Kluge Köpfe II

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Als sich vor ein paar Tagen „meine“ Siri Hustvedt mit Miriam Meckel in Zürich zum Gespräch traf, wurde ich vor lauter Neid schon ein bisschen ohnmächtig. Es gibt einfach Menschen mit wahnsinnig attraktiven Gehirnen und mit diesen beiden Damen würde ich liebend gerne mal ein paar Nächte durch diskutieren und über die Zukunft der menschlichen und künstlichen Intelligenz sprechen.

Miriam Meckel untersucht in ihrem Buch „Mein Kopf gehört mir“ in 14 Stationen die unterschiedlichen Wege, in denen die Menschen momentan versuchen, ihr Hirn zu tunen und sich mit Hilfe der Technologie in mehr oder weniger Cyborgs zu verwandeln. Dabei reicht es ihr bei weitem nicht, entsprechende Literatur darüber zu lesen, Frau Meckel startet eigentlich überall den Selbstversuch und führt protokollarisch Tagebuch über ihre Erlebnisse.

„Es wird unsere Aufgabe für die Zukunft sein, den Verbindungsbalken zwischen den Hemisphären des neuen Weltgeistes aus menschlicher und künstlicher Intelligenz zu bauen. Wenn es schlecht läuft, werden wir verlieren von dem, was unsere Welt und das Leben schön macht: Kreativität, Emotionen, geistige Einzigartigkeit und die Fähigkeit, Menschen und Dinge zu lieben. Wenn es gut läuft, wird es uns gelingen, die beiden Zustände zu verbinden und in einer großartigen Welt zu leben…“

Das geht von 24 Stunden in der Dunkelkammer, Neuro Enhancer Pillen und Stromstößen fürs Gehirn bis hin zu Spracherkennung über das Gedankenlesen. Nicht alle Versuche gingen spurlos an ihr vorbei und sie hat sich da weit aus ihrer Komfortzone rausgewagt.

Besonders gefiel mir, dass Meckel nie plakativ ins Schwarz-Weiße verfällt. Sie zeigt kritisch Gefahren auf, erklärt aber auch die durchaus bestehenden positiven Möglichkeiten, insbesondere für die Medizin. Immer wieder werden wir mit der Frage konfrontiert, sollen wir wollen, was wir können, was bedeutet das aus ethischer Sicht für die Menschen und wie weit können wir die möglichen Folgen absehen, weil aktuell vieles noch nicht durch Langzeitstudien erforscht ist?

Ein spannendes und unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und ich hoffe noch immer auf einen Besuch der Autorin in München. Mein Hirn war jedenfalls permanent on fire und ich könnte problemlos die ganze Nacht mit Frau Meckel diskutieren – auch ganz ohne Hirnboosting durch Stromzufuhr.

Ich bedanke mich beim Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

Verteidigung des liberalen Charakter

Dieses kleine Büchlein hatte unglaublich viele großartige Erkenntnisse geboten für mich, ich kam aus dem Unterstreichen überhaupt nicht mehr raus. Strenger führt aus, dass die Menschen ihre Freiheiten als selbstverständlich und naturgegeben ansehen und nicht als etwas, dass man sich erarbeiten muss und für das es sich zu kämpfen lohnt.

Wir sehen die politische Stabilität und die Menschenrechte zum Beispiel als eines unserer Grundrechte an und in dem Moment, wo irgendwer diese Rechte beschneidet oder uns ins Gehege kommt, kreiden wir das dem jeweiligen Politiker oder der Gesellschaft als solches an, sehen es aber in der Regel nicht als unser ureigenes Problem an, das wir proaktiv mit lösen müssen.

Die meisten sind so sehr damit beschäftigt, sich selbst zu optimieren durch Sport, die passende Ernährungsweise oder dem optimierten Schlafverhalten, dass neben Beruf und Selbstoptimierung maximal noch Zeit für Beruf und etwas Familie bleibt, aber für die Gesellschaft bleibt am Ende nichts übrig.

Wir haben meistens kein größeres Ziel, als uns selbst zu verbessern, was dazu führt, dass unsere gesellschaftlichen Systeme einknicken oder von rechts unterwandert werden. Wir sind zuviel mit uns selbst beschäftigt und haben keine Zeit und nicht genügend Interesse, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Eine Kritik, die ich mir auch persönlich gefallen lassen muss. Ich sehe einiges positiver als Strenger, aber grundsätzlich trifft er mit vielen Punkten ins Schwarze.

Die größte Leistung der westlichen Aufklärung liegt darin, dass sie den Menschen die Möglichkeit, gibt ihr Leben frei gestalten zu können und es heute mehr Auwahl gibt als je zuvor. Das ist aber nicht nur Anlass zur Freude, denn es bedeutet auch, dass die Menschen sich ihre existentiellen Fragen nach dem Warum, ihrer Identität, dem Sinn etc. selbst beantworten und ihrem Leben einen eigenen Sinn geben müssen. Manche Menschen befreit diese Freiheit, doch für einige bedeutet es ein zu viel an Verantwortung, Mut und Anstrengung und das auch noch ohne Erfolgsgarantie.

„Wo negative Freiheit als Freiheit von äußeren Zwängen definiert ist, besteht die positive darin, dass wir wirklich autonom sind. Wahre Selbstbestimmung erfordert Vernunft, Wissen und Disziplin. Mit negativer Freiheit ist durchaus vereinbar, dass wir zu Sklaven unserer Leidenschaften, Begierden oder auch äußerer Manipulation werden. Der Begriff der positiven Freiheit hingegen gibt einer starken menschlichen Intuition Ausdruck: Wahrhaft frei sind wir nur dann, wenn wir die negative Freiheit mit Inhalten füllen, für die wir uns bewusst entschieden haben.“

Die westlichen Gesellschaften werden nicht überleben können, wenn die Menschen nicht bereit sind, ihre persönliche und gesellschaftliche Freiheit zu verteidigen.

Mit eines der wichtigsten Bücher für mich, die ich dieses Jahr gelesen habe. Spannend und bringt das Hirn garantiert auf Hochtouren.

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Ich habe hier ja schon bis zum Abwinken seine beiden Bücher „Sapiens“ und „Homo Deus“ besprochen, beworben und vielfach verschenkt und zugegebenermaßen ist hier nichts neues drin, da es sich hier um einen Auszug aus seinen beiden Büchern handelt. Trotzdem. Es hat sich gelohnt, dieses Büchlein zu lesen.

Der erste Teil erzählt die Geschichte des Geldes. Wie und warum wurde es erfunden? Warum hat es so eine derart große Bedeutung in unserem Leben und macht es uns eher glücklich oder unglücklich? Im zweiten Teil entwickelt er Zukunftsszenarien zur Zukunft der Menschheit, des Individuums und der Gesellschaft. Wir befinden uns am Rande einer Revolution, ob wir das wollen oder nicht.

Seine brillianten Einsichten, Klarsicht und seine Weitsichtigkeit sorgen für Lektüre die den Leser aufrüttelt, zum Nachdenken bringt und wer sich bislang nicht sicher war, ob er seine beiden Bücher lesen sollte, spätestens nach diesem Auszug dürfte alles klar sein.

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Die beiden Essays machte Susan Sontag über Nacht zu einer literarischen Sensation und waren die ersten, die versucht die Grenzen zwischen der sogenannten „Hoch- und Trivialkultur“ zu überwinden.

„Camp“ auf Deutsch vielleicht mit dem Begriff „Kitsch“ oder „affektiert“ zu übersetzen ist eine bestimmte Form des Ästhetizismus. Eine bestimmte Art, die Welt zu sehen. Es hat nicht unbedingt mit Schönheit im klassischen Sinne zu tun, sondern mehr mit einer Versinnbildlichung der artifiziellen stilisierten Form.

The more we study Art, the less we care for Nature“

„The ultimate camp state means it’s good because it’s awful“

Mir hat der zweite Essay „One Culture and the New Sensibility“ vielleicht sogar noch besser gefallen. Es beschäftigt sich mit der nach wie vor aktuellen Debatte um den Bruch zwischen low und high brow Kultur und die Weiterentwicklung in die sogenannte nobrow Kultur.

„One important consequence of the new sensibility is that the distinction between high and culture seems less and less meaningful.“

4 Hirne und die daraus entstandenen Texte/Bücher, die garantiert den Blickwinkel erweitern und die eigenen Synapsen zum Glühen bringen. Hier die klugen Köpfe noch mal im Überblick:

  • Miriam Meckel „Mein Hirn gehört mir“ erschienen im Piper Verlag
  • Carlo Sprenger „Abenteuer Freiheit“ erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Yuval Noah Harari „Money“ erschienen im Vintage Verlag
  • Susan Sontag „Notes on Camp“ erschien im Penguin Verlag
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#WomeninSciFi (21) Macht – Karen Duve

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Karen Duve ist neben Juli Zeh eine der deutschsprachigen Autorinnen, die ich am liebsten lese. Da kann man sich auf intelligente, spannende, aber auch gerne mal böse Unterhaltung freuen. Wie Frau Duve in einem Interview selbst sagte, Strandlektüre gibt es genug, man kann und sollte den Leuten ruhig mal was zumuten. Und das tut sie.

Ihr Protagonist Sebastian ist ein echtes Arschloch. Früher als veganer Ökokämpfer bei Greenpeace unterwegs, hat er inmitten des drohenden Weltuntergangs seine Männlichkeit wiederentdeckt und hält seine Ex-Frau im Keller gefangen.

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„Wir können alles tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn man keine Zukunft hat.“

Ihr 400-seitiger Roman ist ein bitterböser Dystopie-Spaß, der in nicht allzuferner Zukunft im Jahre 2031 spielt. Das Wetter dreht durch, kein Tag mehr unter 36 Grad in Deutschland, Fleischkonsum ist nur noch per Co2-Punkt möglich und die Männer haben das sinkende Schiff verlassen. Jetzt wo nix mehr zu retten ist, darf der Staatsfeminismus ran. Aber nach wie vor beschäftigen die Menschen sich weniger mit möglichen Auswegen aus der Katastrophe, als mit Verjüngungspillen, ob die Krebs verursachen oder nicht.

„Jeder Staatsapparat ist machtlos, wenn nur eine genügend große Zahl von Menschen beschlossen hat, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. Deswegen geben religiöse Führer ja auch nie nach, sondern bringen ihre Anhänger gegen jede Vernunft und Menschlichkeit dazu, kleinen Jungen ein Stück vom Penis abzuschneiden oder ein lebendiges Tier aufzuschlitzen.“

„Religionen sind totalitäre Systeme, und die Sehnsucht des Menschen nach Religion ist die Sehnsucht des Menschen nach totalitären Systemen.“

Die „Bio“-Jugend sticht die „Chrono“-Jugend aus, denn die haben neben der straffen Haut auch noch das entsprechende Kleingeld und Lebenserfahrung. Auch sonst hat man 2031 wenig Grund zur Freude. Radikale Endzeitsekten, randalierende Männergruppen, Hitzestürme und Lebensmittelknappheit. Der Weltuntergang ist nichts für Weicheier, immerhin sehen die meisten gut aus dabei.

Nach „Anständig Essen“ und „Warum die Sache schief geht“ ein weiteres Werk Duves, das sich mit der drohenden Klimakatastrophe beschäftigt. Das Buch ist ähnlich provokant, noch mal eine Schippe böser und dabei richtig spannend geschrieben. Langweilig wird einem auf keinen Fall.

In der Presse ist es meiner Ansicht nach zu Unrecht verrissen worden, denn da steckt einfach eine Menge Wahrheit in dem Roman. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir von Klimaflüchtlingen sprechen und die dadurch ausgelösten Völkerwanderungen wird kein Zaun so einfach aufhalten können. Aber noch machen wir einfach „Business as Usual“, sollen sich doch die späteren Generationen um die Sache kümmern, jetzt haben wir viel wichtigere Dinge zu klären. Quod esset demonstrandum.

Irgendwo wurde Frau Duve als „Weltuntergangsfetischistin“ bezeichnet, ein Titel, den ich ihr zu gerne streitig machen würde, schließlich bin ich jederzeit für einen guten Weltuntergang zu haben.

„Und wenn ich eine Prognose wagen darf: Es werden nicht die mit dem Fahrradhelm sein, die am längsten überleben.“

Karen Duve „Macht“ ist im Galiani Verlag erschienen.

#WomeninSciFi (13) Corpus Delicti – Juli Zeh

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Masuko, die leidenschaftliche Leserin vom Literaturblog „Masuko13„, bringt uns nach dem Ausflug ins All letzte Woche mit Juli Zeh wieder zurück auf festen Boden. Und erstmals auch auf deutschen Boden, den man ja irgendwie weniger mit  SciFi und Dystopien verbindet.

Masukos Blog ist nur ein „halb-gefährlicher“ Ort für mich, denn wir haben richtig viele Überschneidungen, so dass ich die meisten von ihr besprochenen Bücher ohnehin gerade gelesen oder gekauft habe – aber wenn sie etwas mir Unbekanntes bespricht, landet es ziemlich garantiert auf meiner Wunschliste. Ich bin noch am überlegen, wer von uns beiden das größere Murakami-Fangirl ist, über die Beprechung einer seiner Romane bin ich auch auf ihrem Blog gelandet und seitdem fröhlich hängengeblieben.

Ich habe mich sehr gefreut, dass Masuko bei dem Projekt dabei ist – ich hoffe sehr auf ein Treffen irgendwann in Berlin bei einem japanischen Whisky oder ich lasse mich im Buchladen von Dir beraten. Jetzt Vorhang auf für Juli Zeh – die Grand Dame der deutschen Dystopie:

Warum ich vor wenigen Tagen Corpus Delicti gelesen habe, hat mehrere Gründe. An erster Stelle steht, dass du, Sabine, mich gefragt hast, ob ich für deine Serie Women in SciFi eine Rezension schreiben möchte. Außerdem schätze ich Juli Zeh wirklich sehr, ich liebe dystopische Romane und zusätzlich beschäftigt mich das Thema “Leben in einer Diktatur” gerade sehr.
Das liegt daran, dass ich vor einiger Zeit in der Berliner Gedenkstätte Hohenschön-hausen gewesen bin. Hier hat in den Zeiten der DDR die Stasi ihre Opfer verhört, gefoltert, schikaniert. Eiskalt wurde mir in den Kellern und Verhörzimmern. Das System der Überwachung in der DDR war flächendeckend und – bedenkt man die technisch begrenzten Mittel im Vergleich zu heute oder gar in naher Zukunft – erschreckend perfekt. Was, wenn es die Stasi heute immer noch gäbe?

Genau deshalb fand ich es so spannend, wie Juli Zeh einen solchen Unrechtsstaat der Zukunft beschreibt. Eindrucksvoll erzählt sie in Corpus Delicti, wie es sich anfühlt, unter ständiger Beobachtung und Überwachung zu stehen. In ihrem Roman gibt es keine Demokratie mehr. Das aktuelle Staats-System nennt sich die METHODE, ist allmächtig und ewig kontrollierend. Es dient dem “Wohle des Menschen”. Krankheiten sind ausgemerzt. Rauchen ist verboten. Gegessen, getrunken und geliebt wird nach vorgegebenen Standards. So sind Partnerschaften nur dann möglich, wenn bestimmte immunologische Kategorien erfüllt, Mann und Frau kompatibel sind. Sport gehört zum täglich zu absolvierenden Pensum. Um all dies kontrollieren zu können, trägt jeder Mensch einen in den Arm implantierten Chip. Verstösse gegen das System oder gar Versuche, es zu verlassen, werden sofort erfasst. Denn die Sensoren der METHODE sind überall. Subversive Elemente werden verfolgt und ausgeschaltet oder umgeschult. Konform gemacht.

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Gegen dieses System rebelliert Mia Holl. Sie ignoriert die täglichen Vorgaben auf dem Hometrainer. Sie raucht heimlich und immer in Gedanken an Moritz. Die Zigarette schmeckt nach seinem Lachen, seiner Lebenslust, seinem Freiheitsdrang. Moritz ist für Mia das Symbol der Freiheit, er hat ihr beigebracht, Dinge in Frage zu stellen, gegen die METHODE zu rebellieren. Er hat sie gelehrt, Grenzen zu überschreiten. Nicht nur psychische, nein auch echte. Da war der “unhygienische Wald”, durch den sie gern unkontrolliert liefen, um im nahen Fluss zu fischen, ein Feuer zu machen und die schuppigen verkohlten Fische dann zu verzehren. Kein Warnschild, nichts konnte sie bremsen:

Hier endet der nach Paragraph 17 Desinfektionsordnung kontrollierte Bereich. Verlassen des Hygienegebiets wird nach Paragraph 18 Desinfektionsordnung als Ordnungswidrigkeit zweiten Grades bestraft (S. 90).

Doch Moritz ist tot. Und Mia fordert Wiedergutmachung für ihren Bruder, der zu Unrecht verhaftet wurde, seine Unschuld nicht beweisen konnte und in seiner Zelle Selbstmord. begangen hat. Die METHODE zu bekämpfen jedoch, ist lebensgefährlich. Jeder Anti-Methodist gilt als Reaktionär, wird mundtot gemacht. Das bekommt schließlich auch Mia zu spüren.

Corpus Delicti ist so ein Roman, nach dessen Lektüre ich mich frage, wie gläsern ich selbst bereits bin und wie viel von meiner Individualität ich bereits verloren habe. Denn, egal ob Partnersuche nach Algorithmen oder Datenerfassung im Gesundheitssystem, die Kontrolle ist gegenwärtig. Fehlt nur noch der Chip im Oberarm und die entsprechenden Machtmechanismen, diesen zu missbrauchen? STOP! NEIN! Niemand kann das wollen. Wollen wir nicht viel lieber weiterhin unkontrolliert und frei leben, die Möglichkeit haben, Entscheidungen zu treffen – und seien sie noch so ungesund oder gefährlich?! Ich selbst glaube an das Chaos und an den Zufall, ich will den “unhygienischen Wald” und den ungewaschenen Apfel. Und natürlich will ich Kaffee, Bier und Wein.

 

Schmale Schönheiten I

Die fette Erkältung, die mich kürzlich lahmlegte, führte dazu, dass ich eine ganze Reihe dünner Bücher aus dem Regal holte. Ich mag das Gefühl nicht, den ganzen Tag nix zu schaffen und ein Buch durchzulesen gibt einem zu mindest ein Minimum an „erledigt“ am Tag, wenn man auch sonst nur wenig von der To Do Liste abgearbeitet bekommt.

Ob das Gefühl des immer „beschäftigt sein müssens, um sich nützlich zu fühlen“ so das Vernünftigste ist, steht auf einem anderen Blatt – auf jeden Fall habe ich mich in letzter Zeit durch eine Reihe dünnerer Bände gefräst. Hier der erste Teil derer, die ich zu den schmalen Schönheiten zähle, davon wird es sogar noch einen zweiten Teil geben. Es gab aber auch wieder Futter für die Rubrik „Connection with Reader could not be established“ – die kommen aber demnächst separat. Hier jetzt erst einmal zu denen, die ich eher zu den Schönheiten zählen würde.

Den Anfang macht „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ – Peter Stamm

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Vom Titel her hätte das auch ein Kettcar Album sein können, ich bin zumindest entsprechend darauf angesprungen. Die schönste Kurzzusammenfassung las ich in der Zeit, die dazu schrieb: „In seinem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ erzählt Peter Stamm erneut, wie Literatur so lange ins Leben eingreift, bis Realität und Fiktion verschmelzen.“

Bäm – genau so. Die Idee des Buches fand ich genial, die Umsetzung war nicht perfekt. Die Figuren haben mich überraschenderweise seltsam kalt gelassen und so schön ich auch den einen oder anderen Satz fand und ihn herausgeschrieben habe, ich fürchte das ist – trotz aller definitiv vorhandener Schönheit – ein Buch an das ich mich bald nicht mehr wirklich erinnern kann.

Christoph und Chris, Magdalena und Lena – zwei Paare in Dopplung, das jeweilige Paar mit seinem Gegenbild. Der heutige Christoph trifft sein jüngeres Ich sowie die Partnerin seines früheren Ichs und die Frage ist, könnte man sein eigenes Leben mit dem Wissen von heute rückwirkend in andere Bahnen lenken?

Ein Buch, das einen definitiv zum Nachdenken bringt, wunderschön erzählt wird, nur die Nachhaltigkeit der Geschichte, die stelle ich ein wenig in Frage. Trotzdem zähle ich das Buch definitiv zu den schmalen Schönheiten, ich habe es mit großem Genuß gelesen und wieviel ich davon in ein paar Monaten tatsächlich noch weiß, das werde ich ja sehen.

„Ich denke an mein Leben, das noch gar nicht stattgefunden hat, unscharfe Bilder, Figuren im Gegenlicht, entfernte Stimmen. Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.“

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – Ernest van der Kwast

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Vor einer ganzen Weile sahen wir in einem Restaurant einen mega-schicken Herrn – sehr extravagant und cool gekleidet, der gleichzeitig intellektuell, cool und lässig wirkte, allein an einem Tisch sitzen und lesen. Wir waren beide so fasziniert von seiner Ausstrahlung, das wir unbedingt wissen wollten, was er wohl liest. Es war Ernest van der Kwasts Buch und es hat uns umgehend in den Buchladen geführt, wo wir das Buch suchten und kauften, er hatte uns wirklich neugierig gemacht 😉

Ist das schon Leser-Stalking? Auf jeden Fall habe auch ich jetzt endlich geschafft, mich dem dünnen Büchlein zu widmen. Ich bin jetzt nicht so der Liebesgeschichten-Typ, aber es wirkte spannend, der interessante Typ hat es gelesen, die Bingereader-Gattin war sehr angetan davon und ganz ehrlich – bislang hab ich noch kein wirklich schlechtes Buch aus dem Mare-Verlag gelesen. Keine Ahnung, warum es dennoch einige Zeit dauerte, bis ich mich endlich daran machte, mich in „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ ins Italien der Nachkriegszeit zu begeben.

Die beiden Brüder Ezio und Alberto liegen im Nachkriegssommer am Meer und beobachten Mädchen, als die 20jährige Giovanna Berlucci eines Tages in einem Zweiteiler – dem ersten Bikini – aus dem Meer steigt. Ezio verliebt sich auf der Stelle und Hals über Kopf in das junge Mädchen und es gelingt ihm auch, für kurze Zeit ihr Herz zu erobern.

„Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war.“

Nach nur kurzer Partnerschaft und im Rausch der ersten Liebe macht Ezio ihr einen Heiratsantrag, doch Giovanna liebt nicht nur das Meer, sondern auch ihre Freiheit und ohne zu antworten läuft sie aufs Meer zu und verschwindet in den Fluten. Ezio kann mit dieser Schmach nicht leben, er flieht nach Südtirol, wird Apfelpflücker und tut alles, um Giovanna zu vergessen, doch nach 60 Jahren bekommt er auf einmal einen Brief von Giovanna …

„Die schöne Schrift“ – Rafael Chirbes

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Das Buch habe ich meinem Bruder irgendwann mal aus dem Regal gemopst und wenn ich recht drüber nachdenke, das nächste auch (und noch nicht wieder zurückgegeben – uiuiiiiuiiii….)

Ich habe das Buch direkt nach den „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ gelesen und der verrückte Effekt war, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die „Fünf Viertelstunden“ noch einmal zu lesen nur dieses Mal aus Giovannas Sicht, was ihr in diesen sechs Jahrzehnten so passiert ist.

Ist natürlich Quatsch, das Buch hat damit überhaupt nix zu tun, dennoch fiel es mir regelrecht schwer, mir immer wieder beim Lesen vor Augen zu halten, dass das hier ein komplett anderes Buch ist und die Lebensgeschichte einer ganz anderen Frau erzählt.

Eine einfach ältere Dame erzählt ihrem erwachsenen Sohn in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ihrem bewegten Leben, von ihren seltenen Momenten des Glücks und den häufigeren Augenblicken des Schmerzes, der Sorge, der Liebe und der Verletzungen. Die Familie hielt zusammen während der Zeit des spanischen Bürgerkrieges und den Jahren danach, doch dieser Familienzusammenhalt brach zusammen durch die Heirat ihres Sohnes mit einer überaus hübschen und ehrgeizigen Frau. Ihr wird klar wie sehr sie sich auch von ihrem eigenen Sohn entfernt hat, denn sonst würde er sie nicht aus ihrem eigenen Haus vertreiben, um an desssen Stelle ein lukratives Mietshaus zu errichten. Die Protagonistin Ana erklärt nicht nur ihrem Sohn, sondern vielmehr sich selbst, warum ihr Leben verlaufen ist, wie es verlaufen ist und was das alles für sie bedeutet.

Ein Rückblick auf ein schweres Leben voller Entbehrungen.

Ich mochte Chirbes kargen, prägnanten Schreibstil sehr, der mit sparsamen Worten so viel mehr erzählt als andere auf hunderten von Seiten. Eindrucksvoll und ganz ohne Pathos.

Air Mail – Jeffrey Eugenides

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Eugenides ist nicht nur auf der Langstrecke klasse, er überzeugt mich definitiv auch auf der Sprint-Strecke. Drei Kurzgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ersten treffen wir auf Mitchell, der in Thailand aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus mit entsprechender Diarrhö zu fasten beginnt. Dieses Fasten in einem thailändischen Backpacker-Camp nimmt immer extremere Ausmaße an wird fast zum esoterischen Spiel um Leben und Tod. Die Grenzen zwischen der realen und der spirituellen Welt zerfließen immer mehr, bis sie für Mitchell irgendwann nicht mehr wirklich von einander zu unterscheiden sind…

In der zweiten Geschichte sucht eine verzweifelte Frau mehr oder weniger nach einem Begatter, von dem sie auf einer Party ganz zwanglos etwas Samen abzapfen kann. „Bratenspritze“ ist wunderbar ironisch und vielleicht hat fast jeder von uns eine Tomasina im Bekanntenkreis, die man sich nur zu gut mit der Bratenspritze vorstellen kann.

Auf der Party erhält sie wie gewünscht den Samen, aber da ist auch Wally, der etwas klein geratene Geschäftsmann, mit dem sie vor Jahren mal zusammen war und der sie irgendwie immer noch liebt …

In der letzten Geschichte geht es um den Sohn wohlhabender Eltern, die ihr gesamtes Vermögen in eine abgewirtschaftete Hotelanlage gesteckt haben und die der Vater verzweifelt versucht, zu renovieren. So marode wie die Hotelanlage ist, ist auch die Gesundheit der Eltern und der Sohn wird sich bewusst, dass auch er irgendwann einmal seinen eigenen Wunschbildern zum Opfer fallen wird.

Kurzgeschichten auf höchstem Niveau, rasant erzählt mit spannenden Wendungen.

Hier noch mal im Überblick:

Welche Bücher für ein zwar schnelles aber dennoch tiefgründigen „Quickie“ könnt ihr empfehlen?

Mensch sein – How to be human

 

The Humans – Matt Haig

“I know that some of you reading this are convinced humans are a myth, but I am here to state that they do actually exist. For those that don’t know, a human is a real bipedal life form of midrange intelligence, living a largely deluded existence on a small waterlogged planet in a very lonely corner of the universe.”

 

 

Matt Haig erzählt die Geschichte eines Aliens, der vom Planeten Vonnadoria zur Erde geschickt wurde, um jeglichen Nachweis zu vernichten, dass die Riemann Hypothese tatsächlich gelöst wurde. Diese Lösung würde der Menschheit nämlich einen riesigen technologischen Fortschritt bescheren und die Vonnadorians fürchten sich vor einer derart primitiven und gewalttätigen Rasse wie den Menschen, die dann vermutlich das Weltall unsicher machen würden. Der Mathematiker, dem die Lösung gelungen ist, ist Andrew Martin. Einer der Vonnadorians wird zur Erde geschickt, er tötet den Mathematiker, schlüpft in dessen Körper, um ungesehen dessen Leben zu infiltrieren und alle Nachweise der mathematischen Lösung zu vernichten, auch alle Menschen, denen er von der Lösung des Riemann Problems erzählt haben könnte.

Insbesondere der erste Teil des Buches ist stellenweise irre komisch (und wer mich kennt weiß, ich finde komisch meistens schwierig, hier funktioniert es für mich wunderbar). Der Alien hat keine Ahnung von menschlichen Leben und findet sich zunächst splitternackt und sprachlos auf einer Autobahn, während er mit jeder Minute mehr begreift und über die Menschen lernt.

“Humans, as a rule, don’t like mad people unless they are good at painting, and only then once they are dead. But the definition of mad, on Earth, seems to be very unclear and inconsistent. What is perfectly sane in one era turns out to be insane in another. The earliest humans walked around naked with no problem. Certain humans, in humid rainforests mainly, still do so. So, we must conclude that madness is sometimes a question of time, and sometimes of postcode. 

Basically, the key rule is, if you want to appear sane on Earth you have to be in the right place, wearing the right clothes, saying the right things, and only stepping on the right kind of grass.”

Haig hält sozusagen ein Vergrößerungsglas auf die Menschen und durch die Augen des außerirdischen Andrew Martins sehen wir, wie haarsträubend irrational und absurd wir Menschen häufig sind.

Im Verlauf des Buches wird die Geschichte ernster. Martin lernt was es bedeutet, ein Mensch zu sein, ironischerweise teilweise durch den Hund der Familie, durch die Entdeckung von Erdnußbutter und Emily Dickinson. Er lernt nach und nach die Frau und den Sohn Andrew Martins tatsächlich zu lieben, Haig gelingt es aber, durch die gekonnte Mischung aus Humor und Emotionalität jede Zuckrigkeit zu vermeiden.

Am Ende des Buches gibt uns der Alien noch ein paar Ratschläge für Menschen, wie z.B.:

1. Shame is a shackle. Free yourself.
2. Don’t worry about your abilities. You have the ability to love. That is enough.
3. Be nice to other people. At the universal level, they are you.
4. Technology won’t save humankind. Humans will.
5. Be curious. Question everything. A present fact is just a future fiction.

Für mich war es eine der leisesten und persönlichsten Alien-Geschichten, die ich bislang so gelesen habe. Trotz aller Aliens ist das keine wirkliche Science Fiction, die er hier schreibt, sondern ein Roman, in dem Haig sein profundes Verständnis des menschlichen Befindens zeigt.

Er zeigt uns wie „alien“ wir Menschen eigentlich sind und wie gegenseitiges Kennenlernen und Vertrautheit der einzige Weg sind, mit den vielen Widersprüchlichkeiten des menschlichen Befindens umzugehen.

Ein Roman, der auf den ersten Blick harmlos/humorig rüberkommt, den ich aber recht philosophisch empfunden habe. Auch wenn der Plot vielleicht etwas vorhersehbar ist, der feine britische Humor und die vielen wunderschönen kleinen Details machen den Roman zu einem unterhaltsamen, nachdenklichen Buch.

Haig zeigt, warum die Menschheit es vielleicht doch verdient, bewahrt zu werden, ob ihr am Ende zum gleichen Schluss kommt, müsst ihr entscheiden. Unsere Bookclub Februar-Lektüre hat für spannende Diskussionen gesorgt, das Buch fand großen Anklang und mir hat es auf jeden Fall auch Lust auf mehr Matt Haig gemacht.

Schnappt euch also diesen Roman und holt euch gleich noch einen Emily Dickinson Gedichtband dazu, den werdet ihr danach ohnehin lesen wollen, schmiert euch ein Erdnussbutter-Sandwich und beim Lesen unbedingt diese dazu gehörige Playlist hören:

Earth Control to Andrew Martin: eat your peanut butter sandwich and we are now over and out.

Euphoria – Lily King

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Diesen Roman hatte mir meine sehr belesene Chefin schon vor Ewigkeiten empfohlen und ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum es derart lange gedauert hat, bis ich ihn endlich in Angriff nahm.

Die Anthropologin Margaret Mead stand Patin für diesen Roman, der auf ihren Erlebnissen am Sepik Fluß in Neu Guinea basiert, wo sie mit ihrem Ehemann Reo Fortune und dem britischen Anthropologen Gregory Bateson, der später ihr zweiter Ehemann wurde, die Eingeborenenstämme untersuchte. Die Geschichte selbst ist allerdings von der Autorin frei erfunden, auch die im Roman genannten Stämme. Dieser Roman vermischt ganz meisterhaft genaue Recherche, Phantasie, Leidenschaft, Zurückhaltung und Abenteuer zu einem grandiosen Leseerlebnis.

Schon in den ersten Absätzen schwingt eine gewisse leise Bedrohung in diesem fast klassisch anmutenden Abenteuerroman. In den frühen 1930er Jahren fliehen Nell Stone, eine amerikanische Anthropologin und ihr australischer Ehemann Fen vor dem aggressiven Mumbanyo Stamm. Die Mumbanyo werfen ihnen etwas hinterher, doch Nell kann nicht erkennen, was es ist, da Fen in einem Wutanfall Nells Brille zerbrochen hat und sein hingeworfenes „wieder ein totes Baby“ ist unglaublich herzlos, wenn man später erfährt, wie sehr Nell unter ihren Fehlgeburten und etwaiger Unfruchtbarkeit leidet.

Keine glückliche Ehe, die die beiden führen.  Beide sind begabte Anthropologen, doch Nell ist die deutlich erfolgreichere, die die den Ruhm und das Geld nach Hause bringt und das nagt immens an Fen. Sie beschließen, Neu Guinea zu verlassen und in Australien die Aborigines zu studieren, als sie auf Andrew Bankson treffen, einen Engländer, der ebenfalls seit Jahren als Anthropologe am Sepik Fluß lebt und den Kiona Stamm untersucht.

Bankson ist durch den Tod seiner Brüder, seiner ihn erdrückenden Mutter und vor Einsamkeit am Rande des Selbstmords, als er das Ehepaar trifft und er versucht alles, um sie an „seinem“ Fluß zu halten und verspricht zu helfen, einen spannenden Stamm zu finden, den sie erforschen können. Sie geben Bankson eine Chance, er findet den Tam Stamm für sie und sie lassen sich dort nieder und beginnen mit ihrer Arbeit. Hatten sie anfangs noch Sorge vor einem Konkurrenzkampf mit einem anderen Anthropologen ,werden die drei innerhalb kürzester Zeit zu einer intellektuellen Menage a trois.

Die Erzählung ist aus Bankson’s Sicht geschrieben, Nells in der dritten Person. Die wechselnden Stimmen, Zeitsprünge und Rückblicke erhöhen die Spannung und Bankson deutet immer mal wieder an, dass etwas schlimmes passiert ist, aber die Autorin offenbart immer nur gerade soviel, dass man das Buch nicht weglegen kann und man in dieser schwül-fiebrigen Atmosphäre festhängt, bis man zu spät zur Arbeit kommt, weil man nachts viel zu lange gelesen hat.

Die drei Anthropologen entwickeln ein ziemlich geniales Koordinatensystem, in dem sie sämtliche menschlichen Kulturen einsortieren, sind aber komplett unfähig, ihre eigenen Emotionen zu verstehen.

Lily King beschreibt geradezu genial, wie die drei westlichen Forscher mit einer ihrer Unwissenheit geschuldeten Arroganz die Rolle der Wissenschaftler einnehmen und ihre Versuchsobjekte unter die Lupe nehmen. Die Anthropologie ist zu der Zeit eine noch neue Wissenschaft, die sich noch beweisen muss und die drei sind ganz scharf darauf, große Entdeckungen zu machen und sich in ihrem Forschungsgebiet einen Namen zu machen.

Lily King hatte wohl Unmengen an Recherchematerial zusammengetragen, sie hätte locker einen Riesenwälzer füllen können, stattdessen hat sie ein perfektes kleines Buch geschrieben, vielleicht gerade aufgrund dieser Zurückhaltung. Sie hat ein exzellentes Buch geschrieben, das in meinen Augen das weibliche Pendant zu Conrads „Heart of Darkness“ ist.

Maus II – Art Spiegelman

“No matter what I accomplish, it doesn’t seem like much compared to surviving Auschwitz.”

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Teil II ist für mich noch heftiger gewesen als der erste Teil. Am Ende von Maus I verlassen wir Vladek und seine Frau Anja am Eingangstor nach Auschwitz, der zweite Band knüpft direkt daran an und wir bekommen einen Einblick in das Leben der beiden im Inneren des Konzentrationslagers.

Das diese Biografie ein Comic ist, macht die Geschichte in keinster Weise weniger schrecklich. Die Zeit im Lager ist für die Insassen wie eine sich ewig hinziehende Todesstrafe. Es gibt keinerlei Menschlichkeit in diesen Lagern, jeder kämpft für sich allein und nur die Stärksten überleben. Vladek ist irgendwie zufällig eine von diesen intelligenten starken Mäusen.

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Die Geschichte beschäftigt sich in der Gegenwart mit der schwierigen Beziehung die Art mit seinem Vater Vladek hat. Der Leser beginnt nachzuvollziehen, wie aus Vladek ein so egoistischer, zwanghafter Geizhals wurde. Überlebte er gerade wegen dieser Eigenschaften oder hat das Lager ihn erst zu dem gemacht was er heute ist?

Ein Buch das einen nie wieder los lässt – es ist schrecklich, herzzerreißend, großartig und absolut einzigartig.

Der Abfall der Herzen – Thorsten Nagelschmidt

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Unter den Namen „Nagel“ erschienen bereits ein paar Bücher des Autors, dies ist das erste Buch, das unter seinem richtigen Namen erscheint. Zudem scheint es auch gut möglich, dass die Geschichte auch einen Teil seiner eigenen Geschichte widerspiegelt.

Das Buch beginnt mit dem Ende und der Frage, wann Sascha eigentlich aufgehört hat, Nagel zu hassen. Ein Thema, dass sich durch das ganze Buch ziehen wird. Nagel, der von Beruf Autor geworden ist, versucht sich an einer Kuba-Geschichte, merkt jedoch schnell, dass es da noch Ungereimtheiten in seiner Vergangenheit gibt, die er vorrangig aufarbeiten muss.

Wir machen einen Sprung zurück ins Jahr 1999, in dem der Protagonist noch spät pubertierend in einer WG lebt und sein Leben alles andere als geregelten Bahnen läuft. Von Liebeskummer geläutert und nur pro forma in der Universität eingeschrieben, verdient er sich nebenbei etwas Geld im Lager einer Deko-Firma oder tritt mit seiner mehr oder minder erfolgreichen Band im Umkreis von Rheine, seiner Heimatstadt, auf. Der Rest der Zeit wird gefüllt mit Alkohol und Drogen. Als Nagel dann etwas mit der Freundin von Sascha anfängt, nimmt das Drama seinen Lauf.

Nagels Erinnerungen an diese Zeit decken sich kaum mit seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er damals führte. Etwas, was jeder von uns sicherlich schon einmal erlebt hat – rückblickend werden die Dinge von unserer Erinnerung häufig beschönigt und plausibilitiert. Was aber nun ist tatsächlich passiert? Wie erinnern sich Nagels damalige Freunde? Dieser Frage geht Nagel auf die Spur, indem er eine Tour quer durch die Lande macht, um jeden einzelnen von ihnen abzuklappern und ihre Version der Geschichte zu hören.

Sprachlich ist das Buch Thorsten Nagelschmidt gut gelungen, es fehlte mir zuweilen jedoch etwas an Spannung. Ein wenig vorhersehbar war das ganze schon. Jedenfalls dann, wenn man aus dem spät pubertären Alter schon heraus ist. 😉

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • „The Humans“ von Matt Haig erschien auf deutsch unter dem Titel „Ich und die Menschen“ im DTV Verlag.
  • „Euphoria“ von Lily King erschien im C. H. Beck Verlag und in der Büchergilde
  • „Maus“ von Art Spiegelmann unter dem gleichen Titel  im Fischer Verlag.
  • „Der Abfall der Herzen“ erschien im Fischer Verlag

Day 16 A book that everyone hated and I liked

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OK – vielleicht nicht jeder, aber schon eine ganze Reihe Leute. Fast konnte man den Eindruck haben, wer „Unterleuten“ liebte, war schwer enttäuscht vom dystopischen „Kalte Herzen“. Mir haben beide Bücher gefallen.

 

Ein dystopischer Thriller der in der sehr nahen Zukunft spielt und erschreckend realistisch wirkt. Angela Merkel verliert die Wahlen und die „Bewegung Besorgter Bürger“ kurz BBB genannt gewinnt mehr und mehr Einfluß und stellt sogar die neue Kanzlerin Regula Freyer. Der BBB infiltriert nach und nach sämtliche demokratischen Bereiche und verschlankt den Staat auf ein Mimum, ganz und gar dem Effizienz-Gott huldigend und scheint dabei oberflächlich auch einige Gute Sachen zu schaffen: Das bedingungslose Grundeinkommen für alle ist da und garantiert einen einigermaßen ausreichenden Lebensstandard, die Terrororganisation Deash sinkt immer weiter in die Bedeutungslosigkeit und hat die Terrorangst weitestgehend vergessen lassen, der Krieg in Syrien ist beendet und sogar Israel und Palästina haben sich auf eine Zwei-Staaten-Lösung einigen können.

Und dennoch braut sich was zusammen in diesem Deutschland im Jahr 2025. Die Menschen haben keinerlei Prinzipien mehr und sind eigentlich nur noch zynisch. Politische Desillusioniertheit und eine gewisse Lethargie verbreiten sich. Jeder kümmert sich nur noch um sich selbst, das Gemeinwohl geht den Bach runter und mehr und mehr Leute wählen die Sicherheit und Waschmaschine statt Demokratie.

Britta Söldner lebt ein Doppelleben. Auf der einen Seite ist sie Ehefrau und Mutter in Braunschwein lebend mit Freunden und einem guten Leben. Mit ihrem Geschäftspartner Babak leitet sie eine sehr erfolgreiche psychiatrische Praxis „Die Brücke“ ein Zentrum für „Life-Coaching, Self-Managing, Ego-Polishing“, das sich auf die Heilung von Selbstmordkandidaten spezialisiert hat.

Tatsächlich heilen sie auch eine ganze Reihe von Menschen von ihren Selbstmordabsichten. Die die sich allerdings nicht heilen lassen, vermitteln sie sehr erfolgreich und lukrativ an unerschiedliche Terrororganisationen. Terror als saubere Business-Transaktion mit überschaubaren kalkulierbaren Risiken.
Alles läuft gut, bis eines Tages ein Konkurrent im Markt auftaucht und dann ist da noch das zunehmend schlechte Gewissen, dass Britta Söldner mehr und mehr zu quälen scheint.

Die Geschichte ist ein leidenschaftlicher Appell für unsere demokratischen Prinzipien zu kämpfen, es geht um die Sinnsuche im Leben und Juli Zeh gelingt es mühelos Gesellschaftskritik in einem cleveren psychologischen politischen Thriller zu einem spannenden brandaktuellen Buch zu verbinden.

Ein rasantes Leseerlebnis, das mich noch länger beschäftigen wird und definitiv zum Nachdenken anregt.

Bei Buchrevier findet sich eine weitere positive Besprechung, Masuko13 und Zeilensprünge waren nicht so angetan wie ich 😉

Hier ein spannendes Interview von Dennis Scheck mit Juli Zeh zu ihrem neuen Roman:

 

Ich danke dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Day 10 – Book of Poems

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„Seit sie dichtet, haben sie viele Menschen, die sie nie gesehen haben, lieb: Mascha Kaléko. Stimmt, ich auch.

Die Lyrikerin Mascha Kaléko wurde als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter geboren. Nach Schul- und Studienjahren in Berlin wurde sie 1930 für die „Vossische Zeitung“ entdeckt. Hier und im „Berliner Tageblatt“ erschienen jahrelang ihre Gedichte, die sie rasch zu einer literarischen Berühmtheit machten, über die Grenzen der Stadt Berlins hinaus. Hermann Hesse, Thomas Mann, Alfred Polgar rühmten die Verse dieser jungen Großstadtdichterin, die Erich Kästners wachen Sarkasmus besaß, ihn aber in zärtlich-weibliche Rhythmen kleidete, in Strophen, die ihren Charme einer eigentümlichen Mischung von Melancholie und Witz, Aktualität und Musik, romantischer Ironie und politischer Schärfe verdankten.

Seit 1938 lebte die Dichterin als amerikanische Staatsbürgerin in New York, sie starb nach jahrelangem Aufenthalt in Jerusalem 1975 in Zürich.

(Info zur Autorin aus dem obigen Rowohlt Band)

Welches Gedicht könnte zu meiner denglischen „Book-a-Day Challenge“ besser passen als die Momentaufnahme eines Zeitgenossen.

Wenn unsereins se lengvitsch spricht,
So geht er wie auf Eiern.
Der Satzbau wackelt, und die grammar hinkt,
Und wenn ihm etwa ein ti-ehtsch gelingt,
Das ist ein Grund zum Feiern.

Nicht so der Herr, den ich im Auge habe,
Oder besser gesagt. uffm Kieker
Dem ist alles Emigrantische fremd.
Er ist der geborene Inglisch-Spieker.
Der Forrenlengvitsch-Göttin Auserkorner.
Kommt es drauf an, so spricht der Mann
Selbst Esperanto wie ein Eingeborener.

Befreit vom Zwang, gebüldet zu parlieren,
Im engen Kreis, wo man einander kennt,
Fährt diese Ausgeburt von Sprachtalent
Des „Königs Englisch“ hoch zu Roß spazieren,
In seinem Oxford-(second hand) Akzent.

Se pörfekt Lord. – Ich kenn ich noch aus Sachsen.
Da sprach er auch des „Geenigs“ ABC.
Wie war das heimatliche weiche B
In Leibzich ihm zurzeit ans Herz gewachsen!
Den Untertanenstolz aus königstreuen Tagen
Hat er auf achtundvierzig Staaten übertragen.

Der kroch in Preußen schon auf allen vieren.
Hier sinds die angelsächsischen Manieren.

Wer mit den Wölfen heult, der heult mit allen Tieren.

Welches Poetry-Buch hättet ihr ausgewählt?