Große gemischte Tüte

Ian McEwan ist der Naturwissenschaftler unter den Romanautoren. Immer wieder beschäftigt er sich in seinen Werken damit, woher die menschliche Erkenntnis kommt, wie zugänglich die Erkenntnisse der Wissenschaften für uns Leser sind, gibt es eine universelle menschliche Natur? In diesem Bändchen finden sich fünf Essays, die sich mit Wissenschaft, Literatur und Religion beschäftigen.

My own particular hero is E.O. Wilson” sagte der britische Schriftsteller Ian McEwan einmal in einem Interview. Es mag etwas überraschen, dass der „Held“ eines Literaten kein Dichter oder Romancier ist, sondern ein amerikanischer Biologe, der für die Entwicklung der Soziobiologie, einer Verschmelzung von Natur- und Sozialwissenschaften, berühmt ist. Doch wenn man sich McEwans Werk ansieht, wird deutlich, dass er zwar selbst ganz klar Literat ist, sich aber sehr für wissenschaftliche Themen interessiert. Für seine Romane Saturday und Enduring Love wählte er sogar zwei Wissenschaftler als Protagonisten, die der Erzählung ihr rational-wissenschaftliches Weltbild aufdrücken. Gleichzeitig geraten beide Protagonisten in einen Konflikt mit der Literatur.

„Über die Entstehung, in dreizehn Monaten geschrieben, ist das Resultat einer enormen intellektuellen Anstrengung: ausgereifte Einsichten, umfassendes Wissen und präzise Beobachtungen, die Darbietung aller Fakten, die Erläuterung geradezu unwiderleglicher Argumente im Dienste einer profunden Kenntnis natürlicher Abläufe. Darwins Zögern, gegen Emmas religiöse Überzeugungen zu verstoßen, den theologischen Gewissheiten seiner Kollegen zu widersprechen oder sich in der unpassenden Rolle eines Bilderstürmers wiederzufinden, eines radikalen Abweichlers in der viktorianischen Gesellschaft – all diese Bedenken warf er über den Haufen, weil er fürchtete, jemand anderes könne ihm zuvorkommen und die Anerkennung für Überlegungen einheimsen, die er für die seinen hielt.“

Darwin bildet ein wenig den roten Faden zwischen den einzelnen Vorträgen bzw. Artikeln, bzw. der Vergleich der Arbeit eines Wissenschaftlers mit der eines Autors, dennoch stehen die Essays in keinem bestimmten zeitlichen oder inhaltlichen Bezug zueinander. Trotzdem habe ich sie sehr gerne gelesen – eine sehr anregende Lektüre, die mich dazu bringt, dieses Jahr aber wirklich endlich Darwins „The Origins of Species“ zu lesen, das schon viel zu lange ungelesen in meinem Regal steht.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gilbert hat einen Alptraum, indem seine Frau untreu ist, er erwacht schwer empört und konfrontiert sie im Laufe des Tages mit ihrer Untreue. Sie jedoch leugnet jegliche eheliche Abschweifung, woraufhin er von ihrer Untreue weiterhin tief überzeugt, seine seine Tasche packt, seinen Pass nimmt, zum Flughafen fährt und den erstbesten verfügbaren Interkontinentalflug bucht. Er landet in Tokio, wo Gilbert – ein Forscher in Sachen Bart – versucht, ein Gespräch mit einem seltenen jungen Japaner anzufangen, der erste, den er sieht, der einen kleinen Bart trägt. Yosa war gerade im Begriff, Selbstmord zu begehen, aber als Gilbert ihn anspricht, verbietet es die Höflichkeit, mit seinem Plan fortfahren. Ausgestattet mit zwei Büchern, Bashos berühmtem Reiseführer über das Hinterland Japans und einem japanischen Selbstmord-Handbuch, beginnen die beiden Männer eine Reise durch Japan auf der Suche nach den seit Basho bedichteten berühmten Kiefern.

Über den Weg, der neben dem Schild vom Hauptweg abzweigte, spannte sich ein dünner Faden, der offenbar eine Sperre versinnbildlichen sollte. Yosa hob das Sinnbild an, bückte sich darunter durch, und Gilbert tat es ihm gleich, auf einmal von heißem Trotz gegen eine Maßregelung durch schlaffe Bindfäden erfüllt. Sie brauchen ihm jetzt wirklich nicht mit der Albernheit zu kommen, ihn mittels Bindfäden gängeln zu wollen, er hielt sich an ausreichend viele Vorschriften, wenn auch widerstrebend, und bei einem Waldspaziergang benötigte er keine Kontrolle und keine Bevormundung. Er überholte Yosa und stapfte wütend den Pfad entlang durch unübersichtliches, verbotenes Gebiet.

Der Roman ist ein kleines Meisterwerk. Witzig, skurril, großartig beobachtet. Ich weiß nicht, wie Poschmann es geschafft hat, sie fängt mit atemberaubender Perfektion exakt die verwirrende Erfahrung ein, die einen als Besucher des Landes permanent begleitet. Ich hatte vor der Lektüre schon eine Ahnung, dass es mir gefallen könnte, aber es dürfte eines der Highlights des Jahres sein, kann es nur jedem ans Herzen legen und je weniger man vorher über den Roman weiß, desto besser glaube ich.

Marion Poschmann erzählt in „Nimbus“ von den Verheerungen, denen die Natur durch den Menschen ausgesetzt ist. Ihre poetischen Illuminationen lassen die Magie der Natur sinnlich werden. Diese Gedichte haben eine unfassbar schöne Rhythmik und die Sprache malt passende atmosphärische Bilder dazu. Ich habe keine Ahnung, wie man Gedichte bespricht, daher einfach nur: Kauft diesen Gedichtband, lasst euch hineinfallen und legt ihn nie zu weit außer Reichweite, ihr werdet immer wieder einmal darin lesen wollen!

Farnfraktal – wie Flügel gegen sinkendes Abendlicht.
Und wir, wir wichen schüchtern den Schritt zurück
ins Dunkle, wo die Farnspiralen
ausharrten, dicht in sich eingewunden,

genügsam, lautlos. War ich denn jemals so –
so eingerollt in mich, völlig eingehegt
in Wald, der an mich grenzte, Wald, der
Gegenfarn bildete, größer, stiller.

Diese erstaunliche Frau führte ein sehr beeindruckendes Leben. Anne Beaumanoir war im Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzung Frankreichs, half vielen ihrer jüdischen Mitmenschen dem Nazi-Terror, der Gefangenschaft und dem sicheren Tod zu entkommen, arbeitete als Neurologin, war im algerischen Unabhängigkeitskampf gegen den französischen Kolonialismus aktiv und wurde dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, lebte viele Jahre in Tunesien und Algerien im Exil und half in den Anfangsjahren der algerischen Unabhängigkeit beim Aufbau des algerischen Gesundheitssystems. Heute ist sie 97 Jahre alt und traf bei einer Veranstaltung auf die Autorin Anne Weber, der sie ihr Leben erzählte.

„Zu lange waren Angst Erschöpfung Einsamkeit
ihre einzigen Begleiter. Sie kann nicht mehr. Im
Parc Monceau findet sie, statt der Ruhe, die sie sucht,
eine noch nie empfundene Beklemmung. Kein
Mensch in dieser großen Stadt, die sie mit kleinen
Schritten monatelang durchmessen hat, von der sie
jeden Winkel, jeden Außenbezirk kennt, kein Mensch,
der sich im Geringsten um sie schert, der sie was fragt
oder sich vielleicht Gedanken um sie macht, nichts,
niemand – Leere. Hat Kommunismus nicht mit
Gemeinsamkeit zu tun? Als sie noch handelte und
etwas Sinnvolles vollbrachte – etwas, wovon sie
hoffte, dass es sinnvoll war -, da ging es noch. Und
jetzt?

Die Form erhebt Beaumanoir in die Höhen einer griechischen Heldin, aber gleichzeitig macht der Inhalt sie zu einer sehr modernen Figur, die nicht nur durch die Zeit in der sie lebte geformt wurde, sondern die sich auch mit Fragen wie Identität und Ideologie beschäftigte. Die Sprache ist poetisch, aber, in Anbetracht der Form, nicht sehr stilisiert und sehr zugänglich. Die ganze Mischung ist ein überaus fesselndes Erlebnis.

In The Heat of the Day erschafft Elizabeth Bowen auf brillante Weise die angespannte und gefährliche Atmosphäre Londons während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs.

Viele Menschen sind aus der Stadt geflohen, und diejenigen, die zurückgeblieben sind, finden sich in einer seltsamen, aus der Krise geborenen Intimität zusammen. Stella Rodney ist eine von denen, die sich entschieden haben, zu bleiben. Aber für sie wird das Gefühl der bevorstehenden Katastrophe plötzlich sehr persönlich, als sie entdeckt, dass ihr Geliebter Robert verdächtigt wird, Geheimnisse an den Feind zu verkaufen, und dass der Mann, der ihn verfolgt, Stella als Preis für sein Schweigen zu seiner Geliebten machen will. Gefangen zwischen diesen beiden Männern und nicht sicher, wem sie glauben soll, gerät Stellas Welt aus den Fugen, als sie erfährt, wie wenig wir wirklich über die Menschen um uns herum wissen können.

„Beide waren in ihrem Element, und als sie sich kennenlernten gleich noch viel mehr. Es war typisch für dieses Leben im Augenblick und um des Augenblicks willen, daß man Menschen gut kannte, ohne allzuviel von ihnen zu wissen. Das Vakuum hinsichtlich der Zukunft entsprach dem Vakuum hinsichtlich der Vergangenheit; Lebensgeschichten wurden als unnützer Ballast abgeworfen, und aus verschiedenen Gründen kam das sowohl ihr als auch ihm entgegen.“

Bowen hat einen ungewöhnlichen Schreibstil, der mich immer wieder mal an Virginia Woolf erinnerte. Manchmal kamen die Worte geradezu in Maschinengewehrsalven auf einen zu, dann wieder ihre Sätze fast träge wie wie ein schwüler Spätsommertag. Dies ist mein erster Roman von Elizabeth Bowen, aber sicher nicht meine letzter. Der Roman ist eine spannende Mischung aus Noir-Spionage mit einem Spritzer Liebesroman.

Dieses kleine Buch wurde 1938 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht und wurde noch zu Lebzeiten der Autorin zum Klassiker. Die Erstveröffentlichung hat wegen der darin enthaltenen Wahrheiten – und der Warnungen – immer wieder an Popularität gewonnen.

A short time before the war, some cultivated, intellectual, warmhearted German friends of mine returned to Germany after living in the United States. In a very short time they turned into sworn Nazis. They refused to listen to the slightest criticism about Hitler. During a return visit to California, they met an old, dear friend of theirs on the street who had been very close to them and who was a Jew. They did not speak to him. They turned their backs on him when he held his hands out to embrace them. How can such a thing happen? I wondered. What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty?

These questions haunted me very much and I could not forget them. It was hard to believe that these people whom I knew and respected had fallen victim to the Nazi poison. I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care. In 1938, the isolationist movement in America was strong; the politicians said that affairs in Europe were none of our business and that Germany was fine. Even Charles Lindbergh came back from Germany saying how wonderful the people were. But some students who had returned from studying in Germany told the truth about the Nazi atrocities. When their fraternity brothers thought it would be fun to send them letters making fun of Hitler, they wrote back and said, “Stop it. We’re in danger. These people don’t fool around. You could murder one of these Nazis by writing letters to him.”

So erklärte Kathrine Kressmann Taylor die Inspiration zu „Adresse unbekannt“, das heute als eines der grundlegenden Werke der Anti-Nazi-Literatur gilt. Ursprünglich 1938 veröffentlicht, wurde die Kurzgeschichte in Form eines Briefwechsels auf dem Höhepunkt des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland zwischen zwei Geschäftspartnern und Freunden geschrieben. Martin, der kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt ist, wird nach und nach von der Nazi-Ideologie indoktriniert, sein Freund Max ist Jude, der in Amerika zurückgeblieben ist, um das Geschäft weiterzuführen.

Die Geschichte beschäftigt sich mit den Themen Fanatisierung, Faschismus und Rache und wie leicht der Spieß auch umgedreht werden könnte, wenn man andere verunglimpft. Leider ist dieses Buch auch heute noch so relevant wie eh und je, wo faschistische Ideale wieder auf dem Vormarsch sind und durch Social Media leicht verbreitet und akzeptiert werden.

Ich hoffe, in dieser gemischten Tüte war etwas dabei für euch? 6 sehr unterschiedliche, aber allesamt überaus empfehlenswerte Bücher die ich euch ans Herz legen möchte.

Hier noch einmal in der Übersicht:

  • Erkenntnis und Schönheit von Ian McEwan erschienen im Diogenes Verlag
  • Die Kieferninseln von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Nimbus von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber erschienen im Matthes & Seitz Verlag
  • In der Hitze des Tages von Elizabeth Bowen erschienen im Schöffling Verlag
  • Adressat unbekannt von Kressmann Taylor erschienen im Rowohlt Verlag

Nichts Tun – Jenny Odell

Der Titel ist vielleicht ein bisschen irreführend, denn bei „Nichts tun“ handelt sich auf gar keinen Fall um eine Anleitung zum Digital Detox oder dem Ausstieg aus den sozialen Medien (dazu eignet sich Cal Newports Digital Minimalism oder Catherine Price‘ How to Break Up With Your Phone ganz gut). Stattdessen ist dies ein umfassend recherchiertes Buch über: das Selbst, Aufmerksamkeit, Bioregionalismus, was es bedeutet, sich zu verweigern und über die Auswirkungen des Kapitalismus auf diese Faktoren.

Der Großteil dieses Buches handelt von den Dingen, die wir nicht wirklich tun können, wenn unsere Aufmerksamkeit permanent in den sozialen Medien oder mit dem Scrollen durch Nachrichten an unsere Telefone gebunden ist. Im Grunde nehmen uns die sozialen Medien und der Dauerbeschuss an Nachrichten die Fähigkeit, zu reflektieren und umfassend über das nachzudenken, was unter dem Radar der Status-Updates und Schlagzeilen tatsächlich passiert. Darüber hinaus werden unsere Beziehungen zu anderen Menschen, zur Zeit und zur Umwelt um uns herum erodiert. wir versuchen, unsere Ideen in 280-Zeichen-Tweets zu pressen, stets bemüht, niemanden zu beleidigen und möglichst viele „Likes“ zu bekommen. Was passiert, wenn wir Menschen als Marken und Unternehmen als Menschen betrachten?

Odell fordert uns zunächst auf, die Idee der „Nützlichkeit“ zu überdenken und unsere Tendenz, Zeit und Aufmerksamkeit als Ware zu betrachten, in Frage zu stellen – etwas, das in der Gig-Economy zumeist als selbstverständlich erachtet wird. Sie verwendet das Beispiel eines alten Mammutbaums in Oakland, der für den menschlichen Verzehr nutzlos ist und ironischerweise ist es seine „Nutzlosigkeit“, die ihn davor bewahrt, gefällt zu werden, was ihn zum einzigen Baum seiner Generation macht, der überlebt. Sie nennen ihn sogar „Old Survivor“.

Teile des Buches waren für mich etwas unzugänglich – insbesondere ihre Beschreibungen diverser Kunstausstellungen waren etwas langatmig. Sehr spannend fand ich aber, wie sie sowohl Diversität und Klasse in die Betrachtung des Widerstands gegen die Aufmerksamkeitsökonomie einbezieht. Odells Referenzen im Buch sind erfreulich vielfältig; ja, sie bezieht sich viel auf Thoreau, aber sie bezieht auch Texte von Audre Lorde, der Arbeiterbewegung und der Umweltbewegung mit ein. All das setzt sie in einen historischen Kontext, sozusagen als Gegensatz zu der ständigen Gegenwartsbezogenheit der sozialen Medien.

„Nicht nur, dass es unbefriedigend ist, in permanenter Zerstreuung zu leben, oder dass ein Leben ohne zielgerichtetes Denken und Handeln armselig ist. Wenn es wahr ist, dass die kollektive Tatkraft das individuelle Aufmerksamkeitsvermögen spietelt und zudem auf diesem beruhen, dann scheint Zerstreuung, in einer Zeit, in der es zu handeln gilt, eine Sache auf Leben und Tod zu sein. Ein soziales Gefüge, das nicht in der Lage ist, sich auf sich selbst zu konzentrieren oder mit sich zu kommunizieren, ist wie eine Person, die weder denken noch handeln kann“

Und während andere Bücher zum gleichen Thema dazu neigen, die Vereinnahmung unserer Aufmerksamkeit und die Tyrannei der Algorithmen als ausgemachte Sache zu behandeln und damit das Digital Detox als ausweglose Lösung zu beschreiben, schafft es Odell, ganz sachlich zu bleiben, jede Sensationslüsternheit zu vermeiden und zeigt eigene Wege, mit der Aufmerksamkeitsökonomie umzugehen.

Als Lösungsideen präsentiert die Autorin unter anderem Bioregionalismus, weniger Konsum, mehr Dezentralisierung als Konzepte für eine bessere Welt. Ich glaube aber, solange die Menschen den Grad und die unfassbare kaltschnäuzige Raffinesse der Medien- und Nachrichtenmanipulation nicht erkennen, werden diese Ideen und Ideale chancenlos sein gegen die glitzernde, glamouröse Gamification und den Konsumterror.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl, einen angenehmen Spaziergang mit einer klugen und überhaupt nicht überheblichen Freundin zu machen. Odells Ideen wirken rational und gar nicht revolutionär, haben aber eine große Tragweite, wenn es darum geht, unseren Fokus auf unsere Beziehungen und unser Umfeld zu lenken, anstatt sich permanent im Hamsterrad zu drehen und uns nur wohl zu fühlen, wenn wir uns optimieren und im Produktivitätsrausch versinken. Manchmal hätte ich mir ein bisschen mehr Pep gewünscht, da mäanderte es für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr, aber Odell schafft eine kluge Verbindung von Kunst, Ökologie, Soziologie und Wissenschaft auf nachdenkliche und manchmal überraschende Weise. Ein Buch, das mir große Lust auf rotweingetränkte Diskussionen mit Freunden gemacht hat.

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Was wir scheinen – Hildegard Keller

Man könnte wohl sagen, dass die lebendige Menschlichkeit eines Menschen in dem Maße abnimmt, in dem er auf das Denken verzichtet.
Hannah Arendt

Hildegard E Keller verwebt Leben und Werk dieser bahnbrechenden Philosophin des 20. Jahrhunderts zu einem eleganten, spannenden Roman voller historischer und philosophischer Einsichten.

Schon in Hannah Arendts Kritik an Augustinus sowie in ihrem biographischen Essay über Rahel Varnhagen spürt man Arendts Interesse am Menschen, am Erzählen von Leben und dem Wunsch, die Dinge ungeschönt zu betrachten. Auch ihre Perspektive auf Judentum, Antisemitismus und die „Banalität des Bösen“ zeugt von ihrer Begeisterung für die Beobachtung sozialer Phänomene und politischer Ereignisse im Kontext ihres persönlichen Lebens.

Kellers ausgiebige Recherche basierend auf der Korrespondenz mit ihrem langjährigen Geliebten Martin Heidegger, ihrem Ehemann Heinrich Blücher, ihren Freunden Mary McCarthy, Karl Jaspers, Walter Benjamin, oder mit Schriftsteller-Kolleginnen wie Ingeborg Bachmann, ihren Tagebüchern sowie ihren philosophischen bzw. politischen Schriften zeichnen Hannah Arendts prägende Jahre nach und beleuchten besonders intensiv ihr letztes Lebensjahr, das noch immer geprägt ist von der folgenschweren Publikation ihres Berichtes über den Eichmann-Prozess. Eine Kontroverse gegen sie und ihr Buch, die sie selbst öffentlich »Kampagne« und in privaten Briefen »Mobilisierung des Mobs« nannte. Aus dem grellen Licht einer Öffentlichkeit, die sie teils mit Hass, teils mit Euphorie überschüttete, ohne sich in der von ihr erhofften sachlichen Weise mit ihrem Buch auseinanderzusetzen, kam sie bis zu ihrem Tod nicht mehr heraus.

Kellers Roman ist eine behutsame Studie über die Entwicklung der Gedanken einer deutschen jüdischen Frau im Laufe eines Lebens. Bevor sie zu einer Kommentatorin des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts wurde, war Arendt eine Frau, die sozusagen über Jaspers und St. Augustinus zu Heidegger kam. Am zentralsten im Roman ist für mich ihr unglaubliches Interesse am Leben, an ihren Mitmenschen, ganz gleich wen sie vor sich hat.

„Sie trat auf den Vorplatz der Casa Barbatè, ging über die Gleise, dann die paar Schritte zum Kirchturm. Hoch oben, im offenen Dachstuhl, sirrten die Schwalben und drehten ihre Runden um das Glockenrad. So was Schönes, dachte sie, davon kann ich nie genug bekommen. Das ist ja das Einzige, was wir fürchten, wenn wir uns vor dem Ende bangen. Nicht den Tod, sondern diese Welt zu verlieren.“

Der Leser trifft auf Hannah Arendt im Sommer 1975, als sie gerade mit dem Zug in das Schweizer Dorf Tegna unterwegs ist, um dort Urlaub zu machen. In den insgesamt 27 Kapiteln reisen wir ihr Zeit und Welt und begleiten sie auf ihren wichtigsten Stationen zwischen Mai 1941 und August 1975. Man lernt Arendt von einer ganz anderen Seite kennen, eine Kämpferin gegen den Totalitarismus, die ihr Leben lang für ihre Überzeugungen kämpfte, alles immer ganz verstehen wollte und sich dann für nichts und niemanden daran hindern, ließ ihre Überzeugung so auf Papier zu bringen.

Hannah Arendt hat sich stets als politische Theoretikerin und weniger als Philosophin gesehen. Das hat meines Erachtens weniger mit übergroßer Bescheidenheit zu tun, als mit der Überzeugung, dass Arendt die Philosophie als der Politik abgewandt erlebt hat und sie sich nur ein Leben vorstellen konnte, in dem der Mensch geradezu gezwungen ist sich mit der Politik zu beschäftigen und Einfluß zu nehmen. Ein berührender, intensiver Roman den ich sehr gerne gelesen habe.

„Arme Wirklichkeit, die abhängig ist von Menschen, die an sie glauben und sie bezeugen.
Das hatte sie in ihrem Rahel-Buch geschrieben. Seither war die Wirklichkeit noch viel ärmer geworden. Unwillkommene Fakten und Argumente wurden immer vehementer geleugnet. Nur wusste sie seit der Kampagne gegen sie und ihr Eichmann-Buch auch, mit welcher Wucht alles zurückkehren konnte.“

Ich danke dem Eichborn-Verlag für das Rezensionsexemplar sowie für den schönen Zoom-Abend mit der Autorin, der zurecht große Lust auf den Roman machte. Ich hoffe Frau Keller ist bald wieder in Schreibstimmung, ich könnte mir noch so manche in Romanform erscheinende Biografie von ihr vorstellen.

Wer jetzt noch mehr Lust auf Hannah Arendt hat, der findet hier einen Beitrag zum Buch aus der Reihe „The Last Interview“ und hier einen Beitrag zu ihrem Essay „Die Freiheit, frei zu sein„. Immer wieder ans Herz legen möchte ich allen die es noch nicht kennen, oder als Einladung es nochmal anzusehen, ihr berühmtes Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1964:

Hard Land – Benedict Wells

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Ein cooler nostalgischer Trip zurück in die 80er samt Playlist und ich war kurz davor, mit der Liste an Filmen, die ich jetzt (wieder)sehen möchte in die nächste Videothek zu rennen. Die Lektüre war für mich das perfekte Buch gegen den Corona-Blues.

In diesem Sommer 1985 wird alles anders, als es zuvor je war. Es ist der Sommer seines Lebens. Der Sommer 1985, in dem er 16 wird, Freunde findet, über sich hinaus wächst und in dem seine Mutter stirbt.

Vermutlich hatte fast jeder von uns so einen prägenden Sommer in unserer Jugend, in dem ein großer Grundstein gelegt wurde, der uns zu dem Menschen machte, der wir später einmal wurden. Es ist gleichzeitig die schönste und die schrecklichste Zeit, weil man permanent auf diesem schmalen Grat herumeiert – noch nicht richtig erwachsen, aber auch längst kein Kind mehr. Wo man zum ersten Mal die ganz großen Gefühle erlebt, die den ohnehin schon hormonell durchgewirbelten jugendlichen Körper vollends ins Chaos stürzen. Verliebt sein, unsicher sein ob die Liebe erwidert wird oder auch nicht und fast alles passiert zum ersten Mal.

Benedict Wells neuer Roman Hard Land spielt in der fiktiven Kleinstadt Grady in Missouri und erzählt von all diesen ersten Malen, davon wie es ist, in den 1980ern jung zu sein, von Freundschaft, der ersten Liebe, von Trauer, Mut und Familie. Von Shopping Malls, kleinen Kinos, ersten Küssen, Begegnungen mit Alkohol und Drogen und die ersten Abstürze und Ernüchterungen, die zwangsläufig darauf folgen.

„Der Mercury raste durch die Kleinstadt, der Wind wehte uns ins Gesicht, wieder kam der Refrain, wieder grölten wir alle auf der Ladefläche mit, und ich ahnte: Egal, was kam, dieser Moment würde bleiben.“

Sam entwickelt sich in diesem Sommer von einem schüchternen Mathe-Nerd, der aufgrund seiner Ängste schon als Kind beim Psychologen war, zu einem Jungen, der sich mit Marty McFly identifiziert und dazu neigt, selbst in den schönsten Momenten an das Schlimmste zu denken, was gleich passieren könnte.

Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn Sam hat es alles andere als leicht. Seine Mutter leidet nach einer Gehirntumor OP noch immer an den Folgen und die drohende Rückkehr des Tumors überschattet seinen Alltag. Zudem ist sein Vater schon länger arbeitslos, das Geld fehlt hinten und vorne. Da würde wohl jeder langsam den Optimismus verlieren bzw. von Ängsten gequält werden. Eigentlich planen die Eltern, ihn über die Sommermonate zu den Cousins nach Kansas zu schicken, um ihm zu helfen, Freunde zu finden und einen normalen Sommer zu verleben, doch das möchte Sam auf gar keinen Fall. Stattdessen heuert es als Aushilfe über den Sommer im Kino an und freundet sich dort mit der Tochter des Kinobesitzers Kirstie an, seiner heimlichen Flamme, mit Cameron und dem Supersportler „Hightower“ Brandon. In den dreien findet er zum ersten Mal im Leben eine richtige Clique, mit denen er Nacht für Nacht auf dem Dach des Kinos hockt, über Filme und die Zukunft spricht und versucht, mit dem emotionalen Rollercoaster seines Lebens fertig zu werden.

„Hard Land“ ist eine wunderbare Coming of Age Geschichte, die dem Genre vielleicht keine unfassbar neuen Erkenntnisse beschert, aber geht es nicht immer und für jeden Jugendlichen stets um Liebe, Freundschaft, Verlust und darum, die Kunst des Lebens zu lernen, sowie die Fähigkeit zu erkennen, dass Schwierigkeiten und Hindernisse der eigentliche Lebensweg sind und die wunderbaren Glücksmomente, die goldenen Ausnahmen zwischendrin?

„Hightower nickte. Und dann sagte er, dass ihn der Sport gerettet habe und ich mir etwas suchen solle, wo ich „Dampf ablassen“ könne. Aber dass das alles nichts Schlimmes sei. Es habe bisher kein Spiel und keine Prüfung gegeben, wo ihm die Wut nicht genützt habe. Denn die anderen Leute würden irgendwann aufgeben. Doch die Wütenden würden nie nachlassen. Und darüber dachte ich nach.“

Benedict Wells hat mich auch auf einen emotionalen Rollercoaster geschickt. Ich habe während der Lektüre definitiv in den 80ern gelebt, musste unbedingt „Zurück in die Zukunft“ wiedersehen, der Breakfast Club folgt die Tage und die Playlist im Nachwort läuft in Dauerschleife.

Eine melancholische, aber sonnig warme Hommage an die 80er und mein perfekter Impfstoff für die anstrengenden Corona-Tage.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und hier geht es zur Playlist.

Kim Jiyoung, geboren 1982 – Cho Nam-Joo

Kim Jiyoung, Geboren 1982 ist ein ungewöhnliches Buch und ich kann schon jetzt sehen, dass es nicht für jeden etwas ist. Es ist eine seltsame Kombination aus Fiktion und Fakten, einschließlich Fußnoten, die sich auf tatsächliche Daten über Frauen am Arbeitsplatz, Hausfrauen, das Hoju-System und Abtreibung beziehen. Was es für mich wirklich ist, ist die Verfilmung einer wahren Geschichte; die wahre Geschichte der Ungleichheit der Geschlechter in Korea.

Es beginnt sehr merkwürdig, nicht unähnlich Han Kangs Der Vegetarier, mit einem Mann, der seine Frau Kim Jiyoung dabei beobachtet, wie sie ein sehr ungewöhnliches Verhalten an den Tag legt. Manchmal redet sie, als wäre sie jemand anderes, oder macht unpassende Kommentare, während sie ihre Familie besuchen. Woher kommt das? Früher hat sie sich nie so verhalten – was ist mit ihr passiert?

Dann gehen wir in der Zeit zurück und folgen Jiyoung durch die Geschichte ihres Lebens. Wir sehen, wie sie alles daran setzt, eine berufstätige Frau mit eigenem Einkommen zu werden. Wir sehen, wie sie mit einer Herausforderung nach der anderen konfrontiert wird; Ablehnung folgt Ablehnung. Wir sehen, wie sie in Angst vor räuberischen Jungs und aufdringlichen Lehrern lebt. Wir sehen, wie Föten abgetrieben werden, weil sie das falsche Geschlecht haben, und wie der Körper einer Frau zum Thema von Bewerbungsgesprächen wird.


Jiyoung ist damit aufgewachsen, dass ihr gesagt wurde, sie solle vorsichtig sein, sich konservativ kleiden und „ladylike“ sein. Dass es dein Job ist, gefährliche Orte, Tageszeiten und Menschen zu meiden. Es ist deine Schuld, wenn du es nicht bemerkst und nicht vermeidest.

Ich weiß nicht, ob manche Leute dieses Buch lesen können und nicht wütend sind, aber ich war wütend. Ich hatte das Gefühl, dass ich fast sichtbar zitterte, während ich über Kim Jiyoung und die Frauen um sie herum las. Lesen Sie dieses Buch nicht, wenn Sie auf der Suche nach einer leichten Wohlfühllektüre sind.

Es sind so viele interessante Themen in dieses winzige Buch gepackt. Ein weiterer Aspekt, der mir gefallen hat, war die Darstellung von Kim Jiyoungs Mutter. Es muss so schwer gewesen sein, eine Mutter in dieser Zwischenzeit zu sein. In einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der Frauen keine Wahlmöglichkeiten oder Chancen hatten, und zu versuchen, Töchter in einer Welt aufzuziehen, in der sie zwar einige Wahlmöglichkeiten haben, aber Vorurteile und geschlechtsspezifischer Missbrauch sie immer noch zurückhalten. Drängen Sie sie zum Besseren? Oder setzen Sie realistische Erwartungen?

Ich glaube, das Einzige, was ich nicht mochte, war, wie seltsam das Buch am Anfang und dann wieder am Ende ist. Es könnte einfach ein kultureller Stil sein, den ich nicht wirklich „verstehe“, aber ich finde, dass es ein fantastisches Porträt des Lebens einer Frau ist und die Situation war auch ohne Jiyoungs bizarren Zusammenbruch mehr als sympathisch genug.

Trotzdem sollte man es unbedingt lesen, wenn man mehr Geschichten darüber ertragen kann, wie ungerecht diese Welt für Frauen war und oft immer noch ist.

Erste Person Singular – Haruki Murakami

Murakami lesen ist immer irgendwie so: Buch auspacken, frischen Buchduft inhalieren, überall offline gehen, mit Buch in die Leseecke und mit jeder Seite, in die man tiefer in die Geschichte(n) eintaucht, merkt man, wie der Puls langsamer wird, wie der Blutdruck sich senkt und man sich wie nach langer Abwesenheit umgehend wieder wie zu Hause fühlt.

Das Buch enthält acht Kurzgeschichten, von denen ich eine bereits kannte, da sie vorab im New Yorker erschienen war. Es gibt wieder Frauen, die verschwinden, eine fiktive Bossa-Nova-Platte von Charlie Parker, sprechende Affen und einen Mann auf Sinnsuche.

Die Ich-Erzähler der acht Geschichten in „Erste Person Singular“ sind klassische Murakami-Erzähler, die uns in eine Welt aus nostalgischen Jugend- und Musikerinnerungen, vergangene Beziehungen und dem typischen reduzierten Mix aus Literatur, Musik und Philosophie entführen. Die Geschichten sind melancholisch, klug und einzig mit der Baseball Geschichte konnte ich wenig anfangen. Wie immer tänzelt Murakami geschickt auf der Grenze zwischen Fiktion und Realität, verschiebt Welten, lässt den Alltag rätselhaft und skurril erscheinen und oft fällt es mir schwer, in den jungen Protagonisten nicht den früheren Murakami zu sehen.

„Denk nach, sagte der alte Mann. Mach die Augen zu und denk noch mal gründlich nach. Denk an einen Kreis, der viele Mittelpunkte und keine Begrenzung hat. Wozu hast Du Deinen Verstand? Er ist dazu da, dir unverständliche Dinge verständlich zu machen. Du darfst nicht faul und nachlässig sein. Jetzt ist der entscheidende Zeitpunkt, an dem sich dein Herz und dein Hirn entwickeln“

Für mich kamen diese Kurzgeschichten gerade zur rechten Zeit. Das Arbeiten von zu Hause stört mich weniger, aber die unendlichen Stunden von anstrengenden Videocalls am Tag, sich noch immer in den Job hineinfinden müssen, der auch nach neun Monaten häufig noch mit unbekannten Prozessen, Netzwerken, Fragestellungen oder Programmen aufwartet und einem grundsätzlich hohen Tempo, was Deadlines und Termine angeht, hat eine ständige Unruhe in mir verursacht. Neben Yoga und Meditation ist Murakami stets das beste Mittel um mich zu ruhiger werden zu lassen, dem Hirn etwas Ruhe zu geben und mir erlaubt, mich vor der Realität ins atmosphärische Murakami-Land zu flüchten.

Bin nach wie vor für Murakami auf Rezept, aber auf mich hört ja keiner…

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar.

Passing – Nella Larsen

Der 1929 erschienene Roman „Passing“ von Nella Larsen ist eine teil-autobiografische Novelle, in der eine junge Frau, deren Hautfarbe hell genug ist, beschließt, ihr Leben tatsächlich als Weiße zu leben. Darauf bezieht sich der Titel, da dieser Vorgang als „Passing“ bezeichnet wurde.

Larsens Roman Passing beginnt damit, dass Irene nach ihrer zufälligen Begegnung mit ihrer früheren Jugendfreundin Clare im Drayton Hotel einen mysteriösen Brief von ihr erhält, nachdem sie zwölf Jahre lang keinen Kontakt miteinander hatten. Irene und Clare verloren den Kontakt zueinander, nach dem Claire in Folge des Todes ihres Vaters zu ihren weißen Tanten geschickt wurde. Sowohl Irene als auch Clare sind von gemischter afrikanisch-europäischer Abstammung und von so heller Hautfarbe, dass es ihnen möglich ist, als „weiß“ durchzugehen.

“It’s funny about ‘passing.’ We disapprove of it and at the same time condone it. It excites our contempt and yet we rather admire it. We shy away from it with an odd kind of revulsion, but we protect it.”

Clare entschied sich, diesen Schritt tatsächlich zu gehen und als „Weiße“ einen gut situierten Banker zu heiraten, der als Rassist beschrieben wird. Im Gegensatz zu Clare gibt sich Irene nur gelegentlich als Weiße aus, um sich in einigen segregierten Räumen zurechtzufinden. Irene identifiziert sich als schwarze Frau und heiratete einen afro-amerikanischen Arzt namens Brian, mit dem sie zwei Söhne hat. Nachdem Irene und Clare wieder zueinander gefunden haben, sind sie fasziniert von den Unterschieden in ihrem jeweiligen Leben. Eines Tages trifft sich Irene mit Clare und einer weiteren afroamerikanischen Freundin aus ihrer Kindheit. Als Clares Mann am Abend nach Hause kommt, begrüßt er seine Frau mit einem rassistischen Witz, der Irene vermuten lässt, dass er keine Ahnung hat, dass seine Frau keine „echte“ Weiße ist.

“I’m not such an idiot that I don’t realize that if a man calls me a nigger it’s his fault the first time, but mine if he has the opportunity to do it again.”

Irene ist empört darüber, dass Clare vor ihrem Mann nicht zu ihrer Abstammung steht und ihm davon erzählt hat. Irene glaubt, dass Clare sich damit in eine gefährliche Situation gebracht hat, indem sie mit einem Menschen verheiratet ist, der Schwarze hasst. Irene will daraufhin nichts mehr mit Clare zu tun haben, bleibt aber weiterhin mit ihr in Kontakt. Clare beginnt, Irene und Brian zu ihren Veranstaltungen in Harlem zu begleiten, während ihr Mann verreist ist. Mehr und mehr spürt sie, wie sehr ihr das eigene Umfeld gefehlt hat und auch die Freundschaft der beiden Frauen wird insbesondere Irene immer wichtiger.

Der Roman spielt mit der Dualität der Figuren von Irene und Clare, die einen ähnlichen Hintergrund haben, aber ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben. Der Roman suggeriert auch eine tiefe Anziehung zwischen beiden mit leicht erotische Untertönen. Es wirkt, als ob die Figuren sowohl in ihren sexuellen als auch in ihren sozialen Identitäten fließen würden – ein weiteres Wortspiel auf das titelgebende Passing.

“She wished to find out about this hazardous business of “passing,” this breaking away from all that was familiar and friendly to take one’s chance in another environment, not entirely strange, perhaps, but certainly not entirely friendly.”

Nellallitea „Nella“ Larsen, geboren als Nellie Walker (13. April 1895 – 30. März 1964), war eine amerikanische Schriftstellerin mit amerikanischer Mutter und dänischem Vater und Teil der Harlem Renaissance Bewegung. Sie arbeitete als Krankenschwester und Bibliothekarin und veröffentlichte zwei Romane, Quicksand (1928) und Passing (1929), sowie einige Kurzgeschichten. Wie ihre Protagonistinnen im Roman hätte auch sie als Weiße „durchgehen können“.

Ihre Werke waren Gegenstand zahlreicher akademischer Studien und sie wird heute weithin als führende Romanautorin der Harlem Renaissance sowie als eine wichtige Figur der amerikanischen Moderne gesehen.

Passing ist ein starkes Stück Literatur für ein derart schmales Büchlein, das den Leser mit widersprüchlichen komplexen Charakteren konfrontiert, die versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und versuchen sich mit Blick auf Rassenfragen ihre eigene Meinung zu erarbeiten.

Passing gehört meines Erachtens zurecht an vielen amerikanischen Universitäten zum Literaturkanon.

Ich hoffe, ich konnte auch euch Lust auf diese Novelle bzw. das Werk dieser Autorin machen, die in Deutschland noch viel zu unbekannt ist.

Dystopisch-Gruselige D(r)amen

Es ist kalt geworden in Berlin und in der Gesellschaft. Ein dystopischer Blick in eine Zukunft, die sich von unserer Gegenwart nur wenig unterscheidet. Die laute Propaganda einer faschistischen Partei, nicht unähnlich den Krakeelern der rechten Partei, mit der wir uns rumschlagen müssen, sondern die die Politik des ganzen Landes beherrscht. Mittendrin taumeln drei verlorene Menschen durch die Welt, die irgendwann anfangen, Fragen zu stellen.

Die Atmosphäre des Buches ist bedrückend und beängstigend. Burschi, Charlie und Charlotte fangen an Dinge, die sie anfangs einfach hingenommen haben, zu hinterfragen. Sie stellen mehr und mehr in Frage.

„Stück für Stück ergibt Sinn, was mir immer wie ein beinahe obszön chaotisches Strudeln und Schlingern erschienen ist: mein Leben eben. Ich hatte mich redlich darum bemüht, es irgendwie im Griff zu behalten, aussichtslos.“

Da ist Burschi, die Johanna liebt, gegen alle Widerstände, auch wenn sie dabei den starken Arm eines Staates zu spüren bekommt, der Anderssein nicht mehr duldet. Die für ihre Beziehung kämpft, auch wenn ihr die Angst im Nacken sitzt. Dann ist da Charlie, der in anarchischen Musikkreisen zwischen Joints und lauten Beats ein Praktikum macht, seine ganz eigene Weise hat, der allgegenwärtigen Überwachung zu entkommen und noch mit seiner Mutter zusammenwohnt, die ursprünglich in esoterischen Kreisen verkehrte und in diesem Regime zur Scharfschützin ausgebildet wurde. Charlotte beginnt ebenfalls, in ihrer Loyalität wankelmütig zu werden und droht dabei fast den Verstand zu verlieren.

„Ich streiche über seinen Ring und sage, Stimmt, ich bin vollkommen gaga. Trotzdem habe ich einen Sicherheitsdienst mit aufgebaut. Das sage ich stolz. Urs lacht, er findet das witzig, und seine Laune wechselt von finster über fidel zu hoppsfallera, als der Kellner ihm seinen Kaffee schließlich doch noch serviert. Ich arbeite wirklich bei der Bürgerwehr, ich bin Scharfschützin, das glaubt er mir endgültig nicht. Und womit schießt du, mit Keramikküken? Urs zieht groteske Grimassen und ahmt nach, wie ich seiner Vorstellung nach ein Gewehr halte und ziele.

Laura Lichtblau entwirft mit ihrem Debütroman „Schwarzpulver“ eine urbane erschreckend realistische Dystopie mit wunderschöner poetischer Sprache, die ich sehr gerne gelesen habe. Ein Buch das es wert ist langsam und konzentriert gelesen zu werden.

Schwarzpulver von Laura Lichtblau erschienen im C. H. Beck Verlag.

Ein mysteriöser Virus hat die Tierwelt bis an den Rand des Massensterbens ausgerottet. Da es keine Fleischquelle mehr gibt, hat sich die Menschheit dem Kannibalismus zugewandt, um ihren unaufhörlichen Hunger nach Fleisch zu befriedigen. Menschen werden nun domestiziert, in Massen produziert, geschlachtet und als „Spezialfleisch“ verkauft. Eingelegte Finger, gegrillte Rippchen, gebratene Zunge, serviert auf Kimchi und Kartoffelsalat, alles schön gewürzt mit Kräutern und Gewürzen.

Bazterrica zeigt uns eine Welt, in der der Kannibalismus regiert, der jetzt „Transition“ genannt und mit sprachlichen Euphemismen überdeckt wird, um ihn der Gesellschaft äh, schmackhaft zu machen.

„Auf dem Weg zur Innereienabteilung kommen sie am Zerlegerau vorbei. Die Schiene durchläuft alle Räume und befördert die Kadaver von einer Station zur nächsten. Durch die länglichen Fenster können sie beobachten, wie dem Weibchen, das Sergio betäubt hat, Kopf, Arme und Beine abgesägt werden“

Marcos, ein Mann, der in einer fleischverarbeitenden Fabrik arbeitet, findet sich plötzlich mit einem kostspieligen Luxusgeschenk wieder: ein speziell gezüchteter Mensch erstklassiger Qualität. Ein Geschenk, das ihn auf vielfältige Weise in diverse Dilemma stürzt und zum Nachdenken bringt. Er, der selbst ursprünglich mal auf dem Schlachthof seines Vaters das Handwerk des Schlachters (von Tieren) gelernt hat, kann schon seit einiger Zeit kein Fleisch mehr essen. Sein Job widert ihn mehr und mehr an und er versucht, einen Ausweg aus seiner schrecklichen, trostlosen, hoffnungslosen, dunklen Arbeitswelt zu finden.

Bei diesem Buch wurde mir beim Lesen teilweise wirklich schlecht. Das Buch ist natürlich ein Protest gegen die Massentierhaltung, aber man würde dem Buch unrecht tun, wenn man es auf eine Kritik an Fleischindustrie und Massentierhaltung verkürzen würde. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was wir billigend in Kauf nehmen, um unseren Fleischgenuss zu befriedigen.

Agustina Bazterricas Roman ist wahrscheinlich das verstörendste, was ich je gelesen habe, aber die Lektüre lohnt sich wirklich, sie traf mit der Veröffentlichung ihres Romans einen neuralgischen Punkt der argentinischen Kultur. Nach wochenlanger Platzierung auf der Bestsellerliste und der Verleihung des Premio Clarín, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, gilt sie als eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.

Traut Euch und lest dieses Buch!

Wie die Schweine von Agustina Bazterrica erschienen im Suhrkamp Verlag übersetzt von Matthias Strobel.

Die Geschichte ist simpel, aber durchaus interessant. Wir befinden uns im Jahr 1933, als der Protagonist der Geschichte, Freddie, einen ganz besonderen Buchhändler besucht. Seine Unterhaltung mit dem Buchhändler geht zunächst ins Jahr 1928 zurück, in dem Freddie die französischen Pyrenäen besucht, um dort auf andere Gedanken zu kommen, sich von seiner Depression – ausgelöst durch den Tod seines Bruders während des 1. Weltkriegs – zu erholen. Von seinen Gastgebern im Gasthof eingeladen, beschließt er, dem Fest von St. Etienne beizuwohnen, einem Fest, das für die Bewohner des Dorfes eine besondere Bedeutung hat. Er trifft dort auf eine verführerische junge Frau, mit der er sich Stunden lang unterhält und nach einem seltsamen Überfall auf die festliche Runde die Nacht verbringt.

Mosse stellt in ihrem Roman einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der den Tod seines Bruders nicht überwinden kann und sich auch Jahre später noch traumatisiert zurückgelassen und einsam fühlt. Solche starken Emotionen werden sonst eher weiblichen Charakteren zugeschrieben, es war eine willkommene Abwechslung, es hier einmal andersherum zu erleben. Freddie ist ein sehr einnehmender, sympathischer Charakter. Er ist ein Träumer, der mit der Realität und den Ansprüchen seiner Eltern nicht zu Rande kommt.

“The dead leave their shadows, an echo of the space within which once they lived. They haunt us, never fading or growing older as we do. The loss we grieve is not just their futures but our own.”

Der Roman beschäftigt sich mit der Frage was passiert, wenn wir mit einem vorzeitigen, tragischen Tod konfrontiert werden? Wie lernen wir damit zu leben? Wie gehen wir damit um, wenn die Schatten der Toten den Lebenden die Kraft nehmen weiterzuleben? Wie in ihrem berühmten Roman „Labyrinth“ kehrt Mosse wieder nach Frankreich und den Katharern zurück.

Die Autorin macht Lust auf eine Reise ins verschneite Südfrankreich, auf geheimnisvolle Höhlen und tragische Karthager. Die Stimmung war wohlig mysteriös, wenn auch nicht wirklich gruselig. Eine leichte Lektüre, perfekt für einen verschneiten Sonntagnachmittag.

Winter Ghosts erschien auf deutsch unter dem Titel Wintergeister im Droemer Knaur Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust machen auf zwei herausfordernde Dystopien und einen gemütlichen Gruselschinken. Habt ihr noch Empfehlungen für gute Dystopien oder spannenden Grusel?

Polarexpedition – Teil II

Ich hoffe, alle sind aufgewärmt und bereit für die finale Etappe unserer Polarexpedition. Pünktlich zum Ende der Expedition hat es auch ordentlich geschneit in München und so für echtes Polarfeeling gesorgt.

Wir starten unsere Reise heute mit einem Buch über den Hjalmar Johansen, den stets im Schatten stehenden Begleiter berühmter Polarforscher wie Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen.


Die Geschichte von Nansens und Johansens Reise an den Rand des Pols ist spannend wie ein Krimi. Vielleicht, weil es um etwas so Grundlegendes wie das Überleben geht. Mensch gegen Natur. Der Kampf des Menschen gegen sich selbst. Hjalmar Johansen hat es verdient, aus dem Schatten von Nansen und Amundsen herauszukommen. Johansen hatte seine Schwächen, aber er hatte die Behandlung von Amundsen nach der Südpol-Expedition nicht verdient.

Amundsen wollte sein Gesicht wahren und konnte nicht riskieren, dass seine fragwürdigen Entscheidungen nach der Expedition in Frage gestellt wurden. Er beschuldigte Johansen der Meuterei und sorgte damit für dessen unaufhaltsamen Niedergang.

Hjalmar Johansen teilte Rückschläge, Entbehrungen und Gefahren mit Amundsen und Nansen. Mit letzterem überwinterte er neun Monate in einer Hütte am Nordpol und rettete auf der Südpolexpedition gar einen Kameraden vor dem Tod. Doch all das zählte nichts mehr, auf ewig sollte ihm die nachgesagte Meuterei nachhängen.

Das Buch ist eine gelungenen Mischung aus Biografie und Abenteuerroman, in dem Johansens Leben und Schicksal erzählt wird. Spannend und traurig zugleich.

Nach der zum Ende hin doch recht deprimierenden Lektüre wurde mir beim Einblick des 580 Seiten Wälzers von Hampton Sides doch etwas mulmig. Würde ich noch mal soviel Geduld aufbringen, mich über Tage in ein weiteres Polar-Abenteuer zu stürzen?

Erfreulicherweise hat Hampton Sides es mir einigermaßen einfach gemacht. Das Buch liest sich leicht und flüssig und es dauert auch einige Hundert Seiten, bis die eigentliche Polarfahrt beginnt. Ein Umstand, der andere vielleicht stört, ich fand die interessanten Erzählungen rund um die eigentliche Geschichte ganz interesant.

„Die Polarfahrt“ erzählt die wahre Geschichte der Polarexpedition der U.S.S. Jeanette aus dem Jahr 1897. Die Expedition wurde von der U.S. Navy geleitet, aber von dem wohlhabenden, unkonventionellen James Gordon Bennett Jr. finanziert, dem der New York Herald gehörte. Bennett war es, der seinerzeit Stanley ausgesandt hatte, um Livingstone zu finden, ein Zeitungsmann, der zu den Mitbegründern des Sensationsjournalismus zählen kann.

Die Expedition stach von San Francisco aus unter dem Kommando von Lieutenant Commander George De Long in See, der bereits seinen Mut und seine Geschicklichkeit auf den Eisschollen der Arktis bewiesen hatte. Das Schiff kam nicht weit, bevor es nordöstlich der Wrangel-Insel im Packeis festsaß.

Fast zwei Jahre lang driftete die Jeanette dann in nordwestlicher Richtung. Das Schiff war für das Eis konstruiert, gut ausgerüstet und die Männer meisterten die Situation mit bemerkenswerter Souveränität. Die größte Prüfung, der sie in dieser Zeit ausgesetzt waren, waren Irritation und Genervtheit untereinander.

Dann, am 12. Juni 1881, wurde die Jeanette vom unerbittlichen Druck des Eises zerdrückt und sie sank auf den Meeresgrund. Alle 33 Besatzungsmitglieder überlebten den Untergang. Es gelang ihnen auch, einen ordentlichen Vorrat an Proviant und drei kleine Boote zu bergen. Nun begann das eigentliche unerbittliche Abenteuer. Eine Reise von Hunderten von Meilen über ein zugefrorenes Meer, durch ein endloses Eislabyrinth. Sie überwanden Hunger und Stürme, Blindheit und Verzweiflung. Einer hatte sogar eine fortschreitende Syphilis, was wahrscheinlich schon auf dem Festland und in der Zivilisation schlimm genug ist, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man es aushält, wenn man damit in einer Eiswüste unterwegs ist. Die meisten schafften es nie wieder nach Hause.

Sides erzählt diese Geschichte überaus spannend. Das fängt schon bei seinen Charakterisierungen an, die meiner Erachtens tiefgründig und rund sind. Zum Beispiel Bennett, dem Organisator der Expedition. Das Wort Exzentriker wird ihm nicht wirklich gerecht, er ist ein Mann, der einen Fake-Artikel brachte über Tiere, die aus dem Zoo entkommen und Amok laufen, der seine Verlobte loswurde, weil er in ihren Flügel urinierte. Oder auch August Petermann, der ziemlich seltsame deutsche Kartograph, der glaubte, dass warme Meeresströmungen für ein offenes Polarmeer sorgen, der endlose Vorträge hielt und Schriften veröffentlichte zum Thema Polarexpeditionen, ohne jemals groß aus Deutschland herausgekommen zu sein (außer einem kurzen Ausflug zur Weltausstellung nach Chicago) und nicht zuletzt Emily De Long, die Frau des Kommandanten, die zahllose ergreifende Briefe schrieb, ohne einen sicheren Bestimmungsort zu haben, an den sie geschickt werden konnten. Eine sehr intelligente interessante Frau, die ihren Mann immens unterstützte.

USS Jeanette

Die Besatzung der Jeanette kommt einem nach über 500 Seiten vor wie alte Kumpel. Da ist Melville, der Chefingenieur, eine Art MacGyver des 19. Jahrhunderts; Nindemann, der herzliche Quartiermeister oder Jerome Collins, ein Meteorologe, Herald-Korrespondent und Meister des Wortspiels. Das ruhige Zentrum dieses Sturms ist jedoch Commander De Long. Auf Fotos wirkt er nicht unbedingt imposant; eher gelehrt und intellektuell, aber er war unfassbar mutig und zäh wie die Hölle.

Die Schilderung des Lebens an Bord, nachdem sich die Jeanette im Eis verkeilt hat, ist wirklich faszinierend. Tage, Monate, Jahre vergingen und die Männer blieben an Ort und Stelle, jagten, machten wissenschaftliche Messungen, trainierten, feierten Urlaub und bewegten sich langsam wie im Rhythmus des Meeres. Der Treck der Besatzung nach dem Untergang der Jeanette wird in quälenden Details erzählt. Man ist hautnah dabei, wie ihre Überlebenschancen schwinden.

Es hilft, dass Sides eine gute historische Grundlage hat, mit der er arbeiten kann. Als die Franklin-Expedition verschwand, gab es keine Überlebenden, die die Geschichte erzählen konnten, und nur wenige Beweise. Hier überlebten ein paar Männer, die erklären konnten, was genau passiert war. Bücher wurden von den Überlebenden geschrieben und der Kapitän De Long hatte ganz außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um die Logbücher und Tagebücher der Expedition zu retten – selbst in Kauf nehmend, dass es seine Rettung behindern könnte. Daher gab es eine Fülle von Augenzeugenberichten, die dieser Geschichte große Tiefe verleihen.

De Longs Mission hat etwas fast Perverses an sich. Sie segelten nach Norden, wohl wissend, dass sie im Eis stecken bleiben würden, aber sie taten es trotzdem, auf der Suche nach einer Chimäre, einem von Eis umgebenen Warmwasser-Ozean. Der Drang, unbedingt auch etwas Großes zu leisten, die Panik, dass fast jede Ecke der Welt schon entdeckt, der amerikanische Bürgerkrieg beendet und Männer wie De Long Sorge haben, mit ihren tapferen Vätern und älteren Brüdern nicht mithalten zu können.

Die Jeanette-Expedition widerlegte die Idee des Warmwasser-Ozeans, kartographierte einige Inseln, aber nichts von dem, was sie taten oder entdeckten, war es wert, dafür sein Leben zu lassen.

Nach diesen zwei eher deprimierenden, wenn auch spannenden Büchern über vergangene Polarexpeditionen, hoffte ich bei meinem letzten Abenteuer, dem einzigen Roman in meiner Sammlung, auf etwas mehr Leichtigkeit.

Zwei Antarktis-Expeditionen, die ein Jahrhundert auseinander liegen. Die erste, die in einer Katastrophe endete, ist der Stoff, aus dem Legenden und Jokes unter einer Gruppe moderner Forscher sind, die auf der Aegeus, einer fiktiven Antarktisbasis, stationiert sind.

Im Jahr 1913 brechen drei Männer in einem Beiboot vom Hauptschiff aus auf, um die Insel Everland zu erforschen: der hartgesottene, berechnende Erste Offizier Napps, der geradlinige, furchtlose Millet-Bass und der zarte Dinners, der so unbedarft ist wie ein frischgeschlüpfter Welpe. Ein Sturm lässt sie auf der Insel stranden, und nur Dinners wird Wochen später lebend gefunden, als die Rettungsmannschaft sie endlich erreichen kann. Napps‘ Tagebücher überleben, aber die Wahrheit, die sie enthüllen, ist umstritten. Was wirklich auf der Everland-Expedition geschah, bleibt auf der Insel und wird erst 100 Jahre später teilweise ans Licht kommen.

Einhundert Jahre später brechen drei weitere Abenteurer zu einer Jubiläumsexpedition nach Everland auf: Decker, der auf seiner letzten Antarktis-Reise ist; er ist müde, aber unbestreitbar der Anführer. Dann ist da Jess, eine zähe, super kompetente Feldassistentin und Brix, eine Forscherin, die zu Ungeschicklichkeiten neigt.

Der Roman bewegt sich zwischen diesen beiden Expeditionen hin und her und lässt Spannungsbögen entstehen, die das Buch zu einem kalten und verzweifelten Thriller werden lassen. Die körperliche Anstrengung des Überlebens wird anschaulich geschildert und die Qualen der Isolation am eisigen Ende der Welt, wenn man nicht einmal den Menschen wirklich traut, die das eigene Überleben in den Händen halten, wird nervenaufreibend und herzzerreißend von Rebecca Hunt erzählt.

Noch fesselnder sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Expeditionen und wie wenig sich auf Everland in den dazwischen liegenden Jahren verändert hat: Eine Flechte, auf die beide Teams gestoßen sind, ist tausend Jahre alt und wächst in einem Jahrhundert um einen Millimeter, ein Stück Butter behält seine Messerabdrücke über Jahrzehnte hinweg, ein eingefrorener Körper, der nach all den Jahren unheimlich unverändert ist.

Rebecca Hunts Sprache ist spartanisch und unaufgeregt. Ihr schräger Humor und ihre straffen Dialoge passen verleihen der Geschichte einen Hauch von verzweifelter Schönheit. Auch das letzte Buch meiner Polarexpedition stellt sich als hervorragende und spannende Lektüre raus.

So – wir haben es gemeinsam geschafft. Alle Expeditionsmitglieder sind wieder heil zu Hause angekommen. Wer noch immer nicht genug hat, den lade ich ein, meinen kurzen eisigen Trip vom letzten Jahr anzuschauen. Dafür bitte hier entlang.

Ich habe bereits einen tollen Tipp für die nächste Expedition bekommen (The Terror von Dan Simmons), ich sehe mich auch zwischen Ende des Jahres 2021 wieder in eisige Fernen aufbrechen. Wenn euch also sonst noch entsprechende Buchtipps einfallen – gerne her damit.

Polarexpedition – Teil 1

Ein Wunder, dass ich diesen Trip ohne eigene Erfrierungen, Schneeblindheit und Skorbut überstanden habe. Das war eine der intensivsten literarischen Expeditionen, die ich bisher unternommen habe.

Ein Jahr, in dem wir überhaupt nicht reisen konnten, wollte ich zumindest literarisch mit einer einzigartigen Expedition enden lassen und da das heimische Bücherregal gleich 6 Polarbücher vorzuweisen hatte, nutzte ich die ruhige Zeit zum Ende des Jahres, um mich an die eisigen Enden der Welt zu begeben.

Ich hatte mich sehr auf die Bücher gefreut, denn ich muss zugeben, ich habe ein Faible für zermürbende Polarexpeditionen und gelegentlich katastrophale Seereisen des 19. und frühen 20. Jahrhundert. Dachte aber, dass das eine oder andere Buch vielleicht auch etwas zäh werden würde. Ich war dann aber doch überrascht, wie unglaublich gerne ich alle 6 Bücher gelesen habe, die jedes für sich schon geografisch jeweils andere Ecken bereisten, die aber auch zeitlich und vom Kontext her sehr unterschiedlich waren.

Zieht euch warm an, vergesst die Handschuhe nicht – es wird kalt. Den Anfang macht der glücklose Shackleton:

Shackletons erste Erfahrung mit den Polarregionen war als dritter Offizier der Discovery-Expedition von Kapitän Robert Falcon Scott in den Jahren 1901-1904, von der er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig nach Hause geschickt wurde, nachdem er und seine Begleiter Scott und Edward Adrian Wilson einen neuen Südrekord aufgestellt hatten, indem sie bis zum Breitengrad 82°S marschierten.

Im Frühjahr 1912 erreichte die Welt die Nachricht, dass Roald Amundsen den Südpol erobert hatte. Shackleton betitelte seinen neuerlichen Anlauf zum Südpol selbstbewusst mit Imperial Trans-Antarctic Expedition.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Shackleton zwei Schiffe und Besatzungen ausgerüstet, um eine Kontinentaldurchquerung der Antarktis zu versuchen. Er bot an, die Expedition abzubrechen, wurde aber von Winston Churchill angewiesen, sie fortzusetzen. Bekanntermaßen fand die Überquerung nie statt. Was geschah, war ein zunehmend verzweifelter Überlebenskampf der beiden Schiffsbesatzungen auf entgegengesetzten Seiten des polaren Kontinents.

Das Buch besteht größtenteils aus Auszügen aus Shackletons eigenem Tagebuch und den Tagebüchern einiger der anderen Expeditionsmitglieder, die zu einer Erzählung zusammengefügt wurden. Shackleton schildert die Probleme, mit denen seine Seite (die Weddellmeer-Seite) der Expedition konfrontiert war. Sein Schiff, die Endurance, blieb im Januar 1915 im Meereis stecken, wo es langsam über das Weddellmeer trieb, bis es im November desselben Jahres zerschellte und sank. Shackletons Mannschaft kampierte auf dem sich bewegenden Eis bis zum April 1916, als ihre Eisscholle auseinanderbrach und sie in die geborgenen Schiffsboote gezwungen wurden, um eine erschütternde fünftägige Seereise zum trockenen Land von Elephant Island zu unternehmen.

Shackleton war äußerest emphatisch und hatte stets das Leiden seiner Männer vor Augen. Die ständige extreme Kälte und das grausame Wetter, die schlechten Rationen (einschließlich der Zeiten, in denen die Männer nach dem Tod der Hunde mit einem einzigen Keks und einem Becher Kakao pro Tag in Knochenarbeit die Schlitten ziehen mussten), Erfrierungen, Langeweile, Skorbut, Schneeblindheit, Erschöpfung – die Palette der Probleme, die sich den Männern in den Weg stellten, schien fast unüberwindbar und doch hielt Shackleton seine Gruppe irgendwie zusammen, um gemeinsam das Überleben zu sichern.

Teile der Geschichte sind ganz unfassbar britisch:

„Die Endurance ist gesunken, aber wir haben den Wimpel des Royal Yacht Club gerettet.“

Symbole sind wichtig – insbesondere, als sie nach dem Untergang fast ihr gesamtes persönliches Hab und Gut wegwerfen mussten, wusste Shackleton, wie wichtig es war, zumindest einige wenige Gegenstände zu behalten, wie z.B. den Wimpel, eine Enzyklopädie, die Pfeifen der Männer, um ein winziges Maß an Normalität für die dunklen Tage zu haben, die vor ihnen lagen.

Als im Lager auf Elephant Island irgendwie keine Hoffnung mehr aufkommen wollte und einige der Männer ihrem geschwächten Zustand und den Depressionen erlagen, ließen Shackleton und eine freiwillige Mannschaft das Schiff, die James Caird, zu Wasser. Mit diesem Schiff – nur wenig größer als eine Segeljolle – segelten sie 800 Meilen nach Südgeorgien, wo sie dank der hervorragenden Navigationskenntnisse des Endurance-Kapitäns Frank Worsely ankamen. Allein diese Reise durch den eisigen, sturmgepeitschten, bergigen Südozean würde für eine heldenhafte Überlebensgeschichte reichen – doch nach der Landung auf der falschen Seite von Südgeorgien müssen die Männer auch noch einen langen und gefährlichen Marsch unternehmen, um die Walfangstation zu erreichen und endlich Hilfe zu bekommen.

Die Bedingungen, denen sich die Besatzung der Aurora auf der anderen Seite des Kontinents im Rossmeer ausgesetzt sah, waren nicht weniger unglaublich. Die Besatzung folgte hier den Spuren von Kapitän Scott und legte Lebensmittel- und Treibstoffdepots an, die Shackletons Gruppe bei der Überquerung des Kontinents finden sollte. Die Aurora wurde aus ihrer Verankerung gerissen und trieb schwer beschädigt, bis die Besatzung sie nach Neuseeland brachte. Während Shackleton die Rettung für die Mannschaft auf Elephant Island organisierte, organisierte die Besatzung der Aurora eine Rettung für ihre Kameraden auf dem Eis nahe Ross Island.

„Mit der Endurance ins ewige Eis“ ist eine großartige Geschichte über den Überlebenswillen, darüber, was Menschen aushalten können, wenn sie mit Extremen konfrontiert werden, wenn es viel einfacher gewesen wäre, sich einfach hinzulegen und aufzugeben, als weiterzukämpfen, Tag für Tag, Monat für Monat entstanden. Das Buch ist eine sehr inspirierende Lektüre, nur das Nachwort deprimiert, denn nachdem sie gerettet wurden, meldete sich fast jeder aus der Mannschaft direkt zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg…

Nach dieser tragischen Geschichte, ging es dann glücklicherweise etwas weniger dramatisch aber dennoch spannend mit der großartigen Christiane Ritter weiter, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz den Konventionen widersetzte, jedes Risiko ignorierte und ihrem Mann zu einer Expedition nach Svalbard folgte, mitten ins Herz der Arktis.

Christiane Ritter, eine österreichische Malerin, die im Jahr 2000 im Alter von 103 Jahren starb, fuhr 1934 nach Norwegen und fand ein Land von immenser Schönheit, still und ursprünglich. Ihr Bericht über das Jahr, das sie in Svalbard verbrachte, ist eine wunderschöne Hommage an die ganz besondere Landschaft der Arktis.

“Der Konflikt zwischen dem schwächer werdenden Licht des Tages und dem triumphierenden Licht des Mondes schafft verwirrende Kontraste in der sehr klaren, gewaltsam kahlen Landschaft. Immer wenn sich der Himmel aufhellt, entstehen neue Szenen.“

Ihre Beschreibungen, wie zum Beispiel zu den Vorbereitungen für den Winter, der Jagd, der ihr bis dahin völlig unbekannten Tiere, der Pracht der Fjorde, sind faszinierend, aber nichts ist vergleichbar mit den Kapiteln, die der „Fortvilelse“, der Polarnacht gewidmet sind, dem Zauber, der verwirrenden und bedrohlichen Herrlichkeit der Nacht, die niemals endet. Sie beschreibt den letzten Moment vor dem Sonnenuntergang und das Warten auf die monatelange Dunkelheit so anschaulich und fast bedrohlich, dass es einem selbst im warmen Lesesessel fröstelt. Der Rauch, der sich am Boden und an den Wänden der Hütte festsetzte, die schwarze Landschaft, die nur vom Sternenlicht erhellt wurde, Karls Lieder in der Stille der ewigen Nacht … Ritter schafft Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

‚Geh nicht allein spazieren“, sagt Karl. “Es ist eine gefährliche Zeit. Sieben Wochen vor Weihnachten werden die Gräber in Svalband geöffnet.“

Die winzige Hütte in der Christiane Ritter mit ihrem Mann und Karl für ein Jahr lebte

Ritter erzählt von Karls Geschichten und den Sagen der Matrosen, die – kaum überraschend – von die Tod und den Geistern der Toten handeln. Passende Geschichten, die aus einem Land stammen, in dem die unendliche Nacht regiert, in dem die Schatten unter der Aurora Borealis vorbeihuschen und nur überlebt, wer sich genug Vorrat für den Winter angelegt hat.

Ritter beschreibt nicht nur anschaulich, wie sie sich anpasst und von einer Hausfrau zu einer abgebrühten, cleveren Arktisjägerin wird, sondern auch über die erschreckende Kraft und Schönheit der Polarlandschaft. An dunklen, eisigen Tagen wird das Land zu einer berauschenden Mondlandschaft, das gefrorene Meer glänzt wie ein riesiger Opal und ein wütender Schneesturm fühlt sich furchterregend aber auch berauschend an.

Ein wunderschönes, kleines Büchlein, das wunderbar gealtert ist und große Lust macht auf eisige Spaziergänge und Dokumentationen über Eisbären und Arktis.

Abschließen möchte ich den ersten Teil unserer Expedition mit einem Buch von Arthur Conan Doyle, der als junger Mann ein paar Monate als Schiffsarzt an einer Polarexpedition teilnahm, lange bevor Sherlock Holmes das Licht der Welt erblickt hatte.

1880 begab sich Arthur Conan Doyle, damals noch ein junger Medizinstudent, in das „erste wirklich herausragende Abenteuer“ seines Lebens, indem er als Schiffschirurg auf einem arktischen Walfänger anheuerte. Die Reise führte ihn in unbekannte Regionen, stürzte ihn in dramatische Erlebnisse und machte ihn bekannt mit der gefährlichen Arbeit auf den Eisschollen der Arktis. Die Mannschaft taufte ihn „Großer Taucher“ weil er häufig von den rutschigen Eisschollen ins Meer rutschte und dann samt Klamotten ins Bett gelegt wurde, damit diese auftauen und er sie ausziehen konnte. Seine Zeit an Bord der „Hope“ war, wie er später schrieb, „ein seltsames und faszinierendes Kapitel meines Lebens“.

Das Tagebuch, das er an Bord des Walfängers führte, blieb mehr als ein Jahrhundert lang unveröffentlicht.

Er war auf einem Walfänger, daher gibt es natürlich jede Menge Passagen über das Harpunieren von Walen, das Erschlagen von Robben und das Erschießen von Eisbären – das sollte man einigermaßen ausblenden können…

Conan Doyle sah seine arktische Reise für den Rest seines Lebens als eine seiner bedeutendsten Lebenserfahrungen an. Er war immer schon sportbegeistert und liebte körperlichen Aktivitäten – er boxte auf dem Schiff mit einem Offizierskollegen und im März 1893 war Doyle der erste Brite, der eine Tagestour im Skilanglauf absolvierte. In Erinnerung an diese Leistung benannte der australische Polarforscher Douglas Mawson den Doyle-Gletscher in der Antarktis nach ihm.

Das Buch ist ein kleines Juwel und bietet einen spannenden Einblick in diesen faszinierenden Schriftsteller, der ein langjähriges Interesse an mystischen Themen hatte und von der Idee paranormaler Phänomene fasziniert blieb, auch wenn die Stärke seines Glaubens im Laufe der Jahre periodisch zu- und abnahm.

Conan Doyles Aufzeichnungen über seine Walfangreise bilden den größten Teil dieses wunderschönen Buches aus dem Mare-Verlag, aber er enthält auch zwei Kurzgeschichten, „Der Kapitän der Polestar“ und die von der Arktis inspirierte Sherlock-Holmes-Geschichte „Das Abenteuer des Schwarzen Peter“.

So – jetzt könnt ihr euch ein wenig aufwärmen, ein paar Vitamine essen und einen heißen Grog trinken, in ein paar Tagen nehme ich euch auf den zweiten Teil der Polarexpedition mit.

Habt ihr noch Lust?