Stella – Takis Würger

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Nein, die Welt braucht nicht wirklich die 10.000 Rezension zu Takis Würgers unglaublich widersprüchlich diskutiertem Roman „Stella“. Nun rezensiere ich hier aber alles, was ich lese und daher nur ganz kurz mein ganz persönlicher Eindruck:

Mich hat die Geschichte überrascht. Ich habe sie gerne und mit Spannung gelesen, kannte die Protagonistin Stella Goldschlag vorher nicht. Der Entrüstungssturm hat mich völlig überrascht und ich möchte den Roman hier jetzt auch nicht im Einzelnen auseinandernehmen.

Die Diskussion hat bei mir sehr positive Dinge ausgelöst. Ich habe gemerkt, dass ich gelegentlich dazu neige, solche Diskussionen im ersten Moment als unnötig, elfenbeinturmig oder übertrieben abzutun. Habe aber viele Diskussionsbeiträge gelesen und je mehr ich gelesen habe, desto mehr habe ich gelernt und ich kann sehr viele Kritikpunkte gut nachvollziehen. Ich finde Freiheit in der Kunst und Literatur sehr wichtig und glaube, dass der Kontroverse um das Buch durchaus positive Seiten abgewonnen werden können.

Auf Anke Gröners Blog habe ich vor ein paar Tagen einen sehr spannenden Gedanken gelesen, den ich so gerne unterschreiben möchte:

Ich musste bei dieser Aufarbeitung an die weiße Künstlerin Dana Schutz denken, der cultural appropriation und Unsensibilität vorgeworfen wurde, weil sie ein Bild des offenen Sargs von Emmett Till malte. Die New York Times schreibt:

„Now, Ms. Schutz admits that she is “guarded” about the controversy and is most wary discussing her motivations for painting the scene in the first place, saying only that it was an attempt to “register this monstrous act and this tragic loss.” But she acknowledged that may have been an “impossible” task.“

When asked if she regretted making the work, she paused and said, “No, I don’t wish I hadn’t painted it.”

The long-term effect of the controversy, she said, is that she has internalized the viewpoints of the protesters even when making new work.

“I’ve had so many conversations with people who were upset by the painting,” Ms. Schutz said, adding that she has included them in “my imagined audience when I’m painting. It’s good those voices were heard.”“

Ich glaube, das ist der Knackpunkt an diesen Kontroversen und das Neue in der Diskussion um Freiheit der Kunst. Es werden auf einmal Stimmen laut und gehört, denen jahrzehnte-, jahrhundertelang keine Beachtung geschenkt wurde. Schwarze, Frauen und viele andere. Diese neuen Stimmen tragen zu einer neuen Sensibilität bei, und die scheint sich ganz langsam niederzuschlagen, siehe bildende Kunst, siehe Literatur.“

Da steckt so viel Wahres drin, das hat mich sehr berührt.

Die zum Teil aber sehr persönliche Kritik am Autor finde ich nach wie vor völlig daneben.

Die Kontroverse und die Diskussion sind für mich das eigentlich zentrale Thema, gar nicht so sehr das Buch, um das es eigentlich gehen soll. Wir müssen lernen, vernünftig miteinander zu diskutieren. Ob früher weniger oder genau so viel Filterbubble war wie heute, kann ich nicht beurteilen, aber Diskussionen fanden vor dem Internet oder in dessen Anfangszeit häufiger persönlich statt.

Im echten Leben haben wir als Menschheit in jahrtausendelanger Übung – mehr oder weniger gut – gelernt miteinander zu reden und zu diskutieren. Das müssen wir jetzt online noch einmal lernen.

Ohne Mimik und Gestik klingt vieles gleich viel schärfer und verletzender und ich merke auch an mir, dass ich dann unnötig schnell in eine Verteidigungshaltung gehe, die der Diskussion keinen Gefallen tut.

Vielleicht müssen wir alle lernen, weniger empfindlich und gleichzeitig weniger umbarmherzig im Urteil zu sein. Auch mal gute Absicht/unabsichtliches Handeln und nicht immer Vorsatz voraussetzen und trotzdem weiterhin zu kritisieren und nicht alles abzunicken. Dies hier soll auf keinen Fall als Aufruf zum Kuschelkurs verstanden werden oder als Verzicht auf Kontroversen.

Ich glaube es ist durchaus möglich, in der Sache hart zu diskutieren, ohne das Gegenüber persönlich anzugreifen. Auch wenn es ein Klischee sein mag: mit ausgestreckten Fäusten wird man niemanden zur Einsicht bringen.

Ich wünsche Takis Würger, dass er heil durch diese heftige Zeit kommt, bin all denen dankbar, die mir in Diskussionen gezeigt haben, was durchaus kritikwürdig ist an dem Roman und für viele neue Einsichten, die ich dadurch gewonnen habe.

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Mit Heine durch den Winter

Ich habe selten eine Biografie gelesen, bei der ich so sehr das Gefühl hatte, mit bloßen Händen einen Fisch fangen zu wollen. Heinrich Heine ist eine ganz unglaublich spannende, vielseitige, widersprüchliche Person, den ich mir ganz wunderbar in unserer Zeit twitternd und instagrammend vorstellen kann,  hier und da immer mal wieder einen Shitstorm auslösend.

Schon auf eine Beschreibung seines Äußeren können sich seine Zeitgenossen nicht einigen. Er war gleichzeitig „der typisch jüdische, große, blonde Bursche mit blauen Augen, stechend schwarzem Blick und satirischen Mundwinkeln beim viereckigen Lächeln um die blassen, vollen, dünnen, dicken Lippen, ein Burschenschaftler im Jägerhemd …..“

Heine, als Sohn jüdischer Eltern geboren, hat sein Leben lang unter den Diskriminierungen gelitten, da Juden von nahezu allen öffentlichen Positionen ausgeschlossen waren. Stets auf der Suche nach bürgerlicher Sicherheit, die ihm verwehrt wurde, und diese gleichzeitig heftig ablehnend emigrierte er 1831 nach Paris, wo er für den Rest seines Lebens blieb.

Geboren wurde er 1797 oder doch 1800 (auch über sein Geburtstag gab er gerne unterschiedliche Auskünfte) und war als Dichter, Romanautor, Kritiker und Journalist tätig. Er war eine der führenden Figures der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus ein vielseitiger und brillianter Briefschreiber, der die europäische Kultur maßgeblich beeinflußt hat. Heine kam Zeit seines Lebens ziemlich herum. Er wuchs in Düsseldorf auf, studierte 1820 Jura in Göttingen, ging im folgenden Jahr nach Berlin, wo er Vorlesungen von Hegel hörte und sich in den Literatursalons der wunderbaren intellektuellen Kreise Berlins profilierte. 1825 schloß er sein Studium ab und trat zum Christentum über in der Hoffnung, dass das seine Chancen erhöhte, eine angemessene Position zu finden. Er geriet mit seinen Gedichten und Spöttereien immer wieder mit der Zensur aneinander. Durch die Juli-Revolution 1830 in Paris motiviert siedelte er im darauffolgenden Jahr dorthin über.

Er war ein echter Kosmopolit und schrieb Essays zu den unterschiedlichsten Themen wie Musik, Politik, Literatur und Kunst. Insbesondere die Musik war ihm neben der Literatur sehr wichtig. Er war mit Berlioz befreundet und war einer der ersten, der Chopins Genie erkannte.

Ende der 1840 Jahre wurde bei ihm eine besondere Art der Tuberkulose festgestellt, die ihn zwang, den Rest seines Lebens im Bett zu verbringen, zu letzt fast gänzlich unbeweglich. Er starb im Jahr 1956 – im gleichen Jahr wie Robert Schumann.

Heine verband eine tiefe Hassliebe zu Deutschland. In „Deutschland – Ein Wintermärchen“ schreibt er über seine Reise von Paris nach Hamburg über Aachen, Köln, Mühlheim, Hagen, Paderborn, Detmold, Minden und Hannover, die er im Jahr 1843 unternahm um seine Mutter zu besuchen. In diesem Reiseberericht erfährt man nicht nur viel über die schlammigen Straßen, die harten Betten und die lokalen Spezialitäten, hauptsächlich nimmt er darin satirisch Prinzen, Könige und Kaiser aufs Korn, genauso wie die deutsche Liebe zu Militär und Mittelalter, die Kirche bekommt genauso ihr Fett weg wie die verhassten Zensoren, die in Heines Augen die Hauptschuld daran trugen, dass er überhaupt nach Paris emigrieren musste. „Deutschland – ein Wintermärchen“ wurde natürlich ebenfalls zensiert und Heine sah sich gezwungen, so manches Feigenblatt über bestimmte Textstellen zu hängen, bevor die heilige Zensur den Abdruck erlaubte. Nichtsdestotrotz sind eine ganze Reihe Leute namentlich erwähnt, heute würde er damit wohl so manche Klage zu verkraften haben.

„Und viele Bücher trag ich im Kopf!

Ich darf es euch versichern,

Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest

Von konfiszierlichen Büchern.“

„Kennst du die Hölle des Dante nicht,

Die schrecklichen Terzetten?

Wen da der Dichter hineingesperrt,

Den kann kein Gott mehr retten –

Kein Gott, kein Heiland erlöst ihn je

Aus diesen singenden Flammen!

Nimm dich in acht, daß wir dich nicht

Zu solcher Hölle verdammen.“

Die Sprache und die die Form der Reime wirken, meiner Meinung nach recht einfach. Aber es ist eine recht ausgefeilte Einfachheit, die sicherlich beabsichtigt ist. Man kann Heines Bitterkeit fast spüren in diesen Zeilen.

Mir ist Heine während meiner gesamten Schulzeit nicht begegnet und es war tatsächlich meine erste Begegnung mit ihm, mit Sicherheit aber nicht meine Letzte. Mir hat das „Wintermärchen“ Lust auf mehr gemacht. Die Biografie von Raddatz kann ich euch ebenfalls sehr ans Herz legen. Das Heine sich nicht wirklich fassen lässt, macht diese Biografie nicht weniger lesenswert und man erfährt unglaublich viel über Deutschland zu Heines Zeiten, und dessen Versuche eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich zu schlagen.

Welche weiteren Werke von Heine würdet ihr mir empfehlen?

Eisblaue D(r)amen

2018 endete mit drei großartigen Damen und so ging erfreulicherweise das neue Jahr gleich weiter. Drei richtig gute Bücher, so lasse ich mir frisch begonnene Literaturjahre gefallen.

Den Anfang machte Judith Schalansky, auf die ich besonders gespannt war. Ich kenne bislang nur „Der Hals der Giraffe“, das ich sehr mochte und in dem ich Unmengen an Sätzen unterstrichen hatte. Die Latte hing also recht hoch…

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In zwölf Geschichten brausen wir mit ihr durch die Weltgeschichte und erfahren von ganz unterschiedlichen Verlusten, auf jeweils 16 Seiten jeweils getrennt durch eine schwarze Seite. Diese sollte man sich etwas genauer ansehen, denn wer genau schaut, der erkennt die jeweiligen Verluste. Den kaspischen Tiger, die Liebeslieder der Sappho, verlorene Gebäude und Gemälde.

„Wo Sapphos Worte lesbar sind, sind sie so unmissverständlich und klar, wie Worte nur sein können. Besonnen und leidenschaftlich zugleich erzählen sie in einer untergegangenen Sprache, die mit jeder Übersetzung erst zum Leben erweckt werden muss, von einer Himmelsmacht, die auch sechsundzwanzig Jahrhunderte später nichts von ihrer Gewaltigkeit eingebüßt hat: Die plötzliche, ebenso wundersame Verwandlung eines Menschen in ein Objekt des Begehrens, das einen wehrlos macht und Eltern, Ehegatten und Kinder verlassen lässt.“

Die Geschichten sind ganz unterschiedlicher Natur. Die gründlich recherchierten Fakten werden in poetisch knapper Sprache zu melancholischen kleinen Kunstwerken gesponnen. Ich kam aus dem Unterstreichen wieder kaum heraus. Es geht mit Captain Cook vom Atoll Tuanakai, das bei einem Seebeben verschwand, dem letzten Kampf des kaspischen Tigers im Kolosseum in Rom, einem Spaziergang einer nölenden Greta Garbo durch Manhattan, über die attische Lyrikerin Sappho hin zu einem ganz besonderen Kapitel deutscher Naturbeschreibung in Greifswald. Diese Form des „Nature Writing“ habe ich bislang in Deutschland noch nicht gelesen (was aber sicherlich meinem beschränken Lesehorizont zuzuschreiben ist, sicherlich gibt es das noch häufiger – kennt jemand Beispiele?)

Die Geschichten gehen mir noch immer nach und es hat mir riesigen Spaß gemacht, meine eigenen Recherchen zu den Geschichten zu betreiben und mich auf die Suche nach weiteren Verlusten zu begeben. Dieses Buch hätte für mich gerne noch einige weitere sechszehnseitige Verlustanzeigen enthalten dürfen. Für mich ein ganz feines Juwel und ich freue mich schon sehr auf die Lesung mit Judith Schalansky in München am 23. Januar.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Auch Maggie Nelson hat ein erstaunliches, besonderes, kleines blaues Kunstwerk geschaffen. In 240 durchnummerierten Absätzen, die kurzen Gedichten ähneln, philosophiert die Autorin über ihre unbeschreibbare Liebe zur Farbe Blau. Es ist eine Liebes- und Leidensgeschichte. Sie trauert um ihren blauen Prinzen und beschreibt gleichzeitig die Leidensgeschichte ihrer querschnittsgelähmten Freundin.

Frei, und ohne sich um irgendwelche Formbeschränkungen zu scheren, reflektiert sie über die verschiedenen Formen des Blaus in Literatur, Philosophie, Musik und Poesie. Es geht in diesen Miniatur-Essays ums Begehren, das Loslassen, das Versinken im Leid aber Nelson verfasst das nicht ohne Selbstironie, einen Hauch Sentimentalität und feministischer Intellektualität.

Ein Buch, das man auf jeder Seite aufschlagen und loslesen kann, und mit dem man bestens prokrastinieren kann. Ein paar Absätze lesen, ein passendes Musikstück raussuchen, die erwähnten Personen nachschlagen und einfach ein bisschen blau-schwermütig aus dem Fenster schauen…

Meine letzte Empfehlung passt bestens zu den aktuellen Wetterbedingungen.

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Hanna befindet sich mit einem Forscherteam in der Antarktis, als sie von ihrem Bruder eine Email mit den Worten „Scott ist tot“ erhält. Vollkommen überrascht und erschüttert versucht sie, die Nachricht vom Tod ihrer ehemals besten Freundin Fido zu verarbeiten. Die ungeklärten Fragen und immer wieder hochkommenden Erinnerungen drohen Hanna und die Expedition in Gefahr zu bringen.

Es geht nicht nur um eine Forschungsexpedition ins ewige Eis, sondern auch und vor allem um Erinnerungen und an die erste, große Liebe. Nüchtern legt Anna von Canal das Beziehungsgeflecht zwischen Hanna, ihrem Bruder Jan und Fido unter das Mikroskop. Ein spannendes poetisches Buch über die Kindheit, die Macht der Erinnerung und den eisigen Schmerz, den „Ghosting“ verursacht, das bewusste Verschwinden eines Menschen ohne jede Erklärung.

„Du bist seit zwanzig Jahren eingefroren in diesem Bild. Festgehalten in meiner letzten Erinnerung an dich. In dem Moment, bevor unsere Freundschaft endete.“

Mir gefiel dieser kurze Roman mit seiner klaren schnörkellosen Sprache und mit einem letzten Satz, über den ich noch immer nachdenken muss.

Aufmerksam wurde ich darauf durch Constanze, die auf ihrem Blog „Zeichen und Zeiten“ vor einiger Zeit schon darüber berichtete.

Book-a-Day Challenge – Day 20

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Not sure if Bookaholics, Bookworms and the like need a manual for reading, but this one really is a little gem and even the most seasoned reader will find something here. It talks about all the important questions that keep the bibliomaniac up at night. Why do we read? What should we read? How to find the right books to read and what on earth is the perfect order for our books?

Do we read enough of the classics (sounds a lot like do I eat enough greens) and the pleasures and difficulties that come with eating and drinking while reading. What are the right places and times to read and are we reading too fast or not fast enough?

Finally somebody who get’s it. Who understands how important these questions are for any serious bookaholic and it is a pleasure to read about it from a likeminded person who’s writing makes you turn another page and another one and another one until you are far too quickly at the end of this wonderful little treasure.

So do yourself a favour and get this book for yourself and all the bookworms in your life – it’s a great book to get lost in but one word of caution: it might cause you to go back to your shelves, pull some forgotten gem out and another one and before you know it you might start rearranging your library.

Enjoy!

Compliment this great book „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ by Felicitas von Lovenberg (who is the publishing director of Piper) with Ella Berthoud’s „The Novel Cure“ and Andrea Gercks „Lesen als Medizin“ and finally Alberto Manguel’s „The History of Reading

Book-a-Day-Challenge – Day 4

Todays recommendation is Rilke’s „Letters to a young poet“ one of the most beautiful and important text one can read. Only a few years ago I discovered these lines:

“Be patient toward all that is unsolved in your heart and
try to love the questions themselves, like locked rooms and
like books that are now written in a very foreign tongue.
Do not now seek the answers, which cannot be given you
because you would not be able to live them.
And the point is, to live everything.
Live the questions now.
Perhaps you will then gradually, without noticing it,
live along some distant day into the answer.”

I thought first they are a poem, but they are lines out of a letter that Rilke wrote in 1904 in his correspondence with a 19-year-old cadet and budding poet named Franz Xaver Kappus. I discovered them on Birgit’s blog „Sätze und Schätze“ and it started a Rilke wildfire in me ; )

I got a friend of mine, the wonderful calligraph artist Sandra from „The Art of confusion„, to design a special Rilke star for me and I had to buy a book of his poetry of course. It’s beautiful, right?

 

 

Do yourself a favour and dig into some Rilke today. It’s his birthday and how better to celebrate the life of this wonderful sensitive artist then by reading some of his poems.

Maybe you would like to compliment your Rilke wildfire with some of the soothing poems by Sylvia Plath in her collection „Crossing the water“/Übers Wasser„.

I would love to know your favorite poem – will you leave it here for me? German or English both is fine 🙂

Klassischer Dreier

Drei wunderbare klassische Novellen – genau das richtige für eine literarische Mittagspause:

 

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Wellen – Eduard von Keyserling

Wellen zeichnet das Bild einer vergangenen Zeit. Die Zeit kurz vor dem ersten Weltkriegs als noch Teile der Baltischen Staaten zu Deutschland gehörten und die Gesellschaft streng in Klassen aufgeteilt, der Adel eine Menge zu sagen hatte und auch die Rolle der Frau noch sehr klar definiert war.

In wunderschönen Bildern erzählt dieser baltische Sommerroman das Schicksal einer Gruppe völlig unterschiedlicher, sich fremder Menschen. Das Meer und die Nähe des abgelegenen Ostseebadeort verbindet sie für kurze Zeit miteinander aber am Ende des Sommers bleibt nur das Meer und ein paar zerstörte Träume übrig.

Zur Sommerfrische versammelt die Gräfin Palikow in einem Haus am Strand ihre Großfamilie: die Tochter „Bella“ mit ihren zwei Töchtern, einem Sohn und ihrem Ehemann. Nicht weit entfernt, in einem kleinen Fischerhaus, wohnt ein äußerst exotisches Paar: Doralice, eine wunderschöne Gräfin, die ihrem alten Ehemann mit einem Maler davongelaufen ist. Mit eben diesem Hans Grill lebt die nun gesellschaftlich geächtete Doralice an dem Badeort. Doralice hat etwas gewagt, wovon 1910 viele träumen: Sie hat sich einer unglücklichen Ehe befreit, sich von ihrem „Maler entführen lassen“. Doch auch wenn er immer wieder von Freiheit spricht, sie fühlt sich unverstanden und ist eher unglücklich. Doralice ist für die Frauen eine Gefahr, für die Herren von Interesse. Ein Zusammentreffen dieser beiden so unterschiedlichen Welten führt in der Schwüle des Sommers zu dramatischen Entwicklungen.

„Allerdings ein Häuschen“, begann Hans gereizt, ein Häuschen irgendwo, sagen wir in einem Vorort von München, ein Häuschen, das deine eigenste Schöpfung ist, der Ausdruck deines Wesens, dort waltest du. Mein Atelier ist natürlich in der Stadt, ich komme zu Mittag heim und du erwartest mich – „

„Das weiß ich alles schon“, unterbrach ihn Doralice, „nur möchte ich wissen, was ich den ganzen Vormittag allein gemacht habe.“

„Du hast eben Deinen Wirkungskreis“, erkläre Hans, „du hast dein Hauswesen, dem du dein Gepräge gibst.“

Doralice zuckte mit den Achseln: „Ach Gott, ich kann doch nicht den ganzen Vormittag allein dasitzen und dem Hauswesen mein Gepräge geben“

Was für für eine Entdeckung – ich muß unbedingt noch mehr von Eduard von Keyserling lesen.

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Das böhmische Mädchen – Willa Cather

Nils Ericson steigt in seiner Heimatstadt aus dem Zug nach Jahren der Abwesenheit. Er trifft seine Mutter, geht mit seinem kleinen Bruder Eric spazieren und Nils besucht Clara, seine Jugendliebe die mittlerweile mit seinem älteren Bruder verheiratet ist. Er ist zurückgekommen, weil er Clara nicht vergessen kann und versucht sie dazu zu überreden, mit ihm nach Norwegen durchzubrennen.

„Du wirst schon noch sehen, wen ich einmal heirate, und diese Frau wird sich keinerlei häuslicher Tugenden rühmen können. Eine Schnappschildkröte wird sie sein, und sie wird mir gewachsen sein.“

In dieser Kurzgeschichte erkennt man deutlich wie sehr Willa Cather sich für die Schönheit der offenen Graslandschaften ihrer Heimat begeistern konnte und die Wärme für ihre Figuren. Die Farmer, Arbeiter und insbesondere die Träumer die noch immer tief verwoben mit den Traditionen ihrer alten Heimatländer in der alten Welt verbunden sind.

Willa Cather hat mich auf eine ganz stille ruhige Art sehr in ihren Bann gezogen und ich freue mich darauf noch mehr von dieser spannenden Autorin zu entdecken.

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Joseph von Eichendorff hat es mir mit seiner Novelle da ein bisschen schwieriger gemacht. Der namenlose Protagonist, der titelgebende Taugenichts ist einer, der in seinem Garten alles Gemüse durch hübsche Blumen und Ziersträucher ersetzt und ganz und gar ein typischer Vertreter des romantischen Poeten ist.

Der Taugenichts zieht ins Leben hinaus um seinen Platz in der Welt zu entdecken. Er hat ein goldenes Herz, nimmt das Leben leicht und erinnert gelegentlich an den kleinen Prinzen.

„Hör ich das Mühlrad gehen: Ich weiß nicht, was ich will – ich möchte am liebsten sterben, da wärs auf einmal still!“

Die Novelle durchziehen eine ganze Reihe von Liedern und Gedichten und es wird sehr viel gewandert in der Geschichte. Der Taugenichts hat Sehnsucht nach der weiten Welt und sein Vater schickt ihn von dannen, damit er was Gescheites lernt. Lange hält er es nicht aus an einem Ort stets auf der Flucht vor dem spießigen Alltag und der bürgerlichen Realität.

Die Romantiker und Lebenskünstler sind die mutig-glücklichen die das Leben ohne große Sorgen auf sich zukommen lassen. Sie sind freiheitsliebend und individuell und der bürgerlichen Enge mit seinen Konformen eher abgeneigt. Auf der anderen Seite sind die spießbürgerlichen Bürger die es auf die Taugenichtse abgesehen haben. Sie gönnen ihnen ihre Leichtigkeit nicht und halten ihnen Moralpredigten wo sie nur können.

Aber in der Spätromantik hatte noch alles seine Ordnung und man darf sich sicher sein, dass unseren Taugenichts am Ende ein Happy End erwartet.

Beim Buch als Magazin kann man immer bedenkenlos zugreifen, da ist immer literarisch-wertvolles drin, auch wenn Eichendorff nicht unbedingt zu meinem üblichen Beuteschema gehören.

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die nächste Ausgabe und hoffe auf was schaurig-düsteres zum Ausgleich.

Habt ihr schon etwas von einem der Autoren gelesen und welche Novellen könnt ihr empfehlen? Bin gespannt auf Eure Tipps – denn ab und an darf es auch gerne mal etwas Kürzeres sein…

Große gemischte Tüte

Bei permanent 100 Grad in der Wohnung und einer fetten Sommererkältung ist mein Hirn zu matschig für lange Rezensionen. Der Stapel der nicht rezensierten Bücher muß aber endlich mal aufgeräumt werden, es wird daher Zeit für eine ganz große gemischte Tüte, damit die Seele hier endlich mal wieder Ruhe hat…

Ein Ire in Paris – Jo Baker

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Dieser Roman basiert auf dem Leben Samuel Becketts und konzentriert sich auf seine Zeit während des zweiten Weltkrieges in Paris und auf die Beziehung zu seiner Liebhaberin Suzanne. Als der 2. Weltkrieg erklärt wird, ist Samuel gerade zu Hause in Irland. Seine Mutter versucht vergeblich, die Familie zusammen zu halten, trotzdem zieht es den einen Teil der Familie nach London, Samuel zurück nach Paris.

Obwohl Beckett den Krieg zu Hause in Irland in relativer Sicherheit hätte verbringen können, bleibt er im besetzten Paris und wird Teil der Resistance. Das Buch zeichnet aber kein romantisches auf Heldentum basiertes Bild vom Krieg, sondern zeigt den Mut, aber auch die verzweifelte Ermüdung, die Angst, die Zwänge und die Anspannung, die mit dieser Tätigkeit zusammenhängen. Immer weiter laufen, immer weiter machen selbst wenn man ein Telegramm bekommt, dass die Verhaftung eines weiteren Freundes durch die Gestapo verkündet … und man eigentlich keine Ahnung hat, wohin man sich wenden soll, wo es Sicherheit gibt und ob du der nächste bist, an dessen Tür es nachts klopft…

“He stares now at the three words he has written.They are ridiculous. Writing is ridiculous. A sentence, any sentence, is absurd. Just the idea of it; jam one word up against another, shoulder-to-shoulder, jaw-to-jaw; hem them in with punctuation so they can’t move an inch. And then hand that over to someone else to peer at, and expect something to be communicated, something understood. It’s not just pointless. It is ethically suspect.” 

Es geht aber auch um seine Beziehung zu Suzanne und Becketts Bewunderung für James Joyce. Ein sehr spannendes interessantes Porträt eines Ausnahme-Schriftstellers, der mir während der Lektüre immer symphatischer wurde. Ein aufrüttelndes nachdenklich stimmendes Buch, dass ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und das eigentlich perfekte Bookclub Lektüre gewesen wäre. Große Empfehlung!

Ready Player One – Ernest Cline

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Wir schreiben das Jahr 2044 und die Welt ist kein wirklich schöner Ort mehr. Es gibt kein Öl mehr, wir haben das Klima versaut und Dürre, Armut, Krankheiten und Hungersnöte sind weit verbreitet.

Der größte Teil der Menschheit entkommt der deprimierenden Realität in dem sie sich den ganzen Tag an die OASIS anschließen, ein immer größer werdendes virtuelles Paradies, wo man wunderbar leben und sich verlieben kann auf einem der 10000 Planeten. So verbringt auch Wade Watts seine Zeit und, wie der Rest der Menschheit auch, ist er genau so obsessiv auf der Jagd nach dem ominösen Lotterie-Ticket, das irgendwo in der OASIS versteckt sein soll und unglaubliche Reichtümer verspricht. Der OASIS Gründer James Halliday, der ohne Nachfahren starb, verspricht dem Ticketfinder die Kontrolle über die OASIS – inklusive seines immensen Vermögens….

“I created the OASIS because I never felt at home in the real world. I didn’t know how to connect with the people there. I was afraid, for all of my life, right up until I knew it was ending. That was when I realized, as terrifying and painful as reality can be, it’s also the only place where you can find true happiness. Because reality is real.”

Die Rätsel, die gelöst werden müssen, basieren auf popkulturellem Wissen des späten 20. Jahrhunderts, das Spezialgebiet Wanes. Als er das erste Rätsel knackt, ist er plötzlich inmitten eines gnadenlosen Konkurrenzkampfes, der bald nicht nur in der virtuellen Welt echte Gefahren birgt.

Das Buch wurde kürzlich verfilmt, habe den Film aber bislang noch nicht gesehen. Möchte ich aber auf jeden Fall nachholen.  Ein tolles Buch für Nerds und Cyberpunks, die Spaß an den zig Zitaten und Hinweis der Popkultur haben werden. Es hat mich nicht umgehauen, aber es ist definitiv gute Unterhaltung.

Das Buch ist auf deutsch unter dem gleichnamigen Titel im Fischer TOR Verlag erschienen.

Midnight at the Bright Ideas Bookshop – Matthew Sullivan

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Lydia Smith ist Buchhändlerin im Bright Idea Book Store in Denver. Sie liebt ihre Bücher und ihre Kunden, insbesondere ihre exzentrischen Book Frogs, meist etwas seltsame einsame Männer, die stundenlang im Buchladen herumhängen. Joey Molina ist einer dieser Book Frogs.

Eines Nachts kurz vor Feierabend findet Lydia den erhängten Joey im Buchladen. Als sie ihn auf den Boden legt, merkt sie, dass aus seiner Hosentasche ein Foto herausschaut, das sie selbst als auf ihrem 10. Geburtstag als Kind zeigt. Ein Bild, das sie an ein schreckliches Ereignis ihrer Kindheit erinnert, an ihre Nacht mit dem Hammermann. Woher hat Joey dieses Bild und warum hat er es in der Nacht seines Suizids in der Hosentasche stecken?

“Something’s wrong in the air, you know, when a book costs less than a bullet. Or a Coke. Values-wise.”

Sie war immer Joeys Lieblingsbuchhändlerin und sie erbt seine wenigen weltlichen Besitztümer: ein paar Kisten voller Bücher und einen ungetragen Anzug. Lydia entdeckt, dass in sämtlichen Büchern unerklärlicherweise kleine Rechtecke herausgeschnitten wurden, die seltsame Nachrichten enthalten.

Ein spannender Kirmi für buchverrückte Bibliophile, die Spaß an literarischen Rätseln haben.  Das Buch war die Juli-Lektüre im Bookclub und es wurde durch die Bank weg von allen gemocht. Nix weltbewegendes, aber durchaus unterhaltsam.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Tod kommt nach Mitternacht“ im Random House Verlag.

The Idle Traveller – Dan Kieran

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A good traveller has no fixed plans
And is not intent upon arriving
(Lao Tzu)

The Idle Traveller ist ein Buch, das Lust auf das langsame Reisen macht, bei dem der Weg genauso wichtig ist wie das Reiseziel. Wir hetzen durch die Gegend, von einem Flughafen zum nächsten, eine Hotel-Lobby ist der nächsten zum Verwechseln ähnlich und je mehr wir versuchen, unserem langweiligen Alltag zu entkommen, desto schwieriger wird es eine Antwort darauf zu finden, was zur Hölle wir da eigentlich machen.

Kieran macht nicht nur Lust aufs Reisen, er macht auch Lust aufs Daheimbleiben  – „staycation“ im Englischen. Wenn wir reisen, dann sollten wir uns treiben lassen. Einfach mal drauf los laufen und nicht auf Google Maps nach dem kürzesten Weg von Sehenswürdigkeit A zu Sehenswürdigkeit B und der Top Empfehlung des Restaurants in 50m Umgebung suchen. Einfach mal blind drauflos bummeln, der Nase nach. Nicht wissen, was nach der nächsten Ecke kommt und dabei vielleicht weniger aber dafür intensiver sehen.

„I was reading The World of Yesterday by Stefan Zweig ,who had become one of my slow travel heros after I read his astounding 1926 essay To Travel or Be Traveled. Zweig was someone whose views on travel echoed my own.“

Kieran ist außerdem ein großer Fan vom Reisen per Schlafwagen – meine absolut liebste Art der Fortbewegung. Ein schönes Buch mit spannenden Lektüretipps, das man auf dem heimischen Balkon genauso gut lesen kann, wie auf dem Bahnhof während man auf seinen Zug wartet.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Slow Travel – die Kunst des Reisens“ im Heyne Verlag.

Älter werden – Silvia Bovenschen

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Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich irgendwo über Silvia Bovenschen stolperte. War es eine Talkshow oder ein Zeitungsartikel? Wollte immer mal etwas von dieser klugen Dame lesen und als ich kürzlich im öffentlichen Bücherschrank dieses Buch von ihr fand nahm ich es umgehend mit, trotz pinkfarbenem Cover und einem Titel, der mir Angst vor Selbsthilfe-Lektüre machte 😉

Von Selbsthilfe keine Spur, eine sehr lohnendes Essay über das Älter werden und das Erinnern. Fällt es Menschen, die stets einen schönen und funktionstüchtigen Körper hatten, schwerer zu altern, als jemandem wie Silvia Bovenschen, die immer schön war, aber von frühester Jugend an durch Multiple Sklerose lernen musste, einen Körper zu haben, auf den sie sich nicht immer verlassen konnte?

Bovenschen schreibt über ihre Kindheit, Jugend und Ereignisse aus späteren Jahren, sinniert über die Vergänglichkeit, das Glück und mißtraut stets ihren eigenen Erinnerungen, die allzu gerne die Welt durch die rosarote Brille sieht.

Ein elegantes Büchlein, das ich sehr gerne gelesen habe und dessen stellenweise wunderbar fieser Humor mich sehr entzückt hat. Von dieser Dame möchte ich noch viel viel mehr lesen.

„Das ist ein alter Konflikt in mir: der zwischen meiner gesellschaftspolitischen Liberalität und meiner ästhetischen Belastbarkeit“

jPOD – Douglas Coupland

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Ethan ist ein 28 Jahre alter Entwickler von Computerspielen, der seine Tage mit dem Programmieren virtueller Welten, dem Erfinden von Spitznamen für seine Kollegen und dem Auffüllen der Büro Snackbar verbringt. In seiner Freizeit hilft er seiner Mutter dabei, ermordete Drogendealer zu verstecken und illegale Einwanderer in seiner Wohnung zu füttern und ihnen seine Klamotten zu geben.

Sein neuer Boss Steve befielt Ethan und seinen 5 Kubikel-Kollegen, deren Namen alle mit J beginnen, daher J-POD, eine Schildkröte, in das aktuelle Computerspiel einzubauen, die einem Fernsehmoderator ähnelt. Sie beschließen, das zu sabotieren, in dem sie statt dessen einen durchgeknallten dämonischen Clown einbauen.

Irgendwo zwischen den lesbischen Kultmitgliedern und der Rettungsaktion in China von Ethans früherem Boss habe ich den Faden verloren. Vielleicht wurde dieses Buch ein Opfer meines vor Hitze dahinschmelzenden Hirns oder ich habe einfach nicht so wahnsinnig viel Bezug zu computerspielprogrammierenden Entwicklern, irgendwann wollte ich nur noch, das der Wahnsinn endet. Es war unterhaltsam genug, um nicht in der Rubrik „Connection with Reader could not be established zu landen“, aber für eine Weile brauche ich jetzt eine Coupland Pause.

Mein Hirn ist jedenfalls beim Lesen des Buches mehrfach abgestürzt.

So, seid ihr noch da? Ziemlich lang geraten dieser Artikel. Angefangen habe ich mit 100 Grad in der Wohnung, den letzten Satz hier schreibe ich bei Dauerregen und 14 Grad, die verf*** Erkältung habe ich immer noch.

War was dabei für Euch? Kennt ihr eines der Bücher? Lust bekommen eines zu lesen?