A Woman looking at Men looking at Women – Siri Hustvedt

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Siri und ich haben fast einen ganzen Monat miteinander verbracht, das war eine überaus spannende und intensive Zeit, ich habe so wahnsinnig viel gelernt und weiß gar nicht, wo ich mit meiner Rezension beginnen soll….

Siri Hustvedt versucht mit diesem Buch eine Brücke zu schlagen zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften und allein das finde ich so inspirierend und wunderbar. Für mich macht das eine ohne das andere fast keinen Sinn und ich mag die Verknüpfung sehr. Die Essays decken eine enorme Bandbreite an Themen: Kunst, Feminismus, Psychologie, Philosophie, Neurowissenschaften, Artifical Intelligence … und nach jedem Kapitel brauchte ich erst mal eine kurze Pause zum Durchschnaufen, googeln, um mich mit Hintergrundwissen zu den jeweiligen Künstlern, Philosophen etc. zu versorgen. Sie gesteht keiner der Disziplinen absolute Wahrheit zu und das genau macht ihre Essays so spannend.

Hustvedt hat sich immer schon für Biologie interessiert und dafür, wie Wahrnehmung und Erkenntnis funktioniert. Das Buch selbst ist in 3 Teile aufgeteilt. Der erste Teil „A Woman Looking at Men Looking at Women“ beschäftigt sich mit dem Thema Voreingenommenheit (Biases) mit Blick auf Wahrnehmung und Gender in der Kunst, der Literatur und der Welt im Allgemeinen. Dabei untersucht sie, Künstler wie Picasso, De Kooning, Louise Bourgoise, Susan Sontag, Karl Ove Knausgaard, Robert Maplethorpe und andere. Überaus spannend und gerade, weil ich von Kunst viel zu wenig Ahnung habe, viel Neues für mich. Louise Bourgoise insbesondere ist eine Künstlerin, deren Entdeckung ich Siri Hustvedt verdanke und die mich sehr fasziniert.

19 feb siri hustvedt

Der zweite Teil „The Delusions of Certainty“ beschäftigt sich mit dem uralten Leib/Seele Problem, das der Menschheit schon seit den Zeiten der alten Griechen schlaflose Nächte bereitet. Es geht um das Bewusstsein und sie beleuchtet es aus einer Vielzahl an Perspektiven. Ist das Bewusstsein das Gleiche wie das Hirn und wenn nicht, wo genau sitzt das Bewusstsein im Körper? Und was genau hat das Bewusstsein mit dem Körper zu tun? Hier ist mir vom Denken gelegentlich schwindelig geworden – es ist klasse, wenn man quasi spürt, wie Gehirnzellen Sex haben und neue Gedanken produzieren.

“The best works of art are never innocuous: they alter the viewer’s perceptual predictions. It is only when the patterns of our vision are disrupted that we truly pay attention and must ask ourselves what we are looking at.” 

Im dritten und letzten Teil geht es um die Frage „What are we?“, Vorträge zum Thema Conditio Humana, neurologische Erkrankungen und um Hysterie. Sie stellt Forschungsergebnisse aus den Bereichen Soziologie, Neurobiolgoie, Geschichte, Genetik, Statistik und Psychologie vor und beschäftigt sich in diesem Kapitel auch sehr tiefgreifend mit dem Thema Suizid.

Beim Lesen ihrer Essays hat man das Gefühl, Siri persönlich kennenzulernen. Sie öffnet sich ihren Lesern sehr, lässt uns teilhaben an ihren Studien und ihrer persönlichen Weiterentwicklung. Sie hat eine wunderbare zugängliche Art zu schreiben, auch wenn die Lektüre teilweise alles andere als einfach war. Ich mochte ihre persönlichen Details die sie teilt, wenn sie über ihre Tochter schreibt oder ihre Eltern, wie sie aufgewachsen ist.

“The history of art is full of women lying around naked for erotic consumption by men.” 

Besonders interessant fand ich, dass sie an den Büchern von Steven Pinker (den ich ja kürzlich mit großer Begeisterung las) viel auszusetzen hat und gerade das fand ich interessant. Nachzuvollziehen, wo die unterschiedlichen Blickwinkel liegen, zu versuchen, gleichzeitig zwei unterschiedliche Thesen im Kopf zu behalten und dem Wunsch nach schwarz/weiß – richtig/falsch zu widerstehen, und sich stattdessen darauf einzulassen, einfach zu lernen, nicht final entscheiden zu müssen. Es ist Hustvedt ein großes Anliegen, die Kluft zwischen den beiden Disziplinen zu überbrücken, ein Anliegen, das mir auch sehr am Herzen liegt. Ich finde es soooo schade, wie viele Naturwissenschaftler wenig Interesse an Kunst und Kultur haben, fürchte aber, dass es „in der Kultur“ fast noch schlimmer aussieht, wo es fast schon en vogue ist, sich nicht für Physik, Mathematik oder andere Naturwissenschaften zu interessieren.

“In order to be accepted, women must compensate for their ambition and strength by being nice. Men don’t have to be nearly as much d as women. I do not believe women are natively nicer than men. They may learn that niceness brings rewards and hat names ambition is often punished. They may ingratiate themselves because such behavior is rewarded and a strategy of stealth may lead to better results than being forthright, but even when women are open and direct, they are not always seen or heard.” 

Ich fand es faszinierend darüber nachzudenken, wo und wie die Naturwissenschaft Einfluss auf uns im täglichen Leben hat mit Blick auf Computer, Mobiltelefone, Elektrizität, künstlicher Intelligenz und umgekehrt der Einfluss der Geisteswissenschaften auf unser Leben in der Literatur, der Kunst, Geschichte, Philosophie, Poesie, Tanz etc.

Wir müssen uns nicht zwischen den beiden entscheiden und ich wünschte mir, „Science + Art“ würden viel stärker miteinander arbeiten, statt gegeneinander.

Siri Hustvedts Essays sind auf keinen Fall leichte Kost, sie zwingen uns zum Nachdenken. Ich fand insbesondere die Frage spannend, warum die Naturwissenschaften immer als hart und maskulin, die Geisteswissenschaften als weich und feminin klassifiziert werden und welchen Einfluss das auf uns und unsere Voreingenommenheit hat.

Hustvedt kann sich ganz und gar nicht mit dem gängigen Gebrauch von Computer-Terminologie in Bezug auf unser Hirn anfreunden und sie zerlegt diese Argumente recht eindrucksvoll. Gleichermassen zerlegt sie Aussagen zu biologischen und psychologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern.

Die Stärke und Klarheit von Hustvedts Denken gibt mir Zuversicht in unsere Spezies. Sie ermuntert uns, Vertrauen in unsere Instinkte zu haben, gleichzeitig aber kritisch auf mögliche Fehlinterpretationen zu achten und Bauchgefühl mit Daten zu untermauern. Wahrheiten können Fiktionen sein und es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir die Faktenlage kritisch checken und bereit sind, lieb gewonnene Überzeugungen zu hinterfragen.

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Ich habe mich beim Lesen ein bisschen in Siris Hirn verliebt und hoffe, ich habe noch mal Gelegenheit, sie live auf einer Lesung oder einem Vortrag zu treffen. Dieses Buch ist Hirngymnastik pur. Tun Sie sich und Ihrem Hirn einen Gefallen und lesen Sie es. Man spürt beim Lesen, wie die Synapsen qualmen, das Gehirn dehnt sich auf ungeahnte Ausmaße aus und kehrt danach nie wieder in seine ursprüngliche Form zurück.

“There is no perception without memory. But good art surprise us. Good art reorients our expectations, forces us to break the pattern, to see in a new way.” 

 

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#WomeninSciFi (17) Der Report der Magd von Margaret Atwood oder Gilead ist überall

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Janine vom Blog „Frau Hemingway“ hat einen Literaturblog, auf dem ich mich wunderbar heimisch fühle. Ich streife an ihren Regalen entlang, nehme hier mal ein Buch raus, freue mich da wieder über eines, dass ich auch habe und bin ein wenig neidisch auf ihren Lesesessel, der unglaublich bequem aussieht und das coole Moby Dick Poster.

Sie hat sich mit Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ der wohl realistischsten und bedrohlichsten Dystopie gewidmet, die die Science Fiction Welt so zu bieten hat. Auf nach Gilead also, auch wenn es weh tut – hoffen wir, dass wir es so weit nie werden kommen lassen:

Nachdem Desfred zum ersten Mal das „Ritual“ über sich ergehen lassen hat, musste ich die Serie kurz pausieren und meinem Blick vom Fernseher abwenden. Das „Ritual“ findet an den fruchtbaren Tagen Desfreds statt und dabei versucht der Kommandant Fred, in dessen Haus Desfred leben muss, sie zu schwängern während die Ehefrau des Kommandanten Desfreds Hände festhält. Der Kommandant und dessen Frau tun so als würden eigentlich sie ein Kind zeugen; die Magd Desfred ist überhaupt nicht anwesend, obwohl sie gerade vergewaltigt wird. Es ist sowohl im Buch „Der Report der Magd“ als auch in der Serie „The Handmaid´s Tale“ eine sehr intensive und zugleich beängstigende Szene, leider gibt es von dieser Art Szene bei Margaret Atwood genügend und mein Herz würde auch in den neun weiteren Folgen der Serie nicht zur Ruhe kommen.

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Foto: Piper Verlag

„Der Report der Magd“ handelt von der Republik Gilead, die durch einen Staatsstreich von einer christlich-fundamentalistischen Gruppierung in den Vereinigten Staaten gegründet wird. Die Regeln dieses Staates sind sehr strikt und die Bibel dient als Rechtfertigung für alles. Am schlimmsten sieht es für die Frauen aus: Sie dürfen nichts besitzen, haben keinerlei Mitspracherecht und müssen die Rolle der kindergebärenden Hausfrau übernehmen. Das heißt, wenn die Frau noch Kinder gebären kann, denn ein Großteil kann es nicht mehr. Aus diesem Grund kommt Desfred auch so eine besondere Rolle als Magd zu. Die Mägde sind Frauen, die vor der Gründung Gileads bereits ein Kind geboren und also bewiesen haben, dass sie zeugungsfähig sind.

Gilead ist überall

Obwohl „Der Report der Magd“ in der Zukunft spielt, streitet Margaret Atwood vehement ab, dass ihr Buch Science-Fiction sei. Margaret Atwood definiert Science-Fiction als etwas, dass passiert, obwohl es heute noch nicht möglich ist. Das ist in „Der Report der Magd“ schlicht nicht der Fall, weil alles, was darin passiert, gab es bereits in der Vergangenheit oder gibt es in der Gegenwart. Die Geschichte von Desfred ist weitergesponnene Gegenwart und das macht Margaret Atwood sehr eindrucksvoll.

Besser als im Buch kommt dieser Punkt jedoch in der Serie zur Geltung: Hier lässt sich mittels der Rückblenden sehr leicht nachvollziehen, wie sich eine demokratische Gesellschaft in einen totalitären Staat verwandelt. Zum Beispiel wurde zuerst das Wahlrecht beschnitten, dann durften sämtliche Frauen kein eigenes Geld mehr haben und am Ende durften sie durch ein Berufsverbot auch nicht mehr arbeiten. Der Prozess von ein paar kleinen Gesetzesänderungen bis hin zu Desfreds gesellschaftlich-akzeptierten Gefangenschaft war schleichend und erinnert stark an das „Boiling Frog Paradigma“. Hierbei wird ein Frosch in einen Topf mit angenehm-temperierten Wasser gesetzt, anschließend wird dieses Wasser sehr langsam erhitzt und der Frosch wird sterben, weil er lebendig gekocht wird, aber eben nicht aus dem Topf springt. Der Mensch in einer Gesellschaft ist oftmals genauso lethargisch.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass Gilead auch hier sein könnte. Gilead könnte zu jeder Zeit überall entstehen. Es ist ein furchtbarer Gedanke, aber er kommt beim Lesen des Buchs oder Sehen der Serie immer mal wieder in den Vordergrund. Es wird zwar die Geschichte Desfreds erzählt, aber genauso gut könnten es auch du und ich sein, die gemeinsam zu einer Zusammenkunft der Mägde gehen, um jemanden steinigen zu müssen, der vermeintlich ein Verbrechen begangen oder auch einfach bei diesem ganzen Wahnsinn nicht mehr mitgespielt hat.

Mehr von Gilead:

  • Buch „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood (ISBN: 978-3492311168, Taschenbuch, Piper Verlag, 12,00 €)
  • Essay „Wie Utopia entstand“ im Buch „Aus Neugier und Leidenschaft – Gesammelte Essays“ von Margaret Atwood (ISBN: 978-3827006660, Hardcover, Berlin Verlag, 28,00 €)
  • DVD „The Handmaid´s Tale“ (Komplette Serie, 21,99 €)

Hier noch der link zur Rezension der englischen Folio-Ausgabe von „The Handmaid’s Tale“.

#WomeninSciFi (15) Zwischen zwei Welten – Becky Chambers

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Es ist mir ein Rätsel wie Jarg von „Jargs Blog“ die Zeit findet die Bücher, Filme, Musik etc nicht nur zu konsumieren, sondern auch souverän zu rezensieren, denn dieser Mann ist eigentlich nur auf dem Fahrrad. Ich staune immer wieder wenn er eben mal so unter der Woche 80km mit dem Radl abschruppt und ich hätte riesige Lust irgendwann mal mein Radl mit in den Norden zu nehmen und mich in seinen Windschatten zu hängen.

Ich habe ob all dem Programm vorsichtig angeklopft, ob da vielleicht Zeit und Lust für einen SciFi Gastbeitrag hier ist und habe mich sooo gefreut, dass das direkt erfolgreich war. Den ersten Band Reihe hatte sich schon Thursday Next von „Feiner Reiner Buchstoff“ unter den Nagel gerissen, aber der zweite ging ganz klar an Jarg. Ich freue mich, dass Jarg uns jetzt wieder mit in die unendlichen Weiten entführt. Macht Euch bereit für eine spannende Space Opera, anschnallen und los gehts:

Eigentlich ist es ganz leicht zu verstehen“, sagte Pepper. Sie streckte die Beine aus und legte die Fußknöchel übereinander. „Es ist das Gleiche, was die Verbesserten uns Fabrikkindern angetan haben. Es ist das Gleiche, was die Harmagianer den Akaraks angetan haben oder den Felasens oder einer der anderen Spezies, die sie unterjocht haben. Und ihr Äluoner, ihr habt die KIs doch überhaupt erst erfunden. Empfindungsfähigen Code gibt es erst, seit ihr ihn geschrieben habt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Leben ist etwas Beängstigendes. Keiner von uns hier besitzt das Regelbuch. Keiner von uns weiß, was wir hier eigentlich machen. Und all das Beängstigende kann man noch am ehesten aushalten, wenn man glaubt, die Kontrolle zu haben. Wer glaubt, die Kontrolle zu haben, der meint, er wäre ganz oben, und wenn man ganz oben ist, dann sind die Leute, die anders sind als man selbst … nun, die müssen dann irgendwo unter einem stehen, nicht wahr? Alle Spezies tun das. Sie tun es immer und immer wieder. Es spielt keine Rolle, ob sie es sich gegenseitig antun oder einer anderen Spezies oder jemandem, den sie erschaffen haben.“ Sie nickte zu Tak. “ Du hast doch Geschichte studiert. Du weißt Bescheid. Die ganze Geschichte ist eine endlose, unüberschaubare Abfolge der schrecklichen Dinge, die wir einander angetan haben.“

„Nicht die ganze Geschichte“, wandte Tak ein. „Vieles davon, ja. Aber es gibt auch Dinge, die gut sind. Es gibt Kunst und Städte und Wissenschaft. All das, was wir entdeckt haben. All das, was wir gelernt und verbessert haben.“ (S. 414)

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Als KI-System des Raumschiffs Wayfarer war Lovelace praktisch mit allem verbunden: mit ihrem Schiff, den Raumfahrern, für deren Schutz und Wohl sie da war und mit allem Wissen der Welt. Sie war gleichzeitig in allen Räumen des Schiffes und für die Besatzungsmitglieder mehr Vertraute als künstliches System. Doch als die Wayfarer in Not geriet, konnte nur ein Reboot sie retten (zur Vorgeschichte vgl. „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“).

Jetzt ist alles anders: sie findet sich in einem menschenähnlichen Bodykit gefangen, in ihrer Sensorik und ihren Möglichkeiten äußerst beschränkt und überdies der Gefahr ausgesetzt, jederzeit enttarnt und zerstört zu werden: denn künstliche Intelligenzen dürfen in er Galaktischen Union nicht in künstlichen, menschenähnlichen Körpern installiert werden. Zum Glück steht die Technikerin Pepper an ihrer Seit: Pepper und ihr Partner Blue bringen Lovelace nach Port Coriol und riskieren alles, damit Lovelace sich in der neuen, verwirrenden Situation zurechtfindet.

Doch das erweist sich als schwierig, denn Lovelace ist hin- und hergerissen zwischen ihrer verlorenen, weitgehend ausgelöschten Existenz als Raumschiff-KI, als sie eine klare Bestimmung hatte, und der neuen Existenz als eigenständiges Wesen im chaotischen, von unterschiedlichsten Spezies bevölkerten Port Coriol. Ihr Glück ist, dass Pepper weiß, wie es sich anfühlt, ohne Bestimmung zu sein und sich plötzlich in eine neue Welt versetzt zu sehen: sie wurde selbst von einer KI großgezogen.

Becky Chambers, die uns in „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ an Bord der Wayfarer und ihrer bunt aus verschiedenen Spezies zusammengewürfelten Crew in ein ganz eigenes SciFi-Universum entführt hat, gelingt mit „Zwischen zwei Sternen“ ein gelungener Ableger, der zwar auf der Vorgeschichte aufbaut, letztlich einen anderen Fokus setzt. Geschickt verschränkt die Autorin die in der Gegenwart spielende Geschichte von Lovelace, die sich in ihrem Bodykit gefangen fühlt und sich im weiteren Verlauf Sidra nennen wird, und der traurigen Vorgeschichte der chaotischen Technikerin Pepper, die als Kind ganz genau zu wissen schien, wo ihr Platz in der Welt war, bis ihre Neugier sie aus der eng umgrenzten Welt ihrer Kindheit herausschleuderte und sie sich ihren Platz neu erkämpfen musste.

Im Gegensatz zum ersten Teil der Wayfarer-Reihe, der den Fokus der Erzählung auf Toleranz und Miteinander setzte, dreht es sich in „Zwischen zwei Sternen“, mehr um Identität und Sinn, aber auch um den Wert von Freundschaft. Überaus anschaulich und einfühlsam widmet sich Chambers, Tochter einer Astrobiologin und eines Raumfahrttechnikers, dabei der Frage der Grenze zwischen Mensch und Maschine und findet mit Lovelace/Sidra eine überaus überzeugende Protagonistin für die hypothetische, literarisch aber mit großer Glaubwürdigkeit und Kraft dargestellte Frage, was passiert, wenn Künstliche Intelligenz Bewusstsein und Emotion entwickelt. Rasch wird deutlich, dass die sich im Bodykit gefangen und von ihren früheren Möglichkeiten abgeschnitten fühlende KI und Pepper mit ihrer Vorgeschichte mehr gemeinsam als gedacht: letztlich spiegelt sich in beiden Protagonistinnen die Frage nach dem Sinn, der eigenen Bestimmung wieder, auf die Lovelace/Sidra am Ende eine Antwort findet, die alle Spezies bis hin einer zu Bewusstsein und Identität ausbildenden KI vereint.

Sidra ordnete ihre kognitiven Bahnen, um die richtigen Worte zu finden. „Ihr alle tut das. Jedes organische, intelligente Wesen, mit dem ich je gesprochen habe, jedes Buch, dass ich gelesen habe, jedes Kunstwerk, das ich betrachtet habe. Ihr sucht verzweifelt nach einer Bestimmung, obwohl ihr keine habt. Ihr seid Tiere, und Tiere haben keine Bestimmung. Tiere existieren einfach. Und es gibt eine Menge intelligente – vielleicht sogar empfindungsfähige – Tiere da draußen, die keinerlei Problem damit haben. Sie atmen einfach und paaren sich und fressen sich gegenseitig, ohne weiter darüber nachzudenken. Aber Tiere wie ihr – diejenigen, die Werkzeuge herstellen und Städte bauen und einen Forscherdrang haben – ihr habt alle eine Bedürfnis nach Bestimmung. Nach einem Sinn. Früher mal hat diese Denkweise für euch ganz gut funktioniert. Als ihr von den Bäumen heruntergeklettert, als ihr dem Ozean entstiegen seid – da half euch Wissen, wozu die Dinge da sind, beim Überleben. Obst ist zum Essen da. Feuer für die Wärme. Wasser zum Trinken. Und dann habt ihr Werkzeuge hergestellt, die für bestimmte Obstsorten bestimmt waren, um Feuer zu machen, um Wasser zu filtern. Alles war für irgendetwas da, also musstet ihr natürlich auch für irgendetwas da sein, nicht wahr? Im Grunde verlief die Geschichte bei euch allen gleich. Es ist jedes Mal eine Geschichte von Tieren, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, weil ihr euch nicht darauf einigen könnt, wofür ihr da seid oder warum ihr existiert.

Und weil ihr alle so denkt, denken wir, die ihr als eigenständig denkende Werkzeuge gebaut habt, genauso wie ihr. Ihr konntet nichts erschaffen, was anders denkt als ihr, weil ihr nicht wisst, wie das geht. Deswegen stecke ich in dieser Schleife fest, genau wie du auch. Ich weiß, daß ich als Individuum im Grunde keine Bestimmung habe, aber ich dürfte nach einer. Nachdem ich euch alle beobachtet habe, weiß ich, dass ich diese Datei nur füllen kann, indem ich sie selbst schreibe.“ (S. 442ff)

Chambers zeigt erneut, dass sie nicht nur unterhaltsame, sondern auch intelligente Science-Fiction zu schreiben versteht, die sich ausserdem trotz aller auch in der fiktiven Galaktischen Union bestehenden Probleme durch ein optimistischen Grundton auszeichnet. Die Verbindung von technischer Spekulation am Beispiel der KI Lovelace/Sidra, die ein eigenes Bewußtsein entwickelt hat, mit der allgemein menschlichen – oder besser: speziesimmamenten – Frage nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Aufgabe erweist sich dabei als roter Faden des Buches. Am Ende der Geschichte werden Parallelen und Unterschiede in den Lebensgeschichten von Pepper und Lovelace/Sidra sichtbar, sind sie einander auch durch das den furiosen Abschluss bildende Finale einander näher als zu Beginn.

Was Chambers besonders macht, ist die emotionale und charakterliche Tiefe der Figuren: schnell identifiziert man sich mit den nachvollziehbar gezeichneten Figuren und kann ihrer erkennbaren Weiterentwicklung und Veränderung nachvollziehbar folgen. Die fantasievoll und detailreich ausgemalte Welt der Galaktischen Union mit ihren vielen Spezies und Ritualen trägt ein Übriges dazu bei, dass aus „Zwischen zwei Sternen“ ein überaus unterhaltsames, anregendes und spannendes Buch geworden ist, das seinen Reiz nicht aus genreüblicher Action, sondern aus den Figuren und ihren Interaktionen in einer plastisch geschilderten fernen Welt bezieht. Dabei berührt sie auch hier wie im ersten Band Themen von sozialer und gesellschaftlicher Relevanz (Geschlechteridentität, Rassismus, Toleranz, Krieg), setzt sie aber nicht dem derzeit modischen dystopischen Blick in Düstere aus, sondern wendet sie positiv.

Klare Leseempfehlung also auch für den zweiten Teil der Wayfarer-Reihe, verbunden mit dem Hinweis, dass im Sommer wohl unter dem Titel „Record of a Spaceborn Few“ der nächste Teil erscheint. Man darf nach der Lektüre von „Zwischen zwei Sternen“ gespannt sein und uns eine rasche Übertragung ins Deutsche wünschen.

Zwischen zwei Sternen / Becky Chambers. Deutsch von Karin Will.

ISBN 9783596035694

Verlag FISCHER Tor

Erscheinungsdatum 25.01.2018

 

#WomeninSciFi (14) Die Stunde der Rotkehlchen – Jo Walton

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Das Bloggerkombinat „Feiner Reiner Buchstoff“ ist schon mit dem zweiten Beitrag für diese Reihe vertreten und ich freue mich sehr darüber. Ralf ist bei den „üblichen Verdächtigen“ häufig mit Büchern aus dem Bereich Science Fiction vertreten und heute stellt er Jo Walton vor, eine Science Fiction Autorin, die mit ihrem Roman „Die Stunde der Rotkehlchen“ sehr gekonnt mit dem beliebten SciFi Gimmick „Alternative Zeitlinie“ spielt.

Um die Gegenwart zu begreifen, ist es unumgänglich, die Vergangenheit zu kennen. Das gilt sowohl für Menschen, als auch für die Geschichte. Geschichte und die Reaktionen der Menschen wiederholen sich und so erkennt man bestimmte Verhaltensmuster von Menschen, aber auch der Geschichte sehr schnell wieder. Wichtig ist ein Gesamtüberblick, der sich aus der Gegenwart nicht immer entschlüsseln lässt. Erst rückblickend wird Geschichte umfassend verstanden. Nichtsdestotrotz begehen wir als Menschen und Menschheit aber auch immer dieselben Fehler. Danach will man es natürlich gewusst haben. Klar. Und dann beginnt das Jammern, hätte man nicht dieses oder jenes … Fehler sollten nicht noch einmal begangen werden.

In der Literatur wird das Thema ‚Was wäre wenn?‘ gerne in den sogenannten ‚Parallelwelten‘ aufgenommen. Dieses Thema beschäftigte schon die alten Griechen in der Antike und dient sicherlich auch der Aufarbeitung von Geschichte. Thema des vorliegenden Buches ist die Hypothese, dass Hitler im zweiten Weltkrieg Frieden mit England geschlossen hat, um sich ganz dem großen Feind, dem Bolschewismus, zu widmen. Dieser Friede, auch ‚Farthing-Friede‘, wurde von einer kleinen Geheimgesellschaft initiiert, die sich in England gebildet hat. Hauptinitiator des Friedens war 1941 Sir James Thirkie, der acht Jahre später plötzlich tot auf dem Landsitz der Familie Farthing aufgefunden wird.

Wie auch in ihrem prämierten Buch: „In einer anderen Welt“ baut Jo Walton den Kriminalfall, diesmal aus der Sicht von zwei Personen, in tagebuchähnlicher Form, behutsam auf. Lucy ist die Tochter des Hauses Farthing und hat sich durch ihre Liebesheirat mit dem Juden David keine gesellschaftlichen Freunde geschaffen. Juden sind in England zwar geduldet, aber wegen des Friedens mit Hitler, der diese auf dem Kontinent interniert und verfolgt, immer ein Dorn im Auge der Engländer. Lucy hat ihren eigenen Kopf und die Angst um ihren Mann und die Abtrennung von ihren gesellschaftlichen, engen Wurzeln bestimmen ihr Denken und Tun.

Das England des Jahres 1949 ist noch stark vom Adel und der englischen Gesellschaft geprägt. Inspektor Carmichael von Scotland Yard, welches bei diesem hochbrisanten, politischen Mord, hinzugezogen wurde, ist der zweite Ich-Erzähler dieses Buches. Er hat einen sehr wachen Geist und merkt schnell, dass dieser Fall ihm über den Kopf wächst, ja, dass über seinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden. Im Grunde genommen geht es nicht darum, den wirklich Schuldigen des Mordes zu finden. Es geht darum, den politisch richtigen Schuldigen zu finden.

Jo Walton führt den Leser behutsam in ihre Alternativwelt ein und verknüpft diese geschickt mit dem Mordfall, um dem Leser Hintergrundinformationen ihrer Welt zu liefern. Ihre sehr empathische Art zu schreiben lässt die Personen sehr warm und nahe wirken. Die eingeflochtenen Beschreibungen der herrschenden Zustände in England und auf der Welt sind sehr schlüssig und wirken nie aufdringlich. Man hat wirklich das Gefühl so und nicht anders hätte es durchaus ablaufen können.

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Damit kommen wir zu einem sehr perfiden Punkt des Buches. Die Schrecken und Toten des zweiten Weltkrieges und des Naziregimes sind bekannt. Wäre es, nachträglich gesehen besser gewesen, Hitler hätte den Frieden mit England gehalten, was sicherlich ein klügerer Schachzug, als ein Krieg an allen Fronten gewesen wäre, oder ist ein Ende mit Schrecken, wie es abgelaufen ist, dieser Alternativwelt vorzuziehen? Diese Frage ist deswegen so perfide, weil so oder so, beides ein leidvolles und schreckliches Erlebnis bedeuten würde. Und die Frage nach Pest oder Cholera erübrigt sich.

Als Widmung stellt Jo Walton folgendes vorab:

„Für alle, die sich jemals mit den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte beschäftigt haben, schaudernd eigentlich, doch vor Überraschungen sicher, als ginge es um die Autopsie eines toten Drachen, nur um im nächsten Augenblick den sehr lebendigen Nachkommen des Drachen gegenüberzustehen und ihnen ins offene Maul zu starren.“

Diese hintergründig lauernde Heimtücke der geschichtlichen Bedeutung, gepaart mit dem wirklich schönen sanften Schreibstil macht dieses Buch zu einem bemerkenswerten Beispiel von gedankenvoller und hintergründiger Literatur. Eine echte Perle, die der Golkonda Verlag liebevoll im Hardcover neu aufgelegt hat. Das erste Buch der Serie um Inspektor Carmichael.

„Die Stunde der Rotkehlchen“ ist im Golkonda Verlag erschienen.

Enlightenment Now – Steven Pinker

Pinker

Optimismus und positives Denken sind einfach nicht cool, wer etwas auf sich hält, sieht die Welt als einen Ort voller ungelöster und unlösbarer Probleme und Risiken, wer die Welt positiver sieht, den hält man gerne schon mal für einen für einen naiven Deppen ohne jede Fähigkeit zum kritischen Denken.

Schon John Stuart Mill, ein eher optimistischer Philosoph, beobachtete das und schrieb dazu im Jahr 1828:

“I have observed that not the man who hopes when others despair, but the man who despairs when others hope, is admired by a large class of persons as a sage.”

Auch in Voltaires „Candide“ bekommt der Optimismus die Fresse voll, auch wenn es sich nach Pinkers Meinung gar nicht wirklich um Optimismus handelt in diesem Fall, denn wer glaubt, die Welt ist schon so gut wie sie nur sein kann, der denkt eher fatalistisch, dann akzeptiert man einfach was ist, ein echter Optimist würde eher sagen: „auch wenn die Welt nie perfekt sein wird, vieles kann verbessert werden wenn wir daran arbeiten.“ In diesem Sinne bin ich ein echter Optimist und habe mich sehr gefreut, in Herrn Pinker einen Verwandten im Geiste getroffen zu haben.

In “Enlightenment Now” argumentiert Pinker unterstützt durch Unmengen an Daten, dass unser Leben deutlich besser geworden ist und nicht deutlich schlechter, auch wenn viele das Gefühl haben. Die Menschen sind global gesehen gesünder, sicherer, weniger gewalttätig, besser gebildet, toleranter geworden, leben länger und haben in der Regel erfülltere Leben.

Es ist zwar krass, dass es überhaupt nötig, ist Prinzipien wie Vernunft, Humanismus, Wissenschaft und Fortschritt zu verteidigen, aber wo wären wir als Menschheit ohne diese Prinzipien. Wie weit wir bereits gekommen sind, zeigt Pinker in seinem Buch, in dem er diese Entwicklung chronologisch erklärt und damit den „common sense“ des Öfteren heftigst zum Vibrieren bringt.

Schleche Nachrichten sind überall, machen einfach die besseren Schlagzeilen und sind in aller Munde, auch viele Intellektuelle üben sich mittlerweile derart in Schwarzmalerei und versuchen uns davon zu überzeugen, dass die Welt ein immer schrecklicherer, dunkler, gefährlicherer Ort wird, wenn in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall ist. Natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber ein deutlich besserer Ort, als uns viele glauben machen wollen und das führt dann zu so katastrophalen Setbacks wie Trump oder dem Erstarken der Rechten, der neuen Gesellschaftsfähigkeit von rechtskonservativen Ideen oder auch für ganz Durchgeknallte wie die Klimawandel-Abstreiter oder Flat-Earthler. Wenn kritisches Denken in Wahn umkippt …

„If you had to choose a moment in history to be born, and you did not know ahead of time who you would be – you didn’t know whether you were going to be born into a wealthy family or a poor family, what country you’d be born in, whether you were going to be a man or a woman – if you had to choose blindly what moment you’d want to be born, you’d choose now.“ (Barack Obama)

Der Fortschritt hat das Leben nicht nur in westlichen Ländern verbessert, sondern weltweit. Das durchschnittliche Lebensalter weltweit war bis ins 19. Jahrhundert etwa 30 und liegt heute weltweit bei 71. Die Säuglingssterblichkeit ist deutlich gesunken und viele Infektionskrankheiten komplett ausgerottet. Es gibt deutlich weniger Hunger in der Welt, selbst in den ärmsten Ländern ist Übergewicht mittlerweile häufiger an der Tagesordnung, als Untergewicht. Im Durchschnitt sind die Menschen gesünder, mehr Menschen können lesen und schreiben, der IQ ist weltweit gestiegen und sie haben mehr Einkommen zur Verfügung. Was nicht bedeutet, wir können die Hände in den Schoss legen, aber doch immerhin den positiven Trend  anerkennen.

„For an American woman, being pregnant a century ago was almost as dangerous as having breast cancer today.“

Es mangelt weiter an Chancengleichheit für alle und wir müssen aufpassen, dass die Einkommensunterschiede nicht zu hoch werden, denn die Tatsache allein, dass es faktisch allen besser geht als früher, wird nicht reichen, um aus krassen Ungleichheiten entstehende Probleme zu bekämpfen.

Natürlich gibt es auch richtig große Probleme, die wir dringend angehen müssen und die Pinker klar bennent. Wenn wir es nicht schaffen, in kürzester Zeit unseren CO2 Level zu reduzieren und die Erderwärmung in den Griff bekommen, werden wir vor katastrophalen Problemen stehen, die wir eventuell nicht mehr händeln können. Pinker will das lösen, in dem wir weltweit auf Atomstrom umsatteln, denn nur so sei eine realistische Senkung des CO2 Ausstosses zu ermöglichen – eine Idee, die mir natürlich nicht gefallen hat, seine Argumentation hat mich diesbezüglich aber zumindest zum Nachdenken gebracht.

“To the Enlightenment thinkers the escape from ignorance and superstition showed how mistaken our conventional wisdom could be, and how the methods of science—skepticism, fallibilism, open debate, and empirical testing—are a paradigm of how to achieve reliable knowledge.”

Das Buch zeigt deutlich, dass wir hinter die Schlagzeilen gucken und unsere eigenen Vorurteile und Voreingenommenheiten auf den Prüfstand stellen müssen. Die humanistischen Kräfte müssen wir verteidigen und verstehen, dass sie hinter dem kontinuierlichen Fortschritt stehen, den wir bislang erlebt haben. Sicherlich werden einige Herrn Pinker als zu optimistisch und hoffnungsfroh empfinden, aber vielleicht ist das ein bisschen wie in der Schule. Für die einen war eine schlechtere Note im Halbjahreszeugnis der notwendige Ansporn, jetzt richtig Gas zu geben, für andere die Entscheidung, in das Fach gar nicht mehr zu investieren. Wer zu viel „Doom und Gloom“ verbreitet läuft meines Erachtens Gefahr, dass die Leute ganz aufgeben und den Kopf in den Sand stecken, weil es ja eh keinen mehr Sinn hat bzw. sie in die Arme von Populisten getrieben werden, die einfache Lösung für hoch komplexe Probleme bieten.

“The idea of a universal human nature brings us to a third theme, humanism. The thinkers of the Age of Reason and the Enlightenment saw an urgent need for a secular foundation for morality, because they were haunted by a historical memory of centuries of religious carnage: the Crusades, the Inquisition, witch hunts, the European wars of religion. They laid that foundation in what we now call humanism, which privileges the well-being of individual men, women, and children over the glory of the tribe, race, nation, or religion. It is individuals, not groups, who are sentient—who feel pleasure and pain, fulfillment and anguish. Whether it is framed as the goal of providing the greatest happiness for the greatest number or as a categorical imperative to treat people as ends rather than means, it was the universal capacity of a person to suffer and flourish, they said, that called on our moral concern.” 

Egal ob man mit Pinkers Thesen einverstanden ist (und ich hatte auch so manches, woran ich heftig geknabbert habe) dieses Buch ist wichtig und gehört zu Recht zu Bill Gates Lieblingsbüchern,  ich würde es sehr gerne einigen Leuten in die Hand drücken. Wir haben nur eine Chance, die riesigen Probleme in der Welt zu lösen, wenn wir den Werten der Aufklärung, Vernunft, Wissenschaft und Humanismus treu bleiben und diese auch verteidigen.

“But it’s in the nature of progress that it erases its tracks, and its champions fixate on the remaining injustices and forget how far we have come.”

Auf deutsch erscheint das Buch unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im September 2018 im S. Fischer Verlag

#WomeninSciFi (12) Die Maschinen – Ann Leckie

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Dank Alex und Nadine vom Literaturblog „Letusreadsomebooks“ geht es für die #WomeninSciFi heute endlich wieder einmal in die Weiten des Weltalls. Die beiden Germanistikstudenten aus dem Ruhrpott decken auf ihrem Blog neben Belletristik auch gern dystopisches, Phantasy, Lyrik und mehr ab und wir haben jede Menge Überschneidungen bei unserer Lektüre. Ein gefährlicher Blog für mich, der mir regelmässig neue Bücher auf den SUB haut und den ich euch sehr ans Herzen legen möchte.

Danke, dass ihr dabei seid beim #WomeninSciFi Projekt, eure Teilnahme hat mich riesig gefreut und ich hoffe, wir laufen uns vielleicht bei einer Buchmesse mal über die Füße. Jetzt aber bitte anschnallen, wir heben ab:

Als Sabine uns fragte, ob wir Zeit und Lust hätten, an ihrem Projekt #WomeninSciFi teilzunehmen, war die spontane Reaktion sofort JA. Dabei ist es dann auch geblieben. Allerdings hat ein Blick in unser Bücherregal schnell gezeigt, dass dort generell eher männliche Autoren und ihre Werke stehen und im Sci-Fi Bereich außer Margaret Atwood keine Schriftstellerin zu finden ist. Dann ist mir die Autorin Ann Leckie mit ihrer Reihe Imperial Radch eingefallen, die mich schon länger interessierte. Sabines Anfrage war also die perfekte Möglichkeit, sich mit diesem Werk zu beschäftigen.

Es ist beeindruckend, dass Ann Leckie mit ihrem Debütroman Die Maschinen (Originaltitel: Ancillary Justice) einen großen Preis und eine Nominierung nach der anderen erhielt. So wurde der Roman mit dem Arthur C. Clarke, dem Hugo Award und dem Nebula Award ausgezeichnet. Dazu kamen Nominierungen für weitere Preise. Vor ihrem Debüt veröffentlichte die 1966 geborene Amerikanerin bereits mehrere Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitschriften.

Die Maschinen erzählt die Geschichte von Breq. In der Zukunft hat das Imperium der Radch große Teile der Galaxis erobert und unterworfen. Einen großen Anteil daran hatte die weiter entwickelte künstliche Intelligenz. Dabei wäre es besser hier von Intelligenzen zu sprechen, denn dabei handelt es sich um große Truppentransporter mit mehreren Hilfseinheiten, die in Form von weiblich-menschlichen Gestalten auftreten. Breq ist die letzte einer solchen Hilfseinheit. Der Weg, mit dem die Radch andere menschliche Kulturen in ihr Reich eingliedern, ist immer derselbe und parallelen zum Vorgehen des römischen Reiches sind nicht zu übersehen. Unterwirft sich eine Welt nicht freiwillig, wird sie mit Gewalt erobert, wobei jeder Widerstand rücksichtslos unterdrückt und die politische Führung hingerichtet wird. Die Durchsetzung des Ordnungssystems der Radch wird mithilfe der riesigen Truppentransporter gesichert. Nachdem die Radch ihr System eingeführt und gefestigt haben, können sich die Bewohner der eroberten Welten zu vollwertigen Bürgern des Imperiums entwickeln. Wer sich gegen die Radch zur Wehr setzt, wird eingefroren und mit einem Implantat ausgestattet, das sämtliche Erinnerungen löscht, und danach als Köper für KI-Soldaten verwendet.

Ann Leckie

Ann Leckies Roman ist aber keine Space-Opera voller Actionsequenzen. Zu Beginn ist Breq als letzter Teil einer KI-Schiffsintelligenz auf der Suche nach einer besonderen Waffe. Mit der Waffe will sie sich für die Zerstörung ihres Schiffes, der Gerechtigkeit der Torren, rächen. Dabei trifft sie auf Seivarden, die als Leutnantin auf der Gerechtigkeit der Torren diente. In Rückblenden wird zudem das gesellschaftliche System der Radch, das vor allem auf Abstammung und Abhängigkeiten beruht, erklärt, sowie die Geschichte der Gerechtigkeit der Torren. Dabei entwickelt sich ein Netz aus politischen Intrigen, in dem auch Breq und Seivarden gefangen sind.

Innerhalb des ersten Teils der Trilogie entwickelt sich Breq von einem Kollektivwesen zu einer einzelnen KI-Einheit, die immer mehr Individualität entwickelt und so gleichzeitig menschlicher wird – sowohl in ihrem Handeln als auch in ihren Gefühlen. Gefühle sind wesentlich, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Dabei sind ihr Emotionen und Gedanken als künstliche Intelligenz alles andere als fremd. Als Gerechtigkeit der Torren hatte sie eine besondere Bindung zu ihrer Kapitänin und zu den anderen menschlichen Besatzungsmitgliedern. Der Tod ihres Kapitäns kann ein Schiff in den Wahnsinn treiben. Aus der ehemaligen KI wird in Breq mithilfe von Gefühlen, Musik und Loyalität eine eigenständige Individualität und Wesenheit. Sie ist sowohl Breq, als auch die Gerechtigkeit der Torren und die letzte Hilfseinheit Eins Esk.

Ann Leckie lässt sich viel Zeit, um ihre Hauptprotagonistin Breq zu entwickeln und die unterschiedlichen Stufen darzustellen. Wir erleben sie als KI mit zwanzig Körpern, was Ann Leckie ermöglicht, mit den Erzählperspektiven zu spielen, als Gerechtigkeit der Torren und letztlich als verbliebene Hilfseinheit, die sich immer menschlicher verhält. Die Darstellung der verschiedenen Entwicklungsschritte beschreibt Ann Leckie sehr eindringlich und mit ihren aufeinanderfolgen Schritten auch glaubwürdig und aufeinander aufbauend.

„Dadurch wird es schwierig, die Geschichte zu erzählen. Denn obwohl ich immer noch ich war, eins und einheitlich, handelte ich gegen mich selbst, im Widerspruch zu meinen Interessen und Wünschen, manchmal insgeheim, und täuschte mich selbst in Bezug auf das, was ich wusste und tat. Und es ist für mich sogar jetzt noch schwierig zu erkennen, wer welche Handlung ausführte oder wer welche Informationen hatte. Weil ich die Gerechtigkeit der Torren war. Selbst wenn ich es nicht war. Selbst wenn ich es jetzt nicht mehr bin.“

Neben der ungewöhnlichen Protagonistin und Ich-Erzählerin weist das Buch auf der stilistischen Ebene eine Besonderheit auf. Wer das Vorwort des Übersetzers einfach überspringt, wird sich vermutlich schnell fragen, ob das Imperium der Radch nur von Frauen bewohnt wird. Dem ist nicht so. In der Sprache der Radch, dem Radchaai, sind keine unterschiedlichen Genus-Markierungen vorgesehen und es wird ausschließlich die weibliche Form verwendet. Breq bereitet es immer wieder Schwierigkeiten, Personen, die keine Radch sind, richtig anzusprechen. So kann es schon mal passieren, dass sie Menschen, die einen Bart haben, mit der weiblichen Form bezeichnet. In der Kultur der Radch spielen geschlechtliche Unterschiede keine Rolle, was es für Breq zusätzlich erschwert, das Geschlecht fremder Personen zu erkennen.

In der deutschen Übersetzung wird das Ganze nochmal deutlicher als im englischen Original. So hat sich der Übersetzer Bernhard Kempen dazu entschieden, immer wenn es zum Beispiel „visitor“ oder „friend“ heißt, daraus konsequent immer eine „Besucherin“ oder eine „Freundin“ zu machen. Laut Vorwort ist Die Maschinen damit der erste (literarische) Text in Form eines Romans, der durchgehend im generischen Femininum geschrieben ist und dieses konsequent beibehält. Ausnahmen bilden nur Gespräche mit Personen, die eben nicht der Radch-Kultur angehören und die auf der sprachlichen Ebene zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Vermutlich hat dieser Stil auf jeden Leser eine ganz eigene Wirkung und so wird die Space-Opera auch zu einer Art Gender-Geschichte. In einem Interview mit wired.com (https://www.wired.com/2016/07/wired-book-club-ann-leckie-interview/) wurde Ann Leckie auf die Verwendung der weiblichen Form angesprochen und antwortete: “[…]I honestly thought—and I was told by a number of my friends and thought they were right—that this would make the book unsalable, that nobody would want it. The thing about writers is, you have to keep writing no matter what, even though you get tons of rejection all the time. It really is a world-building detail. They biologically have their gender, they’re human, they have the same range of gender expressions as any group of humans would. But they don’t care. They think about gender the same way we would think about hair color […]”. Gleichzeitig ist sie aber auch genervt davon, dass einige Leser den Roman einzig auf diesen Aspekt reduzieren: „It’s moderately annoying, because it’s not what the book is about. On the other hand, what it’s meant is that everybody and their pet monkey is talking about my book. And every time people get agitated in public about it, I sell more copies.”

Die Maschinen ist alles andere als ein einfacher Science-Fiction Roman, den man mal eben nebenbei lesen kann. Ann Leckie hat den Mut, ihre Ideen konsequent umzusetzen und dabei auf Massentauglichkeit zu verzichten. Dafür liefert sie ein Buch, das herausfordert und seine Konzepte ohne Scheu zu Ende denkt. Die Themen beschäftigen sich mit der Frage des Seins, mit Moral, der Frage nach Identität und mit der (möglichen) Menschlichkeit einer KI. Dabei gibt der Roman immer wieder Rätsel auf, fesselt gleichzeitig mit seiner Spannung und bietet ein Ende, das die Folgebände rechtfertigt. Mit ihrer Imperial-Radch Reihe hat Ann Leckie eines der interessantesten und innovativsten Science-Fiction Projekte der letzten Jahre geschaffen.

Shakespeare & Co – Hagseed

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„The Tempest / Der Sturm“ ist eines meiner Lieblingsstücke von Shakespeare. Ich habe es zweimal in London im Theater gesehen und mag auch die Verfilmungen von Peter Greenaway „Prospero’s Books“ mit der phantastischen Musik von Michael Nyman sowie Julie Teymors Verfilmung „The Tempest“ mit Helen Mirren als Prospera.

Ich habe mich besonders gefreut, dass meine Lieblingsautorin im Rahmen des Shakespeare Projektes Hand an den Sturm gelegt hat.

Felix ist Direktor des Makeshiwig Theater Festivals und ein großer Visionär, dessen ausgefallene Interpretationen von Shakespeares Stücken die Kritiker gleichermässen entzückt und verwirrt. Als er gerade dabei ist, mit „The Tempest“ sein bislang größtes Werk umzusetzen,wird er hinterrücks und heimtückisch von seinem Geschäftspartner verraten und aus seiner Position entlassen. Nach dem Tod seiner kleinen Tochter die schrecklichste Sache die ihm hat passieren können.

Er zieht sich völlig von der Außenwelt zurück, verletzt, gedemütigt und einsam. Nach 12 Jahren kommt er aus seinem selbstgewählten Exil und nimmt eine Stelle als Theaterlehrer in einem nahegelegenen Gefängnis, Fletcher County Correctional Institute, an.  Dort ergibt sich nach einer Weile nicht nur die Gelegenheit, endlich „The Tempest“ aufzuführen, sondern auch umfassend Rache zu nehmen an denen, die ihn vor Jahren so hinterhältig verraten haben.
“Suddenly revenge is so close he can actually taste it. It tastes like steak, rare.” 

Hag-Seed ist überaus klug konstruiert und eine gelungene Nacherzählung. Felix als Prospero, der mit einem Haufen verurteilter Verbrecher eine ganz eigene phantasievolle und ungewohnte Version des Stückes präsentiert. Meines Erachtens schafft es Atwood, das Stück auch Menschen nahezubringen, die es nie auf der Bühne gesehen haben.
„But The Tempest is a play about a man producing a play – one that’s come out of his own head, his ‚fancies‘ – so maybe the fault for which he needs to be pardoned is the play itself.“

Felix‘ schon an Besessenheit grenzender Wunsch „The Tempest“ aufzuführen, hat aber nicht nur mit Rache zu tun. Seine Intentionen wurzeln in tiefer Trauer um seine verstorbene Tochter Miranda, der er mit der gleichnamigen Rolle im Stück ein Denkmal setzen möchte.

This Tempest would be brilliant: the best thing he’d ever done. He had been – he realizes now – unhealthily obsessed with it. It was like the Taj Mahal, an ornate mausoleum raised in honor of a beloved shade, or a priceless jeweled casket containing ashes. But more than that, because inside the charmed bubble he was creating, his Miranda would live again.

Das Gefängnis als Insel, wo Felix alias Prospero seinen Coup plant, wo er sich nach der jahrelangen Demütigung über seine Feind erhebt, Gerechtigkeit erwirkt und seine Strafen verteilt, wo diese fällig sind.

Shakespeare ist einer, wenn nicht der größte Geschichtenerzähler der Welt. Seine Geschichten sind nicht nur brilliant, sondern absolut zeitlos. Seine Charaktere sind authentisch, egal ob sie im 16. oder im 21. Jahrhundert leben und man kann sich sehr gut mit ihnen identifizieren.

Mit dieser Basis hat Margaret Atwoods scharfsichtig  die Themen des „Tempest“ auf das Leben von Felix übertragen, der mehr und mehr zu Prospero wird. Als er die bittere Pille der Rache zu schmecken beginnt, zeigen sich feine Risse in seinem Verstand und fast wird er von seiner besessenen Verzweiflung bezwungen, doch er schafft den Weg zurück.

Großartig geschrieben, große Liebe: Shakespeare + Atwood, was für eine wunderbare Kombination, da würde ich gerne mehr lesen, aber ich freue mich auch auf die noch kommenden in der Reihe. Hier noch einmal alle im Überblick:

  • Jeannette Winterson – The Gap of Time (A Winter’s Tale)
  • Ian McEwan – Nutshell (Hamlet)
  • Howard Jacobsen – Shylock is my name (The Merchant of Venice)
  • Anne Tyler – Vinegar Girl (The Taming of the Shrew)
  • Jo Nesbo – Macbeth
  • Tracy Chevalier – New Boy (Othello)
  • Edward St. Aubyn – Dunbar (King Lear)
  • Gillian Flynn – Hamlet

Eine tolle Rezension zu „Hagseed“ findet ihr auch bei schiefgelesen.

Margaret Atwood hat sich im Übrigen auch mit dem Thema Gefängnis-Reformen beschäftigt, dieses Video fand ich ganz spannend:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Hexensaat“ im Knaus Verlag.