#WomeninSciFi (27) Solitaire – Kelly Eskridge

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„Solitaire“ von Kelly Eskridge entführt uns in eine nicht all zu weit entfernte Zukunft, in der es tatsächlich endlich Weltfrieden gibt. Als Symbol der Hoffnung wurden alle Kinder, die genau in der Sekunde geboren wurden, als die Friedensverhandlungen beendet wurden, zu „Hopes“ ernannt und werden auf ihre Rolle als künftige Aushängeschilder der globalen Administration vorbereitet.

Die „Hope“ des weltweit einzigen Konzernstaates ist Ren „Jackal“ Seguara. Als Ren für eine fürchterliche Katastrophe die Schuld gegeben wird, bricht die Ko Corporation, ihr Heimatland sozusagen, jegliche Verbindung mit ihr ab und verurteilt sie zu einer fürchterlichen Strafe. Sie wird im Rahmen eines Experiments in eine Virtual Reality Isolationshaft gebracht, wo sie die nächsten 8 Jahre allein in ihrem Geist eingesperrt wird, ohne jeglichen Kontakt von außen.

„When we are left all alone is that when we find out who we truly are?“

Was mir an diesem stylischen Sci-Fi Roman unter anderem gut gefallen hat, war die absolute Selbstverständlichkeit mit der Ren eine Freundin hat und das auch ohne große Liebesdramen oder Dreiecksgeschichten, sondern von der ersten Seite an war klar, dass sie mit Snow zusammen ist. Eine willkommene Abwechslung.

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Homegoing – Yaa Gyasi

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Ohne Frage eine der anspruchsvollsten Familiengeschichten, die ich bislang gelesen habe. Yaa Gyasi verfolgt ihre Geschichte über 7 Generationen, schreibt aus 14 unterschiedlichen Perspektiven – normalerweise etwas, wo ich vor lauter Stammbaum schnell den Überblick verliere und schnell die Flinte ins Korn werfe.

Unglaublich, wie sie es schafft, jede Person auf ein paar Seiten so derart individuell, einzigartig und klar rüber zu bringen. Wow. Die Geschichte beginnt mit zwei Halbschwestern: Effia und Esi – die sich niemals kennenlernen. Die eine verschlägt es als Sklavin in die USA, die andere bleibt als Frau eines Sklavenhändlers in Ghana und an den jeweiligen zwei Standorten entwickeln sich die beiden Familienlinien weiter.

“We believe the one who has power. He is the one who gets to write the story. So when you study history, you must ask yourself, Whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story too. From there you get a clearer, yet still imperfect, picture.”

“This is the problem of history. We cannot know that which we were not there to see and hear and experience for ourselves. We must rely upon the words of others. Those who were there in the olden days, they told stories to the children so that the children would know, so that the children could tell stories to their children. And so on, and so on.” 

Jedes Kapitel ist aus der Sicht eines neuen Charakters geschrieben. Erst Effia und Essi, dann jeweils 6 ihrer Nachkommen. Auf diese Weise werden nicht nur die Schicksale der beiden Familien, sondern auch die historischen Ereignisse in Ghana und den USA miteinander verwoben. Durch die Augen der Protagonisten erleben wir die Stammeskonflikte in Ghana im 18. Jahrhundert, den absoluten Horror des transatlantischen Sklavenhandels, der unter amerikanischen und britischen Sklavenhändlern aufblühte.

Was mir bis dato nicht bewusst war, dass es Sklaverei auch vorher in Afrika gab. Bei Stammeskonflikten wurden oft Angehörige des unterlegenen Stammes als Hausmädchen, Ehefrauen, Dienstboten, als Sklaven mitgenommen und die westlichen Sklavenhändler waren eifrig dabei, Öl ins Feuer dieser Konflikte zu gießen und die Stämme dazu zu bringen, ihnen die Verlierer aus solchen Konflikten zu verkaufen.

“You want to know what weakness is? Weakness is treating someone as though they belong to you. Strength is knowing that everyone belongs to themselves.” 

Auf gerade einmal 300 Seiten wird so derart viel an geschichtlichem Wissen und Charakterstudien übermittelt, dass mein Hirn wohl noch eine Weile mit diesem Thema beschäftigt sein wird. Es war spannend, dieses Buch im Bookclub direkt nach Zora Neale Hurstons „Their Eyes were watching God“ zu lesen. Die passende Anschlusslektüre wäre wohl Colson Whiteheads „The Underground Railroad“, das auch schon eine Weile in meinem Regal steht. Wir waren uns bei der Diskussion im Übrigen so einig wie selten. Ich glaube fast jede hat dem Roman 5 Sterne gegeben.

Das Buch ist, wie zu erwarten, keine einfache Lektüre. Brutalität, Blut, Auspeitschungen, Rassismus, die unerträgliche Überlegenheit der Sklavenhändler, die fürchterliche Angst, die der „Fugitive Slave Act“ von 1850 brachte, etc.
Gyasi behandelt diese Themen mit viel Sensibilität, sie schafft ein ehrliches und realistisches Porträt der Gewalt, ohne voyeuristisch zu wirken.

Eine mutige, ungeschminkte Geschichte über die noch immer anhaltenden Effekte der Kolonisation Afrikas und des Sklavenhandels. Unglaublich, dass es sich bei diesem Buch um ein Debüt handelt, was für ein Talent. Ich bin sehr gespannt auf das nächste Buch dieser großartigen Autorin, die ihrem Vorbild Toni Morrison alle Ehre macht.

Danke an Leila, für die Übersendung dieser spannenden Artikel über die Autorin:

und

https://www.theguardian.com/books/2017/oct/28/yaa-gyasi-my-writing-day

sowie dieses spannende Interview/Lesung mit ihr:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Heimkehren“ im Dumont Verlag.

#WomeninSciFi (25) Die gleißende Welt – Margaret Cavendish

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Die heutige Ausgabe kommt von einem waschechten Bibliothekar und ziemlich berühmten Koch, der es bis ins Fernsehen geschafft hat 😉 Ich freue mich sehr, dass Marius vom Blog „Buch-haltung“ uns heute eine ganz besonders spannende Dame vorstellt, die sich mit Mary Shelley die Ehre teilt, als heimliche Gründerinnen der Science-Fiction Literatur zu gelten.

Ich freue mich schon jetzt darauf Marius mal wieder auf einer Buchmesse, einer Literaturveranstaltung oder auch einfach nur auf ein Bier zu treffen, schließlich liegen München und Augsburg nicht weit auseinander und das sollten wir hinbekommen. Jetzt reisen wir aber erst einmal ins Jahr 1623 bevor wir mit Ms Cavendish in eine utopische Parallelwelt verschwinden…

Was die Gleißende Welt im Innersten zusammenhält

Es gibt Geschichten, die sind eigentlich zu tolldreist, um sie zu glauben. Das Werk Die gleißende Welt und seine Erschafferin Margaret Cavendish sind genau solch ein Fall.

MCMargaret Cavendish wird 1623 in England geboren, zu einer Zeit also, in der der 30-jährige Krieg ganz Europa beherrscht. Im Schoß ihrer Familie wächst die junge Frau heran, während Oliver Cromwell gerade dazu ansetzt, die Monarchie unter dem englischen König Charles I. zu stürzen. Höchst turbulente Zeiten also, die von den Konflikten zwischen Krone und Parlament gekennzeichnet sind.

Auch die Familie von Margaret Lucas (so der Mädchenname der Autorin) bleibt von diesen Turbulenzen nicht verschont. Der Familiensitz der Lucas‘ wird zweimal von anti-royalistisch gesinnten Bürgern angegriffen und schlussendlich sogar zerstört. Etwas Ruhe verheißt da der Antrag von William Cavendish, der um die Hand von Margaret anhält.

Cavendish, der Herzog von Newcastle-upon-Tyre ist frisch verwitwet und mit 50 Jahren ganze dreißig Jahre älter als Margaret. Er gilt als Unterstützer und Förderer von Geistesgrößen wie etwa Thomas Hobbes (und nebenbei auch als berüchtigter Frauenheld). Margaret willigt in die Ehe mit dem Herzog von Newcastle-upon-Tyre ein und wird folglich selbst zur Herzogin. Ihre neuen Freiheiten weiß sie geschickt zu nutzen. Obwohl sie kaum eine nennenswerte Schulbildung genossen hat, setzt sie dazu an, sich mit den Ideen der Philosophen und Forscher ihrer Zeit auseinanderzusetzen. Sie beginnt Briefe, Gedichte und Schriften zu veröffentlichen – zu der damaligen Zeit ein absolutes Unding. Das Verfassen von Schriften war den Männern vorbehalten und zudem eher für die interne Verbreitung in den privaten Zirkeln vorgesehen. Mit diesen Traditionen bricht Margaret Cavendish und beginnt ihr schriftstellerisches Ouevre zu veröffentlichen. Unterstützung erfährt sie dabei auch von ihrem Mann, der den Werken gerne ein selbst verfasstes Gedicht voranstellte, um zu zeigen, dass seine Frau seinen Rückhalt genoß.

Äußerst standesbewusst weiß sie sich zu inszenieren. Gerne trägt sich auch Männerkleidung und besucht Experimente der Royal Society. Sie mischt sich in Debatten ein und setzt sich mit den Forschungen ihrer Zeit auseinander und legt dabei ein großes disziplin-übergreifendes Interesse an den Tag. Margaret Cavendish aufgrund ihrer Unangepasstheit und ihrem Kampf um einen Platz in der Gesellschaft für Frauen als frühe Feministin zu bezeichnen, wäre allerdings falsch. Ihre eigene Position und persönliche Freiheiten galten der Herzogin von Newcastle weitaus mehr als sich mit anderen Frauen niederer Stände zu solidarisieren.

Mit ihrer Haltung und ihrem Gestaltungsdrang eckte die exzentrische Dame natürlich auch an. Mit ihren Briefen und ihrer Prosa zog sie viel Häme und Kritik ihrer ZeitgenossInnen auf sich. Beispielhaft sei hier eine Bemerkung von Dorothy Osborne genannt, einer Zeitzeugin, deren Urteil über Margaret Cavendish wie folgt ausfiel:

Bestimmt ist die arme Frau ein wenig verwirrt, sie könnte sich sonst nie so lächerlich machen, sich zu erlauben Bücher zu schreiben und noch dazu in Versen. Wenn ich vierzehn Tage nicht schlafen würfe, sollt es nicht so weit mit mir kommen. (Briefe von Dorothy Osborne an William Temple, Hg. vom G. C. Moore Smith. Oxford, 1928)

Nach ihrem Tod 1673 fiel Margaret Cavendish und ihr literarisches Ouevre alsbald dem Vergessen anheim. Die zumeist vernichtende Kritik sorgte für ein schnelles Ende ihres Nachruhms. Erst Virginia Woolf setzte Anfang des 20. Jahrhunderts wieder dafür, dass das Erbe von Margaret Cavendish nicht ganz vergessen wurde, wobei Woolfs Urteil über Margaret Cavendish recht ambivalent ausfiel. Erst im Zuge der aufkommenden Frauen-Forschung der 80er Jahre wurde Margaret Cavendish und ihr literarisches Schaffen wieder neu entdeckt. Und nun bekommt sie auch einen Platz in der Reihe #WomeninSciFi. Ein Platz, der der Engländerin als einer der Urmütter der Science Fiction fraglos mehr als zusteht.

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Denn Margaret Cavendish verbindet als eine der ersten die Positionen Science und Fiction. Während London 1666 beim Großen Brand in weiten Teilen zerstört wird, erschafft die Herzogin von Newcastle in diesem Jahr ebenfalls ein gleißendes Ereignis – die Rede ist von ihrem Werk The Description of a New World Called the Blazing World. Diese Fiktion erscheint in Verbindung mit ihrer Schrift Observations upon Experimental Philosophy, beide Schriften stehen in enger Verbindung – hier die philosophischen Betrachtungen, auf der anderen Seite ihre Phantasie einer Welt, in der die Philosophie eine tragende Rolle spielt. Science und Fiction at it’s best quasi.

Die Autorin selbst bemerkt dazu im Vorwort ihres Buchs:

Es ist die Beschreibung einer Neuen Welt, nicht wie die bei Lukian oder die Welt im Mond des Franzosen (Cyrano de Bergeracs , Anmerkung meinerseits), sondern eine Welt, die ich selbst geschaffen habe und die ich die Gleißende Welt nenne. Der erste Teil ist romanzenhaft, der zweite philosophisch und der dritte bloße Laune oder (wie ich es nennen würde) phantastisch. Wenn dich dies erfreut, werde ich mich als glückliche Schöpferin betrachten ; wenn nicht, muß ich mit einem melancholischen Leben in meiner eigenen Welt Vorlieb nehmen. (Cavendish, Margaret: Die Gleißende Welt, S. 9)

Hier schlägt dem Leser schon der selbstbewusste Ton der Herzogin entgegen, die sich selbst als Hauptfigur in ihre Erzählung verpflanzt. Ein Kniff, den auch etwa ihr Landsmann Thomas Morus in Utopia anwendet (beide Bücher weisen nicht von ungefähr zahlreiche Berührungspunkte auf). Die Grundgeschichte ist ihrer Erzählung ist dabei schnell umrissen:

Ein Kaufmann möchte eine junge Dame in einem fremden Land erobern und raubt sie kurzerhand. Doch das Boot wird abgetrieben und gerät an den Nordpol. Nur die junge Frau überlebt an Bord und gelangt vom Nordpol durch einen Übergang in eine fremdartige Welt. Dort trifft sie auf Bären- Fuchs- und Vogelmenschen, sowie dergleichen mehr. Die Dame wird von den verschiedenen Bewohnern dieser Gleißenden Welt bewundert, sodass sie sogar zur Kaiserin des Reichs aufsteigt. Mit den verschiedenen Gattungen ihrer Welt tritt sie in den Dialog und lässt sich von ihnen die Welt erklären und führt unzählige wissenschaftliche Dispute. So gibt es Gespräche über die Philosophie, Syllogismus oder naturwissenschaftliche Themen (die auch immer Cavendish‘ zahlreiche Interesse widerspiegeln).

Der Ton ihrer Erzählung ist dabei manchmal märchenhaft, dann aber auch wieder forschend und nachbohrend wie der Wissensdurst eines kleinen Kindes. Die royalistische Grundhaltung lässt sich ebenso klar aus dem Text ablesen wie ihre Verachtung für manche Philosophen, die nicht von ungefähr etwa als Wurmmenschen auftreten lässt. Auch enthält ihre Erzählung weitere Themen wie etwa den Krieg (sogar zu einer Schlacht kommt es in ihrem Roman) oder die Suche nach der idealen Staatsform. Die von ihr kreierte Welt ist eine Utopie, bei der alle verschiedenen Rassen und Gattungen friedlich miteinander leben, geeint durch eine Religion und ein Staatsoberhaupt.

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Diese ganzen Ansätze und Ideen machen eine Lektüre von Die gleißende Welt auch heute noch interessant, auch wenn die Lektüre manchmal etwas zäh gerät, besonders in den vielen wissenschaftlichen Diskussionen. Das Durchkämpfen durch diese Passagen lohnt sich aber, besonders wenn man sich für einen weiblichen Blick auf die damaligen Machtverhältnisse und Schreiben als Abbild oder Eskapismus der Wirklichkeit interessiert. Weitere Einblicke in das Leben und Wirken Margaret Cavendishs liefert zudem das Nachwort der Übersetzerin Virginia Richter, die zahlreiche Informationen über diese besondere Autorin zusammengetragen hat.

Ein außergewöhnliches Buch, eine noch außergewöhnlichere Autorin!

(Cavendish, Margaret: Die Gleißende Welt. Scaneg-Verlag, Reihe punctum, Bd. 15. Erscheinungsjahr 2001. ISBN 3-89235-115-5. Preis: 15,00 €)

 

Abb. 1: Margaret Cavendish Quelle: Wikimedia

Abb. 2: Frontispiz “The Blazing World”

Abb. 3: Buchcover “Die gleißende Welt”

 

#WomeninSciFi (23) Ein Tropfen Zeit – Daphne Du Maurier

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Daphne du Maurier, der Meisterin des dunklen Suspense und tiefer seelischer Abgründe, wird in dieser Ausgabe mit Illustrationen von Kristina Andres ein wundervolles Denkmal gesetzt. Hitchcocks „Die Vögel“, „Rebecca“ sowie Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gehen auf ihre Erzählungen zurück und auch „Ein Tropfen Zeit“ hätte durchaus Verfilmungs-Potential.

„Ein Tropfen Zeit“ erschien bereits 1969 und wurde jetzt von der Büchergilde Gutenberg neu aufgelegt. Der Protagonist Dick Young (von du Maurier als sehr unsympathischer Zeitgenosse angelegt – ein echter Dick, sorry for the pun) läßt sich von seinem alten Studienfreund Magnus, in dessen Cornwaller Strandhaus er seine Ferien verbringt, dazu überreden eine Zeitdroge zu testen, die dieser entwickelt hat.

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Natürlich hat diese Droge auch so ihre Nebenwirkungen. Er landet immer wieder im 14. Jahrhundert, stets in naher Umgebung des Strandhauses, in dem er für einige Zeit lebt. Er beobachtet die Geschehnisse, Intrigen, Geheimnisse um Isolda Carminowe, ihren heimlichen Liebhaber Otto Bodrugan, dessen böse Schwester Joanna und den Verwalter Roger Kylmerth. Allerdings kann er weder den genauen Zeitpunkt bestimmen, an den er transportiert wird, noch kann er die Geschehnisse in irgendeiner Weise beeinflussen. Berührungen, auch zufällige mit den Personen im 14. Jahrundert, haben heftige Nachwirkungen. Er wird sofort in seine Zeit zurückgeschleudert und Übelkeit, Desorientierung und zeitweilige Paralyse sind die unangenehmen Folgen.

Während er auf der Droge ist, bewegt er sich benommen durch die Gegend und ist für die äußeren Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr zugänglich, was durch Züge, Autos etc. durchaus gefährlich werden kann. Zudem macht die Droge natürlich auch noch süchtig und Dick wird der Gegenwart und auch seiner Familie gegenüber immer gleichgültiger. Der nächste Zeitreisetrip ist alles, was ihn noch interessiert, und dass das alles nicht gut enden wird, wird einem ziemlich bald klar.

Die beiden Erzählstränge waren für mich jetzt keine absoluten „page-turner“. Ich habe nicht vor lauter Spannung und Atemlosigkeit ins Kopfkissen gebissen, aber die Atmosphäre und die Stimmung des Buches haben mich voll und ganz eingefangen.

Neben den in du Mauriers Werk immer wiederkehrenden Themen Wahnsinn, Manie, Besessenheit, Sucht und wissenschaftliche Experimente, spürt man auch den Einfluß Carl Jungs, den sie sehr schätzte, und der sich stark mit dem „kollektiven Unbewussten“ beschäftigt hat.

 

Man spürt in „Ein Tropfen Zeit“ du Mauriers große Liebe zu Cornwall, der Landschaft, der Geschichte und den Menschen dieser Region. Der Roman heißt im englischen „The House on the Strand“. Die Vorlage für Magnus‘ Haus „Kilmarth“ war ihr eigenes, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, nachdem sie gezwungen war, ihr geliebtes „Menabilly“ 1967 zu verlassen.

Diese Ausgabe ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen. Im englischen Original heißt das Buch: „The House on the Strand“.

#WomeninSciFi (22) Ihrland – Charlotte Perkins Gilman

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Da ich gerne und häufig reise, ist Renie’s Lesetagebuch für mich immer eine gute Adresse, um insbesondere auf ihrer Rubrik „Um die Welt gelesen“ nach passender Reiselektüre zu suchen. Reiselektüre ist aber ganz sicher nicht das einzige, was man auf Claudias Blog finden kann, hier ist richtig viel los. Ob Indie-Lektüre, Bücher über Bücher, historische Romane oder Horror, ich stolpere immer wieder über Unbekanntes, zu oder wieder zu entdeckendes.

Heute stellt sie uns einen der absoluten Klassiker der feministischen SciFi Literatur vor, ich bin sehr gespannt, was ihr zu diesem Buch zu sagen habt.

Die Amerikanerin Charlotte Perkins Gilman (geb. 3. Juli 1860) war eine Frauenrechtlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter war Gelegenheitsarbeiterin, der Vater Buchhändler und Schriftsteller, der seine Familie früh im Stich ließ. Im Alter von 24 heiratete Charlotte, verließ ihren Mann jedoch bereits nach vier Jahren. Nach 10 Jahren wurde die Ehe geschieden. Ein, in der damaligen Zeit unvorstellbarer Schritt. Während ihrer Ehe litt Charlotte unter Depressionen. Sie versuchte die Krankheit durch Schreiben zu kompensieren. Nach der Scheidung lernte sie die sozialistische Schriftstellerin Helen Campbell kennen, die sie in die Frauenbewegung einführte. Charlotte besuchte Frauenkongresse auf der ganzen Welt, die sie durch ihre flammenden Reden für die Frauenrechte bereicherte. Denn sie galt als begnadete Rhetorikerin. Die damalige Frauenbewegung kämpfte für grundsätzliche und politische Rechte der Frau, wie z. B. das Recht auf Bildung, das Recht auf Erwerbstätigkeit sowie das Frauenwahlrecht, das im Übrigen in Deutschland im November 1918 rechtlich festgeschrieben wurde. In diesem Jahr feiern wir also den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts in Deutschland.

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Foto: WikiCommons

Aus ihrem Einsatz für die Rechte der Frau heraus, hat Charlotte Perkins den utopischen Roman „Ihrland“ (im Original „Herland“) geschrieben, der 1915 veröffentlicht wurde. Darin geht es um ein sagenhaftes Land, in dem nur Frauen leben.

 Die Geschichte wird aus der Sicht eines Mannes erzählt: Van – einer von drei Freunden, die auf einer Expedition irgendwo in Südamerika unterwegs sind. Hier hören die Männer das erste Mal von diesem verheißungsvollen Land. Von Abenteuerlust und Phantasie gepackt, begeben sich die Drei auf die Suche nach diesem Paradies. Natürlich entdecken sie das Land der Frauen und erleben einen Kulturschock. Für die Männer bricht eine Welt zusammen. Stellvertretend für das Frauenbild der Männer aus der damaligen Zeit lässt Charlotte Perkins Gilman die drei Freunde so einige Frauenklischees vertreten. Das ist lustig. Und wieder einmal mehr bestätigt sich der Verdacht, dass die Frau für den Mann ein unbekanntes Wesen ist.

„Als ich in meiner Lektüre so weit gekommen war, ging ich zu Somel, um mehr zu erfahren. Ich war mittlerweile so mit ihr befreundet wie kaum jemals zuvor in meinem Leben mit einer anderen Frau. Sie war eine sehr angenehme Seele, die einem das nette, sanfte Muttergefühl gab, das ein Mann in einer Frau mag, und doch besaß sie auch die klare Intelligenz und Zuverlässigkeit, von denen ich anzunehmen pflegte, dass sie männliche Eigenschaften waren.“

Männer sind in Ihrland überflüssig. Oh Wunder der Evolution – die Frauen haben gelernt sich auch ohne männliches Dazutun fortzupflanzen. Sie haben dabei eine Kultur geschaffen, die ohne jegliche Form der Aggressivität auskommt. Die Frauen praktizieren ein friedliches Miteinander, in dem das Wohl der Gemeinschaft und ihr Fortbestand an erster Stelle stehen. Aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung sind sie heute in der Lage, ein perfektes Leben zu führen. Diese Perfektion stößt bei bei den drei Eindringlingen auf Misstrauen.

 

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Foto: Renie's Lesetagebuch

Von Anfang an werden die drei Männer von den Frauen mit Respekt behandelt. Allerdings dürfen sie Ihrland nicht verlassen. Die Zeit, die die Freunde mit den Frauen verbringen, wird genutzt, um gegenseitig voneinander zu lernen. So erfahren die Männer (und Leser), wie Ihrland entstanden ist, welche Lebensphilosophie hinter der Gesellschaft steckt, wie Ihrland organisiert ist und wie der Fortbestand gesichert ist. Die Frauen sind nicht so vermessen, ihre Gesellschaft als das Non Plus Ultra anzusehen. Stattdessen sind sie wissbegierig, was die Welt angeht, aus der die Männer kommen. So kommt es zum gemeinsamen Austausch. Die Männer versuchen, den Frauen ihre Welt schmackhaft zu machen, was leider nicht gelingt. Denn schon durch das einfachste Nachfragen der Frauen, werden die Schwächen der Männerwelt aufgezeigt, und das Überlegenheitsgefühl der Männer gegenüber den Frauen bekommt einen heftigen Dämpfer.

 

„Ich war natürlich immer stolz auf mein Land gewesen. Jeder ist es. Im Vergleich zu den anderen Ländern und Völkern, die ich kannte, schienen mir die Vereinigten Staaten von Amerika immer, um es gelinde zu sagen, so gut wie das beste von allen zu sein. Aber ebenso wie ein klarsichtiges, intelligentes, ehrliches und wohlmeinendes Kind durch unschuldige Fragen häufig das Selbstwertgefühl von jemandem ankratzen kann, so taten es auch diese Frauen ohne den geringsten Anschein einer bösen Absicht oder von Spott, indem sie ständig Diskussionspunkte vorbrachten, denen wir bestmöglich auszuweichen versuchten.“

Am Ende des Buches werden die Männer Ihrland wieder verlassen müssen. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihrem Aufenthalt in der Welt der Frauen gelernt haben.

Charlotte Perkins hat eine utopische Welt kreiert, die auf der Frage basiert: Was wäre, wenn Frauen die Welt beherrschen würden? Eine Frage, die schon so häufig gestellt wurde, und immer wieder gestellt werden wird. Die Antwort der Autorin ist dabei sehr komplex und liefert die unterschiedlichsten Denkanstöße, die mann und frau teilweise weiterverfolgen möchten, teilweise jedoch auch als Humbug abtun werden. Doch jeder so, wie er kann. Lesenswert ist dieses Buch alle Male.

Einziger Wermutstropfen: Ich habe dieses Buch in einer Übersetzung gelesen, die etliche Mängel in Stil und Ausdruck aufweist. Das ist nicht schön, insbesondere wenn man bedenkt, dass Charlotte Perkins für ihre Rhetorik berühmt war. Dadurch wird die Übersetzung ihrem Talent leider nicht gerecht, was sehr schade ist.

Kluge Köpfe II

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Als sich vor ein paar Tagen „meine“ Siri Hustvedt mit Miriam Meckel in Zürich zum Gespräch traf, wurde ich vor lauter Neid schon ein bisschen ohnmächtig. Es gibt einfach Menschen mit wahnsinnig attraktiven Gehirnen und mit diesen beiden Damen würde ich liebend gerne mal ein paar Nächte durch diskutieren und über die Zukunft der menschlichen und künstlichen Intelligenz sprechen.

Miriam Meckel untersucht in ihrem Buch „Mein Kopf gehört mir“ in 14 Stationen die unterschiedlichen Wege, in denen die Menschen momentan versuchen, ihr Hirn zu tunen und sich mit Hilfe der Technologie in mehr oder weniger Cyborgs zu verwandeln. Dabei reicht es ihr bei weitem nicht, entsprechende Literatur darüber zu lesen, Frau Meckel startet eigentlich überall den Selbstversuch und führt protokollarisch Tagebuch über ihre Erlebnisse.

„Es wird unsere Aufgabe für die Zukunft sein, den Verbindungsbalken zwischen den Hemisphären des neuen Weltgeistes aus menschlicher und künstlicher Intelligenz zu bauen. Wenn es schlecht läuft, werden wir verlieren von dem, was unsere Welt und das Leben schön macht: Kreativität, Emotionen, geistige Einzigartigkeit und die Fähigkeit, Menschen und Dinge zu lieben. Wenn es gut läuft, wird es uns gelingen, die beiden Zustände zu verbinden und in einer großartigen Welt zu leben…“

Das geht von 24 Stunden in der Dunkelkammer, Neuro Enhancer Pillen und Stromstößen fürs Gehirn bis hin zu Spracherkennung über das Gedankenlesen. Nicht alle Versuche gingen spurlos an ihr vorbei und sie hat sich da weit aus ihrer Komfortzone rausgewagt.

Besonders gefiel mir, dass Meckel nie plakativ ins Schwarz-Weiße verfällt. Sie zeigt kritisch Gefahren auf, erklärt aber auch die durchaus bestehenden positiven Möglichkeiten, insbesondere für die Medizin. Immer wieder werden wir mit der Frage konfrontiert, sollen wir wollen, was wir können, was bedeutet das aus ethischer Sicht für die Menschen und wie weit können wir die möglichen Folgen absehen, weil aktuell vieles noch nicht durch Langzeitstudien erforscht ist?

Ein spannendes und unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und ich hoffe noch immer auf einen Besuch der Autorin in München. Mein Hirn war jedenfalls permanent on fire und ich könnte problemlos die ganze Nacht mit Frau Meckel diskutieren – auch ganz ohne Hirnboosting durch Stromzufuhr.

Ich bedanke mich beim Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

Verteidigung des liberalen Charakter

Dieses kleine Büchlein hatte unglaublich viele großartige Erkenntnisse geboten für mich, ich kam aus dem Unterstreichen überhaupt nicht mehr raus. Strenger führt aus, dass die Menschen ihre Freiheiten als selbstverständlich und naturgegeben ansehen und nicht als etwas, dass man sich erarbeiten muss und für das es sich zu kämpfen lohnt.

Wir sehen die politische Stabilität und die Menschenrechte zum Beispiel als eines unserer Grundrechte an und in dem Moment, wo irgendwer diese Rechte beschneidet oder uns ins Gehege kommt, kreiden wir das dem jeweiligen Politiker oder der Gesellschaft als solches an, sehen es aber in der Regel nicht als unser ureigenes Problem an, das wir proaktiv mit lösen müssen.

Die meisten sind so sehr damit beschäftigt, sich selbst zu optimieren durch Sport, die passende Ernährungsweise oder dem optimierten Schlafverhalten, dass neben Beruf und Selbstoptimierung maximal noch Zeit für Beruf und etwas Familie bleibt, aber für die Gesellschaft bleibt am Ende nichts übrig.

Wir haben meistens kein größeres Ziel, als uns selbst zu verbessern, was dazu führt, dass unsere gesellschaftlichen Systeme einknicken oder von rechts unterwandert werden. Wir sind zuviel mit uns selbst beschäftigt und haben keine Zeit und nicht genügend Interesse, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Eine Kritik, die ich mir auch persönlich gefallen lassen muss. Ich sehe einiges positiver als Strenger, aber grundsätzlich trifft er mit vielen Punkten ins Schwarze.

Die größte Leistung der westlichen Aufklärung liegt darin, dass sie den Menschen die Möglichkeit, gibt ihr Leben frei gestalten zu können und es heute mehr Auwahl gibt als je zuvor. Das ist aber nicht nur Anlass zur Freude, denn es bedeutet auch, dass die Menschen sich ihre existentiellen Fragen nach dem Warum, ihrer Identität, dem Sinn etc. selbst beantworten und ihrem Leben einen eigenen Sinn geben müssen. Manche Menschen befreit diese Freiheit, doch für einige bedeutet es ein zu viel an Verantwortung, Mut und Anstrengung und das auch noch ohne Erfolgsgarantie.

„Wo negative Freiheit als Freiheit von äußeren Zwängen definiert ist, besteht die positive darin, dass wir wirklich autonom sind. Wahre Selbstbestimmung erfordert Vernunft, Wissen und Disziplin. Mit negativer Freiheit ist durchaus vereinbar, dass wir zu Sklaven unserer Leidenschaften, Begierden oder auch äußerer Manipulation werden. Der Begriff der positiven Freiheit hingegen gibt einer starken menschlichen Intuition Ausdruck: Wahrhaft frei sind wir nur dann, wenn wir die negative Freiheit mit Inhalten füllen, für die wir uns bewusst entschieden haben.“

Die westlichen Gesellschaften werden nicht überleben können, wenn die Menschen nicht bereit sind, ihre persönliche und gesellschaftliche Freiheit zu verteidigen.

Mit eines der wichtigsten Bücher für mich, die ich dieses Jahr gelesen habe. Spannend und bringt das Hirn garantiert auf Hochtouren.

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Ich habe hier ja schon bis zum Abwinken seine beiden Bücher „Sapiens“ und „Homo Deus“ besprochen, beworben und vielfach verschenkt und zugegebenermaßen ist hier nichts neues drin, da es sich hier um einen Auszug aus seinen beiden Büchern handelt. Trotzdem. Es hat sich gelohnt, dieses Büchlein zu lesen.

Der erste Teil erzählt die Geschichte des Geldes. Wie und warum wurde es erfunden? Warum hat es so eine derart große Bedeutung in unserem Leben und macht es uns eher glücklich oder unglücklich? Im zweiten Teil entwickelt er Zukunftsszenarien zur Zukunft der Menschheit, des Individuums und der Gesellschaft. Wir befinden uns am Rande einer Revolution, ob wir das wollen oder nicht.

Seine brillianten Einsichten, Klarsicht und seine Weitsichtigkeit sorgen für Lektüre die den Leser aufrüttelt, zum Nachdenken bringt und wer sich bislang nicht sicher war, ob er seine beiden Bücher lesen sollte, spätestens nach diesem Auszug dürfte alles klar sein.

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Die beiden Essays machte Susan Sontag über Nacht zu einer literarischen Sensation und waren die ersten, die versucht die Grenzen zwischen der sogenannten „Hoch- und Trivialkultur“ zu überwinden.

„Camp“ auf Deutsch vielleicht mit dem Begriff „Kitsch“ oder „affektiert“ zu übersetzen ist eine bestimmte Form des Ästhetizismus. Eine bestimmte Art, die Welt zu sehen. Es hat nicht unbedingt mit Schönheit im klassischen Sinne zu tun, sondern mehr mit einer Versinnbildlichung der artifiziellen stilisierten Form.

The more we study Art, the less we care for Nature“

„The ultimate camp state means it’s good because it’s awful“

Mir hat der zweite Essay „One Culture and the New Sensibility“ vielleicht sogar noch besser gefallen. Es beschäftigt sich mit der nach wie vor aktuellen Debatte um den Bruch zwischen low und high brow Kultur und die Weiterentwicklung in die sogenannte nobrow Kultur.

„One important consequence of the new sensibility is that the distinction between high and culture seems less and less meaningful.“

4 Hirne und die daraus entstandenen Texte/Bücher, die garantiert den Blickwinkel erweitern und die eigenen Synapsen zum Glühen bringen. Hier die klugen Köpfe noch mal im Überblick:

  • Miriam Meckel „Mein Hirn gehört mir“ erschienen im Piper Verlag
  • Carlo Sprenger „Abenteuer Freiheit“ erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Yuval Noah Harari „Money“ erschienen im Vintage Verlag
  • Susan Sontag „Notes on Camp“ erschien im Penguin Verlag

Und ihre Augen schauten Gott – Zora Neale Hurston

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Zora Neale Hurstons unglaubliches Buch ist die Geschichte von Janie Crawford, einer schwarzen Frau Mitte vierzig. Ihre Großmutter (Nanny) war Sklavin, die von ihrem „Besitzer“ missbraucht wurde. Ihre Mutter (Leafy) wurde ebenfalls vergewaltigt und begann darauf hin zu trinken und verschwand, als Janie noch klein war. Daher wächst sie bei ihrer Großmutter auf. Als Janie einen Nachbarsjungen küsst, sorgt Nanny dafür, sie schnellstmöglich unter die Haube zu bringen, bevor „Schlimmeres“ passiert. 

„Komm nach deine Grandma, Liebchen. Setz dich auf mein Schoß wie früher. Deine Nanny tut dich doch kein Haar krümm. Se will auch nich, dat wer anders dat tut, wennses verhindern kann. Liebchen, der weiße Mann is Herr über alles, soviel wie ich hab rausfindn könn. Womöchlich is da irgnwo ne Gegend, weit wech in Ozean, wo der schwarze Mann die Macht hat, aber nix Genaues wissenwer nich, solange wievers nich mit eigne Augen sehn. Der weiße Mann, der hat seine Bürde hingeschmissen un den Niggermann gesach, er sollse aufheben. Der hebtse auf, musser ja, aber tragen tuterse auch nich. Gibter lieber seine Weibsleute. Die Niggerfrau is der Maulesel für alle Welt, soviel wie ich weiß.“

Sehr schnell muss Janie lernen, dass eine Heirat noch lange nichts mit Liebe zu tun hat. Sie brennt kurz darauf mit einem anderen Mann durch, der sie umschwärmt, leider stellt sich der als Kontroll-Freak und Frauenfeind raus. Auch wenn sie durch die Ehe materiell mehr als gut versorgt ist, ist sie doch unglücklich und völlig isoliert.

Und dann trifft sie Tea Cake. Er ist zwölf Jahre jünger als sie, aber endlich einer, der mit ihr mithalten kann. Sie leben zusammen, sind glücklich und es ist, wie sie sich die Liebe unter dem Birnenbaum immer vorgestellt hatte.

Hurston beschäftigt sich nicht mit den Problemen zwischen Schwarzen und Weißen, sie zeigt auch die Schwierigkeiten innerhalb ihrer eigenen Community auf, die teilweise genauso einengend für sie sind. Es gibt dort ein strenges Klassensystem und es wird erwartet, dass die Leute ihren Platz kennen und dort bleiben. Hurston beschäftigt sich inbesondere mit der Rolle der Frau innerhalb ihrer Kultur.

Das Buch ist nicht einfach und so gerne ich üblicherweise Bücher im Original in Englisch lese, in diesem Buch habe ich meinen Meister gefunden und musste auf die Übersetzung ausweichen. Die ist aber meines Erachtens wirklich großartig gelungen und Hut ab vor der Übersetzerin Barbara Henninges, die der deutschen Ausgabe auch ein sehr nützliches Glossar beifügte.

„Weißde Liebchen, wir farbiche Leute, wir sin Zweige ohne Wurzln, un da komm wunderliche Sachen bei raus. Besonderst bei dir. Ich bin damals mitten mang die Slaverei geborn, da wars mir nich gegeben, meine Träume wahrmachn, watne Frau sein soll un watse machen soll. Dat is eins von die Undinger von Sklaverei. Aber kann ein nix davon abbring, dat man Wünsche hat. Man kann niemand so kaputtmachen, dat man ihn sein Wille raubt. Ich hab nich wollen, datse mich als Arbeitochse un als Zuchtsau benützen, un ich hab auch nich wolln, datse meine Tochter dazu benützen. War wahaftich nich mein Wille, dat alles so gekomm is, wies gekomm is.“

Foto: Jeff Sonksen


Aber mal ganz unabhängig was für ein großartiger Roman das ist. Die Lebensgeschichte von Zora Neale Hurston ist das Buch, das ich eigentlich als nächstes von äh über sie lesen möchte. Was für eine Persönlichkeit! Sie ist nicht nur eine aufregende Autorin, sondern eine sehr inspirierende Frau. Sie war selbst die Tochter von früheren Sklaven und wuchs in Eatonville auf, wo ihr Vater Bürgermeister war. Sie setzte es sich in den Kopf zu studieren und ihr war (fast) jedes Mittel recht. Sie brauchte ein Stipendium für das Studium, weil sie es sich ansonsten nicht hätte leisten können und lag eigentlich schon über dem Höchstalter dafür, zack Geburtsdatum geändert und sie bekam ihr Stipendium. Sie studierte Anthropologie gemeinsam im Übrigen mit Margaret Mead. Ab den 1930er Jahren widmete sie sich dann mehr oder weniger ausschließlich der Literatur.

Sie war eine Frau der Tat, die sich durch nichts und niemanden hat aufhalten lassen. Das hat ihr im Leben ziemlich viele Probleme bereitet. Obwohl sie Teil der Harlem Renaissance war stieß ihr Roman „Their eyes were watching God“ insbesondere bei den führenden Männern in der Bewegung eher auf Ablehnung. Der umgangssprachliche Schreibstil wurde bemängelt, es galt als oberflächlicher Liebesroman. Ich frage mich allerdings, ob den Herren nicht eventuell die Kritik Hurstons an der Rolle des Mannes missfiel.

Sie war zeitlebens umstritten und hatte u.a. mit Plagiatsvorwürfen zu kämpfen, ihre Forschungsmethoden und ihre Begeisterung für Vodoo missfielen ebenso wie ihre politische Haltung. Sie war eine sehr freiheitsliebende Frau, die mit Kommunismus oder Sozialismus wenig am Hut hatte, vermutlich stand ihr der Libertarismus recht nahe. 

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In den 1950er Jahren begann ihr literarischer Stern zu sinken. Ein ihr sehr wichtiges literarisches Projekt wurde vom Verlag abgelehnt und ihre Gesundheit baute immer weiter ab. Sie hatte einen Schlaganfall, konnte nicht mehr schreiben und musste Sozialhilfe beantragen. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einem Pflegeheim für Arme, wo sie kurz darauf einem Herzleiden erlag. Trotz aller Schwierigkeiten behielt sie bis zu letzt ihren Optimismus und ihre Unabhängigkeit:

„But … I have made phenomenal growth as a creative artist. … I am not materialistic… If I do happen to die without money, somebody will bury me, though I do not wish it to be that way“

Die Autorin Alice Walker spürte im Jahr 1973 Hurstons Grab auf und veröffentlichte in der US Frauenzeitschrift „Ms“ den Artikel „In Search of Zora Neale Hurston“, der die Wiederentdeckung von Hurstons Werk und ihrer Person einleitete. In diesem Jahr erschien auch endlich ihr Sachbuch „Baraccoon“, das Interviews mit dem letzten Überlebenden auf einem der Sklaven-Transportschiffe beinhaltet. Das Buch hatte während ihrer Lebzeit keinen Verlag gefunden, auch weil es wieder in dem erfundenen Dialekt geschrieben worden war, der auch in „Their eyes were watching God“ vorkommt.

Hier eine kurze Doku über die Autorin die zwei Schülerinnen im Rahmen eines Schulprojektes erstellten:

„Their eyes were watching God“ war die Mai-Lektüre unseres Bookclubs und es hat für spannende Diskussionen gesorgt und reihum gingen die Daumen hoch. Dazu war auch noch unser kulinarisches Rahmenprogramm ein großes Highlight. Wer Lust hat, mit Zora Neale Hurston zu kochen, dem empfehle ich noch diesen link:

https://www.theparisreview.org/blog/2017/11/10/cooking-zora-neale-hurston/

Eine sehr schöne Besprechung des Buches findet ihr auch hier.

„Their eyes were watching God“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Und ihre Augen schauten Gott“ im Amman Verlag.