Naxos by the Book

IMG_1555

Das Erste, was auf Naxos überrascht, ist der Wind. Ein stürmischer Wind, der schon Odysseus im Ägäischen Meer so einigen Ärger bereitete, uns aber überwiegend wohltuende Abkühlung brachte und der so ganz anders ist, als die Stürme hier bei uns, ohne dunkle Wolken, Regen und bei strahlend blauem Himmel.

Nach dem eher abenteuerlustigen Urlaub in Kanada im letzten Jahr wollten wir dieses Jahr wieder einfach ein kleines weißes Häuschen am Meer mieten, jede Menge Bücher einpacken und planlos in den Tag hineinleben.

62596428_10215206139966318_6169050973957259264_n

Naxos ist die größte der Kykladen-Inseln mit etwa 6500 Einwohnern, sie ist recht bergig und da es an den Berggipfeln regelmäßig Niederschläge gibt, ist die Insel auch verhältnismäßig grün. Schon Herodotus (zu dem gibt es in den nächsten Tagen einen gesonderten Beitrag hier) beschrieb die Insel als eine der Reichsten.

Berühmt sind insbesondere die Kartoffeln auf Naxos und ich muss ehrlich zugeben, die haben wirklich sehr gut geschmeckt, denn eigentlich mag ich Kartoffeln überhaupt nicht und habe die Bingereader-Gattin ziemlich überrascht, als ich freiwillig des Öfteren Kartoffeln bestellte.

Es gedeihen aber nicht nur Kartoffeln sehr gut auf Naxos, auch sonst gibt es sehr leckeres Obst, Gemüse und frische Kräuter, daher erschien uns ein Kochkurs eine überaus gute Idee. Die Zutaten kamen direkt von Dimitris Farm und seine bezaubernde Mama, die Kochlehrerin, freute sich sehr über die Erfolge ihrer Kochschützlinge – diese wurden großzügig mit Umarmungen und Bussis belohnt. Wir kochten:

Yemista: mit Reis gefülltes Gemüse
Kolokythokeftedes: Zucchinibällchen mit Feta
Sfougata: Zucchini-Omelette
Tzatziki und
Hühnchen in Tomatensauce

Wir haben gelernt, das Geheimnis guter Küche ist auf jeden Fall immer eine Menge Olivenöl 😉

 

Naxos hat traumhafte Strände, wir fühlten uns teilweise fast in die Karibik versetzt und es gab auch ein paar interessante antike Ruinen zu erwandern. Insgesamt ein rundum perfekter Urlaub.

 

Die passende Lektüre kam auch nicht zu kurz – dieser Urlaub war für mich auch zeitgleich meine Entdeckung der Christa Wolf und die beiden Bücher die ich las – Medea und Kassandra – haben mich umgehend in ein riesiges Christa Wolf-Fangirl verwandelt – ich möchte unbedingt alle Bücher dieser großartigen und von mir viel zu spät entdeckten Autorin lesen.

IMG_1654

Was für eine tragische unheimliche Geschichte – unglaublich wild und brutal, die einem noch lange nachgeht. Die Handlung ist eine Nacherzählung der alten Geschichte des Apollonius von Rhodos und Euripides. Medea, die sonst immer als rachsüchtige Hexe, Kindsmörderin und Inbegriff abgrundtiefen Hasses präsentiert wird erfährt bei Christa Wolf eine Wandlung. Sie zeigt Medea als Opfer politischer Intrige, die einem paranoiden Idioten als Feindbild dienen musste. Ja sie ist wütend – auch in dieser Geschichte – aber immer rational und kein bisschen durchgeknallt.

„Weiß ich doch lange: In dem großen Getriebe spielt auch der seine Rolle, der es verhöhnt..“

„Für den gewöhnlichen Menschen mit seinen Schwächen lebt es sich besser unter Menschen, die auch ihre Schwächen haben“

Das Buch ist eine Reihe von elf Monologen, eine Mischung verschiedener Stimmen doch Medea beherrscht das Narrativ und ist verzweifelt darum bemüht, die letztgültige Version ihres eigenen Lebens zu erzählen.

Christa Wolf schrieb dieses Buch nach dem Zusammenbruch der DDR, Anfang der 1990er Jahre, nach einigen Jahren der Depression und Stille, verursacht wohl durch den Schock über die untergegangene Heimat und die kurz danach einsetzende Hexenjagd, die durch arrogante westdeutsche Journalisten auf sie veranstaltet wurde.

„So ist es Brauch gewesen in den alten Zeiten, auf die auch wir uns ja berufen hatten, weil wir uns einen Vorteil davon versprachen. Und seitdem ist mir ein Schauder geblieben vor diesen alten Zeiten und vor den Kräften, die sie in uns freisetzen und derer wir dann nicht mehr Herr werden können.“

Medea scheint ihre Katharsis gewesen zu sein, ihre Art, den Schmerz darüber zu verarbeiten, keine wirkliche Heimat mehr zu haben. Die alte Heimat – Kolchis im Roman – ist untergegangen im brutalen Showdown omnipotenten männlichen Egos. Ihre neue Heimat – Korinth – braucht einen Sündenbock, um von ihren eigenen immanenten Problemen abzulenken.

Die wilde Frau, die sich weigert, ihre Ambitionen zu beschränken und sich arroganten Männern zu unterwerfen wird gejagt und verurteilt… Das gilt für Medea wie auch für Christa Wolf.

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist vermutlich das, was die Leute glauben wollen.
Medea, die versucht wahrhaftig zu leben, muss ihre Heimatlosigkeit akzeptieren in einer Welt voller kindischer egomanischer Männer, die von skrupellosen Beratern voller Opportunismus umringt sind.

„Große schreckliche Kinder, Medea. Das nimmt zu, glaub mir. Das greift um sich.“

Christa Wolfs Sicht auf die Welt (und das Patriarchat) ist kristallklar, desillusioniert und ehrlich. Diese Version der Medea ist schrecklicher als die antike Version, da sie erschreckend aktuell, das Oper einer Fake News Maschine erster Güte wird.

Agameda meint, es sei eine Form von Hochmut, auf Haß nicht mit Haß zu antworten und sich so über die Gefühle der gewöhnlichen Menschen zu erheben, die Haß genauso brauchen wie Liebe, eher mehr.“

Chapeau Christa Wolf – wilde Frau!

IMG_1773

Direkt weiter ging es mit einer weiteren Neufassung eines antiken Klassikers. Kassandra, die Seherin, in einer Welt voll blindem Patriotismus und Machismo, die Kämpferin für die Rechte der Frauen in einer Gesellschaft, die Frauen per Tauschgeschäft gegen Gold oder Ehre eintauscht. Kassandra ist ein zeitloser Mythos und gleichzeitig so aktuell, wie ein Protagonist nur sein kann.

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da?
Da stünde, unter andern Sätzen: Laßt euch nicht von den Eignen täuschen.“

Kassandra ähnelt der Autorin sehr, die zu ihren Lebzeiten ebenfalls gegen  desillusionierende machthungrige Politik ankämpfte, die versuchte, der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen und die damit genauso wenig Erfolg hatte wie Kassandra.

„Das alte Lied: Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen blaß, auch wütend, ich kenn es von mir selbst. Und daß wir lieber den bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht: Da sind wir, wie in allem übrigen, alle gleich. Der Unterschied liegt darin, ob mans weiß.“

Am Ende sieht Kassandra die Mauern ihrer Gesellschaft von innen her zerstört und wie die trojanische Prinzessin so sah auch Christa Wolf, dass ihre eigene Gesellschaft dabei war, zu zerbrechen. Der Roman erschien 1983 und die DDR zeigte bereits jede Menge Anzeichen des beginnenden Zerfalls.

Kassandra beklagt, wie die Rhetorik der Herrschenden lauter und lauter wird, je schwächer Troja wird, ein Spiegelbild zur DDR Propaganda und mit Eumelos hatte Troja sogar seinen eigenen fanatischen Stasi-Agenten.

„… auf einmal war es nicht mehr ratsam für uns Frauen, alleine unterwegs zu sein. Wenn man es recht betrachtete – nur traute niemand sich, es so zu sehn – , schienen die Männer beider Seiten verbündet gegen unsere Frauen. Entmutigt zogen die sich in die winterlichen Höhlen der Häuser, an die glimmenden Feuer und zu den Kindern zurück.“ 

Sie hat mich auch sehr überrascht mit der Wendung der Geschichte, dass Helena gar nicht in Troja ist. Das der ganze Grund für den Trojanischen Krieg auf einer Illusion, einem Betrug beruht. Aber egal, ob Helena da ist oder nicht, zwei kriegswütige Demagogen brauchen keinen wirklichen Grund für einen Krieg. Helena ist einfach nur eine Ausrede.

Fake News treffen auf griechische Mythen. Christa Wolf hat mich wirklich umgehauen. Ein Roman, der wieder und wieder gelesen werden muss, denn die Trojanischen Kriege werden auch heute noch geführt. Und sie werden solange weitergehen, bis gewalttätige Helden nicht mehr angesagt sind. Bis Frauen nirgendwo auf der Welt mehr als Objekte gesehen werden, die man als Kriegsbeute erobert oder die man beim Spiel gewinnen oder verlieren kann.

„Was dann kam, sah ich vor mir, als wär ich dabeigewesen. Achill der Griechenheld schändet die tote Frau. Der Mann, unfähig, die Lebende zu lieben, wirft sich, weiter tötend, auf das Opfer. Und ich stöhne. Warum. Sie hat es nicht gefühlt. Wir fühlen es, wir Frauen alle. Was soll werden, wenn das um sich greift. Die Männer, schwach, zu Siegern hochgeputscht, brauchen, um sich überhaupt noch zu empfinden, uns als Opfer. Was soll da werden.“

Noch bleiben die Stimmen von Frauen wie Kassandra weiterhin zu oft ungehört.

IMG_2386
Aus Vernunftgründen hatte ich auf Stephen Frys „Mythos“ verzichtet, da der Stapel an Reiselektüre schon beachtlichen Umfang hatte. Um so mehr habe ich mich gefreut, das Buch in der Bibliothek unseres Ferienhauses zu entdecken.

“Gaia visited her daughter Mnemosyne, who was busy being unpronounceable.” 

Meine letzte Stephen Fry Lektüre liegt lange zurück, aber meine Erwartung an beste Unterhaltung mit viel Witz wurde absolut erfüllt.  Seine Nacherzählungen der griechischen Mythen sind einfach brillant. Ich habe sehr viel über die griechische Mythologie gelernt und einiges an verschüttetem Wissen aus der Kindheit wieder ausgegraben.

Er ist ein geborener Geschichtenerzähler, nie langweilig oder dröge und man verliert nie den Faden. Er schreibt mit viel Witz, seine Kommentare sind sehr hilfreich und sorgen dafür, dass man viel mitnimmt und den Kosmos der Götter besser versteht.

“For the world seems never to offer anything worthwhile without also providing a dreadful opposite.”

Das Buch enthält ein paar meiner liebsten Mythen, insbesondere Persephone und Hades fand ich spannend. Die Geschichte um Arachne hat leider nicht geholfen, mich mit den zahlreichen großen Arachne-Vertretern auf Naxos anzufreunden, ich mag sie immer noch nicht.

Ich kann Stephen Frys Nacherzählungen nur jedem empfehlen. Ein großartiger Spaß.

“Brooding, simmering and raging in the ground, deep beneath the earth that once loved him, Ouranos compressed all his fury and divine energy into the very rock itself, hoping that one day some excavating creature somewhere would mine it and try to harness the immortal power that radiated from within. That could never happen, of course. It would be too dangerous. Surely the race had yet to be born that could be so foolish as to attempt to unleash the power of uranium?”

Hier die Bücher noch einmal in der Übersicht:

Medea und Kassandra von Christa Wolf erscheinen heute im Suhrkamp Verlag
Mythos von Stephen Fry erschein auf deutsch im Aufbau Verlag.

Werbeanzeigen

Athen by the Book

IMG_1324

Nach mehreren Besuchen in Griechenland stand endlich auch Athen auf dem Programm und die Stadt hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen.

Über das Tourist Office kann man Stadtführungen mit einheimischen Nachbarschafts-Tourguides buchen und wir hatten mit unserer Stadtführerin richtig Glück. Katarina war so enthusiastisch und wusste unglaublich viel über die Geschichte und die Mythologie und ich glaube, hätte ich nicht für einen Call gegen 5 im Hotel sein müssen, wir würden noch immer mit ihr durch die Stadt laufen und keine Ecke unentdeckt lassen.

 

Leider weigerte sie sich standhaft, von uns ein Trinkgeld zu nehmen, sie sind sehr stolz, die Frauen in Athen 🙂

Ich konnte natürlich nicht ohne entsprechende Lektüre nach Athen reisen und um die Akropolis entsprechend würdigen zu können, packte ich Mary Beards „Partheon“ ein. Unser Aufstieg bei gefühlten 40 Grad im Schatten mit 10000 anderen Touristen ließ nicht viel Feierlichkeit aufkommen, aber interessant war es auf der Akropolis auf jeden Fall und man hat natürlich auch eine großartige Aussicht.

IMG_1525

Mary Beard nimmt uns in dem Buch auf die fast 2500 Jahre lange Geschichte mit, die das weltberühmte Gebäude hinter sich hat. In einem Wettstreit um die Vorherrschaft in Athen rangen Athene und Poseidon um die Gunst der Athener, die zu diesem Zeitpunkt natürlich noch keine Athener waren. Poseidon versprach Wasser, Athene Oliven und wir wissen, wie die Stadtbewohner sich entschieden.

Zur Ehre ihrer Schutzpatronin bauten die Athener der Göttin Athene den Parthenon mit einer über 10m hohen Statue der Göttin, von der leider kein Stückchen mehr übrig ist. Die Römer übernahmen später den Tempel und ehrten darin ihre eigenen Götter und nur wenig später verwandelten die Christen den Tempel in eine Kirche.

Während des Ottomanischen Reiches wurde das Gebäude in eine Moschee verwandelt und dummerweise lagerten sie dort ihr Schießpulver. Als die Venetianer die Akropolis befeuerten, um die Türken aus Athen zu befreien, gingen Teile davon in die Luft und zerlegten den Tempel zu großen Teilen. Als nächster kam Lord Elgin und „rettete“ die Trümmer und den wunderschönen Marmor-Fries und brachte ihn nach London, wo wir ihn heute im Britischen Museum bewundern können.

Durch das Buch wurde mir klar, dass ein Gebäude nur dann so lange existieren kann wie zB der Parthenon, wenn es in Gebrauch ist. Man sollte sich also eher freuen, dass die Christen und die Muslime den Tempel für ihre Zwecke nutzten, denn wäre der Parthenon schon deutlich früher eine Ruine gewesen, wäre heute wahrscheinlich überhaupt nichts mehr da.

„For to study the Parthenon is to be brought face to face with the very fragility of our grip on the Greek and Roman world, and with the challenges that are involved in even the simplest attempts to describe it, let alone explain or make sense of it.

The Parthenon in other words, offers an object lesson in those tantalizing processes of investigation, deduction, empathy, reconstruction and sheer guesswork that must be the hallmarks of any study of classics and the classical past.“

 

Besonders gut gefallen hat mir Zeus‘ Tempel und das Hadrianstor. Der Tempel wurde ca 680 BC zu Ehren des Göttervaters errichtet und seine 16 übrig gebliebenen Säulen korinthischen Stils lassen ahnen, wie beeindruckend dieser Tempel einst aussah. Er war einer der größten Tempel des antiken Griechenlands.

Das Hadrianstor wurde im Jahr 132 Kaiser Hadrian gewidmet. Es war kein Stadttor sondern ein Ehrenmonument. Hadrian hatte die Stadt wesentlich vergrößern und neue Viertel erbauen lassen. Es gibt zwei Inschriften auf der Seite zur Altstadt: „Dies ist Athen, einst Theseus Stadt“ und auf der anderen Seite „Dies ist Hadrians, nicht Theseus’ Stadt“.

Ein Buch das ebenfalls auf keiner Griechenland-Reise fehlen darf, ist die großartige Neuerzählung des Trojanischen Krieges aus weiblicher Sicht von Natalie Haynes.

IMG_1410

Die Geschichte von der Belagerung Trojas war nie nur die Geschichte von einer oder zwei Frauen, Haynes gibt allen Frauen in der Geschichte eine Stimme.

Als Creusa mitten in der Nacht erwacht, steht Troja in Flammen. Zehn endlose Jahre des Krieges und der Belagerung durch die Griechen gehen in Troja in dieser Nacht zu Ende. Die Griechen haben durch eine List gewonnen und in den nächsten Stunden wird sich das Leben, wie Creusa es kannte, in Asche verwandeln…

Die schrecklichen Konsequenzen des Falls der Stadt Troja erstrecken sich vom Berg Olympus bis zum Berg Ida, über griechische Inseln und über den Ozean hinweg. Die Geschichten der Frauen erzählen vom Krieg, von den Schrecken der anschließenden Sklaverei und auch davon, wie dieser schreckliche Krieg überhaupt anfing.

„A Thousand Ships“ gibt den Frauen, Mädchen und Göttinnen eine Stimme, die für so lange Zeit still waren. Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen – große Empfehlung.

Wer etwas Zeit mitbringt, sollte sich in Athen unbedingt mit dem Shuttle-Bus zum neuen großen Kulturzentrum SNFCC bringen lassen. Dort finden eine ganze Reihe kultureller Veranstaltungen statt, die Architektur der Gebäude ist beeindruckend und auch wer kein griechisch lesen kann, sollte unbedingt einen Abstecher in die dortige Bibliothek machen, die ist umwerfend.

 

Athen ist eine aufregende, pulsierende Stadt, die sehr viel mehr zu bieten hat als nur die Akropolis, die man sich aber auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Ganz lieben Dank noch einmal an Katarina, unsere tolle Stadtführerin und für den nächsten Besuch in der Stadt haben wir auch noch ein paar Sachen offen gelassen, die wir uns dann anschauen wollen.

So – hab ich euch jetzt Lust auf Griechenland gemacht? Dann kommt einfach mit, wenn ich euch in ein paar Tagen mit nach Naxos nehme.

 

Be like Water

ego and lee

Eigentlich verrückt, die Biografie eines Schauspielers und Kung Fu Meisters zu lesen, von dem man nicht einmal einen Film geschaut hat. Auf Lees Biografie bin ich durch mein Fangirling auf Maria Popovas Seite „Brainpicking“ gestoßen, die vor einigen Jahren schon über das Buch geschrieben und mich sehr neugierig gemacht hat. Hier könnt ihr den entsprechenden Beitrag von ihr dazu lesen.

Bruce Lee ist ein Name, den viele kennen und man hat ihn als Schauspieler in mittelprächtigen Kung Fu Filmen der 1970er Jahre abgespeichert. Ich war recht überrascht zu lesen, dass er sich intensivst mit fernöstlicher und westlicher Philosophie beschäftigt hat und sein „Be like water“ Zitat dürfte weltberühmt sein. Bruce Lee war ein sehr intensiver Mensch, mit unglaublich Präsenz sowohl persönlich als auch auf dem Bildschirm. Besonders symphatisch war mir seine unglaubliche Leidenschaft für das Lesen und das Lernen.

Er füllte eine Menge an Notizbüchern, in denen er sich viel mit Philosophie, den Büchern die er gelesen hatte und seiner Kampfsportart Kung Fu beschäftigte. In der Philosophie faszinierte ihn die Verbindung zwischen westlicher und fernöstlicher Lehre, die er für sich in eine ganz eigene persönliche Philosophie der Selbsterkenntnis verwandelte. Das Buch „Bruce Lee: Artist of Life“ gibt Einblicke in seine persönliche Weiterentwicklung und ist eine spannende Mischung aus Philosophie, Psychologie, Poesie, Kung Fu und Schauspielkunst.

“The ideal is unnatural naturalness, or natural unnaturalness. I mean it is a combination of both.
I mean here is natural instinct and here is control. You are to combine the two in harmony.
Not if you have one to the extreme, you’ll be very unscientific.
If you have another to the extreme, you become, all of a sudden, a mechanical man
No longer a human being.
It is a successful combination of both.
That way it is a process of continuing growth.
Be water, my friend.

In dem Band sind auch eine Auswahl von Lees Briefen an Freunde und Bekannte enthalten, in denen er äußerst eloquent seine Gedankengänge nachvollziehbar macht und stets wohlmeinende Empfehlungen und Tipps zur persönlichen Entwicklung weitergibt.

lee

Im Buch sind auch zahlreiche Variationen eines Textes, in dem er über Kung Fu schreibt, diese waren mir irgendwann etwas zu repetitiv, das ist aber mein einziger Kritikpunkt an diesem Band, der einen Einblick in seine spannende Persönlichkeit bietet.

Sein tragischer Tod mit nur 33 Jahren konnte nie komplett aufgeklärt werden. Studiobosse sollen ihn aus ästhetischen Gründen gebeten haben, sich die Unterarm Schweißdrüsen entfernen zu lassen. Es gibt Mutmaßungen, dass ein sehr anstrengendes Training ggf. zu Überhitzung und Kopfschmerzen führte, gegen die ihm eine Schauspiel-Kollegin das Schmerzmittel Equagesic gab. Er legte sich hin, kam nicht zum Dinner zurück und konnte auch nicht wieder aufgeweckt werden. Bei Ankunft im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Hier noch ein interessantes Interview mit Bruce Lee:

Direkt im Anschluß las ich „Ego is the Enemy“ von Ryan Holiday. Schon der Titel hätte Bruce Lee wahrscheinlich gefallen und dessen Interesse an Taoismus und Stoizismus hätte bestens zu Ryan Holiday gepasst, einem Autor, der sich als selbsternannter moderner Stoiker ausgiebig mit dieser Philosophieschule beschäfigt.

ego

Ryan Holiday beschäftigt sich mit dem Ego, unserem größten Feind. Es kann uns davon abhalten, Notwendiges zu lernen, weil wir uns überschätzen und uns damit selbst im Weg stehen, unsere Talente zu entwickeln. Ist man erfolgreich ist, besteht stets die Gefahr, die eigenen Fehler zu übersehen, läuft gerade vieles schief, kann das eigene Ego extrem hinderlich daran sein, es erneut zu versuchen.

Amor Fati – die Liebe zum (eigenen) Schicksal ist ein wichtiges Konzept für Holiday. Gerade die schwierigen Episoden in unserem Leben machen uns zu den Menschen, die wir sind. Häufig muss man erst einmal ganz tief fallen, bevor man in der Lage ist, über sich hinaus zu wachsen.

“Impressing people is utterly different from being truly impressive.”

„Ego is the Enemy“ erinnert uns daran, dass wir alle stinknormal sind. Keiner schuldet uns etwas, wir sind nicht weniger, aber auch nicht mehr als Sternenstaub. Wir sind Teil des Universums, von etwas, das soviel größer ist als wir selbst. Wer am Meer sitzt, in der Natur wandert oder die Sterne beobachtet, bekommt einen Eindruck davon wie klein und unwichtig wir eigentlich sind. Aber auch von der unglaublichen Schönheit um uns herum.

“Your potential, the absolute best you’re capable of—that’s the metric to measure yourself against. Your standards are. Winning is not enough. People can get lucky and win. People can be assholes and win. Anyone can win. But not everyone is the best possible version of themselves.”

Ein Buch das daran erinnert, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, uns um unsere Mitmenschen und die Natur zu kümmern, denn das Ego ist gar nix und Liebe ist Alles 😉

“When we remove ego, we’re left with what is real. What replaces ego is humility, yes—but rock-hard humility and confidence. Whereas ego is artificial, this type of confidence can hold weight. Ego is stolen. Confidence is earned. Ego is self-anointed, its swagger is artifice. One is girding yourself, the other gaslighting. It’s the difference between potent and poisonous.” 

 

 

Fräulein Nettes kurzer Sommer – Karen Duve

IMG_0928

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war mir einzig dem Namen nach bekannt und dunkel erinnere mich an ihr Portrait auf einem DM-Schein, auf dem sie immer etwas vorwurfsvoll schaute, wenn man sie ausgeben wollte. Ich weiß, das Heerscharen von Schülern „Die Judenbuche“ gelesen haben, ich bin aber nie mit ihr konfrontiert worden während meiner Schulzeit. Das ist ja oft durchaus ein Vorteil, denn manche Schriftsteller werden einem durch den Deutschunterricht ja leider auch öfter mal gründlich versaut.

Diese Lücke wollte ich mit Karen Duves Roman „Fräulein Nettes kurzes Sommer“ nun endgültig stopfen und mich erst einmal über das Leben dieser Autorin kundig machen, bevor ich jetzt endlich auch mal etwas von ihr lese. Karen Duve erzählt die Geschichte der begabten Schriftstellerin die zu ihrer Zeit mit unglaublich vielen Widerständen kämpfen musste und zu deren Lebzeiten lange nicht viel für ihren posthumen Ruhm sprach.

Mir gefiel alleine zu Anfang schon die Beschreibung dieses schrecklichen Sommers, der dem großen Vulkanausbruch in Indonesien im Jahr 1815 folgte, als große Teile der Welt keinen wirklichen Sommer hatten und von Kälte, Regengüssen und daraus resultierenden Missernten heimgesucht wurden.

Die Beschreibung der Kutschfahrt durch schlammige völlig überflutete Wege bei Dauerregen war unglaublich bildhaft und als ich das Kapitel las, hatten wir in München auch gerade heftigste Regengüsse. Der an die Fenster prasselnde Regen war der perfekte Soundtrack für das Buch.

Duve läßt uns Annette von Drostes restriktives Leben miterleben, voller Empathie, aber ohne sie in eine Opferrolle zu stecken. Wilhelm Grimm bekommt regelrecht Panik, wenn er die Schriftstellerin nur sieht, neckt sie ihn doch häufig und bringt ihn wiederholt in Verlegenheit. Überhaupt ist Fräulein Nette ein komischer Vogel, finden ihre Verwandten, Freunde und Freundinnen. Sie schweigt nicht sittsam, mischt sich in die Unterhaltungen der Männer ein und das gar ohne die Stimmlage lieblich weiblich eine Oktave nach oben zu verlegen, sie strickt und stickt nicht gerne, schreibt ständig Gedichte und zieht lieber mit einem Hämmerchen bewaffnet in Steinbrüche, um dort nach Fossilien zu suchen. Und dann hat sie auch noch ein unerhörtes Interesse an Literatur, Politik, Geschichte. Wie unhöflich und seltsam.

Annette_von_Droste-Hülshoff

Foto: Wikipedia

Als Annette heranwuchs, gesellte sich zu der zerbrechlichen Konstitution ein heftiges und störrisches Wesen. Sie zeigte wenig Neigung, sich mit angemessenen Beschäftigungen aufzuhalten, stromerte in der matschigen Moorlandschaft herum, kam mit verkrusteten Stiefeln und Kleidersäumen zurück und schwänzte den Unterricht, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester und den beiden zur allseitigen Erleichterung schließlich doch noch geborenen Brüdern bei einem Hauslehrer nehmen durfte. Mathematik, Latein, Griechisch und Französisch waren keine selbstverständliche Ausbildung für junge Damen – Französisch ging gerade noch durch, Mathematik aber auf gar keinen Fall. Der Unterricht von Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln.“

Auch um ihren Gesundheitszustand steht es nicht zum Besten. Blind wie ein Maulwurf und daher stets mit Lorgnette in der Hand, häufig krank und dünn. Nein, mit Annette ist kein Staat zu machen, findet die Familie. Gut sie hat Talent, reimt ganz hübsche Gedichtlein, die sie an Geburtstagen vortragen darf, aber so wirklich begeistert ist man von ihrer Schreiberei nicht und versucht, sie ständig mit Blick auf ihren Gesundheitszustand am Lesen und Schreiben zu hindern.

Der labilen Konstitution ist es dann auch zu verdanken, dass sie mit ihrer Großmutter für ein paar Wochen in ein sterbenslangweiliges Kurbad reist, um dort ab 5 Uhr früh literweise gesundes Wasser zu trinken. Sehr seltsam fand ich, dass man zu dieser Zeit den „monatlichen Fluss“ mit der Lust an Brandstifterei in Verbindung brachte, wie dieses Zitat hier zeigt:

„Wie alt sind Sie jetzt? Dreiundzwanzig schon? Denken Sie an Heirat! Im wahren Ideal des Weibes findet kein Monatsfluss statt. Spüren sie manchmal die Neigung Feuer zu legen? Nein? Gut.“

Im Roman geht es hauptsächlich um den Sommer im Jahr 1820, als Annette nicht nur die Aufmerksamkeit eines Herrn erweckt, nein, gleich zwei scheinen von der vorlauten, aber interessanten Annette bezaubert zu sein. Da ist einmal der von ihrem nur wenige Jahre älteren Onkel protegierte Straube, ein Habenichts, den der Onkel für das größte Genie nach Goethe hält und der Adlige Arnwaldt, ein spiessiger Burschenschaftler mit wallender Frisur, der vorgibt Annettes Treue zu Straube testen zu wollen.

Eine schlimme Intrige entspinnt sich da in diesem Sommer, die nie ganz genau aufgeklärt werden konnte, die aber traurige Folgen für die Schriftstellerin haben wird, sich zum Glück aber nicht auf ihr kreatives Schaffen auswirkt.

Karen Duve erzählt diese Geschichte überaus plastisch, mit viel Zeitkolorit, in die sie viel Recherche gesteckt hat. Der Roman stützt sich auf umfassendes Material aus der Zeit, insbesondere auf Briefe, die man sich zu dieser Zeit ja reichlich geschrieben hat. Es tauchen eine Menge Figuren auf, unbekannte wie bekannte z.B. die Gebrüder Grimm, Heinrich Heine, der Dichter Kotzebue, der von einem radikalen jungen Studenten ermordet wird, Heinrich von Fallersleben und andere. So sehr das dem Zeitkolorit dient und man wirklich immens viel über die Zeit lernt, mir kam die eigentliche Protagonistin ein bisschen zu kurz.

Ich hätte gerne gewußt, was Droste-Hülshoff gelesen hat. Was, wann und wo hat sie geschrieben? Ich hätte gerne mehr von ihr und ihren Gedanken erfahren, das ging aber oft zugunsten der lärmenden studentischen Dauerplauderer, die sich durch die Bank weg für Genies hielten, unter.

Ich habe das Buch gerne gelesen, mir ist das Fräulein sehr ans Herz gewachsen und ich möchte auf jeden Fall noch mehr von und über sie lesen.

Fräulein Nettes kurzer Sommer ist im Galiani Verlag erschienen.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr bei Sätze & Schätze.

Warlight – Michael Ondaatje

IMG_0589

Eine Erzählung so mysteriös wie unsere Erinnerung, Warlight ist voller Schatten und gedämpftem Licht über nebeligem Gewässer. Eine aufregende Geschichte voller Geheimnisse, Liebe, Sehnsucht und Gewalt.

In 1945 our parents went away and left us in the care of two men who may have been criminals.

Ein großartiger erster Satz mit dem man sofort mitten im Geschehen war. Wir befinden uns im Jahr 1945 und London erholt sich nur langsam aus seiner Kriegsstarre, überall sind noch die Folgen der deutschen Luftangriffe auf die Stadt zu sehen und zu spüren. Der 14jährige Nathaniel und seine Schwester Rachel werden von ihren Eltern dem geheimnisvollen Moth überlassen.

Sie verdächtigen ihn, ein Krimineller zu sein, werden davon immer überzeugter und gleichzeitig dieser Tatsache immer gleichgültiger gegenüber. In der Wohnung ihrer verschwundenen Eltern leben sie inmitten einer dubiosen, aber sehr interessanten Gruppe wechselnder Charaktere. Die Männer und Frauen, die dort immer wieder ein- und ausgehen, scheinen sich zu kennen und sind alle damit beschäftigt, das Geschwisterpaar zu beschützen und sie auf fragwürdige nächtliche Touren mitzunehmen.

„The house felt more like a night zoo, with moles and jackdaws and shambling beasts who happened to be chess players, a gardener, a possible greyhound thief, a slow- moving opera singer.“

Der erste Teil der Geschichte, als Nat und Rachel im Teenageralter sind, spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit in London. Voller Atmosphäre beschreibt Ondaatje das nächtliche Treiben, mit dem die Moth sein Geld verdient und bei dem ihm das Geschwisterpaar unter die Arme greift. Beim Lesen kann man quasi den Nebel über der Themse auf dem Gesicht spüren. Leise fährt das Boot mit seiner geheimnisvollen Fracht durch die weiterhin einzig vom Kriegslicht beleuchtete Nacht.

41606166_10155866484735823_5430282028853493760_n

We passed industrial buildings, their lights muted, faint as stars, as if we were in a time capsule of the war years when blackouts and curfews had been in effect, when there was just warlight and only blind barges were allowed to move along this stretch of river.“

Der Focus der Geschichte liegt vorwiegend auf Nathaniel, wir erleben ganz in „coming-of-Age“-Manier seine ersten Erfahrungen in der Liebe, in die Welt der Arbeit sowie seine Erlebnisse während der nächtlichen Touren. Durch seine abwesenden Eltern ist er stets auf der Suche nach Vorbildern, an denen er sich orientieren kann. Der „Darter“, mit dem er die nächtlichen Touren macht, wird ihm fast ein Stück weit Vaterersatz.

„You return to that earlier time armed with the present, and no matter how dark that world was, you do not leave it unlit. You take your adult self with you. It is not to be a reliving, but a rewitnessing.“

Der zweite Teil der Geschichte ist deutlich anders. Wir erfahren mehr über seine Mutter Rose und ihre Mission während des Krieges und danach. Ondaatje behält das Motiv der fast kompletten Dunkelheit auch im zweiten Teil des Romans bei, wobei mir der erste Teil etwas besser gefallen hat.

41650074_10155866484745823_3617531780963237888_n

„There are times these years later, as I write all this down, when I feel as if I do so by candlelight.“

Diese Dunkelheit bezieht sich auch auf die Figuren, die teilweise nur unter ihren Kriegs- und Spitznamen bekannt sind und deren Leben häufig fast komplett im Dunkeln bleibt. 

Ondaatje schreibt wunderbar poetisch, bewegend und voller Atmosphäre. Seine Erzählweise ist selten linear, wobei es bei Warlight noch recht harmlos ist. In seinem früheren Buch „Divisadero“ sah das zum Beispiel deutlich anders aus.

In Warlight geht es um dunkle Geschichten, Geheimnisse, Rätsel und Ungewissheit und vor allem auch um das Erinnern und die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen. Mich hat Nat’s Geschichte und auch insbesondere die seiner Mutter sehr fasziniert. Man kann viel biographisches herauslesen, wenn man möchte.

„But the only hope given us, although only in retrospect, is that we change. We learn, we evolve. What I am now was formed by whatever happened to me then, not what I have achieved, but by how I got there. But who did I hurt to get there? Who guided me to something better? Or accepted the few small things I was competent at? Who taught me to laugh as I lied? And who was it made me hesitate about what I had come to believe about the Moth? Who made me move from just an interest in „characters“ to what they would do to others? But above all, most of all, how much damage did I do?“

Im Bookclub entwickelte sich eine sehr spannende Diskussion um das Buch und es wurde auch fast ausschließlich für sehr gut bis gut befunden. Aufmerksam war ich auf das Buch durch Barack Obamas‘ Leseempfehlung auf Twitter oder Facebook und ich merke, Herr Obama und ich haben anscheinend einen ganz ähnlichen Geschmack. Vor einer Weile war ich bei der Lesung von Michael Ondaatje zu „Warlight“ im Literaturhaus und das war ein sehr schöner und interessanter Abend, ein sehr sympatischer Autor.

Egal ob ihr das Buch bei Taschenlampe-, Kerzen- oder Sonnenlicht lest – das Buch wird euch ins nebelverhangene London transportieren, ob ihr wollt oder nicht.

Eine weitere Rezension zu dem Buch findet ihr hier bei letusreadsomebooks.

 

Stockholm by the Book

Mit vielem habe ich in Stockholm gerechnet, aber nicht mit diesem perfekten fast schon sommerlichen Wetter, mit dem uns die schwedische Hauptstadt begrüßte. Das war die zweite schöne Überraschung nach der Lektüre des SZ Magazins bei der Anreise, in der tatsächlich ausgerechnet das Hotel vorgestellt wurde, in dem wir gebucht hatten. Das Story Hotel war auch in der Tat ein wunderbar zentral gelegener und insgesamt sehr schöner Ausgangspunkt für unseren Ausflug.

Unsere „must sees“ für Stockholm hat Wonnie hier wunderbar auf den Münchner Küchenexperimenten zusammengefasst – inklusive eines kulinarischen Rückblicks. Ich werde mich hier mit den literarischen Seiten dieser tollen Stadt beschäftigen.

Ein paar Impressionen will ich aber auch da lassen:

Literarisch gibt es einiges zu entdecken.  Allen voran natürlich Astrid Lindgren, die jahrelang in Stockholm lebte und dort 2002 verstarb. Ihre Wohnung in der Dalagatan 46 kann mit vorheriger Anmeldung besichtigt werden. Über die Ostertage waren leider alle Termine vergeben.

Eine Statue der Autorin findet sich vor dem Kindermuseum Junibacken, in dem sich eine Pippi Langstrumpf Ausstellung befindet.

Skandinavien ist ja bekanntermassen ein Thrillerland und es hätte sicherlich zig Möglichkeiten gegeben, den diversen Tatorten in der Stadt zu folgen. Vor vielen Jahren las ich mit Begeisterung die Sjöwall-Wahlöö Romane und ich bin sicher, es hätte einen entsprechenden Spaziergang dazu gegeben. Wir entschieden uns aber für die Lisbeth Salander Tour, bei der wir mit einem entspechenden Plan ausgerüstet durch Södermalm düsten und die Schauplätze der Millennium Reihe von Stieg Larsson unter die Lupe nahmen.

Von der Millennium Redaktion über die Wohnung von Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander über deren Lieblingscafes erwanderten wir einen sehr interessanten und wunderschönen Teil Stockholms. Es gibt auch eine offizielle geführte Tour, die man zB hier buchen kann, wir entschieden uns aber, das ganze auf eigene Faust zu machen und ohne Gruppe im Schlepptau ist das finde ich auch deutlich netter. Abends im Hotel haben wir dann nochmal „The Girl who played with fire“ geschaut und uns wie Bolle gefreut, wenn wir Locations entdeckten, die wir tagsüber gefunden hatten.

Dieses hier ist garantiert Salanders Lieblingsbuchladen. Der war sehr cool und ganz in der Nähe ihrer Wohnung – also bin ganz sicher 😉

Ein Theaterbesuch im Kungliga Dramatiska Teatern, im Volksmund einfach Dramaten genannt wäre schon sehr schön gewesen, aber zum Einen waren wir nicht organisiert genug, uns im Vorfeld um Tickets zu kümmern und unser nicht vorhandenes Schwedisch wäre auch ein Problem gewesen. Das Theater ist ein wunderschöner Jugendstil-Bau und hat so manche berühmte Persönlichkeit hervorgebracht. Dort spielten neben Bibi Andersson und Max von Südow zB auch Ingrid Bergmann und Greta Garbo.

Hier findet man auch eine Büste des wohl berühmtesten schwedischen Dramatikers August Strindberg:

Natürlich bin ich nicht ohne entsprechende Reiselektüre nach Stockholm gefahren. Es war meines Erachtens dringend an der Zeit, ein Werk der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf zu lesen. Habe als Kind natürlich Nils Holgersson verschlungen, aber sonst kannte ich gar nichts von ihrem literarischen Werk. Ich habe mich für den Happy Reader Tipp „The saga of Gösta Berling“ entschieden. Ich mag die Penguin Klassikausgaben ganz besonders, da sie immer eine sehr gute Einführung in das jeweilige Werk bieten.

Der Roman liest sich eher wie eine lose Sammlung an Kurzgeschichten, die sich stets um den seines Priesteramtes enthobenen Gösta Berling drehen. Er spielt im Värmland in den 1820er Jahren und Gösta wird zum Anführer der Kavaliere auf Ekeby. Das abenteuerliche Leben dieser Kavaliere, ehemalige Offiziere und verarmte Adlige, die auf Gut Ekeby eine Freistatt gefunden haben und ihre Tage mit Liebesabenteuern, Musizieren, Kartenspielen und ähnlichen Vergnügungen verbringen, wird in zahlreichen recht selbständigen Kapiteln vorgestellt. Die Geschichte Gösta Berlings, der nach mancherlei Erlebnissen und Erfahrungen zu einem besseren Menschen geläutert wird, bildet hierbei die Rahmenhandlung für eine Reihe eher lose verknüpfter Episoden.

Die Kritik war nach Veröffentlichung des Romans zunächst eher negativ, dennoch wurde dieser Roman ihr Durchbruch und fand auch sehr prominente Verfechter wie beispielsweise Thomas Mann.

In Gösta Berling schlägt die Autorin viele Themen an, die sie ihr Leben lang begleiten werden: Die Landschaft, in der Gösta Berling spielt, ist auch der Schauplatz späterer Romane, die segenreiche Wirkung der Arbeit und der Sieg der Liebe ein ohnehin durchgehendes Thema bei Selma Lagerlöf.

In stilistischer Hinsicht blieb Gösta Berling allerdings ein Einzelgänger. Ihre nächsten Romane sind von einem deutlich schlichteren Stil gepräg, den sie im Laufe ihres Lebens immer weiter vereinfachte.

An unserem Abreisetag machten wir einen Ausflug in das Freilichtmuseum Skansen und ich fühlte mich dort die ganze Zeit in Selma Lagerlöfs Roman hineinversetzt:

Der magische Realismus in „Gösta Berling“ war nicht ganz meins, ich glaube ich würde sehr gerne noch mehr über Selma Lagerlöf lesen, bin aber nicht sicher, ob ich noch unbedingt weitere Romane von ihr lesen möchte. Ihr Leben war allerdings richtig spannend. „Gösta Berling“ wurde 1924 mit Greta Garbo verfilmt, die es sich auch nicht nehmen ließ, die Autorin privat zu besuchen, Frau Garbo war ein sehr großer Fan von Selma Lagerlöf.

Hier ein Ausschnitt aus dem Film:

Stockholm ist eine tolle Stadt, die wir zusammen mit den unglaublich symphatischen Menschen sehr lieb gewonnen haben. Es ist glücklicherweise auch nicht mehr ganz so teuer, wie bei meinem ersten Besuch dort vor einigen Jahren. Die paar Tage haben uns auf jeden Fall Appetit auf mehr Schweden gemacht, ich könnte mir gut vorstellen, mal so ein kleines rotes Häuschen zu mieten und Astrid Lingdrens Rat zu beherzigen:

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

 

 

Short and Sweet (8)

Kurt – Sarah Kuttner

F3259011-C7AB-4F66-951B-A68092767F59

Über Kurt braucht man glaube ich nicht mehr viel zu sagen. Da ist Sarah Kuttner wirklich etwas ganz Großes gelungen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich derart berührt hat und dabei so leicht und überhaupt nicht melodramatisch daher kommt.

Frau Kuttner ist eine irre intelligente, warmherzige Persönlichkeit, die ich unbedingt mal auf einer Lesung erleben möchte oder noch besser, mit ihr Füße in den Fluß halten und dabei ein Bier oder zwei trinken.

Mein Überraschungsbuch des Jahres bislang.

Der Klappentext fasst es wunderbar zusammen:
Von der Suche nach Familie, der Sehnsucht nach dem richtigen Ort und darüber, dass nichts davon planbar ist.

»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen, vor allem wenn Kurt schon extra aufs Land zieht. Und so pendelt das Kind nun wochenweise zwischen seinen beiden Oranienburger Zuhauses hin und her: zwei Häuser, zwei Kinderzimmer, unterschiedliche Regeln und alle Menschen, die er liebt. Und dann bin da noch ich.«

Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen. Daran, dass Brandenburg nun Zuhause sein soll. Doch als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert. Sarah Kuttner erzählt von einer ganz normalen komplizierten Familie, davon, was sie zusammenhält, wenn das Schlimmste passiert. Sie erzählt von dieser Tragödie direkt und leicht und zugleich mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, so einfach und kompliziert, wie nur Sarah Kuttner das kann.

Slade House – David Mitchell

IMG_0125

Slade House begann als experimentelle Kurzgeschichte „The Right Sort“ und wurde zuerst auf Twitter veröffentlicht. Daraus entwickelte Mitchell dann ein eigenes Buch, das zum Universum seines Romans „The Bone Clocks“ dazugehört.

Wie schon in seinen früheren Büchern sind die Kapitel eher miteinander verbundene Kurzgeschichten mit einem darunter liegenden Thema (Fox and Hounds, das mal als Pub, als Spiel oder als Analogie auftaucht). Slade House besteht aus 5 Geschichten die sich über 9 Jahre hinziehen.

Jedes Kapitel wird von einer Person erzählt, die Slade House besucht und jede hat eine ganz eigene charakteristische Stimme (das kann Mitchell wirklich!). Der Plot an sich ist deutlich weniger charakteristisch und das ist wohl auch volle Absicht. Die fast schon hypnotischen Wiederholungen sollen den Leser in die mysteriöse Welt hineinziehen und Erwartungen wecken auf das, was dem nächsten Besucher von Slade House passiert.

“Grief is an amputation, but hope is incurable haemophilia: you bleed and bleed and bleed.”

„The Bone Clocks“ hat mir sehr gefallen, mit dem Slade House hab ich mich schwerer getan. Tolle Figuren, das ist wirklich Mitchells Stärke, aber der Plot hatte für mich Löcher und die ständigen Wiederholungen haben mich nach einer Weile etwas genervt. Ich würde es wohl nur „hard-core“ Mitchell Fans empfehlen, wobei es nicht dick ist, schnell gelesen und man schon ganz gut unterhalten wird.

The Immortalists – Chloe Benjamin

IMG_0319

Wenn Du den Tag Deines Todes kennen würdest, wie würdest Du Dein Leben leben? Diese Frage ist die Prämisse des Romans, die ich sehr spannend fand und bei der ich mich dauernd fragte, ob dieses Thema nicht schon häufiger in der Literatur behandelt wurde. Mir ist es jedenfalls vorher noch nicht untergekommen ist.

Kennt ihr Romane zu diesem Thema?

Im Jahr 1969 schlägt eine mysteriöse Frau in New York’s Lower East Side ihr Lager auf. Sie ist eine reisende Hellseherin, die von sich behauptet, jedem den Tag seines Todes nennen zu können. Von irgendwem hören die 4 Kinder der Familie Gold von dieser Frau und sie beschließen, heimlich zu Hause auszubüxen und sich ihren Todestag nennen zu lassen.

“She understands, too, the loneliness of parenting, which is the loneliness of memory—to know that she connects a future unknowable to her parents with a past unknowable to her child.“

Diese Vorhersagen prägen ihr jeweiliges Leben über die nächsten fünf Jahrzehnte. Sonnyboy Simon verschwindet mit seiner Schwester Klara an die Westküste, wo er im Gay Viertel San Franciscos der 80er Jahre auf der Suche nach Liebe ist. Seine nur etwas ältere verträumte Schwester Klara wird Zauberkünstlerin in Las Vegas und hat Schwierigkeiten, Wirklichkeit und Fantasie auseinanderzuhalten.

Der älteste Sohn Daniel wird Militärarzt und die lernbegierige Varya stürzt sich in ihre Arbeit – eine Studie zu Langlebigkeit – und testet dabei die schmale Grenze zwischen Wissenschaft und Unsterblichkeit.

Chloe Benjamin zieht einen insbesondere in den ersten beiden Kapiteln zu Simon und Klara komplett in ihre Welt. „The Immortalists“ sondiert die Grenze zwischen Vorhersehung und freier Wahl, Wirklichkeit und Illusion und wie schwer es ist sich von familiären Bindungen zu lösen.

Ein Buch das in unserem Buchclub zu sehr guten und spannenden Diskussionen geführt hat und wir wären alle zu feige gewesen, uns unseren Todestag nennen zu lassen.

Wie sieht es bei euch aus? Würdet ihr es wissen wollen?