Große gemischte Tüte

Bei permanent 100 Grad in der Wohnung und einer fetten Sommererkältung ist mein Hirn zu matschig für lange Rezensionen. Der Stapel der nicht rezensierten Bücher muß aber endlich mal aufgeräumt werden, es wird daher Zeit für eine ganz große gemischte Tüte, damit die Seele hier endlich mal wieder Ruhe hat…

Ein Ire in Paris – Jo Baker

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Dieser Roman basiert auf dem Leben Samuel Becketts und konzentriert sich auf seine Zeit während des zweiten Weltkrieges in Paris und auf die Beziehung zu seiner Liebhaberin Suzanne. Als der 2. Weltkrieg erklärt wird, ist Samuel gerade zu Hause in Irland. Seine Mutter versucht vergeblich, die Familie zusammen zu halten, trotzdem zieht es den einen Teil der Familie nach London, Samuel zurück nach Paris.

Obwohl Beckett den Krieg zu Hause in Irland in relativer Sicherheit hätte verbringen können, bleibt er im besetzten Paris und wird Teil der Resistance. Das Buch zeichnet aber kein romantisches auf Heldentum basiertes Bild vom Krieg, sondern zeigt den Mut, aber auch die verzweifelte Ermüdung, die Angst, die Zwänge und die Anspannung, die mit dieser Tätigkeit zusammenhängen. Immer weiter laufen, immer weiter machen selbst wenn man ein Telegramm bekommt, dass die Verhaftung eines weiteren Freundes durch die Gestapo verkündet … und man eigentlich keine Ahnung hat, wohin man sich wenden soll, wo es Sicherheit gibt und ob du der nächste bist, an dessen Tür es nachts klopft…

“He stares now at the three words he has written.They are ridiculous. Writing is ridiculous. A sentence, any sentence, is absurd. Just the idea of it; jam one word up against another, shoulder-to-shoulder, jaw-to-jaw; hem them in with punctuation so they can’t move an inch. And then hand that over to someone else to peer at, and expect something to be communicated, something understood. It’s not just pointless. It is ethically suspect.” 

Es geht aber auch um seine Beziehung zu Suzanne und Becketts Bewunderung für James Joyce. Ein sehr spannendes interessantes Porträt eines Ausnahme-Schriftstellers, der mir während der Lektüre immer symphatischer wurde. Ein aufrüttelndes nachdenklich stimmendes Buch, dass ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte und das eigentlich perfekte Bookclub Lektüre gewesen wäre. Große Empfehlung!

Ready Player One – Ernest Cline

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Wir schreiben das Jahr 2044 und die Welt ist kein wirklich schöner Ort mehr. Es gibt kein Öl mehr, wir haben das Klima versaut und Dürre, Armut, Krankheiten und Hungersnöte sind weit verbreitet.

Der größte Teil der Menschheit entkommt der deprimierenden Realität in dem sie sich den ganzen Tag an die OASIS anschließen, ein immer größer werdendes virtuelles Paradies, wo man wunderbar leben und sich verlieben kann auf einem der 10000 Planeten. So verbringt auch Wade Watts seine Zeit und, wie der Rest der Menschheit auch, ist er genau so obsessiv auf der Jagd nach dem ominösen Lotterie-Ticket, das irgendwo in der OASIS versteckt sein soll und unglaubliche Reichtümer verspricht. Der OASIS Gründer James Halliday, der ohne Nachfahren starb, verspricht dem Ticketfinder die Kontrolle über die OASIS – inklusive seines immensen Vermögens….

“I created the OASIS because I never felt at home in the real world. I didn’t know how to connect with the people there. I was afraid, for all of my life, right up until I knew it was ending. That was when I realized, as terrifying and painful as reality can be, it’s also the only place where you can find true happiness. Because reality is real.”

Die Rätsel, die gelöst werden müssen, basieren auf popkulturellem Wissen des späten 20. Jahrhunderts, das Spezialgebiet Wanes. Als er das erste Rätsel knackt, ist er plötzlich inmitten eines gnadenlosen Konkurrenzkampfes, der bald nicht nur in der virtuellen Welt echte Gefahren birgt.

Das Buch wurde kürzlich verfilmt, habe den Film aber bislang noch nicht gesehen. Möchte ich aber auf jeden Fall nachholen.  Ein tolles Buch für Nerds und Cyberpunks, die Spaß an den zig Zitaten und Hinweis der Popkultur haben werden. Es hat mich nicht umgehauen, aber es ist definitiv gute Unterhaltung.

Das Buch ist auf deutsch unter dem gleichnamigen Titel im Fischer TOR Verlag erschienen.

Midnight at the Bright Ideas Bookshop – Matthew Sullivan

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Lydia Smith ist Buchhändlerin im Bright Idea Book Store in Denver. Sie liebt ihre Bücher und ihre Kunden, insbesondere ihre exzentrischen Book Frogs, meist etwas seltsame einsame Männer, die stundenlang im Buchladen herumhängen. Joey Molina ist einer dieser Book Frogs.

Eines Nachts kurz vor Feierabend findet Lydia den erhängten Joey im Buchladen. Als sie ihn auf den Boden legt, merkt sie, dass aus seiner Hosentasche ein Foto herausschaut, das sie selbst als auf ihrem 10. Geburtstag als Kind zeigt. Ein Bild, das sie an ein schreckliches Ereignis ihrer Kindheit erinnert, an ihre Nacht mit dem Hammermann. Woher hat Joey dieses Bild und warum hat er es in der Nacht seines Suizids in der Hosentasche stecken?

“Something’s wrong in the air, you know, when a book costs less than a bullet. Or a Coke. Values-wise.”

Sie war immer Joeys Lieblingsbuchhändlerin und sie erbt seine wenigen weltlichen Besitztümer: ein paar Kisten voller Bücher und einen ungetragen Anzug. Lydia entdeckt, dass in sämtlichen Büchern unerklärlicherweise kleine Rechtecke herausgeschnitten wurden, die seltsame Nachrichten enthalten.

Ein spannender Kirmi für buchverrückte Bibliophile, die Spaß an literarischen Rätseln haben.  Das Buch war die Juli-Lektüre im Bookclub und es wurde durch die Bank weg von allen gemocht. Nix weltbewegendes, aber durchaus unterhaltsam.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Tod kommt nach Mitternacht“ im Random House Verlag.

The Idle Traveller – Dan Kieran

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A good traveller has no fixed plans
And is not intent upon arriving
(Lao Tzu)

The Idle Traveller ist ein Buch, das Lust auf das langsame Reisen macht, bei dem der Weg genauso wichtig ist wie das Reiseziel. Wir hetzen durch die Gegend, von einem Flughafen zum nächsten, eine Hotel-Lobby ist der nächsten zum Verwechseln ähnlich und je mehr wir versuchen, unserem langweiligen Alltag zu entkommen, desto schwieriger wird es eine Antwort darauf zu finden, was zur Hölle wir da eigentlich machen.

Kieran macht nicht nur Lust aufs Reisen, er macht auch Lust aufs Daheimbleiben  – „staycation“ im Englischen. Wenn wir reisen, dann sollten wir uns treiben lassen. Einfach mal drauf los laufen und nicht auf Google Maps nach dem kürzesten Weg von Sehenswürdigkeit A zu Sehenswürdigkeit B und der Top Empfehlung des Restaurants in 50m Umgebung suchen. Einfach mal blind drauflos bummeln, der Nase nach. Nicht wissen, was nach der nächsten Ecke kommt und dabei vielleicht weniger aber dafür intensiver sehen.

„I was reading The World of Yesterday by Stefan Zweig ,who had become one of my slow travel heros after I read his astounding 1926 essay To Travel or Be Traveled. Zweig was someone whose views on travel echoed my own.“

Kieran ist außerdem ein großer Fan vom Reisen per Schlafwagen – meine absolut liebste Art der Fortbewegung. Ein schönes Buch mit spannenden Lektüretipps, das man auf dem heimischen Balkon genauso gut lesen kann, wie auf dem Bahnhof während man auf seinen Zug wartet.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Slow Travel – die Kunst des Reisens“ im Heyne Verlag.

Älter werden – Silvia Bovenschen

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Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich irgendwo über Silvia Bovenschen stolperte. War es eine Talkshow oder ein Zeitungsartikel? Wollte immer mal etwas von dieser klugen Dame lesen und als ich kürzlich im öffentlichen Bücherschrank dieses Buch von ihr fand nahm ich es umgehend mit, trotz pinkfarbenem Cover und einem Titel, der mir Angst vor Selbsthilfe-Lektüre machte 😉

Von Selbsthilfe keine Spur, eine sehr lohnendes Essay über das Älter werden und das Erinnern. Fällt es Menschen, die stets einen schönen und funktionstüchtigen Körper hatten, schwerer zu altern, als jemandem wie Silvia Bovenschen, die immer schön war, aber von frühester Jugend an durch Multiple Sklerose lernen musste, einen Körper zu haben, auf den sie sich nicht immer verlassen konnte?

Bovenschen schreibt über ihre Kindheit, Jugend und Ereignisse aus späteren Jahren, sinniert über die Vergänglichkeit, das Glück und mißtraut stets ihren eigenen Erinnerungen, die allzu gerne die Welt durch die rosarote Brille sieht.

Ein elegantes Büchlein, das ich sehr gerne gelesen habe und dessen stellenweise wunderbar fieser Humor mich sehr entzückt hat. Von dieser Dame möchte ich noch viel viel mehr lesen.

„Das ist ein alter Konflikt in mir: der zwischen meiner gesellschaftspolitischen Liberalität und meiner ästhetischen Belastbarkeit“

jPOD – Douglas Coupland

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Ethan ist ein 28 Jahre alter Entwickler von Computerspielen, der seine Tage mit dem Programmieren virtueller Welten, dem Erfinden von Spitznamen für seine Kollegen und dem Auffüllen der Büro Snackbar verbringt. In seiner Freizeit hilft er seiner Mutter dabei, ermordete Drogendealer zu verstecken und illegale Einwanderer in seiner Wohnung zu füttern und ihnen seine Klamotten zu geben.

Sein neuer Boss Steve befielt Ethan und seinen 5 Kubikel-Kollegen, deren Namen alle mit J beginnen, daher J-POD, eine Schildkröte, in das aktuelle Computerspiel einzubauen, die einem Fernsehmoderator ähnelt. Sie beschließen, das zu sabotieren, in dem sie statt dessen einen durchgeknallten dämonischen Clown einbauen.

Irgendwo zwischen den lesbischen Kultmitgliedern und der Rettungsaktion in China von Ethans früherem Boss habe ich den Faden verloren. Vielleicht wurde dieses Buch ein Opfer meines vor Hitze dahinschmelzenden Hirns oder ich habe einfach nicht so wahnsinnig viel Bezug zu computerspielprogrammierenden Entwicklern, irgendwann wollte ich nur noch, das der Wahnsinn endet. Es war unterhaltsam genug, um nicht in der Rubrik „Connection with Reader could not be established zu landen“, aber für eine Weile brauche ich jetzt eine Coupland Pause.

Mein Hirn ist jedenfalls beim Lesen des Buches mehrfach abgestürzt.

So, seid ihr noch da? Ziemlich lang geraten dieser Artikel. Angefangen habe ich mit 100 Grad in der Wohnung, den letzten Satz hier schreibe ich bei Dauerregen und 14 Grad, die verf*** Erkältung habe ich immer noch.

War was dabei für Euch? Kennt ihr eines der Bücher? Lust bekommen eines zu lesen?

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Die weltbeste Geschichte vom Fallen – Daniel Faßbender

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Roofing, auch Rooftopping genannt, ist das todesmutige Baumeln an der Kante von Gebäuden – häufig sind Roofer junge Erwachsene auf der Suche nach Social-Media-Ruhm. Ständig auf der Suche nach dem nächsten atemberaubenden Foto, dem noch verrückteren Stunt, der den erhofften viralen Ruhm und idealerweise damit verbundenen Reichtum.

Vor allem in Rußland ist Roofing sehr verbreitet, dort wird es im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern auch nicht sonderlich hart bestraft und gilt eher als Kavaliersdelikt.

„Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ ist dieser weitgehend unbekannten Szene der „Roofer“ gewidmet. Der namenlose 21jährige Protagonist verbringt den größten Teil seiner Zeit auf den Dächern Stockholms. Er ist weniger auf der Suche nach Social-Media-Ruhm, sondern sucht die Weite, das Licht und die Freiheit, insbesondere die Freiheit, seine Probleme zu vergessen. Die ständige Verlockung der hohen Gebäude…

Wenn er über die Dächer der Stadt klettert ist alles ganz klar für ihn, ergibt alles einen Sinn. Schwierigkeiten und Probleme sind nur unten auf der Erde für ihn zu finden. Auf seinen Touren trifft er auch auf ganz interessante Leute, zwei sind ganz besonders wichtig für ihn. Da ist zum einen der kleine, dicke alte Mann, der in einer winzigen Hütte auf einem Dach lebt und mit dem er stundenlang über alles mögliche quatschen kann, während sie literweise Kakao trinken und Zimtschnecken essen.

Allein vom Lesen habe ich Bauchweh bekommen und mich gefragt, wie man solche Unmengen an Zucker nur vertragen kann, ich hab fast gar kein süßes Gen und Zimtschnecke kann ich mir vielleicht einmal in 3 Jahren vorstellen. Aber als Sproß einer Zimtschnecken-Fabrikantenfamilie liegt ihm das Süße wahrscheinlich in den Genen.

Der andere wichtige Mensch ist Boyana, die ihm immer wichtiger wird, die ihn aber auch dazu bringen möchte Verantwortung zu übernehmen, sich seinen familiären Problemen zu stellen und nicht ständig die Flucht nach oben zu suchen….

Eine intelligent erzählte Geschichte mit interessanten Fakten, Humor und jeder Menge Großstadtflair. Das perfekte Buch für einen Städtetripp nach Stockholm. Ich hätte den Autor gerne gefragt, warum sein Roman dort spielt und nicht in Köln zum Beispiel, wo er wohnt.

Sein Manuskript war 2017 auf der Longlist des Blogbusters gelandet und Birgit von Sätze und Schätze hatte einen guten Riecher und Daniel Fassbender von Anfang an als ihren Blogbuster und ihre Fittiche genommen. Hier ihr Interview mit Daniel im Rahmen des Wettbewerbs:

Beim Video-Interview mit Daniel bekommt man einen ersten Eindruck von den schwindelnden Höhen auf denen er sich gerne rumtreibt.

Der Roman von Daniel Faßbender ist actionreich und spannungsgeladen und hat einen der beste Romananfänge die ich seit längerem gelesen habe. Er hat mich auf jeden Fall dazu gebracht in Vancouver im 23. Stock die Beine durchs Balkongitter hindurch baumeln zu lassen und eine Stadtführung über Münchens Dächer zu entdecken. Literatur verleiht Flügel 😉

Ich bin dann mal auf dem Sonnendeck … ohne Zimtschnecke

Herzlichen Dank an Birgit die ihn mir empfohlen und an den Mirabilis-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier ein Video einer russischen Rooferin. Gucken auf eigene Gefahr, da wird einem schon beim Zuschauen schwindelig:

Hier gehts zur Autorenwebseite.

#WomeninSciFi (28) Die Hochhausspringerin – Julia von Lucadou

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Woohooo Women in SciFi hat die erste Wiederholungstäterin: Birgit von Sätze und Schätze hat sich wunderbarerweise noch einmal mit einen Beitrag für die Reihe beteiligt. Den Orbit müssen wir nicht verlassen, freut euch auf eine spannende Geschichte bei dir wir alle etwas dazu beitragen sollten, dass sie Dystopie bleibt…

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Foto: Pixabay

Man würde meinen, eine Gesellschaft wie die unsere böte alle Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Doch Wohlstand alleine macht offensichtlich nicht frei. Statt Individualität herrscht Konformismus vor. Wir unterwerfen uns den Mechanismen von Social Media, die unsere „Wünsche“ mitdiktieren. Dutzende von Fernsehshows nach dem Motto „Deutschland sucht den Superstar“ kitzeln zugleich den Wunsch der Menschen, etwas „Besonderes“ zu sein und sorgen doch nur für allgemeine Verflachung. Statt Vielfalt Monotonie in der Konsumentenwüste. Der Mensch wird zum Konsumenten, aber Konsumenten wiederum können nur Leistungsträger sein – wer da nicht reinpasst, fällt durch das Netz.

Ins Abgrundtiefe fallen, ohne Netz und doppelten Boden, um aus den „Peripherien“ in die „Stadt“ zu kommen – das nehmen in diesem grandiose Debütroman junge Menschen freiwillig in Kauf. Selbst die Todesgefahr kann sie nicht schrecken: denn das Hochhausspringen, das Tausende von Menschen digital mitverfolgen, ist für viele der einzige Weg in die Elite der Gesellschaft, die eben in der Stadt lebt.

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Foto: Hanser Verlag

Julia von Lucadou zeichnet in dieser Dystopie das Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Performance alles gilt. Gespiegelt an zwei jungen Frauen, deren Schicksal diametral verläuft: Hitomi, die Ich-Erzählerin, das ist die Überangepasste, die nichts mehr fürchtet als den sozialen Abstieg. Sie hat den ersten Schritt geschafft in „der Stadt“ – ein Job als Psychologin, eine eigene Wohnung, scheinbare Sicherheit. Ihr neuer Auftrag scheint der Sprung auf der Karriereleiter zu sein – sie soll eine berühmte Hochhausspringerin, Riva, der Star unter den Sportlern, wieder auf Kurs bringen: Denn unerklärlicherweise weigert sich Riva von einem Tag auf den anderen, zu trainieren. Hito beobachtet ihre „Klientin“ (die davon nichts weiß) rund um die Uhr durch die in Rivas Wohnung installierten Kameras, sie analysiert ihr Gegenüber, versucht über den Partner Rivas zu intervenieren, untersucht ihr Tagebuch:

„In den ersten drei Jahren der App-Nutzung entsprechen Rivas Einträge dem Bild, das sie auch nach außen hin vermittelte. Doch danach verändern sie sich drastisch, die Texte werden notizenhaft und unzugänglicher. Riva erscheint weniger ausgeglichen, aufbrausender, nicht mehr so zielorientiert. Ihr Leistungswille, ihre Selbstdisziplin und Freude am Wettbewerb gingen zurück. Statt Beschreibungen ihres Trainingsfortschritts erstellte sie immer häufiger durchnummerierte Listen mutmaßlicher Erinnerungen, deren Zweck nicht erkennbar ist.“

Was für Hito zunächst ein großer Erfolg zu werden scheint, hat seinen Preis: Es gelingt ihr nicht, Zugang zu Riva zu finden, ein psychologisches Experiment mündet gar in einer Katastrophe aus Sicht der Leistungsträger. Unter Dauerbeobachtung durch ihren Vorgesetzten „Master“ stehend, der jede ihre Leistungen beurteilt, bricht sich der Stress zunehmend psychosomatisch Bahn, geraten Hitos ganzes Leben und ihre Ansichten ins Wanken. Spannend erzählt die Autorin von der entgegengesetzten Entwicklung der beiden jungen Frauen, die sich dann tatsächlich nur einmal begegnen – die eine wählt den Ausstieg aus der schönen neuen Welt, die andere muss mit ihrem Abstieg fertig werden, konsequent in ihrer Sozialisierung jedoch bis zum bitteren und für den Leser überraschenden Ende.

Julia von Lucadou, promovierte Filmwissenschaftlerin, ist mit „Die Hochhausspringerin“ ein Debüt gelungen, das zu fesseln vermag: Eine gut durchdachte Geschichte, die Figuren psychologisch schlüssig, eine spannende Erzählung. Die Filmerfahrung der Autorin macht sich positiv bemerkbar: Manche Szenen sind so plastisch beschrieben, die entsprechenden Bilder ruft das innere Auge sofort hervor. Aber auch stilistisch überzeugend für eine Leserin wie mich, die sich mit der oft von Technik überfrachteten Sprache des Sciene Fiction-Genres schwer tut. Vor allem jedoch scheint das dystopische Weltbild, das Julia von Lucadou hier zeichnet, so bestürzend und greifbar nah.

Die Anerkennung, die Clemens Setz dem Buch zollt, ist gerechtfertigt:

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“

Kluge Köpfe II

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Als sich vor ein paar Tagen „meine“ Siri Hustvedt mit Miriam Meckel in Zürich zum Gespräch traf, wurde ich vor lauter Neid schon ein bisschen ohnmächtig. Es gibt einfach Menschen mit wahnsinnig attraktiven Gehirnen und mit diesen beiden Damen würde ich liebend gerne mal ein paar Nächte durch diskutieren und über die Zukunft der menschlichen und künstlichen Intelligenz sprechen.

Miriam Meckel untersucht in ihrem Buch „Mein Kopf gehört mir“ in 14 Stationen die unterschiedlichen Wege, in denen die Menschen momentan versuchen, ihr Hirn zu tunen und sich mit Hilfe der Technologie in mehr oder weniger Cyborgs zu verwandeln. Dabei reicht es ihr bei weitem nicht, entsprechende Literatur darüber zu lesen, Frau Meckel startet eigentlich überall den Selbstversuch und führt protokollarisch Tagebuch über ihre Erlebnisse.

„Es wird unsere Aufgabe für die Zukunft sein, den Verbindungsbalken zwischen den Hemisphären des neuen Weltgeistes aus menschlicher und künstlicher Intelligenz zu bauen. Wenn es schlecht läuft, werden wir verlieren von dem, was unsere Welt und das Leben schön macht: Kreativität, Emotionen, geistige Einzigartigkeit und die Fähigkeit, Menschen und Dinge zu lieben. Wenn es gut läuft, wird es uns gelingen, die beiden Zustände zu verbinden und in einer großartigen Welt zu leben…“

Das geht von 24 Stunden in der Dunkelkammer, Neuro Enhancer Pillen und Stromstößen fürs Gehirn bis hin zu Spracherkennung über das Gedankenlesen. Nicht alle Versuche gingen spurlos an ihr vorbei und sie hat sich da weit aus ihrer Komfortzone rausgewagt.

Besonders gefiel mir, dass Meckel nie plakativ ins Schwarz-Weiße verfällt. Sie zeigt kritisch Gefahren auf, erklärt aber auch die durchaus bestehenden positiven Möglichkeiten, insbesondere für die Medizin. Immer wieder werden wir mit der Frage konfrontiert, sollen wir wollen, was wir können, was bedeutet das aus ethischer Sicht für die Menschen und wie weit können wir die möglichen Folgen absehen, weil aktuell vieles noch nicht durch Langzeitstudien erforscht ist?

Ein spannendes und unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und ich hoffe noch immer auf einen Besuch der Autorin in München. Mein Hirn war jedenfalls permanent on fire und ich könnte problemlos die ganze Nacht mit Frau Meckel diskutieren – auch ganz ohne Hirnboosting durch Stromzufuhr.

Ich bedanke mich beim Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

Verteidigung des liberalen Charakter

Dieses kleine Büchlein hatte unglaublich viele großartige Erkenntnisse geboten für mich, ich kam aus dem Unterstreichen überhaupt nicht mehr raus. Strenger führt aus, dass die Menschen ihre Freiheiten als selbstverständlich und naturgegeben ansehen und nicht als etwas, dass man sich erarbeiten muss und für das es sich zu kämpfen lohnt.

Wir sehen die politische Stabilität und die Menschenrechte zum Beispiel als eines unserer Grundrechte an und in dem Moment, wo irgendwer diese Rechte beschneidet oder uns ins Gehege kommt, kreiden wir das dem jeweiligen Politiker oder der Gesellschaft als solches an, sehen es aber in der Regel nicht als unser ureigenes Problem an, das wir proaktiv mit lösen müssen.

Die meisten sind so sehr damit beschäftigt, sich selbst zu optimieren durch Sport, die passende Ernährungsweise oder dem optimierten Schlafverhalten, dass neben Beruf und Selbstoptimierung maximal noch Zeit für Beruf und etwas Familie bleibt, aber für die Gesellschaft bleibt am Ende nichts übrig.

Wir haben meistens kein größeres Ziel, als uns selbst zu verbessern, was dazu führt, dass unsere gesellschaftlichen Systeme einknicken oder von rechts unterwandert werden. Wir sind zuviel mit uns selbst beschäftigt und haben keine Zeit und nicht genügend Interesse, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Eine Kritik, die ich mir auch persönlich gefallen lassen muss. Ich sehe einiges positiver als Strenger, aber grundsätzlich trifft er mit vielen Punkten ins Schwarze.

Die größte Leistung der westlichen Aufklärung liegt darin, dass sie den Menschen die Möglichkeit, gibt ihr Leben frei gestalten zu können und es heute mehr Auwahl gibt als je zuvor. Das ist aber nicht nur Anlass zur Freude, denn es bedeutet auch, dass die Menschen sich ihre existentiellen Fragen nach dem Warum, ihrer Identität, dem Sinn etc. selbst beantworten und ihrem Leben einen eigenen Sinn geben müssen. Manche Menschen befreit diese Freiheit, doch für einige bedeutet es ein zu viel an Verantwortung, Mut und Anstrengung und das auch noch ohne Erfolgsgarantie.

„Wo negative Freiheit als Freiheit von äußeren Zwängen definiert ist, besteht die positive darin, dass wir wirklich autonom sind. Wahre Selbstbestimmung erfordert Vernunft, Wissen und Disziplin. Mit negativer Freiheit ist durchaus vereinbar, dass wir zu Sklaven unserer Leidenschaften, Begierden oder auch äußerer Manipulation werden. Der Begriff der positiven Freiheit hingegen gibt einer starken menschlichen Intuition Ausdruck: Wahrhaft frei sind wir nur dann, wenn wir die negative Freiheit mit Inhalten füllen, für die wir uns bewusst entschieden haben.“

Die westlichen Gesellschaften werden nicht überleben können, wenn die Menschen nicht bereit sind, ihre persönliche und gesellschaftliche Freiheit zu verteidigen.

Mit eines der wichtigsten Bücher für mich, die ich dieses Jahr gelesen habe. Spannend und bringt das Hirn garantiert auf Hochtouren.

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Ich habe hier ja schon bis zum Abwinken seine beiden Bücher „Sapiens“ und „Homo Deus“ besprochen, beworben und vielfach verschenkt und zugegebenermaßen ist hier nichts neues drin, da es sich hier um einen Auszug aus seinen beiden Büchern handelt. Trotzdem. Es hat sich gelohnt, dieses Büchlein zu lesen.

Der erste Teil erzählt die Geschichte des Geldes. Wie und warum wurde es erfunden? Warum hat es so eine derart große Bedeutung in unserem Leben und macht es uns eher glücklich oder unglücklich? Im zweiten Teil entwickelt er Zukunftsszenarien zur Zukunft der Menschheit, des Individuums und der Gesellschaft. Wir befinden uns am Rande einer Revolution, ob wir das wollen oder nicht.

Seine brillianten Einsichten, Klarsicht und seine Weitsichtigkeit sorgen für Lektüre die den Leser aufrüttelt, zum Nachdenken bringt und wer sich bislang nicht sicher war, ob er seine beiden Bücher lesen sollte, spätestens nach diesem Auszug dürfte alles klar sein.

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Die beiden Essays machte Susan Sontag über Nacht zu einer literarischen Sensation und waren die ersten, die versucht die Grenzen zwischen der sogenannten „Hoch- und Trivialkultur“ zu überwinden.

„Camp“ auf Deutsch vielleicht mit dem Begriff „Kitsch“ oder „affektiert“ zu übersetzen ist eine bestimmte Form des Ästhetizismus. Eine bestimmte Art, die Welt zu sehen. Es hat nicht unbedingt mit Schönheit im klassischen Sinne zu tun, sondern mehr mit einer Versinnbildlichung der artifiziellen stilisierten Form.

The more we study Art, the less we care for Nature“

„The ultimate camp state means it’s good because it’s awful“

Mir hat der zweite Essay „One Culture and the New Sensibility“ vielleicht sogar noch besser gefallen. Es beschäftigt sich mit der nach wie vor aktuellen Debatte um den Bruch zwischen low und high brow Kultur und die Weiterentwicklung in die sogenannte nobrow Kultur.

„One important consequence of the new sensibility is that the distinction between high and culture seems less and less meaningful.“

4 Hirne und die daraus entstandenen Texte/Bücher, die garantiert den Blickwinkel erweitern und die eigenen Synapsen zum Glühen bringen. Hier die klugen Köpfe noch mal im Überblick:

  • Miriam Meckel „Mein Hirn gehört mir“ erschienen im Piper Verlag
  • Carlo Sprenger „Abenteuer Freiheit“ erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Yuval Noah Harari „Money“ erschienen im Vintage Verlag
  • Susan Sontag „Notes on Camp“ erschien im Penguin Verlag

#WomeninSciFi (21) Macht – Karen Duve

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Karen Duve ist neben Juli Zeh eine der deutschsprachigen Autorinnen, die ich am liebsten lese. Da kann man sich auf intelligente, spannende, aber auch gerne mal böse Unterhaltung freuen. Wie Frau Duve in einem Interview selbst sagte, Strandlektüre gibt es genug, man kann und sollte den Leuten ruhig mal was zumuten. Und das tut sie.

Ihr Protagonist Sebastian ist ein echtes Arschloch. Früher als veganer Ökokämpfer bei Greenpeace unterwegs, hat er inmitten des drohenden Weltuntergangs seine Männlichkeit wiederentdeckt und hält seine Ex-Frau im Keller gefangen.

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„Wir können alles tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn man keine Zukunft hat.“

Ihr 400-seitiger Roman ist ein bitterböser Dystopie-Spaß, der in nicht allzuferner Zukunft im Jahre 2031 spielt. Das Wetter dreht durch, kein Tag mehr unter 36 Grad in Deutschland, Fleischkonsum ist nur noch per Co2-Punkt möglich und die Männer haben das sinkende Schiff verlassen. Jetzt wo nix mehr zu retten ist, darf der Staatsfeminismus ran. Aber nach wie vor beschäftigen die Menschen sich weniger mit möglichen Auswegen aus der Katastrophe, als mit Verjüngungspillen, ob die Krebs verursachen oder nicht.

„Jeder Staatsapparat ist machtlos, wenn nur eine genügend große Zahl von Menschen beschlossen hat, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. Deswegen geben religiöse Führer ja auch nie nach, sondern bringen ihre Anhänger gegen jede Vernunft und Menschlichkeit dazu, kleinen Jungen ein Stück vom Penis abzuschneiden oder ein lebendiges Tier aufzuschlitzen.“

„Religionen sind totalitäre Systeme, und die Sehnsucht des Menschen nach Religion ist die Sehnsucht des Menschen nach totalitären Systemen.“

Die „Bio“-Jugend sticht die „Chrono“-Jugend aus, denn die haben neben der straffen Haut auch noch das entsprechende Kleingeld und Lebenserfahrung. Auch sonst hat man 2031 wenig Grund zur Freude. Radikale Endzeitsekten, randalierende Männergruppen, Hitzestürme und Lebensmittelknappheit. Der Weltuntergang ist nichts für Weicheier, immerhin sehen die meisten gut aus dabei.

Nach „Anständig Essen“ und „Warum die Sache schief geht“ ein weiteres Werk Duves, das sich mit der drohenden Klimakatastrophe beschäftigt. Das Buch ist ähnlich provokant, noch mal eine Schippe böser und dabei richtig spannend geschrieben. Langweilig wird einem auf keinen Fall.

In der Presse ist es meiner Ansicht nach zu Unrecht verrissen worden, denn da steckt einfach eine Menge Wahrheit in dem Roman. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir von Klimaflüchtlingen sprechen und die dadurch ausgelösten Völkerwanderungen wird kein Zaun so einfach aufhalten können. Aber noch machen wir einfach „Business as Usual“, sollen sich doch die späteren Generationen um die Sache kümmern, jetzt haben wir viel wichtigere Dinge zu klären. Quod esset demonstrandum.

Irgendwo wurde Frau Duve als „Weltuntergangsfetischistin“ bezeichnet, ein Titel, den ich ihr zu gerne streitig machen würde, schließlich bin ich jederzeit für einen guten Weltuntergang zu haben.

„Und wenn ich eine Prognose wagen darf: Es werden nicht die mit dem Fahrradhelm sein, die am längsten überleben.“

Karen Duve „Macht“ ist im Galiani Verlag erschienen.

#WomeninSciFi (13) Corpus Delicti – Juli Zeh

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Masuko, die leidenschaftliche Leserin vom Literaturblog „Masuko13„, bringt uns nach dem Ausflug ins All letzte Woche mit Juli Zeh wieder zurück auf festen Boden. Und erstmals auch auf deutschen Boden, den man ja irgendwie weniger mit  SciFi und Dystopien verbindet.

Masukos Blog ist nur ein „halb-gefährlicher“ Ort für mich, denn wir haben richtig viele Überschneidungen, so dass ich die meisten von ihr besprochenen Bücher ohnehin gerade gelesen oder gekauft habe – aber wenn sie etwas mir Unbekanntes bespricht, landet es ziemlich garantiert auf meiner Wunschliste. Ich bin noch am überlegen, wer von uns beiden das größere Murakami-Fangirl ist, über die Beprechung einer seiner Romane bin ich auch auf ihrem Blog gelandet und seitdem fröhlich hängengeblieben.

Ich habe mich sehr gefreut, dass Masuko bei dem Projekt dabei ist – ich hoffe sehr auf ein Treffen irgendwann in Berlin bei einem japanischen Whisky oder ich lasse mich im Buchladen von Dir beraten. Jetzt Vorhang auf für Juli Zeh – die Grand Dame der deutschen Dystopie:

Warum ich vor wenigen Tagen Corpus Delicti gelesen habe, hat mehrere Gründe. An erster Stelle steht, dass du, Sabine, mich gefragt hast, ob ich für deine Serie Women in SciFi eine Rezension schreiben möchte. Außerdem schätze ich Juli Zeh wirklich sehr, ich liebe dystopische Romane und zusätzlich beschäftigt mich das Thema “Leben in einer Diktatur” gerade sehr.
Das liegt daran, dass ich vor einiger Zeit in der Berliner Gedenkstätte Hohenschön-hausen gewesen bin. Hier hat in den Zeiten der DDR die Stasi ihre Opfer verhört, gefoltert, schikaniert. Eiskalt wurde mir in den Kellern und Verhörzimmern. Das System der Überwachung in der DDR war flächendeckend und – bedenkt man die technisch begrenzten Mittel im Vergleich zu heute oder gar in naher Zukunft – erschreckend perfekt. Was, wenn es die Stasi heute immer noch gäbe?

Genau deshalb fand ich es so spannend, wie Juli Zeh einen solchen Unrechtsstaat der Zukunft beschreibt. Eindrucksvoll erzählt sie in Corpus Delicti, wie es sich anfühlt, unter ständiger Beobachtung und Überwachung zu stehen. In ihrem Roman gibt es keine Demokratie mehr. Das aktuelle Staats-System nennt sich die METHODE, ist allmächtig und ewig kontrollierend. Es dient dem “Wohle des Menschen”. Krankheiten sind ausgemerzt. Rauchen ist verboten. Gegessen, getrunken und geliebt wird nach vorgegebenen Standards. So sind Partnerschaften nur dann möglich, wenn bestimmte immunologische Kategorien erfüllt, Mann und Frau kompatibel sind. Sport gehört zum täglich zu absolvierenden Pensum. Um all dies kontrollieren zu können, trägt jeder Mensch einen in den Arm implantierten Chip. Verstösse gegen das System oder gar Versuche, es zu verlassen, werden sofort erfasst. Denn die Sensoren der METHODE sind überall. Subversive Elemente werden verfolgt und ausgeschaltet oder umgeschult. Konform gemacht.

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Gegen dieses System rebelliert Mia Holl. Sie ignoriert die täglichen Vorgaben auf dem Hometrainer. Sie raucht heimlich und immer in Gedanken an Moritz. Die Zigarette schmeckt nach seinem Lachen, seiner Lebenslust, seinem Freiheitsdrang. Moritz ist für Mia das Symbol der Freiheit, er hat ihr beigebracht, Dinge in Frage zu stellen, gegen die METHODE zu rebellieren. Er hat sie gelehrt, Grenzen zu überschreiten. Nicht nur psychische, nein auch echte. Da war der “unhygienische Wald”, durch den sie gern unkontrolliert liefen, um im nahen Fluss zu fischen, ein Feuer zu machen und die schuppigen verkohlten Fische dann zu verzehren. Kein Warnschild, nichts konnte sie bremsen:

Hier endet der nach Paragraph 17 Desinfektionsordnung kontrollierte Bereich. Verlassen des Hygienegebiets wird nach Paragraph 18 Desinfektionsordnung als Ordnungswidrigkeit zweiten Grades bestraft (S. 90).

Doch Moritz ist tot. Und Mia fordert Wiedergutmachung für ihren Bruder, der zu Unrecht verhaftet wurde, seine Unschuld nicht beweisen konnte und in seiner Zelle Selbstmord. begangen hat. Die METHODE zu bekämpfen jedoch, ist lebensgefährlich. Jeder Anti-Methodist gilt als Reaktionär, wird mundtot gemacht. Das bekommt schließlich auch Mia zu spüren.

Corpus Delicti ist so ein Roman, nach dessen Lektüre ich mich frage, wie gläsern ich selbst bereits bin und wie viel von meiner Individualität ich bereits verloren habe. Denn, egal ob Partnersuche nach Algorithmen oder Datenerfassung im Gesundheitssystem, die Kontrolle ist gegenwärtig. Fehlt nur noch der Chip im Oberarm und die entsprechenden Machtmechanismen, diesen zu missbrauchen? STOP! NEIN! Niemand kann das wollen. Wollen wir nicht viel lieber weiterhin unkontrolliert und frei leben, die Möglichkeit haben, Entscheidungen zu treffen – und seien sie noch so ungesund oder gefährlich?! Ich selbst glaube an das Chaos und an den Zufall, ich will den “unhygienischen Wald” und den ungewaschenen Apfel. Und natürlich will ich Kaffee, Bier und Wein.

 

Schmale Schönheiten I

Die fette Erkältung, die mich kürzlich lahmlegte, führte dazu, dass ich eine ganze Reihe dünner Bücher aus dem Regal holte. Ich mag das Gefühl nicht, den ganzen Tag nix zu schaffen und ein Buch durchzulesen gibt einem zu mindest ein Minimum an „erledigt“ am Tag, wenn man auch sonst nur wenig von der To Do Liste abgearbeitet bekommt.

Ob das Gefühl des immer „beschäftigt sein müssens, um sich nützlich zu fühlen“ so das Vernünftigste ist, steht auf einem anderen Blatt – auf jeden Fall habe ich mich in letzter Zeit durch eine Reihe dünnerer Bände gefräst. Hier der erste Teil derer, die ich zu den schmalen Schönheiten zähle, davon wird es sogar noch einen zweiten Teil geben. Es gab aber auch wieder Futter für die Rubrik „Connection with Reader could not be established“ – die kommen aber demnächst separat. Hier jetzt erst einmal zu denen, die ich eher zu den Schönheiten zählen würde.

Den Anfang macht „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ – Peter Stamm

Stamm

Vom Titel her hätte das auch ein Kettcar Album sein können, ich bin zumindest entsprechend darauf angesprungen. Die schönste Kurzzusammenfassung las ich in der Zeit, die dazu schrieb: „In seinem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ erzählt Peter Stamm erneut, wie Literatur so lange ins Leben eingreift, bis Realität und Fiktion verschmelzen.“

Bäm – genau so. Die Idee des Buches fand ich genial, die Umsetzung war nicht perfekt. Die Figuren haben mich überraschenderweise seltsam kalt gelassen und so schön ich auch den einen oder anderen Satz fand und ihn herausgeschrieben habe, ich fürchte das ist – trotz aller definitiv vorhandener Schönheit – ein Buch an das ich mich bald nicht mehr wirklich erinnern kann.

Christoph und Chris, Magdalena und Lena – zwei Paare in Dopplung, das jeweilige Paar mit seinem Gegenbild. Der heutige Christoph trifft sein jüngeres Ich sowie die Partnerin seines früheren Ichs und die Frage ist, könnte man sein eigenes Leben mit dem Wissen von heute rückwirkend in andere Bahnen lenken?

Ein Buch, das einen definitiv zum Nachdenken bringt, wunderschön erzählt wird, nur die Nachhaltigkeit der Geschichte, die stelle ich ein wenig in Frage. Trotzdem zähle ich das Buch definitiv zu den schmalen Schönheiten, ich habe es mit großem Genuß gelesen und wieviel ich davon in ein paar Monaten tatsächlich noch weiß, das werde ich ja sehen.

„Ich denke an mein Leben, das noch gar nicht stattgefunden hat, unscharfe Bilder, Figuren im Gegenlicht, entfernte Stimmen. Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.“

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – Ernest van der Kwast

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Vor einer ganzen Weile sahen wir in einem Restaurant einen mega-schicken Herrn – sehr extravagant und cool gekleidet, der gleichzeitig intellektuell, cool und lässig wirkte, allein an einem Tisch sitzen und lesen. Wir waren beide so fasziniert von seiner Ausstrahlung, das wir unbedingt wissen wollten, was er wohl liest. Es war Ernest van der Kwasts Buch und es hat uns umgehend in den Buchladen geführt, wo wir das Buch suchten und kauften, er hatte uns wirklich neugierig gemacht 😉

Ist das schon Leser-Stalking? Auf jeden Fall habe auch ich jetzt endlich geschafft, mich dem dünnen Büchlein zu widmen. Ich bin jetzt nicht so der Liebesgeschichten-Typ, aber es wirkte spannend, der interessante Typ hat es gelesen, die Bingereader-Gattin war sehr angetan davon und ganz ehrlich – bislang hab ich noch kein wirklich schlechtes Buch aus dem Mare-Verlag gelesen. Keine Ahnung, warum es dennoch einige Zeit dauerte, bis ich mich endlich daran machte, mich in „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ ins Italien der Nachkriegszeit zu begeben.

Die beiden Brüder Ezio und Alberto liegen im Nachkriegssommer am Meer und beobachten Mädchen, als die 20jährige Giovanna Berlucci eines Tages in einem Zweiteiler – dem ersten Bikini – aus dem Meer steigt. Ezio verliebt sich auf der Stelle und Hals über Kopf in das junge Mädchen und es gelingt ihm auch, für kurze Zeit ihr Herz zu erobern.

„Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war.“

Nach nur kurzer Partnerschaft und im Rausch der ersten Liebe macht Ezio ihr einen Heiratsantrag, doch Giovanna liebt nicht nur das Meer, sondern auch ihre Freiheit und ohne zu antworten läuft sie aufs Meer zu und verschwindet in den Fluten. Ezio kann mit dieser Schmach nicht leben, er flieht nach Südtirol, wird Apfelpflücker und tut alles, um Giovanna zu vergessen, doch nach 60 Jahren bekommt er auf einmal einen Brief von Giovanna …

„Die schöne Schrift“ – Rafael Chirbes

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Das Buch habe ich meinem Bruder irgendwann mal aus dem Regal gemopst und wenn ich recht drüber nachdenke, das nächste auch (und noch nicht wieder zurückgegeben – uiuiiiiuiiii….)

Ich habe das Buch direkt nach den „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ gelesen und der verrückte Effekt war, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die „Fünf Viertelstunden“ noch einmal zu lesen nur dieses Mal aus Giovannas Sicht, was ihr in diesen sechs Jahrzehnten so passiert ist.

Ist natürlich Quatsch, das Buch hat damit überhaupt nix zu tun, dennoch fiel es mir regelrecht schwer, mir immer wieder beim Lesen vor Augen zu halten, dass das hier ein komplett anderes Buch ist und die Lebensgeschichte einer ganz anderen Frau erzählt.

Eine einfach ältere Dame erzählt ihrem erwachsenen Sohn in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ihrem bewegten Leben, von ihren seltenen Momenten des Glücks und den häufigeren Augenblicken des Schmerzes, der Sorge, der Liebe und der Verletzungen. Die Familie hielt zusammen während der Zeit des spanischen Bürgerkrieges und den Jahren danach, doch dieser Familienzusammenhalt brach zusammen durch die Heirat ihres Sohnes mit einer überaus hübschen und ehrgeizigen Frau. Ihr wird klar wie sehr sie sich auch von ihrem eigenen Sohn entfernt hat, denn sonst würde er sie nicht aus ihrem eigenen Haus vertreiben, um an desssen Stelle ein lukratives Mietshaus zu errichten. Die Protagonistin Ana erklärt nicht nur ihrem Sohn, sondern vielmehr sich selbst, warum ihr Leben verlaufen ist, wie es verlaufen ist und was das alles für sie bedeutet.

Ein Rückblick auf ein schweres Leben voller Entbehrungen.

Ich mochte Chirbes kargen, prägnanten Schreibstil sehr, der mit sparsamen Worten so viel mehr erzählt als andere auf hunderten von Seiten. Eindrucksvoll und ganz ohne Pathos.

Air Mail – Jeffrey Eugenides

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Eugenides ist nicht nur auf der Langstrecke klasse, er überzeugt mich definitiv auch auf der Sprint-Strecke. Drei Kurzgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ersten treffen wir auf Mitchell, der in Thailand aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus mit entsprechender Diarrhö zu fasten beginnt. Dieses Fasten in einem thailändischen Backpacker-Camp nimmt immer extremere Ausmaße an wird fast zum esoterischen Spiel um Leben und Tod. Die Grenzen zwischen der realen und der spirituellen Welt zerfließen immer mehr, bis sie für Mitchell irgendwann nicht mehr wirklich von einander zu unterscheiden sind…

In der zweiten Geschichte sucht eine verzweifelte Frau mehr oder weniger nach einem Begatter, von dem sie auf einer Party ganz zwanglos etwas Samen abzapfen kann. „Bratenspritze“ ist wunderbar ironisch und vielleicht hat fast jeder von uns eine Tomasina im Bekanntenkreis, die man sich nur zu gut mit der Bratenspritze vorstellen kann.

Auf der Party erhält sie wie gewünscht den Samen, aber da ist auch Wally, der etwas klein geratene Geschäftsmann, mit dem sie vor Jahren mal zusammen war und der sie irgendwie immer noch liebt …

In der letzten Geschichte geht es um den Sohn wohlhabender Eltern, die ihr gesamtes Vermögen in eine abgewirtschaftete Hotelanlage gesteckt haben und die der Vater verzweifelt versucht, zu renovieren. So marode wie die Hotelanlage ist, ist auch die Gesundheit der Eltern und der Sohn wird sich bewusst, dass auch er irgendwann einmal seinen eigenen Wunschbildern zum Opfer fallen wird.

Kurzgeschichten auf höchstem Niveau, rasant erzählt mit spannenden Wendungen.

Hier noch mal im Überblick:

Welche Bücher für ein zwar schnelles aber dennoch tiefgründigen „Quickie“ könnt ihr empfehlen?