Virginia, Patti & Sylvia

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Drei wunderbare Bücher, die ich nacheinander gelesen habe und die durch Patti Smith miteinander verbunden zu sein scheinen. Als ich Virginia Woolfs „The Waves“ las, las Patti Smith während ihres Konzerts an Woolfs Geburtstag Auszüge daraus und in Smith‘ „Just Kids“ erzählt Patti von ihrer großen Liebe zu Sylvia Plath. Es wäre sicherlich ein faszinierendes Treffen, hätten die drei die Möglichkeit gehabt, einander zu treffen.

Ich war selten dreimal hintereinander so derart geflasht von Büchern wie bei diesen dreien. Mein neues Notizbuch war nach der Lektüre dieser Bücher umgehend fast voll, so derart viel habe ich aus den Büchern herausgeschrieben. Immer dann fallen mir Rezensionen ganz besonders schwer, ich will soviel aus und über die Bücher erzählen und alles verknotet sich dann im Kopf und raus kommt nur – boah so unglaublich gut…

Das würde den Büchern natürlich überhaupt nicht Genüge tun, ich strenge mich jetzt an – Fokus! Fokus! Fokus!

Virginia Woolf „The Waves“

“When I cannot see words curling like rings of smoke round me I am in darkness—I am nothing.”

„The Waves“ spielt an der Küste Englands vor dem Hintergrund des ungebändigten Meeres. Die Hauptdarsteller sind drei Männer und drei Frauen, die wir episodenhaft von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter begleiten, wo sie den Tod ihres gemeinsamen Freundes Percival betrauern. Virginia Woolf zeichnet ihre Charaktere von innen heraus, wo wir sie durch ihre Gedanken und inneren Monologe kennenlernen. Es gibt wenig äußere Handlung und es dauert eine Weile, bis man in das Buch hineingefunden hat. Die Wellen geben den Rhythmus vor – ein Buch, das sich stellenweise wie ein wunderschönes episches Gedicht liest.

Während die Freunde versuchen, mit dem Schicksalsschlag zurecht zu kommen, wächst der Chor ihrer inneren Stimmen zusammen in bezaubernder Harmonie. Sie reflektieren nicht nur über den unausweichlichen Tod jedes einzelnen, sondern über die immerwährende Verbindung jedes Einzelnen miteinander.

“I am made and remade continually. Different people draw different words from me.” 

„The Waves“ ist der Roman, der Virginia Woolfes Literaturtheorien am Deutlichsten zeigt. Es ist ein unglaubliches Buch, das seiner Zeit deutlich voraus ist. Es ist eine poetisch-melancholische Traumlandschaft, sehr visuell, experimentell und für mich unglaublich spannend.

We are cut, we are fallen. We are become part of that unfeeling universe that sleeps when we are at our quickest and burns red when we lie asleep.” 

Ich habe 7 DIN A4 Seiten herausgeschrieben, ich glaube das zeigt, wie viel mir dieses Buch bedeutet. An Virginia Woolfes Geburtstag las Patti Smith in London während eines Konzerts eine Passage aus „The Waves“:

“And I will now rock the brown basin from side to side so that my ships may ride the waves. Some will founder. Some will dash themselves against the cliffs. One sails alone. That is my ship. It sails into icy caverns where the sea-bear barks and stalactites swing green chains.”

Wer  jetzt hier noch mehr von und über Virginia lesen möchte, dem empfehle ich die Beiträge über Mrs DallowayJacob’s Room, A Room of one’s own oder Vita Sackville-Wests bezauberndes „Geliebtes Wesen. Briefe an Virginia

Sylvia Plath „Zungen aus Stein“

Sylvia Plaths autobiografische Geschichten sind faszinierend und beklemmend zugleich. Sie lassen den Leser immer wieder unvermutet aus dem Sonnenschein in das tiefe Dunkel ihrer Ängste Traumata abgleiten. Die sechzehn Erzählungen sind gleichzeitig der Lebenslauf der Dichterin Sylvia Plath und ich möchte sie all denen in die Hand drücken, die Sylvia Plath „nur“ als großartige Dichterin sehen.

Diese Erzählungen zeigen ihr einzigartiges unglaubliches Talent. Die Geschichten sind leidenschaftlich, bitter, spannungsgeladen und voller Leben. Ihr Stil ist so einzigartig und unverkennbar mit Charakteren, die einem noch lange nachgehen.

Entstanden sind die Geschichten zwischen 1949 und 1962. Sie beschreiben früheste Kindheitserinnerungen an den Vater (Unter den Hummeln), das Aufwachsen im Amerika der vierziger Jahre (Der grüne Felsen, Der Schatten, Superman und Paula Browns neuer Schneeanzug), den ersten Flirt (Ein Tag im Juni) aber auch die traumatischen Erlebnisse in einer Nervenheilanstalt (Zungen aus Stein).

Egal ob die Heldinnen der Geschichten Ellen, Dody, Millicent, Susan, Alice oder Isobel heißen, es ist immer Sylvia Plath, die ihr Leben mit überschäumender Lebenslust oder bissiger Melancholie erzählt. Das strahlende Collegegirl, die liebevolle, ewig schuldbewusste Tochter, die zärtliche Mutter und Ehefrau, das sind die Bilder, die diese „beunruhigende Poetin“ vorschob, um sie in ihren Erzählungen mit einem bitteren Rahmen zu versehen.

“So many people are shut up tight inside themselves like boxes, yet they would open up, unfolding quite wonderfully, if only you were interested in them.“

Ihr ganzes schriftstellerisches Können kommt in diesen Geschichten zum Vorschein. Die Sprache, die Traumbilder, ihre Verbindung zu allem was wirklich echt ist und die darunterliegenden Wahrheiten.

“I sometimes think my vision of the sea is the clearest thing I own. I pick it up, exile that I am, like the purple ‘lucky stones’ I used to collect with a white ring all the way round, or the shell of a blue mussel with its rainbowy angel’s fingernail interior; and in one wash of memory the colors deepen and gleam, the early world draws breath.” 

Die Geschichte „Zungen aus Stein“ hat mich am meisten beeindruckt, habe aber jede einzelne Geschichte sehr gerne gelesen was nicht selbstverständlich ist, denn mit Kurzgeschichten tue ich mich des Öfteren schwer.

Die Geschichten wurden von Julia Bachstein und Susanne Levin übersetzt und das Buch erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt.

“I saw the gooseflesh on my skin. I did not know what made it. I was not cold. Had a ghost passed over? No, it was the poetry. A spark flew off Arnold and shook me, like a chill. I wanted to cry; I felt very odd. I had fallen into a new way of being happy.” 

Wer jetzt Interesse an Plaths Gedichten bekommen hat, dem empfehle ich den Artikel über ihren Gedichtband „Übers Wasser“ oder ihren Roman „The Bell Jar„.

Patti Smith „Just Kids“

“No one expected me. Everything awaited me.”

Es war der Sommer in dem Coltrane gestorben ist, der Sommer der Liebe und der Aufstände und der Sommer, in dem eine zufällige Begegnung in Brooklyn zwei Leute auf einen lebenslangen gemeinsamen Pfad von Kunst, Inspiration, Freundschaft und Liebe brachte. Patti Smith wurde zu einer Poetin und Sängerin und Robert Mapplethrope einer der spannendsten und provokativsten Fotografen.

Verbunden durch Enthusiasmus, Unschuld und der unstillbaren Gier, sich künstlerisch auszudrücken, durchkreuzen sie New York von Coney Island zur 42nd Street, in die Hinterzimmer, in denen Andy Warhol Hof hielt, bis sie schließlich 1969 im Hotel Chelsea aufschlagen. Dort lernen sie eine Gruppe von berühmten und teilweise berüchtigten Künstlern kennen, sowohl die des Mainstreams als auch die, die eher an den Rändern des Erfolges entlang lebten.

“Where does it all lead? What will become of us? These were our young questions, and young answers were revealed. It leads to each other. We become ourselves.” 

Es war eine Zeit angespannter Aufmerksamkeit, als die Welt der Poesie, des Rock’n’Rolls, Kunst und Sexualität förmlich in den Straßen explodierten. In diesem Milieu schlossen diese beiden jungen Leute den Pakt, ein Leben lang für einander da zu sein. Romantisch, stets abgebrannt und voller Tatendrang ihre jeweiligen Träume auszuleben und umzusetzen.

“Everything distracted me, but most of all myself.” 

Just Kids beginnt als Liebesgeschichte und endet in einem Klagelied. Das Buch ist ein Liebesbrief an das New York der späten 1960er und 1970er Jahre, an seine Reichen und Armen, seine Stricher und Teufelsbraten. Eine wahre Geschichte, die meine Leseliste explodieren ließ und die man nicht lesen kann, ohne umgehend eine Playlist für das Buch zu erstellen.

“What will happen to us?“ I asked. „There will always be us,“ he answered.” 

Patti Smith ist Autorin, Sängerin und bildende Künstlerin. Sie wurde in den 1970er Jahren berühmt für ihre revolutionäre Mischung aus Poesie und Rock. Ihr bahnbrechendes Album „Horses“ mit Robert Mapplethorpes berühmten Foto als Cover wurde als eines der TOP 100 Alben aller Zeiten gefeiert.

Hier die Playlist zum Buch:

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Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

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Wir hatten nach der Abstimmung gerade die Liste der zu lesenden Bücher im Bookclub für die nächsten 12 Monate fertig und ich wollte gerade meine Bücherbestellung aufgeben, als ich eines der zu lesenden Bücher im öffentlichen Bücherschrank fand – was für ein schöner Zufall.

„Was ich Euch nicht erzählte“ beginnt wie so viele Kriminalgeschichten mit einem plötzlichen Verschwinden. In diesem Fall handelt sich um Teenager Lydia Lee, die schon kurz darauf tot in einem nahegelegenen See gefunden wird. Ertrunken, ob selbst- oder fremdverschuldet ist noch nicht geklärt. Ich war vorher gar nicht auf einen Krimi eingestellt und das ist er auch nicht wirklich. Ich habe das Buch in der Übersetzung von Brigitte Jakobei gelesen und auch in der Übersetzung kommt gut durch, was die Juroren verschiedener Bücherpreise so begeisterte.

Die Geschichte spielt im Jahr abwechselnd 1977, das Jahr in dem Lydia ertrank und Mitte der 1960er Jahre, in dem die Familie Lee schon einmal mit dem Verschwinden eines Familienmitglieds zurecht kommen musste. Die Lees, das sind James, ein chinesisch-amerikanischer Geschichtsprofessor am Ohio College, seine Frau Marilyn, Amerikanerin, die ihr vielversprechendes Medizinstudium nach der Geburt ihres ersten Kindes abbrach und ihre drei Kinder Lydia, Nathan und Hannah.

Das die Geschichte in den 1970er Jahren spielt, hat nicht nur mit der Schwierigkeit der Autoren zu tun, Plots zu basteln, die nicht von heutiger Technologie durchlöchert werden. Ngs Geschichte basiert auf der Tatsache, dass Lydia kaum Spuren hinterlassen hat und ihre Eltern, was ihre Freundschaften angeht, komplett hinters Licht führte. Etwas, das mit der Verbreitung von Mobiltelefonen, Facebook und Helikoptereltern kaum noch möglich wäre heute.

Es hat auch damit zu tun, wie die Autorin in einem Interview erwähnte, dass es zu dieser Zeit noch deutlich weniger normal war, aus einer „mixed race“ Familie zu kommen. Viele Entscheidungen der Protagonisten sind dem offenkundigen Rassismus geschuldet, dem die Familie ausgesetzt war, der heute durch eine deutlich verstecktere Bigotterie ersetzt wird.

Der Titel „Was ich euch nicht erzählte“ bezieht sich sowohl auf die Beziehung von James und Marilyn als auch auf die Informationen, die Lydia ihren Eltern vorenthalten hat. Lydias Verlust setzt die Ehe der beiden immens unter Druck und die Beziehungen der Familienmitglieder bekommen immer kulturell bedingte Risse.

Ng zeigt auf ganz brilliante Weise, wie zerstörerisch Eltern aufeinander und auf ihre Kinder wirken können. Marilyn möchte unbedingt, dass aus Lydia die Ärztin wird, die sie nie wurde, während James‘ größter Wunsch darin liegt, aus ihr die perfekte Amerikanerin zu machen. Aber Lydia zerbricht unter der Last der elterlichen Wünsche. Sie möchte weder Ärztin werden, noch ist sie außerhalb ihrer Familie die strahlende perfekte Amerikanerin, die von Freundinnen und Freunden umschwärmt wird.

Sie ist der Mittelpunkt der Familie, das Kind, auf der alle Hoffnungen der Eltern liegen. Ihre beiden Geschwister stehen ziemlich im Hintergrund, was Vor- und Nachteile für die beiden hat und auch sie durchlaufen ihre eigenen Identitätskrisen.

Ng hat ein tiefsinniges, intelligentes Porträt einer Familie geschaffen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen und über eine junge Frau, die an der Hoffnung zerbricht diejenige zu sein, die ihrer Familie diesen Platz schafft. Es ist eine Geschichte über die Last, der einzige oder erste zu sein, eine Last die man nicht immer erträgt.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und wir hatten im Bookclub auch eine anregende Diskussion dazu. Auch eine etwas abstruse Diskussion über den Ort der Handlung „Shaker Heights“ und seinen Bezug zu einer interessanten religiösen Bewegung, den „Shakern„, die sehr hübsche Möbel bauen, zölibatär leben und die im Gottesdienst einen rituellen Schütteltanz aufführen.

Ich freue mich schon auf weitere Roman von Celeste Ng.

#WomeninSciFi (51) Die Stadt, nicht lange danach – Pat Murphy

Ich freue mich sehr, über diese Rezension, denn auch wenn die Reihe „offiziell“ zu Ende gegangen ist, werde ich immer mal wieder einen Artikel dazu schalten, denn SciFi Autorinnen können auch weiterhin jeden Scheinwerfer brauchen.

Ganz großes Danke an Eszter vom wunderbaren Blog „Esthers Bücher“  die uns eine sehr spannende Dystopie aus den 1970er Jahren vorstellt. Alle anschnallen, wir reisen in nach San Francisco und da geht es nicht gerade gemütlich zu:

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Eine Seuche hat fast alle Einwohner von San Francisco getötet, nur wenige sind übrig geblieben. Auch sonst scheint das Land wie ausgestorben, wenn hundert Leute irgendwo zusammenkommen, ist das schon eine bedrückende Menge. Die Stadt wird jetzt von Künstlern bewohnt, die überall in den Straßen ihre Werke platzieren. Konflikte gibt es hier allerhöchtens dann, wenn zwei Künstler sich die gleiche Fläche ausgesucht haben, aber auch diese Auseinandersetzungen werden schnell beigelegt. Kunst spielt hier für alle eine große Rolle, die Überlebenden haben nämlich erkannt, dass sie ihnen und der Stadt Gutes tut.

„Wenn man etwas Schönes erschafft, dann verändert das einen. Du gibst etwas von dir her, und lässt es in diesem Werk. Man ist einfach nicht mehr dieselbe Person, wenn man fertig ist.”

Die Seuche ist erst vor sechzehn Jahren ausgebrochen, aber die nächste Generation, die in dieser neuen Welt heranwächst, weiß kaum noch etwas über das Leben vorher. Leere Wohnungen und Häuser dienen als Fundorte kurioser Gegenstände, Totenschädel finden in den Kunstwerken eine neue Bestimmung.

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Es haben alle nicht alle die alte Welt vergessen und sie losgelassen. General Miles, der von den Künstlern nur „Vierstern” genannte Soldat hegt große Pläne. Er möchte den organisierten Staat, sein Amerika wiederherstellen, wenn es sein muss, dann mit Gewalt. Er sammelt seine Truppen in Sacramento und erobert mit ihnen immer mehr Städte. Sein nächstes Ziel ist San Francisco.

Das namenlose Mädchen ist auf einer Farm, weit weg von anderen aufgewachsen. Außer ihrer Mutter kennt sie nicht viele Menschen. Als ihre Mutter stirbt, zieht sie auf ihrem Pferd los in die große Stadt, um die Einwohner vor Vierstern zu warnen. Die Künstler müssen für den Krieg rüsten oder sich dem General und seinem Ordnungswahn unterordnen.

Par Murphy schrieb diesen Roman 1989 – eine Jahreszahl, die das Ende einer Ära einleutete. Der Kalte Krieg hat seine Spuren an diesem Roman eindeutig hinterlassen. Die USA und der Ostblock standen sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten argwöhnisch gegenüber, immer wieder stand die Menschheit kurz vor dem Ausbruch eines neuen, womöglich alles Leben vernichtenden Krieges. So verwundert es nicht, dass sich die Autorin in ihrem Buch auf die Suche nach einer Lösung, nach einer friedlichen Lösung dieses Konflikts begab.

Und dieser Wunsch nach Frieden erklärt, warum eine postapokalyptische Geschichte wie diese nicht niederdrückend, sondern ausgesprochen positiv wirkt. Die leeren Straßen, die Millionen von Toten, die verlassenen Bürogebäude, die verwaisten Kinder erzählen zwar eine traurige Geschichte, wie die Künstler der Stadt jedoch damit umgehen, bringt den Leser aber immer wieder zum Schmunzeln. In eine Welt, die äußerlich doch so sehr an The Walking Dead erinnert, nehmen Kunst, Farben und ein wenig Magie die Überhand. In unserer heutigen, von Konflikten zerrüttelten Welt sollten mehr Leute dieses Buch lesen.

How to read a book – Mortimer Adler

“The person who says he knows what he thinks but cannot express it
usually does not know what he thinks.”

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Ich kann mir vorstellen, dass sich hier einige fragen, warum zur Hölle man ein Buch darüber lesen sollte, wie man ein Buch liest. Eine berechtigte Frage. Mich hat es neugierig gemacht und ich habe die Lektüre definitiv nicht bereut.

„How to Read a Book“  – The Classic Guide to intelligent Reading von Mortimer Adler und Charles van Doren ist ein Buch, das helfen soll, intelligenter zu lesen. Intelligentes Lesen ist aktives Lesen, am besten mit Stift in der Hand, bei dem man mit dem Autor in einen Dialog tritt, dem Text Fragen stellt, versucht, Antworten zu finden und sich eine Meinung zu bilden. Richtig zu lesen bedeutet nicht nur zur Unterhaltung oder für bloße Informationsaufnahme zu lesen, sondern um den Text richtig zu verstehen. Adlers Meinung nach verdienen „große“ Bücher auf allen vier Ebenen gelesen zu werden, um so weit wie möglich die Logik hinter den Ausführungen des jeweiligen Autors zu verstehen und sich die Möglichkeit zu erarbeiten, intelligent zu entscheiden, ob man mit dem Autor übereinstimmt oder nicht.

Wir lernen in der Schule natürlich lesen, es wird aber meines Erachtens nicht genug auf die unterschiedlichen Arten des Lesens eingegangen. Um intelligent und aktiv zu lesen, muß der Leser nach Ansicht der Autoren ein paar Regeln befolgen bzw. die unterschiedlichen Dimensionen oder Phasen des Lesens meistern.

„….a good book can teach you about the world and about yourself. You learn more than how to read better; you also learn more about life. You become wiser. Not just more knowledgeable – books that provide nothing but information can produce that result. But wiser, in the sense that you are more deeply aware of the great and enduring truths of human life.” 

Im ersten Teil des Buches geht es um diese unterschiedlichen Dimensionen des Lesens:

1. Elementary reading
2. Inspectional reading
3. Analytical reading
4. Syntopical reading

Mortimer Adler (1902-2001) veröffentlichte das Buch bereits 1940. Adler arbeitete an der Columbia Universität, der Universität von Chicago für die Encyclopaedia Britannica und gründete ein eigenes Forschungsinstitut für Philosophie.

Charles van Doren (1926 – heute) ist ein amerikanischer Akademiker, Autor und wahrscheinlich am berühmtesten für den Skandal um seinen Betrug bei der amerikanischen Quiz Sendung „Quiz Show“, der 1994 sogar mit Ralph Fiennes in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Ich fand seine Unterscheidung zwischen „well read“ und „widely read“ sehr spannend und stimme mit ihm überein, dass unser Ziel sein sollte, „well read“ zu sein. Wichtig ist einfach für sich zu unterscheiden, ob ich ein Buch des reinen Vergnügen wegens lese (was völlig legitim ist) oder ob ich mehr von einem Buch möchte.

Wie sagte Francis Bacon schon so schön:

„Some books are to be tasted, others to be swallowed, and somefew to be chewed and digested: that is, some books are to be read only in parts, others to be read, but not curiously, and somefew to be read wholly, and with diligence and attention.“

Ich hatte bei der Lektüre von „How to read a Book“ das Gefühl, zum Tee bei einem freundlichen älteren Professor eingeladen zu sein, der mir Disziplin, genug Schlaf und richtiges Lesen nahebringen will und das man bei der Lektüre doch vielleicht besser keine löchrigen Jeans trägt 😉 Man ist ein kleines bisschen von ihm genervt, merkt aber irgendwann, dass man den alten Herrn doch ganz gerne mag und er mit manchem Recht hat.

“True freedom is impossible without a mind made free by discipline.” 

Was mich störte, war die angehängte Liste empfohlener „großer“ Literatur, die es bei 137 Titeln der Weltliteratur gerade einmal auf 2 Frauen bringt (Jane Austen und George Eliot). Das ist sicherlich dem Alter des Buches geschuldet (meine Ausgabe wurde 1972 zuletzt überarbeitet), erschütternd fand ich es trotzdem.

Ein Buch, das einen ein wenig nostalgisch macht, nach einer langsameren weniger oberflächlichen Zeit. Ich habe es sehr gerne gelesen, für mich einiges mitgenommen und kann es durchaus empfehlen.

The Moth and the Star – Biography of Virginia Woolf

I am rooted
but I flow

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Der erste Satz aus Aileen Pippetts Virginia Woolf Biografie hätte auch von mir sein können: Alles, was ich über Virginia Woolf wusste war, dass ich alles von ihr und über sie gelesen hatte und sie auf diese Weise irgendwie ein Teil meines Lebens war. Aber schon ab dem zweiten Satz war die Autorin uneinholbar für mich und ich wurde ein klein wenig grün vor Neid:

„I met her once, in a Bloomsbury attic, by candlelight, unexpectedly, at a small party some time in the middle nineteen-thirties. To me it was a memorable occasion, though I did nothing to make it so, being more than content to admire and observe and remain quieter than the mice behind the wainscoting, for I believed then, as I do still, that anything of importance an author has to say to a reader is to be found in books and heard in the privacy of the mind.“

Eine Biografin, die Virginia Woolf selbst kennengelernt hatte, das gefiel mir außerordentlich und hat ihr ein paar Vorschußlorbeeren eingebracht. Meine Erwartungen wurden aber durchaus erfüllt. Bei „The Moth und the Star“ handelt es sich um eine sehr lesenswerte Biografie voller Atmosphäre, die uns an der Kindheit und Jugend Virginias teilhaben lässt. Leise und heimlich heften wir uns an ihre Fersen, wenn sie den Gartenweg zu ihrem Schreibstudio entlanggeht, oder wir sie bei ihren ausgiebigen Spaziergängen an der Küste, durch die Straße Londons oder auf dem Land begleiten. Wir lernen ihre Bekannten kennen und ihre Freunde kennen.

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Das Portrait baut sich wie aus kleinen Mosaikstückchen zusammen. Wir lernen die Stephens Familie kennen, die „Bloomsberries“ (die von der Autorin gegen jegliche Abstempelung als hochmütige Elfenturmbewohner vehement verteidigt werden). Wir folgen Virginia Woolf durch Kew Garden, besuchen mit ihr Monks House (hier habe ich im Übrigen schon einmal über meinen Besuch in Monks House berichtet) und erleben die Freuden und Miseren einer sehr sensiblen, ätherisch wirkenden jungen Autorin, die die Literaturwelt revolutionierte.

Interessant fand ich auch ihr gemeinsames Schreiben mit E. M. Forster als Antwort auf die Öbszönitäts-Anklage gegen Radclyffe Hall:

“Writers produce literature, and they cannot produce great literature until they have free minds. The free mind has access to all knowledge and speculation of its age, and nothing cramps it like a taboo.”

Aileen Pippett verknüpft auf’s wunderbarste Virginia Woolfs Leben mit ihrer Arbeit wobei ihr als Quellen neben Woolfs Büchern und Tagebüchern auch die ausgiebige Korrespondenz zwischen Virginia und Vita Sackville-West dient. Der Frau, der sie mit „Orlando“ ein einzigartiges Denkmal gesetzt hat. Vitas Sohn beschrieb „Orlando“ später einmal als den längsten und schönsten Liebesbrief in der Literatur.

Die Biografie zeigt auch deutlich den Einfluss, die Faszination, den Verwandte und Freunde, ihre Arbeit in der Hogarth Press und überhaupt die Welt draußen auf Virginia Woolf ausübte. Doch immer wieder wird es alles zuviel, sie muss mit ihren Kräften haushalten, sie ist kränklich und fragil und wird immer wieder von Depressionen heimgesucht.

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Wolf in Monks House

Im März 1940 hat sie keinerlei Kraft mehr, gegen einen weiteren mentalen Zusammenbruch anzukämpfen. Sie hat Angst davor, verrückt zu werden. Sie schreibt einen Abschiedsbrief in ihrem Gartenhäuschen in Monks House, füllt ihre Taschen mit Steinen und ertränkt sich in dem kleinen Flüsschen Ouse ganz in der Nähe des Hauses.

„The Moth and the Star“ ist die gelungene Biografie von einer Zeitgenossin Virginia Woolfs. Das Buch bringt den Leser einer großen Schriftstellerin näher, ohne die Privatssphäre zu verletzen, die einem Menschen wie Virginia Woolf sicherlich durchaus wichtig gewesen wäre.

Darf es noch ein bisschen mehr sein? Dann findet ihr hier die Besprechung zu zwei ihrer Romane „Jacobs Room“ und Mrs Dalloway  und dem phänomenalen „A room of one’s own„. Dazu passt auch wunderbar ihr Briefwechsel mit Vita Sackville-West „Geliebtes Wesen„.

Ich würde gerne noch weitere Biografien über Virginia Woolf lesen – habt ihr Empfehlungen?

Books & Booze: A Start in Life – Anita Brookner

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Hier wurde schon viel zu lange nicht mehr stilvoll getrunken, es wird Zeit für eine neue Ausgabe von Books & Booze.

Eine seltsam hypnotisch wirkende kurze Erzählung, welche wir uns sehr gut als Theaterstück vorstellen könnte. Die Akteure sind Ruth, eine junge etwas naive Literaturliebhaberin; ihre Eltern, die verwöhnte alternde Schauspielerin Helen und ihr schwächlicher Ehemann George, der ohne Rückrat durchs Leben geht und sich als Buchhändler von raren Büchern durchs Leben schlägt und Mrs Cutler, die kettenrauchende scharfzüngige Haushälterin.

Am Anfang des Buches wird uns Dr Ruth Weiss als akademische Mittvierzigerin und Junggesellin vorgestellt, der Großteil des Romans handelt hingegen von ihrer Kindheit und Jugend. Von frühester Kindheit an fühlt sich Ruth von ihren Eltern mehr oder weniger übersehen. Die beiden sind so sehr mit sich selbst und ihren banalen Problemen beschäftigt, so dass Ruth sich meist selbst überlassen bleibt, für sich selbst sorgt und die meiste Zeit mit ihren Büchern verbringt.

“Dr Weiss, at forty, knew that her life had been ruined by literature”

Als Jugendliche beschäftigt sie die Idee von romantischer Liebe, ihre Versuche, diese Liebe aber aus der Welt der Bücher in die Realität zu überführen, scheitern. Einmal war sie ihrer Vorstellung von Liebe schon recht nah gekommen, an dem Abend an dem sie ihren Kommilitonen Richard zum Essen zu sich einlädt. Er gilt als hübsch, hat jedoch ein Magengeschwür, um das man sich essenstechnisch kümmern muss.

Der Abend endet jedoch in einer Katastrophe und Ruth flieht nach Paris. Dort lebt sie in einer ziemlich düsteren Dienstbotenkammer bei einem älteren Ehepaar, Freunden ihrer Eltern. Ruth, die eine große Balzac-Verehrerin ist, beschäftigt sich intensiv mit der Frage von Tugend und Laster. Interessant fanden wir, wie schwierig es ist, den Roman zeitlich einzuordnen. Manchmal wirkt er immens modern, dann wieder sehr antiquiert.

Man erfährt beim Lesen nicht nur viel über Ruth, sondern auch über die anderen Protagonisten. Über ihren Vater George, der eine Affäre beginnt mit seiner mütterlichen Angestellten, von der er sich bekochen und betüddeln lässt. Über Ruths Mutter Helen, die nach und nach immer seltener die Wohnung verlässt, sich selbst vernachlässigt und ihrer vergangenen Karriere nachtrauert und Mrs Cutler, die eines Tages beschließt auf ihre älteren Tage doch noch zu heiraten und sich über ein Eheschließungsbüro einen Ehemann aussucht. Brookner ist eine sehr feine Beobachterin, die präzise und sehr genau beschreibt. Äußerlichkeiten wie Einrichtungsgegenstände ebenso wie Charaktereigenschaften.

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Es ist nicht einfach zu beschreiben, worum genau es in diesem kleinen Büchlein geht, es hatte einen magischen Sog und man muss einfach immer weiterlesen. Ruth ist eine unspektakuläre Heldin, die in der Tat keinen besonders guten „Start in Life“ hatte und die am Ende der Geschichte dort landet wo sie begann.

“We shall none of us ever make love again, she thought, and did not much care. Life had not been too harsh; the sea would still be there at the end. She was nearly ready.”

Mrs Cutler war meine (Bingereaderin) eigentliche Heldin in dem Roman, irgendwie mochte ich sie trotz ihrer bissigen Bemerkungen. Stets ketterauchend war sie der Kitt zwischen den auseinander driftenden  Eheleuten. Sie war es, die Helens Schlafzimmer in einen Salon umwandelte, in dem die drei jeden Nachmittag bis in die Nacht hinein Unmengen an Cocktails, Gin & Tonics und andere Alkoholika becherten, so dass ich beim Lesen gelegentlich das Gefühl hatte, von all dem Zigarettenrauch und dem Alkohol einen Kater zu bekommen.

Die Bingereader-Gattin hatte das Buch vor mir gelesen und es mir sehr ans Herz gelegt und sie bastelte im Labor der Münchner Küchenexperimente einen entsprechenden Cocktail . Hier das Rezept für einen

Start in Life – Cocktail

der bestens zum Buch passt.

Für 6 Gläser:

ein paar Scheiben Blutorangen

Blutorangensaft

Saft einer 1/2 Zitrone

ein paar Minzblätter

60 ml Ginger Beer

30 ml Wodka

Sekt

Wodka, Zitronensaft und Ginger Beer auf die Gläser aufteilen, dann 50:50 mit Blutorangensaft und Sekt aufgießen. Garnieren mit Minze und einer Scheibe Blutorange pro Glas.

Cheers 🙂

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Ein Start ins Leben“ im Eisele Verlag erschienen.

Zelda und F. Scott Fitzgerald

Kyra Stromberg – Zelda und F. Scott Fitzgerald

 

Zelda und F. Scott Fitzgerald waren das wahrscheinlich bekannteste Paar Amerikas in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Sie waren beide schön, berühmt und furchtlos. Er der Autor, der seinen Durchbruch schon in jungen Jahren machte, auch wenn die Kritiker ihn lange nicht ganz ernst nahmen.

Sie eine überaus ambitionierte Frau, die einen erfolgreichen Mann an der Seite haben wollte und selbst viel erreichen wollte. Zusammen waren sie ein rauschendes Paar, dass stets im Scheinwerferlicht stand und stehen wollte, sich aber alles andere als gegenseitig gut getan hat.

Zelda Sayre, die Tochter eines Richters aus Alabama, war eine junge Frau, die gleichfalls einiges an literarischem Talent mit sich brachte. Ihre Briefe, Tagebücher und ein Roman sind leider alles, was davon übrig geblieben ist. Zelda war Scott Fitzgeralds Muse und Inspirationsquelle  “I truly have married the heroine of my novels,” äußerte der Autor 1921 in einem Interview.

F Scott Fitzgerald meldete sich 1917 zum Militärdienst als Lieutenant, ihm wurde aber recht schnell klar, dass er nicht wirklich für’s Militär gemacht war. Während dieser Zeit schreibt er seinen ersten Roman „The Romantic Egoists“, der später unter dem Titel „This Side of Paradise“ veröffentlicht wurde. Der Roman wurde 1920 veröffentlicht, als F Scott 23 Jahre alt war. 1918 traf er Zelda auf einem Ball in der Nähe von Montgomery, Alabama. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick und er bat sie schon nach kürzester Zeit um ihre Hand, sie lehnte jedoch ab. Um sie für sich zu gewinnen, beschloss er reich und berühmt zu werden.

Das allerdings stellte sich doch als schwerer als geplant heraus. Sein erster Roman fand keinen Verlag und er sah sich gezwungen, einen Job in einer Werbeagentur anzunehmen, wo er für 90 US$ im Monat Werbesprüche für Anzeigenkampagnen erstellte. Als er endlich einen Verlag fand und sein Roman veröffentlicht wurde, stellte er Zelda erneut einen Heiratsantrag und wurde dieses Mal tatsächlich erhöht.

Sie antwortet auf seinen Antrag:

Scott, my darling, Everything seems so easy and simple; this golden dawn. The fact I know I’ll be yours forever–that I belong to you–is truly liberating after all the tensions during the past month…. Waiting doesn’t seem so hard. I love you, my treasure…”

Hemingway war nicht der einzige Freund, der die Verbindung der beiden eher kritisch sah. Auch Alexander McKaig schrieb folgendes in sein Tagebuch:

“I visited Scott Fitz and his wife, a very dramatic, provincial Southern belle. She chews gum and shows her knees. I don’t think this marriage can last. Both of them get drunk. I think in a few years they’ll be divorced. Scott will write something important and die at the age of 23 in an attic…“Fitz should leave Zelda alone and stop chasing her…. The sad thing is that Fitz is completely overwhelmed by Zelda’s personality…. She’s the role model for all the feminine characters in his novels…”. Despite these critical remarks, even the author of the journal was eventually seduced by Zelda’s charisma: “She’s, without a doubt, the most beautiful and intelligent woman I’ve met”. Arriving in New York to be close to her husband, Zelda created quite a sensation among her husband’s acquaintances. The couple prospered, also thanks to Scott’s literary success.

1925 wurde „The Great Gatsby“ veröffentlicht. Mit dem Buch konnten sie erst einmal ihre Schulden zahlen. Die Kritiken waren anfangs alles andere als glorreich. Um die ständig steigenden Schulden zu begleichen, wanderten die Fitzgeralds nach Europa aus und Scott schrieb vorwiegend gut verkäufliche Kurzgeschichten am Fließband. Sein Freund Hemingway gibt ausschließlich Zelda die Schuld an der finanziell desaströsen Lage, dass Fitzgerald auf dem Weg war, ein Alkoholiker zu werden und er sein großes Talent an Kurzgeschichten verschleudert. Hemingway schreibt in einem Brief über Fitzgerald „He represents the greatest tragedy of a talent in our cursed generation”.

Zelda wußte, wie sehr Hemingway sie verabscheute und unterstellte den beiden ein homoerotisches Verhältnis, was beide jedoch vehement abstritten. Sie versuchte zunehmend, als eigenständige Künstlerin wahrgenommen zu werden und litt darunter, sich als Fitzgeralds persönliche Flappergirl-Muse zu fühlen, deren Exzentrismus als Vorlage in ihrem Tagebuch wohlgelitten war, ihn in seiner Ehefrau jedoch zunehmend störten. Sie stritten regelrecht, wem die Erinnerungen in Zeldas Tagebuch gehörten und er verbot ihr, diese in eigenen Texten zu verwenden.

1929 war kein gutes Jahr für das Paar. Scott kam nur langsam mit seinem vierten Roman voran, was seine Depressionen weiter verschlimmerte. Er hat das Gefühl nach dem „Gatsby“, fast 50 Kurzgeschichten, Artikeln und Filmvorlagen leer geschrieben zu sein. Dazu kommt das ausufernde Partyleben in exklusiven sozialen Zirkeln, das viel Kraft kostet. Zelda kämpft zu dieser Zeit mit eigenen psychologischen Problemen und versucht sich stärker in die Kunst zu stürzen. Sie veröffentlicht ebenfalls einige Kurzgeschichten, einige wurden in beider Namen veröffentlicht, sie muß jedoch hinnehmen, dass die Geschichten deutlich mehr Geld einbringen, wenn sie von Scott alleine unterzeichnet sind. 1930 lebt sich das Paar immer weiter auseinander. Zelda isoliert sich zunehmend in ihrer eigenen Welt und benimmt sich aus Scotts Sicht seltsam.

Sie ist eine begnadete Tänzerin, nimmt Unterricht bei der berühmten Madame Egrova, diese ist beeinduckt von ihrem Talent, ist aber der Meinung sie habe zu spät begonnen ernsthaft zu tanzen und sieht keine Chance, dass Zelda eine professionelle Tänzerin wird. Dennoch gibt sich sich einem erschöpfenden Training hin, das achtstündige Training hätte wohl auch eine wesentlich jüngere Frau erschöpft. Sie wollte nicht mehr nächtelang mit Scott um die Häuser ziehen und Parties feiern. Scott war wütend über ihren Mangel an Aufmerksamkeit, ihre Obsession mit Madame Egrova und geht weiterhin alleine auf Sauftouren und Parties. Ihre Streitereien werden zunehmend heftiger, auch weil Zelda nicht mehr die Rolle des gehorsamen Flapper Girls spielen wollte, aus deren Leben und Tagebucheinträgen Scott sich das Material für seine Bücher und Kurzgeschichten holte.

1932 verschlechtert sich ihr Zustand und sie kann auch nicht mehr für die gemeinsame Tochter sorgen. Ihr einziger Roman „Save Me the Waltz“ wird noch im gleichen Jahr veröffentlicht. 1934 jedoch wird sie nach einem Nervenzusammenbruch in eine Klinik in der Nähe von Baltimore eingewiesen.

Das war der Anfang vom Ende. Zelda sollte bis zu ihrem Lebensende immer wieder längere Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen haben. Scott und Zelda bleiben bis zu ihrem jeweiligen Lebensende freundschaftlich miteinander verbunden. Scott versucht sein Glück in Hollywood, wo er recht erfolglos Drehbücher schreibt. 1940 stirbt Scott ganz plötzlich an einem Schlaganfall mit nur 44 Jahren. Er hinterlässt den unvollendeten Roman „The Last Tycoon“.

Der Autor wurde diskret und ohne große öffentliche Anteilnahme beerdigt, nur von ein paar engen Freunden begleitet. Nur 8 Jahre später stirbt Zelda bei einem Feuer in der Klinik, in der sich Zelda zu diesem Zeitpunkt aufhielt.

Die beiden bleiben jedoch für immer das goldene Paar der zwanziger Jahre. Auf dem Grabstein stehen beide Namen: F. Scott Fitzgerald und Zelda Sayre. Die Getrennten endlich vereint? Das versöhnliche Bild erscheint gewagt. Vielleicht ließe sich vorsichtiger daraus lesen: Zwei Unvereinbare, deren Verbindung sich nie auflöste.

Die Grabinschrift ist der letzte Satz aus dem „Großen Gatsby“. Sie gilt für beide: „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangen zu.“

F. Scott Fitzgerald – The Last Tycoon

Ich bin nicht sicher, warum dieses Buch von ihm mich derart mitgenommen hat. Das hätte doch „The Great Gatsby“ sein sollen, den ich natürlich auch sehr mochte. Ich werde das Gefühl nicht los, dieses Buch hätten den „Gatsby“ überflügelt, wenn er die Chance gehabt hätte, es fertig zu stellen.

“These lights, this brightness, these clusters of human hope, of wild desire—I shall take these lights in my fingers. I shall make them bright, and whether they shine or not, it is in these fingers that they shall succeed or fail.”

Dieser Roman ist selbst in seiner Unfertigkeit wunderbar subtil und aufrüttelnd. Die Charaktere sind ein bisschen so, wie die aus dem „Gatsby“ hätten sein können. Fitzgerald behandelt seine Frauenfiguren und Minderheiten deutlich besser als in seinen anderen Werken.

Die Geschichte spielt in Hollywood in den 1930er Jahren und Hollywood ist genauso glamourös und halbseiden wie die Parties im „Great Gatsby“ und wie Fitzgerald auch schreibt, eine notwendige Ablenkung vom Krieg der immer stärker heraufzuziehen drohte.

“People fall in and out of love all the time. I wonder how they manage it.” 

Der Protagonist dieses Romans, Monroe Stahr, unterscheidet sich von denen aus seinen anderen Protagonisten. Star ist ein hart arbeitender Mann mit einem selbstgenügsamen Charakter. Er ist kein Playboy, sondern ein überaus talentierter Produzent, der oft rund um die Uhr an den schwierigsten Aufgaben arbeitet, auch um den Gedanken an den Tod seiner Frau zu entfliehen. Schon damals wurde in solchen Fällen Benzedrine geschluckt, wenn einfach noch keine Zeit zum schlafen war und Stahr scheint ebenfalls überwiegend von Dorgen und Kaffee gelebt zu haben.

Die Atmosphäre Hollywoods ist unglaublich lebendig eingefangen. Die Liebesgeschichte(n) sind weitestgehend zweitrangig. Dies ist überwiegend ein Buch über die Industrie und die mächtigen Männer, die sie dominieren. Die Probleme zu dieser Zeit waren hauptsächlich der aufkommende Kommunismus, die Zensur, die Gewerkschaften  und die knappen Studio Budgets. Es war eine Zeit, in der der Durchschnittsamerikaner noch so unter den Nachwirkungen der großen Depression zu leiden hatte, das ein Kinobesuch einen fast unmöglichen Luxus darstellte. Klassenunterschiede waren zu der Zeit noch deutlich spürbarer und die Reichen hatten häufig Angst vor einem Aufstand der Arbeiterklasse.

Stahr ist einer der letzten „Prinzen Hollywoods“, die den Studios Millionen einbringen und dessen Entscheidungen stets Erfolge nach sich ziehen. Als während eines Erdbebens Wasser in eines der Studios eindringt, erblickt er plötzlich zwei Frauen, die auf dem Kopf der indischen Göttin Shiva (Bühnendeko) sitzen und an ihm vorbeifließen. Eine der beiden Frauen sieht exakt aus wie seine verstorbene Ehefrau. Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte, die ihn am Ende zerstören wird.

Einer der besten Romane, der über Hollywood je geschrieben wurden, der auf Fitzgeralds eigenen schmerzvollen Erfahrungen als Drehbuchschreiber basiert. Es war richtig gehend schmerzhaft, den Roman zu lesen, mit dem Wissen, dass Fitzgerald ihn nie beenden konnte.

Oh man Fitzgerald, wenn Du doch nur ein einziges weiteres Jahr gelebt hättest.

Darf es noch ein bissl mehr sein von den fulminaten Fitzgeralds? Dann hätte ich hier noch etwas von Zelda: „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ und hier noch etwas von F. Scott, der berühmte „The Great Gatsby