#WomeninSciFi (41) Das Buch von der Stadt der Frauen – Christine de Pizan

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Ich freue mich sehr, dass diese Reihe jetzt auch mit der Rezension einer waschechten wunderbaren Kunsthistorikerin aufwarten kann. Meine Freundin Moni entführt uns mit ihrer Besprechung aber nicht in die – dem Genre mehr entsprechenden Zeithorizont Zukunft sondern ins späte Mittelalter. Lehnen Sie sich zurück, machen Sie es sich bequem, wenn es jetzt in die vermutliche früheste Ära der Science Fiction Literatur geht:

Wie passt nun eine mittelalterliche Handschrift aus Frankreich in Sabines Reihe „Women in SciFi“?

Wenn die Utopie als Teilbereich von Science Fiction gilt, dann kann und muss man diese Schrift von Christine de Pizan dazu zählen. In einer Utopie verhält sich die Vorstellung dessen, was sein sollte, negativ zu dem, was ist.

 

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Christine de Pizan entwirft eine wünschenswerte zukünftige Gesellschaftsform, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter geprägt ist. Sie schreibt: „Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.“

Wir gehen zurück ins Jahr 1405. ‚Das Buch von der Stadt der Frauen‘ erscheint in Paris. Geschrieben hat es Christine de Pizan. Sie wurde 1365 in Venedig geboren und wuchs in Paris auf. Mehr zu ihrer außergewöhnlichen Biographie findet sich im FrauenMediaTurm.

Da wir uns in der Zeit vor dem Buchdruck befinden, handelt es sich um eine Handschrift. Text und Bild wurden von Hand angefertigt. Insgesamt haben sich 25 Exemplare dieses Buches – allesamt französischsprachig – erhalten.

Die Handschrift mit der Signatur BNF ms. Fr. 607, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird, entstand zu Christine des Pizans Lebzeiten und hat die Maße 345 mm x 255 mm. Das Material ist Pergament; der Einband ist aus gelbem, weichem Ziegenleder gefertigt. Dieses Exemplar ist die Grundlage für die Übersetzungen ins moderne Französisch, ins Englische, Niederländische, Italienische und Deutsche.

 

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v

 

Der Text ist regelmäßig in zwei Kolumnen geschrieben; jede zählt zwischen 40 und 42 Zeilen. Auf insgesamt 79 folia ist ausschließlich der Text der Cité des Dames geschrieben (das ist bei Handschriften nicht immer so, Platz war knapp, Pergament wertvoll). Es gibt drei Abbildungen: fol. 2, fol.31v und fol. 67v sind jeweils mit Miniaturen ausgestattet.

Die Dreizahl ist kennzeichnend für den Aufbau des Buches, das ein allegorisch-didaktischer Traktat ist. Die drei unterschiedlich langen Kapitel der Schrift entsprechen den drei Bauabschnitten, in denen die Stadt der Frauen gebaut wird. Zuerst werden die Fundamente ausgehoben, dann die Häuser und Paläste gebaut, vollendet durch die Dächer, Stadttore und die Schlüsselübergabe. Ausgehende von der These, dass Männer und Frauen in intellektueller und moralischer Hinsicht vollkommen gleichwertig sind und deshalb auch so behandelt werden müssen, konstruiert Christine de Pizan eine Stadt, in der die tugendhaften Frauen sich auf ewig aufhalten können und dort Schutz vor den misogynen Angriffen ihrer Zeitgenossen finden. Bärbel Zühlke, die über das Buch von der Stadt der Frauen geforscht hat, schreibt dazu: „Der Prozess des Erbauens einer Stadt wird mit der intellektuell-physischen Tätigkeit des Schreibens eines Buches identifiziert.“ (in: Bärbel Zühlke: Christine de Pizan in Text und Bild. Zur Selbstdarstellung einer frühhumanistischen Intellektuellen, Stuttgart/Weimar 1994 (Ergebnisse der Frauenforschung; 36) S. 100).

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v, Detail

 

Wird heute noch darüber gesprochen?

Leider viel zu wenig. In den jüngsten Spiegel-Artikel über Frauen, die „man heute kennen muss“, hat Christine de Pizan es leider nicht geschafft.

Auch die deutschsprachige Ausgabe des ‚Buches von der Stadt der Frauen‘ ist momentan nur antiquarisch zu haben.

Das Thema an sich ist erfreulicherweise für die koreanische Künstlerin Lee Bul aktuell: „Mich interessiert, wie sich Menschen in der Vergangenheit ihre utopische Zukunft vorstellten.“

Eine umfassende Werkschau, kuratiert von Stephanie Rosenthal, über utopische Sehnsüchte.

Lee Bul: Crash – 29. September 2018 bis 13. Januar 2019 – Gropius Bau in Berlin.

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The Black Tulip – Alexandre Dumas

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Zweimal im Jahr erscheint mein heißgeliebter „Happy Reader“ aus dem Penguin Classics Verlag und als virtueller Bookclub wird gemeinsam ein Roman gelesen, der im folgenden Heft dann ausführlich besprochen wird. Das Buch für den Sommer 2018 war Dumas‘ „The Black Tulip“, der gelegentlich sein letzter großer Roman genannt wird und der stets im Schatten der deutlich berühmteren „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“ steht.

Wer das erste Kapitel übersteht, das etwas hölzern mit Einblicken in die niederländische Politik beginnt, wird mit einem verwegenen, spannenden Pageturner belohnt. Die Geschichte bietet einen ganzen Fächer an Themen, die Dumas wunderbar miteinander verbindet: Liebe, Mut, Ehrlichkeit und Neid.

Die Brüder Cornelius und Johann de Witt (hochrangige Politiker im damaligen Holland) werden des Hochverrats beschuldigt und des Landes verwiesen. Cornelius wurde gefoltert in der Hoffnung, er würde zugeben mit dem französischen König gemeinsam eine Verschwörung gestartet zu haben.

Was Cornelius weder getan hat, noch unter Folter gestand.

Er hat mit dem französischen König zwar korrespondiert, die Briefe waren aber harmloser Natur und Cornelius hinterlegte diese bei seinem Neffen Cornelius Baerle aus Angst, diese Briefe würden Anlass genug sein, ihn und seinen Bruder Johann aufs Schafott zu bringen.

Im Rückblick muss man sagen, wären sie doch nur so glücklich gewesen auf dem Schafott zu landen. Stattdessen wurden sie auf dem Weg ins Exil vom Mob auf der Straße aufgehalten. Dieser Mob, also die sogenannten braven Bürger von denen man das Obst, Gemüse und Brot kauft, bei denen man sich Kleider anfertigen lässt oder Schränke herstellen, die waren mit dem Urteil Exil nicht happy. Die wollten Blut und Köpfe rollen sehen. Durch finstere Machenschaften des William von Orange bekommt der Mob die Chance, die beiden Brüder in die Finger zu bekommen.

”And everyone wanted to strike a blow with a hammer, a sword or a knife, everyone wanted to have his drop of blood and tear off his scrap of clothing.
When the two bodies were thoroughly beaten, thoroughly dismembered, and thoroughly stripped, the mob dragged them naked and bleeding, to an improvised gibbet, where amateur executioners hung them up by the feet.”

Der gleichnamige ahnungslose Neffe Cornelius kümmert sich in der Zeit nichtsahnend um seine geliebten Tulpen, während ein böser neidischer Nachbar, der selbst kein Glück mit seinen Tulpen hat, ihm die Zuchterfolge nicht gönnt und ihn hinterrücks bei der Obrigkeit als Mitverschwörer verpfeift. Der arme Cornelius landet lebenslang hinter Gittern, gerade als er begonnen hatte, sich an einem Wettbewerb zu beteiligen, der einen großen Preis auslobte für den, dem es zuerst gelang, eine schwarze Tulpe zu züchten.

Die Geschichte dreht sich um den unglaublichen Mut und das Durchhaltevermögen des Cornelius van den Baerle bei der Verwirklichung seines Traums, eine schwarze Tulpe zu züchten. Er wird dabei von der mutigen und cleveren Rosa Gryphus unterstützt, der Tochter seines Kerkermeisters, in die sich Cornelius verliebt.

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Man mag nicht glauben, wie spannend das Schicksal von drei Tulpenablegern sein kann und wie sehr man mitfiebert in der Hoffnung, eine davon möge es schaffen und nicht dem neidischen Schurken Boxtel in die Finger geraten. Rosa gerät in einen Mahlstrom an Tulpen-Obsession, die man so seit dem Zerplatzen der Tulpenblase im Jahr 1637 nicht mehr gesehen hat. Sie liebt Cornelius und hilft ihm, wo sie kann, kann sich aber nie ganz sicher sein, ob sie nicht immer erst an zweiter Stelle nach seiner Liebe zu den Tulpen kommen wird.

“Sometimes one has suffered enough to have the right to never say: I am too happy.” 

Mir hat dieser dunkle, floristische, etwas blutige Thriller durchaus Spaß gemacht. Der schon zu Lebzeiten unglaublich berühmte Alexandre Dumas hat im Übrigen satte 650 Bücher geschrieben in jedem nur vorstellbaren Genre: Belletristik, historische Romane, Reisebeschreibungen, „True Crime“ und Kochbücher. Ich bin schwer beeindruckt…

Auf deutsch ist der Roman unter dem Titel „Die schwarze Tulpe“ im Belle Epoque Verlag erschienen.

Books & Booze – Die Mandarins von Paris

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Wer in unserer illustren Runde der fröhlich pichelnden Schriftsteller natürlich nicht fehlen darf, ist Simone de Beauvoir, die berühmte Autorin, Philosophin und Frauenrechtlerin. Philosophie und Cocktails haben eine ganz intime Beziehung. Es war sogar ein Cocktail, der den französischen Existentialismus letztendlich inspiriert hat.

Eines abends im Jahr 1932 saß Simone mit Jean-Paul Sartre und ihrem gemeinsamen Freund Raymond Aron in einer chicen Pariser Bar, dem Bec de Gaz. Aron sinnierte so vor sich hin, dass Phenomenologisten sogar über Aprikosen-Cocktails philosophieren könnten. Sartre und Beauvoir wurden berühmt dafür, eine Philosophie der alltäglichen Dinge geschaffen zu haben, eben jenen französischen Existentialismus. Berüchtigt waren sie eher, wenn es um ihre Trinkgewohnheiten ging. Beauvoir flirtete stets recht hingebungsvoll mit Gin Fizzes und hat als Morgenroutine erstmal zwei Vodka getrunken und ein paar Whiskies über den Tag verteilt.

Einen besonderen Stellenwert hatte aber in der Tat der Aprikosen-Cocktail, den sie in ihrem Buch „In den besten Jahren“ erwähnt:

“I had a weakness for two specialities – mead cocktails at the Vikings’ Bar, and apricot cocktails at the Bec de Gaz on the Rue Montparnasse: what more could the Ritz Bar have offered us?”

Cocktailbars sind die perfekten Foren für philosophische Untersuchungen, weil sie einen ruhigen Hafen bieten im Trubel und Chaos der Welt, wo man Beziehungen anbahnen, erkunden und vertiefen kann und nie lässt sich die Welt erfolgreicher verändern als mit einem Cocktailglas in der Hand.

Wer Lust auf tiefe Gedanken und süßen Genuss hat, der sollte es mit der Variante der Münchner Küchenexperimente von Simone de Beauvoirs Lieblingscocktail versuchen. Die ist so gut, da kommen nicht nur Philosophen ins Schwärmen.

Man nehme

  • 1 TL Vodka
  • 4 EL Aprikosenpürree
  • mit Champagner aufgiessen

Santé!

Am besten genießt man den Cocktail im Übrigen mit meinem Lieblingsbuch von Simone de Beauvoir den „Mandarins von Paris“ oder dem wunderbaren „Das Café der Existentialisten“ von Sarah Bakewell.

 

Desorientale – Négar Djavadi

Desorientale

Wir lernen die Protagonistin Kimia, eine moderne junge iranische Frau kennen, während sie in einer Kinderwunschklinik im Wartezimmer sitzt und auf ihre Befruchtung wartet. Während des Wartens denkt sie an ihre Vergangenheit und erzählt dem Leser von ihrer Familie, dem Sadr Clan, ihrer Herkunft und über ihre weitläufige Verwandtschaft: ihre Großmutter, die noch in einem  Harem geboren wurde, ihre zahlreichen Onkel, die einfach in der Reihenfolge ihrer Geburt Onkel Nr. Eins, Zwei, Sechs genannt wurden, ihr Vater der Journalist, Aktivist und Dissident war und sowohl den Schah als auch Khomeini ablehnte. Sie erzählt von ihrer gleichfalls als Aktivistin tätigen modernen Mutter und von blauen Augen, die dem Familien-Gen Pool vor Ewigkeiten beigefügt wurden und die eine besondere Rolle spielen.

Djavadi fängt die Kultur des Irans ein, ihre Sprache ist clever, amüsiert und unbeschwert. Sie läßt uns hinter die Kulissen schauen und zum ersten Mal hatte ich zumindest ansatzweise das Gefühl zu verstehen, dass der Konflikt zwischen Konservatismus und der Liberalismus auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgehen, die Einmischung der USA und Englands weil sie gierig waren auf die Ölvorkommen im Iran und wie es zu der religiösen Revolution um Khomeini kommen konnte. Es ist schwer sich vorzustellen, wie modern und weitgehend ohne Religion zumindest die Intellektuellen in Teheran lebten.

„Der Iraner mag weder die Einsamkeit noch die Stille – wobei jedes andere Geräusch als die menschliche Stimme, selbst der Lärm eines Verkehrsstaus, als Stille empfunden wird. Wäre Robinson Crusoe ein Iraner gewesen, er hätte sich gleich nach seiner Ankunft auf der Insel zum Sterben hingelegt und die Sache wäre erledigt gewesen.
Diese Neigung ständig zu schwatzen, bei der Begegnung mit anderen Sätze wie Lassos in die Luft zu werfen, Geschichten zu erzählen, die sich wie Matroschkas öffnen und immer neue Geschichten hervorbringen, ist wahrscheinlich eine Art, sich einem Schicksal anzupassen, in dem es nur Invasionen und Totalitarismus gegeben hat.“

Das Buch ist auch die Geschichte von Kimias Coming-out, die schon als junges Mädchen im Iran noch feststellt, dass sie eher Frauen liebt und wie sie im Laufe der Zeit mit sich selbst ins Reine kommt und ihren Frieden mit sich schließen kann.

Desoriental ist ein wunderschönes Buch mit einer selbstsicheren Erzählerin, mitreißenden Charakteren, toller Musik und einem überraschenden Ende.

Ein Buch, das man am besten mit dieser Playlist liest:

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Happy Halloween

Halloween ist eines meiner liebsten Ausreden für durchgeknallte Deko, gruselige Filme und Bücher, zu viele Süßigkeiten und obskure Verkleidungungen.

Dieses Jahr musste der Bookclub daran glauben, den ich zu einer Halloween-Party light verdonnert habe, inklusive eines waschechten Scream-Auftritts.

Die Halloween-Lektüre dieses Jahr begann für mich mit einem Buch, auf das ich schon während der Leipziger Buchmesse aufmerksam wurde. Wenn bei Diogenes Phantasy/Horror erscheint, horche ich besonders auf und habe mich vertrauensvoll mit Stefan Bachmann auf einen Trip in ein düsteres Pariser Schloß begeben.

Die Geschichte war spannend und stellenweise schon ein wenig gruselig. Die Geschichte wird auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählt. Die erste erzählt die Geschichte von Aurélie, die im Jahr 1780 in einem Schloß aufwächst. Ihr Vater baut einen Palast unter seinem Palast, den er „Palast der Schmetterlinge“ nennt und in dem sich ein gefährliches Geheimnis verbirgt.

In der zweiten Zeitebene geht es um Anouk in der heutigen Zeit. Anouk wurde von einer geheimnisvollen, elitären Gruppe eingeladen, an einer Expedition teilzunehmen, um eben diesen Palast unter dem Palast aus der Zeit der französischen Revolution auszugraben. Ihr kommt diese Einladung ganz recht, da es ihr eine willkommene Ausrede liefert, ihre nervige Familie für ein paar Wochen hinter sich zu lassen.

Aber weder Aurélie noch Anouk ahnen, was sich da im Untergrund verbirgt..

Kaum im Palast in Paris angekommen, ist gar nichts so, wie es scheint. Das Ganze ist mehr oder weniger eine Falle, in die Anouk und ihre Begleiter fröhlich hineintappen und wo unbekannte beginnen sie zu jagen.

Die Gruppe besteht aus dem warmherzigen Will, der Plaudertasche Lilly, dem durchgeknallten Jules und der verbitterten unzugänglichen Anouk, die zur Anführerin der Gruppe wird. Sie müssen zusammenhalten und einen kühlen Kopf bewahren in diesem bizarren teuflischen Spiel, das gefährlicher ist, als sie es sich jemals haben Träumen lassen. Etwas Böses wartet auf sie in den Tiefen des Schlosses.

„Es gibt Menschen, die besitzen die besondere Fähigkeit, überall unglücklich zu sein, egal wo, egal mit wem und egal warum“

Im Laufe der Geschichte wird klar, dass die Story von Anouk und Aurélie miteinander verbunden ist, das Buch hat einen ziemlichen Sog entwickelt und ich hatte es in kürzester Zeit durchgelesen.

Die Atmosphäre des Buches hat mir überaus gefallen. Es erinnert manchmal an Gaston Leroux‘ „Phantom der Oper“, die Bilder im Kopf haben perfekt zu den stürmisch-dunklen Herbstabenden gepasst, an denen ich das Buch gelesen habe.

 

 

Falls ich dachte, ETA Hoffmann würde meine Nerven mehr schonen, dann hatte ich mich getäuscht. Der gute ETA gilt ja ein bisschen als der Urvater des deutschen Schauerromans und in „Der Sandmann“ hat er Edgar Allen Poe durchaus Konkurrenz machen können, was das Grusel-Niveau anging.

Die Geschichte beginnt mit einer Reihe von Briefen zwischen Nathanael, seiner Verlobten Clara und deren Bruder Lothar. Nathanael beschreibt darin eine Figur namens Sandmann aus seiner Kindheit, die ihn nachhaltig geängstigt hat. Der Sandmann soll laut Erzählungen nachts zu den Kindern kommen und ihnen die Augen stehlen. Diese Sandmann-Figur verschmilzt in Nathanaels Bewußtsein mit dem Auftauchen eines Mannes namens Coppelius, der im Arbeitszimmer des Vaters mit diesem Alchemie betreibt. Der kleine Nathanael hatte sich versteckt, um endlich rauszufinden was der geheimnisvolle Besucher bei seinem Vater will und Coppelius bedroht Nathanael damit, ihm die Augen rauszuschneiden, als er ihn entdeckt und tötet im Laufe der Nacht den Vater, bevor er verschwindet.

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Jahre später studiert Nathanael an der Universität in einer benachbarten Stadt und trifft dort auf einen Händler namens Coppola, in dem er den teuflischen Sandmann/Coppelius wiederzuerkennen glaubt. Clara und Lothar versuchen, ihn in ihren Briefen zu beruhigen und ihm zu versichern, es handle sich lediglich um eine kindliche Wahnvorstellung, an der nicht wirklich etwas dran ist und sie hoffen, er wird sich beruhigen, wenn er nur wieder für ein paar Tage nach Hause kommt.

Zu Hause angekommen scheint er zeitweise Coppelius/Coppola zu vergessen, dann aber gibt es wieder Perioden, in denen er von nichts anderem spricht und er entzweit sich zunehmend von Lothar und Clara, die seine Geschichte absurd finden.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, wir treffen auf künstliche Menschen und viel symbolhaftes und der Leser kann sich einfach niemals sicher sein: Sind Coppelius/Coppola ein und dieselbe Person und tatsächlich der Sandmann? Was symbolisieren die Augen im Kontext der Geschichte? Ist Nathanael wahnsinnig und bildet sich alles nur ein, oder …?

„Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefaßt es schlich sich in der Tat abscheuliches Mißtrauen gegen menschliche Figuren ein.“

Ein großartiges Märchen ganz in der Tradition der schwarzen Romantik (für dich ich zugegebenermassen eine sehr große Schwäche habe), das man ähnlich fiebrig liest, wie es geschrieben zu sein scheint. Nathanaels Story ist mir noch eine ganze Weile nachgegangen.

ETA Hoffmann hat sie 1817 geschrieben und sie ist eine seiner bekanntesten Geschichten. Sigmund Freud hat den Sandmann in seinem Essay „Unheimlich“ knapp 100 Jahre später interpretiert, Unmengen an Symbole und Metaphern laden zum fröhlichen Spekulieren ein. „Der Sandmann“ ist mehrfach als Oper verfasst worden und auch in der Popkultur finden sich Referenzen auf die Geschichte, zum Beispiel gibt es in Neil Gaimans Comics „Sandman“ die Figur des Corinthian, der von Morpheus geschaffen wurde und der die Auge seiner Opfer stiehlt.

Ich möchte ETA Hoffmann allen Freunden des düster-schaurigen heftig ans Herz legen, lohnt sich auf jeden Fall.

In „Die Kinetik der Lügen“ geht es um nichts Geringeres als die Entschlüsselung des Frankenstein-Mythos. Hatte die damals 18jährige Mary Shelley (bzw. damals noch Godwin) wirklich eine Art Vision oder Eingebung oder haben die erfolglosen Gebrüder Grimm etwas damit zu tun? Im Jahr 1816 war eine Menge los am Genfer See. Die It-Girls and Boys der englischen Society gaben sich im Jahr ohne Sommer ein Stelldichein in Genf. Der bankrotte Lebemann Lord Byron, der nicht ohne seinen Leibarzt John Polidori reist, trifft dort mit seinem Schriftstellerkollegen Percey Shelley zusammen, der neben seiner Gattin auch noch seine Geliebte Mary (später dann auch mal Gattin) im Schlepptau hat.

Regen und Kälte verhindern gesunde Bergwanderungen und daher vertreiben sie sich die Zeit in einer Villa am See intensiv miteinander, aber auch mit dem Erfinden von Schauergeschichten.

„…auch wenn er fand, Shelley könnte seine Verse zuweilen etwas sorgfältiger setzen, voller Bewunderung. Dieses Gedicht war ein Mosaik aus Poesie & Politik: zarte Bilder wechselten mit harschen Attacken. Politiker: machtgeile Gespenster, Untote. Die Ehe: ein Privatkerker. Beamte: Söldner dre Tyrannei. Gott: ein Lügner. – Eine Legion von Fußnoten war aufgeboten, den Angriff gegen alles zu führen, was sich auf Gott & Gesetz berief… – Der Buchdrucker hatte seinen Namen herausgeschnitten, aus Angst vor den Gerichten.“

200 Jahre später beschäftigt sich ein unterbeschäftigter Dokumentarfilmer am CERN mit der Frage nach dem Ursprung des Frankenstein Manuskripts. Die Zeitebenen geraten ins Taumeln und wirbeln die Lebensläufe der Akteure im heutigen Genf mit denen aus dem Jahr 1816 mächtig durcheinander.

Trunschkes intellektuelle Detektivgeschichte macht Spaß, fordert einen aber auch durchaus. Die liebevolle Buchgestaltung macht das Buch aus dem homunculus Verlag wieder zu einem ganz besonderen Leckerbissen.

Jetzt aber erst mal Schluß mit den Romanen, jetzt lassen wir uns zur Abwechslung mal von Gedichten das Fürchten lehren:

Es ist schwierig, „Die Blumen des Bösen“ zusammenzufassen, nicht nur aufgrund der großen Anzahl an Gedichten in diesem Band, die Vielzahl an Symbolen, Bilder tun ihr übriges. Gleich zu Anfang adressiert Baudelaire das Gedicht „An den Leser“, wo er ein Blendwerk von Sünden, Lastern und monströsen Kreaturen aufzählt, die dem modernen Menschen zu schaffen machen. Das Schlimmste von allem sei allerdings „Ennui“ (Langeweile), die mehr als alles andere den Wunsch des Menschen nach Tugend unterwandert.

In seinen Gedichten zeichnet Baudelaire das Bild vom Poeten als stets mißverstandenem Außenseiter (Segen/Der Albatross/Zigeuner auf der Fahrt), der die Aufgabe hat, aufgrund seiner Sprachgabe tiefer liegende Wahrheiten aufzudecken (Die Leuchttürme). Er will in einem Zustand kompletter Reinheit existieren und ist doch ständig frustriert ob seiner Fehler und Schwäche für Laster. Er sieht sich selbst als Helden, weiß aber, dass das bedeutet, dass er leiden muß.

Baudelaire leidet besonders unter seiner Obsession mit Frauen, insbesondere Frauen, die dunkel, sinnlich, mysteriös und gemein sind („Als ich bei einer Jüdin lag“ / Verdammte Frauen). Sie quälen ihn und füllen ihn gleichzeitig mit Lust und Hass (Lethe / Der Vampir) er ist ihnen verfallen und gelegentlich möchte er ihnen etwas antun (Das Gift) oder erfreut sich daran, sie zum Fürchten zu bringen.

Charles Baudelaire wurde 1821 in Paris geboren und wird als einer der ersten modernen Poeten gesehen. Er machte sich das Alltägliche und die Wechselfälle des Lebens in der Großstadt zu Eigen, er war fasziniert vom Verbotenen, von den dunklen Schattenseiten des Paris im 19. Jahrhundert. Seine spartanischen Bilder und seine durchdringende Ironie brachten die Poesie weg von den Romantikern und entschieden in die Moderne hinein. Er hat sich nicht davor gedrückt sich Themen wie Sex, Tod, Lust und psychologischen Dramen zu widmen. Seine Gedichte sind makaber, aber amüsant und gelegentlich auch abstossend.

 

Der Vampir

Die du wie des Messers kalter Stoss
In mein jammernd Herze bist gefahren,
Die du stark bist wie Dämonenscharen
Und im tollen Rausch erbarmungslos,

Die in meinem Geist schwach und gering
Eingenistet sich und eingebettet,
Schändliche, an die ich festgekettet
Wie der Sträfling an den Eisenring!

Wie der Spieler seiner tollen Sucht,
Wie der Trinkder Begierde Krallen,
Wie der Leichnam ist dem Wurm verfallen,
So verfiel ich dir, o sei verflucht!

Oft rief ich das rasche Schwert herbei,
Dass es mir die Freiheit neu erringe,
Und ich bat das falsche Gift, es bringe
Mir Erlösung aus der Tyrannei.

Doch verächtlich hat das rasche Schwert,
Hat das falsche Gift zu mir gesprochen:
»So hat dich die Sklaverei zerbrochen,
Dass du nimmer der Erhebung wert.

Tor und Schwächling, selbst wenn unsre Kraft
Dir Erlösung von der Schmach gegeben,
Würde deiner Küsse Leidenschaft
Deines Vampirs Leichnam neu beleben

Er konnte nicht wirklich gut von seinem Schreiben leben und musste so alle 6 Monate etwa umziehen, um von seinen Gläubigern nicht erwischt zu werden. Les Fleurs du Mal wurden 1840 veröffentlicht, nachdem er jahrelang an den Gedichten arbeitete.

Die düstere Stimmung der meisten Gedichte passt hervorragend in diese Reihe, ich war also durch die Bank weg begeistert von meiner diesjährigen literarischen Halloween-Ausbeute.

Zur Einstimmung gibt es hier noch meinen extra spooky Soundtrack

und meine Top 10 Horror-Filme, für alle die sich gerne noch eine extra Schicht Gänsehaut möchten:

  1. Only Lovers left alive – Jim Jarmusch (2013)
  2. The Hunger – Tony Scott (1983)
  3. A Girl walks home alone at Night – Ana Lily Amirpour (2014)
  4. Possession – Andrzej Zulawski (1981)
  5. It Follows – David Robert Mitchell (2014)
  6. The Babadook – Jennifer Kent (2014)
  7. Suspiria – Dario Argento
  8. Let the Right one in – Thomas Alfredson (2008)
  9. Der Exorzist – William Friedkin (1973)
  10. The Neon Demon – Nicolas Winding Refn (2016)

Wem das alles noch immer nicht genug ist, der kann sich den Trick or Treat Beitrag vom letzten Jahr durchlesen.

Stay scared 😉

Was sind Eure liebsten Horror-Bücher oder Filme ? Mögt ihr Halloween? Lieblingskostüm? Fragen über Fragen 🙂

 

Stefan Bachmann – Der Palast der Finsternis erschien im Diogenes Verlag (dem ich herzlich für das Rezensions-Exemplar danke)
ETA Hoffmann – Der Sandmann erhältlich im Suhrkamp Verlag
Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen erschien im Homunculus Verlag
Charles Baudelaire – Die Blumen des Bösen erschien im Diogenes Verlag

Short but sweet – Tierisch viel los

Herz auf Eis – Isabelle Autissier

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Eindeutig zur falschen Jahreszeit gelesen, dickster Winter hätte sein müssen, damit ich ein Bild von Buch auf zugefrorener Eisscholle machen kann. Hab auch eigentlich nur kurz reingeguckt, nachdem die Bingereader Gattin so begeistert war und zack hängengeblieben. Eine spannende, dramatische, melancholische Geschichte, die mir noch immer nachgeht.

Perfekte „was wäre wenn“ Lektüre. Zwei Pariser Hipster, denen ihr Leben zu angenehm und langweilig geworden ist, gönnen sich ein Sabbatjahr, kaufen sich ein Boot und reisen um die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel reißt ein Sturm ihre Jacht fort und sie stranden ohne jede Möglichkeit, die Außenwelt zu kontaktieren.

Die kleine Alltagsflucht entwickelt sich zu einem existentiellen Drama ums Überleben. Was wird aus der Liebe, wenn man jeden Tag ums Überleben kämpfen muss?

Die französische Autorin, Isabelle Autissier, wurde bekannt, als sie im Rahmen einer Segelregatta alleine die Welt umrundete. Dabei hatte sie vermutlich eine Menge Zeit, sich vorzustellen wie es wohl wäre, wenn man auf einer Insel festsitzt ohne Kontakt zur Außenwelt, mit wenig mehr als den Klamotten am Leib, ohne vernünftige Unterkunft, hungernd und frierend.

„Unter den Decken versinken sie in er warmen Feuchtigkeit der Kleider, die sie nicht ausgezogen haben. An Rücken, Hals und Kopf spüren sie die Kälte, die sie umgibt, unangenehm und aggressiv. Alles ist so schnell gegangen gestern. Kopf und Körper sind noch ganz erschöpft davon. Die Zeit vergeht, vergeht nicht, sie wissen es nicht mehr. Sie tauchen in unterschiedlichen Momenten aus ihrer Benommenheit auf und lassen sich dazu hinreißen, wieder abzutauchen. Draußen ist alles zu kalt, zu schwer.“

Mir hat das Buch sehr gefallen, ich fand es spannend und intensiv. Habe mit den Protagonisten mitgefiebert und ihren erbarmungslosen Kampf ums Überleben begleitet. Die Sprache ist karg, die Geschichte schnell erzählt. Das ist einigen Menschen durchaus zu knapp ausgefallen und ich kann diese Kritik gut verstehen. Die Charaktere und die Entwicklung der Beziehung des Paares hätte durchaus vertieft werden können.

Mir hat es gefallen, es lässt viel Raum für eigenen Gedanken und eigene Fragen denen man nachgehen kann. Wie behält man die Menschlichkeit in solch einer Situation? Wie verändern sich (Liebes)beziehungen in ständiger existentieller Bedrohung und wie geht der moderne Mensch damit um, plötzlich auf archaische Bedingungen zurückgeworfen zu sein?

Ich kann das Buch für ein paar spannend-nachdenklich Stunden im kommenden Winter absolut empfehlen. Tierliebhabern möchte ich vielleicht eine kleine Warnung gegenüber aussprechen, das Pinguin-Massaker fand ich schon recht heftig.

 

How to teach Quantum Physics to your dog – Chad Orzel

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Auf ganz andere Art wurde mein Hirn von Chad Orzel gefordert. Sein Buch passt bestens in unsere Reihe „Der Hund in der Literatur“ (Sachliteratur gilt auch, bin sehr sicher) oder auch in meine Hirngymnastik Physik.

Ein Einstieg in die Quantenphysik für Hundefreunde, der aber auch als Katzenmensch funktionieren sollte. Emmy ist ein verdammt kluger Hund, die Orzel immer wieder auf den rechten Weg bringt, wenn er zu sehr in den Science Sprech abzudriften drohte.

Ich mochte auch ihre klugen Kommentare zu den Parallelen von Quantenmechanik und Postmodernismus 😉 Beide Themen ähnlich schwer zu verstehen und für beide gilt: gar nichts ist irgendwie absolut definiert.

Um die „Viele-Welten-Theorie“ wurde nicht viel Federlesen gemacht, da wäre ich gerne noch etwas tiefer eingestiegen, aber Emmy hat uns auch da wieder in die Spur gebracht.
“Dogs come to quantum physics in a better position than most humans. They approach the world with fewer preconceptions than humans, and always expect the unexpected. A dog can walk down the same street every day for a year, and it will be a new experience every day. Every rock, every bush, every tree will be sniffed as if it had never been sniffed before. If dog treats appeared out of empty space in the middle of a kitchen, a human would freak out, but a dog would take it in stride. Indeed, for most dogs, the spontaneous generation of treats would be vindication—they always expect treats to appear at any moment, for no obvious reason.”
Grundsätzlich ein guter Einstieg in die Quantenphysik für Leute, die wenig über Physik wissen oder auch (wie ich) immer wieder Einstiegsbücher lesen können und mit jedem Mal ein bisschen mehr verstehen, aber deswegen noch lange nicht gelangweilt sind,  Leute mit abgeschlossenem Physik-Studium brauchen das Buch nicht.
Thomas Pyczak – Nachtigall
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Tiere spielen auch eine große Rolle in diesem Kurzgeschichten-Band von Thomas Pyczak, insbesondere in der titelgebenden Geschichte, die auch mein großer Favorit dieser Sammlung ist. Schon in seinem Roman „Ende der Welt“, der in Feuerland spielt, gefiel mir die fiebrig-dunkle Atmosphäre, die ich auch in „Nachtigall“ wiedergefunden habe. Die elektrisierende Luft in heißen dunklen Sommernächten kurz vor einem Gewitter…
„Als sie 16 war, befahl er ihr, eine Nachtigall zum Schweigen zu bringen.“
Katzen und Hunde kommen neben der Nachtigall reichlich vor in den Geschichten, aber auch ein Moskito, ein Schattenvogel und eine Taube. Einzig mit der Lederhose wurde ich nicht wirklich warm, die anderen Geschichten sind stärker, voller zu entschlüsselnder Symbole und kleinen Bösartigkeiten.
Drei sehr unterschiedliche Empfehlungen insbesondere für Tierfreunde 😉
„Herz auf Eis“ erschien bei der Büchergilde Gutenberg
„How to teach Quantum Physics to your dog“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Schrödingers Hund“ im Springer Verlag.
Nachtigall“ von Thomas Pyczak ist hier erhältlich.

From Paris with Love

Der Club der Optimisten

Ich kann nicht nach Paris reisen ohne die passende Lektüre. Panisch stellte ich fest, dass ich das Wochenende literarisch gar nicht wirklich geplant hatte und fürchtete schon, ohne passendes Buch fahren zu müssen, da ließ sich in der heimischen Bibliothek doch noch ein Buch auftreiben, dass ich noch nicht gelesen hatte und welches in Paris spielt.

„Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ saß unverständlicherweise schon ganz schön lange im Regal, ein Spontankauf im Tollwood-Bücherzelt vor ein paar Jahren. Die Geschichte spielt im Paris der 1960er Jahre und folgt überwiegend dem Teenager Michel Marin, ein Junge der leidenschaftlich gerne liest und Tischfußball spielt in den Cafés und Bars der Stadt.

Seine Eltern heirateten 1946, nachdem sein Vater aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, der erst zu dem Zeitpunkt erfuhr, überhaupt Vater geworden zu sein. Die Familie seiner Frau schaut auf den ärmlichen Mann mit algerischen Wurzeln herab.

Als er eines Tages in einem Cafe, das auch sein älterer Bruder frequentiert, in ein Hinterzimmer gerät, lernt Michel die Schachspieler rund um Jean-Paul Sartre, Joseph Kessel und andere Geistesgrößen des intellektuellen und existentialistischen Paris kennen. Die meisten Clubmitglieder sind Exilanten aus Osteuropa und wir erfahren durch Michel die Hintergründe einiger dieser Menschen. Überwiegend Künstler, Intellektuelle, Ärzte, die allesamt ein ähnliches Schicksal teilen und von Berufsverbot, Einsamkeit, Armut und dem Verlust der Heimat betroffen sind.

Guenassia packt viele Themen an in diesem Buch. Neben dem Schicksal der Exilanten geht es um den Algerien-Konflikt, die Auseinandersetzungen zwischen Proletariat und Kapital, der Enttäuschung der Mutter gegenüber dem Vater, der ihr nicht ambitioniert genug ist und die Tragödie um Michels älteren Bruder.

Michel versucht zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln. Zwischen seinen Eltern, seinem Bruder Franck und dessen Verlobten und stürzt sich kopfüber in die Literatur, um den Schwierigkeiten der Gegenwart zu entfliehen. Er freundet sich mit den älteren Freunden seines Bruders an, hört deren Musik und hängt mit ihnen in den Cafés und Bars herum.

„Jetzt werden keine Rechnungen mehr beglichen. Es wird nicht Bilanz gezogen. Wir sind alle gleich, und wir haben alle unrecht.“

 

Das Buch fängt die Atmosphäre der Zeit gut ein, es wird viel politisiert, getrunken und die Figuren sind hervorragend gezeichnet. Ich kann daher keine wirkliche Erklärung dafür finden, warum das Buch mir dennoch nicht so gut gefallen hat, wie erwartet. Vielleicht hatte ich etwas mehr Philosophie erwartet? Ich habe selten das Bedürfnis, ein Buch mir selbst gegenüber zu verteidigen. Ich möchte es empfehlen, auch wenn ich selbst nicht komplett warm geworden bin mit diesem Buch.

Jean-Michel Guenassia „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ erschien im Insel Verlag.