Große gemischte Tüte

Zu warm für lange Rezensionen. Hier in Kürze 5 Empfehlungen für schwüle Sommernächte:

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Süd-Afrika 1901. Sarah van der Watt und ihr sechsjähriger Sohn Fred werden während des Burenkrieges aus ihrem Haus in ein Internierungslager verschleppt, wo die höflichen britischen Angreifer ihnen versichern, sie seien in Sicherheit dort.

2014. Der sechzehnjährige Willem ist ein Außenseiter. In der Hoffnung, dass er endlich der Sohn wird, den sich seine Mutter und ihr Freund wünschen, zwingen sie ihn, ins New Dawn Safari Training Camp zu gehen, wo man stolz darauf ist, aus Jungs Männern zu machen. Sie versprechen ihm, er werde dort in Sicherheit sein.

“Above all this the stars shine. Willem pauses for a moment and feels the world turn as he struggles to pick out the Southern Cross among the interstellar static, He’s never seen a sky so big or so bright. It’s dizzying and he spins slowly to take it all in…” 

You will be safe hier ist ein eindringlicher Roman, der zwei südafrikanische Geschichten miteinander verbindet. Ein Roman um das Vermächtnis von Gewalt und unseren Willen zu überleben. Ein Buch das unter die Haut geht.

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Machines Like Me spielt in einer alternativen Vergangenheit in den 1980er Jahren in London. Charlie treibt antriebslos durch sein Leben, verdient ein paar Kröten mit Online-Börsenhandel und ist in seine Nachbarin Miranda verliebt, die ein schreckliches Geheimnis hütet. Als Charlie Geld erbt, kauft er sich einen Adam, einen der ersten künstlichen Menschen. Mit Mirandas Hilfe co-designt er Adams Persönlichkeit.

“The future kept arriving. Our bright new toys began to rust before we could get them home, and life went on much as before.” 

Dieser nahezu perfekte Mensch ist schön, stark, klug und es entspinnt sich sehr bald ein subversive Dreiecksbeziehung. Die drei werden mit einem tiefgehenden moralischen Dilemma konfrontiert – McEwans beliebter Modus Operandi.

McEwan hat wieder einen unglaublich intelligenten, unterhaltsamen und anregenden Roman geschrieben, der sich mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigt: Was macht uns zu Menschen? Unsere äußerlichen Handlungen oder unser innerstes Sein? Kann eine Maschine das menschliche Herz verstehen? Wieviel Rechte hat ein künstliches Leben?

“We create a machine with intelligence and self-awareness and push it out into our imperfect world. Devised along generally rational lines, well disposed to others, such a mind soon finds itself in a hurricane of contradictions. We’ve lived with them and the list wearies us. Millions dying of diseases we know how to cure. Millions living in poverty when there’s enough to go around. We degrade the biosphere when we know it’s our only home. We threaten each other with nuclear weapons when we know where it could lead. We love living things but we permit a mass extinction of species. And all the rest – genocide, torture, enslavement, domestic murder, child abuse, school shootings, rape and scores of daily outrages.” 

Ein provokanter, spannender Roman, der uns davor warnt, Geister zu rufen, die wir dann nicht loswerden bzw. nicht mehr kontrollieren können…

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Als Cora Seabornes brillianter, aber auch dominanter Ehemann stirbt, beginnt ein neues Leben für sie. Sie lässt ihre unglückliche Ehe hinter sich und hat endlich Gelegenheit, ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und Neugier den Raum zu geben, den sie braucht.

Zusammen mit ihrer Freundin und ihrem wahrscheinlich autistischen Sohn Francis verlässt sie London für einen Besuch an der Küste Essex, wo sie – ihrem Vorbild Mary Anning gleich – einem wissenschaftlichen Geheimnis auf der Spur ist.

Sie trifft bei ihren Nachforschungen auf den Pfarrer William Ransom, der ebenfalls mit dem Geheimnis um die „Essex Serpent“ beschäftigt ist. Cora ist eine begeisterte Naturforscherin mit wenig Sinn für Übersinnliches oder Religion und so sehr William und sie sich als Freunde schätzen, immer wieder geraten sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen aneinander.

The Essex Serpent ist eine großartige Gothic Novel im besten Sinne. Die Geschichte mag im späten 19. Jahrhundert spielen, die Themen finden sich aber ganz genau so im 21. Jahrhundert wieder. Glaube und Aberglaube treffen auf Wissenschaften und Fakten und auch die unterschiedlichen Formen der Liebe sowie moralische Limitierungen sowohl in der Liebe als auch in der Medizin.

“We both speak of illuminating the world, but we have different sources of light” 

Besonders gefiel mir, wie differenziert Perry mit den verschiedenen Formen der Liebe umgeht. Den schmalen Grat erfasst, wo Freundschaften sich verwandeln in andere Formen von Beziehungen, nicht immer klar benennbar, sondern changierend und abwechslungsreich.

“The windows in her room were open and light was fading on the wall. She said, ‘There may be blood,’ and he said, ‘Better that way – better’; and it was Cora’s mouth he kissed, and Cora’s hand she placed where she wanted it most. Each was only second best: they wore each other like hand-me-down coats.”

Großes Lesevergnügen.

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Loyalty Island in Washington State wird vom Meer beherrscht. Jeden Herbst fahren die Schiffe der Loyalty Islander hoch zur Bering See, um den Winter über Königskrabben zu fangen. Das ist die Industrie, die die Stadt und seine Geschäfte am Leben erhält, auch wenn stets der drohende Tod auf See über ihnen hängt. Für Cal, dessen Vater Kapitän eines der Boote ist, haben das Meer und Alaska etwas ähnlich mystisches wie die Piratengeschichten, die sein Vater ihm als Kind erzählte – aber er sieht auch, wie sehr das Meer verantwortlich dafür ist, dass die Ehe seiner Eltern alles andere als glücklich verläuft. Sowohl wenn sein Vater auf See ist, als auch, wenn er für ein paar Monate wieder zu Hause ist.

„Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten. Das Rumpeln von Außenbordern, von Windböen und Eismaschinen, das Heulen hydraulischer Winschen. Es war graues Dämmerlicht, das morgens und abends kam und ging – wie Ebbe und Flut.

Es war eine Aura der Einsamkeit.“

Die Familie Gaunt ist die mächtigste und einflußreichste auf der Insel. Ihnen gehört seit Generationen die Fangflotte auf Loyalty Island und sie sind der größte Arbeitgeber der Insel. Als John Gaunt plötzlich stirbt und sein entfremdeter Sohn Richard alles erbt, gerät das Leben auf der Insel außer Balance. Richard scheint wild entschlossen alles an die Japaner zu verkaufen und somit den Bewohnern der Insel ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage zu entziehen. Als Cal entdeckt, dass sein Vater möglicherweise drastische Schritte unternommen hat, um ihre gewohnte Lebensweise zu bewahren, steht er vor einer schwierigen Wahl…

Ein wunderbarer Roman über Väter und Söhne, das Ende der Kindheit,  Verantwortung, Loyalität und über die Frage, was Menschen zu unmoralischem Handeln treib. Ein Buch, das definitiv seinen eigenen Soundtrack verdient:

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Gordon Comstock verachtet den Materialismus und die Oberflächligkeit der Mittelklasse, ihre Anbetung des Geldes und ihr Streben nach langweiliger muffiger Seriosiät. Er will ganz nach seinen Idealen leben und kündigt seine gut bezahlte Stelle als Werbetexter und gibt sich ganz seinem Leben in Armut und anderen edelmütigen Aktivitäten hin.

So ein Leben in Armut ist allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken und seine permanente Geldfixiertheit (bzw. der Mangel an Geld) geht einem irgendwann auf den Keks. Es vergeht kein Absatz, in dem das Wort Geld nicht vorkommt. Ich hätte eventuell mehr Respekt für Gordon aufgebracht, wenn er in seiner edelmütigen Lebensweise in Armut nicht permanent auch seine Mitmenschen, insbesondere seine Verlobte und seine Schwester, mit ins Unglück gezerrt hätte.

“The mistake you make, don’t you see,is in thinking one can live in a corrupt society without being corrupt oneself. After all, what do you achieve by refusing to make money? You’re trying to behave as though one could stand right outside our economic system. But one can’t. One’s got to change the system, or one changes nothing. One can’t put things right in a hole-and-corner way, if you take my meaning.”

So edel seine Beweggründe sind, sich und seine Kunst (er ist Schriftsteller) nicht zu verkaufen, so wenig juckt es ihn, wie er die Menschen behandelt, die ihm nahestehen.
Ich bereue es keinesfalls, das Buch gelesen zu haben, es ist durchaus gut und hat viele gute Passagen, aber die Art, wie er mit Frauen umgeht und sein egozentrisches Verhalten haben ihn für mich zu einem der unsympathischsten Protagonisten gemacht, die ich seit langem in Büchern getroffen habe.

Down and out in Paris and London hat mir deutlich besser gefallen.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Damian Barr – „You will be safe here“ erschienen bei Bloomsbury
  • Ian McEwan – „Machines like me“ auf deutsch unter dem Titel „Maschinen wie ich“ bei Diogenes erschienen
  • Sarah Perry – „The Essex Serpent“ auf deutsch unter dem Titel „Die Schlange von Essex“ bei Eichborn erschienen
  •  George Orwell „Keep the Aspidistra flying“ auf deutsch unter dem Titel „Die Wonnen der Aspidistra“ im Diogenes Verlag erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich.
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Athen by the Book

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Nach mehreren Besuchen in Griechenland stand endlich auch Athen auf dem Programm und die Stadt hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen.

Über das Tourist Office kann man Stadtführungen mit einheimischen Nachbarschafts-Tourguides buchen und wir hatten mit unserer Stadtführerin richtig Glück. Katarina war so enthusiastisch und wusste unglaublich viel über die Geschichte und die Mythologie und ich glaube, hätte ich nicht für einen Call gegen 5 im Hotel sein müssen, wir würden noch immer mit ihr durch die Stadt laufen und keine Ecke unentdeckt lassen.

 

Leider weigerte sie sich standhaft, von uns ein Trinkgeld zu nehmen, sie sind sehr stolz, die Frauen in Athen 🙂

Ich konnte natürlich nicht ohne entsprechende Lektüre nach Athen reisen und um die Akropolis entsprechend würdigen zu können, packte ich Mary Beards „Partheon“ ein. Unser Aufstieg bei gefühlten 40 Grad im Schatten mit 10000 anderen Touristen ließ nicht viel Feierlichkeit aufkommen, aber interessant war es auf der Akropolis auf jeden Fall und man hat natürlich auch eine großartige Aussicht.

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Mary Beard nimmt uns in dem Buch auf die fast 2500 Jahre lange Geschichte mit, die das weltberühmte Gebäude hinter sich hat. In einem Wettstreit um die Vorherrschaft in Athen rangen Athene und Poseidon um die Gunst der Athener, die zu diesem Zeitpunkt natürlich noch keine Athener waren. Poseidon versprach Wasser, Athene Oliven und wir wissen, wie die Stadtbewohner sich entschieden.

Zur Ehre ihrer Schutzpatronin bauten die Athener der Göttin Athene den Parthenon mit einer über 10m hohen Statue der Göttin, von der leider kein Stückchen mehr übrig ist. Die Römer übernahmen später den Tempel und ehrten darin ihre eigenen Götter und nur wenig später verwandelten die Christen den Tempel in eine Kirche.

Während des Ottomanischen Reiches wurde das Gebäude in eine Moschee verwandelt und dummerweise lagerten sie dort ihr Schießpulver. Als die Venetianer die Akropolis befeuerten, um die Türken aus Athen zu befreien, gingen Teile davon in die Luft und zerlegten den Tempel zu großen Teilen. Als nächster kam Lord Elgin und „rettete“ die Trümmer und den wunderschönen Marmor-Fries und brachte ihn nach London, wo wir ihn heute im Britischen Museum bewundern können.

Durch das Buch wurde mir klar, dass ein Gebäude nur dann so lange existieren kann wie zB der Parthenon, wenn es in Gebrauch ist. Man sollte sich also eher freuen, dass die Christen und die Muslime den Tempel für ihre Zwecke nutzten, denn wäre der Parthenon schon deutlich früher eine Ruine gewesen, wäre heute wahrscheinlich überhaupt nichts mehr da.

„For to study the Parthenon is to be brought face to face with the very fragility of our grip on the Greek and Roman world, and with the challenges that are involved in even the simplest attempts to describe it, let alone explain or make sense of it.

The Parthenon in other words, offers an object lesson in those tantalizing processes of investigation, deduction, empathy, reconstruction and sheer guesswork that must be the hallmarks of any study of classics and the classical past.“

 

Besonders gut gefallen hat mir Zeus‘ Tempel und das Hadrianstor. Der Tempel wurde ca 680 BC zu Ehren des Göttervaters errichtet und seine 16 übrig gebliebenen Säulen korinthischen Stils lassen ahnen, wie beeindruckend dieser Tempel einst aussah. Er war einer der größten Tempel des antiken Griechenlands.

Das Hadrianstor wurde im Jahr 132 Kaiser Hadrian gewidmet. Es war kein Stadttor sondern ein Ehrenmonument. Hadrian hatte die Stadt wesentlich vergrößern und neue Viertel erbauen lassen. Es gibt zwei Inschriften auf der Seite zur Altstadt: „Dies ist Athen, einst Theseus Stadt“ und auf der anderen Seite „Dies ist Hadrians, nicht Theseus’ Stadt“.

Ein Buch das ebenfalls auf keiner Griechenland-Reise fehlen darf, ist die großartige Neuerzählung des Trojanischen Krieges aus weiblicher Sicht von Natalie Haynes.

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Die Geschichte von der Belagerung Trojas war nie nur die Geschichte von einer oder zwei Frauen, Haynes gibt allen Frauen in der Geschichte eine Stimme.

Als Creusa mitten in der Nacht erwacht, steht Troja in Flammen. Zehn endlose Jahre des Krieges und der Belagerung durch die Griechen gehen in Troja in dieser Nacht zu Ende. Die Griechen haben durch eine List gewonnen und in den nächsten Stunden wird sich das Leben, wie Creusa es kannte, in Asche verwandeln…

Die schrecklichen Konsequenzen des Falls der Stadt Troja erstrecken sich vom Berg Olympus bis zum Berg Ida, über griechische Inseln und über den Ozean hinweg. Die Geschichten der Frauen erzählen vom Krieg, von den Schrecken der anschließenden Sklaverei und auch davon, wie dieser schreckliche Krieg überhaupt anfing.

„A Thousand Ships“ gibt den Frauen, Mädchen und Göttinnen eine Stimme, die für so lange Zeit still waren. Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen – große Empfehlung.

Wer etwas Zeit mitbringt, sollte sich in Athen unbedingt mit dem Shuttle-Bus zum neuen großen Kulturzentrum SNFCC bringen lassen. Dort finden eine ganze Reihe kultureller Veranstaltungen statt, die Architektur der Gebäude ist beeindruckend und auch wer kein griechisch lesen kann, sollte unbedingt einen Abstecher in die dortige Bibliothek machen, die ist umwerfend.

 

Athen ist eine aufregende, pulsierende Stadt, die sehr viel mehr zu bieten hat als nur die Akropolis, die man sich aber auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Ganz lieben Dank noch einmal an Katarina, unsere tolle Stadtführerin und für den nächsten Besuch in der Stadt haben wir auch noch ein paar Sachen offen gelassen, die wir uns dann anschauen wollen.

So – hab ich euch jetzt Lust auf Griechenland gemacht? Dann kommt einfach mit, wenn ich euch in ein paar Tagen mit nach Naxos nehme.

 

Be like Water

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Eigentlich verrückt, die Biografie eines Schauspielers und Kung Fu Meisters zu lesen, von dem man nicht einmal einen Film geschaut hat. Auf Lees Biografie bin ich durch mein Fangirling auf Maria Popovas Seite „Brainpicking“ gestoßen, die vor einigen Jahren schon über das Buch geschrieben und mich sehr neugierig gemacht hat. Hier könnt ihr den entsprechenden Beitrag von ihr dazu lesen.

Bruce Lee ist ein Name, den viele kennen und man hat ihn als Schauspieler in mittelprächtigen Kung Fu Filmen der 1970er Jahre abgespeichert. Ich war recht überrascht zu lesen, dass er sich intensivst mit fernöstlicher und westlicher Philosophie beschäftigt hat und sein „Be like water“ Zitat dürfte weltberühmt sein. Bruce Lee war ein sehr intensiver Mensch, mit unglaublich Präsenz sowohl persönlich als auch auf dem Bildschirm. Besonders symphatisch war mir seine unglaubliche Leidenschaft für das Lesen und das Lernen.

Er füllte eine Menge an Notizbüchern, in denen er sich viel mit Philosophie, den Büchern die er gelesen hatte und seiner Kampfsportart Kung Fu beschäftigte. In der Philosophie faszinierte ihn die Verbindung zwischen westlicher und fernöstlicher Lehre, die er für sich in eine ganz eigene persönliche Philosophie der Selbsterkenntnis verwandelte. Das Buch „Bruce Lee: Artist of Life“ gibt Einblicke in seine persönliche Weiterentwicklung und ist eine spannende Mischung aus Philosophie, Psychologie, Poesie, Kung Fu und Schauspielkunst.

“The ideal is unnatural naturalness, or natural unnaturalness. I mean it is a combination of both.
I mean here is natural instinct and here is control. You are to combine the two in harmony.
Not if you have one to the extreme, you’ll be very unscientific.
If you have another to the extreme, you become, all of a sudden, a mechanical man
No longer a human being.
It is a successful combination of both.
That way it is a process of continuing growth.
Be water, my friend.

In dem Band sind auch eine Auswahl von Lees Briefen an Freunde und Bekannte enthalten, in denen er äußerst eloquent seine Gedankengänge nachvollziehbar macht und stets wohlmeinende Empfehlungen und Tipps zur persönlichen Entwicklung weitergibt.

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Im Buch sind auch zahlreiche Variationen eines Textes, in dem er über Kung Fu schreibt, diese waren mir irgendwann etwas zu repetitiv, das ist aber mein einziger Kritikpunkt an diesem Band, der einen Einblick in seine spannende Persönlichkeit bietet.

Sein tragischer Tod mit nur 33 Jahren konnte nie komplett aufgeklärt werden. Studiobosse sollen ihn aus ästhetischen Gründen gebeten haben, sich die Unterarm Schweißdrüsen entfernen zu lassen. Es gibt Mutmaßungen, dass ein sehr anstrengendes Training ggf. zu Überhitzung und Kopfschmerzen führte, gegen die ihm eine Schauspiel-Kollegin das Schmerzmittel Equagesic gab. Er legte sich hin, kam nicht zum Dinner zurück und konnte auch nicht wieder aufgeweckt werden. Bei Ankunft im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Hier noch ein interessantes Interview mit Bruce Lee:

Direkt im Anschluß las ich „Ego is the Enemy“ von Ryan Holiday. Schon der Titel hätte Bruce Lee wahrscheinlich gefallen und dessen Interesse an Taoismus und Stoizismus hätte bestens zu Ryan Holiday gepasst, einem Autor, der sich als selbsternannter moderner Stoiker ausgiebig mit dieser Philosophieschule beschäfigt.

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Ryan Holiday beschäftigt sich mit dem Ego, unserem größten Feind. Es kann uns davon abhalten, Notwendiges zu lernen, weil wir uns überschätzen und uns damit selbst im Weg stehen, unsere Talente zu entwickeln. Ist man erfolgreich ist, besteht stets die Gefahr, die eigenen Fehler zu übersehen, läuft gerade vieles schief, kann das eigene Ego extrem hinderlich daran sein, es erneut zu versuchen.

Amor Fati – die Liebe zum (eigenen) Schicksal ist ein wichtiges Konzept für Holiday. Gerade die schwierigen Episoden in unserem Leben machen uns zu den Menschen, die wir sind. Häufig muss man erst einmal ganz tief fallen, bevor man in der Lage ist, über sich hinaus zu wachsen.

“Impressing people is utterly different from being truly impressive.”

„Ego is the Enemy“ erinnert uns daran, dass wir alle stinknormal sind. Keiner schuldet uns etwas, wir sind nicht weniger, aber auch nicht mehr als Sternenstaub. Wir sind Teil des Universums, von etwas, das soviel größer ist als wir selbst. Wer am Meer sitzt, in der Natur wandert oder die Sterne beobachtet, bekommt einen Eindruck davon wie klein und unwichtig wir eigentlich sind. Aber auch von der unglaublichen Schönheit um uns herum.

“Your potential, the absolute best you’re capable of—that’s the metric to measure yourself against. Your standards are. Winning is not enough. People can get lucky and win. People can be assholes and win. Anyone can win. But not everyone is the best possible version of themselves.”

Ein Buch das daran erinnert, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, uns um unsere Mitmenschen und die Natur zu kümmern, denn das Ego ist gar nix und Liebe ist Alles 😉

“When we remove ego, we’re left with what is real. What replaces ego is humility, yes—but rock-hard humility and confidence. Whereas ego is artificial, this type of confidence can hold weight. Ego is stolen. Confidence is earned. Ego is self-anointed, its swagger is artifice. One is girding yourself, the other gaslighting. It’s the difference between potent and poisonous.” 

 

 

Warlight – Michael Ondaatje

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Eine Erzählung so mysteriös wie unsere Erinnerung, Warlight ist voller Schatten und gedämpftem Licht über nebeligem Gewässer. Eine aufregende Geschichte voller Geheimnisse, Liebe, Sehnsucht und Gewalt.

In 1945 our parents went away and left us in the care of two men who may have been criminals.

Ein großartiger erster Satz mit dem man sofort mitten im Geschehen war. Wir befinden uns im Jahr 1945 und London erholt sich nur langsam aus seiner Kriegsstarre, überall sind noch die Folgen der deutschen Luftangriffe auf die Stadt zu sehen und zu spüren. Der 14jährige Nathaniel und seine Schwester Rachel werden von ihren Eltern dem geheimnisvollen Moth überlassen.

Sie verdächtigen ihn, ein Krimineller zu sein, werden davon immer überzeugter und gleichzeitig dieser Tatsache immer gleichgültiger gegenüber. In der Wohnung ihrer verschwundenen Eltern leben sie inmitten einer dubiosen, aber sehr interessanten Gruppe wechselnder Charaktere. Die Männer und Frauen, die dort immer wieder ein- und ausgehen, scheinen sich zu kennen und sind alle damit beschäftigt, das Geschwisterpaar zu beschützen und sie auf fragwürdige nächtliche Touren mitzunehmen.

„The house felt more like a night zoo, with moles and jackdaws and shambling beasts who happened to be chess players, a gardener, a possible greyhound thief, a slow- moving opera singer.“

Der erste Teil der Geschichte, als Nat und Rachel im Teenageralter sind, spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit in London. Voller Atmosphäre beschreibt Ondaatje das nächtliche Treiben, mit dem die Moth sein Geld verdient und bei dem ihm das Geschwisterpaar unter die Arme greift. Beim Lesen kann man quasi den Nebel über der Themse auf dem Gesicht spüren. Leise fährt das Boot mit seiner geheimnisvollen Fracht durch die weiterhin einzig vom Kriegslicht beleuchtete Nacht.

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We passed industrial buildings, their lights muted, faint as stars, as if we were in a time capsule of the war years when blackouts and curfews had been in effect, when there was just warlight and only blind barges were allowed to move along this stretch of river.“

Der Focus der Geschichte liegt vorwiegend auf Nathaniel, wir erleben ganz in „coming-of-Age“-Manier seine ersten Erfahrungen in der Liebe, in die Welt der Arbeit sowie seine Erlebnisse während der nächtlichen Touren. Durch seine abwesenden Eltern ist er stets auf der Suche nach Vorbildern, an denen er sich orientieren kann. Der „Darter“, mit dem er die nächtlichen Touren macht, wird ihm fast ein Stück weit Vaterersatz.

„You return to that earlier time armed with the present, and no matter how dark that world was, you do not leave it unlit. You take your adult self with you. It is not to be a reliving, but a rewitnessing.“

Der zweite Teil der Geschichte ist deutlich anders. Wir erfahren mehr über seine Mutter Rose und ihre Mission während des Krieges und danach. Ondaatje behält das Motiv der fast kompletten Dunkelheit auch im zweiten Teil des Romans bei, wobei mir der erste Teil etwas besser gefallen hat.

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„There are times these years later, as I write all this down, when I feel as if I do so by candlelight.“

Diese Dunkelheit bezieht sich auch auf die Figuren, die teilweise nur unter ihren Kriegs- und Spitznamen bekannt sind und deren Leben häufig fast komplett im Dunkeln bleibt. 

Ondaatje schreibt wunderbar poetisch, bewegend und voller Atmosphäre. Seine Erzählweise ist selten linear, wobei es bei Warlight noch recht harmlos ist. In seinem früheren Buch „Divisadero“ sah das zum Beispiel deutlich anders aus.

In Warlight geht es um dunkle Geschichten, Geheimnisse, Rätsel und Ungewissheit und vor allem auch um das Erinnern und die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen. Mich hat Nat’s Geschichte und auch insbesondere die seiner Mutter sehr fasziniert. Man kann viel biographisches herauslesen, wenn man möchte.

„But the only hope given us, although only in retrospect, is that we change. We learn, we evolve. What I am now was formed by whatever happened to me then, not what I have achieved, but by how I got there. But who did I hurt to get there? Who guided me to something better? Or accepted the few small things I was competent at? Who taught me to laugh as I lied? And who was it made me hesitate about what I had come to believe about the Moth? Who made me move from just an interest in „characters“ to what they would do to others? But above all, most of all, how much damage did I do?“

Im Bookclub entwickelte sich eine sehr spannende Diskussion um das Buch und es wurde auch fast ausschließlich für sehr gut bis gut befunden. Aufmerksam war ich auf das Buch durch Barack Obamas‘ Leseempfehlung auf Twitter oder Facebook und ich merke, Herr Obama und ich haben anscheinend einen ganz ähnlichen Geschmack. Vor einer Weile war ich bei der Lesung von Michael Ondaatje zu „Warlight“ im Literaturhaus und das war ein sehr schöner und interessanter Abend, ein sehr sympatischer Autor.

Egal ob ihr das Buch bei Taschenlampe-, Kerzen- oder Sonnenlicht lest – das Buch wird euch ins nebelverhangene London transportieren, ob ihr wollt oder nicht.

Eine weitere Rezension zu dem Buch findet ihr hier bei letusreadsomebooks.

 

Short and Sweet (8)

Kurt – Sarah Kuttner

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Über Kurt braucht man glaube ich nicht mehr viel zu sagen. Da ist Sarah Kuttner wirklich etwas ganz Großes gelungen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich derart berührt hat und dabei so leicht und überhaupt nicht melodramatisch daher kommt.

Frau Kuttner ist eine irre intelligente, warmherzige Persönlichkeit, die ich unbedingt mal auf einer Lesung erleben möchte oder noch besser, mit ihr Füße in den Fluß halten und dabei ein Bier oder zwei trinken.

Mein Überraschungsbuch des Jahres bislang.

Der Klappentext fasst es wunderbar zusammen:
Von der Suche nach Familie, der Sehnsucht nach dem richtigen Ort und darüber, dass nichts davon planbar ist.

»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen, vor allem wenn Kurt schon extra aufs Land zieht. Und so pendelt das Kind nun wochenweise zwischen seinen beiden Oranienburger Zuhauses hin und her: zwei Häuser, zwei Kinderzimmer, unterschiedliche Regeln und alle Menschen, die er liebt. Und dann bin da noch ich.«

Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen. Daran, dass Brandenburg nun Zuhause sein soll. Doch als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert. Sarah Kuttner erzählt von einer ganz normalen komplizierten Familie, davon, was sie zusammenhält, wenn das Schlimmste passiert. Sie erzählt von dieser Tragödie direkt und leicht und zugleich mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, so einfach und kompliziert, wie nur Sarah Kuttner das kann.

Slade House – David Mitchell

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Slade House begann als experimentelle Kurzgeschichte „The Right Sort“ und wurde zuerst auf Twitter veröffentlicht. Daraus entwickelte Mitchell dann ein eigenes Buch, das zum Universum seines Romans „The Bone Clocks“ dazugehört.

Wie schon in seinen früheren Büchern sind die Kapitel eher miteinander verbundene Kurzgeschichten mit einem darunter liegenden Thema (Fox and Hounds, das mal als Pub, als Spiel oder als Analogie auftaucht). Slade House besteht aus 5 Geschichten die sich über 9 Jahre hinziehen.

Jedes Kapitel wird von einer Person erzählt, die Slade House besucht und jede hat eine ganz eigene charakteristische Stimme (das kann Mitchell wirklich!). Der Plot an sich ist deutlich weniger charakteristisch und das ist wohl auch volle Absicht. Die fast schon hypnotischen Wiederholungen sollen den Leser in die mysteriöse Welt hineinziehen und Erwartungen wecken auf das, was dem nächsten Besucher von Slade House passiert.

“Grief is an amputation, but hope is incurable haemophilia: you bleed and bleed and bleed.”

„The Bone Clocks“ hat mir sehr gefallen, mit dem Slade House hab ich mich schwerer getan. Tolle Figuren, das ist wirklich Mitchells Stärke, aber der Plot hatte für mich Löcher und die ständigen Wiederholungen haben mich nach einer Weile etwas genervt. Ich würde es wohl nur „hard-core“ Mitchell Fans empfehlen, wobei es nicht dick ist, schnell gelesen und man schon ganz gut unterhalten wird.

The Immortalists – Chloe Benjamin

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Wenn Du den Tag Deines Todes kennen würdest, wie würdest Du Dein Leben leben? Diese Frage ist die Prämisse des Romans, die ich sehr spannend fand und bei der ich mich dauernd fragte, ob dieses Thema nicht schon häufiger in der Literatur behandelt wurde. Mir ist es jedenfalls vorher noch nicht untergekommen ist.

Kennt ihr Romane zu diesem Thema?

Im Jahr 1969 schlägt eine mysteriöse Frau in New York’s Lower East Side ihr Lager auf. Sie ist eine reisende Hellseherin, die von sich behauptet, jedem den Tag seines Todes nennen zu können. Von irgendwem hören die 4 Kinder der Familie Gold von dieser Frau und sie beschließen, heimlich zu Hause auszubüxen und sich ihren Todestag nennen zu lassen.

“She understands, too, the loneliness of parenting, which is the loneliness of memory—to know that she connects a future unknowable to her parents with a past unknowable to her child.“

Diese Vorhersagen prägen ihr jeweiliges Leben über die nächsten fünf Jahrzehnte. Sonnyboy Simon verschwindet mit seiner Schwester Klara an die Westküste, wo er im Gay Viertel San Franciscos der 80er Jahre auf der Suche nach Liebe ist. Seine nur etwas ältere verträumte Schwester Klara wird Zauberkünstlerin in Las Vegas und hat Schwierigkeiten, Wirklichkeit und Fantasie auseinanderzuhalten.

Der älteste Sohn Daniel wird Militärarzt und die lernbegierige Varya stürzt sich in ihre Arbeit – eine Studie zu Langlebigkeit – und testet dabei die schmale Grenze zwischen Wissenschaft und Unsterblichkeit.

Chloe Benjamin zieht einen insbesondere in den ersten beiden Kapiteln zu Simon und Klara komplett in ihre Welt. „The Immortalists“ sondiert die Grenze zwischen Vorhersehung und freier Wahl, Wirklichkeit und Illusion und wie schwer es ist sich von familiären Bindungen zu lösen.

Ein Buch das in unserem Buchclub zu sehr guten und spannenden Diskussionen geführt hat und wir wären alle zu feige gewesen, uns unseren Todestag nennen zu lassen.

Wie sieht es bei euch aus? Würdet ihr es wissen wollen?

#Women in Science (6) Lisa Genova

Ich freue mich ganz besonders, dass Claudia vom wunderbaren Blog „Das graue Sofa“ bei dieser Reihe dabei ist, denn bei den #WomeninSciFi kassierte ich einen Korb 😉 Eine geglückte Zusammenarbeit haben wir mit der Reihe „Der Hund in der Literatur“ bereits hinter uns.

Sie stellt die Neurowissenschaftlerin Lisa Genova vor, die an der Harvard Medical School lehrte und auch als Autorin tätig ist.

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Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Lange Jahre nach den naturwissenschaftlichen Pionierinnen, den Frauen, die noch darum kämpfen mussten, studieren zu können, wissenschaftliche Studien durchzuführen und zu publizieren, die hinter ihren Männern versteckt lebten, obwohl sie ebenfalls Anteil an den wegweisenden neuen Forschungsergebnissen hatten, hat Lisa Genova ihre Studien begonnen. 1970 geboren, studierte sie zunächst Biopsychologie und promovierte dann in Harvard im Bereich der Neurowissenschaften über Drogenabhängigkeit. Als ihre Großmutter an Alzheimer erkrankte und Genova nach Literatur suchte, um nachvollziehen zu können, wie es ihrer Großmutter erging, was sie empfand und was sie von ihrer Umwelt noch wahrnahm, fand sie nur medizinische Literatur, die sich jedoch kaum mit den Erlebnissen und Empfindungen der Patienten beschäftigten.

So verband sie ihre Kenntnisse der Neurowissenschaften, deren Aufgabe ja die Erforschung des Nervensystems und des Hirns ist, mit dem Ziel, die Patientensicht mehr in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Das leistete ihrer Meinung nach besonders der Roman. Und so begann sie 2004 mit der Arbeit an „Still Alice“, der Geschichte der an einer früh ausbrechenden Alzheimer-Erkrankung leidenden Harvard-Professorin Alice Howland.

Wahrscheinlich ist es 10 Jahre her, denn meine Romanausgabe datiert von 2009, dass ich Genovas Roman gelesen habe. Und doch sind mir noch einige Szenen ganz lebhaft in Erinnerung: Wie Alice sich auf ihrer Jogging-Runde, die sie fast täglich läuft, auf einmal nicht mehr zurechtfindet und es geraume und panikerfüllte Zeit dauert, bis sie sich wieder erinnert, welcher Weg nach Hause führt. Wie sie in ihrem Büro sitzt, sich wundert, wie ruhig es auf den Gängen ist, sich aber freut, endlich ihre To-do-Liste in Ruhe und sogar ohne störende Telefonate abarbeiten zu können, dann nach Hause geht und dort endlich sieht, dass es draußen ja tiefste Nacht ist. Dass sie bei den Alzheimer-Untersuchungen irgendwann nicht mehr in der Lage ist, eine analoge Uhr mit einer vorgegebenen Uhrzeit aufzuzeichnen. Dass sich in ihrem Hausflur plötzlich ein großes Loch auftut, das ihr Angst verursacht. Ich habe die Szenen alle wiedergefunden, als ich den Roman jetzt noch einmal gelesen habe. Und mir scheint auch, dass das wenige, was ich über Alzheimer weiß, aus diesem Roman über Alice Howland stammt.

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Alice Howland ist eine renommierte Psychologie-Professorin, die sich besonders mit der Linguistik beschäftigt. Sie ist verheiratet mit John, der als Biologe und Zellforscher ebenfalls Professor in Harvard ist, und hat drei erwachsene Kinder. Sie lebt ein rundherum erfülltes, glückliches und erfolgreiches Leben. Bis sie im Sommer 2004, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, nicht mehr darüber hinwegsehen kann, dass ihr doch immer öfter wichtige Dinge entfallen. Und es ist nicht die ständig verlegte Brille oder der nicht mehr auffindbare Hausschlüssel, das sind Johns Spezialität, die ihr zu denken geben, sondern Absprachen, die sie vergisst einzuhalten, oder die Termine, die ihr – morgens noch daran gedacht – über den Tag entfallen. Ausschlaggebend aber ist ihre völlige Orientierungslosigkeit während einer ihrer üblichen und immer gleichen Joggingrunden. Sie kennt den Platz, an dem sie steht, sie kennt alle Gebäude um sich herum, alle Straßen, aber diese Einzelinformationen kann sie nicht mehr zu einem Gesamtbild zusammensetzen, um zu wissen, in welcher Richtung ihr Haus liegt. Ihr bricht der Schweiß aus, das Herz rast – und es dauert endlose Minuten, bis die Erinnerung wiederkehrt. Noch zu Hause zittern ihr die Beine, wirkt die Panikattacke nach.

Alice wendet sich an ihre Hausärztin, erzählt ihr die Vorkommnisse, möchte mir ihr abklären, ob es sich bei ihrer Vergesslichkeit und der Orientierungslosigkeit um eine Begleiterscheinung der Wechseljahre handeln und eine Hormonersatztherapie Abhilfe schaffen könnte. Und so beginnen eine Reihe von weiteren Untersuchungen, an deren Ende die Erkenntnis steht: Alice ist an Alzheimer erkrankt, an einer Form, die in besonders jungen Jahren ausbricht.

Lisa Genova erzählt Alice´ Geschichte am Verlauf der Erkrankung entlang. Sie erzählt von Therapieüberlegungen, von den schnell immer gravierender werdenden Gedächtnisstörungen, von manchen Fehlern und fatalen Irrtümern, die Alice bei ihrer Arbeit unterlaufen. Vor allem aber erzählt sie davon, welche Wirkungen die Diagnose auf Alice und auf ihre Familie hat. Dabei nimmt Alice die Mitteilung ziemlich gefasst auf und geht oft überraschend rational damit um. Immer wieder kann sie sich Mut machen, wenn sie überlegt, was ihr wichtig ist in ihrer verbleibenden Zeit, nämlich jeden Moment zu genießen. Und so fällt ihr auch eine Geschichte aus ihrer Kindheit ein, als sie so traurig gewesen ist darüber, dass die Schmetterlinge nur ein paar Tage leben. Ihre Mutter hat sie getröstet und gesagt, sie solle nicht traurig sein wegen der Schmetterlinge, denn dass ihr Leben kurz sei, heiße ja nicht, dass es tragisch war. […] Sieh mal, sie haben ein wunderschönes Leben.“ Manchmal aber ist die Verzweiflung erkennbar, manchmal das Grauen vor dem, was ihr noch bevorstehen mag. Dass sie irgendwann die Worte nicht mehr wird finden können, um sich auszudrücken, dass sie sich selbst mehr und mehr verliert, dass sie ihre Kinder und ihren Ehemann nicht mehr wird erkennen können. Einmal besucht sie ein Pflegeheim und besichtig die Alzheimer-Abteilung, in der vor allem alte Menschen leben: Da will sie nicht hin, da muss es einen anderen Plan geben.

John aber will den Befund nicht wahrhaben. Er meint, Alice sei viel zu früh zu einem Neurologen gegangen. Es wäre doch klar, dass der finde, was in sein Spezialgebiet passe. Dann liest er sich ins Thema ein, geht mit Alice zu einer Untersuchung und spricht mit dem Neurologen über exaktere Diagnosemethoden, über andere Krankheiten, die Alice´ Symptome auch hervorrufen könnten. Alice lässt ein Screening durchführen und hat nun die Gewissheit, dass sie eine vererbbare Form der Alzheimer-Erkrankung hat. John lässt nicht locker. Denn nun schlägt er dem behandelnden Arzt neue Medikationen vor, allesamt Therapien, die noch in der Erforschung sind. Immer wieder kommt es zwischen ihm und Alice zu Konflikten, weil er so schlecht zuschauen kann, wie sich ihr Zustand immer weiter verschlechtert und sich stattdessen in seine Arbeit stürzt, während Alice ihn vermisst und möglichst viel Zeit mit ihm verbringen möchte.

Starke Momente hat der Roman immer dann, wenn sich aus den Folgen der Erkrankung Fragen für alle Familienmitglieder stellen: Für Alice – solange sie das entscheiden kann – wie sie leben möchte. Und wie sterben. Vielleicht kann sie so ruhig und gefasst mit ihrer Situation umgehen, weil sie ja ihre Exit-Strategie hat. Die dann aber grandios scheitert, weil sie doch nicht mit allen Tücken der Krankheit gerechnet hat. Für John stellt sich die Frage, ob er es schafft, Alice nahe zu bleiben und sie zu pflegen. Und wie er sein eigenes Leben weiter plant, für die Zeit, wenn Alice ihn nicht mehr erkennt. Und für ihre Kinder: Wollen sie sich testen lassen und wissen, ob sie die Gen-Mutation ebenfalls geerbt haben. Wie werden sie sich bei einem eigenen Kinderwunsch entscheiden? Werden sie dann auf die embryonale Gendiagnostik zurückgreifen und nur gesunde Embryonen auswählen? Wenn Alice sich so entschieden hätte, dann hätte sie eine ihrer Töchter nicht zur Welt gebracht und kennengelernt.

Starke Momente hat der Roman auch immer dann, wenn er aus Alice´ Sicht erzählt, wie ihre Demenz verläuft. Es ist diese Erzählperspektive, die die Geschichte interessant, die ihre Krankheit so nachvollziehbar macht. Die Entscheidung für die Sie-Erzählerin ist eine Gratwanderung, denn im Grunde ist die Erzählerin mit Blick auf ihre Erkrankung nicht glaubwürdig. Indem Alice aber ihr Verhalten und ihr Erleben erzählt, ihre Fehlleistungen inklusive, indem sie auch die Reaktionen ihrer Umwelt miterzählt, können wir uns ein Bild machen von der Verschlechterung von Alice Gedächtnisleistung, insbesondere ihres Kurzzeitgedächtnisses. Wir können aber auch erkennen, welche Kompetenzen sie zu jedem Zeitpunkt noch hat. Und lernen, dass es gerade die Emotionen sind, über die die Alzheimer-Erkrankten noch lange mit ihrer Umgebung kommunizieren können.

Genova Erfolg in den USA hat sich erst später eingestellt. Denn zunächst interessierte sich kein Verlag für ihren Roman. Erst als ihre Veröffentlichung im Selbstverlag so erfolgreich war, fand sich auch ein Verlag. Nun ist Lisa Genova im englischsprachigen Raum anerkannt und wird mit Oliver Sacks verglichen, ihre Bücher, allen voran „Still Alice“, sind zu New-York-Times Bestsellern geworden. Dagegen ist ihr Erfolg in Deutschland sehr viel bescheidener. In den Zeitungsfeuilletons ist ihr Roman kaum besprochen worden, einige Beiträge gab es im Radio.

Das mag daran liegen, dass Genovas Roman an manchen Stellen sehr gefällig konstruiert ist, hollywood-like, mit – soweit das unter diesen Umständen geht – gutem Ausgang. So gibt es keine Auseinandersetzung mit der Uni-Verwaltung, kein finanzielles Desaster und sogar eine perfekte Betreuung durch ihre Töchter – die allerdings nur eine begrenzte Zeit funktionieren wird. Die geringe Resonanz mag auch an der sprachlichen Gestaltung liegen, die wenig poetisch ist, oft eher an einer möglichen Realität entlangerzählt mit langen Passagen wörtlicher Rede bei den Patientengesprächen. Und die immer wiederkehrende Rede von der „harten Arbeit“ ist für europäische Augen und Ohren auch nicht gut erträglich.

 „Still Alice“ ist keine Literatur, die durch die überraschenden Wendungen der Handlung oder eine originelle Sprache überzeugt. Trotzdem hat der Roman einen nicht zu unterschätzenden Wert, wenn er den Lesern den Verlauf und die Auswirkungen einer Krankheit näherbringt und so dazu beiträgt, die Stigmatisierung der Betroffenen zu mindern. Zu diesem Ziel hat sicherlich auch seine Verfilmung beigetragen und die Auszeichnung der Hauptdarstellerin Julianne Moore mit dem Oscar und dem Golden Globe.

Lisa Genova (2009): Mein Leben ohne Gestern (Still Alice), aus dem amerikanischen Englisch von Veronika Dünnger, Bergisch Gladbach, Verlagsgruppe Lübbe GmbH und Co KG

Figuring – Maria Popova

“History is not what happened, but what survives the shipwrecks of judgment and chance.”

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Maria Popova hat mit Brainpickings einen meiner liebsten Blogs geschaffen, dem ich seit vielen Jahren folge und dem ich unglaublich viele Lektüretipps, Ideen und spannende Einsichten verdanke. Sie schafft es schon seit Jahren von einem Blog leben zu können, der sich mit Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Feminismus, Poesie, Astronomie und vielem anderen beschäftigt.

Das Buch beginnt mit Johannes Kepler und mit dem Einfluß, den er mit seiner Persönlichkeit und seinem beruflichen Leben auf eine ganze Litanei an Menschen in der Astronomie und der Kunst seither genommen hat. Alles ist miteinander verbunden. Gedanken und Ideen durchdringen Raum und Zeit, landen irgendwo, inspirieren und die Kombination ganz unterschiedlicher Ideen führt immer wieder zu neuen und weiteren Entdeckungen.

“Lives interweave with other lives, and out of the tapestry arise hints at answers to questions that raze to the bone of life: What are the building blocks of character, of contentment, of lasting achievement? How does a person come into self-possession and sovereignty of mind against the tide of convention and unreasoning collectivism? Does genius suffice for happiness, does distinction, does love?”

„Figuring“ ist ein multidisziplinärer Begriff. Er steht für die Verbindung von unterschiedlichen wissenschaftlichen Domänen, den Künsten und menschliches Erkenntnisvermögen. Es gibt sogar ein Institute for Figuring in den USA, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen mit der ästhetischen und poetischen Dimension von Naturwissenschaft und Mathematik in Verbindung zu bringen. Und Kepler ist eine der großen Inspirationen für dieses Vorgehen, da er einer der führenden „Figurer“ in der Geschichte war.

“In science as in romance, the unknown is disrobed sheath by sheath as fervid fantasies imagine the possibilities conquerable by knowledge—fantasies that far outstrip the reality eventually revealed as knowledge progresses.” 

Für Popova ist Kepler sowas wie der Ur-Vater in ihrem Buch. Ein Mann, dessen facettenreiches Leben eine Verflechtung aus Naturwissenschaft, Ästhetik und Theologie war. Von ihm aus leitet sie uns an eine ganze Reihe historischer Charaktäre weiter, die ebenfalls disziplinübergreifend tätig waren, die Grenzen überschritten haben auf der Suche nach Warheit, Schönheit und der Suche nach dem wahren und richtigen Leben.

Für dieses disziplinübergreifende Sein könnte man sich keinen besseren Paten vorstellen als Kepler. Er schrieb eine Abhandlung über Schneeflocken, verfasste eine Stereometrie der Weinfässer, berechnete die Umlaufbahn von Planeten und gab 5 Bücher zur Harmonik der Welt heraus. Seine berühmteste Entdeckung war, dass die Planeten in Elipsen um die Sonne wandern, wobei er mal eben ein 2000 Jahre altes astronomisches Dogma über den Haufen warf und damit den Weg für Newtons Law of Gravity ebnete.

Auch wenn Kepler auch nicht annähernd so berühmt ist wie Newton oder Kopernikus, so ist er doch auf Augenhöhe mit ihnen und er ist einfach eine sehr spannende Persönlichkeit, insbesondere durch seine Mischung aus mathematischer Strenge und ästhetischer Verspieltheit. Er verteidigte seine Mutter, die von der Kirche der Hexerei angeklagt wurde und die er nach langem und qualvollem Prozess am Ende zum Freispruch verhilft. Kepler erkennt auch, dass seine Mutter als Frau nie die Möglichkeit hatte, selbst eine Gelehrte zu werden, sondern ihnen hilflos ausgeliefert war. Das veranlasste Kepler zu einer sehr modernen Erkenntnis:

“The difference between the fates of the sexes, Kepler suggests, is not in the heavens but in the earthly construction of gender.”

Nach dem Einstieg mit Kepler fokussiert sich Popova weitestgehend auf weibliche Geschichten und man begegnet hier ein paar sehr interessanten Frauen – alle unerschrockene Denkerinnen – die immense Hindernisse überwinden mussten um astronomische Entdeckungen machen zu können, zu schreiben, zu malen oder die Umweltbewegung zu gründen.

Besonders spannend fand ich die Astronominnen Maria Mitchell und Caroline Herschel, die Mathematikerin Mary Somerville, die Autorin/Kritikerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin/Umweltaktivistin Rachel Carson. Frauen, die allesamt die Verkörperung von Francois Poullain de la Barres Aussage sind „the mind has no sex.“

„Figuring“ ist ein komplex geknüpftes Netz, in dem die Leben dieser Frauen und einem guten Dutzend weiterer wissenschaftlicher und literarischer Figuren über Jahrhunderte und Kontinente hinweg miteinander verbunden sind. Verbunden durch unerwartete Verkettungen  wie gemeinsame Freunde, „Serendipity“ (das wunderbare Wort kann man einfach nicht wirklich übersetzen finde ich), durch Zusammenkünfte, Briefe, Freund- und Liebschaften. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass Popovas Hirn durch die immensen Berge an Literatur, die sie liest, mit speziellen Filtern ausgestattet ist, das solche Verbindungen aufspürt:

“The world is bound by secret knots.” (Athanasius Kircher)

Aber vor allen Dingen gelingt es Popova, diese Menschen greifbar zu machen, man lebt, leidet, liebt mit ihnen und sie alle Leben changierend zwischen Zufall und Entscheidung.

“Those who stand to gain from the manipulation of truth often prey on those bereft of critical thinking.” 

Gelegentlich bin ich in den Verlinkungen und Verbindungen etwas verloren gegangen, dann hatte ich manchmal das Gefühl beim Lesen Brotkrumen legen zu müssen, damit ich mich von den verwobenen Abschweifungen wieder zum Hauptteil des Kapitels zurückfinde.

Aber es kann ab und an ja auch ganz schön sein sich zu verirren. Man macht überraschende Entdeckungen und am Ende findet man meist wieder zurück. In „Figuring“ treffen wir auf brilliante Menschen mit spannenden Gehirnen – die meisten davon gehören Frauen und die überwiegende Anzahl der Figuren im Buch ist queer und sie alle bestehen darauf, das Leben bis zum Letzten auszukosten und sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen.

Einen der schönsten Sätze sagt die Astronomin Maria Mitchell zu ihren Studenten:

“Mingle the starlight with your lives.“

Kepler hätte dem sicherlich zugestimmt.

Große Empfehlung und eine großartige Schatzkiste insbesondere für meine #WomeninScience Reihe