Otto – Dana von Suffrin

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Um Familienromane mache ich in der Regel einen Bogen – insbesondere, wenn Patriarchen darin eine tragende Rolle spielen. Daher wollte ich „Otto“ schon gelangweilt auf Seite packen, doch klugerweise habe ich erst einmal in das Buch hineingelesen, bevor ich mich mit meinem vorschnellen Urteil um ein großes Lesevergnügen gebracht hätte.

Otto, besagter Familienpatriarch, ist tatsächlich ein sehr anstrengender Zeitgenosse, der selbst aus dem Krankenhaus heraus seine beiden Töchter noch ordentlich auf Trab hält. Er macht den beiden ganz selbstverständlich klar, solange er da ist, haben sich die beiden um ihn zu kümmern und sich für ihn auf zu opfern, das sei nun einmal so in einer Familie und in einer jüdischen Familie gleich dreimal.

So unvernünftig, aufbrausend und nervend Otto ist und sein kann, im Laufe des Buches schleicht er sich tatsächlich in mein Herz und ich leide mit seinen Töchtern Timna und Babi mit, denen es schwerfällt, ihren Vater loszulassen, so sehr sie ihn früher ganz gerne losgeworden wären. Und er geht ihnen ganz schön auf die Nerven mit seinen Marotten, seinem Geiz und den ständigen Anrufen. Seine Pflege stellt insbesondere Timna vor große Herausforderungen, aber gleichzeitig gibt es ihr auch die Möglichkeit, in ihre eigene Familiengeschichte einzutauchen.

„Jetzt musst du dich noch entschuldigen, sagte Otto, dann ist alles gut, und wir können bald wieder einen neuen Streit beginnen.“

Timna erzählt ihre Familiengeschichte, die voller Höhen und Tiefen steckt und die gleichzeitig saukomisch und tieftraurig ist. Otto war noch nie einfach, aber er hat es auch wirklich nicht leicht gehabt im Leben. Er wurde in Rumänien geboren, überlebte im Gegensatz zu großen Teilen seiner Familie den Holocaust, siedelte nach Israel um und mußte dort gleich viermal in den Krieg ziehen, um seine neue  Heimat zu verteidigen, bevor er beschloss ausgerechnet Deutschland, die Heimat seiner früheren Verfolger, zu seiner künftigen Heimat zu machen.

„Ich liebe euch, rief Otto, ihr seid alles was ich habe. Und ich bin alles, was ihr habt. Diesen Satz meinte er genau so, wie er ihn sagte.“

Dana von Suffrins gelang es mit viel Humor und auf wunderbare Weise, das Bild eines Lebens zu zeichnen, das voller Schrecken und Diskontinuitäten steckte. Eine Familiengeschichte, die mir in Erinnerung bleiben wird und die ich sehr gerne gelesen habe und bei der ich stellenweise schallend gelacht habe.

Einziger kleiner Kritikpunkt – mir war Otto manchmal fast ein wenig zu schablonenhaft und es wurde kaum ein Klischee ausgelassen. Aber wir reden hier von jammern auf hohem Niveau. Ich bin auf jeden Fall auf das nächste Buch von Dana von Suffrin gespannt, ein wirklich gelungenes Debüt.

Katharina hat den Roman ebenfalls auf ihrem Blog „Kulturgeschwätz“ sehr umfassend und großartig besprochen, den Link findet ihr hier.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Es ist Sarah – Pauline Delabroy-Allard

„Es ist Sarah“ ist ein Bestseller aus Frankreich, geschrieben von der gerade knapp über 30-jährigen Pauline Delabroy-Allard, es ist ihr Debüt und sie kam mit dem Roman immerhin in die zweite Runde des Prix Goncourt.

An einem Silvesterabend verliebt sich die Erzählerin dieses Romans Hals über Kopf in die aufregende Sarah. Die namenlos bleibende Erzählerin ist komplett fasziniert von dieser vor Leben sprühenden Frau, die ihr ruhiges Leben als Lehrerin mit kleinem Kind und Lebensgefährten total aus den Fugen wirft.

Sie liebt es, mir Romane vorzulesen, sie imitiert die verschiedenen Figuren mit verschiedenen Stimmen, fuchtelt bei den Dialogen mit den Händen.“

Die in Paris spielende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen hat mir richtig gut gefallen. Ich bin kein großer Liebesroman-Fan, aber hier ist die Sprache so schön, die Erzählweise interessant. „Es ist Sarah“ legt ein unglaubliches Tempo an dem Tag. Mit Sarah ist es einem keine Minute langweilig und so ganz kann man es der Protoganistin nicht verdenken, dass ihr gelegentlich die Puste ausgeht mit dieser 1000 Volt-Frau.

Warum die beiden nach der anfänglich heftigen Verliebtheit nicht einfach glücklich und zufrieden zusammen in Paris leben können, habe ich nicht ganz verstanden. Aber vermutlich wäre die Hälfte aller Filme nicht gedreht, die meisten Bücher nicht geschrieben, wenn die Menschen alle einfach rational und wenig dramatisch wären 😉

Nicht bei ihr zu sein wird sinnlos nach der ersten Nacht.“

Insbesondere den ersten Teil des Romans mochte ich sehr. Ich habe aber auch definitiv eine Schwäche für Romane mit inkludiertem Soundtrack, den ich beim Lesen ablaufen ließ. Das Schöne an einem selbst zusammengestellten Soundtrack ist auch, dass man entscheiden kann, ob man die Stücke in Allegro oder Andante hören möchte.

„In unserem Sturm ist sie die Kapitänin. Ich werde zur Seemannsfrau.“

Mit Sarah wird es niemals langweilig, sie kann nicht genug bekommen vom Sex, von der Liebe, von der Musik, selbst vom Obst nicht, das sie isst. Ein Roman, der mich wirklich mitgerissen hat und der den Leser genauso verliebt zurücklässt, wie die namenlose Erzählerin.

Wer Lust auf eine spannende intellektuelle Liebesgeschichte hat, bei der man stets versucht ist, einen Nachtzug nach Paris, Venedig oder Triest zu buchen, der macht mit diesem Roman nichts falsch.

 

Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

Hirngymnastik Neurologie – Oliver Sacks

”I am a storyteller, for better and for worse. I suspect that a feeling for stories, for narrative, is a universal human disposition.”

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Ich war und bin ein großer Oliver Sacks Fan, habe eine ganze Reihe seiner Bücher vor ein paar Jahren verschlungen und habe keine rechte Erklärung dafür, wie es passieren konnte, dass er für eine Weile von meinem Radar verschwand. 2015 dann erinnerten mich eine Reihe von Blogs durch die Rezension seiner Autobiografie „On the Move“ an ihn und ich habe seit geraumer Zeit wieder einige Bücher von ihm auf dem SUB.

Jetzt endlich habe ich sie also auch gelesen, die überaus spannende Biografie eines Mannes, der sowohl Neurologe, Arzt, Motorradfahrer und fast professioneller Gewichtheber war. Entsprechend munter geht es in der 82 Jahre umfassenden Geschichte seines Lebens auch her.

Sacks war das jüngste von vier Kindern, die in eine wohlhabende jüdische Familie im Norden Londons hineingeboren wurden. Sein Vater war Arzt, seine Mutter Chirurgin. Während der Londoner Bombenangriffe wurde er als Sechsjähriger mit seinen Brüdern aus London evakuiert und in einem Internat in den Midlands untergebracht, wo sie bis 1943 blieben.

Schon als junger Mann in Oxford, wo er 1954 seinen Bachelor in Physiologie und Biologie und später seinen MA und MB in Chemie macht, weiß Oliver, dass er schwul ist. Sein Coming-out insbesondere der geliebten Mutter gegenüber ist ziemlich traumatisch. Sie ist zutiefst schockiert und sagt ihm, sie wünschte er wäre nie geboren. Ein großer Schock für ihn und vielleicht mit ein Grund, warum er nach seinem 40. Lebensjahr sexuell enthaltsam lebte. Das hat auf der anderen Seite aber wahrscheinlich auch dazu geführt, dass er von der AIDS Epidemie der 1980er Jahre verschont blieb, die auch – wenn ich mich recht erinnere – mit keiner Silbe erwähnt wird.

Beim Lesen lernt man einen sehr komplexen, zurückhaltenden, brillianten Mann kennen, der es schaffte, seine vielen Talente auszuleben. In den 1950/60er Jahren in Kalifornien war er unter der Woche der Neurologe Dr. Sacks und am Wochenende verwandelte er sich in einen muskulösen Biker, der Drogen nahm und sich auf Abenteuer mit anderen Männern einließ – wenn er nicht gerade am Muscle Beach an Wettkämpfen im Gewichtheben teilnahm.

Er führt ein geschäftiges, faszinierendes Leben und berichtet von seinem Studium in Oxford, seinem navigieren zwischen Forschung und klinischer Arbeit, seinen Reisen (unter anderem lebte er eine Weile in einem israelischen Kibbuz) und seinem Umzug in die USA, wo er seine Leidenschaft für das Schreiben und seine ihm eigenen Themen in der Arbeit und der Literatur entdeckte.

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Foto: Wikipedia

Oliver Sacks Fähigkeit, die Menschen hinter den neurologischen Erkrankungen zu sehen und seinem Lesepublikum zu vermitteln, ist seine größte Begabung. Ganz in der Tradition Sigmund Freuds oder Charles Darwins kann er wunderbar schreiben und separiert zwischen dem Menschen und seiner Erkrankung. Vor ihm sitzt kein Schizophrener, sondern ein Mensch mit Schizophrenie. Kein Autist, sondern ein Mensch mit Autismus. Er sieht den ganzen Menschen, sie sind für ihn nicht einfach nur anonyme Fälle, die es zu untersuchen gilt. Er behandelte seine Patienten oft eher als Co-Wissenschaftler, die mit ihm gemeinsam an der Erforschung ihrer Erkrankungen arbeiten.

Sacks selbst hatte sein Leben lang Schwierigkeiten damit, dass er unter Prosopagnosie (Gesichtsblindheit) litt. Man merkt es den Menschen nicht an und wird daher häufig für arrogant oder unhöflich gehalten, wenn man Bekannte auf der Straße nicht grüßt. Er hatte es nicht permanent, sondern nur hin und wieder, was die Sache für ihn nicht einfacher machte.

Sacks geht in seiner Biografie auf nahezu all seine Bücher ein und es war sehr interessant, die Entstehungsgeschichte der Bücher zu lesen. Er war ein komplexer, verletzlicher, emphatischer Mensch und ein sehr innovativer Wissenschaftler, Arzt und Schriftsteller. Er pflegte tiefe Freundschaften (unter anderem mit den Dichtern Thom Gunn und W. H. Auden) und stand seiner Familie sein Leben lang sehr nahe. Ich habe mich sehr gefreut, dass er als Mittsiebziger seine späte große Liebe im Leben traf und er mit Bill ein paar wenige, aber sehr glückliche Jahre erleben konnte.

Eine der spannendsten Biografien, die ich seit Langem gelesen habe und eine große Empfehlung auch für Leute, die sich vielleicht nicht primär für Neurologie, Psychologie etc. interessieren.

Ich konnte dann nicht gleich wieder lassen von Mr. Sacks und wollte ihn einfach noch eine Weile begleiten, daher griff ich gleich danach zu seinem Buch „Die Insel der Farbenblinden“

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Auszug auf dem Klappentext:

Das neue Buch von Oliver Sacks entführt in die Welt der Südseeinseln. Die Menschen, die dort wohnen, ihre Gebräuche, Riten und Mythen, die exotische Landschaft und die nicht minder exotische Flora und Fauna bilden die Kulisse, vor deren Hintergrund der Autor seine Forschungen betreibt – in deren Mittelpunkt „insuläre“, in der Abgeschlossenheit jener Inseln entstandene neurologische Erkrankungen stehen.

Die erste der beiden geschilderten Reisen führt uns zu den Inseln Pingelap und Pohnpei, wo ein überdurchschnittlich hoher Bevölkerungsanteil an einer bestimmten Form der totalen Farbenblindheit erkrankt ist. Die Begegnungen mit den Betroffenen, ihre Lebensgeschichten, die Untersuchungen, die Sacks und seine beiden Begleiter, ein New Yorker Augenarzt und ein – selbst farbenblinder – Mediziner aus Norwegen, durchführen, aber auch die Theorien zur Herkunft der erblichen Farbenblindheit und die Auswirkungen dieser Störung auf das Leben der Erkrankten stehen im Vordergrund des kunstvoll gewobenen Berichts.

„Marie Stopes, die zu den Heldinnen meiner Mutter gehörte (und Dozentin für Paläobotanik war, bevor sie sich dem Kreuzzug für Empfängnisverhütung verschrieb), hatte ein Buch mit dem Titel „Ancient Plants“ geschrieben, das eine seltsame Faszination auf mich ausübte. In ihren Ausführungen übe die „sieben Zeitalter“ des Pflanzenlebens bekam ich einen ersten Eindruck von der unerforschlichen Tiefe der Zeit, den vielen Millionen, vielen hundert Millionen Jahren, die die meisten urzeitlichen Pflanzen von denen unserer Epoche trennen.“

Der zweite Teil „Die Insel der Palmfarne“ beschreibt Sacks‘ Reise zu den Inseln Guam und Rota, auf denen viele Menschen an einem bislang unheilbaren Syndrom leiden – dem Lytico-Bodig. Es manifestiert sich entweder in einer fortschreitenden Lähmung oder in Parkinsonismus und Demenz oder in bizarren Vermischungen beider Symptomkomplexe, die, von äußert seltenen Fällen abgesehen, zum baldigen Tod führen. Ist die Erkrankung auf den Genuß von Früchten, Blättern und Samen der zahllosen Farne zurückzuführen, jener teilweise über tausend Jahre alt werdenden „Dinosaurier unter den Pflanzen“, die auf diesen Inseln in üppiger Varietät wachsen?

Mich hat „Die Insel der Palmfarne“ an einen Artikel erinnert, den ich kürzlich in der New York Times las. Es gibt anscheinend in Indien eine mysteriöse Erkrankung die hauptsächlich Kinder unter 10 Jahren trifft. Sie scheinen gesund schlafen zu gehen, wachen am Morgen mit hohem Fieber und Hirnschwellungen auf verbunden mit Krampfanfällen und ein Drittel stirbt innerhalb von 36 Stunden. Die Ursache ist noch unklar, allerdings bringen einige Wissenschaftler die Erkrankung mit dem Verzehr von Lychees in Zusammenhang:

Ich habe beide Berichte äußerst gespannt verfolgt und fühlte mich an die Reiseberichte von Alexander von Huboldt, Charles Darwin oder James Cook erinnert.

Für die meisten Menschen wird Oliver Sacks wahrscheinlich immer ein Stück weit Robin Williams sein, der ihn im Film „Awakenings“ (basierend auf dem gleichnamigen Buch) spielte. Hier der Trailer zum Film, den ich sehr empfehlen kann:

Auf jeden Fall habe ich jetzt wieder extrem Blut geleckt und möchte unbedingt das Gesamtwerk von Oliver Sacks lesen, macht euch also darauf gefasst, dass ich hier noch so einiges von ihm vorstellen werde.

„On the Move“ sowie „Die Insel der Farbenblinden“ erschienen im Rowohlt Verlag.

Mainz by the Book

Ich habe schon so viele literarische Reiseberichte verfasst für diesen Blog, aber meine Heimatstadt, die habe ich bislang schmählich vernachlässigt. Das soll sich heute ändern. Anlass war unser Besuch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt den sich meine Schwiegermama mit uns gewünscht hatte. Sie wollte immer schon mal die Mainzelmännchen Hauptstadt kennenlernen und der diesjährige Geburtstag der Bingereader-Gattin ließ sich bestens mit dem Weinfest in Nierstein verbinden.

Passende Reiselektüre war auch kein Problem, es stand noch eine ungelesene Anna Seghers Novelle im heimischen Bücherschrank.

Mit Mainz verbinden viele Menschen hauptsächlich Fastnachtssitzungen, Mainzelmännchen und „wolle mer se roilasse“ dabei ist Mainz natürlich noch sehr viel mehr. 

Vor über 2000 Jahren von den Römern gegründete Stadt, begegnet man dem römischen Erbe an fast jeder Ecke. Für mich war das normalste auf der Welt als Kind in sämtliche Baustellen reinzuschauen, weil man sich fast sicher sein konnte, das etwas römisches zu Tage tritt. Neben spektakuläreren Fundstücken wie den nahezu komplett erhaltenen Römerschiffen, dem riesigen Amphitheater und dem Isis-Tempel, finden sich auch jede Menge Tore, Säulen, Steine etc

Im späten Mittelalter hatte dann mein persönlicher Held Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg seinen Auftritt. Er gilt als Erfinder der beweglichen Lettern und damit der Buchdruckkunst und jedes Jahr zelebriert man während des Johannnisfests das „Gautschen“, die Buchdruckertaufe: „Bei der Zeremonie werden seit dem 16. Jahrhundert Gesellen in ein großes, mit Wasser gefülltes Holzfass eingetaucht und somit symbolisch von den Sünden der Lehrjahre und dem Bleistaub befreit. Diese Tradition wird heute immer am Johannisnacht-Samstag, in historischen Kostümen auf der Bühne am Liebfrauenplatz fortgeführt. Bei den Lehrlingen handelt es sich inzwischen hauptsächlich um Mediengestalter*innen, die ihre Ausbildung frisch beendet haben.“ (aus http://www.johannisnacht.de)

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Einen Besuch im Gutenberg-Museum kann ich natürlich sehr empfehlen, aber wer wenig Zeit hat und sich entscheiden muss, unbedingt in den daneben gelegenen Druckladen gehen. Dort können sich Große und Kleine als Buchdrucker üben und die selbst gedruckten Erzeugnisse stolz mit nach Hause nehmen. Großer Spaß für wenig Geld.

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Neben all den Römern, Buchdruckern und Mainzelmännchen ist der Wein in Mainz natürlich allgegenwärtig. Samstag morgens nach dem Einkauf auf dem Markt mit Weck, Worscht und Woi ins Wochenende starten

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Foto: Mainz.de

Durch die französische Besetzung 1792 – 1814 wo in Mainz ab 1798 französisch als verbindliche Amtssprache galt, gelangten einige Wörter in den alltäglichen Mainzer Sprachgebrauch. Ein paar Beispiele gefällig?

Bagaasch: Familie (fr.bagage) *Coupé: Abteil (fr. coupé) *Briambel: Gezänk (fr. preámbule)*Buddige: Laden (fr. boutique) *Dormel: Schlafmütze (fr. dormir)*  *Kannapee/Schesselong:Sofa (fr. canapé/chaise longue) *Kondukteer: Schaffner (fr.conducteur) *Monder: Schaufenster (fr. montrer) *Portmonee:Geldbörse (fr. porte-monnaie) *Regadd: Angst (fr. regard)*Trottwaa: Bürgersteig (fr. trottoir)
(aus dem Merkurist)

Wunderschön sind im Übrigen auch die Chagall-Fenster in der Stephanskirche, die man sich bei einem Besuch nicht entgehen lassen sollte.

Neben Carl Zuckmayer ist Anna Seghers wohl die bekannteste Autorin die in Mainz das Licht der Welt erblickte.

Aus Mainz.de:

Anna Seghers wurde am 19. November 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie war das einzige Kind des jüdischen Antiquitäten- und Kunsthändlers Isidor Reiling (1868-1940) und seiner Frau Hedwig, geb. Fuld. Der Vater gehörte dem orthodoxen Teil der Mainzer jüdischen Gemeinde an, die Mutter engagierte sich im Vorstand des jüdischen Frauenbundes. Sie wurde 1942 in das Lager Piaski bei Lublin in Polen deportiert und dort ermordet. Netty wurde in der Religion der Eltern erzogen, trat dann aber zwischen 1925 und 1927 aus der jüdischen Gemeinde aus. Die jüdisch-christlichen „Wurzeln“ ihrer Herkunft sind in vielen ihrer literarischen Werke erkennbar.

Netty besuchte ab 1907 eine angesehene Privatschule in Mainz, wechselte nach drei Jahren auf die Höhere Mädchenschule und kam 1917 schließlich auf das Gymnasium, auf dem sie 1920 das Abitur erlangte. Danach begann Netty Reiling ein Studium der Philologie und Kunstgeschichte in Heidelberg und Köln, das sie 1924 mit einer Dissertation über „Das Jüdische im Werke Rembrandts“ abschloss.

In Heidelberg lernte sie ihren späteren Mann, den ungarischen Philosophen und Kommunisten László Radványi, kennen, den sie nach ihrem Studium nach Berlin begleitete. 1928 trat sie selbst der KPD und dem „Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller“ (BRPS) bei. Aufgrund ihres politischen Engagements und ihrer jüdischen Herkunft besonders gefährdet, floh sie schon 1933 aus Deutschland und lebte fortan mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Exil in Frankreich und Mexiko.

1947 kehrte Anna Seghers zurück und lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1983 in Ostberlin. Mit ihrem literarischen Werk und ihrem gesellschaftlichem Engagement wollte sie das „neue Deutschland“ auf antifaschistischer Grundlage aktiv mitgestalten.

Mit dem Roman „Das Siebte Kreuz“ (1942) und der Erzählung „Ausflug der toten Mädchen“ (1944) setzte die Autorin, eine der bedeutendsten Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts und seit 1981 Ehrenbürgerin, Mainz ein unvergängliches literarisches Denkmal.

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Seit sich Anna Seghers auf ihrem Weg ins mexikanische Exil in Martinique und der Dominikanischen Republik aufhielt, beschäftigte sie sich mit der Karibik. Ausführlich widmete sie sich dem Thema in ihrer karibischen Trilogie „Die Hochzeit von Haiti“, „Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe“ und „Das Licht auf dem Galgen“.
In der dünnen Novelle „Drei Frauen aus Haiti“ ihrem letzten Werk, kehrt sie zu dem Themenkomplex und zu ihren Wurzeln als Revolutionsautorin zurück.
Die Protagonistinnen dieser drei kurzen, miteinander verwobenen Geschichten sind drei sehr unterschiedliche Frauen aus drei unterschiedlichen Zeiten. Toaliina lebt in Haiti zur Zeit von Columbus Eroberung, Claudine in Frankreich Napoleons und Luise unter der Diktatur von Doc Duvalier. Anhand der Erlebnisse dieser drei Frauen zeigt Seghers das Schicksal der Haitianer durch die Geschichte hindurch. Sie erzählt von ihrer Unterdrückung, den Mißhandlungen, dem Leid das den Menschen durch die Eroberer zugefügt wurde.
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Egal wie schwierig das Leben für die drei beschriebenen Frauen ist, sie zeigen eine stille, würdevolle Stärke. Die Aussichten für die Frauen sind eher trübe dennoch kämpft Seghers durch das Buch dafür ihnen eine Stimme und einen Platz in der Geschichte zu geben.
Seghers schreibt schonungslose, karge Prosa hier schon fast minimalistisch. Anna Seghers beherrscht die kurze Form, ich bin aber nicht sicher, ob sie auch Kurzgeschichten veröffentlicht hat.
Ich habe auf jeden Fall Lust bekommen, noch einmal „Das siebte Kreuz“ oder „Transit“ zu lesen, deren Lektüre schon viel zu lange her ist. Schade fand ich, dass sich außer der Tafel an Anna Seghers Geburtsthaus nicht auch ein Denkmal oder eine Büste von ihr finden läßt. Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, wie wenige Frauen eigentlich ein Denkmal haben, fast immer nur Herren. Wird Zeit das mal zu ändern.
Ich hoffe, ihr hattet Spaß an diesem Ausflug ins schöne Mainz und ich habe euch etwas Lust auf Anna Seghers gemacht.
Adschee – bis zum nächsten Mal.

Women in Science (16) Helen Macdonald

Foto: The Daily Mail

Obwohl so viele Menschen das Buch gelobt und mir empfohlen haben, war ich lange nicht davon zu überzeugen. Ein Buch über Trauerbewältigung und Greifvögel klang einfach überhaupt nicht nach mir. Und dann stand es eines Tages im Bücherschrank und ich blätterte hinein, blieb hängen und ich bin so froh darüber, denn es wäre mir ein wunderbares Leseerlebnis durch die Lappen gegangen.

“The hawk was everything I wanted to be: solitary, self-possessed, free from grief, and numb to the hurts of human life.” 

Falknerei ist ein Thema, mit dem ich mich absolut noch nicht beschäftigt habe. Außer dem Bild von Menschen, die einen großen Greifvogel auf einem riesigen Lederhandschuh tragen, wußte ich gar nix darüber. Irgendwie schafften es diese Menschen, dass die Greifvögel für sie jagten und auch tatsächlich immer wieder brav auf dem Arm landeten.

Einen Vogel abzurichten ist eine große Verantwortung die man übernimmt, wenn man den Vogel trainiert und mit ihm zusammenlebt. Ich war überrascht, dass Helen Macdonald ihre Mabel im Wohnzimmer hält, ich bin immer davon ausgegangen, die Vögel sitzen draußen in Volieren und werden nur herausgenommen, wenn man sie jagen läßt.

Einen Habicht zu trainieren ist ein nahezu übermenschliches Unterfangen, wie das Buch anhand des Trainings von Mabel und parallel dazu anhand T. H. Whites mißglücktem Versuch, einen männlichen Habicht namens Gos zu trainieren, zeigt. Das Training lenkt die Autorin von ihrer tiefen Trauer ab, da ihr Schmerz über den Verlust des Vaters fast zu einer Identitätskrise für sie wird. „H wie Habicht“ ist die Geschichte ihrer Reise aus dem Verlustschmerz hinaus, in die Welt ihres Habichts hinein, den sie als nur wenige Monate alten Jungvogel von einem Züchter übernimmt.

“I think of what wild animals are in our imaginations. And how they are disappearing — not just from the wild, but from people’s everyday lives, replaced by images of themselves in print and on screen. The rarer they get, the fewer meanings animals can have. Eventually rarity is all they are made of. The condor is an icon of extinction. There’s little else to it now but being the last of its kind. And in this lies the diminution of the world. How can you love something, how can you fight to protect it, if all it means is loss?”

Helen Macdonald ist Historikerin, Naturforscherin, Affiliated Scholar an der University of Cambridge im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften sowie eine herausragende Autorin im Bereich „Nature Writing“.

 

MacDonald stand ihrem Vater, dem bekannten Fotografen Alisdair Macdonald, sehr nah. Er war es auch, der sie als Kind mit der Falknerei in Berührung brachte. Das Training von Mabel war ihr Weg, nach dem Tod mit dem Vater in Verbindung zu bleiben.

„The archaeology of grief is not ordered. It is more like earth under a spade, turning up things you had forgotten. Surprising things come to light: not simply memories, but states of mind, emotions, older ways of seeing the world.“

Das Buch beschreibt das erste Jahr, das Macdonald mit Mabel verbringt. Es beginnt mit intensivem Eingwöhnungstraining bis hin zu Mabels ersten Jagd-Flügen ohne Leine. Das Buch endet mit ihrem ersten gemeinsam verbrachten Frühling, wenn Habichte in die Mauser kommen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, sie für die Saison in eine Voliere zu geben und es klingt, als hätte Macdonald sie danach im Grunde von vorne trainieren müssen, nachdem ihre Federn nachgewachsen waren.

Insgesamt verfolgt das Buch vier Erzählstränge. Der erste ist Macdonalds fortwährendes Bemühen, Mabel zu trainieren. Im zweiten geht es um die Beziehung zu ihrem Vater, die dritte beschäftigt sich mit ihrem emotionalen, existentiellen Kampf, sich durch die Trauer wieder zurück ins Leben zu kämpfen und im letzten geht es um den Falkner TH White.

Sowohl White als auch Macdonald nutzen das Habicht abrichten, um sich von der Welt draußen zurückzuziehen. Lena Headey, die Schauspielerin, die insbesondere durch ihre Rolle in „The Game of Thrones“ bekannt geworden ist, kaufte die Filmrechte für das Buch und ich bin sehr gespannt, ob und wann es Mabel auf die große Leinwand schafft.

Macdonald ist ein wunderbar poetisches, emotionales Buch gelungen. Man merkt ihr an, wieviel sie über Greifvögel weiß und sie versteht es, den Leser an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, ohne jemals langweilig oder belehrend zu wirken.

Ganz große Leseempfehlung. Weitere begeisterte Rezensionen findet ihr bei Zeichen und Zeiten sowie bei Buzzaldrins. 

Erschienen ist „H wie Habicht“ im Allegra Verlag.

Große gemischte Tüte

Zu warm für lange Rezensionen. Hier in Kürze 5 Empfehlungen für schwüle Sommernächte:

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Süd-Afrika 1901. Sarah van der Watt und ihr sechsjähriger Sohn Fred werden während des Burenkrieges aus ihrem Haus in ein Internierungslager verschleppt, wo die höflichen britischen Angreifer ihnen versichern, sie seien in Sicherheit dort.

2014. Der sechzehnjährige Willem ist ein Außenseiter. In der Hoffnung, dass er endlich der Sohn wird, den sich seine Mutter und ihr Freund wünschen, zwingen sie ihn, ins New Dawn Safari Training Camp zu gehen, wo man stolz darauf ist, aus Jungs Männern zu machen. Sie versprechen ihm, er werde dort in Sicherheit sein.

“Above all this the stars shine. Willem pauses for a moment and feels the world turn as he struggles to pick out the Southern Cross among the interstellar static, He’s never seen a sky so big or so bright. It’s dizzying and he spins slowly to take it all in…” 

You will be safe hier ist ein eindringlicher Roman, der zwei südafrikanische Geschichten miteinander verbindet. Ein Roman um das Vermächtnis von Gewalt und unseren Willen zu überleben. Ein Buch das unter die Haut geht.

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Machines Like Me spielt in einer alternativen Vergangenheit in den 1980er Jahren in London. Charlie treibt antriebslos durch sein Leben, verdient ein paar Kröten mit Online-Börsenhandel und ist in seine Nachbarin Miranda verliebt, die ein schreckliches Geheimnis hütet. Als Charlie Geld erbt, kauft er sich einen Adam, einen der ersten künstlichen Menschen. Mit Mirandas Hilfe co-designt er Adams Persönlichkeit.

“The future kept arriving. Our bright new toys began to rust before we could get them home, and life went on much as before.” 

Dieser nahezu perfekte Mensch ist schön, stark, klug und es entspinnt sich sehr bald ein subversive Dreiecksbeziehung. Die drei werden mit einem tiefgehenden moralischen Dilemma konfrontiert – McEwans beliebter Modus Operandi.

McEwan hat wieder einen unglaublich intelligenten, unterhaltsamen und anregenden Roman geschrieben, der sich mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigt: Was macht uns zu Menschen? Unsere äußerlichen Handlungen oder unser innerstes Sein? Kann eine Maschine das menschliche Herz verstehen? Wieviel Rechte hat ein künstliches Leben?

“We create a machine with intelligence and self-awareness and push it out into our imperfect world. Devised along generally rational lines, well disposed to others, such a mind soon finds itself in a hurricane of contradictions. We’ve lived with them and the list wearies us. Millions dying of diseases we know how to cure. Millions living in poverty when there’s enough to go around. We degrade the biosphere when we know it’s our only home. We threaten each other with nuclear weapons when we know where it could lead. We love living things but we permit a mass extinction of species. And all the rest – genocide, torture, enslavement, domestic murder, child abuse, school shootings, rape and scores of daily outrages.” 

Ein provokanter, spannender Roman, der uns davor warnt, Geister zu rufen, die wir dann nicht loswerden bzw. nicht mehr kontrollieren können…

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Als Cora Seabornes brillianter, aber auch dominanter Ehemann stirbt, beginnt ein neues Leben für sie. Sie lässt ihre unglückliche Ehe hinter sich und hat endlich Gelegenheit, ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und Neugier den Raum zu geben, den sie braucht.

Zusammen mit ihrer Freundin und ihrem wahrscheinlich autistischen Sohn Francis verlässt sie London für einen Besuch an der Küste Essex, wo sie – ihrem Vorbild Mary Anning gleich – einem wissenschaftlichen Geheimnis auf der Spur ist.

Sie trifft bei ihren Nachforschungen auf den Pfarrer William Ransom, der ebenfalls mit dem Geheimnis um die „Essex Serpent“ beschäftigt ist. Cora ist eine begeisterte Naturforscherin mit wenig Sinn für Übersinnliches oder Religion und so sehr William und sie sich als Freunde schätzen, immer wieder geraten sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen aneinander.

The Essex Serpent ist eine großartige Gothic Novel im besten Sinne. Die Geschichte mag im späten 19. Jahrhundert spielen, die Themen finden sich aber ganz genau so im 21. Jahrhundert wieder. Glaube und Aberglaube treffen auf Wissenschaften und Fakten und auch die unterschiedlichen Formen der Liebe sowie moralische Limitierungen sowohl in der Liebe als auch in der Medizin.

“We both speak of illuminating the world, but we have different sources of light” 

Besonders gefiel mir, wie differenziert Perry mit den verschiedenen Formen der Liebe umgeht. Den schmalen Grat erfasst, wo Freundschaften sich verwandeln in andere Formen von Beziehungen, nicht immer klar benennbar, sondern changierend und abwechslungsreich.

“The windows in her room were open and light was fading on the wall. She said, ‘There may be blood,’ and he said, ‘Better that way – better’; and it was Cora’s mouth he kissed, and Cora’s hand she placed where she wanted it most. Each was only second best: they wore each other like hand-me-down coats.”

Großes Lesevergnügen.

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Loyalty Island in Washington State wird vom Meer beherrscht. Jeden Herbst fahren die Schiffe der Loyalty Islander hoch zur Bering See, um den Winter über Königskrabben zu fangen. Das ist die Industrie, die die Stadt und seine Geschäfte am Leben erhält, auch wenn stets der drohende Tod auf See über ihnen hängt. Für Cal, dessen Vater Kapitän eines der Boote ist, haben das Meer und Alaska etwas ähnlich mystisches wie die Piratengeschichten, die sein Vater ihm als Kind erzählte – aber er sieht auch, wie sehr das Meer verantwortlich dafür ist, dass die Ehe seiner Eltern alles andere als glücklich verläuft. Sowohl wenn sein Vater auf See ist, als auch, wenn er für ein paar Monate wieder zu Hause ist.

„Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten. Das Rumpeln von Außenbordern, von Windböen und Eismaschinen, das Heulen hydraulischer Winschen. Es war graues Dämmerlicht, das morgens und abends kam und ging – wie Ebbe und Flut.

Es war eine Aura der Einsamkeit.“

Die Familie Gaunt ist die mächtigste und einflußreichste auf der Insel. Ihnen gehört seit Generationen die Fangflotte auf Loyalty Island und sie sind der größte Arbeitgeber der Insel. Als John Gaunt plötzlich stirbt und sein entfremdeter Sohn Richard alles erbt, gerät das Leben auf der Insel außer Balance. Richard scheint wild entschlossen alles an die Japaner zu verkaufen und somit den Bewohnern der Insel ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage zu entziehen. Als Cal entdeckt, dass sein Vater möglicherweise drastische Schritte unternommen hat, um ihre gewohnte Lebensweise zu bewahren, steht er vor einer schwierigen Wahl…

Ein wunderbarer Roman über Väter und Söhne, das Ende der Kindheit,  Verantwortung, Loyalität und über die Frage, was Menschen zu unmoralischem Handeln treib. Ein Buch, das definitiv seinen eigenen Soundtrack verdient:

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Gordon Comstock verachtet den Materialismus und die Oberflächligkeit der Mittelklasse, ihre Anbetung des Geldes und ihr Streben nach langweiliger muffiger Seriosiät. Er will ganz nach seinen Idealen leben und kündigt seine gut bezahlte Stelle als Werbetexter und gibt sich ganz seinem Leben in Armut und anderen edelmütigen Aktivitäten hin.

So ein Leben in Armut ist allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken und seine permanente Geldfixiertheit (bzw. der Mangel an Geld) geht einem irgendwann auf den Keks. Es vergeht kein Absatz, in dem das Wort Geld nicht vorkommt. Ich hätte eventuell mehr Respekt für Gordon aufgebracht, wenn er in seiner edelmütigen Lebensweise in Armut nicht permanent auch seine Mitmenschen, insbesondere seine Verlobte und seine Schwester, mit ins Unglück gezerrt hätte.

“The mistake you make, don’t you see,is in thinking one can live in a corrupt society without being corrupt oneself. After all, what do you achieve by refusing to make money? You’re trying to behave as though one could stand right outside our economic system. But one can’t. One’s got to change the system, or one changes nothing. One can’t put things right in a hole-and-corner way, if you take my meaning.”

So edel seine Beweggründe sind, sich und seine Kunst (er ist Schriftsteller) nicht zu verkaufen, so wenig juckt es ihn, wie er die Menschen behandelt, die ihm nahestehen.
Ich bereue es keinesfalls, das Buch gelesen zu haben, es ist durchaus gut und hat viele gute Passagen, aber die Art, wie er mit Frauen umgeht und sein egozentrisches Verhalten haben ihn für mich zu einem der unsympathischsten Protagonisten gemacht, die ich seit langem in Büchern getroffen habe.

Down and out in Paris and London hat mir deutlich besser gefallen.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Damian Barr – „You will be safe here“ erschienen bei Bloomsbury
  • Ian McEwan – „Machines like me“ auf deutsch unter dem Titel „Maschinen wie ich“ bei Diogenes erschienen
  • Sarah Perry – „The Essex Serpent“ auf deutsch unter dem Titel „Die Schlange von Essex“ bei Eichborn erschienen
  •  George Orwell „Keep the Aspidistra flying“ auf deutsch unter dem Titel „Die Wonnen der Aspidistra“ im Diogenes Verlag erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich.

Meine Reisen mit Herodot – Ryszard Kapuściński

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Als der frisch graduierte Ryszard Kapuściński seiner Verlegerin mitteilte, er würde gerne einmal ins Ausland reisen, hatte er keine Ahnung, wie sehr dieser Wunsch sein Leben beeinflussen würde. Eigentlich ging es ihm um den konkreten Grenzübertritt, dieses Gefühl zu erleben, tatsächlich eine Grenze zu überschreiten. Er hatte einen kurzen Abstecher ins benachbarte sozialistische Ausland wie z.B. Prag im Kopf, seine Verlegerin schickte ihn allerdings gleich einmal um die halbe Welt: nach Indien. Damit begann seine ereignisreiche und erfolgreiche Karriere als Auslandskorrespondent und Autor diverser Bücher, dessen Name immer wieder einmal in den Topf der Anwärter auf den Literaturnobelpreis geworfen wurde.

Kapuściński verstarb, bevor das tatsächlich passieren konnte, aber zum Glück hat er uns eine Vielzahl großartiger Bücher hinterlassen. Auf seinen vielen Reisen begleiteten ihn stets die Historien von Herodot, ein Buch, das ihm seine damalige Verlegerin für seine erste Reise schenkte.

Bei dieser ersten Reise ins Ausland wird der junge Journalist einfach so ins kalte Wasser geworfen. Aus dem sozialistischen Ausland kommend, mit rudimentären Englischkenntnissen, merkt er schnell, dass einzig Sprache ihn retten kann. In Herodots Welt wurde überall Griechisch gesprochen, in Kapuścińskis Welt ist es das Englische ,ohne das man verloren ist. Ihm wird klar, dass er nur sehen und sich erinnern kann, wofür er Namen hat und je mehr Namen er für die Dinge in der Welt hat, desto reicher wird die Welt für ihn sein.

Er erzählt auch von seinen Schwierigkeiten in Indien, stets bedient zu werden, gerade für ihn, der im Sozialismus im Geiste der Gleichheit erzogen wurde und wie er lernen musste, dass er jemandem das Geld zum Überleben verweigert, wenn er sich nicht in einer Rikscha kutschieren oder einen Knopf annähen lässt.

Zurück in Polen wird er schon bald darauf wieder losgeschickt. Dieses Mal geht es nach China, wo eine kurze Phase der Offenheit seinen Aufenthalt dort ermöglicht, doch kommt es nie zu einer wirklichen Zusammenarbeit mit chinesischen Journalisten. Sein Radius wird schon bald vor Ort stark eingeschränkt und jeder seiner Schritte überwacht. Ihm wird klar, dass eine Mauer nicht nur vor Feinden draußen schützt, sie hilft auch, die zu kontrollieren, die sich innerhalb der Mauern befinden. Er merkt, wie eine solche Mauer die Menschen verändert, sie dazu bringt, alles von Mauern umringt und in schwarz-weiß/gut und schlecht aufgeteilt zu sehen.

Von China aus geht es für ihn nach Afrika, ein Kontinent, der viel stärker fragmentiert und differenzierter ist als Asien und für ihn daher etwas einfacher zu fassen. In Afrika reift Kapuściński als Journalist, er beginnt, die unter den Ereignissen liegenden Gründe zu analysieren und nicht mehr nur über die Ereignisse an sich zu berichten. Er beginnt, sich mit den Menschen in Afrika anzufreunden, er redet mit ihnen, er beobachtet, er liest und nimmt sich Herodot immer wieder als Vorbild.

Er verbindet das, was er bei Herodot liest, stets mit seiner eigenen Laufbahn. Wie führte Herodot seine Nachforschungen aus? Welche Quellen nutzte er? Wie mag er gereist sein, mit wem gesprochen und wem hat er wiederum seine Geschichten erzählt? Wer war sein Publikum? In Herodot findet er seiner Ansicht nach den ersten, der Konnektivität der Welt erfasst hat, etwas das für Kapuściński eine gradueller Lernprozess war.

Herodot ist ein Geschichtenerzähler der weiß, wie man ein Publikum unterhält und wie man eine Geschichte würzen muss. Er ist unendlich neugierig, eine Eigenschaft die Kapuściński mit ihm gemein hat.

„Er (Herodot) war vollauf beschäftigt mit seinen Reisen, den Vorbereitungen dafür, und dann mit der Auswahl und Sichtung der mitgebrachten Materialien. Denn eine Reise beginnt nicht in dem Moment, da wir uns auf den Weg machen, und sie endet nicht, wenn wir ans Ziel gelangt sind. In Wahrheit beginnt sie viel früher, und sie ist faktisch nie zu Ende, weil sich das Band unserer Erinnerungen in unserem Inneren weiterdreht, auch wenn wir angekommen sind. Es gibt so etwas wie eine Infizierung mit dem Reisebazillus, und das ist eine im Grunde unheilbare Krankheit.“

Herodot wollte verhindern, dass die menschlichen Geschehnisse im Dunkel der Zeit verloren gehen und sah seine Aufgabe darin, ein Chronist der Zeit zu sein. Auszüge aus Herodots Werk ziehen sich durch das gesamte Buch. Kapuściński erzählt die Geschichte der Griechisch-Persischen Kriegs nach und stellt seine eigenen Nachforschungen an. Er begibt sich in die Geschichten hinein, z.B. in die Geschichte der Belagerung Babylons, bei der die Männer beschlossen, jeweils alle Frauen bis auf eine pro Haushalt zu erwürgen, um Vorräte zu sparen. Er fragt sich, wie genau die Männer die Entscheidung trafen, wer entscheidet welche übrig bleibt, wer führte die Tötungen durch, töteten sie die Frauen ihrer eigenen Familien oder die der anderen? Die Frauen müssen mitbekommen haben was vor sich geht. Haben sie sich gewehrt? Haben sie versucht ihre Töchter zu schützen? Herodot berichtet einfach nur die Fakten, ohne jeglichen Kommentar, hier lernt Kapuściński weiterzugehen, nach Fragen zu suchen und Antworten zu finden in seiner Arbeit.

„Die Perser und die Franzosen wurden von derselben Leidenschaft angetrieben – erobern, erlangen, besitzen. Beide erleiden eine Niederlage, weil sie gegen das griechische Gesetz verstoßen, das Gesetz der Mäßigung: niemals zu viel zu wollen, nicht alles zu begehren.“

Kapuściński sieht Herodot und sich als Reporter die auf Begegnungen mit Menschen angewiesen sind. Zu Herodots Zeiten gab es keine andere Form der Kommunikation als der direkte Kontakt, er lebte in einer Zeit der mündlichen Weitergabe von Wissen, das sich hauptsächlich auf  die Erinnerung stützte. Er wusste wie fragil und unzuverlässig Erinnerungen sind und dennoch sammelte er das Wissen und ließ sich auch auf die Ungenauigkeiten ein.

„Alle Diktaturen bedienen sich eines solchen passiven Magmas. Damit ersparen sie sich teure Armeen bezahlter Polizisten. Sie brauchen nur auf diese Menschen zurückzugreifen, die nach etwas in ihrem Leben suchen. Ihnen das Gefühl zu geben, sie könnten sich nützlich machen, man würde auf sie zählen, sie wahrnehmen, ihnen Bedeutung beimessen.“

Das Einnehmen von unterschiedlichen Gesichtspunkten, die Wahrheit zu suchen, Quellen zu prüfen, das sind gemeinsame Werte und die Verbindungen, die Kapuscinski in seiner und Herodots Arbeit sieht.

Man könnte Kapuścińskis Buch einfach vordergründig für die Memoiren eines berühmten Reporters halten, der einigen historisch äußerst bedeutsamen Ereignissen beiwohnte.

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Aber Kapuścińskis Buch wirkt durch den Bezug auf Herodots Werk noch auf einem tieferen Level. Durch ihn zeigt der Journalist, wie wenig sich für den Einzelnen seit Herodot verändert hat, wann immer große geschichtliche Ereignisse auf ihn hereinbrechen.

„Wann immer man tote Tempel, Paläste, Städte betrachtet, stellt man sich die Frage nach dem Schicksal ihrer Erbauer. Nach ihren Schmerzen, den gebrochenen Rückgraten, den durch Steinsplitter verlorenen Augen, dem Rheumatismus. Nach ihrem unglücklichen Leben. Ihren Leiden. Und daraus ergibt sich die nächste Frage: hätten diese Wunderwerke ohne solches Leiden überhaupt entstehen können? Ohne die Peitsche der Aufseher? Ohne die Angst, die den Sklaven im Nacken saß? Ohne den Hochmut, der den Herrscher erfüllte? Wurden die großen Kunstwerke der Vergangenheit nicht gerade durch das hervorgebracht, was im Menschen negativ ist und böse? Andererseits: Sind sie nicht auch aufgrund der Überzeugung entstanden, daß das, was im Menschen negativ ist und schwach, nur durch die Anstrengung und den Willen, Schönes zu erschaffen? Und daß das einzige, was sich nie ändern wird, die Form des Schönen ist? Und das uns innewohnende Bedürfnis danach?“

Immer wieder pausiert Kapuściński, wenn er eine Geschichte über Herodot erzählt, um die Parallelen aufzuzeigen, die überall immer wieder auftauchen. Beispielsweise zum Ende des Buches hin, als der Journalist in Algier den Zusammenstoß zwischen dem toleranten Islam der Händler und Kaufleute und des fremdenfeindlichen Glaubens der Nomaden und Hirten diskutiert, nimmt er Bezug auf ähnlichen Erlebnisse des Herodot zu seiner Zeit.

„Er entschloß sich, vermutlich gegen Ende seines Lebens, ein Buch zu schreiben, da er wußte, daß er eine riesige Menge von Geschichten und Nachrichten zusammengetragen hatte, und wenn er die nicht in einem Buch festhielt, würde alles, was er bisher in seinem Gedächtnis gespeichert hatte, einfach verschwinden. Da haben wir wieder den Kampf gegen die Schwäche der Erinnerung, gegen ihre Flüchtigkeit, ihre immerwährende Tendenz, sich zu verwischen und zu verschwinden.“

„Eines zeichnet solche Individuen aus: Sie haben das unersättliche Wesen von Hohltieren, Schwämmen, die alles leicht aufsaugen und es ebenso leicht wieder abgeben. Sie behalten nichts länger für sich, und da die Natur keine Leere duldet, brauchen sie immer etwas Neues, müssen ständig etwas aufsaugen, ergänzen, vermehren, vergrößern. Herodots Denken ist nicht imstanden, bei einem Ereignis oder einem Land zu verweilen. 

Oder in einem Kapitel als Kapuściński im östlichen Mittelmeerraum unterwegs ist, liest er die Passagen, wo Herodot über die Verzweiflung eines Kriegers spricht, der ahnt, dass er kurz darauf in einem aussichtslosen Kampf fallen wird. Auch Kapuściński erlebt die Region in Unruhe, während seines Besuches und auch heute noch sterben – genauso sinnlos – nahezu jeden Tag Kämpfer in und um Syrien herum.

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„Herodot ist ein Kind seiner Kultur und der menschenfreundlichen Atmosphäre, in der sich diese entwickelt. Es ist eine Kultur der langen, gastlichen Tische, an denen Menschen an lauen Abenden gemeinsam sitzen, Käse und Oliven essen, kühlen Wein trinken und sich unterhalten. Dieser offene, von keinen Mauern begrenzte Raum am Meeresufer oder auf einem Berghang wirkt befreiend auf die menschliche Phantasie.“ 

Meine Reisen mit Herodot ist kein Buch für ungeduldige Leser und es ist eines, das es verdient, mehrfach gelesen zu werden. Ich habe auf jeden Fall Lust bekommen, mir auch einen Herodot für künftige Reisen zuzulegen.

Eine sehr schöne Besprechung des Buches findet sich auch bei Birgit von Sätze und Schätze.