Venedig by the book

“Venice, it’s temples and palaces did seem like fabrics of enchantment piled to heaven.”
― Percy Bysshe Shelley

Venedig ist eine von Licht durchflutete Stadt, der man sich kaum besser nähern kann, als ganz früh morgens im Nachtzug auf die Stadt zufahrend mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Der Sonnenaufgang war fast zu kitschig um wahr zu sein und als wir kurz darauf übermüdet vor dem Bahnhof in die Sonne blinzelten, da waren wir schon Hals über Kopf in die Stadt verknallt, bevor wir überhaupt das erste Vaporetto betreten haben.

Die Stadt, einst auch als Serenissima bekannt, war schon schon immer die perfekte Inspiration für Künstler, Dichter und Liebende. Mit ihren verwitterten Gothic-Palästen, den vergoldeten Kuppeln und Zinnen, dem Plätschern der Gondelstangen, mit denen die Gondoliere ihre schnittigen schwarzen Boote durch die engen Wasserstraßen lenken, verzaubert sie jeden, glaube ich, mit ihrer sinnlichen Anziehungskraft.

Als wir den Markusplatz betreten, ist er bis auf einige wenige andere Touristen und Künstler, die vor dem Dogenpalast an ihren Staffeleien sitzen, nahezu menschenleer. Es gibt auch keine Tauben mehr auf dem Platz, da es dort seit etwa einem Jahr ein Fütterverbot gibt. Auch dass die riesigen schrecklichen Kreuzfahrtpötte nicht mehr in die Lagune einfahren dürfen, hat noch mal einiges dazu beigetragen, dass der exzessive Massentourismus etwas in seine Schranken gewiesen wurde. Ich war vor einigen Jahren schon einmal für einen Tag vom Gardasee aus nach Venedig gefahren und fand es damals aufgrund der Menschenmassen ganz furchtbar. Das war dieses Mal deutlich besser. Covid hat dann tatsächlich doch noch die eine oder andere positive Auswirkung. Apropos Covid: das wird in Italien ganz vorbildlich gemanagt. Überall wird Fieber gemessen, man checkt mit seinen Impfzertifikaten via App ein und es wird ganz selbstverständlich überall Maske getragen.

Auf dem Canal Grande wimmelt es bereits von Wasserfahrzeugen: Vaparettos, Wassertaxis, Motorboote, Kähne und die allgegenwärtigen schwarzen Gondeln. In Venedig sind Boote das wichtigste Verkehrsmittel. Autos gibt es nicht. Eine gute Möglichkeit, die Stadt und die vorgelagerten Inseln zu erkunden, sind die Vaparetto, die Wasserbusse, ein 3 Tagesticket hat sich für uns auf jedem Fall gelohnt.

Unser wirklich schönes Hotel war ganz in der Nähe Rialtobrücke, die seit dem 9. Jahrhundert das Handelszentrum Venedigs ist und wo der erste Markt der Stadt gegründet wurde. Die Stadt besteht aus 118 Inseln, die man entweder per Boot oder über eine der 400 Brücken erreichen kann.

Man läuft in Venedig so viel mehr, als man es für möglich hält und die Stadt ist auch deutlich größer, als ich dachte. Abends hatten wir ziemliche Plattfüße und waren froh, nach unserem ausgezeichneten Abendessen den ersten Abend in einem Vivaldi-Konzert sitzend ausklingen lassen zu können.

Oh und natürlich verläuft man sich – ständig. Aber dadurch entdeckt man jede Menge Orte, die man sonst niemals gefunden oder überhaupt erst gesucht hätte. Immer wieder muß man auch wieder umdrehen, weil die Gasse plötzlich an einem Kanal endet. Das gehört aber auf jeden Fall dazu und man ist meistens auch nie wirklich weit von einem bekannteren Ort entfernt und die bekanntesten sind auch regelmäßig ausgeschrieben.

Im Nachtzug bereitete ich mich mit Donna Leons „Über Venedig, Musik, Menschen und Bücher“ vor – ein kurzweiliges Buch, in dem sie aus Venedigs Nähkästchen plaudert. In Kleinigkeiten beweist sie großes Gespür für Atmosphärisches, prangert aber auch Mißstände an und haut ihren italienischen Nachbarn auch schon mal derbe Schimpfworte um die Ohren, wenn diese ohne mit der Wimper zu zucken ihren Müll in den Kanal werfen. Die Geschichten wurden fast alle Anfang/Mitte der 1990er geschrieben und ich hatte das Gefühl, Müll wird heute glücklicherweise wenig in den Kanälen versenkt, die sahen einigermaßen sauber aus. Spannend fand ich auf jeden Fall die Geschichte vom Turmwächter von San Marco, der Philosophie studierte und eine sehr spannende Persönlichkeit zu sein scheint.

Die lokale Küche hat uns auch ausgesprochen zugesagt. Wir haben durch die Bank weg wirklich gut gegessen und leckeren Sprizz bzw. Wein getrunken. Wir haben vorher recherchiert und ein paar gute Restaurants vorgebucht, so dass wir die teuren/schlechten Tourifallen glücklichweise umgehen konnten. Venedig hat ein paar sehr spannende lokale Gerichte zu bieten. Absolut köstlich sind die Spaghetti nero di seppia und mein weiterer Favorit waren die Spaghetti mit Venusmuscheln.

Die passende Lektüre zu unserem Vivaldi-Konzert war im Übrigen Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Als mega Barock-Fan ist Antonio Vivaldi natürlich auch einer meiner Lieblinge, er war zu Lebzeiten eine Berühmtheit und seine Kompositionen zählen heute zu den meistgespielten weltweit. (Es gibt so so viel mehr von ihm zu entdecken, als nur die „Vier Jahreszeiten“!) In der Zwischenzeit aber war Antonio Vivaldis Werk bis zu seiner Wiederentdeckung vor 100 Jahren komplett vergessen. In diesem virtuosen Roman erzählt Peter Schneider die Geschichte des musikalischen Visionärs und begnadeten Lehrers.

Peter Schneider begibt sich auf die Spur des geweihten Priesters und Musikers im barocken Venedig. Und was er dabei entdeckt, ist ein nahezu unbekanntes Werk des Maestros: Sein ganzes Leben lang hat der »prete rosso« an einem Waisenhaus gearbeitet und mit den musikalisch begabten Mädchen das erste Frauenorchester Europas gegründet. Für sie schrieb er einen großen Teil seiner Konzerte, mit ihnen brachte er sie zur Aufführung. Peter Schneider zeigt sich als umsichtiger Erzähler, der der Versuchung der Fiktion nie ganz erliegt, sondern immer wieder fragend bleibt und seine Recherche miterzählt. »Vivaldi und seine Töchter« porträtiert den Komponisten als Mann seiner Zeit, der sich gegen die Verdächtigungen der Kirche, aber auch gegen seine eigenen Versuchungen zu behaupten hat. Seine »amicizia« mit der jungen Sängerin Anna Girò wird zum Stein des Anstoßes und zur Quelle seiner Inspiration. Ganz große Empfehlung – habe das Buch sehr sehr gerne gelesen.

Am letzten Tag erkundeten wir das jüdische Ghetto von Cannaregio. Der Begriff „Ghetto“ hat seinen Ursprung in Venedig und bezieht sich auf die Gießereien, in denen Metalle für Kanonen gegossen wurden. Die Juden, die im 14. und 15. Jahrhundert nach Venedig kamen, durften nur im Ghetto leben; sie wurden nachts eingeschlossen und durften sich nicht frei in der Stadt bewegen. Da sie sich nicht ausbreiten konnten, bauten sie in die Höhe, so dass die Gebäude hier die höchsten in Venedig sind und die Gassen scheinen fast noch enger und lichtarmer zu sein.

Passend dazu war auch meine letze Venedig-Lektüre, eine Nacherzählung von Shakespeares „The Merchant of Venice“ von Mirjam Pressler „Shylocks Tochter“.

Venedig 1568: Jessica, die Tochter des jüdischen Geldverleihers Shylock, fühlt sich in der von religiösen Vorschriften dominierten Welt eingeengt und träumt von einem Leben außerhalb des engen jüdischen Ghettos. Sie träumt – anders als ihre Ziehschwester Dalila – von kostbaren Kleidern und rauschenden Festen der vornehmen Gesellschaft. Als sie sich in den christlichen Adligen Lorenzo verliebt, weiß sie, dass ihr Vater niemals in die Heirat einwilligen würde – sie plündert seine Schatzkammer und flieht. Mirjam Pressler schildert das Leben der Juden im Ghetto, den sonderbaren Rechtsstreit um ein Pfund Fleisch und das Miteinander von Christen und Juden.

Ich mochte das Buch sehr. Einige kritisierten, dass Pressler zu sehr zeigen wollte, wie viel Recherche sie betrieben hat und empfanden es als „Infodump“, aber ich mag das ja sehr. Habe sehr viel gelernt und habe große Lust bekommen, mich mit dem Original zu befassen.

Nach 3 Tagen ging es dann wieder mit dem Nachtzug zurück, aber es wird ganz sicher nicht unser letzter Ausflug sein. Es gibt noch so viel zu entdecken und wir wären sehr gerne noch ein paar Tage länger geblieben. Die perfekte filmische Vorbereitung auf die Stadt sind für mich diese beiden Filme:

Südtirol by the Book

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Wer einfach mal die Hektik und Geräuschkulisse der Stadt hinter sich lassen will, der sollte sich wie wir ein Hotel suchen, das auf 1500 m liegt und nur mit der Seilbahn zu erreichen ist. Ruhe, Erholung, Natur pur. Wir wussten dann auch, wo sich der Winter dieses Jahr versteckt hat.

Die Dolomiten, das UNESCO Weltnaturerbe, sind gut zu sehen vom Vigiljoch. Vom Bett aus bot sich uns ein wundervoller Ausblick auf die markanten riesigen Berge. Ausschlafen, wandern, schwimmen, in die Sauna gehen, in der Bibliothek oder am Kamin sitzen und lesen, die paar Tage waren Erholung pur.

Die Seilbahn direkt neben dem Hotel brachte uns noch einmal 200m höher und auf gespurten Wegen machten wir eine wunderschöne Wanderung zum dem kleinen See mit dem eher nicht so einladenden Namen „Schwarze Lacke“, wobei vom See aufgrund des Schnees nicht viel zu sehen war.

Im Übrigen gibt es 14 Vigiljocher Quellen die sich über etwa 12 ha Naturlandschaft erstrecken. Die Quellen sind leicht radioaktiv und die Stadt Meran und die Umgebung nutzen das kostbare Elixier, um es zum typischen Südtiroler Forst Bier zu veredeln und, teils mit Kohlensäure versetzt und in Flaschen abgefüllt, als Meraner Mineralwasser zu verkaufen.

Natürlich bin ich nicht ohne passende Lektüre nach Südtirol gereist. Große Auswahl hatte ich nicht in der heimischen Bibliothek, aber dafür hat mir das ausgewählte Buch um so besser gefallen.

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Paolo Cognetti hat eine wunderschöne, einfache Geschichte über Familie, lebenslange Freundschaft und die Kraft der Berge geschrieben. Die Geschichte spielt überwiegend im Monte Rosa, einem ausgedehnten Gebirgsmassiv in den Walliser Alpen, auf der Grenze zwischen Italien und der Schweiz.

Die beiden Aspekte Freundschaft und Landschaft sind das ganze Buch über sehr präsent, wenn auch nicht übermässig intensiv. Das ist vielleicht auch meine einzige Kritik, die ich an dem Buch habe, mir fehlte etwas mehr Leidenschaft auf Seiten Pietros, der sehr distanziert die Geschichte seines Vaters und die seiner Freundschaft zu Bruno erzählt.

Die beiden Jungs treffen sich zum ersten Mal, als die Familie des dreizehnjährigen Pietro, die in Mailand lebt, in Grana ein Haus für den Sommer mietet. Bruno ist ein freundlicher, respektvoller Teenager, der nach und nach in die Familie hineinwächst. Pietros Mutter kümmert sich um seine Bildung, sein Vater nimmt ihn mit Pietro auf lange Bergtouren mit und die beiden Jungs werden sehr schnell beste Freunde.

„Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen, aber im Grunde weiß ich gar nichts über ihn.“

Auch wenn die Freundschaft nicht wahnsinnig intensiv ist, so ist sie doch unerschütterlich. Auch später als Pietro als Filmemacher den Großteil seiner Zeit im Himalaya zu verbringt, kehrt er immer wieder in die Berge zurück, in Stille, Ausdauer und das einfache Leben. Er ringt gemeinsam mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben?

„Es war eine düstere, raue Schönheit, die Kraft statt Frieden spendete.“

Pietros Vater ist ein schwieriger Mann, der alles mit sich selbst ausmacht. Er hat seinem Sohn die Liebe zu den Bergen vermacht, aber im Laufe der Zeit entwickeln die beiden sich immer weiter auseinander. Im Winter weigert sich Pietros Vater, in die Berge zu fahren, weil er die Skifahrer verachtet, die ohne die Mühen des Aufstiegs talwärts gleiten.

Für ihn haben die Berge eine große Würde und er empfindet Wut über ihre Zerstörung, gegen den Asphalt, die Straßen, die die Erschließung von Skigebieten mit sich bringt.

Auch Bruno entfernt sich im Laufe der Jahre immer weiter von der Gesellschaft, er lebt irgendwann allein in einer Hütte in den Bergen, wo ihn nur die harten Winter zurück in ins Dorf treiben.

Eine eindringliche archaische, oft melancholische Geschichte über die Unbezwingbarkeit der Natur, die Liebe und den Tod, die große Lust aufs Wandern macht.

Acht Berge erschien im DVA Verlag.

Schmale Schönheiten I

Die fette Erkältung, die mich kürzlich lahmlegte, führte dazu, dass ich eine ganze Reihe dünner Bücher aus dem Regal holte. Ich mag das Gefühl nicht, den ganzen Tag nix zu schaffen und ein Buch durchzulesen gibt einem zu mindest ein Minimum an „erledigt“ am Tag, wenn man auch sonst nur wenig von der To Do Liste abgearbeitet bekommt.

Ob das Gefühl des immer „beschäftigt sein müssens, um sich nützlich zu fühlen“ so das Vernünftigste ist, steht auf einem anderen Blatt – auf jeden Fall habe ich mich in letzter Zeit durch eine Reihe dünnerer Bände gefräst. Hier der erste Teil derer, die ich zu den schmalen Schönheiten zähle, davon wird es sogar noch einen zweiten Teil geben. Es gab aber auch wieder Futter für die Rubrik „Connection with Reader could not be established“ – die kommen aber demnächst separat. Hier jetzt erst einmal zu denen, die ich eher zu den Schönheiten zählen würde.

Den Anfang macht „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ – Peter Stamm

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Vom Titel her hätte das auch ein Kettcar Album sein können, ich bin zumindest entsprechend darauf angesprungen. Die schönste Kurzzusammenfassung las ich in der Zeit, die dazu schrieb: „In seinem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ erzählt Peter Stamm erneut, wie Literatur so lange ins Leben eingreift, bis Realität und Fiktion verschmelzen.“

Bäm – genau so. Die Idee des Buches fand ich genial, die Umsetzung war nicht perfekt. Die Figuren haben mich überraschenderweise seltsam kalt gelassen und so schön ich auch den einen oder anderen Satz fand und ihn herausgeschrieben habe, ich fürchte das ist – trotz aller definitiv vorhandener Schönheit – ein Buch an das ich mich bald nicht mehr wirklich erinnern kann.

Christoph und Chris, Magdalena und Lena – zwei Paare in Dopplung, das jeweilige Paar mit seinem Gegenbild. Der heutige Christoph trifft sein jüngeres Ich sowie die Partnerin seines früheren Ichs und die Frage ist, könnte man sein eigenes Leben mit dem Wissen von heute rückwirkend in andere Bahnen lenken?

Ein Buch, das einen definitiv zum Nachdenken bringt, wunderschön erzählt wird, nur die Nachhaltigkeit der Geschichte, die stelle ich ein wenig in Frage. Trotzdem zähle ich das Buch definitiv zu den schmalen Schönheiten, ich habe es mit großem Genuß gelesen und wieviel ich davon in ein paar Monaten tatsächlich noch weiß, das werde ich ja sehen.

„Ich denke an mein Leben, das noch gar nicht stattgefunden hat, unscharfe Bilder, Figuren im Gegenlicht, entfernte Stimmen. Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.“

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – Ernest van der Kwast

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Vor einer ganzen Weile sahen wir in einem Restaurant einen mega-schicken Herrn – sehr extravagant und cool gekleidet, der gleichzeitig intellektuell, cool und lässig wirkte, allein an einem Tisch sitzen und lesen. Wir waren beide so fasziniert von seiner Ausstrahlung, das wir unbedingt wissen wollten, was er wohl liest. Es war Ernest van der Kwasts Buch und es hat uns umgehend in den Buchladen geführt, wo wir das Buch suchten und kauften, er hatte uns wirklich neugierig gemacht 😉

Ist das schon Leser-Stalking? Auf jeden Fall habe auch ich jetzt endlich geschafft, mich dem dünnen Büchlein zu widmen. Ich bin jetzt nicht so der Liebesgeschichten-Typ, aber es wirkte spannend, der interessante Typ hat es gelesen, die Bingereader-Gattin war sehr angetan davon und ganz ehrlich – bislang hab ich noch kein wirklich schlechtes Buch aus dem Mare-Verlag gelesen. Keine Ahnung, warum es dennoch einige Zeit dauerte, bis ich mich endlich daran machte, mich in „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ ins Italien der Nachkriegszeit zu begeben.

Die beiden Brüder Ezio und Alberto liegen im Nachkriegssommer am Meer und beobachten Mädchen, als die 20jährige Giovanna Berlucci eines Tages in einem Zweiteiler – dem ersten Bikini – aus dem Meer steigt. Ezio verliebt sich auf der Stelle und Hals über Kopf in das junge Mädchen und es gelingt ihm auch, für kurze Zeit ihr Herz zu erobern.

„Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war.“

Nach nur kurzer Partnerschaft und im Rausch der ersten Liebe macht Ezio ihr einen Heiratsantrag, doch Giovanna liebt nicht nur das Meer, sondern auch ihre Freiheit und ohne zu antworten läuft sie aufs Meer zu und verschwindet in den Fluten. Ezio kann mit dieser Schmach nicht leben, er flieht nach Südtirol, wird Apfelpflücker und tut alles, um Giovanna zu vergessen, doch nach 60 Jahren bekommt er auf einmal einen Brief von Giovanna …

„Die schöne Schrift“ – Rafael Chirbes

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Das Buch habe ich meinem Bruder irgendwann mal aus dem Regal gemopst und wenn ich recht drüber nachdenke, das nächste auch (und noch nicht wieder zurückgegeben – uiuiiiiuiiii….)

Ich habe das Buch direkt nach den „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ gelesen und der verrückte Effekt war, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die „Fünf Viertelstunden“ noch einmal zu lesen nur dieses Mal aus Giovannas Sicht, was ihr in diesen sechs Jahrzehnten so passiert ist.

Ist natürlich Quatsch, das Buch hat damit überhaupt nix zu tun, dennoch fiel es mir regelrecht schwer, mir immer wieder beim Lesen vor Augen zu halten, dass das hier ein komplett anderes Buch ist und die Lebensgeschichte einer ganz anderen Frau erzählt.

Eine einfach ältere Dame erzählt ihrem erwachsenen Sohn in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ihrem bewegten Leben, von ihren seltenen Momenten des Glücks und den häufigeren Augenblicken des Schmerzes, der Sorge, der Liebe und der Verletzungen. Die Familie hielt zusammen während der Zeit des spanischen Bürgerkrieges und den Jahren danach, doch dieser Familienzusammenhalt brach zusammen durch die Heirat ihres Sohnes mit einer überaus hübschen und ehrgeizigen Frau. Ihr wird klar wie sehr sie sich auch von ihrem eigenen Sohn entfernt hat, denn sonst würde er sie nicht aus ihrem eigenen Haus vertreiben, um an desssen Stelle ein lukratives Mietshaus zu errichten. Die Protagonistin Ana erklärt nicht nur ihrem Sohn, sondern vielmehr sich selbst, warum ihr Leben verlaufen ist, wie es verlaufen ist und was das alles für sie bedeutet.

Ein Rückblick auf ein schweres Leben voller Entbehrungen.

Ich mochte Chirbes kargen, prägnanten Schreibstil sehr, der mit sparsamen Worten so viel mehr erzählt als andere auf hunderten von Seiten. Eindrucksvoll und ganz ohne Pathos.

Air Mail – Jeffrey Eugenides

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Eugenides ist nicht nur auf der Langstrecke klasse, er überzeugt mich definitiv auch auf der Sprint-Strecke. Drei Kurzgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ersten treffen wir auf Mitchell, der in Thailand aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus mit entsprechender Diarrhö zu fasten beginnt. Dieses Fasten in einem thailändischen Backpacker-Camp nimmt immer extremere Ausmaße an wird fast zum esoterischen Spiel um Leben und Tod. Die Grenzen zwischen der realen und der spirituellen Welt zerfließen immer mehr, bis sie für Mitchell irgendwann nicht mehr wirklich von einander zu unterscheiden sind…

In der zweiten Geschichte sucht eine verzweifelte Frau mehr oder weniger nach einem Begatter, von dem sie auf einer Party ganz zwanglos etwas Samen abzapfen kann. „Bratenspritze“ ist wunderbar ironisch und vielleicht hat fast jeder von uns eine Tomasina im Bekanntenkreis, die man sich nur zu gut mit der Bratenspritze vorstellen kann.

Auf der Party erhält sie wie gewünscht den Samen, aber da ist auch Wally, der etwas klein geratene Geschäftsmann, mit dem sie vor Jahren mal zusammen war und der sie irgendwie immer noch liebt …

In der letzten Geschichte geht es um den Sohn wohlhabender Eltern, die ihr gesamtes Vermögen in eine abgewirtschaftete Hotelanlage gesteckt haben und die der Vater verzweifelt versucht, zu renovieren. So marode wie die Hotelanlage ist, ist auch die Gesundheit der Eltern und der Sohn wird sich bewusst, dass auch er irgendwann einmal seinen eigenen Wunschbildern zum Opfer fallen wird.

Kurzgeschichten auf höchstem Niveau, rasant erzählt mit spannenden Wendungen.

Hier noch mal im Überblick:

Welche Bücher für ein zwar schnelles aber dennoch tiefgründigen „Quickie“ könnt ihr empfehlen?

The Periodic Table – Primo Levi

Review by Lucy IrwinIMG_4783

We are so lucky to have a real Chemist in the Bookclub who was the best ever person to be leading our discussion for Primo Levi’s „The Periodic Table“. She did such a wonderful job at it, that I asked her to do the review for my blog and very kindly she agreed to do it. Thanks a lot Lucy 🙂 Here we go:

The title of this book makes it sound like it should be a dusty old text book and not a first-hand account of the holocaust, the terrifying events leading up to it, and to a certain extent, its aftermath on a man trying to return to normal life.

It was only a matter of time before I’d stumble across Mr. Levi in the grand Venn diagram of interests and circumstances (studying chemistry, living in Germany, interested in modern history).  Thankfully book club also had confidence in the suggestion to read this book and voted to dedicate one of our evenings to it.

Despite its technical title, The Periodic Table is nothing of which a non-chemist (or indeed a non-scientist) should be afraid.  The title refers to a collection of short stories, mostly autobiographical, in which the characters and ideas share the properties of selected chemical elements.  A few are mentioned here.

Argon, an element that is so unreactive due to its happily complete outer “shell” of electrons, was not even discovered until 1894 when a bunch of chemists* wondered about the difference in reactivity of equivalent volumes of atmospheric and laboratory synthesised Nitrogen, the discrepancy in the atmospheric version lying in the presence of a few percent of Argon.  Argon is Greek for “lazy”, and the reference to the inert and lazy forefathers of Levi is not lost on the reader (as was made adequately clear in the bookclub discussion).  It was furthermore agreed that newcomers to the book should start with the chapter Hydrogen, and perhaps leave the chapter Argon until last.

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A recurring theme in the book is that of “impurity”.  Levi ponders (Zinc) that it is

„impurity that gives rise to changes, in other words, to life“

The majority of the stories take place within the backdrop of the Third Reich and the Fascist doctrine of the 1930s onward from which, Levi, being an Italian Jew, was lucky to come away from alive.  Levi analyses the politics of the time with his chemist’s understanding of impurities and matter.  From a chemist’s view it is often all about the “impurity”.  Many brilliant scientific discoveries have arisen serendipitously from the presence of an impurity or two.  Were it not for the fact that the discoverers of Argon did not dismiss this “impurity” in the atmospheric Nitrogen, box 18 of the periodic table would have remained any empty mystery for much longer.  And we’d not have any fluorescent signs.  The book is strewn with references to the control of nature and the definition of “impurity” with its natural importance and the consequences of man’s attempt to remove it.

In today’s fashion for ignoring facts and experts, especially scientists, one of the most prominent passages of the book for me was from the chapter Iron 

 „And finally, and fundamentally, an honest and open boy, did he not smell the stench of Fascist truths which tainted the sky? Did he not perceive it an ignominy that a thinking man should be asked to believe without thinking? Was he not filled with disgust at all the dogmas, all the improved affirmations, all the imperatives? He did feel it; so then, how could he not feel a new dignity and majesty in our study, how could he ignore the fact that the chemistry and physics on which we fed, besides being in themselves nourishments vital in themselves, were the antidote to Fascism which he and I were seeking, because they were clear and distinct and verifiable at every step, and not a tissue of lies and emptiness, like the radio and newspapers?“

 It would seem that Primo Levi’s words are just a relevant today as they were back in the 1930s.

Chapters Cerium and Vanadium are possibly historically the most important.  The first covers life in the Auschwitz camp and the second is Levi’s search for the German chemist in whose laboratory he was made to work for while there.  It was Levi’s training as a chemist that saved his life.  Not only did his skills make it possible for him to make a living selling things on the black market inside the camp and thus make his time there marginally more bearable, it was the fact that he could work in the laboratory that saved him from more back-breaking labour outside in the cold.  After the war, Levi was employed by SIVA, where he became a Technical Director.  Whenever he made trips to Germany, he would meet German businessmen and scientists, furthermore making sure to wear short-sleeved shirts, so that they saw his prison camp number, 174517, tattooed on his arm.

A final word to the themes of Urstoff, matter and transformation primarily covered in the chapters Iron, Nitrogen and Carbon.

„I was just beginning to read German words and was enchanted by the work Urstoff (which means “element”: literally “primal substance”) and by the prefix Ur which appeared in it and which in fact expresses ancient origin, remote distance in space and time).  This Urstoff, however, remains unchangeable: matter is matter, neither noble nor vile, infinitely transformable, and its proximate origin is of no importance whatsoever.  Nitrogen is nitrogen, it passes miraculously from the air into plants, from these into animals, and from animals to us; when its function in our body is exhausted, we eliminate it, but it still remains Nitrogen, aseptic, innocent.“

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Picture: Primo Levi Archive

 This concept is no better illustrated in Nitrogen which recounts a story whereby Levi has been assigned to producing cosmetics from the scrapings off the floor of a hen house: atoms are being transformed by the chemist from something awful to something representing beauty.

The life and indestructibility of matter, and its eternal transformation is more beautifully described in the final chapter, Carbon, which tells the story of a single atom over a period of time.  The atom being first released from the limestone rock that contains it, and goes on a journey of transformation through a plant, the air, a person; a beautiful finale to the book with which this same atom of carbon is responsible for the firing of the synapse in the author’s mind that:

„guides this hand of mine to impress on the paper this dot, here, this one.“

*Rayleigh and Ramsay.  Existence of this further atmospheric gas first suspected by Cavendish in 1785

These notes are taken either directly from the English translation of the book (Penguin) and with help from Wikipedia on historical context.

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Das periodische System“ bei dtv erschienen.

Der Doppelgänger – Jose Saramago

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Doppelgänger sind ein beliebtes Motiv in der Literatur und kommen da in allen möglichen Formen und Erscheinungen daher. Richard Ayoades grandioser Film „The Double“ brachte mich darauf, dass sich Saramagos „Doppelgänger“ auch noch irgendwo in der Wohnung befinden mußte und ich beschloss, mich noch ein Weilchen mit dem Doppelgänger-Thema zu beschäftigen.

Diese Doppelgänger spielen mit unseren Urängsten und konfrontieren uns mit komplexen Fragestellungen. Sie kommen in der Literatur und im Film in allen möglichen Formen und Ausprägungen daher. Die abgrundtief Bösen wie bei Dr. Jekyll und Dr. Hyde,  die die kurzerhand dein Leben übernehmen, wie in der obigen Verfilumung oder in Oscar Wilde’s „The Picture of Dorian Grey“. Wirklich Gutes kommt nur selten heraus, wenn ein Doppelgänger ins Spiel kommt (mit Ausnahme vom Doppelten Lottchen vielleicht) und das muß auch Tertuliano Maximo Afonso sofort empfunden haben, als er in einem Film überraschend seinen Doppelgänger zu sehen glaubt.

Der mit dem unglücklich gewählten Namen Tertuliano Maximo Afonso ausgestattete hölzerne Schulgeschichtsprofessor sieht sich eines abends einen Film an, den ihm ein wohlmeinender Kollege zur Bekämpfung seines seelischen Schnupfens empfohlen hatte. Unvermittelt sieht er in dem mittelmäßigen Film in einer unwichtigen Nebenrolle einem Doppelgänger seines jüngeren Ichs gegenüber. Tertuliano versucht alles über seinen Doppelgänger herauszubekommen, sieht sich sämtliche anderen Filme der gleichen Produktionsfirma an, um den Namen des Schauspielers herauszubekommen (hier wird einem noch einmal klar, wie umständlich Recherche im Prä-Internetzeitalter war) und bekommt nach einigen Umwegen den Namen tatsächlich heraus.

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“Wir wissen alle, dass jeder anbrechende Tag für einige der erste und für andere der letzte und dass er für die moisten einfach nur ein weiterer Tag ist. Für den Geschichtslehrer Tertuliano Maximo Afonso wird dieser Tag, den wir heute schreiben und bei dem es kein Grund zu der Annahme gibt, dass es sein letzter ist, dennoch nicht einfach ein weiterer Tag sein. Das heißt, er präsentierte sich dieser Welt als Möglichkeit, ein weiterer erster Tag zu sein, ein weiterer Beginn, der daher auf ein weiteres Schicksal verweist.“

Natürlich will er sein Double Antonio Clara dann auch treffen und das Schicksal nimmt seinen unvermeintlichen Lauf… Das Ende ist nicht wirklich überraschend und so richtig hat mich der Plot nicht umgehauen – aber die Sprache hat ganz vieles wieder wett gemacht. Poetisch mit teils anspruchsvollen Ausdrücken die seltsam gut zum scheinbar durchschnittlichen und oft unbeholfenen Tertuliano passt. Etwas schwülstig-barockig gelegentlich, aber mit wirklich wunderschönen Passagen.

„… es gibt Situationen im Leben, in denen es tausendmal besser ist, weniger zu tun als mehr, man überlässt die Sache einfach der Sensibilität, sie weiß besser als die rationale Intelligenz, wie man vorzugehen hat, um die Vollkommenheit zu erreichen, sollten sie denn wirklich zu Vollkommenheit geboren sein.“

Ein Buch, das mir gleichzeitig richtig gut gefallen hat und mich mit seinen ellenlangen Sätzen ohne wörtliche Rede und exzessivem Komma-Gebrauch aber auch gelegentlich an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Hinter diesem Buch hätte ich wohl keinen Literaturnobelpreisträger vermutet. Es ist ein stark strapaziertes klassisches Motiv, ich hatte etwas mehr erwartet, trotzdem habe ich es gerne gelesen. Saramago-Neulingen würde ich es wohl nicht als Einstieg empfehlen. Da hat mir insbesondere „Die Stadt der Blinden“ oder auch „Die Geschichte der Belagerung Lissabons“ doch deutlich besser gefallen.