Die Ermordung des Commendatore II – Haruki Murakami

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Dieses Jahr hätte er den Nobelpreis bestimmt bekommen, für den er schon so lange gehandelt wird, aber fällt ja nun aus. Über den ersten Teil, in dem unser 37 Jahre alter, gerade frisch getrennter Maler das Haus von Tomohiko Amado bezieht und dessen geheimnisvolles Bild findet, habe ich hier schon geschrieben.

Auf den zweiten Teil musste der geneigte Leser knapp vier Monate warten, das hat mich schon etwas genervt, habe die Teilung des Buches nicht ganz verstanden, denn 1Q84 hat man uns ja auch in einem Band vor den Latz geknallt.

Der Dumont-Verlag hat das aber durch das phantastische Design des Buches wirklich wett gemacht. Diesen beiden Bänden ein dunkles Erscheinungsbild zu geben, hat mir gut gefallen.

Man war schnell wieder drin in der Geschichte, die sich sich anfangs noch recht linear und realitätsnah weiterzuentwickeln schien. Und dann peng! er zieht das Tempo an und auf einmal wird es surreal, aufregend und unglaublich intensiv.

Metaphern wandeln sich, Verlorene tauchen wieder auf, Gesichter verschwinden. Alles wie fast immer bei Murakami, der sich gekonnt selbst zitiert. Die einzige Sache, die mich in diesem Band genervt hat, seine seltsame Busen-Fixierung, insbesondere wenn es sich um ein gerade mal 12- oder 13jähriges Mädchen handelt.

Abgesehen davon war das Lesegenuss pur, auch oder gerade durch die bekannten Motive und die so wohltuende Atmosphäre. Murakamis Romane will man nicht nur lesen, man will sich drin einrichten und darin leben.

Murakami ist Wabi Sabi.

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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Big in Japan

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass wir in Japan waren und wahrscheinlich war es der kürzlich beendete neue Roman von Murakami, der wieder heftiges Japan-Fernweh auslöste, es musste also dringend etwas gegen die Sehnsucht unternommen werden. Einfach nur japanisch essen gehen war auf keinen Fall genug, ich plante daher eine intensive Japan-Literaturwoche, um mir ein bisschen von der Stimmung des Landes nach Hause zu holen.

Das Glück ist eine Festung

Fuminoris Roman beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite dunkler Themen von Mord über Krieg, Terrorismus und Identitätsdiebstahl. Auch sein zweiter auf deutsch erschienener Roman ist das, was man einen Krimi-Noir nennen würde. Dunkel und urban schleicht er sich ganz langsam in die Nervengänge und wenn man etwa in der Mitte des Buches angelangt ist, kann man es partout nicht mehr aus der Hand legen.

Als Kind wird Fumihiro Kuki von seinem Vater erzählt, dass dieser ihn allein zu dem Zweck gezeugt hat, um ihn als Krebsgeschwür in die Welt zu entlassen. Die Welt hat es nicht besser verdient und sein Vater wünscht sich, dass Fumihiro soviel Zerstörung und Unheil anrichtet, wie er nur kann. Das möchte er der Welt als Erbschaft hinterlassen.

Fumihiro rebelliert gegen diesen Plan. Als sein Vater ein kleines Mädchen, Kaori, adoptiert,  verliebt sich Fuminori in sie. Von Anfang an ist klar, das sein Vater das Mädchen nicht aus reiner Gutherzigkeit adoptiert hat. Fuminori versucht alles, um Kaori vor seinem zutiefst bösartigen Vater zu beschützen…

Die Sprache ist wunderschön und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die zwar düster, aber dennoch voller Schönheit ist. Man fiebert mit Fumihiro und fühlt mit ihm, dem einzigen, der in seiner kranken, verkorksten Familie versucht, das Richtige zu tun, was nicht einfach ist, wenn man in einer derartig verkorksten Umwelt aufwächst.

Krieg wird in der Geschichte sehr richtig als moderne Form des Bösen dargestellt, das als effiziente Maschine von Kapitalisten, Arbeitern und Soldaten am Laufen gehalten wird durch die unerschöpfliche Energie der ständig neu entstehende Kriegsherde. Krieg als Laboratorium der Unmenschlichkeit im ungezügelten Kapitalismus. Das ist das eigentliche Thema des Buches, das damit unweigerlich Bilder aus den beiden Weltkriegen, dem Vietnam Krieg, dem Krieg in Syrien etc., aufbeschwört.

„Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg.“

Fumihiros Bemühungen, Kaori zu schützen, bringt einiges in Bewegung und bietet und einen schonungslosen Blick in die verdrehten Köpfe von Kriegstreibern, Machthabern und Terroristen, denen völlig egal ist, womit sie Geld verdienen, hauptsache die Kohle stimmt.

Momentan scheinen die spannendsten und intelligentesten Krimis aus Japan zu kommen und Fuminori Nakamura ist ganz vorne dabei. Schon sein erster Roman „The Thief„, den ich mir während unseres Japan-Urlaubs kaufte, war richtig gut.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich schon auf seinen nächsten Roman. Eine weitere schöne Rezension könnt ihr hier bei letusreadsomebooks lesen.

 

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In der Serie „Lost“ gab es einen Protagonisten, der stets das einzige von ihm noch nicht gelesene Exemplar eines Charles Dickens Romans mit sich herumschleppt, weil er glaubte, solange er den noch nicht gelesen hat, kann ihm nix passieren. Vielleicht hatte ich unbewußt einen ähnlichen Beweggrund, warum ich den (vermeintlich wie sich herausstellte) letzten noch ungelesenen Murakami Band „Nach dem Beben“ noch immer jungfräulich im Regal stehen hatte. Bis ich irgendwann merkte, dass „Nach dem Beben“ und „Untergrundkrieg“ natürlich zwei gänzlich verschiedene Bände sind, die ich aus welchem Grund auch immer mental für eines gehalten hatte.

„Untergrundkrieg“ besitze ich derzeit noch nicht einmal, ich konnte also meine Japan-Woche erfreulicherweise um einen Murakami ergänzen, ohne wie Desmond aus Lost das letzte noch ungelesene Buch des Lieblingsautors zu opfern.

„Nach dem Beben“ sind Kurzgeschichten, die Murakami als Reaktion auf das verheerende Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 schrieb. Er schuf sechs unglaubliche Geschichten, deren Hauptcharaktere zwar nicht selbst vom Erdbeben betroffen waren, deren Leben aber dennoch von Grund auf erschüttert und verändert werden. Ein Erdbeben, das nicht nur das Land sondern auch das Gewissen eines ganzen Landes erschütterte.

In typischer Murakami Manier ist es wieder nicht unbedingt der Plot der einzelnen Geschichten, der zentral oder sonderlich wichtig ist, sondern die Atmosphäre, die er wieder untrüglich zu schaffen weiß. In jeder einzelnen Geschichte schafft er eine eigene kleine Welt, seltsam, surreal und komplett faszinierend.

Meine liebste Geschichte war Thailand, auch wenn sie die am wenigsten surreale war. Eine kleine leise entspannende Perle von einer Story, ich wollte sofort und auf der Stelle in einem Freibad alleine früh morgens ein paar Runden drehen.

Mein liebstes Zitat stammt aus der Geschichte „Frosch rettet Tokio“:

„Manche behaupten zwar, Verständnis sei nichts als die Summe unserer Missverständnisse…“

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„Der Bergmann“ ist ein gewagter experimenteller Roman und der, wie ich las, anscheinend das am wenigsten bekannte Buch des großen „Meji„-Autoren Natsume Soseki, der es im Jahr 1908 schrieb. Es ist ein absurder Roman über die unbestimmbare Natur der menschlichen Persönlichkeit, eine Art Vorahnung auf Bücher von Autoren wie Woolf, Beckett oder Joyce.

Der Roman wird als Lieblingsbuch von Haruki Murakami angepriesen und bislang bin ich gerne jeglicher Musik oder Buchempfehlung von Murakami gefolgt und habe das nie bereut (abgesehen von ein paar Jazz-Stücken, mit denen ich nichts anfangen konnte). Dieser Roman war allerdings eine Herausforderung für mich, da er fast gänzlich ohne wirkliche Story fungiert und ausschließlich im Hirn des Protagonisten spielt.

Stream-of-conciousness ist immer schwierig und bei Jocye habe ich da auch immer riesige Schwierigkeiten, komischerweise so gar nicht bei Virigina Woolf. Muss mich irgendwann noch mal damit beschäftigen, woran das liegen könnte. Natsume Sosekis „Der Bergmann“ ist allerdings wieder einer, an dem ich mir ordentlich die Zähne ausgebissen habe.

Die ersten 50 Seiten gingen durchaus gut, wäre das ganze eine Kurzgeschichte die nach 50-60 Seiten endet, ich hätte glaube ich Lobeshymnen abgelassen, aber irgendwann merkte ich beim Lesen, dass ich mehr und mehr zum störrischen Maulesel wurde, der einfach nicht mehr weiter wollte. Kein gutes Zureden, kein „es ist doch Murakamis Lieblingsbuch“ wollten helfen, selbst meine Versuche, mich mit Majus aus dem Asialaden zu bestechen, waren erfolgreich, etwa in der Mitte des Buches ging es nicht mehr weiter und ich sitze sozusagen noch immer im Bergwerk fest.

„Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. Und dann die Leser, die so tun, als würden sie alles verstehen, indem sie von diesem und jenem da reden. Erstere scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, Lügen zu fabrizieren, und letztere sich daran zu ergötzen, diese Lügen zu lesen. Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht. Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich drauf verlassen, dass daraus kein Roman wird. Der reale Mensch ist seltsam undefinierbar.“

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, ich werde es sicherlich noch einmal versuchen, ich glaube das Buch ist wie Matcha Tee, man muss sich da langsam rantasten, es immer mal wieder versuchen. Hat irgendeiner von euch bessere Erfahrungen gemacht und kann mir Tipps geben wie ich das „Bergwerk“ knacken kann?

Ich danke auf jeden Fall dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Während meiner Japan-Woche habe ich im offenen Bücherschrank noch ein obskures Buch aus den 1970er Jahren gefunden. „Bei den Weisen Japans“ von Paul Arnold eine Reise ins mystische Japan und den dortigen Geheimlehren und -sekten. Ich habe bislang nur hineingeblättert, es wirkt etwas esoterisch, erinnert mich aber aus irgendeinem Grund an den „Commendatore“ von Haruki Murakami…


Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust auf Japan machen – bei Interesse kann ich euch meinen Reisebericht empfehlen, dann könnt ihr zumindest schon mal virtuell verreisen, die richtige Reiselektüre hättet ihr auf jeden Fall schon mal 🙂

Die Ermordung des Commendatore I – Haruki Murakami

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Ein neuer Murakami erscheint und weltweit verfallen die Jünger in erwartungsfreudige Aufregung, können kaum noch essen oder schlafen, bis der Roman direkt nach Erscheinen verschlungen und verdaut ist.

Bei keinem anderen Autor hat das Lesen seiner Romane etwas derart kulthaftes. Dabei sind die Zutaten in seinen Romanen ziemlich vorhersehbar, man könnte sie eigentlich auf einer Checklist abhaken:

Protagonist – männlicher Mittdreißiger – check
Eine Frau die verschwindet oder sich trennt – check
Einfache Mahlzeiten, Musikstücke in Dauerschleife – check
etc. etc.

Manche erklären es mit dem Sound, dem Murakami-Flow, in den man beim Lesen gerät und das kann ich für mich absolut bestätigen. Ich bin ernsthaft davon überzeugt, Murakami könnte als blutdrucksenkendes Beruhigungsmittel verschrieben werden. Seine Protagonisten, selbst wenn sie gelegentlich ziemlich abgefahrene Dinge erleben, können eine Freiheit leben, die den meisten Menschen komplett unerreichbar erscheint.

Nichts scheint uns heutzutage so sehr zu fehlen, wie Zeit. Wir haben alles im Überfluß, unser Hirn kämpft ständig mit Überforderung, muss ständig aus zuviel Angebot auswählen und möchte doch am liebsten einfach seine Ruhe. Murakami zeigt uns in jedem Roman aufs Neue, wie einfach es sein, kann der FOMO-Blase zu entkommen. Einfach ein einfaches Leben leben. Verzicht auf Luxus, auf unnütze Dinge und sobald die eigenen Wünsche geringer sind als das zur Verfügung stehende Einkommen, hat man es geschafft.

Wir holen uns Marie Kondos Entrümpelungsratgeber und minimalisieren unser Leben als gäbe es kein Morgen, doch irgendwas fehlt noch zur endgültigen Freiheit der Murakamischen Protagonisten und das ist nicht der Brunnen, in dem man einfach mal für ein paar Tage verschwindet oder die Parallelwelt mit zwei Monden. Die für mich und wahrscheinlich die meisten seiner Fans vollkommen unerreichbare Freiheit liegt darin, wie selbstbestimmt sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Ob Maler, Mathematiklehrer, Bibliothekar oder gar komplett arbeitslos, irgendwie schaffen seine Mittdreißiger es immer, Berufe zu haben die ihnen erlauben, 1-2 Tage oder Abende in der Woche zu arbeiten, nie gestresst zu sein, keine Überstunden zu machen und auch wenn sie alle wenig konsumieren, sie schaffen es auch noch sich damit ein Dach überm Kopf zu finanzieren, was nicht das Einfachste ist, wenn ich mich an die Mieten in Tokyo erinnere, wo selbst Schuhschachteln horrende teuer waren.

Wie schaffen die das? Ich will das auch! Selbst wenn ich alle Kosten, die ich beeinflussen kann, so gering wie möglich halte, eine Wohnung zu finanzieren mit 1-2 Tagen Arbeit die Woche schafft man glaube ich nur im Murakami-Universum. Das ist also wahrscheinlich das Phantastischste überhaupt in seinen Romanen und gar nicht die Schafsmänner, kleinen Leute oder Mehrfach-Monde.

„Sie haben ein gutes Verständnis von der Welt, scheinen aber dennoch ein Typ zu sein, der mehr Zeit braucht als gewöhnliche Menschen“

Dieses leise ruhige Leben ohne Stress, Deadlines und vollen Terminkalendern wird es für mich wohl auch weiterhin nur in den Romanen von Haruki Murakami geben. Immerhin da. Ich würde ja schon zumindest eine Weile mit dem Maler auf dem Berg tauschen, mich durch eine Opern-Plattensammlung hören und ohne Internetanschluß auf der Terrasse sitzen und Weißwein trinken. Hach.

Ich bin überzeugt davon, in Murakamis Welt gibt es das bedingungslose Grundeinkommen schon. Das beziehen seine Protagonisten, davon zahlen sie die Miete und den Rest da brauchen sie ja wenig, so wird es sein. Wird Zeit, dass das kommt, dann haben wir endlich die Chance, alle Hauptdarsteller in unserem eigenen Murakami-Roman zu werden.

Die Ermordung des Commendatore hat mich, wie eigenlich jeder seiner Romane, komplett in seinen Bann gezogen. Der Puls ging runter in dem Moment, als der frisch getrennte Porträt-Maler auf seinen Road Trip geht, der ihn nach ein paar Wochen in das Haus des Vaters eines Freundes bringt, wo er die nächsten Monate damit verbringt, ein auf dem Dachboden gefundenes Bild des Vaters und Hauseigentümers, dem berühmten Maler Tomohiko Amada zu betrachten.

Nach einer Weile passieren natürlich wieder unheimliche Dinge, er lernt seinen Nachbarn Menshiki kennen, der von ihm porträtiert werden möchte und im Garten entdecken sie eine sehr seltsame unterirdische Kammer mit einem Glockenstab darin. Murakamis neuer Roman ist wunderbar gruselig, macht immer wieder einen Seiltanz zwischen Halluzination und Realität. Kann man dem Protagonisten eigentlich vertrauen?

Wer jemals in Japan war, ahnt wie seltsam anders die Figuren in Murakamis Büchern sind, in ihrer krassen Individualität, ihrer Abkehr vom üblichen sich-zu-Tode-arbeiten, jeglichem Konsumrausch und der großen Rolle, die westliche Literatur, Musik und Kultur bei ihnen spielen.

Schockiert hat mich, dass Herr Murakami seinen Dewars Whisky in den Kühlschrank stellt, bitte probieren Sie das nicht zu Hause aus. Whisky ist kein Erfrischungsgetränk.

Legen Sie Mozarts „Don Giovanni“ auf, schenken sie sich ein Glas nicht-gekühlten, schottischen Whisky ein, wer sich rebellisch fühlt, kann auch einen japanischen Hibiki oder Yamazaki wählen (sehr lecker!) und wer während der Lektüre irgendwann hungrig wird, bereite sich eine einfache Mahlzeit zu…

Ich kann Teil 2 des Commendatore kaum erwarten und bastel solange an einer Playlist, die ich dann beim Lesen hören kann.

 

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexmplar und habe die #MurakamiLesen Aktion auf Twitter im Übrigen sehr gemocht – bitte gerne mehr davon 🙂

 

Exit West – Mohsin Hamid

We are all migrants through time

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Bevor die Sci-Fi Ladies hier jetzt endgültig das Ruder übernehmen noch eine kurze Review des Buches, mit dem ich ins neue Jahr gestartet bin. Nach dem nicht nur die Bingereader Gattin das Buch frech auf den Stapel am Bett legte,  weil ich das ganz unbedingt bald lesen müsse, sondern auch Barack Obama es mir nahe legte (also in Form seiner jährlichen Lieblings-Bücherliste, aufn SUB direkt hat er mir nix geschoben) zeigte ich mich also willig und griff zu beworbener Lektüre.

Ich will die Spannung hier jetzt gar nicht ins Unerträgliche steigern, es hat sich gelohnt. Den Wirbel um das Buch kann ich nachvollziehen, insbesondere der erste Teil der Geschichte ist in einer wunderschönen, poetischen Sprache geschrieben, hat tolle Bilder und ist voller Atmosphäre.

Die Geschichte spielt in einem nicht genannten muslimischen Land, das sich am Rande eines Krieges befindet (man denkt unweigerlich an Syrien oder Pakistan) und Hamid lässt uns unmittelbar an der Liebesgeschichte von Nadia und Saeed teilhaben.

“In a city swollen by refugees but still mostly at peace, or at least not yet openly at war, a young man met a young woman in a classroom and did not speak to her.“

Saeed und Nadia sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Nadia ist freiheitsliebender, risikofreudiger und sehr zukunftsorientiert. Sie fährt Motorrad und trägt ihren Umhang, den Abaya, um weniger aufzufallen und in Ruhe gelassen zu werden, ist aber nicht religiös. Sie lebt alleine in einer kleinen Dachgeschosswohnung und arbeitet in einem Tech Start Up.

Saaed auf der anderen Seite ist ein sehr gutherziger, freundlicher und mitfühlender Mensch, der Konflikte nicht mag und ihnen eher ausweicht, als sich auseinanderzusetzen. Er ist konservativer und betet regelmässig.

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Ihre Beziehung ist nicht einfach, auch aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Wandel von Studenten zu Liebhabern zu Flüchtlingen kompliziert ihre bittersüße Liebesgeschichte noch weiter.

Beide gehören der Mittelschicht an, sind gebildet, social-media affin, urban und offen und entsprechen damit so gar nicht dem standardmässigen Bild der ungebildeten Flüchtlinge aus der Provinz.  Sie sind ein junges Pärchen, das genauso gut in Paris, London, New York oder Berlin lebten könnte.

“To love is to enter into the inevitability of one day not being able to protect what is most valuable to you.” 

Diie Spannungen und die Gefahren in ihrer Heimatstadt nehmen zunehmend Einfluss auf ihre Beziehung und irgendwann sehen sie sich gezwungen, das Land zu verlassen.

Ab dem Zeitpunkt der Flucht wird die Geschichte traumhafter, sie bleibt dennoch klar und packend, die phantastischen Elemente nehmen aber zu und einige Leser werden damit vermutlich Schwierigkeiten haben.

Die Art und Weise, wie Hamid die Flucht darstellt, ist ganz und gar einzigartig, wunderschön, poetisch fast schon anmutig und hat wenig mit dem üblichen Horror zu tun, mit dem eine Flucht tatsächlich verbunden ist. Es geht weniger um die Flucht selbst, als um das, was mit den Menschen passiert, nachdem sie angekommen sind.

“It might seem odd that in cities teetering at the edge of the abyss young people still go to class—in this case an evening class on corporate identity and product branding—but that is the way of things, with cities as with life, for one moment we are pottering about our errands as usual and the next we are dying, and our eternally impending ending does not put a stop to our transient beginnings and middles until the instant when it does.”

Exit West ist ein wichtiges Buch, eines das man vielen Menschen in die Hand drücken möchte in der Hoffnung, es würde ihnen helfen zu verstehen, warum Menschen ihr Zuhause verlassen, wie viel Humanität dabei verloren geht und wie wichtig es ist, unsere Empathie nicht zu verlieren.

Ein eleganter Roman, der ohne Sentimentalitäten auskommt und der sich ziemlich festsetzt in Hirn und Herz.

Hier ein interessantes Interview mit dem Autor:

Das Buch erschien auf deutsch unter dem gleichen Titel im Dumont Verlag.

Eine sehr schöne Rezension von „Exit West“ findet ihr auch bei letteratura.

Fast vergessen hier noch der link zu den Fotos die Saeed Nadia zeigte von den Städten die nur von den Sternen beleuchtet werden – soooo schön:

https://www.wired.com/2014/11/thierry-cohen-darkened-cities/

Day 6 – It’s a mystery

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So heute mal auf deutsch. Ich liebe Regeln brechen, selbst die die ich selbst gebastelt hab.

Die „Wilde Schafsjagd“ ist ein Trip der ganz besonderen Art. Ein Mix aus Detektivgeschichte, Mystery/Phantasieroman mit einem Schuss Philosophie, japanischem Dosenbier, einfachem Essen, Ohren und Katzen.

Es fängt alles reichlich harmlos an. Der typische Mittzwanziger Murakami Protagonist – dieses Mal ein Angestellter in einer Werbeagentur – hatte eine Liebesaffäre in seiner Jugend mit einer Frau die acht Jahre später stirbt. Am gleichen Tag an dem er von ihrem Tod erfährt, verlässt ihn seine Frau. Das kümmert ihn nicht großartig und er fängt eine Affäre mit einer Frau an die Ohren-Modell ist.

Der Protagonist bekommt eine Postkarte von einem Freund und ohne sich großartig Gedanken darum zu machen nutzt das Bild auf der Postkarte Werbeimage für eine Versicherungsfirma. Was er nicht ahnt ist, dass das harmlos scheinende Foto eines Schafes mit einem Stern auf dem Rücken die Aufmerksamkeit eines Mannes im Dunkeln weckt der ihm ein heftiges Ultimatum stellt: entweder er findet genau dieses Schaf oder er muss mit schrecklichen Konsequenzen rechnen.

Damit beginnt für unseren armen Protagonisten ein Abenteuer, dass seine bisherige Welt komplett auf den Kopf stellt. Es führt ihn aus dem urbanen Tokio in die abgelegene verschneite Bergwelt Nord-Japans wo er nicht nur mit dem ominösen mysteriösen Schaf konfrontiert wird, aber auch mit seinen eigenen innewohnenden Dämonen.

Er verlässt mit seiner Freundin die Stadt um das Schaf zu finden, sie kommen zu einem seltsamen Hotel wo sie einen Mann treffen, dessen Bewusstsein auf seltsame Weise mit dem magischen Schaf verschmolzen ist. Er lässt sie einen Schäfer suchen, der sie zu dem Ort bringen kann, auf das Foto vom Schaf entstanden ist.

Sie finden ihn auch tatsächlich und er fährt sie zu einem Anwesen in den Bergen das dem Foto gleicht. Das Haus ist leer, war aber kürzlich noch bewohnt. Sie finden alte Bücher, eine Gefriertruhe mit Essen, Bierkisten und eine Schallplattensammlung. Die Freundin verlässt den Protagonisten ohne Ankündigung und er bleibt alleine in dem Anwesen, hört sich durch die Plattensammlung, trink und futtert die Vorräte auf und wartet drauf das irgendwas passiert.

Würden wir uns das nicht alle irgendwie wünschen? Das uns einfach irgendein Schicksal dazu zwingt ein paar Tage nichts weiter zu tun als zu lesen, Musik zu hören, zu essen und zu trinken? Außerhalb von Murakami-Romanen heißt das Wellness und es ist ja meine feste Überzeugung, dass diese immer wiederkehrenden Situationen ein ganz tiefes Bedürfnis bei den Lesern erfüllen. Diese Freiheit einfach nur zu sein, nichts Großartiges zu erleben – was würde ich dafür geben für eine Weile mal der Protagonist in einer von Murakamis Büchern zu sein.

Nach den paar Tagen Wellness allerdings bekommt er Besuch vom Schafsmann (der sich selbst so bezeichnet) und dann wird es noch ein bisschen abgedrehter falls das möglich ist 😉

Die „Wilde Schafsjagd“ gehört mit zum abgefahrensten und besten was Murakami geschrieben hat. Wie Raymond Chandler und Acid oder Murakami eben auf Dosenbier. Jeder Satz sitzt und es sind insbesondere die kleinen Dinge in der Geschichte die diesen Roman ganz besonders unvergesslich machen. Wie er die Stimmung, die Atmosphäre einzufangen weiß. Jeder Raum, jede Stille, jede Begegnung hat perfekt nuancierte Charakteristika, die fabelhaften Bilder und erstaunlichen Landschaftsbeschreibungen sind voller wunderschöner Metaphern.

Aber eigentlich liest man das, fühlt sich pudelwohl in dieser verrückten Welt, dann wacht man auf und fragt sich – was zur Hölle war das denn? Und vielleicht wundert man sich noch, warum man ein paar Tage lang leicht zusammenzuckt wenn man Fotos von Schafen sieht.

Aber die Murakami Fans sind das ja gewohnt 😉

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

 

Menschenwerk – Han Kang

Als in den 1980er Jahren in Korea ein Studentenaufstand losbricht, wird dieser mittels einer unglaublichen Gewaltorgie niedergeschlagen. Die Studenten werden niedergeschossen, geschlagen und vom Militär nahezu gänzlich ausgerottet. Das Ereignis geht später als das Gwangju-Massaker in die Geschichte ein und ist tatsächlich eines der verstörensten und heftigsten Gewaltakte des an brutalen Gewaltakten nun wahrlich nicht armen 20. Jahrhunderts. Viele wurden einfach tot oder schwer verletzt in den Straßen liegen gelassen, der klägliche Rest wurde ins Gefängnis geworfen. Wer sich über das Ausmaß ein Bild machen will, kann auf YouTube Aufnahmen finden, man sollte allerdings hart im Nehmen sein.

Schon die Lektüre des Buches ist brutal und absolut kompromisslos, es beginnt mit der Beschreibung von krassen Gemetzteln und einer Blutorgie, die mich trotz entsprechender Vorwarnungen dennoch in seiner Härte unvorbereitet getroffen hat. Das Buch erzählt die Verheerung die das Massaker hinterlassen hat bei denen, die überlebt haben, in dem wir die Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten erzählt bekommen, was die eigentliche Brillianz des Buches ausmacht.

Hang Kang vermeidet es, über das Geschehnis selbst konkret zu berichten und beginnt ihre Geschichte mit den Leichenbergen, den ganzen Ozeanen aus Blut und der Beschreibung der toten Studenten, die niedergemetzelt wurden, als sie die Nationalhymne singend durch die Straßen marschierten und dann von den Soldaten ihrer eigenen Regierungen vernichtet wurden. Als sie sich in den Straßen versammelten, mit ihren Flaggen und ihrem Kampf für Demokratie, trafen sie auf die unbarmherzige Härte der südkoreanischen Diktatur.

„Was letztendlich ausschlaggebend für die Moral von größeren Gruppen ist, darüber weiß man noch noch nicht viel. Interessant ist jedoch, dass die ethischen Werte an Ort und Stelle der Geschehnisse einer Eigendynamik unterworfen sind, unabhängig von den üblichen Moralvorstellungen der einzelnen Individuen in der Gruppe. Unter dem Einfluss der Gruppe stehlen, vergewaltigen und töten manche. Andere entwickeln plötzlich einen ungewöhnlich starken Altruismus oder außerordentlichen Mut, zu dem sie normalerweise nie fähig wären. Nach Meinung des Autors handelt es sich bei der zweiten Kategorie nicht um besonders edle Menschen, die Gruppe fördert lediglich den Edelmut zutage, der in jedem Einzelnen steckt. Auch seien die Menschen aus der ersten Kategorie nicht besonders unmenschlich, denn auch bei ihnen bringt erst die Gruppe eine genetisch angelegte Gewaltbereitschaft zum Vorschein.“

Han Kang  beschreibt mit einzigartiger Sprache und Poesie die Verwüstung die dieses Ereignis in den Überlebenden angerichtet hat. Ihre verzweifelten Versuche, irgendwie danach ein halbwegs normales Leben zu führen. Nichts würde für diese Menschen jemals wieder sein wie vor dem Ereignis.

„Menschenwerk“ liest sich mehr wie lose miteinander verknüpfte Kurzgeschichten, die in der Leichenhalle beginnen, wo sich ein paar junge Menschen Tag und Nacht um die Identifizierung der Leichen kümmert. In der nächsten Geschichte dringen wir ins Bewußtsein eines gerade getöteten Jungen ein, der versucht zu verstehen, wo er jetzt hingehört, nachdem er getötet worden ist. In der nächsten Geschichte reisen wir 5 Jahre in die Zukunft und treffen auf Studenten, die das Massaker im Gefängnis und die schreckliche Folter, die sie über sich ergehen lassen mussten, überlebten. Schließlich zeigt Kang wie die Überlebenden auch 20 Jahre später noch unter dem Ereignis leiden und sie bei jedem Schritt verfolgt werden von dem Vermächtnis der Vergangenheit.

Ein Buch, das zeigt wie ein einziges Ereignis letztendlich das Gesicht einer ganzen Nation verändern kann. Wie schaffen es Menschen, sich weiterhin als Teil einer Gesellschaft zu sehen, die so derart bösartig mit ihnen umgegangen ist? Man verzagt im Angesicht des Terrors, zu dem Menschen oder auch die eigene Regierung fähig sind. Was wird aus diesen Menschen? Eine ganze Nation leidet und die Menschen sind verloren, desillusioniert, entfremdet und entwurzelt.

Was mir einzig fehlte bei diesem grandiosen Buch war vielleicht eine Stimme, die die Sicht der Männer beschreibt, die „nur Befehlen folgten“, die den Abzug drückten, weil man ihnen auftrug, das zu tun. Wie fühlten sie sich danach? Das war die Perspektive über die ich auch gerne etwas erfahren hätte.

Ich hätte nie geglaubt, dass man derart poetisch, knapp einfach grandios über solche Greueltaten schreiben kann. Das Buch ist gefühlsgeladen, bitter und stellenweise ziemlich bissig.

Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Es ist nicht sehr dick, aber ich mußte es immer wieder einmal auf Seite legen. Ich habe selten ein derart raues, authentisches und mächtiges Buch gelesen. Ich war schon von „Die Vegetarierin“ überaus begeistert, ich habe mit Han Kang definitiv eine Autorin gefunden, die sich zu einer meiner Lieblingsautorinnen entwickelt.

Weitere spannende Besprechungen findet ihr zum Beispiel bei wissenstagebuch und letusreadsomebooks

Hier noch ein sehr interessantes Interview mit Han Kang:

http://www.thewhitereview.org/feature/interview-with-han-kang/

Ich danke dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexmplar.

Arundhati Roy @International Literature Festival Berlin

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Fotos: A Kuscu

„India has always lived in several centuries simultaniously“

Arundhati Roy war vermutlich der Star des Internationale Literatur Festivals in Berlin. Meterlange Schlangen warteten auf Einlass zur Podiumsdiskussion mit ihr aus Anlass der Veröffentlichung ihres ersten Romans seit zwanzig Jahren „The Ministry of Utmost Ministry“.

Das muss man ihr natürlich auch erst einmal nachmachen. Gleich mit dem Erstlingswerk „The God of Small Things“ 1997 den Booker Prize gewinnen, dann zwanzig Jahre lang auf den nächsten Roman warten lassen und peng – dann gleich wieder auf der renommierten Shortlist des Booker Prizes zu landen.

Arundthai Roy ist die Grande Dame der indischen Literaturszene und hat in der Zwischenzeit alles andere als faul in der Hängematte gelegen. Sie hat ihre Bekanntheit nach dem Gewinn des Bookerprizes 1997 dazu genutzt, sich als Aktivistin um drängende politische Themen in Indien, aber auch außerhalb, zu kümmern. Sie hat sich für umweltschützende Maßnahmen wie z. B.  gegen den Bau von Dämmen in Indien engagiert, sich für die Unabhängigkeit Kashmirs und gegen Hindu-Nationalismus ausgesprochen, sich mit den Klagen auf Volksverhetzung der indischen Regierung auseinandergesetzt und jede Menge Essays und Non-Fiction Bücher produziert.

Ihr Werk umfasst dabei Bücher zum Thema Globalisierung, Kapitalismus, Demokratie und hat sie als politische Philosophin und Aktivistin auf die politisch-literarische Weltbühne katapultiert.

Ihre Essays haben sie oft genug in Teufels Küche gebracht und ihr viel Ärger und Abneigung eingehandelt. Fast jedes Mal nahm sie sich vor, aufzuhören, den Finger in die Wunde zu legen und Ärger zu machen, bis sie es nicht mehr aushielt und sie sich doch wieder zu Wort melden musste.

Immer wieder bekundet sie auch, dass es eigentlich das belletristische Schreiben ist, dem ihr Herz gehört „“To me, there is nothing higher than fiction. Nothing. It is fundamentally who I am. I am a teller of stories. For me, that’s the only way I can make sense of the world, with all the dance that it involves.”

 

In Berlin diskutierte sie ihren Roman mit Gabriele von Arnim und las daraus einige Passagen.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ beginnt mit Anjum, die aus Gründen, die später erläutert werden, auf einem Friedhof lebt. Anjum ist eine „Hijra“, ein hinduistischer Begriff, der sich frei mit Hermaphrodite, Eunuch, drittes Geschlecht oder Transgender übersetzen lässt. Seit ihrer Jugend lebt Anjum im Khwabgah, was soviel wie Schlafquartier, Haus oder Palast der Träume bedeutet und für sie ein Ort der Freiheit und der Selbstentfaltung ist. Zusammen mit den anderen Hijras bildet sie so etwas wie eine Familie.

Beim Besuch in einem Gujarati Schrein erlebt Anjum das Massaker an Hindu-Pilgern und die darauf folgende Vergeltung der Regierung gegen Muslime und zieht sich auf den Friedhof zurück. Sie legt ihre farbenfrohe weibliche Kleidung ab und kleidet sich in einen maskulinen Pathan Anzug und baut über den Gräbern einen Zufluchtsort, eine Art Schutzraum für Menschen, Tiere und Exzentrikern aller Art wie Obdachlose, Aussteiger, Unberührbare etc. Eine Republik der Verlorenen gegen die brutale Realität des zeitgenössischen Indiens.

Die Geschichte bringt uns von Dehli nach Kaschmir, wo Indien und Pakistan um die Kontrolle ringen und die Einwohner des vielleicht schönsten Tals der Erde sich in Flüchtlinge, Märthyrer, Freiheitskämpfer und Spione verwandeln.

Arundhati Roys Buch gleicht einem farbenfrohen Patchwork Teppich aus einzelnen Erzählsträngen. Schmerzhaft, lustig, sexy, realistisch, magisch und ausschweifend. Ich war mit dem riesigen Aufgebot an Personen überfordert. Mir fehlte die Dynamik in der Geschichte, viele Hauptpersonen verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Ich habe mich mit Arundthai Roys Buch sehr, sehr schwer getan.

Es ist definitiv ein Abbild des chaotischen, uneinigen Indiens mit dem Crescendo unterschiedlicher Stimmen und Stimmungen, aber es hat mich lange nicht so gepackt wie „The God of Small Things“.

Wir lesen den Roman auch noch gemeinsam im Bookclub und vielleicht werde ich durch die erneute Lektüre einige Zusammenhänge besser verstehen, momentan fühle ich mich etwas verloren.

Der Abend in Berlin hat mir Lust gemacht, mich mit ihren Essays zu beschäftigen, insbesondere die Serie „Things that can and cannot be Said“ über ihren Besuch mit John Cusack bei Edward Snowden klingt ausgesprochen spannend. Hier ein Artikel im Guardian darüber:

https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2015/nov/28/conversation-edward-snowden-arundhati-roy-john-cusack-interview

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexmplar „Das Ministerium des äußersten Glücks“