ETA Hoffmann – Rüdiger Safranski

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten, gelangt zur Wahrheit.

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ETA Hoffmann lebte von 1776 – 1822 in einer Zeit voller geistiger und historischer Umbrüche, ohne dessen Kenntnis die Bedeutung und das Verständnis seiner Werke nur schwer erfasst werden kann. Diese Biografie ist gleichzeitig sehr tiefgehend und dabei leicht lesbar, ich mochte sie stellenweise gar nicht aus der Hand legen. Hoffmann ist heute eigentlich fast ausschließlich durch sein literarisches Werk bekannt, dass er ein ebenso großer Musiker und Maler war, habe ich auch erst durch die Biografie erfahren. Jeder kennt wohl die Oper „Hofmanns Erzählungen“ oder das Ballett „Der Nußknacker und der Mäusekönig“ – dass diese aber von ETA Hoffmann verfasst wurden, wusste ich nicht.

Durch die Biografie bekommt man ein recht „persönliches“ Bild vom Autor. Er wuchs im Elternhaus seiner Mutter auf, die sich – ungewöhnlich für diese Zeit – recht früh von seinem Vater trennte. ETA wuchs dort mit den Schwestern seiner Mutter, seiner Großmutter und einem unverheirateten Onkel auf. Früh spürt Hoffmann die häusliche Enge, die finanziellen Mittel sind knapp und der hochintelligente Junge fühlt sich schon früh eingesperrt. Seine Familie drängt ihn, einen vernünftigen Brotberuf zu erlernen und er wird auch brav Jurist, genau wie sein Jugendfreund Hippel. Die umfangreiche Korrespondenz der beiden gibt Einblick in den Zwiespalt, den Hoffmann sein Leben lang spürt, der Zerrissenheit zwischen der Juristerei, die ihm Geld und gesellschaftlichen Halt verschafft und dem Bedürfnis, sein künstlerisches Ich auszuleben.

Er arbeite um 1800 als preußischer Regierungsrat in der polnischen Provinz, wo er bis zur Niederlage Preußens durch Napoleon 1806 blieb. Er hatte danach verschiedene Tätigkeiten inne als Komponist, Dirigent, Kritiker und Theaterdirektor. 1811 komponiert er das Ballet „Arlequin“ und 1816 die Oper „Undine“. Im Jahr 1813 ändert er seinen dritten Vornamen von Wilhelm zu Amadeus als Homage an Wolfgang Amadeus Mozart.

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1814-15 veröffentlicht Hoffmann die Phantasiestücke, die ihn als bekannten deutschen Autoren etablieren sollten. Er schrieb bis zu seinem Tod 2 Romane und mehr als 50 Kurzgeschichten, während er weiterhin seinem Broterwerb als Jurist  nachging. Insbesondere seine späteren Kurzgeschichten verschafften ihm großen Ruhm – insbesondere in England, den Vereinigten Staaten und Frankreich.

In seinen Geschichten kombiniert er Phantastisches mit lebendigen und überzeugenden Untersuchungen des menschlichen Charakters und Psychologie. Seine Protagonisten, oft Verrückte, Phantome, Geister oder Automaten, wandeln teils durch fiebrig mysteriöse Traumlandschaften, teils durch realistischen Alltag. Hoffmanns Kampf zwischen der idealen Welt der Kunst und seinem Alltag als Bürokrat macht sich in vielen seiner Geschichten bemerkbar.

„Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie in einem festgefrorenen Äther, der dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens deinem toten Körper gebietet.“

Seine beruflichen Stationen führen ihn aus der Provinz Polens über Warschau, Berlin, Bamberg nach Dresden, Leipzig und am Ende wieder nach Berlin, wo er im Jahr 1822 in Alter von nur 46 Jahren an einer fortgeschrittenen Lähmung starb, womöglich ausgelöst durch Syphilis oder ALS.

Safranski hat die Fähigkeit, komplexe Entwicklungen in ihren biografischen Kontexten spannend und unterhaltsam darzustellen. Ich habe bereits die eine oder andere weitere Biografie von ihm im Auge.

Ich glaube überdem, daß jede Einschränkung der Freiheit, sollte diese auch gemißbraucht werden, drückend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend, unausstehlich ist.

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Kick-Ass Women – Mackenzie Lee

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Das es in der Weltgeschichte keine Heldinnen gegeben hat, ist natürlich Quatsch. Aber immer wieder hört man nur von den immer Gleichen, die alibimässig in überwiegend männerlastigen Listen auftauchen.

Mackenzie Liee hat in dieser herausragenden Sammlung 52 Frauen vorgestellt, die es verdienen, deutlich berühmter zu sein, als sie es tatsächlich sind. Frauen aus der ganzen Welt, aus unterschiedlichen Rassen und Klassen, die Krankheiten geheilt haben, Diktatoren überworfen, Unterdrückung widerstanden und sich erdrückenden Geschlechtsvorurteilen einer männlich dominierten Welt widersetzt haben.

Lee schreibt knapp und witzig, manchmal etwas flach, aber immer packend. Sie baut aus den kurzen umfassenden Biografien spannende Geschichten von Frauen die Heldinnen, Anführerinnen, Athletinnen oder auch Kriminelle sind. Die Frauen sind intelligent, gefährlich, mutig, verführerisch und vor allen Dingen durchbrechen sie die gläserne Decke aus Patriarchie und Vorurteilen.

Die 52 Frauen sind alle großartig, aber hier sind ein paar meiner Favoritinnen:

Hatschepsut, die erste Pharaonin, die nach dem Tod ihres Mannes den Thron bestieg, weil sie es konnte und die ihre Untertanen 22 Jahr erfolgreich führte.

Agnodike, die Frau, die sich als Mann verkleiden musste, um im antiken Athen Medizin studieren zu können.

Arawelo, die legendäre Königin von Somalia, die jegliche Stereotype über den Haufen warf und eine Regierung schuf ,die komplett aus Frauen bestand. Sie und ihr Kabinett zeigten den Männern was es tatsächlich heißt, den Haushalt eines Landes zu übernehmen.

Königin Christina von Schweden, die Beschützerin der Künste. Gelehrt und insbesondere an Naturwissenschaften interessiert. Sie befürwortete Religionsfreiheit und hatte keinerlei Interesse an der Ehe.

Irena Sendler war eine polnische Krankenschwester, die wahnsinnig mutig war und während des 2. Weltkriegs unter Einsatz ihres Lebens mehr als 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete.

Das sind nur ein paar Beispiele der 52 wundervollen Portraits, jede der Frauen großartig farbenprächtig illustriert von Petra Eriksson.

Ich glaube, man merkt wie sehr mir dieses Buch gefallen hat. Kauft es euch, verschenkt es und gebt ihm einen besonders schönen Platz in eurem Regal. Dieses kleine Schatzkästchen voller Mut und Empowerment ist ein Denkmal für alle Frauen, die nach ihren eigenen Spielregeln spielen und die Pionierinnen waren in ihren jeweiligen Bereichen.

Aus dem Englischen von Jenny Merling erschienen im Suhrkamp Verlag, dem ich für dieses Rezensionsexemplar herzlich danke.

The Moth and the Star – Biography of Virginia Woolf

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but I flow

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Der erste Satz aus Aileen Pippetts Virginia Woolf Biografie hätte auch von mir sein können: Alles, was ich über Virginia Woolf wusste war, dass ich alles von ihr und über sie gelesen hatte und sie auf diese Weise irgendwie ein Teil meines Lebens war. Aber schon ab dem zweiten Satz war die Autorin uneinholbar für mich und ich wurde ein klein wenig grün vor Neid:

„I met her once, in a Bloomsbury attic, by candlelight, unexpectedly, at a small party some time in the middle nineteen-thirties. To me it was a memorable occasion, though I did nothing to make it so, being more than content to admire and observe and remain quieter than the mice behind the wainscoting, for I believed then, as I do still, that anything of importance an author has to say to a reader is to be found in books and heard in the privacy of the mind.“

Eine Biografin, die Virginia Woolf selbst kennengelernt hatte, das gefiel mir außerordentlich und hat ihr ein paar Vorschußlorbeeren eingebracht. Meine Erwartungen wurden aber durchaus erfüllt. Bei „The Moth und the Star“ handelt es sich um eine sehr lesenswerte Biografie voller Atmosphäre, die uns an der Kindheit und Jugend Virginias teilhaben lässt. Leise und heimlich heften wir uns an ihre Fersen, wenn sie den Gartenweg zu ihrem Schreibstudio entlanggeht, oder wir sie bei ihren ausgiebigen Spaziergängen an der Küste, durch die Straße Londons oder auf dem Land begleiten. Wir lernen ihre Bekannten kennen und ihre Freunde kennen.

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Das Portrait baut sich wie aus kleinen Mosaikstückchen zusammen. Wir lernen die Stephens Familie kennen, die „Bloomsberries“ (die von der Autorin gegen jegliche Abstempelung als hochmütige Elfenturmbewohner vehement verteidigt werden). Wir folgen Virginia Woolf durch Kew Garden, besuchen mit ihr Monks House (hier habe ich im Übrigen schon einmal über meinen Besuch in Monks House berichtet) und erleben die Freuden und Miseren einer sehr sensiblen, ätherisch wirkenden jungen Autorin, die die Literaturwelt revolutionierte.

Interessant fand ich auch ihr gemeinsames Schreiben mit E. M. Forster als Antwort auf die Öbszönitäts-Anklage gegen Radclyffe Hall:

“Writers produce literature, and they cannot produce great literature until they have free minds. The free mind has access to all knowledge and speculation of its age, and nothing cramps it like a taboo.”

Aileen Pippett verknüpft auf’s wunderbarste Virginia Woolfs Leben mit ihrer Arbeit wobei ihr als Quellen neben Woolfs Büchern und Tagebüchern auch die ausgiebige Korrespondenz zwischen Virginia und Vita Sackville-West dient. Der Frau, der sie mit „Orlando“ ein einzigartiges Denkmal gesetzt hat. Vitas Sohn beschrieb „Orlando“ später einmal als den längsten und schönsten Liebesbrief in der Literatur.

Die Biografie zeigt auch deutlich den Einfluss, die Faszination, den Verwandte und Freunde, ihre Arbeit in der Hogarth Press und überhaupt die Welt draußen auf Virginia Woolf ausübte. Doch immer wieder wird es alles zuviel, sie muss mit ihren Kräften haushalten, sie ist kränklich und fragil und wird immer wieder von Depressionen heimgesucht.

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Wolf in Monks House

Im März 1940 hat sie keinerlei Kraft mehr, gegen einen weiteren mentalen Zusammenbruch anzukämpfen. Sie hat Angst davor, verrückt zu werden. Sie schreibt einen Abschiedsbrief in ihrem Gartenhäuschen in Monks House, füllt ihre Taschen mit Steinen und ertränkt sich in dem kleinen Flüsschen Ouse ganz in der Nähe des Hauses.

„The Moth and the Star“ ist die gelungene Biografie von einer Zeitgenossin Virginia Woolfs. Das Buch bringt den Leser einer großen Schriftstellerin näher, ohne die Privatssphäre zu verletzen, die einem Menschen wie Virginia Woolf sicherlich durchaus wichtig gewesen wäre.

Darf es noch ein bisschen mehr sein? Dann findet ihr hier die Besprechung zu zwei ihrer Romane „Jacobs Room“ und Mrs Dalloway  und dem phänomenalen „A room of one’s own„. Dazu passt auch wunderbar ihr Briefwechsel mit Vita Sackville-West „Geliebtes Wesen„.

Ich würde gerne noch weitere Biografien über Virginia Woolf lesen – habt ihr Empfehlungen?

Dublin by the Book

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In keiner Stadt der Welt gibt es gefühlt mehr Orte, an denen berühmte Schriftsteller/-innen gesessen, gewohnt, getrunken und geschrieben haben, als in Dublin. Die ganze Stadt ist eigentlich eine riesige Bibliothek, nur gelegentlich von Pubs, Parks und Wohnhäusern unterbrochen.

Viel Zeit hatten wir zwar nicht, denn das Übernachten in Dublin ist erschreckend teuer geworden, aber wir haben in der kurzen Zeit doch viel gesehen und erlebt. Zeit zum Bücher gucken und kaufen und um das eine oder andere Guinness zu testen, hatten wir auch.

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Dublin war deutlich kleiner, als ich es von meinem letzten Besuch vor gefühlten 1000 Jahren in Erinnerung hatte. Wir wohnten ganz in der Nähe von Temple Bar und der erste Ausflug am frühen Morgen brachte uns zum Trinity College, wo ich natürlich die berühmte Bibliothek bewundern musste und die arme Bingereader Gattin mich nur unter Anstrengung sämtlicher Kräfte und dem Versprechen auf spätere Buchkäufe und Guinness wieder heraus bekam.

Ich kannte Fotos davon, dachte also durchaus zu wissen, was mich erwartet, aber als ich durch die Tür trat, war ich vollkommen von den Socken. Diese Bibliothek ist in Echt noch Tausendmal aufregender und schöner, als es auf dem besten Foto rüberkommt.

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Gegründet wurde sie 1592 und im sogenannten Long Room stehen an die 200.000 Bücher. Mit den Büchern wird auch durchaus noch gearbeitet, nach vorheriger Bestellung kann man als ganz normaler Student die Bände vor Ort unter entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen nutzen und damit arbeiten.

Schweren Herzens habe ich irgendwann die heiligen Hallen wieder verlassen und wir haben uns in Ruhe den Rest der Innenstadt rund um den Fluß Liffy herum angesehen. 1200px-HalfPennyBridge

Meinen Lieblingsbuchladen vom ersten Dublin Besuch habe ich auch wiedergefunden, den ich natürlich auch nicht ganz ohne Lektürenachschub verlassen konnte. Hier ein paar Impressionen, vielleicht versteht ihr dann, warum ich den Laden so gerne mag:

 

Die einzige kleine Enttäuschung, die wir hinnehmen mussten war, dass der „Literary Pub Crawl, den wir unbedingt am Abend machen wollten, ausgebucht war. Wir haben dann auf eigene Faust ein paar Pubs erkundet und fast jeder Pub hat eigentlich irgendeinen literarischen Bezug, ob der nun wirklich stimmt oder nicht 😉 Meiner Meinung sollte man insbesondere am Wochenende einen Bogen um Temple Bar machen, da ist es einfach nur mega voll und ein Junggesellen-Abschied jagt den nächsten und schöne, interessante Pubs gibt es in der ganzen Stadt.

Wir machten noch einen Abstecher ins Dublin Writers Museum. Das ist durchaus interessant, auch wenn man das Gefühl bekommen könnte durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum im Jahr 1981 gelandet zu sein.

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Natürlich bin ich nicht ohne entsprechende Reiselektüre nach Dublin gereist. Im Reisegepäck befand sich:

The Speckled People – Hugo Hamilton

Eine spannende irische Biografie, in der es nicht ständig regnet oder sich jemand zu Tode trinkt, das allein fand ich schon wunderbar. Hugo erzählt die Geschichte seiner Kindheit und die seiner Geschwister, die als Außenseiter in ihrem eigenen Land aufwachsen, da ihre Mutter Deutsche und ihr Vater ein stolzer irischer Unabhängigkeitskämpfer war, der so sehr hinter seinen Überzeugungen stand, dass er absolut verbot, dass irgendjemand in seinem Haushalt Englisch sprach. Der Vater war recht autoritär und streng, dennoch sind die Kinder in einem sehr liebevollen Haushalt aufgewachsen.

Insbesondere die Mutter war eine ganz tolle Frau, die sich in Deutschland sehr gegen die Nazis zur Wehr setzte und auf einer Pilgerfahrt durch Irland ihren künftigen Mann trifft und mit ihm in Irland bleibt. Sie ist warmherzig, unterstützt ihren Mann und ihre Kinder, ohne dabei ihre Eigenständigkeit aufzugeben und ist einfach eine ganz tolle Mutter (so eine hätte ich auch gerne gehabt).

Das Buch ist stellenweise traurig und manche Charaktere nerven ab und an, aber es ist auch ganz oft sehr lustig und aufmunternd.

“Maybe your country is only a place you make up in your own mind. Something you dream about and sing about. Maybe it’s not a place on the map at all, but just a story full of people you meet and places you visit, full of books and films you’ve been to. I’m not afraid of being homesick and having no language to live in. I don’t have to be like anyone else.“

Einen wirklich ulkigen Zufall erlebte ich, als ich am Montag nach unserer Dublin-Reise auf dem Weg zur Arbeit am öffentlichen Bücherschrank vorbeiging und dort tatsächlich den zweiten Band der Biografie entdecke. Konnte es erst gar nicht glauben. Im Flugzeug hatte ich noch gesagt, das mir das Buch so gut gefällt, ich würde unbedingt auch den zweiten Teil lesen wollen und peng! steht es am nächsten Morgen im Regal.

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Der Matrose im Schrank

Der zweite Teil seiner Memoiren dreht sich um seinen Übergang von seiner strikten Kindheit in Dublin in seine unabhängigere Jugend. Der Titel bezieht sich auf Hugos väterlichen Großvater John Hamilton, der starb, während er in der Royal Navy diente. Hugos Vater hat ein Foto seines Vaters in seiner Uniform ganz hinten in seinem Kleiderschrank versteckt, da Hugos Vater jegliche Form von Service unter den Briten für Vaterlandsverrat hält. Hugo fühlt sich diesem verhassten Großvater nahe und er kämpft weiterhin mit widerstreitenden Gefühlen, wo er jetzt eigentlich hingehört. Er arbeitet im Hafen des Ortes als Fischer und ist ständig dabei, die Grenzen seines Vaters auszutesten.

Auch wenn mir der erste Band ein ganzes Stück besser gefallen hat, kann ich beide Bücher absolut empfehlen. Sie geben einen guten Einblick in die irische Nachkriegsgeschichte und erzählen die spannende Biografie eines zeitgenössischen irischen Autoren.

“People say you’re born innocent, but it’s not true. You inherit all kinds of things that you can do nothing about. You inherit your identity, your history, like a birthmark that you can’t wash off. … We are born with our heads turned back, but my mother says we have to face into the future now. You have to earn your own innocence, she says. You have to grow up and become innocent.”

Entgegen jeglichen Klischees hat es das ganze Wochenende nicht einen Tropfen Regen gegeben. Wir würden einen Wochenendtripp nach Dublin jedem Buchliebhaber empfehlen!

Kennt ihr Dublin? Was sind eure liebsten Ecken dort? Was sollte ich mir bei einem nächsten Besuch unbedingt noch ansehen?

Befreit – Tara Westover

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Überraschungs-Buchpost ist immer klasse, aber bei diesem Buch habe ich regelrechte Freudentänze aufgeführt, als ich das Packerl vom Kiepenheuer & Witsch Verlag öffnete, denn es stand schon eine Weile ganz weit oben auf meiner Leseliste und hat durchaus prominente Fürsprecher, wie zum Beispiel Barack Obama. An dieser Stelle schon mal herzlichen Dank für das Rezensionsexmplar.

„Befreit“ ist auf der einen Seite eine durch und durch hoffnungsvolle Geschichte und auf der anderen Seite fast schon ein Horrortrip. Tara Westover, soviel merkt man schon von der ersten Seite an, ist eine kluge Frau und eine wirklich gute Schriftstellerin, die in einer wunderbar poetischen Sprache spröde bezaubernde Bilder zu schaffen weiß.

Nichts in ihrer Kindheit ließ jemals darauf schließen, dass aus ihr jemals eine mit Doktortitel ausgestattete Absolventin der Cambridge Universität wird. Tara ist die jüngste von sieben Kindern einer fundamentalistischen Mormonenfamilie im ländlichen Idaho, die sich jeden Tag mit Vorratshaltung etc. auf den Weltuntergang vorbereitet und die überzeugt ist, die Regierung ist von Illuminaten unterwandert, die die Bevölkerung einer Gehirnwäsche unterzieht und sie seien permanent vom FBI verfolgt.

Die Kinder arbeiten von Kindesbeinen an auf dem väterlichen Schrottplatz. Der Vater bildet das Gesetz in der Familie und das stützt sich zum einen auf seine glühenden religiösen Überzeugungen und wird zum anderen durch seine nicht diagnostizierte psychische Erkrankung beeinflusst. Die Arbeit auf dem Schrottplatz ist gefährlich und heftige Verletzungen sind fast an der Tagesordnung. Das väterliche Misstrauen gegen den Staat bezieht aber auch jegliche medizinische Versorgung mit ein, so dass auch schwerste Verbrennungen, tiefe Fleischwunden etc. ausschließlich mit selbst hergestellter Medizin von der Mutter behandelt werden.

Taras Vater ist nicht nur gegen die Regierung oder die moderne Medizin, seine Ablehnung umfaßt auch Schulen, Krankenhäuser, Impfungen natürlich, aber auch Sicherheitsgurte im Auto, Fernsehen oder Bücher. Sein Wort ist Gesetz, denn er ist überzeugt davon, Gott spricht durch ihn und es ist herzzereissend zu sehen, wie eine ganze Familie unter den religiösen Wahnvorstellungen eines psychisch kranken Menschen zu leiden hat. Die heimische Schulbildung, die die Kinder angeblich zu Hause von der Mutter bekommen, sind sporadische kurze Lektionen in Pflanzenkunde, etwas Mathematik und viel Bibelstudium, aber meistens werden die Kinder einfach auf dem Schrottplatz gebraucht.

Tara geht nie zur Schule, bringt sich selbst ein bisschen was mit den wenigen Büchern bei, die es zu Hause gibt, teilweise unterstützt von einem älteren Bruder, der ebenfalls ein Studium begonnen hat. Ihre formale Bildung beginnt mit 17, als sie auf die Brigham Young Universität geht, eine Hochschule für Mormonen. Dort erlebt sie schockiert, wie wenig sie überhaupt weiß. Sie hat noch nie vom Holocaust oder der Bürgerbewegung gehört, Europa war für sie bislang ein Land und kein Kontinent. Trotz aller Schwierigkeiten beißt sie sich durch und erkämpft sich sogar ein Stipendium für Cambridge. Ihren Eltern gefällt diese Entwicklung natürlich ganz und gar nicht.

„Mir selbst redete ich ein, ich gehörte aus anderen Gründen nicht nach Cambridge, Gründen, die mit Klasse und Status zu tun hatten: weil ich eben arm war, arm aufgewachsen war. Weil ich im Wind auf dem Kapellendach stehen konnte, ohne zu schwanken. Das war die Person, die nicht nach Cambridge gehörte: die Dachdeckerin, nicht die Hure.“

Das war für mich der einzig frustrierende Part des Buches, ihr dabei zuzuschauen, wie sie wieder und wieder zu ihrer Familie zurückkehrt. Wie sie sich von ihrem sadistischen Bruder Shawn quälen lässt, sich ihr Geld fürs Studium auf dem heimischen Schrottplatz verdient und immer wieder verzweifelt versucht, die Anerkennung ihrer Familie zu gewinnen.

Das sie ihren Weg so durchgezogen hat, wie sehr sie auch teilweise zerrissen war zwischen ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit und Bildung auf der einen Seite und ihrem Pflichtbewusstsein, ihrer Loyalität der Familie gegenüber, und ihrem von klein auf indoktriniertem Glauben ist mehr als ein Wunder für mich. Sie erkämpft sich über Jahre ihre eigene Identität als Wissenschaftlerin, Schriftstellerin und als unabhängige Frau.

Ich konnte mich sehr mit Tara identifizieren in ihrem Wunsch, alles in Bewegung zu setzen, um vom Bildungskuchen soviel abzubekommen wie nur möglich. Autodidakten leiden häufig darunter nicht wirklich zu wissen, ob sie gut genug sind. Framing und fehlender Stallgeruch führen dazu, dass man sich ausgeschlossen fühlt und Selbstzweifel entwickelt. Tara Westover hat in meinen Augen schier übermenschliches geleiset und ich habe große Achtung vor dem, was sie erreicht hat.

Für diesen Erfolg muss sie aber durchaus teuer bezahlen. Ein großer Teil ihrer Familie (ihre Eltern und ein Teil ihrer Geschwister) haben sie verstoßen und insbesondere nach Erscheinen ihres Buches verbreiten sie Gerüchte über Taras mentale Instabilität. Ich habe mir einige Interviews mit ihr angesehen und angehört und auf mich wirkt sie sehr sachlich, analytisch, vielleicht sogar ein wenig stoisch und auch überhaupt nicht nachtragend.

Eine überwältigende Geschichte die einem noch lange nachgeht. Mich hat sie sehr an „Hillbilly Elegy“ erinnert.

Eine weitere großartige Rezension des Buches hat Brigitte von „Feiner Reiner Buchstoff“ geschrieben, ihr findet sie hier.

Hier ein Interview mit der Autorin:

Day 14 – A book that made you cry

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Well it would probably be a bit over the top to say the book made me cry – I don’t cry that easily usually only when fictional people (or Octopus) die. The “Hillbilly Elegy” didn’t make me cry, but quite sad actually for the generations of kids that get born in f*** up families.

The book keeps being mentioned as the one that helps explain why the white working class in the US voted for Trump and coming from white working class with a hint of white trash background myself that kinda stuff interests me a lot.

Poverty, Chaos, Helplessness, violence, drugs and alcohol that is the vicious cycle for a lot of white American working class families in the US. Detached from their political leadership class and suspended from the rest of society and therefore susceptible for populistic slogans. In the past “Hillbillys” had at least the chance to work their ways up in factories in the Manufacturing belt in the old industries but latest with the end of the 20th century the decline of these industries dragged the Hillbilly families down with them and they have never recovered from it turning the manufacturing belt into the rust belt of the country.

“Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. He is a good father while many of us aren’t. He wears suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it—not because we think she’s wrong but because we know she’s right.”

JD Vance talks about the history of his family and draws a picture of failure and the resignation of a complete society class. Vance manages to make the situation of the people in the huge Appalachian area more tangible and understandable. His Grandparents were typical Hillbillys in a sense that they believed in Guns and Gods and hard work, they were probably the last generation that had at least partially the sense that they can influence their own fate.

“What separates the successful from the unsuccessful are the expectations that they had for their own lives. Yet the message of the right is increasingly: It’s not your fault that you’re a loser; it’s the government’s fault.”

“If you believe that hard work pays off, then you work hard; if you think it’s hard to get ahead even when you try, then why try at all? Similarly, when people do fail, this mind-set allows them to look outward. I once ran into an old acquaintance at a Middletown bar who told me that he had recently quit his job because he was sick of waking up early. I later saw him complaining on Facebook about the “Obama economy” and how it had affected his life. I don’t doubt that the Obama economy has affected many, but this man is assuredly not among them. His status in life is directly attributable to the choices he’s made, and his life will improve only through better decisions. But for him to make better choices, he needs to live in an environment that forces him to ask tough questions about himself. There is a cultural movement in the white working class to blame problems on society or the government, and that movement gains adherents by the day.” 

JDs most powerful influences were his grandparents that he called Mamaw and Papaw: very fierce, hard-drinking fighters with a strong belief in honor and family solidarity. They might beat their kids but beware if an outsider would ever say one harsh word to them… Both did their own children not much good especially not JD’s mother, a heroin and painkiller addict with a bewildering number of boyfriends and husbands – but by the time JD needed them they had softened a bit and gave him the love and support he needed to succeed.

“For kids like me, the part of the brain that deals with stress and conflict is always activated…We are constantly ready to fight or flee, because there is a constant exposure to the bear, whether that bear is an alcoholic dad or an unhinged mom”

On one hand there are a lot of similarities. My brother and I were also (more or less successfully) rescued by my Grandmother and would it not have been for her,  my life would have been completely different and certainly not nearly as good as it is now. I can also relate to the feeling of being a stranger of not belonging after the social upward move, I still have lot’s of awkward moments when being in company that somehow gives me the feeling (to be honest I give this feeling to myself most of the time) of not belonging, of not exactly knowing “how to behave”.

“social mobility isn’t just about money and economics, it’s about a lifestyle change. The wealthy and the powerful aren’t just wealthy and powerful; they follow a different set of norms and mores. When you go from working-class to professional-class, almost everything about your old life becomes unfashionable at best or unhealthy at worst.” 

“We don’t study as children, and we don’t make our kids study when we’re parents. Our kids perform poorly in school. We might get angry with them, but we never give them the tools—like peace and quiet at home—to succeed.” 

“interviews showed me that successful people are playing an entirely different game. They don’t flood the job market with résumés, hoping that some employer will grace them with an interview. They network. They email a friend of a friend to make sure their name gets the look it deserves. They have their uncles call old college buddies. They have their school’s career service office set up interviews months in advance on their behalf. They have parents tell them how to dress, what to say, and whom to schmooze.” 

The difference is I didn’t feel I belonged to the grim council estate working class reality of my childhood either. I was always drawn to the people that are now often labeled so  unfavorably “Elites”. I hated the violence around me, I never saw it as anything to be proud of and was trying to escape as quickly as I could (dragging my Granny along as far as it was possibly). And I had many kind more intellectual people who helped me see a more positive future and who acted as role models and supporters.

So this is probably my personal biggest challenge with the book, that I generally highly recommend and found very insightful: He felt he belonged with the Hillbillys and had to adapt to live in the world of Yale etc. That was not the case for me. I never felt home where I came from but I don’t always feel 100% accepted in the social order that I moved into. Maybe I’m just jealous of him 😉

The most important factor to escape poverty is to have a stable environment around you and at least one person that protects and helps you.

JD Vance is doing a good job in not offering over simplified solutions for huge problems. Interesting how partially pretty similar experiences turn one into quite the religious convervative guy and another one into an atheist liberal.

Where I 100% agree with him: Not just in the US – the same is true here in Germany:  It’s dangerous if huge parts of society have the impression they have absolutely no influence on their own fate. If people don’t even try because they are born in a culture of learned helplessness, that turns them into victims and makes them remain victims if they don’t manage to change this perspective.

“I don’t know what the answer is, precisely, but I know it starts when we stop blaming Obama or Bush or faceless companies and ask ourselves what we can do to make things better.”

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel: „Hillbilly Elegy: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“

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Ich hatte ursprünglich keine Ahnung, wie eng die beiden Bücher in vielfacher Hinsicht zusammengehören. Ich hatte mir Eribons „Rückkehr nach Reims“ zum Geburtstag gewünscht, es auch recht schnell gelesen und kurz drauf bekam ich vom Fischer Verlag Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ als Rezensionsexemplar zugeschickt und, obwohl so viele andere Bücher auf meinem Stapel lagen und eigentlich zuerst hätten gelesen werden müssen, las ich mich einfach fest.

Abgesehen davon, dass beide Bücher in Frankreich spielen, Protagonisten haben, die aus eher prekären Verhältnissen stammen und schwul sind, haben auch beide Bücher bei mir einen unfreiwilligen Regenguss abbekommen, als ich bei einem Gewitter vergessen hatte, das Fenster zu schließen und ja, schlussendlich sind die beiden Autoren auch miteinander befreundet, das fiel mir aber erst so richtig auf, als ich das Zitat von Eribon auf dem Buchrücken entdeckte und etwas recherchierte. Von daher erschien es mir naheliegend, die beiden Bücher auch gemeinsam hier zu rezensieren.

Die erste Hälfte von Didier Eribons Buch beschäftigt sich mit seiner Kindheit im Arbeitermilieu und die Hintergründe seiner Familie bis zurück in den 2. Weltkrieg. Wie er selbst in seinem Buch sagt, schreibt wohl kaum jemand über die dieses Milieu, der sich selbst nicht daraus emanzipiert hat.

Eribon hat das geschafft, er wurde ein erfolgreicher Soziologe und Autor, der Weg dorthin war alles andere als leicht. Er beschreibt die Schwierigkeiten, die nicht einfach nur materieller Natur sind, unglaublich passend. Dieses Gefühl, einfach nicht dazuzugehören, nicht die „richtigen“ Bücher, Filme, Musik zu kennen. Seinen Hintergrund nicht ständig zu verraten mit unbedachten Gesten oder einfach auch Unkenntnis und die ständige Angst, sich zu blamieren.

“Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.”

Ich kann mich an einigen Stellen des Buches sehr mit Eribon identifizieren, sein krasser Ekel seiner Abstammung gegenüber war mir allerdings teilweise zu heftig. Das Bildungsferne des „Arbeitermilieus“, die ich ebenfalls erlebt habe, ist etwas, was mir auch immer zu schaffen gemacht hat, vielleicht ist da etwas mehr der Stolz des lesenden Arbeiters meines Opas auf mich übergegangen, eine komplette Ablehnung meiner Herkunft kommt für mich nicht in Frage.

“Was mir vor allen Dingen unbestreitbar vorkommt, ist die Tatsache, das ein solches Ausbleiben des Klassengefühls eine bürgerliche Kindheit kennzeichnet. Die Herrschenden merken nicht, dass ihre Welt nur einer partikularen, situierten Wahrheit entspricht (so wie ein Weißer sich nicht seines Weißseins und ein Heterosexueller sich nicht seiner Heterosexualität bewusst ist).”

“Links zu sein, sagt Gilles Deleuze in seinem Abécédaire, das heiße, ‚eine Horizontwahrnehmung‘ zu haben (die Welt als ganze zu sehen, die Probleme der Dritten Welt wichtiger zu finden als die des eigenen Viertels). Nicht links zu sein hingegen bedeute, die Wahrnehmung auf das eigene Land, auf die eigene Straße zu verengen.”

Aber Eribon analyisert absolut treffsicher die Verfehlnisse der Linken. In seiner Kindheit wählten ausnahmslose alle in der Familie und in der Nachbarschaft die Kommunisten, das war Klassenbekenntnis. Dieses Bekenntnis gibt es nicht mehr und ist immer weiter nach rechts gerutscht. Seine Brüder wählen ganz selbstverständlich „National Front“ und selbst seine Mutter gibt zu, sie gewählt zu haben, um den Parteien eine Lektion zu erteilen. Dem beiläufigen Rassismus und der Homophobie, die ihn letztlich zum Ausbruch aus dem Milieu bringen, werden Struktur und Berechtigung gegeben durch Parteien wie die Front National.

“Man könnte es auch so zusammenfassen: Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden […] und zwar mit einer verbalen Gewalt, die von den Betroffenen durchaus als solche erkannt wurde. In den christsozialen oder philanthropischen Ausprägungen dieses neokonservativen Diskurses ließ man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch „unterdrückt“ oder „beherrscht“ gewesen waren und politisch „gekämpft“ hatten, als „Ausgeschlossene“ darzustellen, als „Opfer“ von „Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung“ und somit als stumme potentielle Empfänger technokratischer Hilfsmaßnahmen.” 

Die Linke beschäftigte sich nicht länger mit Klassenfragen und die „einfachen Leute“ fühlten sich mehr und mehr unverstanden von den linken Parteien, was darin resultierte, dass aus dem alten klassenbezogenen „wir“ gegen „die“ ein nationales „wir“ gegen „die“ wurde.

“Man spürte förmlich, wie sich in ehemals kommunistisch dominierten Räumen der Geselligkeit und des Politischen eine rassistische Stimmung breitmachte, wie sich die Menschen allmählich einem politischen Angebot zuwandten, das vorgab, lediglich die Stimme des Volkes oder die Stimmung der Nation wiederzugeben, das eine solche Stimmung in Wahrheit aber erst herstellte, weil es Ressentiments und Affekte mit einem stabilen diskursiven Rahmen und gesellschaftlicher Legitimität versah.” 

Die zweite Hälfte des Buches beschäftigt sich mit seiner Jugend und was es bedeutet, in diesem Milieu als schwuler junger Mann aufzuwachsen. Foucault beschäftigt ihn sehr und er identifiziert sich stark mit ihm und seinen Ideen. Das Buch ist eine etwas ulkige Mischung aus Biografie und soziologischem Essay. Ich fand es wahnsinnig berührend und es ist eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Es hat mich stark an James Baldwin erinnert oder auch an Damian Barrs Biografie „Maggie & Me“ – das ich an dieser Stelle unbedingt noch einmal empfehlen möchte.

Eine weitere Rezension zum Buch findet ihr hier.

„Rückkehr nach Reims“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Als Édouard in einer kalten Dezembernacht auf dem Heimweg einem jungen Mann gegegnet möchte er eigentlich direkt nach Hause, doch die beiden kommen ins Gespräch und schnell wird klar, dass die spontane Begegnung in starke gegenseitige Anziehung umgschlagen ist und Édouard nimmt Reda, den algerischen Immigrantensohn, mit in seine Wohnung.

Was als zarter Flirt beginnt schlägt um in die schrecklichste Nacht, die Èdouard je erlebt hat. Ein Roman, der von Kindheit, Begehren, Rassismus, Gewalt und Migration erzählt und der, auch wenn es abgedroschen klingt, tatsächlich mitten ins Herz zielt.

Ein atemloser politischer Roman der auf drei Ebenen erzählt wird.  Édouard erzählt seiner (in der Realität nicht existierenden) Schwester detailliert von den Geschehnissen dieser Nacht, die diese wiederum ebenso ausführlich ihrem Mann erzählt, wobei sie von Èdouard belauscht wird, der hinter der Tür steht und das Erzählte kommentiert.

Das wirkt etwas gekünstelt, bewirkt aber, dass er durch die Figur der Schwester dem sozial benachteiligten Milieu eine Stimme gibt.

Es ist ein Roman über Schande, über das was gesagt wird, über die schändliche Vergewaltigung und was nicht gesagt wird. Èdouard überprüft seine Emotionen ständig, er korrigiert und klärt sie, bis er das Gefühl hat, sie akzeptieren zu können.

Er leidet darunter, keinen Sinn aus dieser schrecklichen Erfahrung ziehen zu können. Er ist jemand, der sich mit den Außenseitern identifiziert, der versucht, die Gewalt soziologisch zu erklären. Er geht mit der weit verbreiteten Homophobie in der Provinz ähnlich wie Eribon hart ins Gericht.

„In jener Nacht gelang es mir, mich von Reda zu befreien, aber erst sehr spät, nach sehr langer Zeit, und ebenso wie bei Temple war der wirklich Wille zur Flucht, der sich doch schon bei den ersten Anzeichen von Redas Wüterei hätte einstellen müssen, meine letzte Reaktion.“

Édouard erzählt seiner Schwester detailliert von der Nacht auf den 25. Dezember und die Schwester wiederum erzählt dies ebenso detailliert ihrem Mann, während Édouard den Monolog seiner Schwester – denn der Mann spricht nicht ein Wort – hinter der Tür belauscht. Überlagert wird die Stimme der Schwester durch die Gedanken Édouards, der das Erzählte als Figur kommentiert und manchmal selbst als Erzähler eingreift.

Édouard wirkt stellenweise recht arrogant in seiner naiven Begeisterung für alles Bildungsbürgerliche, aber das ist glaube ich einfach häufig ein Merkmal von Menschen, die sich den Weg ins Bildungsbürgertum hart erkämpfen mussten. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen der Protagonist die Nachwirkungen der Vergewaltigung beschreibt. Seine Ängste, seine Scham, die sich auch nach der x-ten Dusche nicht abwaschen lassen und ihn verwundet und roh zurücklassen.

Der Roman ist eine heftige und präszise Analyse der Gewalt, der in Frankreich sehr gefeiert wird und bereits über 300.000 Exemplare verkauft hat.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr hier.

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.