#WomeninSciFi (35) The Heart goes last – Margaret Atwood

logo-scifi3

Die Sci-Fi Women haben einen freien Sonntag gefordert, was will man machen – da fügt man sich natürlich. Deshalb ab jetzt #WomeninSciFi immer samstags. Heute hat die Grand Dame der speculative Fiction das Zepter in der Hand:

Gute Dystopien oder Atwoods bevorzugter Begriff „spekulative Fiktion“ sagen viel mehr über unsere aktuellen Probleme und den Zustand unserer Gesellschaft aus, als über eine mögliche Zukunft. Dieses Genre beherrscht Atwood einfach. Dieser Roman ist nicht ganz so stark wie die „Oryx und Crake“ Reihe, aber ein etwas schwächerer Atwood ist immer noch besser als vieles andere.

Wenn man auf der Straße lebt, weil die Wirtschaft komplett zusammengebrochen ist und so gut wie nichts mehr funktioniert oder die Gesellschaft zusammenhält, man sich vor marodierenden Banden schützen muss, bekommen auch extreme Angebote eine gewisse Attraktivität.

Charmaine und Stan, beide etwa Mitte Dreißig, sind nach dem Absturz aus ihrem Mittelklasse-Leben gezwungen im Auto zu leben, sie leben von Essensresten die sie finden, jeder Tag ein neuer Überlebensakt.

Das seltsame Angebot übermittelt sich ihnen in Form eines TV Spots in dem Interessenten für das Positron Projekt in Consilience (Wortspiel aus „Con“ für convict = Straftäter und „resilience“ = Anpassungsfähigkeit) gesucht werden. Der Deal: sie leben künftig einen Monat als glückliche Mittelstandsfamilie mit hübschem Haus, Motorroller und Arbeitsplatz – und einen Monat im Knast.

Atwood

Du bekommst alles auf dem Tablett serviert, aber während du im Knast bist, ziehen am Wechseltag deine „Alternates“ in dein Haus, sitzen auf deinem Sofa und essen von deinen Tellerchen. Musik- und Fernsehprogramm sind auf beruhigende Doris Day und Frank Sinatra Schmonzetten beschränkt, aber Beggers can’t be choosers und der eine Monat Knast lässt sich auch irgendwie überstehen und vielleicht hält es ja auch die Liebe frisch, wenn man sich immer nur alle zwei Monate sieht.

atwood

Charmaine und Stan lassen sich auf den Deal ein und insbesondere Charmaine fällt es anfangs sehr leicht, die Werbetrommel-Ansagen der Positron Leitung zu glauben. Sie gleitet in ihr Stepford Wife Leben und ist eigentlich rundum glücklich, obwohl die ihr zugeteilte Aufgabe in der Euthanesie von unangepassten Außenseitern liegt. Der etwas skeptischere Stan arbeitet auf einer Hühnerfarm. Langsam aber sicher leben sich die beiden auseinander.

Als Charmaine dann eine Affaire mit ihrem „Alternate“ beginnt, wird alles richtig kompliziert und unabhängig voneinander merken Stan und Charmaine, was wirklich hinter den Gefängnismauern vor sich geht.

Das letzte Drittel des Buches wird dann recht bizarr mit seinen lebensechten Gummipuppen, den Heerscharen an Marilyn Monroe und Elvis Doubles und reichlich Sex. Kein Buch für moralisch schnell Erschütterte, aber eine spekulative Tour-de-Force, die sich mit Kapitalismus, Biotech, Neurowissenschaften und Identität beschäftigt.

„Would Doris Day’s life have been different, he muses, if she’d called herself Doris Night? Would she have worn black lace, dyed her hair red, sung torch songs?”

Auch wenn sie gelegentlich über das Ziel hinausschießt, man merkt Atwood an, wieviel Spaß sie beim Schreiben dieser seltsamen 50er Jahre Gesellschaftskonstellation hatte. Das Buch steckt voller spannender Ideen und Spekulationen, es ist teils Satire, teils Science Fiction und stellenweise unglaublich witzig.

large

Seine Freiheit aufgeben für noch so edle Zwecke ist und bleibt eine schlechte Idee, egal wie heroisch das Set-up auch ursprünglich vielleicht ist, am Ende fliegen einem soziale Experimente wie diese einfach unweigerlich um die Ohren.

Ich habe das Gefühl, Atwood hat mit jedem Buch mehr Spaß am Schreiben. Von altersmilde oder ruhiger werden keine Spur. You go Girl, ich warte schon sehnsüchtig auf ihr nächstes Buch.

Hier ein tolles Interview zu „The Heart Goes Last“

 

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Das Herz kommt zuletzt“ im Berlin Verlag erschienen.

Advertisements

#WomeninSciFi (34) Blackout – Connie Willis

IMG_3120

Wir schreiben das Jahr 2060 und Oxford, ist ein ziemlich chaotischer Ort mit Heerscharen von zeitreisenden Historikern, die in die Vergangenheit geschickt werden. „Blackout“ dreht sich um drei Historiker, die an unterschiedliche signifikante Orte während des 2. Weltkriegs geschickt werden und dann Probleme haben, wieder in ihre Zeit heimkehren zu können.

Nicht nur die Aufträge der jeweiligen zeitreisenden Historiker werden immer gefährlicher, der ganze Krieg und die Geschichte selbst scheinen völlig außer Kontrolle zu geraten.

logo-scifi3

Die bislang immer zuverlässig funktionierenden Zeitreisemechanismen weisen Fehler auf und irgendwann fragen sich die Historiker, ob ihre felsenfeste Überzeugung, dass ein zeitreisender Historiker die Vergangenheit nicht ändern kann, wirklich so stimmt.

Das ist keine leichte Kost, denn Ms Willis hat ihre Recherche ernst genommen, für die sie etwa 8 Jahre brauchte. Man erfährt unglaublich viel über den Krieg aus ganz unterschiedlicher Sicht – über die Erfahrungen der Kinder, die aus London in den Norden des Landes evakuiert werden, über die Evakuierung der britischen Soldaten aus Dünkirchen und die ersten Wochen der Bombardierung Londons.

Willis streut kleine persönliche Geschichten mit ein und auch, wenn die Zeitreisenden theoretisch stets wissen was passieren wird, sind sie doch beruhigt, wenn alles so ausgeht, wie sie es erwarten.

Eine große Warnung muß ich aussprechen: mir war bei Beginn der Lektüre nicht klar, dass das Buch kein richtiges Ende hat, da es sich um den ersten Teil eines Buches handelt. Im Buch „All Clear“ geht es weiter und man sollte diesen Band eventuell schon zur Hand haben, denn ein Wiedereinstieg in die Geschichte ist ziemlich schwierig, wenn zu viel Zeit vergeht.

Ein intensives Buch, das Leuten gefallen wird, die sich für die Geschchichte des 2. Weltkriegs interessieren, es ist kein Pageturner, aber spannende und interessante Lektüre.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Dunkelheit“ im Cross Cult Verlag.

Große gemischte Tüte

Bei permanent 100 Grad in der Wohnung und einer fetten Sommererkältung ist mein Hirn zu matschig für lange Rezensionen. Der Stapel der nicht rezensierten Bücher muß aber endlich mal aufgeräumt werden, es wird daher Zeit für eine ganz große gemischte Tüte, damit die Seele hier endlich mal wieder Ruhe hat…

Ein Ire in Paris – Jo Baker

IMG_3020

Dieser Roman basiert auf dem Leben Samuel Becketts und konzentriert sich auf seine Zeit während des zweiten Weltkrieges in Paris und auf die Beziehung zu seiner Liebhaberin Suzanne. Als der 2. Weltkrieg erklärt wird, ist Samuel gerade zu Hause in Irland. Seine Mutter versucht vergeblich, die Familie zusammen zu halten, trotzdem zieht es den einen Teil der Familie nach London, Samuel zurück nach Paris.

Obwohl Beckett den Krieg zu Hause in Irland in relativer Sicherheit hätte verbringen können, bleibt er im besetzten Paris und wird Teil der Resistance. Das Buch zeichnet aber kein romantisches auf Heldentum basiertes Bild vom Krieg, sondern zeigt den Mut, aber auch die verzweifelte Ermüdung, die Angst, die Zwänge und die Anspannung, die mit dieser Tätigkeit zusammenhängen. Immer weiter laufen, immer weiter machen selbst wenn man ein Telegramm bekommt, dass die Verhaftung eines weiteren Freundes durch die Gestapo verkündet … und man eigentlich keine Ahnung hat, wohin man sich wenden soll, wo es Sicherheit gibt und ob du der nächste bist, an dessen Tür es nachts klopft…

“He stares now at the three words he has written.They are ridiculous. Writing is ridiculous. A sentence, any sentence, is absurd. Just the idea of it; jam one word up against another, shoulder-to-shoulder, jaw-to-jaw; hem them in with punctuation so they can’t move an inch. And then hand that over to someone else to peer at, and expect something to be communicated, something understood. It’s not just pointless. It is ethically suspect.” 

Es geht aber auch um seine Beziehung zu Suzanne und Becketts Bewunderung für James Joyce. Ein sehr spannendes interessantes Porträt eines Ausnahme-Schriftstellers, der mir während der Lektüre immer symphatischer wurde. Ein aufrüttelndes nachdenklich stimmendes Buch, dass ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und das eigentlich perfekte Bookclub Lektüre gewesen wäre. Große Empfehlung!

Ready Player One – Ernest Cline

IMG_0093

Wir schreiben das Jahr 2044 und die Welt ist kein wirklich schöner Ort mehr. Es gibt kein Öl mehr, wir haben das Klima versaut und Dürre, Armut, Krankheiten und Hungersnöte sind weit verbreitet.

Der größte Teil der Menschheit entkommt der deprimierenden Realität in dem sie sich den ganzen Tag an die OASIS anschließen, ein immer größer werdendes virtuelles Paradies, wo man wunderbar leben und sich verlieben kann auf einem der 10000 Planeten. So verbringt auch Wade Watts seine Zeit und, wie der Rest der Menschheit auch, ist er genau so obsessiv auf der Jagd nach dem ominösen Lotterie-Ticket, das irgendwo in der OASIS versteckt sein soll und unglaubliche Reichtümer verspricht. Der OASIS Gründer James Halliday, der ohne Nachfahren starb, verspricht dem Ticketfinder die Kontrolle über die OASIS – inklusive seines immensen Vermögens….

“I created the OASIS because I never felt at home in the real world. I didn’t know how to connect with the people there. I was afraid, for all of my life, right up until I knew it was ending. That was when I realized, as terrifying and painful as reality can be, it’s also the only place where you can find true happiness. Because reality is real.”

Die Rätsel, die gelöst werden müssen, basieren auf popkulturellem Wissen des späten 20. Jahrhunderts, das Spezialgebiet Wanes. Als er das erste Rätsel knackt, ist er plötzlich inmitten eines gnadenlosen Konkurrenzkampfes, der bald nicht nur in der virtuellen Welt echte Gefahren birgt.

Das Buch wurde kürzlich verfilmt, habe den Film aber bislang noch nicht gesehen. Möchte ich aber auf jeden Fall nachholen.  Ein tolles Buch für Nerds und Cyberpunks, die Spaß an den zig Zitaten und Hinweis der Popkultur haben werden. Es hat mich nicht umgehauen, aber es ist definitiv gute Unterhaltung.

Das Buch ist auf deutsch unter dem gleichnamigen Titel im Fischer TOR Verlag erschienen.

Midnight at the Bright Ideas Bookshop – Matthew Sullivan

7d87d6a4-4d46-44fc-859a-96819be01678

Lydia Smith ist Buchhändlerin im Bright Idea Book Store in Denver. Sie liebt ihre Bücher und ihre Kunden, insbesondere ihre exzentrischen Book Frogs, meist etwas seltsame einsame Männer, die stundenlang im Buchladen herumhängen. Joey Molina ist einer dieser Book Frogs.

Eines Nachts kurz vor Feierabend findet Lydia den erhängten Joey im Buchladen. Als sie ihn auf den Boden legt, merkt sie, dass aus seiner Hosentasche ein Foto herausschaut, das sie selbst als auf ihrem 10. Geburtstag als Kind zeigt. Ein Bild, das sie an ein schreckliches Ereignis ihrer Kindheit erinnert, an ihre Nacht mit dem Hammermann. Woher hat Joey dieses Bild und warum hat er es in der Nacht seines Suizids in der Hosentasche stecken?

“Something’s wrong in the air, you know, when a book costs less than a bullet. Or a Coke. Values-wise.”

Sie war immer Joeys Lieblingsbuchhändlerin und sie erbt seine wenigen weltlichen Besitztümer: ein paar Kisten voller Bücher und einen ungetragen Anzug. Lydia entdeckt, dass in sämtlichen Büchern unerklärlicherweise kleine Rechtecke herausgeschnitten wurden, die seltsame Nachrichten enthalten.

Ein spannender Kirmi für buchverrückte Bibliophile, die Spaß an literarischen Rätseln haben.  Das Buch war die Juli-Lektüre im Bookclub und es wurde durch die Bank weg von allen gemocht. Nix weltbewegendes, aber durchaus unterhaltsam.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Tod kommt nach Mitternacht“ im Random House Verlag.

The Idle Traveller – Dan Kieran

IMG_3023

A good traveller has no fixed plans
And is not intent upon arriving
(Lao Tzu)

The Idle Traveller ist ein Buch, das Lust auf das langsame Reisen macht, bei dem der Weg genauso wichtig ist wie das Reiseziel. Wir hetzen durch die Gegend, von einem Flughafen zum nächsten, eine Hotel-Lobby ist der nächsten zum Verwechseln ähnlich und je mehr wir versuchen, unserem langweiligen Alltag zu entkommen, desto schwieriger wird es eine Antwort darauf zu finden, was zur Hölle wir da eigentlich machen.

Kieran macht nicht nur Lust aufs Reisen, er macht auch Lust aufs Daheimbleiben  – „staycation“ im Englischen. Wenn wir reisen, dann sollten wir uns treiben lassen. Einfach mal drauf los laufen und nicht auf Google Maps nach dem kürzesten Weg von Sehenswürdigkeit A zu Sehenswürdigkeit B und der Top Empfehlung des Restaurants in 50m Umgebung suchen. Einfach mal blind drauflos bummeln, der Nase nach. Nicht wissen, was nach der nächsten Ecke kommt und dabei vielleicht weniger aber dafür intensiver sehen.

„I was reading The World of Yesterday by Stefan Zweig ,who had become one of my slow travel heros after I read his astounding 1926 essay To Travel or Be Traveled. Zweig was someone whose views on travel echoed my own.“

Kieran ist außerdem ein großer Fan vom Reisen per Schlafwagen – meine absolut liebste Art der Fortbewegung. Ein schönes Buch mit spannenden Lektüretipps, das man auf dem heimischen Balkon genauso gut lesen kann, wie auf dem Bahnhof während man auf seinen Zug wartet.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Slow Travel – die Kunst des Reisens“ im Heyne Verlag.

Älter werden – Silvia Bovenschen

IMG_3025

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich irgendwo über Silvia Bovenschen stolperte. War es eine Talkshow oder ein Zeitungsartikel? Wollte immer mal etwas von dieser klugen Dame lesen und als ich kürzlich im öffentlichen Bücherschrank dieses Buch von ihr fand nahm ich es umgehend mit, trotz pinkfarbenem Cover und einem Titel, der mir Angst vor Selbsthilfe-Lektüre machte 😉

Von Selbsthilfe keine Spur, eine sehr lohnendes Essay über das Älter werden und das Erinnern. Fällt es Menschen, die stets einen schönen und funktionstüchtigen Körper hatten, schwerer zu altern, als jemandem wie Silvia Bovenschen, die immer schön war, aber von frühester Jugend an durch Multiple Sklerose lernen musste, einen Körper zu haben, auf den sie sich nicht immer verlassen konnte?

Bovenschen schreibt über ihre Kindheit, Jugend und Ereignisse aus späteren Jahren, sinniert über die Vergänglichkeit, das Glück und mißtraut stets ihren eigenen Erinnerungen, die allzu gerne die Welt durch die rosarote Brille sieht.

Ein elegantes Büchlein, das ich sehr gerne gelesen habe und dessen stellenweise wunderbar fieser Humor mich sehr entzückt hat. Von dieser Dame möchte ich noch viel viel mehr lesen.

„Das ist ein alter Konflikt in mir: der zwischen meiner gesellschaftspolitischen Liberalität und meiner ästhetischen Belastbarkeit“

jPOD – Douglas Coupland

IMG_1876

Ethan ist ein 28 Jahre alter Entwickler von Computerspielen, der seine Tage mit dem Programmieren virtueller Welten, dem Erfinden von Spitznamen für seine Kollegen und dem Auffüllen der Büro Snackbar verbringt. In seiner Freizeit hilft er seiner Mutter dabei, ermordete Drogendealer zu verstecken und illegale Einwanderer in seiner Wohnung zu füttern und ihnen seine Klamotten zu geben.

Sein neuer Boss Steve befielt Ethan und seinen 5 Kubikel-Kollegen, deren Namen alle mit J beginnen, daher J-POD, eine Schildkröte, in das aktuelle Computerspiel einzubauen, die einem Fernsehmoderator ähnelt. Sie beschließen, das zu sabotieren, in dem sie statt dessen einen durchgeknallten dämonischen Clown einbauen.

Irgendwo zwischen den lesbischen Kultmitgliedern und der Rettungsaktion in China von Ethans früherem Boss habe ich den Faden verloren. Vielleicht wurde dieses Buch ein Opfer meines vor Hitze dahinschmelzenden Hirns oder ich habe einfach nicht so wahnsinnig viel Bezug zu computerspielprogrammierenden Entwicklern, irgendwann wollte ich nur noch, das der Wahnsinn endet. Es war unterhaltsam genug, um nicht in der Rubrik „Connection with Reader could not be established zu landen“, aber für eine Weile brauche ich jetzt eine Coupland Pause.

Mein Hirn ist jedenfalls beim Lesen des Buches mehrfach abgestürzt.

So, seid ihr noch da? Ziemlich lang geraten dieser Artikel. Angefangen habe ich mit 100 Grad in der Wohnung, den letzten Satz hier schreibe ich bei Dauerregen und 14 Grad, die verf*** Erkältung habe ich immer noch.

War was dabei für Euch? Kennt ihr eines der Bücher? Lust bekommen eines zu lesen?

#WomeninSciFi (33) The Hunger Games – Suzanne Collins

logo-scifi3

Keine Ahnung, warum ich so lange einen Bogen um diese Trilogie gemacht habe. War es der Hype vor ein paar Jahren oder war es mein Gefühl Shirley Jacksons Kurzgeschichte „The Lottery“ verteidigen zu müssen, bei der für meinen Geschmack doch ganz ordentlich gewildert worden war? Was immer es war, spätestens meine diesjährige Reading Challenge verlangte nach einer Trilogie, „The Hunger Games“ stand schon seit ein paar Jahren im Regal, auch von meiner Herzdame in den höchsten Tönen empfohlen, es sollte also einfach sein. Somit habe ich als vermutlich so ziemlich letzter Mensch auf diesem Planeten die Tribute von Panem gelesen.

IMG_4513

Was soll ich sagen? Ich war überrascht. Es hat mir so viel besser gefallen als erwartet, auch wenn ich nach wie vor der Überzeugung bin, Ms Jackson hätte zumindest eine Erwähnung verdient und niemand sollte die Trilogie lesen, ohne der vielleicht besten Kurzgeschichte der Welt davor oder danach Tribut zu zollen.

Das Reich Panem, früher Nord-Amerika, entstand, nachdem die Bevölkerung aufgrund des Klimawandels und den danach folgenden Kriegen erheblich dezimiert wurde. Panem ist aufgeteilt in zwölf Distrikte, die die Aufgabe haben, die reiche und technisch weit fortgeschrittene Hauptstadt mit Lebensmitteln und allen notwendigen Gütern zu versorgen. Vor vielen Jahren gab es einmal 13 Bezirke, im dreizehnten startete irgendwann eine Revolution, die von der Hauptstadt mit aller Macht niedergeschlagen und der Distrikt und seine Einwohner zerstört wurden.

In Erinnerung an dieses Ereignis und um seine Macht zu demonstrieren veranstaltet die Hauptstadt jedes Jahr die „Hunger Games“: Der Todeskampf von 24 gegeneinander antretenden Teenagern (jeweils ein Mädchen und ein Junge aus jedem Distrikt, die per Lotterie ausgelost werden) in einer riesigen Todesarena, die voller sadistischer Fallen und Fernsehkameras steckt. Big Brother goes Dschungelcamp goes Hunger Games. Die ganze Nation sieht der bizarren Todesshow zu, die Kostüm- und Maskenbildner der Todeskandidaten bringen es zu zweifelhaftem Starkult und der Gewinner – und es kann nur einen Überlebenden geben – kehrt ebenfalls als Star reich und berühmt in seinen Heimatdistrikt zurück.

hr_The_Hunger_Games-_Mockingjay_-_Part_1_69

Foto: giantfreakinrobot

Die sechzehnjährige Katniss Everdeen lebt in Distrikt 12, einem der ärmsten Distrikte. Seit ihr Vater bei einem Minenunglück ums Leben gekommen ist, kümmert sie sich um ihre Mutter und ihre Schwester. Sie geht mit einem Freund illegal zur Jagd und versorgt die Familie so mit Nahrung, ihre Mutter agiert aufgrund ihrer Kräuter- und Heilkenntnisse als Ärztin. Katniss ist tough, die geborene Überlebenskünstlerin und Kämpferin, dabei aber gutherzig und gerecht.

“You don’t forget the face of the person who was your last hope.”

“Destroying things is much easier than making them.”

Bei der Auslosung in Distrikt 12 wird nicht Katniss gewählt, obwohl ihre Chancen hoch waren durch die Anzahl der Lose die sie bereits im Topf hatte, sondern ihre kleine Schwester. Katniss entscheidet, sich für ihre Schwester zu opfern, fest davon überzeugt, dass sie sich damit einem Todesurteil ausliefert, da es seit Jahrzehnten keinen Gewinner mehr aus dem ärmsten Distrikt 12 gegeben hat.

“District 12: Where you can starve to death in safety.”

Ihre Jagderfahrung, ihr guter Menschenverstand und ihre Intelligenz zeigen sich als großer Vorteil im Wettkampf und sie besiegt vieler ihrer reicheren, besser in Kampftechniken und besser ernährten Kontrahenten aus den reicheren Distrikten. Im Laufe des Wettkampfs kommt sie auch dem Jungen aus ihrem Distrikt immer näher ohne sich darüber klarzuwerden, ob sie wirklich in ihn verliebt ist oder ob sie die Liebesgeschichte nur für die Kameras spielt.

„Winning will make you famous. Losing means certain death.

“Kind people have a way of working their way inside me and rooting there.”

“At some point, you have to stop running and turn around and face whoever wants you dead.The hard thing is finding the courage to do it.”

Auch wenn das Konzept nicht wirklich bahnbrechend neu ist und auch die Sprache nicht umwerfend literarisch, für mich kam die Stärke des Buches durch die komplexen Charaktäre, die Collins kreeiert. Sie schafft eine Welt, die erschreckend realistisch ist und eine Heldin, die von der ersten Seite an fasziniert, auch wenn sie oft fürchterlich anstrengend ist. Die Bände zwei und drei beschäftigen sich mit der Revolution, die sich nach Katniss‘ und Peetas Sieg in den Distrikten ausbreitet. Die Folgebände können es an Tempo und Spannung mit dem ersten Band gut aufnehmen.

Wie gerne hätte ich als Jugendliche solch eine Trilogie gelesen, die mir aber auch als Erwachsene viel mehr gegeben hat, als ich es erwartet habe.

Ich habe den ersten Teil der Verfilmung vor Jahren im Kino gesehen, ohne die Bücher zu kennen und stieg nicht wirklich durch. Ich überlege, ob ich mir die Verfilmung jetzt noch einmal anschauen möchte?

Falls jemand zweifelt, ob sich die Trilogie lohnt, klare Empfehlung von mir. Die perfekte Lektüre für stürmische Herbst-Sonntage.

hunger-games

Foto: coinworld

Die Trilogie ist auf deutsch unter dem Titel „Die Tribute von Panem“ im Oetinger Verlag erschienen.

Canada by the Book III

IMG_2455

Und dann lag diese Brücke vor uns und die Zivilisation hatte uns wieder. Nach so viel Wäldern, Tieren und Natur freuten wir uns sehr, wieder Urbanität um uns zu haben. Wir waren sehr gespannt und wurden direkt beim Einchecken im Hotel in Vancouvers friendly gaybourhood sehr positiv überrascht:

 

 

Nicht nur, dass unser Hotel schon aus der Ferne durch seine Regenbogenfahne äußerst symphatisch auf uns wirkte, wir erhielten auch noch ein Upgrade auf eine Suite – so konnte der letzte Abschnitt der Reise gerne beginnen.

Vancouver ist eine wahnsinnig schöne Stadt, an unserem Ankunftstag feierten jede Menge francophine Menschen den WM-Sieg der Franzosen am Strand. Mir ist selten eine offenere, positivere Stadt begegnet, die ganz bestimmt auch ihre Schattenseiten hat, in den paar Tagen die wir da waren, haben wir aber davon nichts mit bekommen.

IMG_2622

Wir haben lecker gegessen, kilometerweit die Stadt durchstreift, ganz wunderbare Stunden im Aquarium und natürlich der beeindruckenden Bibliothek verbracht. Langeweile hatte keine Chance und abends saßen wir bis spät nachts auf dem Balkon im 23. Stock, ließen die Beine durchs Balkongeländer baumeln, tranken Wein und guckten Sterne.

 

 

Zum Abschluß gab es noch mal ein paar Tage entspannende Natur auf Vancouver Island mit ausgiebigen Wanderungen und viel Zeit um einfach nur am Meer zu sitzen.

IMG_2689

Auch auf Vancouver Island gab es eine Menge Bären, was unseren Wanderungen gelegentlich etwas Aufregung bescherte, die konnte schon recht einsam werden die Strecken und plötzlich hört und sieht man überall Bären 😉

IMG_2962

IMG_2963

Selbst am Ende der Welt finde ich noch eine kleine Bibliothek:

IMG_2693

Den letzten Tag verbrachten wir in Victoria, der Hauptstadt von Vancouver Island. Selten ist uns ein Abschied nach einem Urlaub so schwer gefallen. Immer wieder schauen wir mal, was man zu den Einwanderungsbedingungen nach Kanada so finden kann….

 

Man kann natürlich unmöglich nach Kanada reisen ohne Margaret Atwood zu lesen und ich hatte beschlossen das Buch von ihr mitzunehmen, mit dem bei mir vor vielen Jahren das Atwood-Fieber begann. Auch wenn das Buch in Toronto spielt und nicht in Vancouver hat es für die Reise definitiv gepasst:

„Cat Eye“ – Margaret Atwood

 

 

Cat’s Eye ist die Geschichte von Elaine Risley, einer kontroversen Malerin, die für eine Retrospektive ihrer Arbeiten in ihre Heimatstadt Toronto zurückkehrt. Es wird für sie ein Erinnerungstrip in ihre Kindheit und Jugend, der sie an das Mädchen-Trio erinnert, mit denen sie zum allerersten Mal in ihrem Leben in die Geheimnisse von Freundschaft, Sehnsüchten und Betrügereien eingeweiht wird.

Es sind nicht nur positive Erinnerungen, die Wunden, die das Bullying ihrer zeitweise besten Freundin hinterlassen haben, sind tief. Elaine muss sich ihrer Identität als Tochter, Liebhaberin, Künstlerin und Frau bewusst werden und einen Weg finden, mit den quälenden Erinnerungen der Vergangenheit fertig zu werden.

“Another belief of mine: that everyone else my age is an adult, whereas I am merely in disguise.” 

Cat’s Eye ist Atwood at her best. Ein verstörender, mitfühlender, stellenweise irre komischer Roman, den man lange nicht vergessen kann und der auch beim Wiederlesen nichts von seiner aktuellen Prägnanz verloren hat.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Katzenauge“ im Piper Verlag.

Danke, dass ihr solange mit mir in Kanada unterwegs wart. Ein ganz besonderes Land mit großartiger Landschaft und tollen Menschen. Wir werden definitiv wieder kommen – meine heimische Bibliothek hat noch einiges an kanadischen Autoren auf Lager, dass ich mitnehmen kann.

Hier geht es noch mal zum ersten und zweiten Kanada-Bericht.

#WomeninSciFi (32) Future Home of the Living God – Louise Erdrich

IMG_3068

This week my dear Bookclub friend Lynn and I collaborate on this review for Louise Erdrich’s „Future Home of the living God“. Lynn is always insanely busy and asking her for a book review what stress her out, so I sneakily asked her opinion on the discussion we had during Bookclub discussion and this way I managed to get her wonderful writing and ideas without stressing her 😉

Here a quick glance about the book from the editor:

„The world as we know it is ending. Evolution has reversed itself, affecting every living creature on earth. Science cannot stop the world from running backwards, as woman after woman gives birth to infants that appear to be primitive species of humans. Twenty-six-year-old Cedar Hawk Songmaker, adopted daughter of a pair of big-hearted, open-minded Minneapolis liberals, is as disturbed and uncertain as the rest of America around her. But for Cedar, this change is profound and deeply personal. She is four months pregnant.

logo-scifi3

Though she wants to tell the adoptive parents who raised her from infancy, Cedar first feels compelled to find her birth mother, Mary Potts, an Ojibwe living on the reservation, to understand both her and her baby’s origins. As Cedar goes back to her own biological beginnings, society around her begins to disintegrate, fueled by a swelling panic about the end of humanity.

There are rumors of martial law, of Congress confining pregnant women. Of a registry, and rewards for those who turn these wanted women in. Flickering through the chaos are signs of increasing repression: a shaken Cedar witnesses a family wrenched apart when police violently drag a mother from her husband and child in a parking lot. The streets of her neighborhood have been renamed with Bible verses. A stranger answers the phone when she calls her adoptive parents, who have vanished without a trace. It will take all Cedar has to avoid the prying eyes of potential informants and keep her baby safe“

Followed by the brilliant interpretations by Lynn:

First, some general thoughts not specifically related to the Catholicism angle. I spent some time thinking about the quote from The Guardian’s review of the book: “The power of female fertility is simultaneously so mundane as to be overlooked and so significant that it remains the principle battleground in culture and gender wars, a tool or a weapon to be appropriated by those who seek to control the masses. Feminists and writers of speculative fiction have long known this. “The control of women and babies has been a feature of every repressive regime on the planet,” wrote Margaret Atwood earlier this year, on why her 1985 novel The Handmaid’s Tale is resonating so forcefully in the age of Trump.” In thinking about the Margaret Atwood quote, I wondered why this would be a common factor of repressive regimes because there doesn’t seem to be a direct link. I think it’s not so much that political regimes try to control women’s bodies, but that regimes are simply acting in the same way that men in general have acted throughout history when they try to establish power by taking control over a woman. It’s not enough to just control what a woman wears (=headscarves) or does (=the jobs they can have), but the ultimate power is to control the main thing which a woman can do that a man can’t, which is to have a baby.  I think that people who oppose abortion, but at the same time accept capital punishment are not truly concerned about the moral issue of taking a life, but that they cannot accept that an individual woman could be allowed to make a moral decision herself (=is it morally okay to end a pregnancy?) and instead think this needs to be dictated by society, which is largely controlled by men.

Now to the Catholicism angle, which actually isn’t related directly to Catholicism, but the overall Judeo-Christian view of life. It was Eva who screwed things up at the very beginning by being guilty of original sin (tempting Adam to eat the apple) and who caused the fall from paradise. I’m not a bible scholar, but I believe that there are several places in the bible where women are guilty of tempting men to sin. And as far as I can tell, lust and passion are pretty high up on the list of sins. I just did a fast google search of bible quotes and here’s one example: “Put to death therefore what is earthly in you: sexual immorality, impurity, passion, evil desire, and covetousness, which is idolatry.” (Colassians 3:5) Here’s another one I found amusing: “But if they cannot exercise self-control, they should marry. For it is better to marry than to burn with passion.” (1 Corinthians 7:9)

Reading the bible leaves the impression that those telling the stories were uncomfortable with passion and lust and that if somebody was experiencing passion or lust, probably it was a woman’s fault. We then have a dilemma in that a lustful Mary tempting Joseph into bed would not be the ideal parents for the Son of God. Solution: no lust or passion and no Mother of God as a temptress, hence a virgin birth. I think that Erdrich is basically retelling the story of the virgin Mary, showing how you can take a real event and twist it into something else you feel more comfortable with. Cedar’s real name is Mary and she sleeps with Phil (fun fact: the Greek meaning of “phil” is love, e.g. philosophy means love of wisdom). She calls Phil an angel because he has put on costume wings when they sleep together. But Phil is just a normal guy and when he gets tortured he even betrays Mary although he loves her. Who knows, maybe the baby Jesus also had parents just messing around in a costume trunk and the whole reason they started messing around is because Joseph whispered something sexy into Mary’s ear – which later got twisted around to saying that word made her pregnant and it was an angel whispering that word.

So in this book we’ve got a modern day Mary, but now we’ve got a quasi-government taking control over women’s bodies including Mary’s. Plus we’ve also destroyed our planet in the meantime and as a result evolution started going backwards. This means the likelihood of having a modern day Jesus born by a modern day Mary is extremely unlikely, or in other words, the chance of their being a future home (=the womb) for another Son of God (e.g. a living god) is rapidly disappearing.

Having written this, I’ve decided the book is not really criticizing Catholicism, but is retelling the story without the biblical slant, e.g. no need to get rid of the passion or sanitize Mary into becoming a virgin. It’s also showing that by screwing up the planet we put the chance for our redemption at extreme risk. Jesus is our savior, but if he isn’t born in the first place, how can he die for our sins? (I don’t think Erdrich is saying that we literally need a new Jesus, it’s just an analogy.)  In the book, it could be that Mary’s baby (or a future baby) has survived and will turn out to be Jesus who will fix everything, but chances are slim. And then having a bunch of messed up men trying to take control of women’s bodies to solve the crisis is only compounding it. So probably this is the end and we’re not going to have any living god to save us because that living god’s future home was first messed up by our ruining the planet and then further messed up by men trying to get it back under control.

 

 

Canada by the Book II

Die schlappen 3600 km von Montreal nach Calgary wollte ich dann doch nicht, wie zuerst geplant, per Zug zurücklegen, wir hätten sonst unseren Urlaub ein wenig verlängern müssen. Was natürlich grundsätzlich eine wunderbare Sache gewesen wäre, hätte man unendlich viele Urlaubstage. So aber ging es ab in den Flieger und nach etwa 4,5 Stunden landeten wir in der Cowboy-Metropole Calgary. Wir waren platt nach dem Flug, unser Hotel ziemlich außerhalb der Stadt, daher machten wir keinen Abstecher in die Stadt, sondern wälzten Karten und planten die Route der nächsten Tage.

Ich bin sonst nicht so der große Autofahrer, da ich mich da drin immer schnell langweile, aber in Kanada und insbesondere auf der Strecke zwischen Calgary – Banff – Icefield Parkway und Jasper gibt es so unglaublich viel zu sehen.  Hier mal ein paar Impressionen:

 

Die Entfernungen sind gigantisch, man fährt stundenlang an ewigen Wäldern und einer so beeindruckenden Landschaft vorbei, als wäre man permanent in einem National Geographic Magazin mit den Fotos des Jahres.

Das Kanada auch eine beeindruckende Tierwelt zu bieten hat, war mir natürlich klar. Ich dachte aber, wenn wir Bären, Wölfe etc. sehen wollen, dann müssen wir uns ab 4 Uhr früh auf dem Bauchnabel stundenlang in irgendwelchen Büschen verstecken und mit einer Hightech-Kamera-Ausrüstung das weit entfernte Wild erwischen. Das wir quasi permanent Elche, Bären, Rentiere, Murmeltiere etc. sehen, einfach so beim Wandern oder aus dem Autofenster heraus, das hat mich wirklich überrascht.

 

Vom Banff Nationalpark fuhren wir über den Icefield Parkway zum Jasper Nationalpark. Dann ging es weiter nach Clearwater und über Kelowna zum Manning Provincial Park. Ich habe keine Ahnung, wo ich es am schönsten fand. Immer wenn man dachte, jetzt haben wir aber wirklich die schönste Ecke gesehen, kam wieder ein Ausblick um die Ecke, der einem schier den Atem nahm. Wir haben großartige Wanderungen und Radltouren gemacht, sind geschwommen und Kajak gefahren und großen Spaß machte uns auch das Stargazing im Jasper Observatorium. Wir hatten auch wahnsinniges Glück mit dem Wetter. Durchgehend sonnig und teilweise fast etwas zu warm, aber dann gab es ja immer bald wieder einen See oder einen Fluss, in den man springen und sich abkühlen konnte.

Wobei ich zugeben muss, dass wir ab und an in der Einsamkeit der Wälder schon etwas Schiss hatten, einem Bären zu begegnen, zumal wir auch ohne Bärenspray, Trillerpfeife oder sonstigem unterwegs waren. Wenn es uns arg unheimlich wurde, haben wir laut Musik angemacht, denn man soll unbedingt auf sich aufmerksam machen und Bären gibt es wirklich reichlich in den Nationalparks.

 

 

Den einzigen richtigen Regentag hatten wir auf unserem Weg von Jasper nach Clearwater. Nach den grandiosen kanadischen Rocky Mountains waren die stundenlangen Nadelwälder bei tiefgrauem Himmel schon ein bisschen depri.

Ein paar Nächte unseres Urlaubs verbrachten wir in einfachen Motels, in Clearwater hatten wir ein Häuschen an einem See, auf das wir uns grundsätzlich freuten. Aber die Anfahrt dorthin war heftig. Das wir auch noch einen 100 km Umweg fuhren auf einer krassen Schotterpiste half der Laune an dem grauen Dauerregentag nicht wirklich. Zumal wir irgendwann das Gefühl hatten, es hätte eine Zombie-Apokalypse gegeben die wir irgendwie auf unserer einsamen Autofahrt verpasst haben. Stundenlang haben wir keine Menschenseele gesehen. Selbst kleine Örtchen (sprich 2-3 Häuser) lagen vollkommen verlassen da und wir hätte sehr gerne mal nach dem Weg gefragt. Aber am Ende war alles gut. Wir wurden mit einem Traumhäuschen am See belohnt, Menschen tauchten auch wieder auf und am Abend kam sogar die Sonne raus.

 

Auch für diesen Strecken-Abschnitt hatte ich natürlich lektüretechnisch vorgesorgt. Es gibt wirklich kein besseres Werk als Annie Proulx „Barkskins“ das einem die Geschichte Kanadas und seiner Einwohner näherbringt.

IMG_2866

Ende des 17. Jahrhunderts kommen zwei junge arme Franzosen, René Sel und Charles Duquet, in New Frankreich an. Drei Jahre lang müssen sie einem Feudallord, einem „Seigneur“, zu Diensten stehen, um von ihm ein Stück Land zu bekommen. Die beiden arbeiten für ihn als Holzfäller, „Barkskins“ genannt. René erträgt ziemliche Qualen im Wald, den er lichten soll. Sein Seigneur zwingt ihn dazu, eine Mi’kmaw Frau zu heiraten und seine Nachfahren sind zwischen den beiden sich feindselig gegenüberstehenden Kulturen gefangen.

Duquet dagegen ist ein ziemlich durchtriebener gewissenloser Typ. Er brennt eines Tages durch, schließt sich ein paar Pelzhändlern an und steigt später ins Holzgeschäft ein.

Proulx erzählt die  Geschichte der Nachfahren von Sel und Duquet über die nächsten 300 Jahre – ihre Reise von Kanada über Nordamerika, nach Europa, China und Neuseeland teilweise unter heftigsten Bedingungen. Sie erzählt von Rache, Unfällen, Seuchen, Indianer-Überfällen und über die fast komplette kulturelle Auslöschung der kanadischen Ureinwohner. Wieder und wieder nehmen die Siedler sich von jeder Ressource soviel sie nur können, in dem irrigen Glauben, es mit unendlichen Vorräten zu tun zu haben. Ihre späteren Nachfahren bringen es fast an den Rand des ökologischen Kollaps.

There were fewer Mi’kmaq every year and whitemen laughed and said with satisfaction that in forty more years they would be gone, gone like the Beothuk, vanished from the earth. It seemed true. There had never been so few Mi’kmaq since the beginning of time, less than fifteen hundred, the remains of a people who had numbered more than one hundred thousand in the time before the whitemen came.

“How big is this forest?” asked Duquet in his whinging treble voice. He was scarcely bigger than a child. 
“It is the forest of the world. It is infinite. It twists around as a snake swallows its own tail and has no end and no beginning. No one has ever seen its farthest dimension.”

Der eigentliche Protagonist in diesem epischen Werk ist der Wald. Ein Buch, das wirklich prädestiniert dazu ist, in den kanadischen Wäldern gelesen zu werden. Es ist aber kein einfaches Buch. Wie fast alle Bücher von Annie Proulx ist da was schroffes, kantiges, an das man sich gewöhnen muss.

Ich bin den Charakteren im Buch nicht wirklich nahe gekommen, kam mir mehr wie ein Beobachter am Rande vor. Aber trotz der emotionalen Distanz war das ein großartiges Buch insbesondere, wenn man sich für die Geschichte Kanadas und seiner Ureinwohner interessiert.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Aus hartem Holz“ im Luchterhand Verlag.

Nach einem Treffen mit Freunden in Kelowna, die mit ihrem Camper aus Seattle rübergefahren waren, verbrachten wir noch etwas Zeit im Manning Provincial Park. Dann ging es wieder in eine richtige Großstadt, nach soviel Natur hab ich mich auch durchaus darauf gefreut …

Von unserem letzten Teil der Reise nach Vancouver und Vancouver Island würde ich euch im dritten Teil berichten, falls ihr noch Lust habt.

Hier geht es noch zu den Berichten über die erste und dritte Etappe unserer Kanada-Reise.