Arundhati Roy @International Literature Festival Berlin

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Fotos: A Kuscu

„India has always lived in several centuries simultaniously“

Arundhati Roy war vermutlich der Star des Internationale Literatur Festivals in Berlin. Meterlange Schlangen warteten auf Einlass zur Podiumsdiskussion mit ihr aus Anlass der Veröffentlichung ihres ersten Romans seit zwanzig Jahren „The Ministry of Utmost Ministry“.

Das muss man ihr natürlich auch erst einmal nachmachen. Gleich mit dem Erstlingswerk „The God of Small Things“ 1997 den Booker Prize gewinnen, dann zwanzig Jahre lang auf den nächsten Roman warten lassen und peng – dann gleich wieder auf der renommierten Shortlist des Booker Prizes zu landen.

Arundthai Roy ist die Grande Dame der indischen Literaturszene und hat in der Zwischenzeit alles andere als faul in der Hängematte gelegen. Sie hat ihre Bekanntheit nach dem Gewinn des Bookerprizes 1997 dazu genutzt, sich als Aktivistin um drängende politische Themen in Indien, aber auch außerhalb, zu kümmern. Sie hat sich für umweltschützende Maßnahmen wie z. B.  gegen den Bau von Dämmen in Indien engagiert, sich für die Unabhängigkeit Kashmirs und gegen Hindu-Nationalismus ausgesprochen, sich mit den Klagen auf Volksverhetzung der indischen Regierung auseinandergesetzt und jede Menge Essays und Non-Fiction Bücher produziert.

Ihr Werk umfasst dabei Bücher zum Thema Globalisierung, Kapitalismus, Demokratie und hat sie als politische Philosophin und Aktivistin auf die politisch-literarische Weltbühne katapultiert.

Ihre Essays haben sie oft genug in Teufels Küche gebracht und ihr viel Ärger und Abneigung eingehandelt. Fast jedes Mal nahm sie sich vor, aufzuhören, den Finger in die Wunde zu legen und Ärger zu machen, bis sie es nicht mehr aushielt und sie sich doch wieder zu Wort melden musste.

Immer wieder bekundet sie auch, dass es eigentlich das belletristische Schreiben ist, dem ihr Herz gehört „“To me, there is nothing higher than fiction. Nothing. It is fundamentally who I am. I am a teller of stories. For me, that’s the only way I can make sense of the world, with all the dance that it involves.”

 

In Berlin diskutierte sie ihren Roman mit Gabriele von Arnim und las daraus einige Passagen.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ beginnt mit Anjum, die aus Gründen, die später erläutert werden, auf einem Friedhof lebt. Anjum ist eine „Hijra“, ein hinduistischer Begriff, der sich frei mit Hermaphrodite, Eunuch, drittes Geschlecht oder Transgender übersetzen lässt. Seit ihrer Jugend lebt Anjum im Khwabgah, was soviel wie Schlafquartier, Haus oder Palast der Träume bedeutet und für sie ein Ort der Freiheit und der Selbstentfaltung ist. Zusammen mit den anderen Hijras bildet sie so etwas wie eine Familie.

Beim Besuch in einem Gujarati Schrein erlebt Anjum das Massaker an Hindu-Pilgern und die darauf folgende Vergeltung der Regierung gegen Muslime und zieht sich auf den Friedhof zurück. Sie legt ihre farbenfrohe weibliche Kleidung ab und kleidet sich in einen maskulinen Pathan Anzug und baut über den Gräbern einen Zufluchtsort, eine Art Schutzraum für Menschen, Tiere und Exzentrikern aller Art wie Obdachlose, Aussteiger, Unberührbare etc. Eine Republik der Verlorenen gegen die brutale Realität des zeitgenössischen Indiens.

Die Geschichte bringt uns von Dehli nach Kaschmir, wo Indien und Pakistan um die Kontrolle ringen und die Einwohner des vielleicht schönsten Tals der Erde sich in Flüchtlinge, Märthyrer, Freiheitskämpfer und Spione verwandeln.

Arundhati Roys Buch gleicht einem farbenfrohen Patchwork Teppich aus einzelnen Erzählsträngen. Schmerzhaft, lustig, sexy, realistisch, magisch und ausschweifend. Ich war mit dem riesigen Aufgebot an Personen überfordert. Mir fehlte die Dynamik in der Geschichte, viele Hauptpersonen verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Ich habe mich mit Arundthai Roys Buch sehr, sehr schwer getan.

Es ist definitiv ein Abbild des chaotischen, uneinigen Indiens mit dem Crescendo unterschiedlicher Stimmen und Stimmungen, aber es hat mich lange nicht so gepackt wie „The God of Small Things“.

Wir lesen den Roman auch noch gemeinsam im Bookclub und vielleicht werde ich durch die erneute Lektüre einige Zusammenhänge besser verstehen, momentan fühle ich mich etwas verloren.

Der Abend in Berlin hat mir Lust gemacht, mich mit ihren Essays zu beschäftigen, insbesondere die Serie „Things that can and cannot be Said“ über ihren Besuch mit John Cusack bei Edward Snowden klingt ausgesprochen spannend. Hier ein Artikel im Guardian darüber:

https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2015/nov/28/conversation-edward-snowden-arundhati-roy-john-cusack-interview

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexmplar „Das Ministerium des äußersten Glücks“

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Short and Sweet – Gemischte Tüte

Short and Sweet kommt ja oft, wenn ich ein bisschen faul bin für elaborierte Rezensionen, das soll gar nicht wertend sein den Büchern gegenüber, die ich dann nur kurz bespreche. Habe mal die liegengebliebenen der letzten Wochen (und einmal fast schon Monate) zusammengesucht, damit ich sie endlich ins Regal räumen kann und sie aufhören, mich so vorwurfsvoll anzuschauen.

Mein großes Highlight in diesem Stapel war „Night Film“ von Marisha Pessl, eine Autorin, die mit ihrem Debut „Special Topics in Calamity Physics“ vor ein paar Jahren für ordentlich Aufsehen in der Literaturbranche sorgte. Zusammen mit Jonathan Safran Foer galt sie als literarisches Wunderkind, wurde aber gleich auch mit ihm als Vertreterin der „Streber-Literatur“, der show-offs, in einen Topf geworfen.

Ich mochte ihr Debut sehr, mag auch Safran Foer und daher haben mich diese Spitzen überrascht, habe sie aber weitestgehend ignoriert und war erfreut, dass ein weiterer Roman von ihr erschienen ist, der sich dann auch noch mit dem Genre Horror-Film beschäftigt. Die Aufmachung erinnert entfernt an Mark Z Danielewskis „House of Leaves“ und die Geschichte um den Selbstmord der Tochter des mysteriösen Horrorfilm-Regisseurs Stanislav Cordova, der seit über 30 Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde, hatte für mich definitiv Pageturner-Qualitäten.

“Mortal fear is as crucial a thing to our lives as love. It cuts to the core of our being and shows us what we are. Will you step back and cover your eyes? Or will you have the strength to walk to the precipice and look out?“

Nicht wirklich gruselig, aber düster und atemberaubend spannend, ein Thriller der Extraklasse, der Lust aufs Gruseln macht.

„Solitaire“ von Kelly Eskridge entführt uns in eine nicht all zu weit entfernte Zukunft, in der es tatsächlich endlich Weltfrieden gibt. Als Symbol der Hoffnung wurden alle Kinder, die genau in der Sekunde geboren wurden, als die Friedensverhandlungen beendet wurden, zu „Hopes“ ernannt und werden auf ihre Rolle als künftige Aushängeschilder der globalen Administration vorbereitet.

Die „Hope“ des weltweit einzigen Konzernstaates ist Ren „Jackal“ Seguara. Als Ren für eine fürchterliche Katastrophe die Schuld gegeben wird, bricht die Ko Corporation, ihr Heimatland sozusagen, jegliche Verbindung mit ihr ab und verurteilt sie zu einer fürchterlichen Strafe. Sie wird im Rahmen eines Experiments in eine Virtual Reality Isolationshaft gebracht, wo sie die nächsten 8 Jahre allein in ihrem Geist eingesperrt wird, ohne jeglichen Kontakt von außen.

„When we are left all alone is that when we find out who we truly are?“

Was mir an diesem stylischen Sci-Fi Roman unter anderem gut gefallen hat, war die absolute Selbstverständlichkeit mit der Ren eine Freundin hat und das auch ohne große Liebesdramen oder Dreiecksgeschichten, sondern von der ersten Seite an war klar, dass sie mit Snow zusammen ist. Eine willkommene Abwechslung.

Richtig kaugummibunt wird es dann bei „Knallmasse“ von Ulrich Holbein, einem durchgeknallten Science-Fiction Märchen. Klingt als hätte es George Orwell mit Lewis Carroll geschrieben, nachdem sie sich durch Aldoux Huxleys komplette LSD-Vorräte gearbeitet hatten.

Eine Zusammenfassung erscheint mir ziemlich unmöglich daher kupfer ich mal die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken ab um hier ordentlich Appetit auf diesen Roman zu machen, der im Übrigen bereits 1993 erschienen und liebevoll illustriert vom Humunculus Verlag wieder aufgelegt wurde.

„Es knallt und zwischt. Roboter Knallmasse lebt mit seinesgleichen im Staat des Dröhnens DeziBel, wo man das Klobige, Harte schätzt und das Weiche, Runde verabscheut. Als sich jedoch durch einen Sportunfall siene Weltsicht verkehrt und er dem Organischen plötzlich zugetan ist, hat er den Platz in sienem bisherigen Lebensraum verwirkt. Der Staatsapparat macht unterbittlich Jagd auf den Abweichler. Mit zwei menschenähnlichen Wulwiletten gelingt Knallmasse die Flucht ins kunterbunte Weltall, wo ein Abenteuer komischen Ausmaßes auf sie wartet.“

Ich danke dem Humunculus-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kluge Gedanken für Leserinnen in allen Lebenslagen aus dem Elisabeth Sandmann Verlag ist eine Hommage an die lesende Frau und ich habe darin für meine Serie „Awesome People (Binge)Reading auf Facebook noch ein paar sehr schöne Motive gewonnen. Die Bilder sind wunderbar, zeigen überwiegend eher unbekanntere Leserinnen in abgefahrenen Positionen, das ganze wird von literaturbezogenen Zitaten geschmückt. Ein Buch das man gerne durchblättert und dass das perfekte Coffee-Table-Büchlein für die lesende Frau von Welt ist 😉

Einzig die Auswahl der Zitate fand ich gelegentlich etwas einseitig, einige Autorinnen sind dutzenfach vorhanden, ein paar, die gut gepasst hätten, fehlen leider gänzlich. Aber das ist jammern auf hohem Niveau, wer noch ein passendes Geschenk für eine Freundin oder sich selbst sucht, der kann hier beruhigt zugreifen.

Mein letztes Buch für heute hätte ganz wunderbar in die Short and Sweet – Illustre Runde gepasst, da hatte ich es allerdings noch nicht, aber so ein Geburtstag sorgt ja immer wieder für Neuzugänge und somit habe ich jetzt auch Haruki Murakamis „Schlaf“ in meiner Sammlung.

„Der Zustand, in dem ich in dieser Welt lebte und existierte, war wie eine vage Halluzination. Bei einem Windstoß, glaubte ich, würde mein Körper bis ans Ende der Welt geweht, an einen Flecken am Ende der Welt, den ich nie gesehen und von dem ich nie gehört hatte. Ewig wären mein Körper und mein Bewusstsein voneinander getrennt.“

Illustriert wurde es wieder mehr als genial von der wunderbaren Kat Menschik. Die Geschichte handelt von einer Frau, die seit siebzehn Tagen absolut kein Auge zumachen kann. Während Mann und Sohn nachts schlafend in ihren Betten liegen, beginnt für die namenlose Erzählerin ihr zweites Leben, das bald deutlich aufregender ist, als ihre immer gleichförmigen Tage.

Die 30jährige erzählt niemandem von ihrer Schlaflosigkeit, einzig der Leser erfährt davon. Es gibt keine Anzeichen von einsetzendem Wahnsinn oder anderen üblichen Symptomen nach einer derart langen Zeit der Schlaflosigkeit. Murakami hat sich ganz sicher intensiv mit dem Thema beschäftigt, ich fand die Idee unglaublich spannend, muss aber sagen, es handelt sich meines Erachtens um eine etwas schwächere Geschichte vom Meister. Aber auch hier jammern auf hohem Niveau. Ein Buch das jeder Murakami-Fan in seiner Sammlung braucht und spätestens in der nächsten schlaflosen Nacht werde ich es noch einmal hervorholen…

Das wars für heute meine Lieben. Hier noch mal kurz in der Übersicht die besprochenen Bücher dieser Short und Sweet Folge:

  • Marisha Pessl – Night Film. Im deutschen unter dem Titel „Die amerikanische Nacht“ im Fischer Verlag erschienen
  • Kelley Eskridge – Solitaire. Bislang nicht auf deutsch erschienen. Ansonsten im Small Bear Verlag.
  • Ulrich Holbein – Knallmasse. Erschienen im Homunculus Verlag
  • Kluge Gedanken für Leserinnen in allen Lebenslagen. Erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag
  • Haruki Murakami – Schlaf. Erschienen im Dumont Verlag.

The Thief – Fuminori Nakamura

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„Was the young man’s fate really controlled entirely but the nobleman? Or was being controlled by the nobleman the young man’s fate?“

Während unseres Urlaubs in Japan hatte ich zeitweise Panik, nicht genug Bücher dabei zu haben und obwohl Japan ein absolutes Buch-Mekka ist, musste ich nach einem Laden, der auch englischsprache Bücher führt, ganz schön Ausschau halten. Als ich dann einen fand, war der gigantisch und ich hätte mich ohne Probleme tagelang darin verirren können.

Murakami und Yoshimoto hatte ich natürlich reichlich dabei, es musste also etwas anderes frisches japanisches her und da stolperte ich über Fuminori Nakamura, dessen Bücher mir in zahllosen japanischen Läden aufgefallen waren und den ich dort auch in englischer Ausgabe fand. Letztlich hatte ich doch genug zu lesen dabei, Nakamura flog also ungelesen mit mir zurück und da gleich nach meiner Rückkehr unsere jährliche Bücherwahl im Bookclub anstand, schlug ich Nakamura vor und er wurde auch prompt gewählt, allerdings musste ich jetzt fast ein Jahr warten, bis er endlich dran war.

Aber gleich vorneweg – das Warten hat sich gelohnt: Nakamura beschert uns mit dem Tokioer Taschendieb Nishimura einen Anti-Helden par excellence und beschäftigt sich darüberhinaus auf interessante Weise mit den Themen Schicksal und Manipulation.

In diesem Noir-Thriller hat die Unterwelt wenig von dem düsteren Glamour, der sonst häufig in der Anti-Helden Welt zu finden ist. Hier werden sowohl die Kriminellen als auch deren Opfer vom Schicksal ordentlich in die Mangel genommen. Nakamura zeichnet ein emphatisches Porträt eines einsamen Mannes, dessen Lebenswille erzwungenermaßen im letzten Moment wieder rausgekitzelt wird.

Der Dieb ist ein Künstler seines Faches und dabei ein heimlicher Robin Hood. Er stiehlt nur von den Reichen, ohne Gewalt anwenden zu müssen und schickt die gestohlenen Brieftaschen per Post zurück, nachdem er das Geld heraus genommen hat. Für den besonderen Kitzel nimmt er manchmal auch nur einen Teil des Geldes raus und steckt die Brieftasche zurück, ohne dass das Opfer merkt bestohlen worden zu sein.

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Nishimura hat seine Prinzipien und eines davon ist seine Unabhängigkeit. So wenige persönliche Bindungen wie möglich. Seine verheiratete Liebhaberin hat ihn gerade verlassen, als er auf eine junge Mutter mit ihrem Sohn trifft. Er überrascht die beiden beim Ladendiebstahl und hilft ihnen, den Detektiv loszuwerden. Der kleine Sohn ist einigermassen talentiert und zöglichlich nimmt er den Jungen unter seine Fittiche. Wenn er ihn nicht dazu bringen kann aufzuhören mit dem Stehlen, dann will er ihn zumindest vernünftig ausbilden.

„If you can’t stop the light from shining in your eyes, it’s best to head back down in the opposite direction“

Als Nishimura mit den Yakuza, der japanischen Mafia, in Kontakt kommt (meine Interpretation, die Organisation wird nicht explizit genannt) gerät er in eine Spirale der Gewalt und der Düsterkeit.

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Man erfährt meist nur Bruchstücke und der unzuverlässige Erzähler der Geschichte bleibt durch die Geschichte hindurch distanziert. Die Sprache ist kühl und einfach, die Geschichte düster, streckenweise liest es sich wie ein Filmscript und ich hoffe auch sehr auf eine Verfilmung.

Eine verstörender Einblick in eine einsame, sich teilweise selbstverleugnende Persönlichkeit. Das Buch wollte mich gar nicht mehr loslassen. Dies wird nicht mein letzter Nakumara bleiben. Ich freue mich, dass bereits 4-5 weitere Bücher von ihm übersetzt wurden.

Im deutschen ist das Buch unter dem Titel „Der Dieb“ im Diogenes Verlag erschienen.

Short and Sweet – eine illustre Runde

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Los gehts mit Haruki Murakamis „Birthday Girl“, eine Geschichte die ich vor einigen Jahren schon in dem von ihm herausgegebenen Kurzgeschichtenband „Birthday Stories“ gelesen habe. Eine Geschichte, die ich mochte, die mir aber nicht übermässig im Gedächtnis geblieben war.

Das wird sich dank Kat Menschiks Illustrationen definitiv ändern. Menschik und Murakami sprechen eindeutig die gleiche (Bild)Sprache, die Bilder treffen so sehr den Kern seiner Geschichten, jedes einzelne davon würde ich mir auch als Druck an die Wand hängen.

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„Birthday Girl“ ist die Geschichte eines 20jährigen Mädchens, das als Kellnerin in einem Restaurant arbeitet und eines Abends dem alten Restaurant-Besitzer in seiner Wohnung über dem Restaurant das Abendessen serviert. Durch einen Zufall erfährt der Mann, dass sie Geburtstag hat und schenkt ihr einen Wunsch – egal was es ist. Nur einen beliebigen Wunsch, aber einmal geäußert, kann er nicht mehr zurückgenommen werden.

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Den Wunsch selbst erfährt der Leser nie. Nur dass es nichts normales ist wie „schöner oder reicher werden“. Denn …“ich kann mir die Auswirkungen nicht so recht vorstellen, falls so etwas tatsächlich einträte. Vielleicht würde es mir sogar über den Kopf wachsen. Ich habe das Leben noch gar nicht im Griff. Wirklich nicht. Ich weiß nicht, wie es funktioniert.“

Mir gefällt besonders, wie man bei jeder seiner Geschichten ein Stück Murakami in seinen Protagonisten entdecken kann. In dieser Geschichte greift er auf seine eigenen Erfahrungen als Kellner in einem Café zurück, als er zwanzig Jahre alt war.

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Wir bleiben noch ein bisschen bei meiner Lieblings-Illustratorin Kat Menschik und lassen uns von ihr nach Schweden entführen und zwar zu:

„Die Bergwerke zu Falun“ von E. T. A. Hoffmann

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E.T.A. Hoffmann hat surrealistische Geschichten geschrieben, lange bevor der Begriff überhaupt benutzt wurde. Ich halte ihn für einen der Urgesteine des Horror/SciFi/Phantastik-Genres und seine Geschichten sind auch fast 200 Jahre nach Erscheinen immer noch zeitlos und einzigartig.

Was ihn meines Erachtens mit Murakami verbindet ist die Tatsache, dass auch seine Protagonisten sehr viel von ihm selbst enthalten, seiner Umgebung, seinen Frauen, denen er hinterherlief, in seinem viel zu kurzen Leben.

Ein „Jack-of-all-Trades“ der als Maler, Komponist, Jurist, Kritiker und Schriftsteller unterwegs war, es gibt wenig im kulturellen Bereich, dass er nicht zumindest einmal ausprobiert hätte und in den meisten Bereichen war er unglaublich gut.

Seine Geschichten sind psychologische Studien, die sich mit dem Übernatürlichen, Wahnsinn, der Technik seiner Zeit aber auch mit märchenhaften Dingen beschäftigen. Immer wenn man gerade glaubt zu ahnen, in welche Richtung er mit seiner Geschichte will, biegt er ab und der Leser ist urplötzlich wo ganz anders.

Seine wie im Fiebertraum gesponnenen Metaphern und Vergleiche zeichnen ein berückendes Bild seiner sich oft in Bedrängnis fühlenden Progagonisten. Oft sind sie halb verrückt, von unerfüllter Liebe zu einer Frau gequält und wenn es etwas gibt, was ich an ihm nicht so mag, dann ist es seine schablonenhafte Beschreibung der Frauenfiguren in seinem Werk.

Die Geschichte „Die Bergwerke zu Falun“ ist schnell erzählt. Alles fängt mit dem Fest der Matrosen an, die nach einer langen Seereise für die ostindische Gesellschaft wieder in Schweden angekommen sind und ihre Rückkehr feiern. Nur Elis Fröbom sitzt allein und niedergeschlagen da. All seine Motivation auf See rührte daher seiner Mutter bei der Rückkehr ein gutes Leben zu ermöglichen, bei der Rückkehr muss er feststellen, dass sie zwischenzeitlich gestorben ist und er weiß nicht recht wohin jetzt mit sich und seiner Trauer.

Als ein alter Bergwerksarbeiter erscheint und ihm die wunderbare Welt der Minen und Bergwerke ans Herz legt überlegt er, sich die Seefahrt an den Nagel zu hängen und statt dessen im Bergwerk zu Falun anzuheuern. Fieberhaft träumt er nachts von einer kristallenen Welt mit einer Königin, in die er sich verliebt und macht sich am nächsten Tag tatsächlich auf nach Falun. Doch dort angekommen schreckt er beim Anblick der Mine zurück:

„Elis Fröbom schritt guten Mutes vorwärts, als er aber vor dem ungeheuern Höllenschlunde stand, da gefror ihm das Blut in den Adern und er erstarrte bei dem Anblick der fürchterlichen Zerstörung“

Auch nach dem dritten Lesen entdecke ich jedes Mal wieder etwas Neues in den versteckten Hinweisen und den nuancierten Betrachtungen. Nicht zu vergessen die Illustrationen, die auch aus dieser Geschichte ein absolutes Juwel machen:

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Ich stelle mir jetzt Murakami und ETA beim gemeinsamen Dosenbier vor, in ihrer Welt sollten ein paar hundert Jahre Zeitunterschied und Sprachbarrieren keine Probleme darstellen.

Wer glaubt, dass es jetzt mega realistisch zugeht, nur weil es mit Bertolt Brecht weitergeht, der hat sich gehörig in den Finger geschnitten. Brecht kann auch anders meine Herrschaften, der kann sich auch mal gepflegt Gedanken machen, wie es wohl wäre „Wenn die Haifische Menschen wären“.

Bertold Brecht – Wenn die Haifische Menschen wären“

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Die Parabel ist eine der etwas längeren Geschichten rund um Herrn K. Hier tauchen wir ab in die Welt der Haifische, die ein menschliches Leben führen. Sie schicken ihre Kinder in die Schule, wo sie neben menschlichen Werten und Normen auch andere Sachen lernen wie Geografie, Rechnen und Religion.

„Wenn die Haifische Menschen wären«, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“ hier startet Brecht seinen philosophisch-kritischen Blick in die Welt der Haifische und Menschen. Zitate wie „Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank“ sind überraschend aktuell.

Eine bibliophile Ausgabe vom Buch-Onlineversand Fröhlich & Kaufmann mit wunderschönen Illustrationen, die den Text wunderbar ergänzen und interpretieren. Freue mich, auf der Buchmesse in Leipzig bei diesem Büchlein zugeschlagen zu haben, ein schöner Neuzugang für meine in die Jahre gekommene Brecht-Sammlung.

Foto: Froehlichundkaufmann.de

Habt ihr Lieblings-Illustratoren oder illustrierte Bücher die ihr mir empfehlen könnt? Bin gerade mächtig auf den Geschmack gekommen.

Auf Youtube gibt es noch einen animierten Cartoon „If Sharks were Men“:

Hier noch mal im Überblick:

Haruki Murakami – Birthday Girl, Dumont Verlag
E. T. A. Hoffmann – Die Bergwerke zu Falun, Galiani Verlag
Bertold Brecht – Wenn die Haifische Menschen wären, Fröhlich & Kaufmann

The Three-Body Problem – Cixin Liu

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Foto: audible

Ich war gerade am grübeln, wie ich meine Leidenschaft für Bücher mit der Lust am Laufen und Radln besser verknüpfe, da gab es eine Anfrage, ob ich Interesse an einer Hörbuch-Kooperation habe. „The Three-Body Problem“ war also mein Versuchskaninchen, da ich Hörbücher bislang immer mit „innerhalb-von-5-Minuten-wirkenden-Schlafmitteln“ in Verbindung gebracht habe.

Einschlafen war aber bei der aktuellen Versuchskonstellation keine Option, weder vom Inhalt her, noch war ein Sofa in der Nähe. Ich habe mich auf dem Weg zur Arbeit und zurück, beim Mittagspausen-Spaziergang und wochenends an der Isar lang von Cixin Liu begleiten lassen und was soll ich sagen – das hat richtig gut funktioniert! Das Hörbuch dauerte insgesamt 14 Stunden und 37 Minuten und als ich zum Ende hin so angefixt war, hat mich eine fette Erkältung zwar aufs Sofa und ins Bett gezwungen, aber ich hab deutlich länger als 5 Minuten durchgehalten. Hörbücher müssen also nicht zwangsläufig sofort zum Einschlafen führen, nach einer Weile tun sie es bei mir aber schon. Daher für mich eher Walk & Talk, aber man kann auch sehr problemlos zurückspulen, wenn es dann doch mal passiert.

Der Sprecher Bruno Roubicek hat mir gut gefallen, auch wenn ich insbesondere am Anfang der Geschichte ziemliche Schwierigkeiten hatte, mir die Namen der Charaktere zu merken und sie auseinanderzuhalten. Das wäre mir beim Lesen eventuell etwas einfacher gefallen, als beim bloßen Zuhören, ansonsten hat mir mein Audiobook-Abenteuer ausgesprochen gut gefallen. Ich glaube, audible sieht mich durchaus wieder, denn ich war positiv überrascht, dass viele Hörbücher in deutsch und englisch erhältlich sind und das die Auswahl ganz gut zu sein scheint.

„The Three-Body Problem“ beschäftigt sich vorwiegend mit folgenden Themen und wenn diese auch nur annähernd interessant für euch sind, dann könnte dieser Sci-Fi Thriller absolut was für euch sein:

  • die Kulturrevolution in China
  • die Geschichte der Wissenschaft, insbesondere der Physik
  • die Frage, ob wir Kontakt zu anderen Zivilisationen wirklich wollen würden und welchen Einfluss das auf unsere Zivilisation hätte
  • Ist Wissenschaft eigentlich tatsächlich objektiv und nachweisbar oder sind wir limitiert durch unseren Verstand, der so wirklich mit maximal vier Dimensionen umgehen kann?

Mir gefällt Sci-Fi eigentlich am besten, wenn das „Worldbuilding“ gut funktioniert und meine Ansichten und Paradigmen ordentlich durchgeschüttelt werden. Ich will neues lernen über unsere Welt, andere Welten, über mich und die Protagonisten in der Geschichte. Als ewiger Optimist bin ich sehr davon überzeugt, dass das goldene Zeitalter noch vor uns liegt.

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Foto: LinkedIn

Lin nutzt das „Three-Body-Problem“ der klassischen Mechanik um ein paar furchterregende Fragen mit Blick auf die menschliche Natur zu stellen und was den Kern unserer Zivilisation so ausmacht.

Die Geschichte beginnt mit der Kulturrevolution im Jahr 1967, wo die Astrophysikerin, Ye Wenjie, Zeugin der öffentlichen Exekution ihres geliebten Vaters wird, der von ein paar jungen Frauen der Roten Garde zu Tode gequält wird. Das ist der erste Schritt auf ihrem Weg zur absoluten Missachtung der menschlichen Rasse und führt später dazu, dass sie eine Entscheidung trifft, die das Schicksal der gesamten Menschheit aufs Spiel setzt.

Vierzig Jahre später kommt der Nanomaterial-Forscher Wang Miao mit einem Virtual Reality Computerspiel in Kontakt, das erstaunlich großen Einfluss auf die reale Welt um ihn herum zu haben scheint. Dann gibt es da noch die Trisolaner, eine Rasse die in einem Universum mit drei Sonnen leben, auf einem Planeten dessen Gravität, Hitze und Umlaufbahn sich in konstantem irregulärem Fluss befinden. Kurz vor dem Aussterben sind die Trisolaner zu ziemlich allem bereit, um sich vor der Vernichtung zu retten …

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Foto: Jaywong

Das ungewöhnliche an diesem Sci-Fi Roman ist, dass die Außerirdischen bis kurz vor Schluß gar keinen Auftritt haben, der Roman beschäftigt sich weitaus mehr mit dem nominellen „Three-Body-Problem“, mit Wissenschaftsgeschichte, innovativen wissenschaftlichen Theorien und ab und an auch ziemlich abgefahren-skurillen Theorien. Gelegentlich hatte ich ein „Three-Brains-needed“ Problem, so ein Grundlagen-Crashkurs in Physik kann nicht schaden. Cixin Lius Erklärungen der Theorien fand ich ziemlich gut, aber ab und an war ich doch etwas „lost in space“ und habe insbesondere zum Ende des Buches hin versucht, im Internet Physik-Nachhilfe zu finden, um noch mitzukommen. Tipps wie „solange du die Formel drauf hast, wie sich Himmelskörper in einem Vakuum bewegen geht alles klar“, haben nur marginal geholfen 😉

Die Idee, die Zivilisation der Trisolaner per VR-Video Game vorzustellen, fand ich ziemlich cool und hat mich an Star Treks Holodeck erinnert. Jedes Mal wenn das Spiel neu gestartet wird, findet sich der Spieler in einem fortgeschrittenerem Stadium des wissenschaftlichen Fortschritts der Erde wieder. Wo man anfangs noch chinesischen Kaisern begegnet, spielt man irgendwann an Einsteins Seite.

Wenn ich bislang wenig über die Charaktere gesprochen habe, dann hat das durchaus seinen Grund, denn diese sind der größte Schwachpunkt der Geschichte. So spannend und informativ der Roman ist, die Protagonisten sind eher 1-2D und Entwicklung findet auch eher weniger statt. Über die Persönlichkeiten der Protagonisten könnte ich einfach nicht viel sagen, denn die sind eher reaktiv unterwegs, ihre Weltanschauungen, Vorlieben, Ängste etc. bleiben eher im Dunkeln. Dafür gibt es Punktabzug, dem Lese- oder vielmehr in diesem Fall Hörgenuss hat das keinen Abbruch getan.

Spannend finde ich noch, dass das Buch im heftig zensierten China trotz deutlicher Kritik an der chinesischen Vergangenheit so erfolgreich ist. Würde mich interessieren, wie das im Land diskutiert wurde, dazu kenne ich mich leider viel zu wenig mit China aus.

Das Buch ist in China und den USA ein riesiger Bestseller, der erste Band einer Trilogie von dem bislang nur der erste ins Deutsche übersetzt wurde. Eine Filmadaption ist gerade abgeschlossen, keine Hollywood Produktion, sondern eine chinesische Eigenproduktion und erste Bilder vom Set kann man hier sehen (nach etwa 20 Sek chinesischer Werbung am Anfang):

Cixin Liu hat 2015 den in der Sci-Fi Welt sehr renommierten Hugo Award gewonnen. Das Barack Obama ihn auf seiner Sommer-Leseliste hatte, hat dem Roman sicherlich gut getan und ihm den Weg in den Mainstream gebahnt. Ein außergewöhnlicher Sci-Fi Thriller, der mir sehr gut gefallen hat. Ich freue mich auf die zwei weiteren Bände und kann den Roman jedem empfehlen, der Spaß an „hard Sci-Fi“ hat, der mal nicht einem typisch westlichen Plot folgt, der gelegentlich zur Überhitzung der Synapsen führen kann und auf jeden Fall Lust auf mehr Sci-Fi aus allen möglichen Ecken der Welt macht.

Hier noch ein Erklärungsversuch, notfalls glühende Synapsen mit chinesischem Dosenbier kühlen 😉

https://www.wired.com/2016/06/way-solve-three-body-problem/

Eine weitere positive Rezension findet ihr bei letusreadsomebooks.
Brasch & Buch konnte sich eher weniger damit anfreunden.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Die Drei Sonnen“ im Heyne Verlag.

The Vegetarian – Han Kang

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Ich bin üblicherweise kein Fan von ellenlangen Rezensionen, die ähnlich wie Kino-Trailer nahezu alles verraten und man das Gefühl bekommt, den größten Teil der Story bereits zu kennen. Unser Dezember Bookclub Buch ist allerdings eines, bei dem es mir schwerfällt nicht zu spoilern, daher bitte ich spoiler-ängstliche Menschen um Vorsicht.

Bevor Yeong-hye von einem Alptraum geweckt wird und mitten in der Nacht beginnt, sämtliche Fleisch- und Fischvorräte aus dem Kühlschrank wegzuwerfen, führte sie mit ihrem Mann ein relativ unspektakuläres, geregeltes Leben. Die Träume mit heftigen Bildern von Blut und Brutalität quälen sie, sie beginnt, sich vor tierischen Produkten zu ekeln, kann selbst den Geruch ihres Mannes nicht ertragen, der weiterhin Fleisch isst.

“The feeling that she had never really lived in this world caught her by surprise. It was a fact. She had never lived. Even as a child, as far back as she could remember, she had done nothing but endure. She had believed in her own inherent goodness, her humanity, and lived accordingly, never causing anyone harm. Her devotion to doing things the right way had been unflagging, all her successes had depended on it, and she would have gone on like that indefinitely. She didn’t understand why, but faced with those decaying buildings and straggling grasses, she was nothing but a child who had never lived.”

Für ihre Familie und ihren Ehemann symbolisiert der Fleischverzicht einen Akt der Rebellion, der ihre Ehe aufs Spiel setzt und immer grotesker anmutende Folgen hervorbringt. Je mehr ihre Umwelt versucht, Yeong-heyes Willen zu brechen und sie zum Fleisch essen zu zwingen, desto mehr zieht sie sich ins sich selbst zurück.

Die Geschichte „The Vegetarian“ ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sie wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt, ohne die Protagonistin selber wirklich zu Wort kommen zu lassen. Ursprünglich wurden die drei Kapitel als einzelne unabhängige Kurzgeschichten veröffentlicht, die in dieser Novelle jetzt zusammengefasst wurden.

Yeong-hyes Entscheidung, vegetarisch zu Leben, führt zu heftigen Reaktionen. Ihre eigene Familie versucht sie mit Gewalt zum Fleisch essen zu bringen, ihr immer schon sehr liebloser Ehemann schreckt auch vor einer Vergewaltigung nicht zurück, um seinen Willen zu bekommen und auch ihr Schwager ist irgendwann vollkommen besessen von ihr und ihrem Geburtsmal.

Jegliches Ausbrechen aus der Norm wird von der koreanischen Gesellschaft umgehend bestraft. Die Arbeitskollegen und deren Gattinnen fallen wie Hyänen über Yeong-hye her für ihre Weigerung, Fleisch zu essen und keinen BH zu tragen.

Wer die Norm nicht verletzt und das Gesicht wahrt, kann so ziemlich machen, was er will. Der gewalttätige Vater oder auch der Ehemann von Yeong-hye werden nahezu selbstverständlich toleriert, was immer sie tut wird im Gegenzug als Staatsakt betrachtet, der umgehend bestraft werden muss.

Wirklich glücklich erscheint einem Yeong-hye eigentlich nur, als sie alleine in ihrer kleinen Wohnung lebt, nachdem ihr Ehemann sich von ihr getrennt hat. Endlich kann sie rumlaufen wie und essen was sie will,  sich nackt in die Sonne setzen und Photosynthese betreiben. Hält aber nicht lange, weil dann will wieder jemand was von ihr. Diesmal der Schwager, der sie malen und in der Folge auch mit ihr schlafen möchte.

Im Bookclub habe ich dann erfahren, dass das „Mongolian Birthmark“, auf deutsch „Mongolenfleck“, ein Geburtsmal ist, das 99% aller asiatischer Kinder haben und bei den meisten bis zur Pubertät wieder verschwindet. Wer mehr darüber wissen will, kann hier nachlesen.

Im dritten Teil dann die Sicht der Schwester, deren Motivation meines Erachtens in diesem Zitat am besten zur Geltung kommen:

“Though the ostensible reason for her not wanting Yeong-hye to be discharged, the reason that she gave the doctor, was this worry about a possible relapse, now she was able to admit to herself what had really been going on. She was no longer able to cope with all that her sister reminded her of. She’d been unable to forgive her for soaring alone over a boundary she herself could never bring herself to cross, unable to forgive that magnificent irresponsibility that had enabled Yeong-hye to shuck off social constraints and leave her behind, still a prisoner. And before Yeong-hye had broken those bars, she’d never even known they were there…”

In der streng reglementierten kollektivistischen Gesellschaft ist kein Platz für individuelle Bedürfnisse und jeder Hauch von Individualismus wird umgehend geächtet. Ich selbst war noch nicht in Korea, nach meinem Aufenthalt in Japan glaube ich allerdings, dass sich die beiden Gesellschaften sehr ähneln. Wenn man einige Zeit in Japan verbracht hat, wird einem noch einmal klarer, wie „anders“ Autoren wie Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und wahrscheinlich auch Han Kang im Gegensatz zur breiten Bevölkerung sind.

Kein Wunder, dass es zunehmend schwieriger wird in solchen Gesellschaften geistig gesund zu bleiben. In Japan gibt es Gruppen, die sich regelmässig zum öffentlich begleiteten Weinen treffen, weil die Menschen in einer Gesellschaft, die Gefühlsregungen verpönt, verlernt haben mit ihren Emotionen umzugehen.

„The Vegetarian“ ist eine sinnliche beunruhigende Geschichte die surrealistisch an Kafka und Murakami erinnert. Die Emanzipation einer Frau, die einzig über mikroskopisch kleine Verweigerungen gelingt. Die sich weigert teilzuhaben und fast Bartleby-mässig „I would rather not“… jegliches Mitwirken verweigert.

Faszinierend fand ich auch die Geschichte hinter der Übersetzung von Han Kangs Novelle ins Englische. Der Man International Booker Prize ist der einzige Literaturpreis, der sowohl Autor als auch Übersetzer ehrt. Die Übersetzerin von „The Vegetarian“, die 29jährige  Deborah Smith, begann 2010 sich selbst koreanisch beizubringen, ohne eine großartige Verbindung zu Korea zu haben.

„I had no connection with Korean culture – I don’t think I had even met a Korean person – but I wanted to become a translator because it combined reading and writing and I wanted to learn a language.

„Korean seemed like a strangely obvious choice, because it is a language which practically nobody in this country studies or knows.“

Die 50,000 GBP Preisgeld teilen sich Autorin und Übersetzerin. Deborah Smith hat seitdem noch weitere Bücher aus dem Koreanischen übersetzt und kürzlich einen eigenen not-for-profit Verlag gegründet, der sich auf Asiatische und Afrikanische Literatur spezialisiert hat.

Hier ein kurzes Interview der Autorin und ihrer Übersetzerin:


“Why, is it such a bad thing to die?”

Der Wunsch, sterben zu wollen, erschien mir soviel normaler, als um jeden Preis und um jeder Norm willen weiterzuleben…

Ein dunkel poetisches Buch, das Lust macht, mehr von Han Kang zu lesen und überhaupt die koreanische Literatur besser kennenzulernen.

Das Buch wurde 2009 von einem Bekannten der Autorin in Korea verfilmt. Die Kritiken sind etwas durchwachsen, mir hat er ganz gut gefallen (inbesondere die 18+ Version):

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Die Vegetarierin“ im Aufbau Verlag erschienen.

Day 3 Book-a-Day-Challenge: The book I most often give as a gift

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Foto: Sab Qu

No Challenge without Mr Murakami. This one is my favourite books ever and well what can I say. I always had a bit of the missionary in me, when it comes to books (sorry no religion) so this would be the book I have most often recommended and/or given as a present in order co make new converts for the Murakami movement.

Kafka Tamura, a teenage boy runs away from home in a mix of searching for his long-missing mother and escaping from a dark prophecy. There is an old rather simple guy, Nakata, who never really was his normal self after what happened to him in the war who is drawn to Kafka for unclear reasons.

“Memories warm you up from the inside. But they also tear you apart.”

Kafka lives in a library (imagine !) and the reader enters a world where cats talk, Johnny Walker appears, fish fall from the sky and a few gruesome killings happen as well.
To learn if he finds his mothers and can unravel this knotted mystery get the book or become my friend and some day you will probably get it as a present.

“When you come out of the storm, you won’t be the same person who walked in. That’s what this storm’s all about.”

Which book have you been giving away most often ?

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Kafka am Strand“ im Dumont Verlag erschienen.