise it is not possible. 
Consider: There is no division of humanity into strong and weak halves, protective/protected, dominant/submissive, owner/chattel, active/passive. In fact the whole tendency to dualism that pervades human thinking may be found to be lessened, or changed, on Winter.“

Interessant fand ich, dass Le Guin das Pronomen „er“ wählt, wenn sie von einem Charakter spricht, wodurch der Roman trotz aller Androgynheit eine sehr männliche Welt in der Vorstellung der Leser kreiert.

”Do you know that sign?”
He looked at is a long time with a strange look, but he said, “No.”
“It’s found on Earth… It is yin and yang Light is the left hand of darkness… Light, dark. Fear, courage. Cold, warmth. Female, male. It is yourself. Both and one. A shadow on snow.”

Der Titel „Left Hand of darkness“ ist eine Zeile eines genthenischen Gedichtes das die Ganzheit einer Gesellschaft ohne Geschlechter ausdrückt, die isoliert und abseits am Rande des Universums existiert. Die Gethenians haben währen des „Kemmer“, der Phase sexueller Aktivität zwei Geschlechter, sind aber absolut gleichwertig. Es ist einzig das Geschlecht das teilt, nicht die Dualität.

In diesem Buch spürt man finde ich den Einfluss von Le Guins Eltern, in dem Thema des Erstkontaktes zwischen zwei komplett unterschiedlichen Kulturen. Ihr Vater war der Anthropologe Alfred Kroeber, ihre Mutter Theodora Schriftstellerin. Ihr Vater kümmerte sich um den letzten Überlebenden des Yahi Stammes in Amerika und ihre Mutter schrieb ein Buch darüber „Ishi in Two Worlds“. Le Guin hat des Öfteren gesagt, ihr Vater habe richtige Kulturen studiert und sie erfinde sie, was gar nicht so unterschiedlich sei.

The Left Hand of Darkness ist eine tiefgründige Geschichte voller Menschlichtkeit, Liebe, Entfremdung, Betrug und Akzeptanz. Es ist kein einfaches Buch, man muss sich ein wenig reinfinden und bereit sein sich draufeinzulassen, nachzudenken und zu reflektieren. Als ich drin war, konnte ich es gar nicht mehr aus der Hand legen und es ist ein Buch, bei dem man am Ende mehr Fragen hat als Antworten ,was in diesem Zusammenhang eine wirklich gute Sache ist.

„And I saw then again, and for good, what I had always been afraid to see, and hat pretended not to see in him: that he was a woman as well as a man. Any need to explain the sources of that fear vanished with the fear; what I was left with was, at last, acceptance of him as he was“

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Vielleicht nicht das Buch, das einem zu aller erst in den Kopf kommt, wenn man an sorgenloses Cocktailtrinken und Wochenendendspannung denkt. In Sylvia Plaths „Die Glasglocke“ trifft die junge Collegestudentin Esther Greenwood im Sommer 1953 aus der ländlichen Provinz in New York ein, nachdem sie einen Schreibwettbewerb bei einer Modezeitschrift gewonnen hat. Zusammen mit 11 anderen jungen Mädchen hat sie einen Monat lang Gelegenheit, in der Redaktion als Trainee zu arbeiten. Der Anfang – und der ist es sicherlich, der uns bei diesem Cocktail an das Buch denken lässt – liest sich wie der Vorläufer einer Sex and the City Episode. Es geht um Männer, Drinks, Mode und Sex. Doch Esther kann in dieser Glitzerwelt nicht bestehen und rutscht sukzessive in eine existentielle Depression. Es ist die Entzauberung eines Mythos und das Buch packt, ist zornig, tieftraurig und doch empfehle ich es immer, immer wieder und insbesondere mit einem tröstenden Cocktail in der Hand.

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Begebt Euch mit dem Himbeer-Gin Sprizzer auf eine Coktailparty im New York der 50er Jahre, doch vorsicht, was heiter beginnt, geht heftig weiter und zum Ende hin möchte man das Buch vielleicht eher mit einem starken Whisky in der Hand beenden. Hier die heutige Cocktailempfehlung der Münchner Küchenexperimente:

Für den Cocktail braucht ihr pro Glas:

4 cl Gin – wir haben Siegfried genommen

2 cl Himbeersirup

Soda

ein paar Himbeeren

Eiswürfel

Die Himbeeren etwas anstoßen, mit den übrigen Zutaten vermengen und shaken. Wenn man nicht die Hälfte gleich beim Öffnen des Shakers über den Boden verschüttet, bekommt man auch ein volles Glas raus.

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Gib eine Beschriftung ein

Girl in a Band – Kim Gordon

„I’ve always admired Kim Gordon. She is cool, smart and dignified. Girl in a Band is a fascinating and honest memoir
full of raw emotion and insight“ (Sophia Coppola)

Kim Gordon

Kim Gordon, die Bassistin und Sängerin der Band Sonic Youth, hat definitiv bislang ein interessantes Leben geführt und auch keine Intention, es künftig in irgendeiner Weise langweiliger zu gestalten. Ich war auf dieses Buch sehr neugierig, auch wenn ich nicht wirklich ein großer Fan der Band war. Sie wuchs in den 60er Jahren in Los Angeles auf, wo ihr Vater als Universitätsprofessor lehrte und ihre Mutter Hausfrau „mit kreativen Tendenzen“ war.

Kim studiert Kunst am Otis Art Institut in Los Angeles und eine zeitlang an der York Universität in Kanada, wo sie erstmals in einer Band spielte.

“Someone once wrote that in between the lives we lead and the lives we fantasize about living is the place in our heads where most of us actually live.”

Wie sehr Kim Gordon in die Kunstszene integriert war, hat mich bei der Lektüre des Buches mit am meisten überrascht. Überhaupt war New York, wo sie sich nach dem Studium ansiedelte, ein ziemlicher Schmelztiegel, was die Verbindung von Kunst und Musik angeht.  In New York beginnt sie sich mit „No Wave“ Bands zu beschäftigen, ein Begriff, den ich bislang nicht kannte, was bei meiner Affinität zu Wave vielleicht nicht  allzu sehr überrascht.

Sie wird Mitglied der kurzlebigen, aber durchaus erfolgreichen Band CKM und lernt durch ihr Bandmitglied Stanton Miranda ihre späteren Sonic Youth Kollegen Thurston Moore und Lee Ranaldo kennen.

Das Buch hat mich von der ersten Seite in seinen Bann gezogen, es war sehr unterhaltsam und informativ und es gibt einen spannenden Einblick in das Leben einer Band und einer der – damals auf jeden Fall wenigen – Frauen im Rock-Business. Im Übrigen eine Frage die Journalisten nie müde wurden zu fragen: Wie ist das so als Frau (und später Mutter) in einer Band? *gähn*

„In general, though women aren’t really allowed to be kick-ass. It’s like the famous distinction between art and craft: Art and wilderness, and pushing against the edges, is a male thing. Craft and control, and polish, is for women. Culturally we don’t allow women to be as free as they would like, because that is frightening. We either shun those women or deem them crazy. Female singers who push too much, and too hard, don’t tend to last very long. They’re jags, bolts, comets: Janis Joplin, Billie Holliday. But being that woman who pushes the boundaries means you also bring in less desirable aspects of yourself. At the end of the day, women are expected to hold up the world, not annihilate it.“

Gordon hat sich allerdings auch zu erfolgreichsten Sonic Youth Zeiten nicht damit begnügt, „nur“ Musik zu machen, sie hat darüber hinaus eine erfolgreiche Modelinie gegründet und später verkauft, in Filmen und anderen Bands mitgewirkt und auch die Kunst nie wirklich aufgegeben.

Bild: Kim Gordon

“Still, I’ve always believed—still do—that the radical is far more interesting when it looks benign and ordinary on the outside.”

Kim Gordon hat ein ziemlich persönliches Buch geschrieben. Sie ist recht offen und spricht darüber wie es ist, mit ihrem älteren, schizophrenen Bruder aufzuwachsen und über ihre über 30 Jahre andauernde Beziehung mit Thurston Moore, seine Untreue und ihre spätere Scheidung. Puh ja, die Trennung. Man merkt Kim Gordon an, dass sie diese noch nicht komplett überwunden hat und gelegentlich kann man den Schmerz und die Wut hinter ihren Worten spüren.

Sie kann definitiv schreiben, es ist ein spannendes Buch mit einigen auch insbesondere sprachlich schönen durchdringenden Momenten. Ein Buch das definitiv nicht nur für Fans der Band von Interesse ist und mich stellenweise an Joan Didion erinnert hat.

Hier eine Playlist meiner liebsten Sonic Youth Songs:

  1. Sugar Kane
  2. Teenage Riot
  3. Kool Thing
  4. Superstar
  5. Close Up (Kim Gordon & Peaches)

 

 

 

 

Kreta by the Book – Summer Edition

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Eigentlich wollten wir ja brav zu Hause bleiben, an der Isar entlang radeln, in den heimischen Bergen wandern, im Biergarten mitgebrachtes Essen futtern, um auf unseren großen Kanada-Urlaub nächstes Jahr zu sparen. Ja eigentlich. Dann aber war die Wettervorhersage so unsicher und Vollzeitarbeitende und nebenbei studierende Bingereader Gattin schwer erholungsbedürftig und so beschlossen wir, kurzfristig und sehr last minute uns zwei günstige Wochen auf Kreta zu gönnen.

Gebucht und gepackt war schnell, die Bücherauswahl dauerte etwas länger, aber schließlich liessen sich doch zwei Griechenland-bezogene Romane in meiner heimischen Bibliothek auftreiben, das ganze wurde um etwas Strandlektüre erweitert und zack lagen wir schon kurze Zeit später lesend am Pool.

Auch der erschöpfteste Bingereader kann nicht ewig an Pool oder Strand rumliegen, daher haben wir natürlich auch ordentlich die Insel erkundet und eine liebe Freundin überrascht, die am anderen Ende der Insel wohnt.

Wir besuchten die hübschen Hafen-Städte Réthimno und Chania, stachen bei unserem Überraschungsbesuch in Milatos mit riesiger Badeinsel in See, wanderten und besuchten das Kloster Agia Triada.

Trotz allem blieb noch Zeit genug, sich durch einige Bücher zu graben, näher vorstellen möchte ich euch diese:

John Fowles – The Magus

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Gleich vorne weg, das Buch hat mich ziemlich umgehauen, „mind-blowing“ passt wie die Faust aufs Auge. Nicholas Urfe ist ein junger gut aussehender Typ, der 1953 in London mehr oder weniger ziellos durchs Leben treibt. Er ist ein echter Casanova, lebt ein ziemliches Bohemian-Intellektuellen Leben und versucht sich an der Poesie. Er ist ein typischer Vertreter der Kriegsgeneration, deren Kriegserlebnisse sie mehr oder weniger unfähig machen, wirklich zu lieben. Nicholas gerät dann eher durch Zufall an einen Job als Lehrer auf der kleinen abgelegenen griechischen Insel Phraxos.

Bevor er nach Phraxos geht, lernt er eine junge Australierin kennen, Alison Kelly. Sie haben eine Affäre, trinken beide recht viel und sind alles in allem ziemlich destruktiv. Am Ende des Sommers geht er nach Phraxos und sie beginnt einen Job als Stewardess, ihre Beziehung lassen sie unausgesprochen offen, man will sich mal besuchen und dann mal schauen was passiert.

Auf der Insel gerät er in den Bann eines älteren reichen Typen namens Maurice Chovis, der ihn in ein Gewirr aus niemals endenenden Mind-Games verwickelt. Immer, wenn man glaubt, man hat den Grund des Rätsels erreicht, entpuppt sich dies wieder als doppelter Boden und ein weiteres Geheimnis tut sich auf. Freunde der Mystery-Serie „Lost“ kommen hier ganz auf ihre Kosten. Es passieren jede Menge ziemlich abgefahrene Sachen, es wirkt als habe David Lynn sich mit Aldous Huxley auf der Insel getroffen und sie hätten Unmengen Ouzo getrunken, einen Sonnenstich bekommen und dann gemeinsam ein Buch geschrieben.

“It came to me…that I didn’t want to be anywhere else in the world at that moment, that what I was feeling at that moment justified all I had been through, because all I had been through was my being there. I was experiencing…a new self-acceptance, a sense that I had to be this mind and this body, its vices and its virtues, and that I had no other chance or choice.”

Das Buch ist wunderbar geschrieben und obwohl mit über 700 Seiten ein ziemlich dickes Ding, eines, das man nicht aus der Hand legen kann. Ein Mix aus psychologischem Thriller, jungianischer Lehre, voller Metaphern, Symbolen und jeder Menge Erotik, die noch einmal mehr überrascht, wenn man bedenkt, dass das Buch in den 1950er Jahren begonnen und 1965 veröffentlicht wurde.

„You are right. He did not. But millions of Germans did betray their selves. That was the tragedy. Not that one man had the courage to be evil. But that millions had not the courage to be good.” 

Ich fand das Buch absolut berauschend, konnte es gar nicht weglegen und muss unbedingt „The French Lieutnant’s Women“ noch mal rauskramen, ein weiteres Buch von ihm, das mir vor Jahren auch richtig gute gefallen hatte. Ich kann „The Magus“ wirklich empfehlen,  Punktabzug gab es, weil ich es stellenweise recht chauvinistisch fand.

“Greece is like a mirror. It makes you suffer. Then you learn.‘
To live alone?‘
To live. With what you are.”

Kennt jemand „The Magus“ oder ein anderes Buch von John Fowles ? Ich habe den Eindruck, er ist in Deutschland nicht sehr bekannt.

Mein zweites Buch war dann „as Greek as it gets“:

Margaret Atwood – The Penelopiad

Margaret Atwood

Es gibt wohl kein griechisches Buch, das bekannter ist als Homers Odyssee. Die Abenteuer von Odysseus, der nach dem Sieg von Troja versucht, endlich wieder nach Hause zu kommen. Nach jeder Menge Kämpfen mit Zyklopen, Dieben, Sirenen und anderem Ungemacht kommt er endlich nach 20 Jahren heim zu seiner loyalen brav wartenden Ehefrau Penelope, die von opportunistischen Verehrern umgeben ist, die seinen Weinkeller leeren und seine Vorräte auffuttern. Sein Sohn und er bringen die ganzen Verehrer und die verräterischen Mädge um, die mit den Verehrern unter einer Decke steckten und zieht die brave Penelope an seine Heldenbrust. Ende der Geschichte. Normalerweise.

Margaret Atwood gibt in diesem Büchlein Penelope eine Stimme und lässt sie die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Penelope existierte durchaus schon, bevor sie die Ehefrau von Odysseus wurde und sie erzählt uns ihr Leben aus dem Grab heraus, von der Geburt bis hin zu ihrem Ende. Wir lernen sie kennen, erfahren ihre Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Sehnsüchte. Ein einfaches Leben hatte sie auf jeden Fall nicht. Wir erfahren, wie wenig Frauen zu sagen hatten, selbst Adlige wie sie. Sie wird an Odysseus verheiratet und mit ihm ins öde Ithaca verschifft, wo sie mit jeder Menge anderer Schwierigkeiten am dortigen Hofe zu kämpfen hat.

“Cleverness is a quality a man likes to have in his wife as long as she is some distance away from him. Up close, he’ll take kindness any day of the week, if there’s nothing more alluring to be had.” 

Macht hat sie keine und muss mehr oder weniger tun, was ihr gesagt wird. Als Odysseus in den Krieg zieht (ausgelöst durch die tückische Helena), übernimmt sie die Abläufe am Hof und macht das ziemlich gut. Ihr Ziel ist es, mehr zu erwirtschaften und den Hof zum blühen zu bringen, bis er zurückkommt. Dann tauchen irgendwann die ersten Verehrer auf und die Geschichte nimmt den uns bekannten Verlauf.

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Zumindest behauptet sie, ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Mägde, die mit Penelope im Jenseits leben, haben da eine etwas weniger großmütige Auslegung der Tatsachen. Soviel zu den unzuverlässigen Erzählern und Geschichten, die stets so erzählt werden, wie sie einem in der jeweiligen Situation am besten passen.

“Water does not resist. Water flows. When you plunge your hand into it, all you feel is a caress. Water is not a solid wall, it will not stop you. But water always goes where it wants to go, and nothing in the end can stand against it. Water is patient. Dripping water wears away a stone. Remember that, my child. Remember you are half water. If you can’t go through an obstacle, go around it. Water does.”

Das dünne Büchlein liest sich schnell, die Sprache ist knapp, flüssig und überaus intelligent und der Plot sehr effizient mit einem guten Schuss Humor. Mir hat diese feministische Interpretation sehr gut gefallen, es darf meiner Ansicht nach bei keinem Griechenland Besuch fehlen. Habe mich nur geärgert, dass ich meine „Sagen des klassischen Altertums“ nicht eingepackt hatte, das wäre die perfekte Begleitlektüre gewesen.

So und jetzt ihr – welche Urlaubslektüre hat Euch in eurem Sommerurlaub dieses Jahr begleitet ?

Augustus – John Williams

Augustus

 

Octavian ist ein junger Bücherwurm, eher an Philosophie als an Politik interessiert, schmächtig und häufig krank. Als sein Großonkel Caesar ermordet wird, findet er sich plötzlich damit konfrontiert, der mächtigste Mann Roms zu werden. Es gibt natürlich fiese Machtkämpfe, blutige Kämpfe and Tragödien, aber es scheint sein Schicksal zu sein, das korrupte Rom zu tansformieren und einer der größten Herrscher des Römischen Reiches zu werden.

Als „Augustus“ von John Williams bei unserer letzten Abstimmungsrunde im Bookclub als einer der Gewinner über die Ziellinie lief, musste ich innerlich ein bisschen weinen und hatte schon kurz mit dem Gedanken gespielt, das Buch zu schwänzen, denn fette historische Romane gehören nicht üblicherweise zu meinem Beuteschema und ich hatte gehörig Respekt vor diesem Buch.

John Williams – ein Autor der alle paar Jahre einmal wiederentdeckt wird – hat es aber unglaublich gut geschafft, der historischen Figur wirklich Leben einzuhauchen. Er zeigt die Protagonisten von ihrer menschlichen Seite, wir erleben Höhen und Tiefen,  ihre Erfolge, Sehnsüchte und Schicksalsschläge mit ihnen. Man fühlt sich beim Lesen des Buches als würde man durch ein Kaleidoskop schauen. In fiktiven Briefen, Tagebucheintragungen, Gedichten, Memos, Militärische Befehle, Petitionen und ärztliche Rezepte sehen wir die unterschiedlichen Facetten der Protagonisten. Der Kontext verändert sich ständig und nach und nach setzt sich das Bild der Charaktere zusammen, um sich durch den nächsten Brief vielleicht komplett zu verändern.

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„Augustus“ ist weniger ein Roman als eine Collage mit Dokumenten, Briefen und Fragmenten, die schimmernden Reflektionen verwirren, es ist nie ganz klar wo wir gerade sind, sowohl zeitlich, örtlich oder wer gerade an wen schreibt, aber im Laufe des Buches wird das einfacher und John Williams‘ Sprache ist so konkret, schnörkellos und doch poetisch, ich kam aus dem Unterstreichen gar nicht mehr heraus.

“It seems to me that the moralist is the most useless and contemptible of creatures. He is useless in that he would expend his energies upon making judgments rather than upon gaining knowledge, for the reason that judgment is easy and knowledge is difficult. He is contemptible in that his judgments reflect a vision of himself which in his ignorance and pride he would impose upon the world. I implore you, do not become a moralist; you will destroy your art and your mind.”

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“Horace once told me that laws were powerless against the private passions of the human heart, and only he who has no power over it, such as the poet or the philosopher, may persuade the human spirit to virtue.”

Ich hätte mir wirklich nicht träumen lassen, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte weiterzulesen. Der erste Teil des Buches handelt von Augustus‘ Aufstieg, beschrieben unter anderem aus der Sicht seiner besten Freunde Marcus Agrippa, Salvidienus Rufus und Gaius Octavius.

Im zweiten Teil kommen die Gefühle und Gedanken der Protagonisten stärker zur Sprache, hier lernen wir eher die persönliche Seite Augustus‘ kennen sowie die Frauen in seinem Leben, insbesondere hören wir die Stimme seiner Tochter Julia, die er über alles liebte, sie – ganz unüblich zu dieser Zeit – von den besten Lehrern ausbilden ließ und die er am Ende brutal verbannte. Wie unfrei die Frauen in Rom waren, selbst wenn sie den mächtigsten Häusern angehörten, war erschütternd für mich zu lesen. Sie wurden von klein auf strategisch verheiratet, als Geburtsmaschinen eingesetzt und hatten gefühlt nicht viel mehr Rechte als Sklaven.

„That which we call our world of marriage is, as you know, a world of necessary bondage; and I sometimes think that the meanest slave has had more freedom than we women have known.“

Foto: Wikipedia

John Williams hat den Frauenfiguren in „Augustus“ eine deutlich klarere Stimme gegegeben als den Männern, insbesondere im ersten Teil des Buches. Julia, Octavia, Livia zum Beispiel sind wunderbar herausgearbeite dreidimensionale Figuren, die mich enorm faszinierten.

Im dritten Teil kommt endlich Augustus selbst zu Wort. Man wird mit seiner existentiellen Einsamkeit konfrontiert und entdeckt wieder neue Nuancen seiner Persönlichkeit. Augustus ist eine Persönlichkeit, über die wir nach wie vor jede Menge und doch kaum etwas wissen und der geradezu einlädt, die Lücken phantasievoll aufzufüllen.

Ein Mann, der mit 25 Jahren bereits nahezu alles erreicht hat und als Imperator in die Geschichte eingehen wird, der seine Macht durch dynastische Ehen sicherte, die dem öffentlichen Augustus halfen, für die der private Augustus teilweise einen hohen Preis zahlen musste.

“I have come to believe that in the life of every man, late or soon, there is a moment when he knows beyond whatever else he might understand, and whether he can articulate the knowledge or not, the terrifying fact that he is alone, and separate, and that he can be no other than the poor thing that is himself.”

Ein Briefroman, den ich auch Menschen ans Herz legen kann, die nicht üblicherweise gern historische Romane lesen. John Williams ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller und ich freue mich, dass „Stoner“ und „Butcher’s Crossing“ noch vor mir liegen.

 

Here I Am – Jonathan Safran Foer

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Vor ein paar Monaten war ich auf einer Lesung von Jonathan Safran Foer im Literaturhaus München und schwer überzeugt davon, dass ich sein neues Buch „Here I Am“ nicht kaufen und lesen werde. Zu dick, zu viel Religion, die Besprechungen in anderen Blogs überzeugten mich eigentlich immer mehr: garantiert ein tolles Buch, aber nicht für mich.

Bis ich dann in der Lesung saß und einfach nicht anders konnte, mich dem Sog von Foers Sprache und Wortwitz ergab (Steven Spielbergs Penis war wahrscheinlich auch nicht unschuldig daran) und ich die Gattin zum Buchkauf an den Büchertisch vor dem Saal entsendete, während ich mich brav wartend in die lange Reihe der Autogramm-Bittsteller einreihte.

Foer wird immer gerne wieder als überschätzt und elitär betitelt, mir erschließt sich einfach nicht warum, mittlerweile ist es mir aber sehr egal, vielleicht es es für mich sogar eher ein hilfreiches Label, mit dem ich Autoren finden kann, die mir gut gefallen.

In „Here I am“ geht es um eine Familie, die in Washington DC lebt. Jacob und Julia Bloch sind seit 16 Jahren verheiratet und haben drei Söhne, Sam, der mitten in der Pubertät und kurz vor seiner Bar Mitzvah steht, die er eigentlich auf gar keinen Fall machen möchte, den elfjährigen Max und den fünfjährigen altklugen, wunderbaren Benjy, den ich am liebsten adoptiert hätte. Die Jungs sind definitiv häufig deutlich weiser als ihre Eltern, die sich mehr und mehr voneinander entfernen.

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Die Geschichte dreht sich um das dann doch irgendwie plötzliche Ende der Ehe, Sams ungewollter Bar Mitzvah sowie den Unruhen und Kriegswirren in Israel. „Here I Am“ ist ein Familien-Puzzle, raffiniert zusammengefügt, mit wunderbaren Dialogen und cleveren Sätzen, ich kam aus dem Unterstreichen gar nicht mehr heraus.

“In sickness and in sickness. That is what I wish for you. Don’t seek or expect miracles. There are no miracles. Not anymore. And there are no cures for the hurt that hurts most. There is only the medicine of believing each other’s pain, and being present for it.”

Ich habe selten eine so glaubhafte, realistische Beschreibung über die Auflösung einer Beziehung gelesen und ich wußte schon nach den ersten Sätzen wieder, warum ich Foer so gerne lese. Mir lief es vor Begeisterung oft eiskalt den Rücken runter, ich war ganz fassungslos, wie er es immer wieder schafft Situation in Worte zu fassen, die mir irgendwie klar waren, die ich aber bis dahin einfach nicht hätte formulieren können.

“Without context, we’d all be monsters.”

The difference between conceding and accepting is depression.”

“Good people don’t make fewer mistakes, they’re just better at apologizing.”

“Between any two beings there is a unique, uncrossable distance, an unenterable sanctuary. Sometimes it takes the shape of aloneness. Sometimes it takes the shape of love.”

Über die irre komische Passage rund um den Penis von Steven Spielberg habe ich hier ja schon mal ausführlicher berichtet. Es ist nicht die einzige Stelle, die den berühmten jüdischen Humor wunderbar zur Geltung bringt.

Seit meinem Besuch in Israel Anfang des Jahres machten die Kapitel rund um Politik und Nahost-Krise und den daraus entstehenden Konsequenzen für mich deutlich mehr Sinn. Dennoch hat mich die Familiengeschichte selbst etwas mehr interessiert und mir hat sich die Vermischung dieser beiden Storylines nicht hundertprozentig erschlossen.

Es ist nicht einfach, diesen Roman nicht teilweise als Dramatisierung seiner eigenen Trennung von Nicole Krauss zu lesen. Ein kluger, unterhaltsamer sehr persönlicher Roman, melancholisch und zum Ende hin schon ganz schön heartbreaking. Vielleicht ein bisschen viel Religion für meinen Geschmack, aber das ist schon rumnörgeln auf hohem Niveau. Unbedingt lesen 🙂

Eine weitere positive Rezension findet ihr bei Buzzaldrins.

#Lithund: Timbuktu – Paul Auster

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Timbuktu ist kein typischer Auster-Roman, wir leben im Kopf des Hundes Mr. Bones und Mr. Bones wiederum ist kein typischer Hund. Er lebt zwar in der Welt der Gerüche, liebt sein Herrchen Willie und seine Spaziergänge, doch ist er ein ziemlich nachdenklicher Geselle und verdammt clever. Er versteht jedes Wort und ist frustriert, dass er nicht antworten kann.

Willie G. Christmas ist ein herzensguter lädierter Mann, Sohn von Holocaust-Überlebenden. Er schreibt Gedichte, leidet an gelegentlichen Wahnvorstellungen, ist obdachlos und mit seiner Gesundheit geht es stetig bergab.

Der Leser begleitet die beiden auf einem Road Trip nach Baltimore, wo Willie Bea Swanson, seine geliebte High School Lehrerin, zu finden hofft. Ihr will er nicht nur seinen riesigen Stapel unveröffentlichter Manuskripte überreichen, sondern sondern idealerweise auch Mr Bones, wenn Willie den Swan Song hört und nach Timbuktu geht. Timbuktu ist laut Willie auf der anderen Seite des Todes, ein Ort an dem alles wunderbar ist und jeder seinen Frieden findet.

Es verläuft nicht alles so, wie Willie es sich erhofft. Während Mr Bones durch die Straßen wandert und immer wieder wechselnde Eigentümer hat, kommentiert er scharf und kompromisslos die grausame und heuchlerische Gesellschaft. Hier ist der Hund der wirkliche Underdog, eine glückliche Familie eine Utopie und echte Freunde selten, aber dafür um so wichtiger.

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“That’s all I’ve ever dreamed of, Mr. Bones. To make the world a better place. To bring some beauty to the drab humdrum corners of the soul. You can do it with a toaster, you can do it with a poem, you can do it by reaching out your hand to a stranger. It doesn’t matter what form it takes. To leave the world a little better than you found it. That’s the best a man can ever do.”

Paul Auster hat eine melancholische, poetische Geschichte geschrieben über den universellen Bund zwischen Mensch und Hund. Auster erinnerte mich in dieser „Stream-of-Conciousness“-Erzählung an Virginia Woolf in ihren zugänglicheren Werken.

“Was this what life was going to be like around here?, he wondered. Were they simply going to abandon him in the morning and expect him to fend for himself all day? It felt like an obscene joke. He was a dog built for companion ship, for give-and-take of life with others, and he needed to be touched and spoken to, to be part of a world that included more than just himself. Had he walked to the ends of the earth and found this blessed haven only to be spat on by the people who had taken him in? They had turned him into a prisoner. They had chained him to this infernal bouncing wire, this metallic torture device with its incessant squeaks and echoing hums and every time he moved, the noises moved with him”

Bonnie war sehr angetan von dieser Geschichte und verteilte vier großzügige Knochen an Mr Bones 🙂