Dichterinnen & Denkerinnen – Katharina Herrmann

“For most of history, anonymous was a woman.”
Virginia Woolf

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Wir alle haben wohl als Leser*innen eine ähnliche Erfahrung gemacht: Man liest sich in der Schule durch die fast ausschließlich von Männern verfassten Klassiker, ich kann mich an kaum eine Autorin erinnern, die wir überhaupt in der Schule gelesen haben. Shakespeare, Moliere, Schiller, Hauptmann, Borchert – aber weit und breit keine Autorin.

In einem der Deutsch-Schulbücher fand sie ein Gedicht von Annette Droste-Hülshoff, nur blätterten wir da einfach drüber und Marie von Ebner-Eschenbach war in meiner spärlichen Briefmarken-Sammlung zu finden, aber beide Autorinnen sind mir – muss ich zu meiner Schande gestehen – bis zum letzten Jahr einzig als Namen ein Begriff gewesen.

Egal welchen Kanon man zu Rate zog, ob die 100 Romane der Weltliteratur, oder der Kanon zu deutschsprachiger Literatur von Marcel Reich-Ranicki, der weibliche Anteil an Werken ist vernichtend gering.

Ich hatte so oft das Gefühl, dass da eine ganze Menge fehlt und habe mich gerade in den letzten Jahren bewusst auf die Suche gemacht nach Autorinnen, die zu Unrecht vergessen wurden.

Ganz professionell und mit sicherer Hand hat die kluge Katharina Herrmann in ihrem Band „Dichterinnen und Denkerinnen“ den Frauen eine Bühne gegeben, die teilweise unter den widrigsten Umständen geschrieben haben.

Sie nimmt uns auf eine Reise durch die Jahrhunderte mit, die im 18. Jahrhundert mit Louise Adelgunde Victorie Gottsched beginnt und mit Mascha Kaleko im 20. Jahrhundert endet. Desweiteren werden Sophie von La Roche, Caroline Auguste Fischer, Johanna Schopenhauer, Rahel Varnhagen (von Ense), Karoline von Günderrode, Annette von Droste-Hülshoff, Louise Anon, Marie von Ebner-Eschenbach, Helene Böhlau (al Raschid Bey), Lou Andreas-Salomé, Ricarda Huch, Else Lasker-Schüler, Franziska zu Reventlow, Vicki Baum, Nelly Sachs, Gertrud Kolmar, Anna Seghers und Marieluise Fleißner vorgestellt. Anhand von Gedichten, Brief- und Romanauszügen macht sie Lust, diese Autorinnen mit ihr (wieder) zu entdecken und viele davon auch endlich einmal zu lesen.

Die vorgestellten Frauen waren als Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Journalistinnen und Theaterkritikerinnen tätig, aber fast immer erlebten sie große Widerstände, mussten oft heimlich schreiben und kamen oft erst dazu, wenn der Haushalt versorgt, die Kinder im Bett waren. Nur wenige hatten Unterstützung durch Ehemänner.

Es gehörte eine Menge Mut, Unkonventionalität, Talent und Widerstandskraft dazu unter diesen Umständen erfolgreich zu schreiben und sich von Niederlagen nicht entmutigen zu lassen.  Frauen, die trotzdem geschrieben haben und vor denen ich definitiv den Hut ziehe.

Im September 2017 veröffentlichte Katharina auf dem Blog 54 Books einen großartigen Artikel mit dem Titel „Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen“ über das noch immer bestehende Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern im Literaturbetrieb, der viel diskutiert wurde.

Auslöser des Artikels war ihre Beobachtung, das in dem Buch „Grundwissen Deutsch“ von Cornelsen unter den wichtigen Autor*innen aller Epochen von der Antike bis zur Gegenwart 125 Männer und nur 17 Frauen genannt sind.

Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Verlage es sich noch mehr zur Aufgabe machen würden, Werke von vergessenen Schriftstellerinnen erneut aufzulegen.

Katharina Herrmann hat 20 außergewöhliche Frauen ausgesucht und kenntnisreich mit viel Wärme porträtiert. Das Buch ist ein optischer Leckerbissen, mit Illustrationen von Tanja Kischel, die jeder der vorgestellten Autorinnen ihre ganz eigene Note gegeben hat.

Ich kann Euch Dichterinnen & Denkerinnen wirklich ans Herz legen, perfekt um immer wieder darin zu blättern und sich einen ganz eigenen Kanon zu basteln aus den Werken dieser teilweise – und auf jeden Fall zu Unrecht – vergessenen Autorinnen.

Ich danke dem Reclam Verlag für das Rezensionsexemplar.

#Women in SciFi (54) Die Sternenkrone – James Tiptree Jr.

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Diese Kurzgeschichtensammlung enthält die letzten Werke von Alice Sheldon alias James Tiptree Jr, kurz bevor sie 1987 ihrem eigenen und dem Leben ihres Ehemannes ein Ende setzte. Die Schwierigkeiten, die sie durch die Erkrankung ihres Mannes sowie ihrer eigenen Depression hatte, haben in diesem Band die wohl düstersten ihrer Geschichten hervorgebracht.

Aber trotz aller Düsternis und Depression, Sheldon/Tiptree war stets in der Lage, ihre spekulativen Ideen mit den größtmöglichen Hypothesen zu verbinden. So treffen wir auf den Teufe, auf blaue Oktopus-Aliens, konzernbetriebenen Kannibalismus sowie Zeitreisende und tödliche Langeweile.

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Sheldon wagt sich mit ihren Ideen weit vor und kommt zu bewegenden und schockierenden Ergebnissen, wohin es die Menschheit so treiben könnte. Sheldon ist eine Autorin, die dem Leser viel zumutet, die ihn zwingt, alles aus komplett anderer Perspektive zu betrachten.

Die Sternenkrone, die selbst nie im Text vorkommt, gebührt ganz eindeutig Alice Sheldon, der Königin unter den Science Fiction Kurgeschichten-Autoren.

Besonders gefielen mir die Geschichten „Non Angli Sed Angli“ eine melancholische Geschichte, in der die Menschheit Kontakt zu blauen Oktopus-Aliens aufnimmt, die sich als Ersatz für die alten, leeren Götter der Erde sehen sowie die Geschichte „Fleisch“, die in einer nahen dystopischen Zukunft angesiedelt ist, in der ähnlich wie in Atwoods „The Handmaid’s Tale“ konservative Gruppen die Abtreibungsrechte abschaffen, der Großteil der Menschheit in bitterer Armut lebt und die vom Staat betriebenen Babyklappen wie Tierheime aufgezogen sind.

Der Band enthält folgende Kurzgeschichten:

01. „Non Angli Sed Angeli“ („Second Going“) 9/10
02. „Der residierende Teufel“ („Our Resident Djinn“) 7/10
03. „Fleisch“ („Morality Meat“) 10/10
04. „All dies und den Himmel dazu“ („All This and Heaven Too“) 7/10
05. „Yanqui Doodle“ („Yanqui Doodle“) 8/10
06. „Komm, leb mit mir“ („Come Live with Me“) 6/10
07. „Diese Nacht und alle Nächte“ („Last Night and Every Night“) 5/10
08. „Zurück! Dreh’s Zurück!“ („Backward, Turn Backward“) 10/10
09. „Schlangengleich erneuert die Erde sich“ („The Earth Doth Like a Snake Renew“) 7/10
10. „Mitten im Leben“ („In Midst of Life“) 6/10

Ich bin übrigens jetzt so angefixt von Sheldon/Tiptree, daß ich andere von ihr lesen möchte und auf jeden Fall auch die Biografie dieser sehr faszinierenden Frau. Die nächsten Bände werde ich mir im Septime Verlag kaufen, die eine wunderschöne Gesamtausgabe herausgegeben haben.

Constanze, vom Blog Zeichen & Zeiten hat für die Reihe „Women in SciFi“ ein spannendes Interview mit dem Verleger Jürgen Schütz geführt, das man hier nachlesen kann.

Habt ihr schon etwas von Alice Sheldon/James Tiptree Jr gelesen bzw. welches ist eure Lieblingsgeschichte von ihr?

Underground Railroad – Colson Whitehead

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Dieses Buch ist ein sehr intensives Lese-Erlebnis voller Mut, Brutalität und Hoffnung. Es ist die Verurteilung eines der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Sklaverei und es gibt eindringliche, schreckliche Beschreibungen der Gewalt, die den Sklaven angetan wurde.

Das Buch wurde hinlänglich auf allen möglichen Blogs besprochen, daher werde ich mich etwas kürzer halten.

Die Protagonistin Cora ist eine junge Frau, die ihre Mutter vermisst, teilweise aber auch hasst, weil ihr die Flucht gelang, als Cora noch klein war. Ein junger Mann plant auf ihrer Plantage in Georgia ebenfalls zu fliehen und bietet Cora an, ihn zu begleiten. Zum Teil, weil er glaubt, sie bringe Glück durch die gelungene Flucht ihrer Mutter und zum anderen, weil er gerne in ihrer Nähe ist.

Die Geschichte ist ein schreckliches Katz- und Mausspiel zwischen den brutalen Sklavenjägern und den Entflohenen. In der Geschichte gibt es eine tatsächlich existierende Zuglinie, die im Untergrund fährt und die Flüchtenden unter großer Gefahr von einer Station zur nächsten bringt.

“And America, too, is a delusion, the grandest one of all. The white race believes–believes with all its heart–that it is their right to take the land. To kill Indians. Make war. Enslave their brothers. This nation shouldn’t exist, if there is any justice in the world, for its foundations are murder, theft, and cruelty. Yet here we are.”

Auf der Flucht geben sie sich als freigelassene Sklaven aus und als Leserin erfährt man viel über das Leben der Sklaven im frühen 19. Jahrhundert. Nach ihren ersten Jahren als baumwollpflückende Sklavin und ihrer Flucht arbeitet sie mit gefälschten Papieren als Dienstmädchen für eine weiße Familie in Charleston, als lebendes Ausstellungsstück „Afrikanerin“ in einem gut meinenden Museum, und sie versteckt sich über Monate auf einem Dachboden. Als Frau hat sie es noch einmal schwerer, da sie stets mit sexuellen Übergriffen rechnen muss auf ihrem Weg von Georgia über North und South Carolina, Tennessee bis schlussendlich nach Indiana.

“Slavery is a sin when whites were put to the yoke, but not the African. All men are created equal, unless we decide you are not a man.”

Die Geschichte zeigt die verschiedenartigen Misshandlungen und Beschimpfungen, denen die Schwarzen ausgesetzt waren, bis hin zu den nicht gerade selten vorkommenden Morden. Es ist aber nicht nur die Geschichte von zermürbender brutaler Arbeit und teuflischen Sklavenhaltern, es geht auch darum, wie sehr auf freie Sklaven Jagd gemacht wurde, um die Lügen der Besitzer, die Freiheit versprachen und diese Versprechen dann brachen. Es geht um das falsche Spiel, das weiße Ärzte mit unwissenden Schwarzen trieben, in dem sie eugenische Experimente an ihnen vornahmen, um die ständige Sorge der Schwarzen um ihre Familienmitglieder, nicht nur die der Eltern um ihre Kinder, auch umgekehrt, wenn freigelassene oder geflohene Kinder sich verzweifelt fragen, was aus ihren alten Eltern auf den Plantagen werden wird.

Man spürt die immense Recherche, die der Autor für dieses Buch betrieben hat. Ich habe viel gelernt. Das ist kein einfaches, aber ein wichtiges Buch. Einzige Kritik meinerseits, teilweise waren die Charaktere etwas zweidimensional.

Das Buch hat den Pulitzer Preis definitiv verdient und das war mit Sicherheit nicht das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe. Ich hatte es im Übrigen zuerst auf Englisch versucht, war aber froh, als mir dann eine deutsche Ausgabe des Buches zulief, das hat mir die Lektüre in diesem Fall definitiv einfach gemacht.

Stefan Zweig

Lassen wir uns nicht beirren durch alle Unvernunft und Unhumanität der Zeit,
bleiben wir dem zeitlosen Gedanken der Humanität treu – es ist nicht so schwer!
Überall können einige Menschen, die guten Willens sind, das Wunder vollbringen,
sich zu verstehen // Stefan Zweig, 1936

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Der wunderbare Topalian & Milani Verlag hat mit den beiden Novellen „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“ nach Buchmendel und die unsichtbare Sammlung wieder ein absolutes Schmuckstück auf den Markt geworfen.

In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1888 heißt es dazu:

Amucklaufen (Amoklaufen, vom javan. Wort amoak, töten), eine barbarische Sitte unter mehreren malaiischen Volksstämmen, zum Beispiel auf Java, besteht darin, dass durch Genuss von Opium bis zur Raserei berauschte, mit einem Kris (Dolch) bewaffnet, sich auf die Straßen stürzen und jeden, dem sie begegnen, verwunden oder töten, bis sie selbst getötet oder doch überwältigt werden.“

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass Amokläufer nur im Vollrausch ihre Tat begingen.

Die Geschichte in „Der Amokläufer“ dreht sich um die plötzliche heftige Leidenschaft eines deutschen Arztes, der in einer holländischen Kolonie in Asien arbeitet für eine schöne englische Frau, die ihn um einen sehr speziellen Gefallen bittet.

Die irre Besessenheit und die verzweifelte Suche nach einer Lösung für das Problem der jungen Frau (nachdem er sie zunächst versuchte sie sexuell zu erpressen), ergeben eine sehr dramatische Dynamik der Geschichte, die der Arzt einem Passagier während einer transatlantischen Seereise erzählt. Er arbeitete als Arzt in Indonesien, fühlt sich dort aber gefangen „wie die Spinne im Netz“. Das Auftreten einer Frau und ihre kühle Überlegenheit reißen ihn aus seiner Lethargie. Er dreht völlig durch und verfolgt die Frau wie ein Amokläufer…

Foto: Topalian-Milani Verlag

„Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet, läßt deine letzte Wesenheit entbrennen, nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.“

„Der Amokläufer“ wurde 1944 in Mexiko verfilmt. Ich habe einen Ausschnitt aus dem Film gefunden, allerdings ohne Synchronisation:

Was „Der Amokläufer“ und die Geschichte „Episode am Genfer See“ miteinander verbindet, ist das Motiv des Selbstmordes. Ein sensibles Thema, zumal wenn man an Zweigs eigenen Freitod im Jahr 1944 denkt.

Vielleicht hat mich auch deshalb die zweite Geschichte noch mehr berührt, mit ihrem autobiografischen Einschlag. Sie handelt von einem russischen Soldaten, der verzweifelt versucht, nach Hause zu kommen. Urplötzlich treibt er in einem Boot auf dem Genfer See und wird dort von einem Fischer an Land gebracht. Der Mann landet in einer kleinen Dorfgemeinschaft – die ihn schnell loswerden will. Es kommt zu einem dramatischen Verlust von Mitmenschlichkeit und Leben.

Er spricht nur eine allen unverständliche Sprache und es dauert eine Weile, bis ein früher im Ausland lebender Gasthof-Besitzer diese als russisch identifiziert und es ihm gelingt, ihm zumindest rudimentär mitzuteilen, dass der Krieg noch immer andauere und es erst einmal keine Möglichkeit für ihn gibt, nach Hause zurückzukehren.

„Ein Protokoll wurde über den Vorfall aufgenommen und, da man den Namen des Fremden nicht kannte, ein billiges Holzkreuz auf sein Grab gestellt, eines jener kleinen Kreuze über namenlosem Schicksal, mit denen jetzt Europa bedeckt ist von einem bis zum anderen Ende.“

Zweigs Schreibstil ist wahnsinnig elegant, anschaulich und leicht und es verwundert nicht, dass er sehr genau wusste wie man über Verlust, Liebe und Ausweglosigkeit schreibt.

Die wunderschönen Bilder der Novellen stammen von dem Oldenburger Grafiker Michael Hahn.

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Auch die Büchergilde lässt sich nicht lumpen, wenn es um illustrierte Zweig Novellen geht und legt mit „Der Zwang“ ein überaus schönes Exemplar vor. Gelegentlich sind die Büchergilde und ich nicht so kompatibel, was Illustrationen angeht, aber das hier war endlich mal wieder ein Volltreffer.

Ohnehin gehört Zweigs „Der Zwang“ aus dem Jahr 1920 zu einer seiner besten Kurzgeschichten. Es geht darin um Ferdinand, einen Künstler, der in die Schweiz geflohen ist, um dem Kriegsdienst zu entkommen. Als er aber auch dort gefunden wird und ihm seine Einberufungsdokumente zugestellt werden, spürt er einen unüberwindbaren Zwang zu gehorchen, sehr zum Entsetzen und Abscheu seiner Frau.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht weil der Wahnsinn jetzt in der Welt stärker ist als die Vernunft. Vielleicht weil ich kein Held bin, eben deshalb wage ich nicht zu fliehen … Man kann das nicht erklären. Es ist irgendein Zwang: ich kann nicht die Kette zerbrechen, die zwanzig Millionen Menschen erwürgt. Ich kann nicht.“

Das amtliche Schreiben übt einen Zwang auf ihn aus, der seine Ehe, seine Freiheit, sein Leben bedroht. Ein Kampf gegen die eigene Feigheit und die Macht militärischer Autorität beginnt. Die Erstausgabe von Zweigs Der Zwang erschien 1920 und der Künstler Frans Masereel, engagierter Kriegsgegner, fertigte für den pazifistischen Text Holzschnitte an. Die Künstler verband eine Freundschaft, die sich neben gegenseitiger Bewunderung der künstlerischen Fähigkeiten auch auf persönlicher Ebene entwickelte.

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Foto: Büchergilde

Die Spannungen, die sich durch Ferdinands Pflichtgefühl auf der einen Seite und seine pazifistischen Überzeugungen ergeben, sowie die Liebe zu seiner Frau sind auf jeder Seite dieser kurzen Novelle spürbar. Die Holzschnitte scharfkantig und bedrohlich.

Die Geschichte ist voller Spannung, Melancholie und hat – mit Ferdinand – den wohl  romantischsten und emotionalsten Protagonisten, den Zweig je geschaffen hat.

„Frei schwang sich ihr Herz in die ewige Freiheit der Dinge, erlöst von der Wirrnis der Worte und der Menschen Gesetz.“

Wer von Stefan Zweig gar nicht genug bekommen kann, dem empfehle ich diesen Beitrag über seine Meistererzählungen

Zwei Bücher, die ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Man kann einfach nie genug Stefan Zweig lesen und mit diesen beiden Bänden habt ihr zusätzlich noch ein paar wirkliche Schmuckstücke im Regal stehen.

Ach, Virginia – Michael Kumpfmüller

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Es ist gar nicht so einfach, eine Autorin des 20. Jahrhunderts zu finden, die mehr Bewunderung erfährt, als Virginia Woolf. Ihre atmosphärische, aufrüttelnde Art zu schreiben, hat ihr Unmengen an Fans beschert. Kaum eine Autorin ist zentraler für das Verständnis des Modernismus und sie ist gleichzeitig irgendwie überall und nirgends.

Sie hatte natürlich auch ein wahrhaft ikonisches Leben. Eine talentierte Frau inmitten des Bloomsbury Circles, die ganz unverhohlen ein Verhältnis mit einer anderen berühmten Frau hatte zu einer Zeit, in der so etwas alles andere als selbstverständlich war. Es gab auch eine Menge Dunkelheit in ihrem Leben und dann natürlich noch ihr tragischer Selbstmord – kein Wunder, dass es Unmengen an Biografien über sie gibt.

Michael Kumpfmüller hat sich in seinem Roman „Ach, Virginia“  mit den letzten Tagen im Leben der Autorin beschäftigt. Im März 1941 gerät Virginia Woolf in ihre letzte große Krise: Sie hat soeben ein neues Buch beendet, über das kleine Cottage im Süden Englands, das sie mit ihrem Mann Leonard bewohnt, fliegen deutsche Bomber. Sie führt das Leben einer Gefangenen, die nicht weiß, wie und wohin sie ausbrechen soll – und am Ende entscheidet sie sich für den Fluss.

Diese letzten Tage Virginia Woolfs beschwört Michael Kumpfmüller in seinem neuen Roman eindrücklich herauf. Er zeichnet das Bild einer Person, die keinen Halt mehr finden kann und beschreibt ihre quälende Konfusion.  Es ist der Versuch einer Annäherung, die meines Erachtens aber nicht völlig gelungen ist.

Gelungen ist ihm, die letzten Tage im Leben der großen Autorin nachvollziehbar zu machen und nach nur wenigen Sätzen ist man mitten in der Geschichte. Mir ist es stellenweise zu kitschig und zu pathetisch (den flüsternden Engel fand ich wirklich too much) aber die größten Bauchschmerzen hat mir die Idee des Autors verursacht, Virginia Woolfs Suizid als erotische Fantasie darzustellen:

Sie möchte dem Fluss eine schöne Geliebte sein, jung und geschmeidig, sie möchte, dass er sie sieht und birgt, nackt und entgegenkommend, wie sie jetzt ist. Ja, Liebster, sagt oder flüstert sie, so man wortlos flüstern kann, und man scheint es zu können.

Ich habe den Roman dennoch im Großen und Ganzen mit einigen Abstrichen gerne gelesen. Auf jeden Fall habe ich Lust bekommen, ihre veröffentlichten Tagebücher zu lesen und mich noch eingehender mit ihrer Gedankenwelt zu beschäftigen.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Südtirol by the Book

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Wer einfach mal die Hektik und Geräuschkulisse der Stadt hinter sich lassen will, der sollte sich wie wir ein Hotel suchen, das auf 1500 m liegt und nur mit der Seilbahn zu erreichen ist. Ruhe, Erholung, Natur pur. Wir wussten dann auch, wo sich der Winter dieses Jahr versteckt hat.

Die Dolomiten, das UNESCO Weltnaturerbe, sind gut zu sehen vom Vigiljoch. Vom Bett aus bot sich uns ein wundervoller Ausblick auf die markanten riesigen Berge. Ausschlafen, wandern, schwimmen, in die Sauna gehen, in der Bibliothek oder am Kamin sitzen und lesen, die paar Tage waren Erholung pur.

Die Seilbahn direkt neben dem Hotel brachte uns noch einmal 200m höher und auf gespurten Wegen machten wir eine wunderschöne Wanderung zum dem kleinen See mit dem eher nicht so einladenden Namen „Schwarze Lacke“, wobei vom See aufgrund des Schnees nicht viel zu sehen war.

Im Übrigen gibt es 14 Vigiljocher Quellen die sich über etwa 12 ha Naturlandschaft erstrecken. Die Quellen sind leicht radioaktiv und die Stadt Meran und die Umgebung nutzen das kostbare Elixier, um es zum typischen Südtiroler Forst Bier zu veredeln und, teils mit Kohlensäure versetzt und in Flaschen abgefüllt, als Meraner Mineralwasser zu verkaufen.

Natürlich bin ich nicht ohne passende Lektüre nach Südtirol gereist. Große Auswahl hatte ich nicht in der heimischen Bibliothek, aber dafür hat mir das ausgewählte Buch um so besser gefallen.

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Paolo Cognetti hat eine wunderschöne, einfache Geschichte über Familie, lebenslange Freundschaft und die Kraft der Berge geschrieben. Die Geschichte spielt überwiegend im Monte Rosa, einem ausgedehnten Gebirgsmassiv in den Walliser Alpen, auf der Grenze zwischen Italien und der Schweiz.

Die beiden Aspekte Freundschaft und Landschaft sind das ganze Buch über sehr präsent, wenn auch nicht übermässig intensiv. Das ist vielleicht auch meine einzige Kritik, die ich an dem Buch habe, mir fehlte etwas mehr Leidenschaft auf Seiten Pietros, der sehr distanziert die Geschichte seines Vaters und die seiner Freundschaft zu Bruno erzählt.

Die beiden Jungs treffen sich zum ersten Mal, als die Familie des dreizehnjährigen Pietro, die in Mailand lebt, in Grana ein Haus für den Sommer mietet. Bruno ist ein freundlicher, respektvoller Teenager, der nach und nach in die Familie hineinwächst. Pietros Mutter kümmert sich um seine Bildung, sein Vater nimmt ihn mit Pietro auf lange Bergtouren mit und die beiden Jungs werden sehr schnell beste Freunde.

„Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen, aber im Grunde weiß ich gar nichts über ihn.“

Auch wenn die Freundschaft nicht wahnsinnig intensiv ist, so ist sie doch unerschütterlich. Auch später als Pietro als Filmemacher den Großteil seiner Zeit im Himalaya zu verbringt, kehrt er immer wieder in die Berge zurück, in Stille, Ausdauer und das einfache Leben. Er ringt gemeinsam mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben?

„Es war eine düstere, raue Schönheit, die Kraft statt Frieden spendete.“

Pietros Vater ist ein schwieriger Mann, der alles mit sich selbst ausmacht. Er hat seinem Sohn die Liebe zu den Bergen vermacht, aber im Laufe der Zeit entwickeln die beiden sich immer weiter auseinander. Im Winter weigert sich Pietros Vater, in die Berge zu fahren, weil er die Skifahrer verachtet, die ohne die Mühen des Aufstiegs talwärts gleiten.

Für ihn haben die Berge eine große Würde und er empfindet Wut über ihre Zerstörung, gegen den Asphalt, die Straßen, die die Erschließung von Skigebieten mit sich bringt.

Auch Bruno entfernt sich im Laufe der Jahre immer weiter von der Gesellschaft, er lebt irgendwann allein in einer Hütte in den Bergen, wo ihn nur die harten Winter zurück in ins Dorf treiben.

Eine eindringliche archaische, oft melancholische Geschichte über die Unbezwingbarkeit der Natur, die Liebe und den Tod, die große Lust aufs Wandern macht.

Acht Berge erschien im DVA Verlag.

Women of Letters – Louise Labé

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Es wird Zeit für eine weitere Reihe, denn es braucht einen Scheinwerfer, der sich auf die Femmes de Lettres / Women of Letters richtet, denen ich mit dieser Reihe gerne etwas mehr Aufmerksamkeit widmen möchte. Wie Katharina Herrmann vom Blog Kulturgeschwätz schon in ihrem klugen Text „Frauen lesen ohne Digitalisierung unmöglich“ schreibt, es gibt von vielen Autorinnen keine lieferbaren Editionen (mehr) und „Kein normaler Lesender wird sich unter diesen Bedingungen die Mühe machen, verstorbene Autorinnen als Klassiker wiederzuentdecken. Wenn keine günstigen und gut gemachten Editionen der Werke von Frauen vorliegen, werden sie in der Schule nicht gelesen werden, ich vermute, an der Universität wird es ähnlich sein, denn zumindest in der Schule liegt die Schmerzgrenze für Lektüren bei 10 Euro. Es gibt keine Ausgaben, es gibt keine Erinnerungskultur, es gibt keine Unterrichtsmodelle – jeder Versuch, an verstorbene Autorinnen zu erinnern, wird im Nichts verpuffen, wenn ihre Bücher nicht verfügbar sind.“

Daher mein Wunsch, die Autorinnen vor allem des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zu Wort kommen zu lassen, die vergessen oder nie richtig entdeckt wurden und deshalb bislang kaum zugänglich waren.

Den Auftakt mache ich mit Louise Labés „Torheit und Liebe“, einer wunderschönen Ausgabe aus dem Secession Verlag, die meinen Wunsch wunderbarerweise teilen und eben diesen Frauen in ihrer „Femmes des Lettres“ Reihe einen wichtigen Platz in ihrem Programm eingeräumt haben.

Labé wurde etwa 1520 in Lyon geboren. Sie war eine Dichterin, die erstaunlich modern über Verlangen und Lust schrieb und eine kleine nachhaltige Sammlung an Sonneten hinterließ, die sie von anderen Autoren ihrer Zeit deutlich unterscheidet. Sie wurde in eine reiche Familie hineingeboren – ihr Vater war Seiler und sie selbst wurde „La Belle Cordière (die schöne Seilerin) genannt. Der größte Teil ihres Lebens läßt sich nur noch vage rekonstruieren, wie so häufig bei Autoren des 15. oder 16. Jahrhunderts.

Obwohl ihre Eltern selbst nicht lesen konnte, erhielt Labé eine sehr gute klassische Erziehung, vermutlich an der örtlichen Klosterschule. Sie hat ein recht abenteuerliches Leben geführt, die Gerüchteküche brodelte damals. Sie hätte sich als Mann verkleidet, sei der Armee beigetreten und habe in der Schlacht von Perpignan gekämpft. Auch wenn ihre persönliche Geschichte geheimnisumwoben und viel auf Hörensagen und Legenden basiert, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, das sie eine der einflußreichsten französischen Dichterinnen ihrer Zeit war.

Ihre Heimatstadt Lyon war der kulturelle Mittelpunkt der Region und Labé begann früh, sich mit anderen Dichtern ihrer Zeit zu treffen. Sie heiratete ihrerseits einen Seiler, den um einiges älteren Ennemond Perrin, der kaum kulturell interessiert war. Die Ehe blieb kinderlos.

1564 brach die Pest in Lyon aus und ein Jahr später erkrankte Louise Labé und starb nach kurzer Zeit, wobei nicht sicher ist, ob sie tatsächlich an der Pest starb. Sie wurde auf ihrem Landgut in Parcieux-en-Dombes außerhalb der Stadt beerdigt.

Auch wenn Lousie Labé nur ein schmales Bändchen hinterlassen hat, ihre Werke werden bis heute in Frankreich aufgelegt. Ihre Sonette gehören zu den schönsten in französischer Sprache. Insbesondere ihr feministisch anmutender Widmungsbrief an Clémence de Bourges ist ein frühes Zeugnis aufklärerischen und emanzipatorischen Denkens und Schreibens und ich konnte fast nicht glauben, dass dieser Brief vor fast 500 Jahren verfasst wurde.

„Da die Zeit gekommen ist, Mademoiselle, wo die strengen Gesetze der Männer die Frauen nicht länger daran hindern, sich der Gelehrsamkeit und den Künsten zu widmen, scheint es mir, dass diejenigen, die in solch günstigen Umständen leben, diese schickliche Freiheit, welche sich unser Geschlecht früher so sehr wünschte, zum Studium nutzen und den Männern das Unrecht vor Augen führen sollten, das sie uns zufügten, indem sie uns die Befriedigung und die Ehre vorenthielten, welche uns hieraus erwachsen konnten…“

Nach dem Erscheinen ihres Œuvres bis zu ihrem Tod scheint Louise Labé recht zurückgezogen gelebt zu haben. Die Blütezeit Lyons entdete ebenfalls kurz darauf mit dem Ausbruch der Religionskriege in Frankreich.

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Bild: Wikipedia

Der leinengebundene Band „Torheit und Liebe“ enthält neben dem Widmungsbrief, das berühmte Streitgespräch zwischen Folie und Amor, sowie Labés Elegien und Sonette jeweils in französisch und deutscher Sprache. Übersetzt aus dem Mittelfranzösischen von Monika Fahrenbach-Wachendorff enthält der Band auch ein sehr informatives Nachwort von Elisabeth Schulze-Witzenrath.

Louise Labé ist definitiv eine Dichterin, die auch in Deutschland bekannter sein sollte und ich hoffe, ich konnte etwas Lust machen, sich mit ihr und ihrem Werk zu beschäftigen.

Ich danke dem Secession-Verlag für das Rezensionsexemplar.