Gemischte Tüte

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1997 reisen die neunzehnjährige Michelle und ihr gelber Spielzeugroboter Richtung Westen durch ein dystopisches Amerika. Die Ruinen gigantischer Kampfdrohnen liegen verstreut in der Landschaft, zusammen mit dem weggeworfenen Müll einer im Niedergang begriffenen Hightech-Konsumgesellschaft. Während sich ihr Auto dem Rand des Kontinents nähert, scheint sich die Welt vor dem Fenster immer schneller aufzulösen – als ob irgendwo jenseits des Horizonts der hohle Kern der Zivilisation zusammengebrochen wäre.

Großartige Illustrationen, eine ergreifende, fesselnde Geschichte und eine höllisch gute Präsentation machen dieses Buch zu einem absolut perfekten Erlebnis. Es war ein riesiges Vergnügen, dieses wunderbare Buch zu lesen. Es ist nicht gerade günstig, aber es ist sein Geld definitiv wert. Das ist kein Bildband, den man einfach nur so durchblättert, dieses Buch braucht die ganze Aufmerksamkeit und es ist für mich eines der tollsten Bücher die ich bislang dieses Jahr gelesen habe.

In the beginning, God created the neuron, and when electricity flowed through the three-dimensional nerve cell matrix in the brain, there was consciousness.

Simon Stålenhag ist ein schwedischer Künstler, Musiker und Designer, der sich auf retro-futuristische digitale Bilder spezialisiert hat. Die Schauplätze seiner Kunstwerke bildeten unter anderem die Grundlage für die Amazon-Serie „Tales from the Loop“ (2020).

Eine weitere Rezension findet ihr bei Zeichen & Zeiten.

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Why I’m No Longer Talking to White People About Race ist die Lektüre der Stunde für jeden, dem soziale Gerechtigkeit, der Zustand unserer Gesellschaft und das Miteinander unter den Menschen am Herzen liegen. Reni Eddo-Lodge erzählt die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus in Großbritannien und spricht über weiße Privilegien, weißgewaschenen Feminismus, Rassismus, Klassenunterschiede und mehr. Eddo-Lodge ist provokativ, aber jedes Wort fühlt sich notwendig und richtig an und sie verschwendet keinen Platz. Sie schafft eine perfekte Balance zwischen der Vermittlung, wie tief verwurzelt und allumfassend Rassismus wirklich ist, und der Hoffnung, dass wir die Vorherrschaft der Weißen bekämpfen können. Sie weigert sich, weiße Menschen zu verhätscheln, und fordert, die weiße Zerbrechlichkeit zu überwinden. Ich habe mindestens ein Dutzend Passagen angekreuzt, aber diese eine zu Feminismus möchte ich hier teilen:

Feminism is not about equality, and certainly not about silently slipping into a world of work created by and for men. Feminism, at its best, is a movement that works to liberate all people who have been economically, socially, and culturally marginalised by an ideological system that has been designed for them to fail. That means disabled people, black people, trans people, women and non-binary people, LGB people and working-class people. The idea of campaigning for equality must be complicated if we are to untangle the situation we’re in. Feminism will have won when we have ended poverty. It will have won when women are no longer expected to work two jobs (the care and emotional labour for their families as well as their day jobs) by default.

 

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Die alternde und zurückgezogene Hollywood-Filmikone Evelyn Hugo ist endlich bereit, die Wahrheit über ihr glamouröses und skandalöses Leben zu erzählen.

Als sie die unbekannte Magazinreporterin Monique Grant für den Job auswählt, ist in Journalistenkreisen niemand mehr erstaunt als Monique selbst. Warum sie? Warum jetzt? Monique ist beruflich kein Überflieger und macht auch gerade schwere Zeiten durch. Ihr Ehemann David hat sie verlassen, und ihre Karriere stagniert. Unabhängig davon, warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihre Biografie zu schreiben, ist Monique entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen, um ihre Karriere voranzutreiben.

People think that intimacy is about sex. But intimacy is about truth. When you realize you can tell someone your truth, when you can show yourself to them, when you stand in front of them bare and their response is ‚you’re safe with me‘- that’s intimacy.

In Evelyns Wohnung in der Upper East Side hört Monique Evelyns Geschichte zu: von ihrem Weg nach Los Angeles in den 1950er Jahren bis zu ihrer Entscheidung, das Showgeschäft Ende der 80er Jahre zu verlassen, und natürlich erfährt sie viel über die sieben Ehemänner, die Evelyns Weg pflastern. Während Evelyns Leben sich entfaltet – von rücksichtslosem Ehrgeiz, einer unerwarteten Freundschaft, über eine große verbotene Liebe – beginnt Monique eine sehr reale Verbindung zu der Schauspielerin zu spüren. Doch während Evelyns Geschichte die Gegenwart einholt, wird klar, dass sich ihr Leben auf tragische und unumkehrbare Weise mit dem von Monique überschneidet.

Mehr kann man nicht schreiben ohne heftigst zu spoilern. Das ist sehr gute Strandlektüre, die großen Spaß macht und die ich wirklich empfehlen kann. Habe es sehr gerne gelesen und es hat für spannende Diskussionen im Bookclub gesorgt. Wir waren uns einig, hohe Literatur ist was anderes, aber keine von uns konnte das Buch wirklich aus der Hand legen…

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Sollte man jedes Buch beenden, das man beginnt?

Wie hat Deine Familie Deine Art zu lesen beeinflusst?

Was ist literarischer Stil?

Was hat der Nobelpreis mit der Fußballweltmeisterschaft zu tun?

Warum findet du das Buch total doof, das ein Freund dir so empfohlen hat?

Ist Schreiben wirklich wie jeder andere Beruf?

Was passiert mit deinem Gehirn, wenn Du ein gutes Buch liest?

Der Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und Literaturprofessor Tim Parks geht diesen Fragen nach und beschäftigt sich mit all dem, worüber man sich unbewußt oder bewusst schon mal Gedanken gemacht hat mit Blick auf Bücher, Lesen und Literatur. Diese Sammlung an spannenden und teilweise provokanten Essays/Artikeln  ist ein anregender intellektueller Leckerbissen für all die bibliophilen Buchverrückten unter uns.

What wonderful minds we have, even though they don’t seem to get us anywhere, or make us happy.

Eines seiner interessantesten Themen ist „The Dull New Global Novel“. In zunehmendem Maße ist der Markt für neue Romane eher global als lokal oder national. Ein Roman eines bekannten Schriftstellers wird in der Regel in ausländischen Ausgaben gleichzeitig mit der Originalausgabe herausgegeben. Die Bedeutung einer anständigen Übersetzung oder einer einfachen Übersetzung steht an erster Stelle und verändert die Art und Weise, wie manche Romanschriftsteller schreiben – „Kazuo Ishiguro hat davon gesprochen, wie wichtig es ist, Wortspiele und Anspielungen zu vermeiden, um es dem Übersetzer leicht zu machen“. Parks lehrt Übersetzen in Italien und hat hat daher jede Menge interessante Einsichten und Ansichten zu diesem Thema.

Ein Nebeneffekt eines internationalen Marktes für Bücher ist, dass ein bestimmter Stil zu einem unauslöschlichen Merkmal werden kann. Der magische Realismus wurde zu einem solchen Markenzeichen der südamerikanischen Literatur, dass es für südamerikanische Schriftsteller richtig schwierig wurde, veröffentlicht zu werden, wenn sie es wagen sollten nicht das Markenzeichen „magischer Realismus“ zu verwenden.

„Nur wenige Kunstwerke können universelle Anziehungskraft haben“, argumentiert er. Für ihn ist einige der besten Literatur lokal, denn sie verlangt, dass der Leser ein bestimmtes Milieu versteht. Dieser Aspekt der Literatur kämpft gegen den Trend des Globalismus, denn Lokalitäten und kulturelle Besonderheiten lassen sich nicht so gut übersetzen, weder im wörtlichen noch im metaphorischen Sinne. Zu den Schriftstellern dieser Form gehören seiner Ansicht nach Barbara Pym, Henry Green, Natalia Ginzburg – und es gibt durchaus Aspekte dieses Lokalismus/Nichtuniversalismus bei Thomas Hardy, Jane Austen, Shakespeare.

Wer gerne Bücher über Bücher liest und sich grundsätzlich für die Situation der Weltliteratur interessiert, sollte sich dieses Buch keinesfalls entgehen lassen.

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Du bist 82 Jahre alt. Du bist sechs Zentimeter geschrumpft, wiegst nur noch 45 Kilo und bist trotzdem noch schön, anmutig und begehrenswert“ – so beginnt André Gorz‘ „offener Liebesbrief“ an die Frau, mit der er seit 58 Jahren zusammenlebt und die neben ihm im Sterben liegt.
Als einer der führenden Nachkriegsphilosophen Frankreichs schrieb André Gorz viele einflussreiche Bücher, aber nichts von dem, was er schrieb, wurde je so populär oder wird so in Erinnerung bleiben, wie dieser einfache, leidenschaftliche, schöne Brief an seine sterbende Frau.

In einem bittersüßen Postskriptum ein Jahr nach der Veröffentlichung des Briefes an D markierte eine an die Tür geheftete Notiz für die Putzfrau das letzte Kapitel einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte. André Gorz und seine todkranke Frau Dorine fanden sich friedlich nebeneinander liegen, nachdem sie sich gemeinsam das Leben genommen hatten. Sie konnten einfach nicht ohne einander leben.

Der internationale Bestseller „Brief an D“ ist die ultimative Liebesgeschichte – und um so ergreifender, weil sie wahr ist.

Hier noch mal die Bücher im Überblick inklusive der jeweiligen deutschen Übersetzung:

  • Simon Stålenhag – The Electric State erschienen bei Fischer Tor.
  • Reni Eddo-Lodge – Why I’m no longer talking to white people about race erschien auf deutsch unter dem Titel Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche bei Klett-Cotta
  • Taylor Jenkins Reid – The seven husbands of Evelyn Hugo erschienen bei Simon & Schuster
  • Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen erschienen im Kunstmann Verlag
  • André Gorz – Brief an D erschienen im Rotpunktverlag

Happy Pride

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Nur weil die Pride-Veranstaltungen im echten Leben abgesagt wurden, heißt das nicht, dass wir nicht hier auf dem Blog ein bisschen feiern und die Community unterstützen können.

Ich stelle euch hier meine 10 liebsten LGBTQ Romane bzw Biografien vor und würde mich riesig freuen, wenn ich euch nicht nur Lust auf die vorgestellten Bücher machen würdet, sondern ihr vielleicht für die Organisation „Queer Refugees Deutschland“ spenden würdet, ein Projekt das queere Geflüchtete in Deutschland unterstützt.

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Patricia Highsmiths dramatische Liebesgeschichte ist vielleicht einer der wichtigsten, Meilensteine in der queeren Literatur. Erstmals 1952 veröffentlicht und als „Roman einer Liebe, die die Gesellschaft verbietet“ angepriesen, wurde das Buch bald zu einem absoluten Kultklassiker.

Die Verfilmung aus dem Jahr 2016 mit Cate Blanchett und Roonie Mara machte das Buch dann auch dem Mainstream zugänglich.

Hier die ausführliche Rezension, die ich damals auf Birgits Blog „Sätze und Schätze“ in der Rubrik „Verschämte Lektüren“ veröffentlichte.

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Virginia Woolfs Orlando „Der längste und charmanteste Liebesbrief der Literatur“ konstruiert auf spielerische Weise die Figur des Orlando als fiktive Verkörperung von Woolfs enger Freundin und Geliebten, Vita Sackville-West. Der Roman, der sich über drei Jahrhunderte erstreckt, beginnt damit, dass Orlando, ein junger Adliger im Elisabethianischen England, auf den Besuch der Königin wartet und seine Erfahrungen aufzeichnet.

In der Mitte des Romans erwacht Orlando, jetzt Botschafter in Konstantinopel, und stellt fest, dass er jetzt eine Frau ist. Der Roman schwelgt in Farce und Ironie, und beschäftigt sich mit der Rolle der Frau im 18. und 19. Jahrhundert. Der Roman endet im Jahr 1928, wo Orlando jetzt Ehefrau und Mutter, an der Schwelle zu einer Zukunft steht, die neue Hoffnungen und Möglichkeiten für Frauen birgt.

Hier die ausführliche Rezension dazu.

Giovannis Room

Baldwins eindringlicher und umstrittener zweiter Roman ist ein Klassiker der schwulen Literatur. Im Paris der 1950er Jahre, das von Expatriates wimmelt und durch gefährliche Liaisons und versteckte Gewalt gekennzeichnet ist, kann ein Amerikaner seine Homosexualität nicht länger unterdrücken, obwohl er fest entschlossen ist, ein konventionelles Leben zu führen. Obwohl er eine junge Frau kennengelernt und ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, gerät er in eine leidenschaftliche Affäre mit einem italienischen Barkeeper…

Hier die ausführliche Rezension.

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Lesbian Dickens – ein viktorianisches Murder-Mystery inklsuiver lesbischer Romanze – was will man mehr? 😉

London 1862. Sue Trinder, bei der Geburt verwaist, wächst unter Taschendieben und unter der rauen, aber liebevollen Fürsorge von Mrs. Sucksby und ihrer „Familie“ auf. Doch vom ersten Moment an, ist Sues Schicksal mit dem eines weiteren Waisenkindes verbunden, das in einer düsteren Villa nicht allzu weit entfernt aufwächst….

Bei der Lektüre fühlt man sich gelegentlich wie Alice, die in das Kaninchenloch fällt. Diese Geschichte hat mehr Drehungen und Wendungen als eine handelsübliche Schraube und ich konnte das Buch überhaupt nicht aus der Hand legen und habe die ganze Nacht durchgelesen bis es fertig war.

Hier die ausführliche Rezension.

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Alison Bechdel schildert in der Graphic Memoir ihre schwierige Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater.

Bruce Bechdel war ein distanzierter und anspruchsvoller Englischlehrer und Direktor des städtischen Bestattungsinstituts, das Alison und ihre Familie als „Fun Home“ bezeichneten. Erst am College entdeckte Alison, die sich kürzlich als Lesbe geoutet hatte, dass ihr Vater ebenfalls schwul war. Wenige Wochen nach dieser Enthüllung war er tot und hinterließ seiner Tochter ein mysteriöses Vermächtnis, das es zu lösen gilt.

Hier die ausführliche Rezension.

Winterson

Warum glücklich sein, wenn man normal sein könnte? ist die hartnäckige Suche der Protagonistin nach Zugehörigkeit, nach Liebe, Identität, Heimat und einer Mutter.

Why Be Happy When You Could Be Normal? (Warum glücklich sein, wenn man normal sein könnte) ist eine Biografie über die Lebensaufgabe der Protagonistin ihr Glück zu finden. Das Buch erzählt davon wie sie aus ihrem Haus ausgesperrt wurde und die ganze Nacht auf der Türschwelle saß; es erzählt von einer Frau, die mehr religiöse Fundamentalistin als Mutter ist, mit falschen Zähnen und einem Revolver in der Kommode auf den Weltuntergang wartet und davon wie die schmerzliche Vergangenheit, von der Jeanette dachte, sie hätte sie längst überschrieben und verarbeitet immer wieder aufsteigt…

Hier geht es zur ausführlichen Rezension.

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Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Cafe ist ein Roman über zwei Frauen: Evelyn, eine etwas unglückliche Frau in den Wechseljahren, und die grauhaarige Frau Threadgoode, die ihre Lebensgeschichte erzählt. Zu ihrer Lebensgeschichte gehören zwei weitere Frauen – der draufgängerische Wildfang Idgie und ihre Freundin Ruth -, die gemeinsam in den 1930 Jahren ein kleines Lokal in Whistle Stop, Alabama hatten in dem es neben gutem Kaffee, Barbecue und Whisky auch jede Menge Liebe und Leidenschaft gab – und sogar gelegentlichen einen Mord.

Ein Buch das man nicht lesen kann ohne gleich danach die wunderbare Verfilmung aus dem Jahr 1991 anzuschauen und Lust auf gegrillte grüne Tomaten zu bekommen.

Hier geht es zur ursprünglichen Besprechung.

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Maggie & Me ist eine Biografie über das Überleben in im Arbeiterviertel einer schottischen Kleinstadt während der Thatcher-Jahre.

12. Oktober 1984. Eine IRA-Bombe sprengt das Grand Hotel in Brighton in die Luft. Wie durch ein Wunder überlebt Maggie Thatcher. In einer schottischen Kleinstadt sieht der achtjährige Damian Barr mit Schrecken zu, wie seine Mutter ihren Ehering abreißt und ihre Koffer packt. Er weiß, dass auch er überleben muss.

Damian, seine Schwester und seine Mutter ziehen mit ihrem gewalttätigen neuen Freund zusammen, während sein Vater mit der glamourösen Mary (the Canary) zusammenlebt. Je mehr Maggie Thatcher Fuß fasst, desto dramatischer wird das Leben für Damian: Maggie schafft die Schulmilch ab, zerschlägt die Gewerkschaften und sorgt dafür, dass Habgier als gute Eigenschaft gilt. Dem Rat von Maggie folgend, arbeitet Damian hart und plant seine Flucht aus Armut und Enge. Er entdeckt, dass Geschichten Leben retten können und schafft es  Gewalt, Streiks, Aids und Homophobie zum Trotz – sich in Glasgows einzigem Schwulenclub zu verlieben…

Hier geht es zur ausführlichen Rezension.

Ein berauschender Roman über die alles verzehrende Liebesaffäre zwischen zwei Frauen in Paris…

Eine Lehrerin um die dreißig treibt durch ihr Leben in Paris, zieht eine Tochter allein auf und ist trotz ihres neuen Freundes einsam. Eines Abends, auf der der Silvesterparty eines Freundes, tritt Sarah – einem Tornado gleich ihr Leben. Die begabte junge Geigerin ist voller Energie – es ist der Beginn einer intensiven Beziehung, die das Leben beider Frauen komplett auf den Kopf stellt.

Hier geht es zur ausfühlen Rezension.

Nachtgewächs: Roman (suhrkamp taschenbuch): Amazon.de: Barnes ...

Djuna Barnes‘ seltsame Tour de Force, gehört laut dem TLS zu jener kleinen Klasse von Büchern, die irgendwie eine Zeit oder eine Epoche widerspiegeln“ Diese Zeit ist die zwischen den beiden Weltkriegen, und Barnes‘ Roman entfaltet sich im dekadenten Schatten der großen Städte Europas: Paris, Berlin und Wien.

Sie erzählt von einer Welt, in der die Grenzen von Klasse, Religion und Sexualität überraschend durchlässig sind. Nightwood ist der Klang von zerbrechenden Herzen, von fünf Menschen, die sich gegenseitig aussaugen und das Leben zur Hölle machen. Das Buch selbst macht es dem Leser schwer, es weigert sich förmlich seine Geheimnisse preiszugeben.

Man muss es sehr sehr langsam lesen, wird dann aber tatsächlich mit einer psychologischen Tiefe belohnt die verblüfft und es knistert noch immer mit derselben elektrischen Ladung, die es bei seiner ersten Veröffentlichung 1936 hatte.

Ein schwieriges, fiebriges, dunkles Juwel soll diese Reihe abschließen. Hier geht es zur Besprechung der Biografie von Djuna Barnes, für alle die sich noch ein bisschen mehr mit dieser spannenden Schriftstellerin beschäftigen möchten.

Ich hoffe es war etwas für euch dabei und ihr hattet Spaß an dieser Blog Pride. Vergesst bitte die Queer Refugees nicht – Happy Pride allerseits 🙂

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Habt Ihr Empfehlungen für mich – möchte gerne mein Lesespektrum erweitern. Welche LGBTQ Bücher haben euch besonders gefallen?

Sally Rooney

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Connell und Marianne wachsen in der gleichen Kleinstadt im ländlichen Irland auf. Damit enden dann aber auch die Gemeinsamkeiten, denn sie kommen aus sehr unterschiedlichen Welten und ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten. Als beide einen Studienplatz am Trinity College in Dublin erhalten, hält die Verbindung, die zwischen ihnen gewachsen ist, bis weit in die folgenden Jahre an.

Normal People spielt hauptsächlich in der schattigen, rauchigen Studentenstadt Dublin, es hat geistreichen Dialog und Rooney beobacht feinfühlig das Auf und Ab von ängstlichen Gefühlen, Verliebtheit und ziemlich grafischem, leidenschaftlich innigem Sex. Normal People folgt den beiden Protagonisten Marianne und Connell – durch die Teenagerzeit bis ins frühe Erwachsenenalter.

Marianne ist ein dünnes, ängstliches, kluges Mädchen mit wenig Selbstwertgefühl und masochistischeren Tendenzen, die das Buch als soziale Ausgestoßene beginnt und in der Mittagspause Proust in der Schule in Galway liest, und Connell, der anscheinend so selbstsichere und beliebte Arbeiterklassen-Star der Fussballmannschaft, der ebenfalls überaus belesen ist.

“It was culture as class performance, literature fetishised for its ability to take educated people on false emotional journeys, so that they might afterwards feel superior to the uneducated people whose emotional journeys they liked to read about.”

Connells Mutter Lorraine stammt aus einer kriminellen Familie und bekam ihn mit 17 Jahren: aber sie scheint ihrer verpassten Jugend nicht hinterher zu trauern, sie ist nicht verbittert, sondern sehr herzlich, selbstlos und weise, das „gute Mutter“-Gegenstück zu Mariannes verwitweter Mutter, die kalt und unterinteressiert an ihrer Tochter ist und die gewalttätige Schikanierung des Bruders sogar fördert. Aber Denise ist so vage gezeichnet, dass selbst Marianne sich nicht einmal die Mühe macht zu erklären, warum. Nach einer ungeheuerlichen Grausamkeit ihrerseits treffen die beiden Mütter und Marianne direkt aufeinander:

They saw Marianne’s mother in the supermarket. She was wearing a dark suit with a yellow silk blouse. She always looked so ‘put together’. Lorraine said hello politely and Denise just walked past, not speaking, eyes ahead. No one knew what she believed her grievance was.“

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Es ist eine Liebesgeschichte die davon erzählt, wie ein Mensch das Leben eines anderen Menschen verändern kann – eine einfache, aber tiefgründige Erkenntnis, die sich im Laufe des Romans wunderbar entfaltet. Sie erzählt davon, wie schwierig es ist, darüber zu sprechen, wie wir uns wirklich fühlen und sie beschreibt die Privilegien, die nach wie vor zumeist unsichtbar daherkommen.

Roony kritisiert unser ständiges Bedürfnis, andere zu beeindrucken. Die meisten Sachen, die Marianne und Connell widerfahren, werden durch andere Menschen, Gruppendruck und soziale Erwartungen verursacht. Es schon traurig, dass jemand den einen anderen aufgibt, obwohl er ihn zutiefst liebt, nur weil er nicht damit umgehen kann, wie der Partner auf andere wirkt.

Die Unfähigkeit des Paares, vernünftig miteinander zu kommunizieren, ist frustrierend, fühlt sich aber realistisch an. Gelegentlich wollte ich mir die Haare ausreißen bei all dem was in diesem Buch ungesagt geblieben ist, aber es war gleichzeitig auch durchaus realistisch.

In Normal People geht es vielleicht nicht darum, wie genau es jetzt ist jung zu sein, aber es zeigt was es bedeutet, zu jeder Zeit jung und verliebt zu sein.

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Conversations with Friends ist ein Buch über vier Personen: zwei Ex-Freundinnen und jetzt beste Freundinnen, Frances und Bobbi, und ein Ehepaar, Nick und Melissa. Frances und Nick geraten mit der Zeit in eine seltsame Romanze.

Es geht aber nicht wirklich um diesen Betrug. Die Autorin weigert sich, es dem Leser so einfach zu machen. Bobbi und Melissa haben ihre eigene merkwürdige Verbindung, genau wie Frances und Bobbi und natürlich auch Nick und Melissa.

Der zentrale Konflikt von Frances besteht darin, dass sie nicht in der Lage ist, anderen ihre Verletzlichkeit zu zeigen,  sie wäre so gerne cool und distanziert und ist einfach nur liebenswert. Aber um geliebt zu werden, müssen wir uns natürlich erlauben, auch wirklich gesehen zu werden.

Es ist diese Weigerung, diese Intimität zuzulassen, die zum Hauptkonflikt des Buches wird; in ihrer Beziehung zu Bobbi, zu Nick und sogar zu Melissa versucht sie ständig (mit zunehmender Verzweiflung) zuzulassen, dass ihre Mauern durchbrochen werden. Erst im weiteren Verlauf des Buches beginnt sie zu verstehen, dass andere sie wirklich lieben und kennen lernen wollen.

Ich mag die Art, wie Sally Rooney schreibt, sehr: einfach und scheinbar mühelos, mit einem natürlichen und lebhaftem Rhythmus. Die gleichzeitige Intelligenz und mangelnde Lebenserfahrung von Frances werden dadurch überzeugend eingefangen; von Anfang an war sie jemand, die ich unbedingt verstehen wollte, in deren Kopf ich für eine Weile wohnen wollte.

“Gradually the waiting began to feel less like waiting and more like this was simply what life was: the distracting tasks undertaken while the thing you are waiting for continues not to happen.”

Sally Rooney schreibt mit Geschicklichkeit, Leichtigkeit und scharfer Beobachtungsgabe über zwischenmenschliche Dynamiken, die einem die Protagonisten sehr ans Herz wachsen lässt. Mit Sympathie, Frustration und etwas besorgt sah ich Frances dabei zu, wie sie eine unbeholfene, schlecht durchdachte Affäre mit einem älteren verheirateten Mann anfängt. Die Dynamik dieser Affäre, Frances‘ begrenztes Verständnis von Liebe, Klasse, Freiheit und Zugehörigkeit und das Zusammenspiel mit den anderen Figuren im Buch machen ihr Leben immer komplizierter.

Das Ende und der damit verbundene Fallout ist chaotisch und seltsam. Interessanterweise wird die Dramatik der Geschichte durch den prägnanten Dialog des Romans überschattet. Die Gespräche, die Frances mit Bobbi, Nick und Melissa führt, nehmen eine Vielzahl von Formen an – verstohlene E-Mail-Nachrichten, persönliche Interaktionen, überstürzte Textnachrichten – und die Figuren grübeln über alles, von der Liebe im Spätkapitalismus bis hin zu den Vorzügen des Anarchismus. Die spannenden Gespräche, zusammen mit Rooneys berauschender Prosa, lassen den Roman in schwindelerregendem Tempo vorbeirauschen.

Definitiv Lektüre, die nicht jedem gefallen wird, aber ich hatte großes Vergnügen an diesen klugen Romanen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr.

Auf Deutsch erschienen die Bücher unter dem Titel „Gespräche mit Freunden“ und „Normale Menschen“ im Luchterhand Verlag.

Was wir voneinander wissen – Jessie Greengrass

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„Was wir voneinander wissen“ erzählt davon, was wir über unseren Körper, uns selbst oder einander wissen können und ist das Thema des Debütromans von Jessie Greengrass. Der Roman erzählt von einer namenlosen jungen Frau, die, schwanger mit ihrem zweiten Kind, über den Tod ihrer Mutter und dessen Folgen meditiert, über ihre Beziehung zu ihrer psychoanalytischen Großmutter und darüber, wie schwierig es war, sich für ihr erstes Kind zu entscheiden. Die Erzählung streicht in der Zeit hin und her und bringt unerwartete Verbindungen an die Oberfläche.

Der Roman entführt uns ins Paris des 19. Jahrhunderts, als die Brüder Lumière zum ersten Mal ihre Kinofilme zeigen. In derselben Epoche erfindet der deutsche Physiker Wilhelm Röntgen das Röntgengerät, dessen Schwarz-Weiß-Bilder seiner Frau Bertha wie der Blick auf ihren eigenen Tod erscheinen. Das Thema, wie Reflexion und Analyse entweder aufklären oder verkümmern können, zieht sich als roter Faden durch den Roman.

Dies wird in späteren Abschnitten, die sich mit Freuds Studien zur Psychoanalyse befassen, noch deutlicher. Zum Beispiel bei dem kleinen Jungen, der sein Haus nicht mehr verlassen will, nachdem er gesehen hat, wie ein Pferd auf der Straße tot umgefallen ist – eine interessante Fallstudie, in der Freud Parallelen zu dem Pferd und dem Vater des Jungen zieht.

Die Erzählerin ist definitiv für die Analyse prädestiniert,  mit ihrer unglücklichen und distanzierten alleinerziehenden Mutter und ihrer gleichfalls distanzierten Psychiater-Oma. „Doktor K“ nutzt sie des Öfteren als Versuchsperson und vermittelt ihrer Enkelin von klein auf die Fähigkeit zur Reflexion. Das hat ihr zwar ein ausgeprägtes moralisches Gespür gegeben, auf der anderen Seite aber hat sie die instinktiven Freuden der Kindheit verpasst. Nichts wird je ohne vorheriges intensives Nachdenken getan. Als sie Johannes begegnet und sich in ihn verliebt – den der Leser durch die Erzählperspektive des Erzählers nur am Rande kennenlernt – droht die Entscheidung über die Mutterschaft.

„Dieses Tagebuch, sagte sie, sei zwar für die Selbstanalyse nicht zwingend notwendig, das Führen eines solchen aber dennoch eine nützliche Methode, eine Möglichkeit, den Verstand zur Rede zu stellen, ähnlich dem Beten eines Rosenkranzes.“

Der Erzählerin ist von Anfang an klar, dass sie sich ein Kind wünscht, aber sie ist zutiefst unsicher, ob sie eine gute Mutter abgeben würde. Greengrass bringt dieses interessante philosophische Thema mit Leichtigkeit auf den Punkt und zieht den Leser mit einer Stimme in den Bann, die gleichzeitig intelligent und stets auf der Suche ist.

„Nun, da wir davor stehen, das Ganze ein zweites Mal zu durchleben, frage ich mich bisweilen, ob es meiner Muter genauso ergangen sein mochte, oder Doktor K oder Max Graf bei seinem Sohn Hans oder Freud bei seiner Tochter Anna; und wenn ja, wie sie es schafften, sie zu verbergen, wie wir alle sie verbergen, diese schier überwältigende Furcht davor, es zu versauen, die uns ergreift, wenn wir Kinder bekommen, die Erkenntnis, dass wir unmöglich vermeiden können, ihnen zu schaden, ein Gefühl, als fiele man in eine uferloses Gewässer, und dazu die quälende Einsicht, dass es im Erfolgsfall aussieht, als wäre man verlassen worden – doch welche Alternative gibt es?“

Wunderschöne Atmosphäre, klare Sprache – große Empfehlung

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Dystopische D(r)amen

Wer glaubt eine Pandemie würde mich von meiner dystopischen Leidenschaft heilen, irrt gewaltig. Diese drei Bücher waren die perfekte Begleitlektüre durch die Covid-19 bedingten Ausgangsbeschränkungen.

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Die Wand ist eine Chronik des Lebens des letzten überlebenden Menschen auf der Erde, einer gewöhnlichen Frau mittleren Alters, die eines Morgens aufwacht und feststellt, dass alle anderen verschwunden sind. In der Annahme, ihre Isolation sei das Ergebnis eines schiefgelaufenen militärischen Experiments, beginnt sie die mit der Arbeit des Überlebens und ihrer eigenen Selbsterneuerung. Dieser Roman ist gleichzeitig eine einfache und bewegende Geschichte und eine verstörende Meditation über die Menschheit.

Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige, und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, daß man es fast nicht spürt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dämmerte, aber wie jede andere Mutter verdrängte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich mußte ja leben, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme?“

Das Buch ist der Bericht, den die Heldin einige Jahre später auf der Grundlage des skizzenhaften Tagebuchs schreibt, das sie geführt hat. Es vermischt Erinnerungen, Rekonstruktion vergangener Episoden, die verblasst sind, und Reflexionen aus der Gegenwart. Doch meistens handelt er von den Einzelheiten des täglichen Überlebenskampfes: wie sie mit ihrem kargen Kartoffelvorrat ein Kartoffelacker anlegt (hat mich sehr an den Martian von Andrew Weir erinnert), wie sie Heu mäht, um ihre Kuh zu füttern, wie sie Holz hackt, um sich in den bitteren Wintern warm zu halten und wie sie manchmal einen Hirsch schießt, um Fleisch zu bekommen.

Sie ist völlig kompromisslos: Die Erzählerin schreibt nur für sich selbst, es gibt sonst niemanden auf der Welt, und sie vermisst auch niemanden so richtig. Sie will die Dinge einfach nur erzählen wie sie sich zugetragen haben. Es ist erstaunlich, wie real ihre Welt wird und wie selten man einen dystopischen Roman ließt, in dem soviel Fürsorge zutage tritt.

Das Buch widersetzt sich einer einfachen Interpretation. Vielleicht ist das nicht einmal die eigentlich spannende Frage. Es ist ein grandioses Bild, das einem im Gedächtnis bleibt, die einsame Frau, die in ihrer unsichtbaren Blase gefangen ist, die fast alles verloren hat, sich aber immer weigert aufzugeben. Eine Frau, die all ihre Entschlossenheit, ihren Einfallsreichtum und ihr Können einsetzt, um noch ein weiteres Jahr zu überstehen, weil ihre kleine Tierfamilie sie braucht. Manchmal denkt sie an die Menschen, die diese unbegreifliche Waffe geschaffen haben, die alle außerhalb der Wand in Stein verwandelt hat, und sie fragt sich, wie sie das geschafft haben konnten. Diese Menschen müssen sich in einer Weise von ihr unterscheiden, die sie nicht in keinem Fall verstehen kann.

Wer weiß, was die Gefangenschaft aus diesem unauffälligen Mann gemacht hätte. Auf jeden Fall war er körperlich stärker als ich, und ich wäre von ihm abhängig gewesen. Vielleicht würde er heute faul in der Hütte umherliegen und mich arbeiten schicken. Die Möglichkeit, Arbeit von sich abzuwälzen, muß für jeden Mann eine große Versuchung sein. Und warum sollte ein Mann, der keine Kritik zu befürchten hat, überhaupt noch arbeiten.“

„Die Wand“ ist der berühmteste Roman der 1920 im österreichischen Frauenstein geborenen Marlen Haushofer. Er wurde 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt. „Die Wand“ wurde in den achtziger Jahren von der Frauen- und der Friedensbewegung wiederentdeckt, und die Geschichte lässt sich vielfältig interpretieren.

Als perfekten Soundtrack empfehle ich Chelsea Wolfes „Pain is Beauty

Empfehlen kann ich auch die Verfilmung mit Martina Gedeck in der Hauptrolle:

Warum hört man eigentlich so gar nichts vom Haushofer Jahr, wo uns doch an jeder Ecke Hölderlin, Beethoven und Paul Celan Gedenktage und Veröffentlichungen begegnen? Sehr schade.

Daher feiere ich dieses Jahr Marlen Haushofer, Annette Kolb und Clarice Lispector 🙂

Und ihr so?

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Winters Garten ist der Name der idyllischen Siedlung, in der alles üppig wächst und gedeiht und der Sehnsuchtsort von Anton der in der Stadt lebt und Vögel züchtet und der dort eine sehr glückliche Kindheit erlebte. Er wuchs mit anderen Kindern und den alten Menschen in einem riesigen Haus mit Winters Garten auf. Er erlebte die Welt und den Tod aus nächster Nähe, streifte durch Wiesen und Wälder, spielt verstecken genießt die Wärme und Liebe seiner geliebten Großmutter.

Als Erwachsener lebt er als Vogelzüchter in der Stadt. Schlaflos steht er nachts am Fenster und blickt auf die verwahrlosten Straßen. Alles ändert sich, nichts ist mehr wie es war. Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere dringen in die Vorgärten und Hinterhöfe ein, der Schlaf der Menschen ist schwer von Träumen und viele gehen hinunter ans Meer, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

Inmitten dieser Hoffnungslosigkeit trifft Anton eine Frau, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Wortlos nimmt sie ihn bei der Hand, folgt ihm nach Hause und bleibt. Sie starren sich an oder lieben sich.

 

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Anton hilft ihr in der Klinik, in der sie arbeitet, die in eine Entbindungsstation umgewandelt wurde. Friederike freundet sich mit der hochschwangeren Marta an. Nach der Geburt des Kindes, stellt sich heraus, dass der Vater Antons Bruder ist. Nach vielen Jahren kehrt Anton mit Friederike, seinem Bruder, dessen Frau und dem Baby in die Gartenkolonie zurück, um vor dem nahenden Ende der Welt zu fliehen. Sie verbringen die Tage damit, sich zu erinnern und auf das zu warten, was kommen mag.

Ich habe so vieles vergessen, aber nicht, wie man von der Zukunft spricht. Es ist niemand da, der fragt, ob man leben will, und niemand, der fragt, ob man sterben will. Genauso wenig, wie man sich aussuchen kann, von wem man geliebt wird. Und selbst wenn man seine Tritte sorgfältig rückwärts in die eigenen Fußspuren setzt, heißt das nicht, dass man dort ankommt, wo man aufgebrochen ist. Wenn mich die Menschen fragen, ob ich die Welt gesehen habe, sage ich ihnen, dass sie nie still genug hält, um gesehen zu werden

Was genau in der Welt passiert, wird nicht näher erläutert, aber das nahende Ende ist in deutlich spürbar. Es ist die Sprache, die eine dunkle Anziehungskraft entwickelt und die einen vom ersten Satz an in die wohlig-dunkle Atmosphäre des Romans hineinzieht.

Das ist kein Roman für Menschen, die einen rasanten Plot lieben mit vielen Wendungen. Denn es passiert nicht viel. Am Anfang und am Ende steht die Gartenkolonie, die voller Erinnerungen ist und den Menschen Heimat bietet in einer Welt die keine Zukunft mehr hat.

Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren. Wenn man beginnt, einander zu lieben, weiß man nichts darüber, nichts über die Angst, den Mut, die Trauer, die Bedingungslosigkeit, oder man weiß alles und versteht die Liebe doch nicht, weil sie noch unbelastet ist von den Erfahrungen, die ihr folgen.“

Wortgewaltig, sinnlich, düster, tolle Atmosphäre.

Als passenden Soundtrack zum Buch habe ich Soap & Skin „Lovetune for Vacuum“ gehört.

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The Memory Police von Yoko Ogawa ist ein hypnotischer, ruhiger Roman, der als Dystopie eines Überwachungsstaates beginnt und als etwas Existenzielleres endet: eine surreale und eindringliche Meditation über unser Selbstverständnis.

Dieser Roman, der vor 25 Jahren erstmals in Japan veröffentlicht wurde und jetzt in englischer Übersetzung vorliegt, ist gänzlich zeitlos. Die Bewohner einer namenlosen Insel, die unter einem repressiven Regime leben, erleben eine Form von kollektiver, allmählicher Amnesie. Beim Erwachen beginnt ein scheinbar zufälliger Gegenstand – Rosen, Vögel, Boote – aus ihren Köpfen zu verschwinden. Sie müssen die vollständige Auslöschung des Gegenstandes sicherstellen, indem sie alle Beweise für seine Existenz aus der Welt tilgen. Die Gedächtnispolizei ist dazu da, selbst den schwächsten Widerstand zu brechen, aber die meisten Menschen treiben in passiver Selbstgefälligkeit durch den Tag und Widerstand ist kaum spürbar. Welchen Sinn hat es, sich an etwas zu klammern, an das man sich nicht erinnern kann?

“It’s a shame that the people who live here haven’t been able to hold such marvelous things in their hearts and minds, but that’s just the way it is on this island. Things go on disappearing, one by one. It won’t be long now,” she added. “You’ll see for yourself. Something will disappear from your life.”

Eine kleine Zahl von Menschen ist gegen dieses Phänomen immun. Sie sind verflucht durch ihre vollständige Erinnerung an alles, was verloren gegangen ist, und stellen eine Bedrohung für das Regime dar. Daher müssen sie ihre Andersartigkeit um jeden Preis verbergen.

Memories are a lot tougher than you might think. Just like the hearts that hold them.”

Im Roman geht es um eine junge Frau, die um ihre Karriere als Schriftstellerin kämpft, und die entdeckt, dass ihr Verleger durch die Gedächtnispolizei in Gefahr ist, schmiedet sie einen Plan, ihn in einem eigens dafür errichteten Anbau unter ihren Dielen zu verstecken, in einer Weise, die mich immens an  „Das Tagebuch der Anne Frank“ erinnerte. Es handelt sich um eine geheime Kammer, die nur über eine Falltür in der Decke zugänglich ist. Unterdessen beschleunigt sich das „Vergessen“ und wird immer extremer.

Dies ist eine stille, melancholische Apokalypse, bei der die Widerstandsversuche gering sind und die in der völligen Zerstörung des Selbst gipfelt.

“I don’t know. Maybe there’s a place out there where people whose hearts aren’t empty can go on living.”

Der perfekte Soundtrack für diesen Roman ist „Nowhere Now Here“ von Mono.

Wie ist das bei euch? War euch in der letzten Zeit eher nach Kontrastprogramm oder habt ihr auch ganz bewusst nach eher dunklen, dystopischen Stoffen gegriffen?

Keine Lyrik ist auch keine Lösung

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She is Fierce 

Ich möchte an dieser Stelle einmal völlig unbezahlt Werbung machen für den englischen Buch-Abo-Service „Books that matter„. Vor einer Weile habe ich den zum Geburtstag bekommen und dabei spannende Bücher von teilweise bekannten, teilweise aktuellen und/oder unbekannteren Autorinnen zugeschickt bekommen. Ich mochte diese Boxen so sehr, dass ich sie mir nach Ablauf des Abos einfach selbst noch einmal geschenkt habe und heute möchte ich wieder ein Buch vorstellen, dass ich ohne „Books that matter“ wohl niemals entdeckt hätte.

„She is Fierce“ ist eine fantastische Sammlung von 150 mutigen, intelligenten und wunderschönen Gedichten von Autorinnen, einige von bekannten Dichterinnen, andere von neuen innovativen Stimmen. Von Frauenrechtlerinnen über Schülerinnen, von Superstars des „spoken words“ über Bürgerrechtsaktivistinnen, adlige Damen und Küchenmädchen – diese Stimmen verdienen es, von einem breiten Publikum gehört zu werden.

Die Sammlung ist aufgeteilt in folgende Kapitel:

Roots and Growing Up
Friendship
Love
Nature
Freedom, Mindfulness and Joy
Fashion, society and body image
Protest, courage and resistance
Endings

Ich hatte das Buch wie eine edle Pralinenpackung auf dem Nachttisch liegen und habe jede Nacht vor dem Einschlafen ein, zwei Gedichte als Betthupferl genossen.

Eine Gedichtsammlung, die mir großen Spaß gemacht hat und die ich sicherlich immer wieder mal aus dem Regal nehmen werde, wenn ich Lust habe, mich in die Gedichte von Maya Angelou, Nikita Gill, Wendy Cope, Ysra Daley-Ward, Emily Bronte, Carol Ann Duffy, Fleur Adcock, Liz Berry, Jackie Kay, Hollie McNish, Imtiaz Dharker, Helen Dunmore, Emily Dickinson, Mary Oliver, Christina Rossetti, Margaret Atwood oder Dorothy Parker zu versenken, um nur mal ein paar Namen zu nennen.

„She is Fierce“ ist das perfekte Muttertagsgeschenk und eine wunderbare Ergänzung für jedes Bücherregal.

Liebesgedichte – Else Lasker-Schüler

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Else Lasker-Schüler (1869–1945) gehört mit zu den größten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war eine deutsch-jüdische Dichterin und Dramatikerin, die für ihren avantgardistischen Lebensstil in Berlin und ihr einzigartiges poetisches Genie berühmt war. Sie war eine der wenigen Frauen, die mit der expressionistischen Bewegung verbunden waren. Lasker-Schüler floh aus Nazideutschland und lebte den Rest ihres Lebens in Jerusalem.

Ich muss jedoch zu meiner Schande gestehen, dass mir bis vor kurzem nur ihr Name etwas sagte und ich sie grob in der Literaturlandschaft verorten konnte. Dieser wunderbare Fund im offenen Bücherschrank vor einer Weile hat diese Lücke endlich geschlossen und ich war immens begeistert von ihrer Lyrik, die so modern und aktuell klingt, man kann sich kaum vorstellen, dass die meisten Gedichte weit über 70 Jahre alt sind.

Ihre Lyrik hatte großen Einfluss auf die Epoche des Expressionismus und insbesondere Lasker-Schülers Liebeslyrik zeugt von nachdenklichen, völlig kitschfreien Gefühlen, die sie meisterhaft zu Papier bringt. Einige der hier versammelten Gedichte sind dem expressionistischen Dichter Gottfried Benn gewidmet, mit dem sie eine enge Freundschaft und Liebe verband.

Auch ein unbedingtes Muss, das zur Grundausstattung jeder Bibliothek gehört.

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Ihre Gedichte gehen von tiefsinnig und romantisch über herb, brutal bis hin zu schlichtweg unsinnig. Ich habe selten eine Dichterin mit einer solchen Vielfalt in ihrem Werk erlebt, das gleichzeitig von einem überaus schönen Geist durchdrungen ist.

Ich glaube allerdings, Duffys Gedichte haben mich entweder ganz oder gar nicht gepackt. Einige fand ich herausragend und es soll auch nicht heißen, dass die, die mich nicht gepackt haben, schlecht sind, aber in einigen bin ich einfach etwas verloren gegangen.

Diese Gedichtsammlung hat bei mir auf jeden Fall den Wunsch geweckt, mehr über die Autorin zu erfahren und mehr von ihren Gedichten zu lesen.

Dame Carol Ann Duffy, die 1955 geboren wurde, ist eine schottische Lyrikerin und Dramatikerin. Sie hält eine Professur für Gegenwartslyrik an der Manchester Metropolitan University inne und wurde am 1. Mai 2009 zum Poet Laureate ernannt. Sie ist die erste Frau, die erste Schottin und die erste offen homosexuell lebende Persönlichkeit, die diese Stelle antritt.

So meine Lieben, ich hoffe bei meiner heutigen gemischten Lyrik-Tüte war auch für euch etwas dabei.

Habe ich euch auf einen der Bände neugierig machen können oder habt ihr vielleicht noch weitere Empfehlungen für mich? Ich fange gerade erst an, so richtig Lust auf mehr Lyrik zu bekommen.

Kleine gemischte Tüte

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Carolin Emckes „Wie wir begehren“ ist zugleich eine biografische Erinnerung, als auch ein Essay, in dem sie den Fragen nachgeht, die ihr im Laufe ihres Lebens immer wieder begegnen. Es sind Fragen, die aus den Erfahrungen der Autorin entstanden sind, aus ihren Entscheidungen und aus dem, was sie sagt und was sie verschweigt.

Gekonnt verknüpft sie persönliches mit politischem, sie berichtet von ihrem Alltag als Journalistin in Krisen- und Kriegsgebieten, während sie ihren persönlichen Hintergrund stets aufs neue beleuchtet, hinterfragt, wieviel Ehrlichkeit und Authentizität der jeweiligen Situation angemessen ist und auch, wieviel davon ihre eigene und die Sicherheit ihrer Übersetzer und Weggefährten etwa gefährdet.

Mich hat die Geschichte des offensichtlich schwulen Übersetzers in Gaza sehr berührt. Wie schwierig es war zu ahnen, ob andere eine Ahnung davon hatten oder er selbst eigentlich von seinem Schwulsein wusste.

„Wer den Normen entspricht, kann es sich leisten zu bezweifeln, dass es sie gibt“

„Wie wir begehren“ ist eine komplexe, nachdenkliche, artikulierte Lektüre. Das erforscht anschaulich die menschliche Psyche und die Beziehung zu ihren eigenen Wünschen.

Emcke untersucht die soziale Dynamik des Begehrens und der Identität (Wir sind nicht nur das, was wir sein wollen, wir sind auch das, was andere aus uns machen), die Quelle der Entstehung des Begehrens, die Form, die es annimmt, die Art und Weise, wie es entsteht und ausgedrückt wird.

„Es war die Arroganz ihrer Klasse, die eingeübte Herablassung, die sich als schützend erwies für diese Jungen, weil sie der psychischen Ungleichheit der Erwachsenen-Kind-Relation eine andere, mächtigere Ungleichheit gegenüberstellte.“

Ab und an habe ich den roten Faden etwas verloren und die musiktheoretischen Abstecher hätten etwas kürzer sein dürfen, aber insgesamt ein sehr interessanter Einblick in das Entdecken und Wiederentdecken der eigenen Identität und des Begehrens.

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Ein unerbittlicher Strom von Wahlmöglichkeiten konfrontiert uns ständig, und doch bietet uns unsere Kultur nicht wirklich Möglichkeiten, uns zu entscheiden. Das Dilemma scheint unvermeidlich, aber tatsächlich ist es relativ neu. Im mittelalterlichen Europa war die Stimme Gottes die zentrale Kraft, im antiken Griechenland stand gar ein ganzes Pantheon strahlender Götter bereit, um den Menschen als Vorbilder zu dienen. Können in unserer Kultur, in der der Glaube an Gott nicht mehr selbstverständlich ist, trotzdem noch mit den homerischen Stimmungen des Staunens und der Dankbarkeit in Berührung kommen und uns von den Bedeutungen leiten lassen, die sie offenbaren?

„Wenn Wallace damit recht hatte und falls es genau diese kulturelle Konstellation ist, auf die er so ungemein sensibel reagierte, dann bedeutet sein Selbstmord sehr viel mehr als den Verlust eines einzelnen talentierten Menschen. Dann ist er eine Warnung, die unsere höchste Aufmerksamkeit erfordert – ein Kanarienvogel in der Kohlemine unserer modernen Existenz, der vor tödlichen Gasen warnt.“

Die Autoren von „Alles, was Leuchtet“ glauben das zumindest. Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly beleuchten einige der größten Werke des Westens, um zu identifizieren, wie wir unsere leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Welt und unsere Empfindsamkeit verloren haben. Ihre Reise führt uns vom Wunder und der Offenheit des Polytheismus Homers, zum Monotheismus Dantes, von der Autonomie Kants zu den vielfältigen Welten Melvilles und schließlich zu den spirituellen Schwierigkeiten, die von modernen Autoren wie David Foster Wallace und Elizabeth Gilbert heraufbeschworen werden.

Dreyfus, seit vierzig Jahren Philosoph an der University of California, Berkeley, ist ein origineller Denker, der in den klassischen Texten unserer Kultur eine neue Relevanz für das Alltagsleben der Menschen findet.

Die Schlussfolgerungen, zu denen die Autoren kommen, sind durchaus interessant – wir fühlen uns am Lebendigsten, wenn wir uns auf eine Aktivität einlassen, die uns über uns selbst hinaushebt. Dies geschieht oft im Sport, wenn wir „im Flow“ sind. Die „Götter“ rufen uns auf, unsere Sensibilität zu kultivieren, und das Staunen nicht zu verlieren.

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Die „Mary Russell“ liegt 1823 im kleinen Hafen von Cove vor Anker. Sie ist kein gewöhnliches Schiff, sondern Gegenstand einer Untersuchung und wilder Spekulationen: In der Kabine liegen die Leichen von sieben brutal geschlagenen Männern, der Kapitän ist verschwunden. Der Forschers und Predigers William Scoresby und dessen Schwager machen es sich zur Aufgabe, die Überlebenden zu befragen und anhand der Zeugenaussagen eine Idee davon zu bekommen, warum und vor allem von wem die sieben Matrosen getötet wurden.

Nach und nach fügen sich die zunächst widersprüchlich erscheinenden Augenzeugenberichte zu einem halbwegs passenden Puzzle zusammen – oder war alles doch vielleicht ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint?

Alexander Pechmann trifft in diesem modernen Schauerroman wunderbar den Ton eines im positiven Sinne altmodischen Abenteuerromans, der sich gut in die Gedankenwelt der Menschen im 19. Jahrhundert hineinversetzen kann, eine Welt, in der der Wille Gottes selbst vor Gericht noch Gewicht hatte.

„Morley und ich froren ebenfalls wie verlorene Seelen, doch wollte ich mir nichts anmerken lassen und bat lediglich einen der Schiffsjungen darum, meine Pfeife rauchen zu dürfen, die mir schon in schlimmeren Situationen Wärme und Trost gespendet hat. Da keiner der anderen Männer an Deck erschienen war, befanden sich inzwischen wohl alle in der Gewalt des Käptns und unter der Aufsicht der drei Jungs, die keine Fesseln trugen, sondern bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten.“

Mit 161 Seiten ist es ein kompaktes, aber sehr unterhaltsames Lesevergnügen. Man ist sofort mitten im Geschehen und ist gemeinsam mit den beiden „Ermittlern“ am spekulieren, was nun wirklich passiert sein könnte. Das Ganze ist mehr psychologische Studie als Krimi, was der Spannung aber keinen Abbruch tut.

Ein wunderbarer kleiner Roman für Liebhaber von Abenteuergeschichten à la Jack London, von Meutereien, Geheimnissen und Seebären.

Welches Buch darf es also sein für dich sein? (hier bitte Herzblatt Stimme vorstellen:) Möchtest du mit Carolin Emcke über die Begierde diskutieren, mit den Herren Dreyfus und Kelly den Sinn des Lebens in großer Literatur suchen oder doch lieber mit Alexander Pechmann in See stechen und Abenteuer erleben?

Dichterinnen & Denkerinnen – Katharina Herrmann

“For most of history, anonymous was a woman.”
Virginia Woolf

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Wir alle haben wohl als Leser*innen eine ähnliche Erfahrung gemacht: Man liest sich in der Schule durch die fast ausschließlich von Männern verfassten Klassiker, ich kann mich an kaum eine Autorin erinnern, die wir überhaupt in der Schule gelesen haben. Shakespeare, Moliere, Schiller, Hauptmann, Borchert – aber weit und breit keine Autorin.

In einem der Deutsch-Schulbücher fand sie ein Gedicht von Annette Droste-Hülshoff, nur blätterten wir da einfach drüber und Marie von Ebner-Eschenbach war in meiner spärlichen Briefmarken-Sammlung zu finden, aber beide Autorinnen sind mir – muss ich zu meiner Schande gestehen – bis zum letzten Jahr einzig als Namen ein Begriff gewesen.

Egal welchen Kanon man zu Rate zog, ob die 100 Romane der Weltliteratur, oder der Kanon zu deutschsprachiger Literatur von Marcel Reich-Ranicki, der weibliche Anteil an Werken ist vernichtend gering.

Ich hatte so oft das Gefühl, dass da eine ganze Menge fehlt und habe mich gerade in den letzten Jahren bewusst auf die Suche gemacht nach Autorinnen, die zu Unrecht vergessen wurden.

Ganz professionell und mit sicherer Hand hat die kluge Katharina Herrmann in ihrem Band „Dichterinnen und Denkerinnen“ den Frauen eine Bühne gegeben, die teilweise unter den widrigsten Umständen geschrieben haben.

Sie nimmt uns auf eine Reise durch die Jahrhunderte mit, die im 18. Jahrhundert mit Louise Adelgunde Victorie Gottsched beginnt und mit Mascha Kaleko im 20. Jahrhundert endet. Desweiteren werden Sophie von La Roche, Caroline Auguste Fischer, Johanna Schopenhauer, Rahel Varnhagen (von Ense), Karoline von Günderrode, Annette von Droste-Hülshoff, Louise Anon, Marie von Ebner-Eschenbach, Helene Böhlau (al Raschid Bey), Lou Andreas-Salomé, Ricarda Huch, Else Lasker-Schüler, Franziska zu Reventlow, Vicki Baum, Nelly Sachs, Gertrud Kolmar, Anna Seghers und Marieluise Fleißner vorgestellt. Anhand von Gedichten, Brief- und Romanauszügen macht sie Lust, diese Autorinnen mit ihr (wieder) zu entdecken und viele davon auch endlich einmal zu lesen.

Die vorgestellten Frauen waren als Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Journalistinnen und Theaterkritikerinnen tätig, aber fast immer erlebten sie große Widerstände, mussten oft heimlich schreiben und kamen oft erst dazu, wenn der Haushalt versorgt, die Kinder im Bett waren. Nur wenige hatten Unterstützung durch Ehemänner.

Es gehörte eine Menge Mut, Unkonventionalität, Talent und Widerstandskraft dazu unter diesen Umständen erfolgreich zu schreiben und sich von Niederlagen nicht entmutigen zu lassen.  Frauen, die trotzdem geschrieben haben und vor denen ich definitiv den Hut ziehe.

Im September 2017 veröffentlichte Katharina auf dem Blog 54 Books einen großartigen Artikel mit dem Titel „Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen“ über das noch immer bestehende Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern im Literaturbetrieb, der viel diskutiert wurde.

Auslöser des Artikels war ihre Beobachtung, das in dem Buch „Grundwissen Deutsch“ von Cornelsen unter den wichtigen Autor*innen aller Epochen von der Antike bis zur Gegenwart 125 Männer und nur 17 Frauen genannt sind.

Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Verlage es sich noch mehr zur Aufgabe machen würden, Werke von vergessenen Schriftstellerinnen erneut aufzulegen.

Katharina Herrmann hat 20 außergewöhliche Frauen ausgesucht und kenntnisreich mit viel Wärme porträtiert. Das Buch ist ein optischer Leckerbissen, mit Illustrationen von Tanja Kischel, die jeder der vorgestellten Autorinnen ihre ganz eigene Note gegeben hat.

Ich kann Euch Dichterinnen & Denkerinnen wirklich ans Herz legen, perfekt um immer wieder darin zu blättern und sich einen ganz eigenen Kanon zu basteln aus den Werken dieser teilweise – und auf jeden Fall zu Unrecht – vergessenen Autorinnen.

Ich danke dem Reclam Verlag für das Rezensionsexemplar.

#Women in SciFi (54) Die Sternenkrone – James Tiptree Jr.

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Diese Kurzgeschichtensammlung enthält die letzten Werke von Alice Sheldon alias James Tiptree Jr, kurz bevor sie 1987 ihrem eigenen und dem Leben ihres Ehemannes ein Ende setzte. Die Schwierigkeiten, die sie durch die Erkrankung ihres Mannes sowie ihrer eigenen Depression hatte, haben in diesem Band die wohl düstersten ihrer Geschichten hervorgebracht.

Aber trotz aller Düsternis und Depression, Sheldon/Tiptree war stets in der Lage, ihre spekulativen Ideen mit den größtmöglichen Hypothesen zu verbinden. So treffen wir auf den Teufe, auf blaue Oktopus-Aliens, konzernbetriebenen Kannibalismus sowie Zeitreisende und tödliche Langeweile.

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Sheldon wagt sich mit ihren Ideen weit vor und kommt zu bewegenden und schockierenden Ergebnissen, wohin es die Menschheit so treiben könnte. Sheldon ist eine Autorin, die dem Leser viel zumutet, die ihn zwingt, alles aus komplett anderer Perspektive zu betrachten.

Die Sternenkrone, die selbst nie im Text vorkommt, gebührt ganz eindeutig Alice Sheldon, der Königin unter den Science Fiction Kurgeschichten-Autoren.

Besonders gefielen mir die Geschichten „Non Angli Sed Angli“ eine melancholische Geschichte, in der die Menschheit Kontakt zu blauen Oktopus-Aliens aufnimmt, die sich als Ersatz für die alten, leeren Götter der Erde sehen sowie die Geschichte „Fleisch“, die in einer nahen dystopischen Zukunft angesiedelt ist, in der ähnlich wie in Atwoods „The Handmaid’s Tale“ konservative Gruppen die Abtreibungsrechte abschaffen, der Großteil der Menschheit in bitterer Armut lebt und die vom Staat betriebenen Babyklappen wie Tierheime aufgezogen sind.

Der Band enthält folgende Kurzgeschichten:

01. „Non Angli Sed Angeli“ („Second Going“) 9/10
02. „Der residierende Teufel“ („Our Resident Djinn“) 7/10
03. „Fleisch“ („Morality Meat“) 10/10
04. „All dies und den Himmel dazu“ („All This and Heaven Too“) 7/10
05. „Yanqui Doodle“ („Yanqui Doodle“) 8/10
06. „Komm, leb mit mir“ („Come Live with Me“) 6/10
07. „Diese Nacht und alle Nächte“ („Last Night and Every Night“) 5/10
08. „Zurück! Dreh’s Zurück!“ („Backward, Turn Backward“) 10/10
09. „Schlangengleich erneuert die Erde sich“ („The Earth Doth Like a Snake Renew“) 7/10
10. „Mitten im Leben“ („In Midst of Life“) 6/10

Ich bin übrigens jetzt so angefixt von Sheldon/Tiptree, daß ich andere von ihr lesen möchte und auf jeden Fall auch die Biografie dieser sehr faszinierenden Frau. Die nächsten Bände werde ich mir im Septime Verlag kaufen, die eine wunderschöne Gesamtausgabe herausgegeben haben.

Constanze, vom Blog Zeichen & Zeiten hat für die Reihe „Women in SciFi“ ein spannendes Interview mit dem Verleger Jürgen Schütz geführt, das man hier nachlesen kann.

Habt ihr schon etwas von Alice Sheldon/James Tiptree Jr gelesen bzw. welches ist eure Lieblingsgeschichte von ihr?

Underground Railroad – Colson Whitehead

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Dieses Buch ist ein sehr intensives Lese-Erlebnis voller Mut, Brutalität und Hoffnung. Es ist die Verurteilung eines der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Sklaverei und es gibt eindringliche, schreckliche Beschreibungen der Gewalt, die den Sklaven angetan wurde.

Das Buch wurde hinlänglich auf allen möglichen Blogs besprochen, daher werde ich mich etwas kürzer halten.

Die Protagonistin Cora ist eine junge Frau, die ihre Mutter vermisst, teilweise aber auch hasst, weil ihr die Flucht gelang, als Cora noch klein war. Ein junger Mann plant auf ihrer Plantage in Georgia ebenfalls zu fliehen und bietet Cora an, ihn zu begleiten. Zum Teil, weil er glaubt, sie bringe Glück durch die gelungene Flucht ihrer Mutter und zum anderen, weil er gerne in ihrer Nähe ist.

Die Geschichte ist ein schreckliches Katz- und Mausspiel zwischen den brutalen Sklavenjägern und den Entflohenen. In der Geschichte gibt es eine tatsächlich existierende Zuglinie, die im Untergrund fährt und die Flüchtenden unter großer Gefahr von einer Station zur nächsten bringt.

“And America, too, is a delusion, the grandest one of all. The white race believes–believes with all its heart–that it is their right to take the land. To kill Indians. Make war. Enslave their brothers. This nation shouldn’t exist, if there is any justice in the world, for its foundations are murder, theft, and cruelty. Yet here we are.”

Auf der Flucht geben sie sich als freigelassene Sklaven aus und als Leserin erfährt man viel über das Leben der Sklaven im frühen 19. Jahrhundert. Nach ihren ersten Jahren als baumwollpflückende Sklavin und ihrer Flucht arbeitet sie mit gefälschten Papieren als Dienstmädchen für eine weiße Familie in Charleston, als lebendes Ausstellungsstück „Afrikanerin“ in einem gut meinenden Museum, und sie versteckt sich über Monate auf einem Dachboden. Als Frau hat sie es noch einmal schwerer, da sie stets mit sexuellen Übergriffen rechnen muss auf ihrem Weg von Georgia über North und South Carolina, Tennessee bis schlussendlich nach Indiana.

“Slavery is a sin when whites were put to the yoke, but not the African. All men are created equal, unless we decide you are not a man.”

Die Geschichte zeigt die verschiedenartigen Misshandlungen und Beschimpfungen, denen die Schwarzen ausgesetzt waren, bis hin zu den nicht gerade selten vorkommenden Morden. Es ist aber nicht nur die Geschichte von zermürbender brutaler Arbeit und teuflischen Sklavenhaltern, es geht auch darum, wie sehr auf freie Sklaven Jagd gemacht wurde, um die Lügen der Besitzer, die Freiheit versprachen und diese Versprechen dann brachen. Es geht um das falsche Spiel, das weiße Ärzte mit unwissenden Schwarzen trieben, in dem sie eugenische Experimente an ihnen vornahmen, um die ständige Sorge der Schwarzen um ihre Familienmitglieder, nicht nur die der Eltern um ihre Kinder, auch umgekehrt, wenn freigelassene oder geflohene Kinder sich verzweifelt fragen, was aus ihren alten Eltern auf den Plantagen werden wird.

Man spürt die immense Recherche, die der Autor für dieses Buch betrieben hat. Ich habe viel gelernt. Das ist kein einfaches, aber ein wichtiges Buch. Einzige Kritik meinerseits, teilweise waren die Charaktere etwas zweidimensional.

Das Buch hat den Pulitzer Preis definitiv verdient und das war mit Sicherheit nicht das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe. Ich hatte es im Übrigen zuerst auf Englisch versucht, war aber froh, als mir dann eine deutsche Ausgabe des Buches zulief, das hat mir die Lektüre in diesem Fall definitiv einfach gemacht.