Erlesener Sommer – die August Bücher

Draußen war nicht immer so viel Sommer, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich habe mir den Sommer auf jeden Fall mit einer ganzen Reihe Bücher herbeigelesen. Der August war ein guter Lesemonat mit interessanten Entdeckungen, erneuten Begegnungen und ohne Ausfälle.

Ich starte gleich mal mit einer meiner größten überraschenden Entdeckungen. Ein Buch, das mir garantiert durch die Lappen gegangen wäre, hätte mich die wunderbare Susanne vom Diogenes Verlag nicht zu einer Autorinnen-Lesung/Zoom-Runde eingeladen. Leseexemplar bestellt, aufgrund vom Klappentext erst mal gar nicht so viel erwartet und dann war ich aber – peng – komplett umgehauen, von diesem überraschenden, ungewöhnlichen, bild- und sprachgewaltigen Werk:

Ohne Fürsorge und Liebe wächst der 11-jährige Martin am Rande eines Dorfes auf. Er hat nur seinen schwarzen Hahn und wird gemieden von den Dörflern, die das Tier für den Teufel halten. Doch nutzen sie den Jungen aus, wann immer sich die Möglichkeit bietet. Martin jedoch verfügt über ein reines Herz und einen wachen Verstand, der ihn Verbrechen erkennen lässt. Als er mit ansehen muss, wie ein schwarzer Reiter, der der Legende nach jedes Jahr Kinder entführt, ein Mädchen raubt, steht für ihn fest, dass er die verschwundenen Kinder finden und dem Spuk ein Ende setzen muss. Mit dem Maler verlässt Martin sein Dorf und bricht auf zu einer Odyssee, auf der er nicht nur menschlichen Abgründen nachspürt, sondern auch seinen Fähigkeiten.

Ein Roman über die Hoffnung in einer dunklen Welt, über Mut und den Sieg der Rationalität über Aberglauben und Hass. Großartige Sprache – unvergessliche Bilder, dieses Buch wird, glaube ich, durch die Decke gehen und ich würde mich für die sympatische Autorin von Herzen freuen.

Witziger Zufall war die Verknüpfung, die in meinem Hirn passierte zwischen dem Maler in diesem Buch, der irgendwann im Mittelalter in einer Kirche ein Wandgemälde anfertigt und dem Roman „Ein Monat auf dem Land“, in dem ein junger Restaurateur in den 1920er Jahren ein Wandgemälde aus dem Mittelalter in einer Kirche freilegt. Was für ein witziger Zufall…

„Alles an ihm wirkt ruhig und bedacht. Und das macht ihn den Leuten im Dorf unbequem. Sie haben es nicht gern, dass einer zu lebendig ist oder zu ruhig.“

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein wunderschöner Roman über eine besondere Freundschaft, die Ruhe auf dem Lande und den Einfluss der Vergangenheit. Die junge Sally ist von zu Hause weggelaufen und trifft auf Liss, die einen eigenen Bauernhof betreibt. Liss nimmt Sally bei sich auf und zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine Beziehung, die sie nicht erwartet hatten.

Vor allem die Beschreibungen der Landschaft und des Geschehens auf dem Hof schaffen eine gewisse Ruhe beim Lesen. Die Langsamkeit, mit der Liss und Sally mit ihren Händen Birnen und Trauben pflücken, Kartoffeln ausgraben und all die anderen Arbeiten verrichten, spiegelt sich auch im Schreibstil des Romans wider. In aller Ruhe. Der ruhige Bauernhof, das friedliche Dorf mit seinen Kirchenglocken, das Tal, in dem der Nebel verweilt… Die Atmosphäre der Umgebung ist wunderschön wiedergegeben.

Ein Buch, das garantiert blutdrucksenkende Wirkung hat und man es kaum abwarten kann zum Markt zu kommen, um verschiedene Birnensorten zu kaufen, die man während des Lesens verzehrt. Das perfekte Spätsommerbuch und ein Autor, von dem ich sehr gerne noch mehr lesen möchte.

Vielleicht würde Sonnenlicht so schmecken, wenn es durch das Laub alter Bäume direkt auf die Zunge fiele.

Tom Birkin wird beauftragt, ein mittelalterliches Wandgemälde in einer Kirche freizulegen und zu restaurieren, das vor über vierhundert Jahren verdeckt wurde. Als er die Kalk- und Schmutzschichten fachmännisch abblättert, findet er an den Wänden unerwartete Motive von berauschender Qualität. Auch was er über die Menschen, insbesondere über sich selbst, erfährt, ist unerwartet: Der Prozess der Restaurierung ist für ihn der Beginn einer Transformation und wunderbar erholsam.

Und Erholung hat er bitter nötig. Der 1. Weltkrieg hat ihn an Leib und Seele zerstört, er kehrt entfremdet in sein altes ziviles Leben zurück. Während seine Gefühle in der heutigen Zeit auf eine posttraumatische Belastungsstörung zurückgeführt werden können, hatte Birkin 1920 kein Ventil für seine Gefühle. Seine Frau Vinny hatte ihn wegen eines anderen Mannes verlassen, desillusioniert vom Leben als ungewollter Single in London nimmt Birkin den Restaurantions-Job in einem kleinen Dörfchen namens Oxgodby an.

J.L. Carr schafft es auf elegante Weise, eine große Bandbreite und Tiefe auf nur 102 Seiten zu vereinen: Geheimnisse, Liebe, Tragödie, Humor, soziologische Analysen, verlorene Chancen, Freundschaft, Kunst und allgemeine Schönheit. Es ist eine nuancierte Mischung, die geschickt ein paar dunkle Untertöne in eine ländliche Idylle einwebt.

Ja, es wird ein einziger Monat beschrieben, mit wenig Plot und es passiert auch nicht viel, aber Birkin verlässt Oxgodby verwandelt, verändert und auch verbessert und ich hatte das Gefühl tatsächlich auch. Ein Buch, das einen ein kleines bisschen besser macht.

Ein wunderbarer leiser Roman, der ganz große Lust auf Sommerabende in der englischen Countryside macht.

Das mag ein bisschen nach Larifari klingen, aber genau darum geht es: Wenn man sehen oder sich ausmalen kann, was für ein Kommen und Gehen an einem Ort vom ersten Tageslicht bis zur Abenddämmerung geherrscht hat, wie die Menschen vor den Bildern niederkauerten und andächtig nickend Brüste und Köpfe mit Fingern berührten, die gerade noch mit schmutzigen Kochtöpfen hantiert hatten, wie sie mit ihren ungewaschenen Gesichtern zu dem einzigen Gemälde hinaufstarrten, das sie ihr Leben lang zu Gesicht bekommen würden – nun, dann legt man sich noch ein bisschen mehr ins Zeug, dann macht man sich nicht nur mit alkoholischer Salzsäurelösung, sondern auch mit Gefühl ans Werk.

Als Iris zur Beerdigung ihrer Großmutter nach Hause zurückkehrt, stellt sie erstaunt fest, dass diese ihr das Haus vererbt hat, obwohl ihre Mutter und ihre beiden Schwestern noch leben. Während sie in dem Haus wohnt und versucht zu entscheiden, ob sie es behalten will, wird sie von den Erinnerungen an die Sommer, die sie dort verbracht hat, überrollt.

Eine Geschichte über das Erinnern und das Vergessen, denn vor ihrem Tod litt ihre Großmutter an Alzheimer. Ein trauriger und ergreifender Blick auf eine Frau, die sich jeden Tag ein bisschen mehr verliert.

Schillernd und magisch sind die Erinnerungen an die Sommerferien bei der Großmutter, geheimnisvoll die Geschichten der Tanten. Katharina Hagena erzählt von den Frauen einer Familie, mischt die Schicksale dreier Generationen.

Ein genussvoller kluger Roman der nach Sommer duftet und Lust auf Äpfel, Johannisbeeren und Marmeladekochen macht und mich sehr an lange warme Sommertage mit meiner Oma erinnert hat.

Wer wie ich ohne Vater aufwächst, muß erst durch Beobachtung lernen, was das eigentlich ist, so ein Vater. Als Kind studierte ich neugierig, aber mit sicherem Abstand die Väter in den Familien meiner Freundinnen. Insgeheim fand ich sie interessant, aber auch ein wenig unheimlich.

Da, wo bei anderen der Vater einfach angewachsen ist, stehe ich stets aufs Neue vor einem fremden Geräteteil, von dem man nicht weiß, wo es in meinem Apparat hingehört. Es fällt bei jeder Erschütterung von mir ab. Im Grunde brauche ich es nicht.

Mely Kiyak schreibt darüber was Frausein bedeutet, sie erzählt von den Gesprächen über Weisheit und Nichtwissen, die sie als Mädchen mit dem Vater führte. Von den Cousinen, die vom Begehren erzählten. Vom Aufwachsen zwischen Ländern und Klassen, zwischen „Herkunftsgepäck“ und Neugier auf unbekannte Erfahrungen. Vom Alleinsein, von Selbsterkundung, von Familie. Was ist Weiblichkeit, wenn man den öffentlichen Blick überwindet und zurückbleibt mit sich selbst? Aufrichtig, lebenslustig, zärtlich und entwaffnend klug erinnert Mely Kiyak daran, dass es die Verhältnisse sind, die einem beibringen, wie man liebt und lebt.

Wieviel man in einem so schmalen Buch anstreichen kann, was für eine poetische Sprache – ein Buch das klüger macht, dem ich wunderbare Gedanken verdanke und das einen gleichzeitig beglückt und tieftraurig zurück läßt. Eines meiner Lese-Highlights 2021.

Das Erlesen der Welt stürzte mich regelmäßig in gedankliche Krisen. Das eigene Erleben hingegen hatte kaum Auswirkung auf meine psychische Stabilität.

Das Lesen der Bücher aus der Stadtbibliothek war ein Vergnügen. Das Lesen der Seminarliteratur ist eine Qual. Ich hätte jemanden gebraucht, der mich betreut und mir die Sätze erklärt, die ich las. Ich war mit Sufismus aufgewachsen, mit altorientalischer Dichtung, mit politischen Theorien, mit einer Kultur, verwoben mit Elementen, die nicht einmal als Schatten in den Fächern vorkamen, die ich studierte. Plötzlich war ich umgeben von Studenten, die immer alles bereits kennen. Sie sind gebildete Kinder gebildeter Eltern.

Ich weiß, jede Silbe in diesem Satz ist wahr: Wer eine Schule eröffnet, schließt ein Gefängnis.

Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden eine Art kollektives literarisches Gedächtnis des letzten Jahrhunderts, geformt in einer Literatur, die nicht nur großartige Sätze und Bilder zu bieten hat, sondern die auch Wunden reißt, verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt.

Ein Roman, den ich gemeinsam mit Miss Booleana auf Goodreads gelesen habe, was mir wieder großen Spaß gemacht hat. Der Roman selbst konnte mich allerdings nicht so in seinen Bann ziehen, wie ich es aufgrund des Themas eigentlich erwartet hätte und auch im Vergleich zu Erpenbecks „Gehen, Ging, Gegangen“, das mich förmlich umgehauen hatte.

Ich wurde nicht warm mit dem Buch. Es springt durch die Zeiten, ich wußte oft nicht wo ich mich gerade befinde, wer gerade spricht und die einzelnen Hausbewohner blieben mir leider fast alle recht fremd und distanziert.

Wo der neue Mensch anfangen soll, kann er nur aus dem alten wachsen.“

Jana hat ihren Vater nie kennengelernt. Alles, was sie über ihn weiß, ist, dass er als Kapitän auf der MS Mozart arbeitet, einem eher wenig glamourösen Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Also bucht sie sich kurzerhand eine Woche dort ein. Ob sie sich ihm zu erkennen geben wird, weiß sie noch nicht. Mit knapp hundert Gästen im Seniorenalter und der trinkfesten Bordbesatzung beginnt die Fahrt von Passau nach Wien. Mit großer Sensibilität erzählt Ilona Hartmann die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach den eigenen Wurzeln. Ein Roman voller Situationskomik und ungewöhnlicher Begegnungen, aber auch der Beginn einer zärtlichen, emotionalen Annäherung zwischen Vater und Tochter, die gerade erst lernen, was es heißt, einander Familie zu sein.

„Emanzipation war im Dorf eine Freizeitbeschäftigung. Eine, der man sich als Frau nur zuwandte, wenn man im klassischen Modell versagt oder sich bewusst dagegen verweigert hatte, also selber Schuld war. “

Noch eine große positive Überraschung. Der Autor war mir völlig unbekannt, wieder ein Roman, der seltsam zeitlos wie „Der Junge mit dem schwarzen Hahn“ irgendwo in einer unbestimmten Zeit im Mittelalter spielt und von Anfang an an einen Folk-Horror Film erinnert.

Ein abgelegenes, von Wäldern umschlossenes Dorf. Einige Bauern führen hier ein einsames und zufriedenes Dasein, das von Ereignissen kaum berührt wird. Eines Tages geschieht etwas vermeintlich Belangloses: Einer der Bauern findet auf einer Wiese am Dorfrand ein Seil. Er geht ihm nach, ein Stück in den Wald hinein, kann jedoch sein Ende nicht finden. Neugier verbreitet sich im Dorf, ein Dutzend Männer beschließt, in den Wald aufzubrechen, um das Rätsel des Seils zu lösen. Ihre Wanderung verwandelt sich in ein ebenso gefährliches wie bizarres Abenteuer: Das Ende des Seils kommt auch nach Stunden nicht in Sicht – und die Existenz des ganzen Dorfes steht auf dem Spiel.

Konnte es gar nicht aus der Hand legen, spannend, atmosphärisch, düster und wunderbar.

Wenn das Glück zu groß wird, wird es zu einem Leid.

Ein verhafteter französischer Rechtsanwalt im besetzten Paris des II. Weltkriegs versucht der willkürlichen Hinrichtung zu entgehen. Jean-Pierre Chavel kann sich während der Besatzungszeit durch die Deutschen sein Leben von einem Mithäftling, der sich für ihn hinrichten läßt, erkaufen. Dafür überschreibt er der Familie des todkranken Mithäftling Geld und Besitz. Nach Kriegsende kehrt Chavel auf sein Gut zurück und verdingt sich unter falschem Namen bei den neuen Besitzern. Er verliebt sich in die Schwester des für ihn Hingerichteten, die ihm von ihrem Hass auf Chavel berichtet. Als ein gesuchter Kollaborateur auftaucht und sich als Chavel ausgibt, führt das zur Katastrophe.

“An artist paints his picture not in a few hours but in all the years of experience before he takes up the brush, and it is the same with failure.”

„The Tenth Man“ war unsere August Lektüre im Book Club und es war wieder eine spannende und durchaus kontroverse Diskussion. Wir wissen jetzt, welche unserer Bookclub Kolleginnen uns eher geopfert hätten in einem ähnlichen Szenario, wer sich hingegen für die anderen aufgeopfert hätte 😉

Man merkt diesem schmalen Roman an, dass er ursprünglich als Film-Script für MGM gedacht war und dort aus welchen Gründen auch immer in einer Schublade vor sich hinmoderte, bis er in den 1980er Jahren zufällig entdeckt und endlich veröffentlicht wurde. Mir hat er gut gefallen, ein klassischer Graham Greene – allerdings kommt er nicht an meine Lieblingsbücher von ihm „The End of the Affair“ und „Stamboul Train“ heran.

Das Buch wurde 1988 mit Anthony Hopkins und Kristen Scott Thomas verfilmt und ist derzeit in ganzer Länge auf YouTube zu finden. Mir hat er gut gefallen:

OK – jetzt ihr: Welches der Bücher kennt ihr bereits, teilt ihr meine Begeisterung, konnte ich euch auf irgendwas besonders Lust machen? Lasst doch mal hören:

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Junge mit dem schwarzen Hahn – Stefanie vor Schulte erschienen im Diogenes Verlag
  • Alte Sorten – Ewald Arenz erschienen im Dumont Verlag
  • Ein Monat auf dem Land – J. L. Carr erschienen im Dumont Verlag
  • Der Geschmack von Apfelkernen – Katharina Hagena erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag
  • Frau sein – Mely Kiyak erschienen im Hanser Verlag
  • Heimsuchung – Jenny Erpenbeck erschienen im Penguin Verlag
  • Land in Sicht – Ilona Hartmann erschienen im Blumbenbar Verlag
  • Das Seil – Stefan aus dem Siepen erschienen bei DTV
  • The Tenth Man – Graham Greene erschienen im Penguin Verlag

Die Juli Bücher im Schnelldurchlauf

Habe gerade eine ziemliche Schreibflaute. Lesen geht immer, aber mich hinsetzen und sehr ausführlich über ein Buch schreiben, dafür ist es mir momentan zu warm, ist zu anstrengend, ich mag nicht, in der Zeit könnte ich ja schon wieder ein weiteres Buch lesen. Daher einfach ein Überblick ganz kurz und knapp über das im Juli gelesene und gehörte und ganz ohne schlechtes Gewissen – los geht’s 🙂

Korede ist verbittert. Und wär wäre es nicht? Ihre Schwester Ayoola steht immer im Mittelpunkt: sie ist das Lieblingskind, die Schöne, möglicherweise ist sie aber auch eine Serienkillerin, denn Ayoolas dritter Freund in Folge ist tot. Koredes praktische Fähigkeiten retten ihrer Schwester mehrfach den Hintern. Ob bei der Reinigung von Blut, mit einem Kofferraum der groß genug ist für eine Leiche, oder indem sie ihre leichtsinnige Schwester davon abhält, Bilder von ihrem Abendessen auf Instagram zu posten, wenn sie eigentlich um ihren „verschwundenen“ Freund trauern sollte… Aber wirklich Anerkennung bekommt sie dafür nicht…

Ein freundlicher, gut aussehender Arzt in dem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet, ist der Lichtblick in ihrem Leben. Sie träumt von dem Tag, an dem er erkennen wird, dass sie perfekt füreinander sind. Doch als Ayoola eines Tages uneingeladen im Krankenhaus auftaucht, verfällt auch er sehr schnell ihrem Aussehen und begibt sich damit unter Umständen in tötliche Gefahr.

Oyinkan Braithwaite hat ein wunderbares, tödliches Debüt geschrieben, das zugleich unterhaltsam und schockierend ist, voller Scharfsinn und trockenem Humor.

Korede, ich habe ihn umgebracht.
Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören

Judith Hermann erzählt von einem Aufbruch: eine alte Welt geht verloren und eine neue entsteht.

Ihre Tochter ist eine Reisende, unterwegs in der Ferne. Ihrem Ex-Mann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben am Meer und im Norden. Sie richtet sich ein Haus ein, schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Affäre, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll. Judith Hermann erzählt von einer Frau, die vieles hinter sich lässt, Widerstandskraft entwickelt und in der intensiven Landschaft an der Küste eine andere wird. Sie erzählt von der Erinnerung. Und von der Geschichte des Augenblicks. Melancholisch mit viel Atmosphäre, ein Buch das für mich viel zu schnell zu Ende war. Wäre sehr gerne noch ein wenig im Haus am Meer geblieben…

Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene.

Warwickshire im Jahr 1580. Agnes ist eine Frau, die wegen ihrer ungewöhnlichen Gaben ebenso gefürchtet wie begehrt ist. Sie lässt sich mit ihrem Mann in der Henley Street in Stratford nieder und bekommt drei Kinder: eine Tochter, Susanna, und dann Zwillinge, Hamnet und Judith. Der Junge, Hamnet, stirbt 1596 im Alter von elf Jahren. Etwa vier Jahre später schreibt der Ehemann ein Stück namens Hamlet.

Dies ist das herzzerreißende Drama hinter Shakespeares berühmtestem Stück. Und das alles, ohne den Namen William Shakespeare auch nur einmal zu erwähnen!

Unsere Juli-Lektüre im Bookclub und es hat fast durch die Bank weg von allen höchste Punktzahl bekommen.

Mehr Shakespeare Inspirationen findet ihr übrigens hier.

What is given may be taken away, at any time. Cruelty and devastation wait for you around corners, inside coffers, behind doors: they can leap out at you at any time, like a thief or brigand. The trick is never to let down your guard. Never think you are safe. Never take for granted that your children’s hearts beat, that they sup milk, that they draw breath, that they walk and speak and smile and argue and play. Never for a moment forget they may be gone, snatched from you, in the blink of an eye, borne away from you like thistledown.

Jean McClellan verbringt ihre Zeit in fast völliger Stille und beschränkt sich auf nur hundert Worte pro Tag. Wenn sie mehr sagt, fließen tausend Volt Strom durch ihre Adern.

Jetzt, wo die neue Regierung an der Macht ist, hat sich alles geändert. Frauen sind auf das Haus beschränkt, dürfen nicht arbeiten, müssen sich nur um ihre Männer und Kinder kümmern und dürfen vor allem nicht mehr als hundert Worte pro Tag sprechen. „Armband“ nennen sie das Gerät, das ihre Worte zählt und elektronische Schocks aussendet, wenn sie die festgelegte Zahl überschreiten. Dr. Jean McClelland, einst eine erfolgreiche und renommierte Wissenschaftlerin, sieht sich in ihrem Leben stark eingeschränkt und bereut all die Märsche, an denen sie nicht teilgenommen hat, die Petitionen, die sie nicht unterschrieben hat, und die Zeichen, die sie falsch gedeutet hat. Als der Bruder des Präsidenten fast tödlich verunglückt, wird sie als fähigste Ärztin und Wissenschaftlerin gebraucht und so gerät Jean unverhofft in die Lage, möglicherweise Bedingungen zu stellen und einen Fluchtweg aus dem Land zu finden.

Diese Dystopie ist in vielerlei Hinsicht höchst beunruhigend, irgendwie kann man sich leicht ausmalen, dass eine solche Situation Realität werden könnte. Nicht wenige Männern fühlen sich ihrer Überlegenheit beraubt und würden alles dafür tun, um die Zeit zurückzudrehen.

Eine Dystopie, die sehr an Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ erinnert und die ich sehr gerne gelesen habe.

Denk darüber nach, was du tun musst, um frei zu bleiben. Tja, mehr zu tun als rein gar nichts, hätte ein guter Anfang sein können.

Think Again ist ein Buch über den Nutzen des Zweifels und darüber, wie wir besser darin werden können, das Unbekannte zu akzeptieren und durchaus auch mal Freude am Irrtum und an Ambivalenz zu haben. Es ist erwiesen, dass überdurchschnittlich kreative Menschen nicht an einer Identität festhalten, sondern ständig bereit sind, ihre Positionen zu überdenken und das Führungskräfte, die zugeben, dass sie etwas nicht wissen, und sich um kritisches Feedback bemühen, produktivere und innovativere Teams haben.

Umdenken ist eine Fähigkeit, die erlernt werden kann, und Grant erklärt, wie man die dafür notwendigen Qualitäten entwickelt. Im ersten Teil wird untersucht, warum es uns schwerfällt, umzudenken, im zweiten Teil wie wir unsere „Argumentationskompetenz“ ausbauen können und im letzten Teil geht es darum, wie Schulen, Unternehmen und Regierungen es aktuell noch versäumen, eine Kultur zu fördern, die zum Umdenken ermutigt.

Neue Informationen müssen dazu führen, dass wir unsere Glaubenssätze hinterfragen und auch liebgewonnene Überzeugungen müssen immer wieder auf den Prüfstand. Scientific Method for President 😉

If knowledge is power, knowing what we don’t know is wisdom.

Die weltfremde junge Effi Briest wird mit dem Baron von Innstetten verheiratet, einem strengen und ehrgeizigen Beamten, der doppelt so alt ist wie sie und nur wenig Zeit für seine neue Frau hat. Isoliert und gelangweilt findet Effi Trost und Ablenkung in einer kurzen Liaison mit Major Crampas, einem verheirateten Mann mit einem gefährlichen Ruf.

Doch Jahre später, als Effi ihre Affäre schon fast vergessen hat, holt sie das Geheimnis wieder ein – mit fatalen Folgen. In straffer, ironischer Prosa schildert Fontane eine Welt, in der die Sexualität und der Wille, das Leben zu genießen, durch gesellschaftliche Enge und die Verpflichtungen der Umstände erstickt werden. Dieser Roman, der als sein größter gilt, ist ein menschliches, unsentimentales Porträt einer jungen Frau, die zwischen ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter und den Instinkten ihres Herzens hin- und hergerissen ist.

Mit „Effi Briest“ hat Fontane eine spannende Sozialstudie über gesellschaftliche Konventionen und die Folgen eines Ausbruchs aus diesen Zwängen geliefert. Ein zeitloser Klassiker der deutschen Literatur und insbesondere des bürgerlichen Realismus. Habe ich sehr gerne gelesen.

Wir müssen verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts.

Eine faszinierende Einblick in die Welt der Erinnerung, warum wir vergessen und was wir tun können, um unsere Erinnerungen zu bewahren und uns zumindest ein wenig vor Alzheimer zu schützen.

Jeder hat vermutlich schon mal einen Moment der Panik erlebt, wenn man sich partout nicht mehr an den Namen des Schauspielers erinnern kann aus dem Film, den man vor ein paar Tagen gesehen hat, oder wenn man einen Raum betritt und nicht mehr weiß was man da eigentlich wollte? Vielleicht hat man sogar Schiss, dass diese Gedächtnislücken ein frühes Anzeichen von Alzheimer oder Demenz sein könnten. In Wirklichkeit sind diese Fälle von Vergesslichkeit für die große Mehrheit von uns völlig normal. Und warum? Weil das Gedächtnis zwar ziemlich bemerkenswert, aber bei weitem nicht perfekt ist. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, sich an jeden Namen zu erinnern oder an jeden Tag, den wir erleben. Nur weil das Gedächtnis manchmal versagt, heißt das nicht, dass es kaputt ist oder an einer Krankheit leidet. Vergessen gehört zum Menschsein dazu.

In Remember geht die Neurowissenschaftlerin Lisa Genova – deren Buch „Leben ohne Gestern“ ich hier gemeinsam mit Claudia vom Blog „Das graue Sofa“ in der Reihe „Women in Science schon mal vorgestellt hatte – der Frage nach, wie Erinnerungen entstehen und wie wir sie abrufen. Sie erklärt, wann vergessene Erinnerungen vorübergehend unzugänglich sind oder für immer gelöscht werden und warum manche Erinnerungen nur für ein paar Sekunden bestehen (wie ein Passcode), während andere ein ganzes Leben lang halten können (zB der Tag, an dem man heiratet). Sie erklärt den Unterschied zwischen normalem Vergessen (wo man das Auto geparkt hat) und Vergessen aufgrund von Alzheimer (dass man ein Auto besitzt).

Darüberhinaus erfährt man viel darüber, wie sehr das Gedächtnis durch Bedeutung, Emotionen, Schlaf, Stress und Kontext beeinflusst wird. Wenn man die „Sprache“ des Gedächtnisses und seine Funktionsweise, seine unglaublichen Stärken und verrückten Schwächen, seine natürlichen Schwachstellen und potenziellen Superkräfte verstanden hat, kann man ggf. seine Erinnerungsfähigkeit deutlich verbessern und vor allem auch viel weniger beunruhigt sein, wenn man wieder einmal verzweifelt überlegt, wie die eine oder andere Schauspielerin heißt. Sie können gebildete Erwartungen an Ihr Gedächtnis stellen und so eine bessere Beziehung zu ihm aufbauen. Sie müssen es nicht mehr fürchten. Und das kann lebensverändernd sein.

These declines in memory creation, retrieval, and processing speed aren’t all inevitable, are they? You’re not gonna like this, but appears the answer is ultimately yes. If you eat a daily diet of doughnuts, only go for a run if someone is chasing you, regularly sacrifice sleep by binge watching entire seasons of the latest show on Netflix until 3 AM, and are chronically stressed, you’ll most definitely accelerate the ageing of your memory.

In „Mutation der Menschheit“, ging es Bertaux um die „Überlebenschancen der Menschheit“ angesichts der vom Menschen selbst bewirkten waffentechnologischen Entwicklung; damit befassten sich in den 1950er Jahren recht viele Philosophen und Physiker, die Originalität von Bertaux lag darin, wie sehr er den Grundgedanken durchzog, „dass die biologische Entwicklung nicht abgeschlossen ist, dass in ihrem Verlauf die gegenwärtige Menschheit nur ein Durchgangsstadium darstellt, dass aus den Menschen etwas hervorgehen wird, das sich zwar von ihm herleitet, aber dem nicht mehr genau entsprechen wird, was wir uns unter dem Wort ‘Mensch’ vorstellen.“

Der Mann, der von einer biologischen Mutation des Menschen der „neotechnischen Ära“ überzeugt war, kombinierte ein Leben lang Wissenschaft, Praxis und unbefangene Neugier. Womit er eigentlich überall aneckte. Pierre Bertaux (1907 bis 1986), war kein „Futurologe“, sondern Germanist und ist heute weitgehend unbekannt. Eventuell ist er Hölderlin-Forschern noch ein Begriff, da er die These vertrat, Hölderlin sei gar nicht verrückt gewesen, sondern habe nur simuliert.

Ein Zufallsfund aus dem Bücherschrank, wollte eigentlich nur mal kurz reinlesen, blieb dann aber hängen. Waren ein paar sehr spannende Gedanke enthalten und ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen.

Vielleicht der reinste, größte und originellste Ausdruck der europäischen Kultur und Weisheit ist: Daß ich recht habe, will noch lange nicht sagen, daß die unrecht hätten, welche anders denken als ich. Toleranz ist nicht nur eine Tugend, sie ist auch eine hohe Form der Klugheit. Das geistige Entgegenkommen, die Bemühung, das Bezugssystem derer zu verstehen, die nicht so denken wie wir, ist eine – und zwar die fruchtbarste – Form der Überlegenheit.

Verstehen bedeutet nicht unbedingt übernehmen; vielmehr handelt es sich darum, „unser“ Bezugssystem und das des „anderen“ in ein Bezugssystem höheren Grades zu integrieren, das beide umfaßt, und so kommt man einen Schritt weiter.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Meine Schester die Serienmörderin von Oyinkan Braithwaite erschienen im Blumenbar Verlag
  • Daheim von Judith Hermann erschienen im Fischer Verlag
  • Hamnet von Maggie O’Farrell auf deutsch erschienen unter dem Titel „Judith und Hamnet“ im Piper Verlag
  • Vox von Christina Dalcher erschienen im Fischer Verlag
  • Think Again von Adam Grant bisher noch nicht auf deutsch erschienen
  • Remember von Lisa Genova bisher noch nicht auf deutsch erschienen
  • Effie Briest von Theodor Fontane erschienen im Fischer Verlag
  • Mutation der Menschheit von Pierre Bertaux erschienen im Suhrkamp Verlag

Wie war Euer Lesemonat? Was waren Eure Highlights?

Große gemischte Tüte

Es ist zu warm für lange Rezensionen, daher ein sommerlich kurzer Überblick über die Bücher der letzten Wochen:

An diesem wunderbaren Buch habe ich ein paar Monate hingelesen. Alle paar Tage ein paar Seiten – ein echtes Schmuckstück:

Dieses Buch zeigt Objekte, die frühere Zivilisationen – oft zufällig – hinterlassen haben, um diese als Prismen zu verwenden, durch die der Leser vergangene Welten erkunden kann. Die Bandbreite des Buches ist enorm. Es beginnt mit einem der frühesten erhaltenen, von Menschenhand hergestellten Objekte, einem Hackwerkzeug aus der Olduvai-Schlucht in Afrika, und endet mit einem Objekt aus dem 21. Jahrhundert, das die Welt repräsentiert, in der wir heute leben.

Neil MacGregors Ziel ist es, diese Dinge nicht einfach nur zu beschreiben, sondern uns ihre Bedeutung zu zeigen – wie eine Steinsäule von einem großen indischen Kaiser erzählt, der seinem Volk Toleranz predigte, wie spanische Münzen vom Beginn einer globalen Währung erzählen oder wie ein frühes viktorianisches Teeservice von den Auswirkungen des Imperiums erzählt. In jedem Kapitel taucht man in eine vergangene Zivilisation ein und erlebt Geschichte als Kaleidoskop – sich ständig verändernd, miteinander verbunden, oft überraschend und unsere heutige Welt prägend, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Ein intellektuelles und visuelles Fest, eines der fesselndsten und ungewöhnlichsten Geschichtsbücher die seit Jahren veröffentlicht wurden.

Kann man ganz wunderbar in Kombination mit Noah Yuval Hararis „Sapiens“ lesen.

Der Roman spielt größtenteils in einem fiktiven zukünftigen New York City, das durch zwei große Anstiege des Meerwasserspiegels, die durch den Klimawandel verursacht wurden, permanent überflutet ist. Der größte Teil von New York City steht permanent unter Wasser, jedoch leben die Menschen noch in den oberen Etagen der Gebäude, ähnlich wie im Venedig von heute.

Der größte Teil Manhattans unterhalb der 46. Straße ist überflutet und hat den Spitznamen „SuperVenedig“ erhalten. Einige der Charaktere des Buches leben im MetLife Tower in der 23. Straße, den die Mietervereinigung mit Mechanismen zum Schutz vor Überschwemmungen und einem Bootslager ausgestattet hat. Robinson wählte das Gebäude als prominenten Schauplatz, da es dem Campanile di San Marco in Venedig nachempfunden wurde.

Die Wohlhabenden leben in neu errichteten Wolkenkratzern in Uptown Manhattan und in der Nähe von The Cloisters, da beide Orte über Wasser bleiben. Denver hat New York als Zentrum des amerikanischen Finanzwesens und der Kultur abgelöst und ein Großteil der Vereinigten Staaten wurde absichtlich von Menschen verlassen, um Platz für Wildtiere zu schaffen.

Der Roman befasst sich mit Klimawandel, Kapitalismuskritik, den unregulierten Finanzsystemen und sich immer schneller ausbreitenden Artensterben.

“We’ve been paying a fraction of what things really cost to make, but meanwhile the planet, and the workers who made the stuff, take the unpaid costs right in the teeth.”

Habe den Roman als Hörbuch gehört und es war anfangs nicht so leicht reinzufinden durch die vielen vielen Charaktere. Ich habe einiges gelernt, stellenweise ist es jedoch ein bisschen lang geraten.

Kaiserslautern in den neunziger Jahren: Christian Baron erzählt die Geschichte seiner Kindheit, seines prügelnden Vaters und seiner depressiven Mutter. Er beschreibt, was es bedeutet, in diesem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Wie es sich anfühlt, als kleiner Junge männliche Gewalt zu erfahren. Was es heißt, als Jugendlicher zum Klassenflüchtling zu werden. Was von all den Erinnerungen bleibt. Und wie es ihm gelang, seinen eigenen Weg zu finden.

Nach dem Tod der Mutter trifft Christian seinen Vater vor dessen Tod noch einmal. Da fällt ihm dieser plötzlich unvermittelt in die Arme: „Ich fühlte mich wie ein Boxer, an den sich der erschöpfte Gegner klammert, aber nicht, um ihn zu umarmen, sondern um ihn kampfunfähig zu machen, um im Spiel zu bleiben, obwohl er genau wissen musste, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte.“

Als Christian übrigens in die Pubertät kommt, kümmert sich eine andere Tante um ihn, die durch Heirat in ein Bildungsmilieu aufgestiegen ist. Sie versorgt ihn mit Büchern, ein Lehrer wird auf ihn aufmerksam, Christian entdeckt die Lust am Schreiben und wird noch als Schüler Sportreporter für die Rheinpfalz.

Ich mochte das Buch sehr, auch wenn ich persönlich damit gehadert habe, wieviel Raum und Wohlwollen er seinem Vater einräumt, der sich so gut wie nie um ihn gekümmert hat, seine Mutter und Tante werden dagegen viel kürzer abgehandelt.

Wenn sie zu hören ist, werden die Radios lauter gedreht und stocken die Gespräche: Nora Tewes hat die perfekte Radiostimme – und einen Plan: Auf 100.7, einem Sender, den sie mit zwei Freunden gegründet hat, will sie einen lange davongekommenen Täter in die Enge treiben.
Überstürzt ist Nora in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um ihrer Mutter, die im Sterben liegt, nahe zu sein. Unter der Last des viel zu frühen Abschiednehmens bricht eine nur oberflächlich verheilte Wunde auf und ein Verbrechen, dessen Opfer ihre Mutter als Kind geworden ist, wird offenbar. Nora erstattet Anzeige und erhält eine niederschmetternde Antwort: Verjährt.

Temporeiche Geschichte mit interessantem Personal – Karin Kalisa beschäftigt sich in ihrem neuesten Roman mit der Frage, wie beherztes Handeln die Suche nach Gerechtigkeit vorantreibt.

Der perfekte Krimi für eine lange Autofahrt – auch wenn er jahreszeiten technisch so gar nicht gepasst hat:

Dieser Debütroman verbindet Gothic Elemente mit einem Locked-Room-Mysterium, das in den Schweizer Alpen spielt und das Ergebnis ist ein spannender Thriller voller Atmosphäre, schaurigen Intrigen und durchaus spannend. THE SANATORIUM folgt einer Frau, die sich vor kurzem von ihrer Arbeit als Polizistin beurlauben ließ, die gegen einen gruseligen Killer, der in einem hochklassigen, minimalistischen Hotel in den Schweizer Alpen am Werk zu sein scheint ermittelt.

“Her body is reacting to something here; something living, breathing, woven into the DNA of the building, as much a part of it as its walls and floors.”

Als ein Schneesturm die Zufahrt zum und vom Hotel abschneidet, liegt es an der Protagonistin Elin, eine Reihe von verstörenden Vorkommnissen im Hotel zu untersuchen und dem Fall auf den Grund zu gehen, bevor noch mehr Menschen zu Tode kommen. Ich lese nur selten Krimis, dieser hat mich ganz gut unterhalten, ein Meisterwerk ist er sicherlich nicht, aber wer im nächsten Winter Lust auf einen atmosphärischen Schnee-Krimi hat, der kann hier eigentlich nicht viel falsch machen.

Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzt. Sie sind aufgewachsen in den Grenzen der DDR, nun, nach der Wende, wollen sie alles, bekommen vieles, doch immer sticht der Stachel ihrer Rolle als Frau: Muss man gefallen? Muss man gefällig sein? Ist allein zu sein eine Option, oder ist man nur mit Mann oder Familie eine wirkliche Frau? Und wie kann sie gehen, die Liebe in Zeiten wie diesen?

Scharf beobachtet und voller Empathie berührt dieser Roman so vieles im Leben einer Frau in ihrer Rolle als Mutter, Tochter, Schwester, Geliebte und Ex-Frau. Ist Liebe ein Gefühl oder ist sie ein Akt, betrachtet aus der Perspektive der Krise?

„Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist keine Romantik. Liebe ist eine Tat. Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten.“

Ich bin mir aber immer noch nicht sicher, wie ich das Buch jetzt wirklich gefunden habe. Vielleicht kam ich nicht wirklich rein, weil all diese Frauen so gar nichts mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben, ich hatte auf jeden Fall ein bisschen Mühe dran zu bleiben, wobei ich wirklich anerkenne, wie gut Daniela Krien schreiben kann.

Von kleinen Schritten bis hin zu riesigen Sprüngen: A Galaxy of Her Own erzählt fünfzig Geschichten von inspirierenden Frauen, die für die Geschichte des Menschen im Weltraum von grundlegender Bedeutung waren, von Wissenschaftlerinnen bis hin zu Astronautinnen, aber auch die Näherinnen der ersten Raumanzüge werden vorgestellt.

Von Ada Lovelace im 19. Jahrhundert bis zu den Frauen hinter den Apollo-Missionen, von den Astronauten, die auf der Internationalen Raumstation Rekorde brechen, bis zu denjenigen, die den Weg zum Mars bahnen – A Galaxy of Her Own enthüllt außergewöhnliche Geschichten, setzt sich für unbesungene Helden ein und feiert bemerkenswerte Leistungen aus aller Welt.

Geschrieben von Libby Jackson, einer führenden britischen Expertin auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt, und illustriert mit wunderschönen Illustrationen von Studenten des London College of Communication, ist dies ein Buch, das kleine und große Space Cowboys inspirieren wird und ihnen Lust macht, selbst nach den Sternen zu greifen..

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und mochte das Bild, das es von einem Mann zeichnet, der an Gerechtigkeit in einem Staat glaubt, in dem die Gerechtigkeit allzu oft den Bedürfnissen des Regimes zum Opfer fällt. Das Buch spielt kurz vor dem Beginn des Bürgerkriegs – das letzte spezifische Ereignis, das erwähnt wird, ist der Aufstand in Tunesien, der den Arabischen Frühling auslösen würde – und der Held Zacharia Barudi, der leitende Ermittler der konventionellen Polizei, bekommt den Fall des Mordes an einem Kardinal, der zu Besuch ist, etwa zwei Monate bevor Barudi in den Ruhestand gehen soll.

„Das Elend ernährt sich von der Genialität der armen Kinder“

Einerseits handelt es sich um einen geradlinigen, polizeilichen Kriminalroman, andererseits geht es aber auch um das Leben und Arbeiten in einer Diktatur, in der die Launen und Bedürfnisse der herrschenden Elite nur allzu oft an erster Stelle stehen. Die Alawiten, Syriens Christen, die Sekte, der Barudi angehört, konventionelle Muslime, muslimische Extremisten und hier und da sogar Menschen mit einem ausgeprägten synkretistischen Religionsverständnis sind alle Teil der Geschichte, während Schami über den Konflikt zwischen den Gläubigen nachdenkt. Ich weiß nicht viel über Syrien, aber ich habe das Gefühl, dass ich es jetzt ein kleines bisschen besser verstehe.

Ich habe mich gefreut, Rafik Schami wieder entdeckt zu haben für mich, ein Autor, den ich vor Jahren regelmäßig gelesen habe und den ich überaus sympatisch finde.

»70 and female is the new cool«, schrieb jüngst die New York Times über diese großartige Generation der Frauen 70+ Frauen, die sich mit Energie und Kraft Gehör verschaffen und durch ihre Haltung inspirieren: Sie sind längst in der zweiten Lebenshälfte angekommen – und aufrecht, ehrgeizig, willensstark. Sie bringen den amerikanischen Präsidenten aus der Fassung wie Nancy Pelosi, sie sind entschieden in ihrer Haltung wie die Richterin Ruth Bader Ginsburg, und für sie alle ist das Attribut »unbequem« ein Kompliment für ihr Engagement. Viele der Frauen sind Kult, sie sind Wegbereiterinnen und immer Vorbilder. Frauen, die wissen, wer sie sind, was sie geleistet haben und morgen noch bewegen können. Frauen, die cool, rebellisch und klug oder manchmal auch »schräg« sind, die ihren eigenen Kopf haben. Sie alle sind Frauen, die uns viel zu sagen haben.

Mit Juliette Gréco, Ruth Bader Ginsburg, Jane Fonda, Charlotte Knobloch, Letizia Battaglia, Erika Pluhar, Herlinde Koelbl, Margaret Atwood, Tina Turner, Vivienne Westwood, Nancy Pelosi, Annie Ernaux, Élisabeth Badinter, Elfie Semotan, Alice Nkom, Marina Abramović, Helen Mirren, Carla Del Ponte, Shirin Ebadi, Marianne Birthler. Mit einem Vorwort von Iris Berben.

1945 flüchteten die Menschen aus ihrer Heimat. Häuser wurden bombardiert und Dörfer dezimiert. Hildegard von Kamcke war eine von vielen Frauen, die ihr sterbendes Baby in einem Wagen zurücklassen und fliehen mussten. Als sie mit der fünfjährigen Vera auf einem Bauernhof in Atland ankam und von Ida Eckhoff aufgenommen wurde, zogen Mutter und Kind in eine eiskalte Dienstbotenunterkunft. Ida weigerte sich, Essen und Kleidung zu geben. Hildegard stiehlt heimlich Äpfel und melkt die Kuh, um Vera zu ernähren. Zwei Jahre später kehrt Karl, Idas Bruder, ein ehemaliger Kriegsgefangener, nach Atland zurück.

Hildegard heiratet Karl, kommt aber mit seinen nächtlichen Angstzuständen, Überbleibseln seiner Internierung, nicht zurecht. Jahre später, nach Idas Selbstmord durch Erhängen und Hildegards Verlassen des Hofes, bewohnen Vera und Karl das große, triste Haus. Obwohl sie Karl treu ergeben ist, ist Vera nicht in der Lage, außerhalb ihrer florierenden Zahnarztpraxis eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Sie interessiert sich weder für die Instandhaltung des Hauses noch für die Pflege ihrer Apfel- und Kirschbäume. Sie lässt zu, dass das Haus und das Grundstück verwahrlosen und viele Apfel- und Kirschbäume aufgrund von Vernachlässigung keine Früchte mehr tragen. Vera ahnt nicht, dass eine Veränderung in der Luft liegt. Da kommt Anne, die Tochter von Veras Halbschwester Marlene.

Anne Hove hat eine Tischlerlehre absolviert und drei Jahre lang als Tischlergesellin gearbeitet. Diese Erfahrung kommt ihr sehr gelegen, als die alleinerziehende Mutter Anne mit ihrem Vorschulsohn Leon im Schlepptau auf Veras Farmhaus ankommt und Zuflucht sucht. Vera und Anne kommen zu einer Übereinkunft, das Leben ändert sich überraschend und nach und nach entsteht sowas wie eine Familienstruktur unabhängig von tatsächlichen Verwandtschaftsgraden und die beiden Frauen lernen, sich aufeinander zu verlassen.

„Sie hatten mit dem Haus auch Heinrich renoviert, so kam es Vera vor. Er spielte Skat mit ihnen bis tief in die Nacht und stellte sich am nächsten Morgen nicht den Wecker, er brauch auf einmal seine eigenen Gesetze. Vielleicht spürte Heinrich Lührs, dass er der Knecht gewesen war und nicht der Herr in seinem Leben, und dass die strengen Regeln nicht viel taugten“

Ich war anfangs skeptisch, ob „Altes Land“ ein Buch für mich ist, da ich alles andere als ein Dorfkind bin und ich irgendwie Sorge hatte, es geht in Richtung „Zurück zur Scholle und zum Apfelkuchen“ – aber das Buch ist wirklich komplett klischeefrei, großartig und hat mich total in seinen Bann gezogen. Ich freue mich schon auf weitere Bücher von Dörte Hansen.

Wie können wir jenseits von Wachstumszwang eine nachhaltige und gerechte Gesellschaft gestalten?

Der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech liefert dazu die passende Streitschrift, die ein »grünes« Wachstum als Mythos entlarvt. Dabei gelten »grünes« Wachstum und »nachhaltiger« Konsum als neue Königswege. Doch den feinen Unterschied – hier »gutes«, dort »schlechtes« Wachstum – hält Paech für Augenwischerei.

In seinem Gegenentwurf, der Postwachstumsökonomie, fordert er industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken. Diese Art zu wirtschaften wäre genügsamer, aber auch stabiler und ökologisch verträglicher. Und sie würde viele Menschen entlasten, denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindelig wird.

Aus dieser Perspektive dienen zum Beispiel die europäischen Agrarsubventionen keineswegs dazu, die Verfügbarkeit andernfalls knapper Nahrungsmittel zu steigern. Die Subventionen tragen vielmehr dazu bei, den Ausgabenanteil für Nahrung zu marginalisieren, damit mehr Kaufkraft für Smartphone, Urlaubsreisen oder zur Finanzierung von Eigenheimen frei wird.“

Ich fand seinen aggressiven Schreibstil ziemlich anstrengend beim Lesen, aber häufig muss ich mich beim Lesen auch erstmal ordentlich reiben, konnte aber auf jeden Fall sehen, dass Paech prägnante Argumente hat und den Finger definitiv in die Wunde legt.

Ein Buch das kratzt und beißt, aber mega wichtig ist und ich wünsche ihm möglichst viele aufgeschlossene Leser.

Hier noch mal die Übersicht:

  • Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten – Neil MacGregor erschienen im Beck Verlag
  • New York 2140 – Kim Stanley Robinson auf deutsch unter dem gleichen Titel im Heyne Verlag erschienen
  • Ein Mann seiner Klasse – Christian Baron erschienen im Claasen Verlag
  • Radio Activity – Karin Kalisa erschienen im Beck Verlag
  • The Sanatorium – Sarah Pearse (bislang nicht auf deutsch erschienen)
  • Die Liebe im Ernstfall – Daniela Krien erschienen im Diogenes Verlag
  • A Galaxy of her own – Libby Jackson (bislang nicht auf deutsch erschienen)
  • Die geheime Mission des Kardinals – Rafik Schami erschienen im Hanser Verlag
  • Frauen 70+ – Rita Kohlmaier erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag
  • Altes Land – Dörte Hansen erschienen im Knaus Verlag
  • Befreiung vom Überfluß – Niko Paech erschienen im Oekom Verlag

Habt ihr irgendwelche dieser Bücher gelesen – wie fandet ihr sie oder plant ihr vielleicht das eine oder andere zu lesen? Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen Lust drauf machen.

Buenavista Havanna Club


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Foto: Spencer Everett

Havanna ist eine Stadt, die von der Geschichte unberührt zu sein scheint, und doch hat sie eine reiche und faszinierende Geschichte. Wendy Guerra übernahm die Stadtführung für uns und zeigte uns einen Ort, der im seiner 5 Jahrhunderte alten Geschichte von vielen unterschiedlichen Quellen beeinflusst wurde und dabei ihre eigene Einzigartigkeit bewahrt hat.

Unsere Tour war der Beginn einer wahrscheinlich lebenslangen Liebe zu dieser spannenden Stadt. Wir fuhren an El Capitolio vorbei, Havannas ehemaligem Regierungssitz, der dem Capitol Building in Washington DC zum Verwechseln ähnlich ist (beide Gebäude wurden wiederum vom Panthéon in Paris inspiriert).

Wir kamen am El Floridita (Hemingways ehemaligem Stammlokal), dem Gran Teatro de La Habana (das wie eine Sandburg aussieht und das kubanische Nationalballett beherbergt), dem Museo de la Revolución, das in der ehemaligen offiziellen Residenz der Präsidenten Kubas vor der Revolution untergebracht ist, und dem wunderschönen Central Park (Parque Central) vorbei; wir entdeckten das Art-Deco-Bacardi-Gebäude (ja genau, der Rum); Havannas Kunstmuseum; Calle Obispo (eine Straße, in der Sie unbedingt einen Drink genießen sollten, wie wir es gemacht haben, pünktlich zum Sonnenuntergang und dann ging es zu den atemberaubendsten Plätze die wir je gesehen haben – Plaza Vieja, Plaza de la Catedral, Plaza de Armas, bevor wir wieder am Parque Central in Alt-Havanna ankamen und uns zu einem ausgiebigen Abendessen niederließen und uns eine kubanische Bowl bestellten.

Auch hier fragten wir freundlich nach dem Rezept für zu Hause:

Kubanisch angehauchte Bowl für 2 Personen:

1 große Kochbanane

1 Dose schwarze Bohnen oder 80 g getrocknete schwarze Bohnen

1 Paprika

1 Handvoll Pilze

1 kleine Zwiebel

1 Avocado

Öl

Paprikapulver, Chili, Salz

Zubereitung

Die schwarzen Bohnen, wenn sie getrocknet sind, für 12 Stunden in Wasser einweichen lassen. Dieses dann abgießen und die Bohnen für ca. 45 Min. in einem Topf mit Wasser kochen. Achtung – Salz erst kurz vor Schluss zugeben, sonst werden sie nicht weich.

In der Zwischenzeit die Kochbanane in Scheiben schneiden, in eine Schüssel geben und mit etwas Öl und den Gewürzen vermengen. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech geben und für 15 Min. backen. Nach der Hälfte einmal wenden.

Paprika, Pilze und Zwiebeln kleinschneiden und in etwas Öl in einer Pfanne anbraten. Mit Paprika, Salz und Chili würzen. Alles miteinander servieren und dazu eine halbe Avocado reichen.

Foto: Jeison Higuita

Natürlich mussten wir auch einen Buchladen stürmen: Das Cuba Libro, ein Café und Buchladen in Havannas Stadtteil Vedado, wurde 2013 vom amerikanischen Journalisten Conner Gorry gegründet. Bis heute ist es die einzige englischsprachige Buchhandlung auf der Insel und erfüllt eine wertvolle Rolle in der Gemeinschaft. 

Die Bücher, die im Cuba Libro angeboten werden, reichen von bekannten literarischen Figuren wie Fitzgerald, Bukowski und Nabokov bis hin zu Titanen der Popkultur wie Game of Thrones, Harry Potter und The Girl with the Dragon Tattoo. Laut Gorry wird der Raum auch von Gewerbetreibenden wie Köchen, auf der Suche nach Rezepten, Trainern auf der Suche nach Sports Illustrated und Designern nach Einrichtungsmagazinen aufgesucht. Das Cuba Libro ist jedoch weit mehr als ein Ort, an dem man Bücher kaufen kann. Es betreibt einen Coffeeshop, bietet kostenlose Kulturveranstaltungen an und hat einen großen Garten, in dem Besucher kommen und so lange lesen können, wie sie wollen. 

Foto: Jan Mellstrom

Die Bars in Havana sind einzigartig und wir probierten uns gefühlt durch alle verfügbaren Rumsorten, von denen wir die besten natürlich einpacken mussten zusammen mit ein paar guten Zigarren und einem schicken Strohhut für jeden.

Wir organisierten eine Lesung von Graham Greenes „Our Man in Havana“ im El Floridita, wo rotgeschürzte Barkeeper hinter der langen Theke Daiquiris und Martinis mixen. 

Hemingways alkoholgetränkte Liebesaffäre mit Havanna ist legendär geworden; Graham Greenes Assoziation mit Kuba ist jedoch mit der Zeit irgendwie verblasst, obwohl er zwischen 1954 und 1966 mehrmals dort war und einen Drink genauso liebte wie Hemingway. Wenn man genau hinschaut in den Bars und Cafés der kolonialen Hauptstadt wird man immer mal wieder Besucher sehen, die „Unser Mann in Havanna“ lesen.

Der Roman spielt in den späten Fünfzigerjahren, als Havanna eine mondäne Welt voller mafiöser Kasinos, Hinterhofkinos und schier endlosen Daiquiries war. Fidel Castro änderte das, indem er zuerst Präsident Fulgencio Batista stürzte und dann die Roulettetafeln und die weniger gemütlichen Elemente der Stadt über Bord warf. 

Aber die Bars, die damals die Freier anlockten, haben überlebt. Hotels aus der Zeit der kubanischen Revolution und verschiedene Buch- und Filmschauplätze sind in ihrer ganzen zerfledderten Schönheit immer noch in Havannas geschichtsträchtigen Straßen zu finden. 

Greenes Spionage-Satire kam Ende Dezember 1959 in die Kinos, mit Noël Coward in der Hauptrolle als britischer Geheimdienstchef Hawthorne, der den glücklosen, mittellosen Staubsaugervertreter Wormold (Alec Guinness) als Mann des Geheimdienstes in Havanna rekrutiert.

Aus Angst, seinen lukrativen Geheimdienst-Job zu verlieren, ist Wormold gezwungen, Unteragenten zu erfinden und Geheimdienstberichte über verrückte Militäranlagen in den Bergen zu erstellen. Diese von Wormold skizzierten Militäranlagen, die auf seinem neumodischen Atomic Pile Staubsauger basieren, waren nur kurz vor Kubas echter Raketenkrise 1962 eine echt vorausschauende Idee.

Hawthorne weist Wormold an, sich in Zimmer 501 im historischen Hotel Sevilla ist der Ort in dem sich Hawthorne mit Wormwold treffen will „um den Official Secrets Act zu unterschreiben – man kann noch heute eine Gedenktafel vor dem Zimmer 501 entdecken. 

Graham Greenes „Our Man is Havana“ ist Pflichtlektüre für jeden Havana-Reisenden. Empfehlen möchten wir auch die gleichnamige Verfilmung des Buches aus dem Jahr 1959:

Der Abschied aus Havana fiel uns irre schwer. Wir werden die Musik, die Menschen, das Meer und die Sonne sehr vermissen – aber vor uns liegt eine entspannende Schiffreise zurück in die Alte Welt. Wir nehmen Kurs auf Frankreich um die Hauptstadt der Liebe und der Croissants zu besuchen. Kommt ihr mit nach Paris?

First we take Manhattan

„To me the outdoors is what you must pass through in order to get from your apartment into a taxicab.”

Foto: Clay Banks @ Unsplash

Los geht es mit unserer literarisch-kulinarischen Weltreise! Glücklicherweise haben Sie alle Ihre Koffer gepackt, sind rechtzeitig an und nicht über Board gegangen und konnten unsere Überfahrt in vollen Zügen genießen.

Im Rahmen Ihrer gebuchten Halbpension erhalten Sie heute einen Klassiker der New Yorker Küche – das Clubsandwich! Was Sie über das Clubsandwich vielleicht noch nicht wussten ist, dass es seinen Namen dadurch erhalten hat, dass es früher immer in privaten Clubs serviert wurde. Wir präsentieren Ihnen heute eine moderne Variante des Klassikers – nicht minder edel wie in den privaten New Yorker Clubs…

Damit Sie auch nach unserer Weltreise immer wieder an Ihren kleinen, privaten Club denken, nehmen Sie sich gern das Rezept mit:

Für 2 Personen:

4 Scheiben helles Brot

1 Tomate

1 Avocado

1 Räuchertofu

Romanasalat

(Kräuter-)Mayonnaise

Öl zum Braten des Tofus

Tofugewürzmischung z.B. von Fuchs (alternativ Kreuzkümmel, Koriander und Kurkuma mischen)

Zubereitung:

Den Tofu einmal in der Mitte waagerecht durchschneiden, beide Hälften dann von beiden Seiten mit Tofugewürz oder selbstgemachter Gewürzmischung einreiben und in einer Grillpfanne mit etwas Öl von beiden Seiten anbraten.

Den Tofu herausnehmen. Jetzt die Brotscheiben belegen: Dazu das Brot mit Mayonnaise bestreichen, ein Romanasalatblatt drauflegen, gefolgt von einer Scheibe Tofu, etwas Avocado und Tomatenscheiben. Dann die zweite Brotscheibe als Deckel drauf und alles mit einem Zahnstocher zusammen halten. Das Brot dann in die Pfanne legen, ggf. noch etwas Öl zufügen und braten, bis das Brot leicht gebräunt und knusprig ist. Dann umdrehen und die zweite Seite braten.

Kann man sich eine bessere Reiseführerin als Fran Lebowitz vorstellen? Es ist ja bekannt, wie charmant sie Tourist*innen findet und ein kurzer Anruf genügte daher und sie stand uns einen ganzen Tag lang zur Verfügung. In Frans prägnanten Kritiken des modernen Großstadtlebens steckt der Geist des Big Apples. Im Herzen ihres bissigen Witzes steckt die pure Liebe zum New Yorker Dasein.

New York City, offiziell City of New York, auch Big Apple genannt, ist die größte und einflussreichste amerikanische Metropole und umfasst die Inseln Manhattan und Staten Island, die westlichen Teile von Long Island und einen kleinen Teil des Festlands des Bundesstaates New York nördlich von Manhattan. New York City ist eine Ansammlung von vielen Vierteln, die über die fünf Stadtbezirke Manhattan, Brooklyn, Bronx, Queens und Staten Island verstreut sind und jeweils ihren eigenen Lebensstil haben. New York ist die bevölkerungsreichste und internationalste Stadt des Landes. New York ist das Tor zur Welt und wer sich hier langweilt, dem ist nicht mehr zu helfen. Hier befindet sich das Epizentrum der Kunst, es ist die Hauptstadt des Essens und des Einkaufens, der Nachtclubs und in jeder Hinsicht ein absoluter architektonischer Darling.

Fran ließ es sich natürlich nicht nehmen, uns durch ihre Lieblings-Buchläden zu schleppen um die ultimativen New York Lesetipps für unsere Daheim gebliebenen Leser*innen zu finden. So international wie die Stadt sind auch ihre Empfehlungen.

Für frankophile New York Fans empfehlen wir Françoise Sagans charmante persönliche New York Erlebnisse „Bonjour New York“.
Für Leute, die mit bösem Humor umkönnen, die Essays „Metropolitan Life“ von der Meisterin Fran Lebowitz persönlich.
Für Leute die mit europäischem Blick auf das New York der 1960er Jahre schauen wollen, empfehlen wir „Fähre nach Manhattan“ von Armin Thurnher.

So schwer uns der Abschied auch fällt, wenn wir noch länger bleiben, muss die Hälfte der Reisegruppe Übergepäck zahlen und wir haben noch so viele Stationen vor uns. Ein letzter Blick auf die Brooklyn Bridge und schon checken wir ein und machen uns auf den Weg nach Buenos Aires. Wir freuen uns sehr auf euch. Hasta la Vista – bis nächste Woche.

Hier unser Film-Tipp für das ultimative New York Feeling:

Große gemischte Tüte

Ian McEwan ist der Naturwissenschaftler unter den Romanautoren. Immer wieder beschäftigt er sich in seinen Werken damit, woher die menschliche Erkenntnis kommt, wie zugänglich die Erkenntnisse der Wissenschaften für uns Leser sind, gibt es eine universelle menschliche Natur? In diesem Bändchen finden sich fünf Essays, die sich mit Wissenschaft, Literatur und Religion beschäftigen.

My own particular hero is E.O. Wilson” sagte der britische Schriftsteller Ian McEwan einmal in einem Interview. Es mag etwas überraschen, dass der „Held“ eines Literaten kein Dichter oder Romancier ist, sondern ein amerikanischer Biologe, der für die Entwicklung der Soziobiologie, einer Verschmelzung von Natur- und Sozialwissenschaften, berühmt ist. Doch wenn man sich McEwans Werk ansieht, wird deutlich, dass er zwar selbst ganz klar Literat ist, sich aber sehr für wissenschaftliche Themen interessiert. Für seine Romane Saturday und Enduring Love wählte er sogar zwei Wissenschaftler als Protagonisten, die der Erzählung ihr rational-wissenschaftliches Weltbild aufdrücken. Gleichzeitig geraten beide Protagonisten in einen Konflikt mit der Literatur.

„Über die Entstehung, in dreizehn Monaten geschrieben, ist das Resultat einer enormen intellektuellen Anstrengung: ausgereifte Einsichten, umfassendes Wissen und präzise Beobachtungen, die Darbietung aller Fakten, die Erläuterung geradezu unwiderleglicher Argumente im Dienste einer profunden Kenntnis natürlicher Abläufe. Darwins Zögern, gegen Emmas religiöse Überzeugungen zu verstoßen, den theologischen Gewissheiten seiner Kollegen zu widersprechen oder sich in der unpassenden Rolle eines Bilderstürmers wiederzufinden, eines radikalen Abweichlers in der viktorianischen Gesellschaft – all diese Bedenken warf er über den Haufen, weil er fürchtete, jemand anderes könne ihm zuvorkommen und die Anerkennung für Überlegungen einheimsen, die er für die seinen hielt.“

Darwin bildet ein wenig den roten Faden zwischen den einzelnen Vorträgen bzw. Artikeln, bzw. der Vergleich der Arbeit eines Wissenschaftlers mit der eines Autors, dennoch stehen die Essays in keinem bestimmten zeitlichen oder inhaltlichen Bezug zueinander. Trotzdem habe ich sie sehr gerne gelesen – eine sehr anregende Lektüre, die mich dazu bringt, dieses Jahr aber wirklich endlich Darwins „The Origins of Species“ zu lesen, das schon viel zu lange ungelesen in meinem Regal steht.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gilbert hat einen Alptraum, indem seine Frau untreu ist, er erwacht schwer empört und konfrontiert sie im Laufe des Tages mit ihrer Untreue. Sie jedoch leugnet jegliche eheliche Abschweifung, woraufhin er von ihrer Untreue weiterhin tief überzeugt, seine seine Tasche packt, seinen Pass nimmt, zum Flughafen fährt und den erstbesten verfügbaren Interkontinentalflug bucht. Er landet in Tokio, wo Gilbert – ein Forscher in Sachen Bart – versucht, ein Gespräch mit einem seltenen jungen Japaner anzufangen, der erste, den er sieht, der einen kleinen Bart trägt. Yosa war gerade im Begriff, Selbstmord zu begehen, aber als Gilbert ihn anspricht, verbietet es die Höflichkeit, mit seinem Plan fortfahren. Ausgestattet mit zwei Büchern, Bashos berühmtem Reiseführer über das Hinterland Japans und einem japanischen Selbstmord-Handbuch, beginnen die beiden Männer eine Reise durch Japan auf der Suche nach den seit Basho bedichteten berühmten Kiefern.

Über den Weg, der neben dem Schild vom Hauptweg abzweigte, spannte sich ein dünner Faden, der offenbar eine Sperre versinnbildlichen sollte. Yosa hob das Sinnbild an, bückte sich darunter durch, und Gilbert tat es ihm gleich, auf einmal von heißem Trotz gegen eine Maßregelung durch schlaffe Bindfäden erfüllt. Sie brauchen ihm jetzt wirklich nicht mit der Albernheit zu kommen, ihn mittels Bindfäden gängeln zu wollen, er hielt sich an ausreichend viele Vorschriften, wenn auch widerstrebend, und bei einem Waldspaziergang benötigte er keine Kontrolle und keine Bevormundung. Er überholte Yosa und stapfte wütend den Pfad entlang durch unübersichtliches, verbotenes Gebiet.

Der Roman ist ein kleines Meisterwerk. Witzig, skurril, großartig beobachtet. Ich weiß nicht, wie Poschmann es geschafft hat, sie fängt mit atemberaubender Perfektion exakt die verwirrende Erfahrung ein, die einen als Besucher des Landes permanent begleitet. Ich hatte vor der Lektüre schon eine Ahnung, dass es mir gefallen könnte, aber es dürfte eines der Highlights des Jahres sein, kann es nur jedem ans Herzen legen und je weniger man vorher über den Roman weiß, desto besser glaube ich.

Marion Poschmann erzählt in „Nimbus“ von den Verheerungen, denen die Natur durch den Menschen ausgesetzt ist. Ihre poetischen Illuminationen lassen die Magie der Natur sinnlich werden. Diese Gedichte haben eine unfassbar schöne Rhythmik und die Sprache malt passende atmosphärische Bilder dazu. Ich habe keine Ahnung, wie man Gedichte bespricht, daher einfach nur: Kauft diesen Gedichtband, lasst euch hineinfallen und legt ihn nie zu weit außer Reichweite, ihr werdet immer wieder einmal darin lesen wollen!

Farnfraktal – wie Flügel gegen sinkendes Abendlicht.
Und wir, wir wichen schüchtern den Schritt zurück
ins Dunkle, wo die Farnspiralen
ausharrten, dicht in sich eingewunden,

genügsam, lautlos. War ich denn jemals so –
so eingerollt in mich, völlig eingehegt
in Wald, der an mich grenzte, Wald, der
Gegenfarn bildete, größer, stiller.

Diese erstaunliche Frau führte ein sehr beeindruckendes Leben. Anne Beaumanoir war im Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzung Frankreichs, half vielen ihrer jüdischen Mitmenschen dem Nazi-Terror, der Gefangenschaft und dem sicheren Tod zu entkommen, arbeitete als Neurologin, war im algerischen Unabhängigkeitskampf gegen den französischen Kolonialismus aktiv und wurde dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, lebte viele Jahre in Tunesien und Algerien im Exil und half in den Anfangsjahren der algerischen Unabhängigkeit beim Aufbau des algerischen Gesundheitssystems. Heute ist sie 97 Jahre alt und traf bei einer Veranstaltung auf die Autorin Anne Weber, der sie ihr Leben erzählte.

„Zu lange waren Angst Erschöpfung Einsamkeit
ihre einzigen Begleiter. Sie kann nicht mehr. Im
Parc Monceau findet sie, statt der Ruhe, die sie sucht,
eine noch nie empfundene Beklemmung. Kein
Mensch in dieser großen Stadt, die sie mit kleinen
Schritten monatelang durchmessen hat, von der sie
jeden Winkel, jeden Außenbezirk kennt, kein Mensch,
der sich im Geringsten um sie schert, der sie was fragt
oder sich vielleicht Gedanken um sie macht, nichts,
niemand – Leere. Hat Kommunismus nicht mit
Gemeinsamkeit zu tun? Als sie noch handelte und
etwas Sinnvolles vollbrachte – etwas, wovon sie
hoffte, dass es sinnvoll war -, da ging es noch. Und
jetzt?

Die Form erhebt Beaumanoir in die Höhen einer griechischen Heldin, aber gleichzeitig macht der Inhalt sie zu einer sehr modernen Figur, die nicht nur durch die Zeit in der sie lebte geformt wurde, sondern die sich auch mit Fragen wie Identität und Ideologie beschäftigte. Die Sprache ist poetisch, aber, in Anbetracht der Form, nicht sehr stilisiert und sehr zugänglich. Die ganze Mischung ist ein überaus fesselndes Erlebnis.

In The Heat of the Day erschafft Elizabeth Bowen auf brillante Weise die angespannte und gefährliche Atmosphäre Londons während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs.

Viele Menschen sind aus der Stadt geflohen, und diejenigen, die zurückgeblieben sind, finden sich in einer seltsamen, aus der Krise geborenen Intimität zusammen. Stella Rodney ist eine von denen, die sich entschieden haben, zu bleiben. Aber für sie wird das Gefühl der bevorstehenden Katastrophe plötzlich sehr persönlich, als sie entdeckt, dass ihr Geliebter Robert verdächtigt wird, Geheimnisse an den Feind zu verkaufen, und dass der Mann, der ihn verfolgt, Stella als Preis für sein Schweigen zu seiner Geliebten machen will. Gefangen zwischen diesen beiden Männern und nicht sicher, wem sie glauben soll, gerät Stellas Welt aus den Fugen, als sie erfährt, wie wenig wir wirklich über die Menschen um uns herum wissen können.

„Beide waren in ihrem Element, und als sie sich kennenlernten gleich noch viel mehr. Es war typisch für dieses Leben im Augenblick und um des Augenblicks willen, daß man Menschen gut kannte, ohne allzuviel von ihnen zu wissen. Das Vakuum hinsichtlich der Zukunft entsprach dem Vakuum hinsichtlich der Vergangenheit; Lebensgeschichten wurden als unnützer Ballast abgeworfen, und aus verschiedenen Gründen kam das sowohl ihr als auch ihm entgegen.“

Bowen hat einen ungewöhnlichen Schreibstil, der mich immer wieder mal an Virginia Woolf erinnerte. Manchmal kamen die Worte geradezu in Maschinengewehrsalven auf einen zu, dann wieder ihre Sätze fast träge wie wie ein schwüler Spätsommertag. Dies ist mein erster Roman von Elizabeth Bowen, aber sicher nicht meine letzter. Der Roman ist eine spannende Mischung aus Noir-Spionage mit einem Spritzer Liebesroman.

Dieses kleine Buch wurde 1938 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht und wurde noch zu Lebzeiten der Autorin zum Klassiker. Die Erstveröffentlichung hat wegen der darin enthaltenen Wahrheiten – und der Warnungen – immer wieder an Popularität gewonnen.

A short time before the war, some cultivated, intellectual, warmhearted German friends of mine returned to Germany after living in the United States. In a very short time they turned into sworn Nazis. They refused to listen to the slightest criticism about Hitler. During a return visit to California, they met an old, dear friend of theirs on the street who had been very close to them and who was a Jew. They did not speak to him. They turned their backs on him when he held his hands out to embrace them. How can such a thing happen? I wondered. What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty?

These questions haunted me very much and I could not forget them. It was hard to believe that these people whom I knew and respected had fallen victim to the Nazi poison. I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care. In 1938, the isolationist movement in America was strong; the politicians said that affairs in Europe were none of our business and that Germany was fine. Even Charles Lindbergh came back from Germany saying how wonderful the people were. But some students who had returned from studying in Germany told the truth about the Nazi atrocities. When their fraternity brothers thought it would be fun to send them letters making fun of Hitler, they wrote back and said, “Stop it. We’re in danger. These people don’t fool around. You could murder one of these Nazis by writing letters to him.”

So erklärte Kathrine Kressmann Taylor die Inspiration zu „Adresse unbekannt“, das heute als eines der grundlegenden Werke der Anti-Nazi-Literatur gilt. Ursprünglich 1938 veröffentlicht, wurde die Kurzgeschichte in Form eines Briefwechsels auf dem Höhepunkt des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland zwischen zwei Geschäftspartnern und Freunden geschrieben. Martin, der kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt ist, wird nach und nach von der Nazi-Ideologie indoktriniert, sein Freund Max ist Jude, der in Amerika zurückgeblieben ist, um das Geschäft weiterzuführen.

Die Geschichte beschäftigt sich mit den Themen Fanatisierung, Faschismus und Rache und wie leicht der Spieß auch umgedreht werden könnte, wenn man andere verunglimpft. Leider ist dieses Buch auch heute noch so relevant wie eh und je, wo faschistische Ideale wieder auf dem Vormarsch sind und durch Social Media leicht verbreitet und akzeptiert werden.

Ich hoffe, in dieser gemischten Tüte war etwas dabei für euch? 6 sehr unterschiedliche, aber allesamt überaus empfehlenswerte Bücher die ich euch ans Herz legen möchte.

Hier noch einmal in der Übersicht:

  • Erkenntnis und Schönheit von Ian McEwan erschienen im Diogenes Verlag
  • Die Kieferninseln von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Nimbus von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber erschienen im Matthes & Seitz Verlag
  • In der Hitze des Tages von Elizabeth Bowen erschienen im Schöffling Verlag
  • Adressat unbekannt von Kressmann Taylor erschienen im Rowohlt Verlag

Nichts Tun – Jenny Odell

Der Titel ist vielleicht ein bisschen irreführend, denn bei „Nichts tun“ handelt sich auf gar keinen Fall um eine Anleitung zum Digital Detox oder dem Ausstieg aus den sozialen Medien (dazu eignet sich Cal Newports Digital Minimalism oder Catherine Price‘ How to Break Up With Your Phone ganz gut). Stattdessen ist dies ein umfassend recherchiertes Buch über: das Selbst, Aufmerksamkeit, Bioregionalismus, was es bedeutet, sich zu verweigern und über die Auswirkungen des Kapitalismus auf diese Faktoren.

Der Großteil dieses Buches handelt von den Dingen, die wir nicht wirklich tun können, wenn unsere Aufmerksamkeit permanent in den sozialen Medien oder mit dem Scrollen durch Nachrichten an unsere Telefone gebunden ist. Im Grunde nehmen uns die sozialen Medien und der Dauerbeschuss an Nachrichten die Fähigkeit, zu reflektieren und umfassend über das nachzudenken, was unter dem Radar der Status-Updates und Schlagzeilen tatsächlich passiert. Darüber hinaus werden unsere Beziehungen zu anderen Menschen, zur Zeit und zur Umwelt um uns herum erodiert. wir versuchen, unsere Ideen in 280-Zeichen-Tweets zu pressen, stets bemüht, niemanden zu beleidigen und möglichst viele „Likes“ zu bekommen. Was passiert, wenn wir Menschen als Marken und Unternehmen als Menschen betrachten?

Odell fordert uns zunächst auf, die Idee der „Nützlichkeit“ zu überdenken und unsere Tendenz, Zeit und Aufmerksamkeit als Ware zu betrachten, in Frage zu stellen – etwas, das in der Gig-Economy zumeist als selbstverständlich erachtet wird. Sie verwendet das Beispiel eines alten Mammutbaums in Oakland, der für den menschlichen Verzehr nutzlos ist und ironischerweise ist es seine „Nutzlosigkeit“, die ihn davor bewahrt, gefällt zu werden, was ihn zum einzigen Baum seiner Generation macht, der überlebt. Sie nennen ihn sogar „Old Survivor“.

Teile des Buches waren für mich etwas unzugänglich – insbesondere ihre Beschreibungen diverser Kunstausstellungen waren etwas langatmig. Sehr spannend fand ich aber, wie sie sowohl Diversität und Klasse in die Betrachtung des Widerstands gegen die Aufmerksamkeitsökonomie einbezieht. Odells Referenzen im Buch sind erfreulich vielfältig; ja, sie bezieht sich viel auf Thoreau, aber sie bezieht auch Texte von Audre Lorde, der Arbeiterbewegung und der Umweltbewegung mit ein. All das setzt sie in einen historischen Kontext, sozusagen als Gegensatz zu der ständigen Gegenwartsbezogenheit der sozialen Medien.

„Nicht nur, dass es unbefriedigend ist, in permanenter Zerstreuung zu leben, oder dass ein Leben ohne zielgerichtetes Denken und Handeln armselig ist. Wenn es wahr ist, dass die kollektive Tatkraft das individuelle Aufmerksamkeitsvermögen spietelt und zudem auf diesem beruhen, dann scheint Zerstreuung, in einer Zeit, in der es zu handeln gilt, eine Sache auf Leben und Tod zu sein. Ein soziales Gefüge, das nicht in der Lage ist, sich auf sich selbst zu konzentrieren oder mit sich zu kommunizieren, ist wie eine Person, die weder denken noch handeln kann“

Und während andere Bücher zum gleichen Thema dazu neigen, die Vereinnahmung unserer Aufmerksamkeit und die Tyrannei der Algorithmen als ausgemachte Sache zu behandeln und damit das Digital Detox als ausweglose Lösung zu beschreiben, schafft es Odell, ganz sachlich zu bleiben, jede Sensationslüsternheit zu vermeiden und zeigt eigene Wege, mit der Aufmerksamkeitsökonomie umzugehen.

Als Lösungsideen präsentiert die Autorin unter anderem Bioregionalismus, weniger Konsum, mehr Dezentralisierung als Konzepte für eine bessere Welt. Ich glaube aber, solange die Menschen den Grad und die unfassbare kaltschnäuzige Raffinesse der Medien- und Nachrichtenmanipulation nicht erkennen, werden diese Ideen und Ideale chancenlos sein gegen die glitzernde, glamouröse Gamification und den Konsumterror.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl, einen angenehmen Spaziergang mit einer klugen und überhaupt nicht überheblichen Freundin zu machen. Odells Ideen wirken rational und gar nicht revolutionär, haben aber eine große Tragweite, wenn es darum geht, unseren Fokus auf unsere Beziehungen und unser Umfeld zu lenken, anstatt sich permanent im Hamsterrad zu drehen und uns nur wohl zu fühlen, wenn wir uns optimieren und im Produktivitätsrausch versinken. Manchmal hätte ich mir ein bisschen mehr Pep gewünscht, da mäanderte es für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr, aber Odell schafft eine kluge Verbindung von Kunst, Ökologie, Soziologie und Wissenschaft auf nachdenkliche und manchmal überraschende Weise. Ein Buch, das mir große Lust auf rotweingetränkte Diskussionen mit Freunden gemacht hat.

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Passing – Nella Larsen

Der 1929 erschienene Roman „Passing“ von Nella Larsen ist eine teil-autobiografische Novelle, in der eine junge Frau, deren Hautfarbe hell genug ist, beschließt, ihr Leben tatsächlich als Weiße zu leben. Darauf bezieht sich der Titel, da dieser Vorgang als „Passing“ bezeichnet wurde.

Larsens Roman Passing beginnt damit, dass Irene nach ihrer zufälligen Begegnung mit ihrer früheren Jugendfreundin Clare im Drayton Hotel einen mysteriösen Brief von ihr erhält, nachdem sie zwölf Jahre lang keinen Kontakt miteinander hatten. Irene und Clare verloren den Kontakt zueinander, nach dem Claire in Folge des Todes ihres Vaters zu ihren weißen Tanten geschickt wurde. Sowohl Irene als auch Clare sind von gemischter afrikanisch-europäischer Abstammung und von so heller Hautfarbe, dass es ihnen möglich ist, als „weiß“ durchzugehen.

“It’s funny about ‘passing.’ We disapprove of it and at the same time condone it. It excites our contempt and yet we rather admire it. We shy away from it with an odd kind of revulsion, but we protect it.”

Clare entschied sich, diesen Schritt tatsächlich zu gehen und als „Weiße“ einen gut situierten Banker zu heiraten, der als Rassist beschrieben wird. Im Gegensatz zu Clare gibt sich Irene nur gelegentlich als Weiße aus, um sich in einigen segregierten Räumen zurechtzufinden. Irene identifiziert sich als schwarze Frau und heiratete einen afro-amerikanischen Arzt namens Brian, mit dem sie zwei Söhne hat. Nachdem Irene und Clare wieder zueinander gefunden haben, sind sie fasziniert von den Unterschieden in ihrem jeweiligen Leben. Eines Tages trifft sich Irene mit Clare und einer weiteren afroamerikanischen Freundin aus ihrer Kindheit. Als Clares Mann am Abend nach Hause kommt, begrüßt er seine Frau mit einem rassistischen Witz, der Irene vermuten lässt, dass er keine Ahnung hat, dass seine Frau keine „echte“ Weiße ist.

“I’m not such an idiot that I don’t realize that if a man calls me a nigger it’s his fault the first time, but mine if he has the opportunity to do it again.”

Irene ist empört darüber, dass Clare vor ihrem Mann nicht zu ihrer Abstammung steht und ihm davon erzählt hat. Irene glaubt, dass Clare sich damit in eine gefährliche Situation gebracht hat, indem sie mit einem Menschen verheiratet ist, der Schwarze hasst. Irene will daraufhin nichts mehr mit Clare zu tun haben, bleibt aber weiterhin mit ihr in Kontakt. Clare beginnt, Irene und Brian zu ihren Veranstaltungen in Harlem zu begleiten, während ihr Mann verreist ist. Mehr und mehr spürt sie, wie sehr ihr das eigene Umfeld gefehlt hat und auch die Freundschaft der beiden Frauen wird insbesondere Irene immer wichtiger.

Der Roman spielt mit der Dualität der Figuren von Irene und Clare, die einen ähnlichen Hintergrund haben, aber ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben. Der Roman suggeriert auch eine tiefe Anziehung zwischen beiden mit leicht erotische Untertönen. Es wirkt, als ob die Figuren sowohl in ihren sexuellen als auch in ihren sozialen Identitäten fließen würden – ein weiteres Wortspiel auf das titelgebende Passing.

“She wished to find out about this hazardous business of “passing,” this breaking away from all that was familiar and friendly to take one’s chance in another environment, not entirely strange, perhaps, but certainly not entirely friendly.”

Nellallitea „Nella“ Larsen, geboren als Nellie Walker (13. April 1895 – 30. März 1964), war eine amerikanische Schriftstellerin mit amerikanischer Mutter und dänischem Vater und Teil der Harlem Renaissance Bewegung. Sie arbeitete als Krankenschwester und Bibliothekarin und veröffentlichte zwei Romane, Quicksand (1928) und Passing (1929), sowie einige Kurzgeschichten. Wie ihre Protagonistinnen im Roman hätte auch sie als Weiße „durchgehen können“.

Ihre Werke waren Gegenstand zahlreicher akademischer Studien und sie wird heute weithin als führende Romanautorin der Harlem Renaissance sowie als eine wichtige Figur der amerikanischen Moderne gesehen.

Passing ist ein starkes Stück Literatur für ein derart schmales Büchlein, das den Leser mit widersprüchlichen komplexen Charakteren konfrontiert, die versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und versuchen sich mit Blick auf Rassenfragen ihre eigene Meinung zu erarbeiten.

Passing gehört meines Erachtens zurecht an vielen amerikanischen Universitäten zum Literaturkanon.

Ich hoffe, ich konnte auch euch Lust auf diese Novelle bzw. das Werk dieser Autorin machen, die in Deutschland noch viel zu unbekannt ist.

Dystopisch-Gruselige D(r)amen

Es ist kalt geworden in Berlin und in der Gesellschaft. Ein dystopischer Blick in eine Zukunft, die sich von unserer Gegenwart nur wenig unterscheidet. Die laute Propaganda einer faschistischen Partei, nicht unähnlich den Krakeelern der rechten Partei, mit der wir uns rumschlagen müssen, sondern die die Politik des ganzen Landes beherrscht. Mittendrin taumeln drei verlorene Menschen durch die Welt, die irgendwann anfangen, Fragen zu stellen.

Die Atmosphäre des Buches ist bedrückend und beängstigend. Burschi, Charlie und Charlotte fangen an Dinge, die sie anfangs einfach hingenommen haben, zu hinterfragen. Sie stellen mehr und mehr in Frage.

„Stück für Stück ergibt Sinn, was mir immer wie ein beinahe obszön chaotisches Strudeln und Schlingern erschienen ist: mein Leben eben. Ich hatte mich redlich darum bemüht, es irgendwie im Griff zu behalten, aussichtslos.“

Da ist Burschi, die Johanna liebt, gegen alle Widerstände, auch wenn sie dabei den starken Arm eines Staates zu spüren bekommt, der Anderssein nicht mehr duldet. Die für ihre Beziehung kämpft, auch wenn ihr die Angst im Nacken sitzt. Dann ist da Charlie, der in anarchischen Musikkreisen zwischen Joints und lauten Beats ein Praktikum macht, seine ganz eigene Weise hat, der allgegenwärtigen Überwachung zu entkommen und noch mit seiner Mutter zusammenwohnt, die ursprünglich in esoterischen Kreisen verkehrte und in diesem Regime zur Scharfschützin ausgebildet wurde. Charlotte beginnt ebenfalls, in ihrer Loyalität wankelmütig zu werden und droht dabei fast den Verstand zu verlieren.

„Ich streiche über seinen Ring und sage, Stimmt, ich bin vollkommen gaga. Trotzdem habe ich einen Sicherheitsdienst mit aufgebaut. Das sage ich stolz. Urs lacht, er findet das witzig, und seine Laune wechselt von finster über fidel zu hoppsfallera, als der Kellner ihm seinen Kaffee schließlich doch noch serviert. Ich arbeite wirklich bei der Bürgerwehr, ich bin Scharfschützin, das glaubt er mir endgültig nicht. Und womit schießt du, mit Keramikküken? Urs zieht groteske Grimassen und ahmt nach, wie ich seiner Vorstellung nach ein Gewehr halte und ziele.

Laura Lichtblau entwirft mit ihrem Debütroman „Schwarzpulver“ eine urbane erschreckend realistische Dystopie mit wunderschöner poetischer Sprache, die ich sehr gerne gelesen habe. Ein Buch das es wert ist langsam und konzentriert gelesen zu werden.

Schwarzpulver von Laura Lichtblau erschienen im C. H. Beck Verlag.

Ein mysteriöser Virus hat die Tierwelt bis an den Rand des Massensterbens ausgerottet. Da es keine Fleischquelle mehr gibt, hat sich die Menschheit dem Kannibalismus zugewandt, um ihren unaufhörlichen Hunger nach Fleisch zu befriedigen. Menschen werden nun domestiziert, in Massen produziert, geschlachtet und als „Spezialfleisch“ verkauft. Eingelegte Finger, gegrillte Rippchen, gebratene Zunge, serviert auf Kimchi und Kartoffelsalat, alles schön gewürzt mit Kräutern und Gewürzen.

Bazterrica zeigt uns eine Welt, in der der Kannibalismus regiert, der jetzt „Transition“ genannt und mit sprachlichen Euphemismen überdeckt wird, um ihn der Gesellschaft äh, schmackhaft zu machen.

„Auf dem Weg zur Innereienabteilung kommen sie am Zerlegerau vorbei. Die Schiene durchläuft alle Räume und befördert die Kadaver von einer Station zur nächsten. Durch die länglichen Fenster können sie beobachten, wie dem Weibchen, das Sergio betäubt hat, Kopf, Arme und Beine abgesägt werden“

Marcos, ein Mann, der in einer fleischverarbeitenden Fabrik arbeitet, findet sich plötzlich mit einem kostspieligen Luxusgeschenk wieder: ein speziell gezüchteter Mensch erstklassiger Qualität. Ein Geschenk, das ihn auf vielfältige Weise in diverse Dilemma stürzt und zum Nachdenken bringt. Er, der selbst ursprünglich mal auf dem Schlachthof seines Vaters das Handwerk des Schlachters (von Tieren) gelernt hat, kann schon seit einiger Zeit kein Fleisch mehr essen. Sein Job widert ihn mehr und mehr an und er versucht, einen Ausweg aus seiner schrecklichen, trostlosen, hoffnungslosen, dunklen Arbeitswelt zu finden.

Bei diesem Buch wurde mir beim Lesen teilweise wirklich schlecht. Das Buch ist natürlich ein Protest gegen die Massentierhaltung, aber man würde dem Buch unrecht tun, wenn man es auf eine Kritik an Fleischindustrie und Massentierhaltung verkürzen würde. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was wir billigend in Kauf nehmen, um unseren Fleischgenuss zu befriedigen.

Agustina Bazterricas Roman ist wahrscheinlich das verstörendste, was ich je gelesen habe, aber die Lektüre lohnt sich wirklich, sie traf mit der Veröffentlichung ihres Romans einen neuralgischen Punkt der argentinischen Kultur. Nach wochenlanger Platzierung auf der Bestsellerliste und der Verleihung des Premio Clarín, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, gilt sie als eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.

Traut Euch und lest dieses Buch!

Wie die Schweine von Agustina Bazterrica erschienen im Suhrkamp Verlag übersetzt von Matthias Strobel.

Die Geschichte ist simpel, aber durchaus interessant. Wir befinden uns im Jahr 1933, als der Protagonist der Geschichte, Freddie, einen ganz besonderen Buchhändler besucht. Seine Unterhaltung mit dem Buchhändler geht zunächst ins Jahr 1928 zurück, in dem Freddie die französischen Pyrenäen besucht, um dort auf andere Gedanken zu kommen, sich von seiner Depression – ausgelöst durch den Tod seines Bruders während des 1. Weltkriegs – zu erholen. Von seinen Gastgebern im Gasthof eingeladen, beschließt er, dem Fest von St. Etienne beizuwohnen, einem Fest, das für die Bewohner des Dorfes eine besondere Bedeutung hat. Er trifft dort auf eine verführerische junge Frau, mit der er sich Stunden lang unterhält und nach einem seltsamen Überfall auf die festliche Runde die Nacht verbringt.

Mosse stellt in ihrem Roman einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der den Tod seines Bruders nicht überwinden kann und sich auch Jahre später noch traumatisiert zurückgelassen und einsam fühlt. Solche starken Emotionen werden sonst eher weiblichen Charakteren zugeschrieben, es war eine willkommene Abwechslung, es hier einmal andersherum zu erleben. Freddie ist ein sehr einnehmender, sympathischer Charakter. Er ist ein Träumer, der mit der Realität und den Ansprüchen seiner Eltern nicht zu Rande kommt.

“The dead leave their shadows, an echo of the space within which once they lived. They haunt us, never fading or growing older as we do. The loss we grieve is not just their futures but our own.”

Der Roman beschäftigt sich mit der Frage was passiert, wenn wir mit einem vorzeitigen, tragischen Tod konfrontiert werden? Wie lernen wir damit zu leben? Wie gehen wir damit um, wenn die Schatten der Toten den Lebenden die Kraft nehmen weiterzuleben? Wie in ihrem berühmten Roman „Labyrinth“ kehrt Mosse wieder nach Frankreich und den Katharern zurück.

Die Autorin macht Lust auf eine Reise ins verschneite Südfrankreich, auf geheimnisvolle Höhlen und tragische Karthager. Die Stimmung war wohlig mysteriös, wenn auch nicht wirklich gruselig. Eine leichte Lektüre, perfekt für einen verschneiten Sonntagnachmittag.

Winter Ghosts erschien auf deutsch unter dem Titel Wintergeister im Droemer Knaur Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust machen auf zwei herausfordernde Dystopien und einen gemütlichen Gruselschinken. Habt ihr noch Empfehlungen für gute Dystopien oder spannenden Grusel?

Polarexpedition – Teil II

Ich hoffe, alle sind aufgewärmt und bereit für die finale Etappe unserer Polarexpedition. Pünktlich zum Ende der Expedition hat es auch ordentlich geschneit in München und so für echtes Polarfeeling gesorgt.

Wir starten unsere Reise heute mit einem Buch über den Hjalmar Johansen, den stets im Schatten stehenden Begleiter berühmter Polarforscher wie Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen.


Die Geschichte von Nansens und Johansens Reise an den Rand des Pols ist spannend wie ein Krimi. Vielleicht, weil es um etwas so Grundlegendes wie das Überleben geht. Mensch gegen Natur. Der Kampf des Menschen gegen sich selbst. Hjalmar Johansen hat es verdient, aus dem Schatten von Nansen und Amundsen herauszukommen. Johansen hatte seine Schwächen, aber er hatte die Behandlung von Amundsen nach der Südpol-Expedition nicht verdient.

Amundsen wollte sein Gesicht wahren und konnte nicht riskieren, dass seine fragwürdigen Entscheidungen nach der Expedition in Frage gestellt wurden. Er beschuldigte Johansen der Meuterei und sorgte damit für dessen unaufhaltsamen Niedergang.

Hjalmar Johansen teilte Rückschläge, Entbehrungen und Gefahren mit Amundsen und Nansen. Mit letzterem überwinterte er neun Monate in einer Hütte am Nordpol und rettete auf der Südpolexpedition gar einen Kameraden vor dem Tod. Doch all das zählte nichts mehr, auf ewig sollte ihm die nachgesagte Meuterei nachhängen.

Das Buch ist eine gelungenen Mischung aus Biografie und Abenteuerroman, in dem Johansens Leben und Schicksal erzählt wird. Spannend und traurig zugleich.

Nach der zum Ende hin doch recht deprimierenden Lektüre wurde mir beim Einblick des 580 Seiten Wälzers von Hampton Sides doch etwas mulmig. Würde ich noch mal soviel Geduld aufbringen, mich über Tage in ein weiteres Polar-Abenteuer zu stürzen?

Erfreulicherweise hat Hampton Sides es mir einigermaßen einfach gemacht. Das Buch liest sich leicht und flüssig und es dauert auch einige Hundert Seiten, bis die eigentliche Polarfahrt beginnt. Ein Umstand, der andere vielleicht stört, ich fand die interessanten Erzählungen rund um die eigentliche Geschichte ganz interesant.

„Die Polarfahrt“ erzählt die wahre Geschichte der Polarexpedition der U.S.S. Jeanette aus dem Jahr 1897. Die Expedition wurde von der U.S. Navy geleitet, aber von dem wohlhabenden, unkonventionellen James Gordon Bennett Jr. finanziert, dem der New York Herald gehörte. Bennett war es, der seinerzeit Stanley ausgesandt hatte, um Livingstone zu finden, ein Zeitungsmann, der zu den Mitbegründern des Sensationsjournalismus zählen kann.

Die Expedition stach von San Francisco aus unter dem Kommando von Lieutenant Commander George De Long in See, der bereits seinen Mut und seine Geschicklichkeit auf den Eisschollen der Arktis bewiesen hatte. Das Schiff kam nicht weit, bevor es nordöstlich der Wrangel-Insel im Packeis festsaß.

Fast zwei Jahre lang driftete die Jeanette dann in nordwestlicher Richtung. Das Schiff war für das Eis konstruiert, gut ausgerüstet und die Männer meisterten die Situation mit bemerkenswerter Souveränität. Die größte Prüfung, der sie in dieser Zeit ausgesetzt waren, waren Irritation und Genervtheit untereinander.

Dann, am 12. Juni 1881, wurde die Jeanette vom unerbittlichen Druck des Eises zerdrückt und sie sank auf den Meeresgrund. Alle 33 Besatzungsmitglieder überlebten den Untergang. Es gelang ihnen auch, einen ordentlichen Vorrat an Proviant und drei kleine Boote zu bergen. Nun begann das eigentliche unerbittliche Abenteuer. Eine Reise von Hunderten von Meilen über ein zugefrorenes Meer, durch ein endloses Eislabyrinth. Sie überwanden Hunger und Stürme, Blindheit und Verzweiflung. Einer hatte sogar eine fortschreitende Syphilis, was wahrscheinlich schon auf dem Festland und in der Zivilisation schlimm genug ist, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man es aushält, wenn man damit in einer Eiswüste unterwegs ist. Die meisten schafften es nie wieder nach Hause.

Sides erzählt diese Geschichte überaus spannend. Das fängt schon bei seinen Charakterisierungen an, die meiner Erachtens tiefgründig und rund sind. Zum Beispiel Bennett, dem Organisator der Expedition. Das Wort Exzentriker wird ihm nicht wirklich gerecht, er ist ein Mann, der einen Fake-Artikel brachte über Tiere, die aus dem Zoo entkommen und Amok laufen, der seine Verlobte loswurde, weil er in ihren Flügel urinierte. Oder auch August Petermann, der ziemlich seltsame deutsche Kartograph, der glaubte, dass warme Meeresströmungen für ein offenes Polarmeer sorgen, der endlose Vorträge hielt und Schriften veröffentlichte zum Thema Polarexpeditionen, ohne jemals groß aus Deutschland herausgekommen zu sein (außer einem kurzen Ausflug zur Weltausstellung nach Chicago) und nicht zuletzt Emily De Long, die Frau des Kommandanten, die zahllose ergreifende Briefe schrieb, ohne einen sicheren Bestimmungsort zu haben, an den sie geschickt werden konnten. Eine sehr intelligente interessante Frau, die ihren Mann immens unterstützte.

USS Jeanette

Die Besatzung der Jeanette kommt einem nach über 500 Seiten vor wie alte Kumpel. Da ist Melville, der Chefingenieur, eine Art MacGyver des 19. Jahrhunderts; Nindemann, der herzliche Quartiermeister oder Jerome Collins, ein Meteorologe, Herald-Korrespondent und Meister des Wortspiels. Das ruhige Zentrum dieses Sturms ist jedoch Commander De Long. Auf Fotos wirkt er nicht unbedingt imposant; eher gelehrt und intellektuell, aber er war unfassbar mutig und zäh wie die Hölle.

Die Schilderung des Lebens an Bord, nachdem sich die Jeanette im Eis verkeilt hat, ist wirklich faszinierend. Tage, Monate, Jahre vergingen und die Männer blieben an Ort und Stelle, jagten, machten wissenschaftliche Messungen, trainierten, feierten Urlaub und bewegten sich langsam wie im Rhythmus des Meeres. Der Treck der Besatzung nach dem Untergang der Jeanette wird in quälenden Details erzählt. Man ist hautnah dabei, wie ihre Überlebenschancen schwinden.

Es hilft, dass Sides eine gute historische Grundlage hat, mit der er arbeiten kann. Als die Franklin-Expedition verschwand, gab es keine Überlebenden, die die Geschichte erzählen konnten, und nur wenige Beweise. Hier überlebten ein paar Männer, die erklären konnten, was genau passiert war. Bücher wurden von den Überlebenden geschrieben und der Kapitän De Long hatte ganz außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um die Logbücher und Tagebücher der Expedition zu retten – selbst in Kauf nehmend, dass es seine Rettung behindern könnte. Daher gab es eine Fülle von Augenzeugenberichten, die dieser Geschichte große Tiefe verleihen.

De Longs Mission hat etwas fast Perverses an sich. Sie segelten nach Norden, wohl wissend, dass sie im Eis stecken bleiben würden, aber sie taten es trotzdem, auf der Suche nach einer Chimäre, einem von Eis umgebenen Warmwasser-Ozean. Der Drang, unbedingt auch etwas Großes zu leisten, die Panik, dass fast jede Ecke der Welt schon entdeckt, der amerikanische Bürgerkrieg beendet und Männer wie De Long Sorge haben, mit ihren tapferen Vätern und älteren Brüdern nicht mithalten zu können.

Die Jeanette-Expedition widerlegte die Idee des Warmwasser-Ozeans, kartographierte einige Inseln, aber nichts von dem, was sie taten oder entdeckten, war es wert, dafür sein Leben zu lassen.

Nach diesen zwei eher deprimierenden, wenn auch spannenden Büchern über vergangene Polarexpeditionen, hoffte ich bei meinem letzten Abenteuer, dem einzigen Roman in meiner Sammlung, auf etwas mehr Leichtigkeit.

Zwei Antarktis-Expeditionen, die ein Jahrhundert auseinander liegen. Die erste, die in einer Katastrophe endete, ist der Stoff, aus dem Legenden und Jokes unter einer Gruppe moderner Forscher sind, die auf der Aegeus, einer fiktiven Antarktisbasis, stationiert sind.

Im Jahr 1913 brechen drei Männer in einem Beiboot vom Hauptschiff aus auf, um die Insel Everland zu erforschen: der hartgesottene, berechnende Erste Offizier Napps, der geradlinige, furchtlose Millet-Bass und der zarte Dinners, der so unbedarft ist wie ein frischgeschlüpfter Welpe. Ein Sturm lässt sie auf der Insel stranden, und nur Dinners wird Wochen später lebend gefunden, als die Rettungsmannschaft sie endlich erreichen kann. Napps‘ Tagebücher überleben, aber die Wahrheit, die sie enthüllen, ist umstritten. Was wirklich auf der Everland-Expedition geschah, bleibt auf der Insel und wird erst 100 Jahre später teilweise ans Licht kommen.

Einhundert Jahre später brechen drei weitere Abenteurer zu einer Jubiläumsexpedition nach Everland auf: Decker, der auf seiner letzten Antarktis-Reise ist; er ist müde, aber unbestreitbar der Anführer. Dann ist da Jess, eine zähe, super kompetente Feldassistentin und Brix, eine Forscherin, die zu Ungeschicklichkeiten neigt.

Der Roman bewegt sich zwischen diesen beiden Expeditionen hin und her und lässt Spannungsbögen entstehen, die das Buch zu einem kalten und verzweifelten Thriller werden lassen. Die körperliche Anstrengung des Überlebens wird anschaulich geschildert und die Qualen der Isolation am eisigen Ende der Welt, wenn man nicht einmal den Menschen wirklich traut, die das eigene Überleben in den Händen halten, wird nervenaufreibend und herzzerreißend von Rebecca Hunt erzählt.

Noch fesselnder sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Expeditionen und wie wenig sich auf Everland in den dazwischen liegenden Jahren verändert hat: Eine Flechte, auf die beide Teams gestoßen sind, ist tausend Jahre alt und wächst in einem Jahrhundert um einen Millimeter, ein Stück Butter behält seine Messerabdrücke über Jahrzehnte hinweg, ein eingefrorener Körper, der nach all den Jahren unheimlich unverändert ist.

Rebecca Hunts Sprache ist spartanisch und unaufgeregt. Ihr schräger Humor und ihre straffen Dialoge passen verleihen der Geschichte einen Hauch von verzweifelter Schönheit. Auch das letzte Buch meiner Polarexpedition stellt sich als hervorragende und spannende Lektüre raus.

So – wir haben es gemeinsam geschafft. Alle Expeditionsmitglieder sind wieder heil zu Hause angekommen. Wer noch immer nicht genug hat, den lade ich ein, meinen kurzen eisigen Trip vom letzten Jahr anzuschauen. Dafür bitte hier entlang.

Ich habe bereits einen tollen Tipp für die nächste Expedition bekommen (The Terror von Dan Simmons), ich sehe mich auch zwischen Ende des Jahres 2021 wieder in eisige Fernen aufbrechen. Wenn euch also sonst noch entsprechende Buchtipps einfallen – gerne her damit.