Große gemischte Tüte

Ian McEwan ist der Naturwissenschaftler unter den Romanautoren. Immer wieder beschäftigt er sich in seinen Werken damit, woher die menschliche Erkenntnis kommt, wie zugänglich die Erkenntnisse der Wissenschaften für uns Leser sind, gibt es eine universelle menschliche Natur? In diesem Bändchen finden sich fünf Essays, die sich mit Wissenschaft, Literatur und Religion beschäftigen.

My own particular hero is E.O. Wilson” sagte der britische Schriftsteller Ian McEwan einmal in einem Interview. Es mag etwas überraschen, dass der „Held“ eines Literaten kein Dichter oder Romancier ist, sondern ein amerikanischer Biologe, der für die Entwicklung der Soziobiologie, einer Verschmelzung von Natur- und Sozialwissenschaften, berühmt ist. Doch wenn man sich McEwans Werk ansieht, wird deutlich, dass er zwar selbst ganz klar Literat ist, sich aber sehr für wissenschaftliche Themen interessiert. Für seine Romane Saturday und Enduring Love wählte er sogar zwei Wissenschaftler als Protagonisten, die der Erzählung ihr rational-wissenschaftliches Weltbild aufdrücken. Gleichzeitig geraten beide Protagonisten in einen Konflikt mit der Literatur.

„Über die Entstehung, in dreizehn Monaten geschrieben, ist das Resultat einer enormen intellektuellen Anstrengung: ausgereifte Einsichten, umfassendes Wissen und präzise Beobachtungen, die Darbietung aller Fakten, die Erläuterung geradezu unwiderleglicher Argumente im Dienste einer profunden Kenntnis natürlicher Abläufe. Darwins Zögern, gegen Emmas religiöse Überzeugungen zu verstoßen, den theologischen Gewissheiten seiner Kollegen zu widersprechen oder sich in der unpassenden Rolle eines Bilderstürmers wiederzufinden, eines radikalen Abweichlers in der viktorianischen Gesellschaft – all diese Bedenken warf er über den Haufen, weil er fürchtete, jemand anderes könne ihm zuvorkommen und die Anerkennung für Überlegungen einheimsen, die er für die seinen hielt.“

Darwin bildet ein wenig den roten Faden zwischen den einzelnen Vorträgen bzw. Artikeln, bzw. der Vergleich der Arbeit eines Wissenschaftlers mit der eines Autors, dennoch stehen die Essays in keinem bestimmten zeitlichen oder inhaltlichen Bezug zueinander. Trotzdem habe ich sie sehr gerne gelesen – eine sehr anregende Lektüre, die mich dazu bringt, dieses Jahr aber wirklich endlich Darwins „The Origins of Species“ zu lesen, das schon viel zu lange ungelesen in meinem Regal steht.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gilbert hat einen Alptraum, indem seine Frau untreu ist, er erwacht schwer empört und konfrontiert sie im Laufe des Tages mit ihrer Untreue. Sie jedoch leugnet jegliche eheliche Abschweifung, woraufhin er von ihrer Untreue weiterhin tief überzeugt, seine seine Tasche packt, seinen Pass nimmt, zum Flughafen fährt und den erstbesten verfügbaren Interkontinentalflug bucht. Er landet in Tokio, wo Gilbert – ein Forscher in Sachen Bart – versucht, ein Gespräch mit einem seltenen jungen Japaner anzufangen, der erste, den er sieht, der einen kleinen Bart trägt. Yosa war gerade im Begriff, Selbstmord zu begehen, aber als Gilbert ihn anspricht, verbietet es die Höflichkeit, mit seinem Plan fortfahren. Ausgestattet mit zwei Büchern, Bashos berühmtem Reiseführer über das Hinterland Japans und einem japanischen Selbstmord-Handbuch, beginnen die beiden Männer eine Reise durch Japan auf der Suche nach den seit Basho bedichteten berühmten Kiefern.

Über den Weg, der neben dem Schild vom Hauptweg abzweigte, spannte sich ein dünner Faden, der offenbar eine Sperre versinnbildlichen sollte. Yosa hob das Sinnbild an, bückte sich darunter durch, und Gilbert tat es ihm gleich, auf einmal von heißem Trotz gegen eine Maßregelung durch schlaffe Bindfäden erfüllt. Sie brauchen ihm jetzt wirklich nicht mit der Albernheit zu kommen, ihn mittels Bindfäden gängeln zu wollen, er hielt sich an ausreichend viele Vorschriften, wenn auch widerstrebend, und bei einem Waldspaziergang benötigte er keine Kontrolle und keine Bevormundung. Er überholte Yosa und stapfte wütend den Pfad entlang durch unübersichtliches, verbotenes Gebiet.

Der Roman ist ein kleines Meisterwerk. Witzig, skurril, großartig beobachtet. Ich weiß nicht, wie Poschmann es geschafft hat, sie fängt mit atemberaubender Perfektion exakt die verwirrende Erfahrung ein, die einen als Besucher des Landes permanent begleitet. Ich hatte vor der Lektüre schon eine Ahnung, dass es mir gefallen könnte, aber es dürfte eines der Highlights des Jahres sein, kann es nur jedem ans Herzen legen und je weniger man vorher über den Roman weiß, desto besser glaube ich.

Marion Poschmann erzählt in „Nimbus“ von den Verheerungen, denen die Natur durch den Menschen ausgesetzt ist. Ihre poetischen Illuminationen lassen die Magie der Natur sinnlich werden. Diese Gedichte haben eine unfassbar schöne Rhythmik und die Sprache malt passende atmosphärische Bilder dazu. Ich habe keine Ahnung, wie man Gedichte bespricht, daher einfach nur: Kauft diesen Gedichtband, lasst euch hineinfallen und legt ihn nie zu weit außer Reichweite, ihr werdet immer wieder einmal darin lesen wollen!

Farnfraktal – wie Flügel gegen sinkendes Abendlicht.
Und wir, wir wichen schüchtern den Schritt zurück
ins Dunkle, wo die Farnspiralen
ausharrten, dicht in sich eingewunden,

genügsam, lautlos. War ich denn jemals so –
so eingerollt in mich, völlig eingehegt
in Wald, der an mich grenzte, Wald, der
Gegenfarn bildete, größer, stiller.

Diese erstaunliche Frau führte ein sehr beeindruckendes Leben. Anne Beaumanoir war im Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzung Frankreichs, half vielen ihrer jüdischen Mitmenschen dem Nazi-Terror, der Gefangenschaft und dem sicheren Tod zu entkommen, arbeitete als Neurologin, war im algerischen Unabhängigkeitskampf gegen den französischen Kolonialismus aktiv und wurde dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, lebte viele Jahre in Tunesien und Algerien im Exil und half in den Anfangsjahren der algerischen Unabhängigkeit beim Aufbau des algerischen Gesundheitssystems. Heute ist sie 97 Jahre alt und traf bei einer Veranstaltung auf die Autorin Anne Weber, der sie ihr Leben erzählte.

„Zu lange waren Angst Erschöpfung Einsamkeit
ihre einzigen Begleiter. Sie kann nicht mehr. Im
Parc Monceau findet sie, statt der Ruhe, die sie sucht,
eine noch nie empfundene Beklemmung. Kein
Mensch in dieser großen Stadt, die sie mit kleinen
Schritten monatelang durchmessen hat, von der sie
jeden Winkel, jeden Außenbezirk kennt, kein Mensch,
der sich im Geringsten um sie schert, der sie was fragt
oder sich vielleicht Gedanken um sie macht, nichts,
niemand – Leere. Hat Kommunismus nicht mit
Gemeinsamkeit zu tun? Als sie noch handelte und
etwas Sinnvolles vollbrachte – etwas, wovon sie
hoffte, dass es sinnvoll war -, da ging es noch. Und
jetzt?

Die Form erhebt Beaumanoir in die Höhen einer griechischen Heldin, aber gleichzeitig macht der Inhalt sie zu einer sehr modernen Figur, die nicht nur durch die Zeit in der sie lebte geformt wurde, sondern die sich auch mit Fragen wie Identität und Ideologie beschäftigte. Die Sprache ist poetisch, aber, in Anbetracht der Form, nicht sehr stilisiert und sehr zugänglich. Die ganze Mischung ist ein überaus fesselndes Erlebnis.

In The Heat of the Day erschafft Elizabeth Bowen auf brillante Weise die angespannte und gefährliche Atmosphäre Londons während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs.

Viele Menschen sind aus der Stadt geflohen, und diejenigen, die zurückgeblieben sind, finden sich in einer seltsamen, aus der Krise geborenen Intimität zusammen. Stella Rodney ist eine von denen, die sich entschieden haben, zu bleiben. Aber für sie wird das Gefühl der bevorstehenden Katastrophe plötzlich sehr persönlich, als sie entdeckt, dass ihr Geliebter Robert verdächtigt wird, Geheimnisse an den Feind zu verkaufen, und dass der Mann, der ihn verfolgt, Stella als Preis für sein Schweigen zu seiner Geliebten machen will. Gefangen zwischen diesen beiden Männern und nicht sicher, wem sie glauben soll, gerät Stellas Welt aus den Fugen, als sie erfährt, wie wenig wir wirklich über die Menschen um uns herum wissen können.

„Beide waren in ihrem Element, und als sie sich kennenlernten gleich noch viel mehr. Es war typisch für dieses Leben im Augenblick und um des Augenblicks willen, daß man Menschen gut kannte, ohne allzuviel von ihnen zu wissen. Das Vakuum hinsichtlich der Zukunft entsprach dem Vakuum hinsichtlich der Vergangenheit; Lebensgeschichten wurden als unnützer Ballast abgeworfen, und aus verschiedenen Gründen kam das sowohl ihr als auch ihm entgegen.“

Bowen hat einen ungewöhnlichen Schreibstil, der mich immer wieder mal an Virginia Woolf erinnerte. Manchmal kamen die Worte geradezu in Maschinengewehrsalven auf einen zu, dann wieder ihre Sätze fast träge wie wie ein schwüler Spätsommertag. Dies ist mein erster Roman von Elizabeth Bowen, aber sicher nicht meine letzter. Der Roman ist eine spannende Mischung aus Noir-Spionage mit einem Spritzer Liebesroman.

Dieses kleine Buch wurde 1938 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht und wurde noch zu Lebzeiten der Autorin zum Klassiker. Die Erstveröffentlichung hat wegen der darin enthaltenen Wahrheiten – und der Warnungen – immer wieder an Popularität gewonnen.

A short time before the war, some cultivated, intellectual, warmhearted German friends of mine returned to Germany after living in the United States. In a very short time they turned into sworn Nazis. They refused to listen to the slightest criticism about Hitler. During a return visit to California, they met an old, dear friend of theirs on the street who had been very close to them and who was a Jew. They did not speak to him. They turned their backs on him when he held his hands out to embrace them. How can such a thing happen? I wondered. What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty?

These questions haunted me very much and I could not forget them. It was hard to believe that these people whom I knew and respected had fallen victim to the Nazi poison. I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care. In 1938, the isolationist movement in America was strong; the politicians said that affairs in Europe were none of our business and that Germany was fine. Even Charles Lindbergh came back from Germany saying how wonderful the people were. But some students who had returned from studying in Germany told the truth about the Nazi atrocities. When their fraternity brothers thought it would be fun to send them letters making fun of Hitler, they wrote back and said, “Stop it. We’re in danger. These people don’t fool around. You could murder one of these Nazis by writing letters to him.”

So erklärte Kathrine Kressmann Taylor die Inspiration zu „Adresse unbekannt“, das heute als eines der grundlegenden Werke der Anti-Nazi-Literatur gilt. Ursprünglich 1938 veröffentlicht, wurde die Kurzgeschichte in Form eines Briefwechsels auf dem Höhepunkt des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland zwischen zwei Geschäftspartnern und Freunden geschrieben. Martin, der kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt ist, wird nach und nach von der Nazi-Ideologie indoktriniert, sein Freund Max ist Jude, der in Amerika zurückgeblieben ist, um das Geschäft weiterzuführen.

Die Geschichte beschäftigt sich mit den Themen Fanatisierung, Faschismus und Rache und wie leicht der Spieß auch umgedreht werden könnte, wenn man andere verunglimpft. Leider ist dieses Buch auch heute noch so relevant wie eh und je, wo faschistische Ideale wieder auf dem Vormarsch sind und durch Social Media leicht verbreitet und akzeptiert werden.

Ich hoffe, in dieser gemischten Tüte war etwas dabei für euch? 6 sehr unterschiedliche, aber allesamt überaus empfehlenswerte Bücher die ich euch ans Herz legen möchte.

Hier noch einmal in der Übersicht:

  • Erkenntnis und Schönheit von Ian McEwan erschienen im Diogenes Verlag
  • Die Kieferninseln von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Nimbus von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber erschienen im Matthes & Seitz Verlag
  • In der Hitze des Tages von Elizabeth Bowen erschienen im Schöffling Verlag
  • Adressat unbekannt von Kressmann Taylor erschienen im Rowohlt Verlag

Nichts Tun – Jenny Odell

Der Titel ist vielleicht ein bisschen irreführend, denn bei „Nichts tun“ handelt sich auf gar keinen Fall um eine Anleitung zum Digital Detox oder dem Ausstieg aus den sozialen Medien (dazu eignet sich Cal Newports Digital Minimalism oder Catherine Price‘ How to Break Up With Your Phone ganz gut). Stattdessen ist dies ein umfassend recherchiertes Buch über: das Selbst, Aufmerksamkeit, Bioregionalismus, was es bedeutet, sich zu verweigern und über die Auswirkungen des Kapitalismus auf diese Faktoren.

Der Großteil dieses Buches handelt von den Dingen, die wir nicht wirklich tun können, wenn unsere Aufmerksamkeit permanent in den sozialen Medien oder mit dem Scrollen durch Nachrichten an unsere Telefone gebunden ist. Im Grunde nehmen uns die sozialen Medien und der Dauerbeschuss an Nachrichten die Fähigkeit, zu reflektieren und umfassend über das nachzudenken, was unter dem Radar der Status-Updates und Schlagzeilen tatsächlich passiert. Darüber hinaus werden unsere Beziehungen zu anderen Menschen, zur Zeit und zur Umwelt um uns herum erodiert. wir versuchen, unsere Ideen in 280-Zeichen-Tweets zu pressen, stets bemüht, niemanden zu beleidigen und möglichst viele „Likes“ zu bekommen. Was passiert, wenn wir Menschen als Marken und Unternehmen als Menschen betrachten?

Odell fordert uns zunächst auf, die Idee der „Nützlichkeit“ zu überdenken und unsere Tendenz, Zeit und Aufmerksamkeit als Ware zu betrachten, in Frage zu stellen – etwas, das in der Gig-Economy zumeist als selbstverständlich erachtet wird. Sie verwendet das Beispiel eines alten Mammutbaums in Oakland, der für den menschlichen Verzehr nutzlos ist und ironischerweise ist es seine „Nutzlosigkeit“, die ihn davor bewahrt, gefällt zu werden, was ihn zum einzigen Baum seiner Generation macht, der überlebt. Sie nennen ihn sogar „Old Survivor“.

Teile des Buches waren für mich etwas unzugänglich – insbesondere ihre Beschreibungen diverser Kunstausstellungen waren etwas langatmig. Sehr spannend fand ich aber, wie sie sowohl Diversität und Klasse in die Betrachtung des Widerstands gegen die Aufmerksamkeitsökonomie einbezieht. Odells Referenzen im Buch sind erfreulich vielfältig; ja, sie bezieht sich viel auf Thoreau, aber sie bezieht auch Texte von Audre Lorde, der Arbeiterbewegung und der Umweltbewegung mit ein. All das setzt sie in einen historischen Kontext, sozusagen als Gegensatz zu der ständigen Gegenwartsbezogenheit der sozialen Medien.

„Nicht nur, dass es unbefriedigend ist, in permanenter Zerstreuung zu leben, oder dass ein Leben ohne zielgerichtetes Denken und Handeln armselig ist. Wenn es wahr ist, dass die kollektive Tatkraft das individuelle Aufmerksamkeitsvermögen spietelt und zudem auf diesem beruhen, dann scheint Zerstreuung, in einer Zeit, in der es zu handeln gilt, eine Sache auf Leben und Tod zu sein. Ein soziales Gefüge, das nicht in der Lage ist, sich auf sich selbst zu konzentrieren oder mit sich zu kommunizieren, ist wie eine Person, die weder denken noch handeln kann“

Und während andere Bücher zum gleichen Thema dazu neigen, die Vereinnahmung unserer Aufmerksamkeit und die Tyrannei der Algorithmen als ausgemachte Sache zu behandeln und damit das Digital Detox als ausweglose Lösung zu beschreiben, schafft es Odell, ganz sachlich zu bleiben, jede Sensationslüsternheit zu vermeiden und zeigt eigene Wege, mit der Aufmerksamkeitsökonomie umzugehen.

Als Lösungsideen präsentiert die Autorin unter anderem Bioregionalismus, weniger Konsum, mehr Dezentralisierung als Konzepte für eine bessere Welt. Ich glaube aber, solange die Menschen den Grad und die unfassbare kaltschnäuzige Raffinesse der Medien- und Nachrichtenmanipulation nicht erkennen, werden diese Ideen und Ideale chancenlos sein gegen die glitzernde, glamouröse Gamification und den Konsumterror.

Beim Lesen hatte ich das Gefühl, einen angenehmen Spaziergang mit einer klugen und überhaupt nicht überheblichen Freundin zu machen. Odells Ideen wirken rational und gar nicht revolutionär, haben aber eine große Tragweite, wenn es darum geht, unseren Fokus auf unsere Beziehungen und unser Umfeld zu lenken, anstatt sich permanent im Hamsterrad zu drehen und uns nur wohl zu fühlen, wenn wir uns optimieren und im Produktivitätsrausch versinken. Manchmal hätte ich mir ein bisschen mehr Pep gewünscht, da mäanderte es für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr, aber Odell schafft eine kluge Verbindung von Kunst, Ökologie, Soziologie und Wissenschaft auf nachdenkliche und manchmal überraschende Weise. Ein Buch, das mir große Lust auf rotweingetränkte Diskussionen mit Freunden gemacht hat.

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Passing – Nella Larsen

Der 1929 erschienene Roman „Passing“ von Nella Larsen ist eine teil-autobiografische Novelle, in der eine junge Frau, deren Hautfarbe hell genug ist, beschließt, ihr Leben tatsächlich als Weiße zu leben. Darauf bezieht sich der Titel, da dieser Vorgang als „Passing“ bezeichnet wurde.

Larsens Roman Passing beginnt damit, dass Irene nach ihrer zufälligen Begegnung mit ihrer früheren Jugendfreundin Clare im Drayton Hotel einen mysteriösen Brief von ihr erhält, nachdem sie zwölf Jahre lang keinen Kontakt miteinander hatten. Irene und Clare verloren den Kontakt zueinander, nach dem Claire in Folge des Todes ihres Vaters zu ihren weißen Tanten geschickt wurde. Sowohl Irene als auch Clare sind von gemischter afrikanisch-europäischer Abstammung und von so heller Hautfarbe, dass es ihnen möglich ist, als „weiß“ durchzugehen.

“It’s funny about ‘passing.’ We disapprove of it and at the same time condone it. It excites our contempt and yet we rather admire it. We shy away from it with an odd kind of revulsion, but we protect it.”

Clare entschied sich, diesen Schritt tatsächlich zu gehen und als „Weiße“ einen gut situierten Banker zu heiraten, der als Rassist beschrieben wird. Im Gegensatz zu Clare gibt sich Irene nur gelegentlich als Weiße aus, um sich in einigen segregierten Räumen zurechtzufinden. Irene identifiziert sich als schwarze Frau und heiratete einen afro-amerikanischen Arzt namens Brian, mit dem sie zwei Söhne hat. Nachdem Irene und Clare wieder zueinander gefunden haben, sind sie fasziniert von den Unterschieden in ihrem jeweiligen Leben. Eines Tages trifft sich Irene mit Clare und einer weiteren afroamerikanischen Freundin aus ihrer Kindheit. Als Clares Mann am Abend nach Hause kommt, begrüßt er seine Frau mit einem rassistischen Witz, der Irene vermuten lässt, dass er keine Ahnung hat, dass seine Frau keine „echte“ Weiße ist.

“I’m not such an idiot that I don’t realize that if a man calls me a nigger it’s his fault the first time, but mine if he has the opportunity to do it again.”

Irene ist empört darüber, dass Clare vor ihrem Mann nicht zu ihrer Abstammung steht und ihm davon erzählt hat. Irene glaubt, dass Clare sich damit in eine gefährliche Situation gebracht hat, indem sie mit einem Menschen verheiratet ist, der Schwarze hasst. Irene will daraufhin nichts mehr mit Clare zu tun haben, bleibt aber weiterhin mit ihr in Kontakt. Clare beginnt, Irene und Brian zu ihren Veranstaltungen in Harlem zu begleiten, während ihr Mann verreist ist. Mehr und mehr spürt sie, wie sehr ihr das eigene Umfeld gefehlt hat und auch die Freundschaft der beiden Frauen wird insbesondere Irene immer wichtiger.

Der Roman spielt mit der Dualität der Figuren von Irene und Clare, die einen ähnlichen Hintergrund haben, aber ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben. Der Roman suggeriert auch eine tiefe Anziehung zwischen beiden mit leicht erotische Untertönen. Es wirkt, als ob die Figuren sowohl in ihren sexuellen als auch in ihren sozialen Identitäten fließen würden – ein weiteres Wortspiel auf das titelgebende Passing.

“She wished to find out about this hazardous business of “passing,” this breaking away from all that was familiar and friendly to take one’s chance in another environment, not entirely strange, perhaps, but certainly not entirely friendly.”

Nellallitea „Nella“ Larsen, geboren als Nellie Walker (13. April 1895 – 30. März 1964), war eine amerikanische Schriftstellerin mit amerikanischer Mutter und dänischem Vater und Teil der Harlem Renaissance Bewegung. Sie arbeitete als Krankenschwester und Bibliothekarin und veröffentlichte zwei Romane, Quicksand (1928) und Passing (1929), sowie einige Kurzgeschichten. Wie ihre Protagonistinnen im Roman hätte auch sie als Weiße „durchgehen können“.

Ihre Werke waren Gegenstand zahlreicher akademischer Studien und sie wird heute weithin als führende Romanautorin der Harlem Renaissance sowie als eine wichtige Figur der amerikanischen Moderne gesehen.

Passing ist ein starkes Stück Literatur für ein derart schmales Büchlein, das den Leser mit widersprüchlichen komplexen Charakteren konfrontiert, die versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und versuchen sich mit Blick auf Rassenfragen ihre eigene Meinung zu erarbeiten.

Passing gehört meines Erachtens zurecht an vielen amerikanischen Universitäten zum Literaturkanon.

Ich hoffe, ich konnte auch euch Lust auf diese Novelle bzw. das Werk dieser Autorin machen, die in Deutschland noch viel zu unbekannt ist.

Dystopisch-Gruselige D(r)amen

Es ist kalt geworden in Berlin und in der Gesellschaft. Ein dystopischer Blick in eine Zukunft, die sich von unserer Gegenwart nur wenig unterscheidet. Die laute Propaganda einer faschistischen Partei, nicht unähnlich den Krakeelern der rechten Partei, mit der wir uns rumschlagen müssen, sondern die die Politik des ganzen Landes beherrscht. Mittendrin taumeln drei verlorene Menschen durch die Welt, die irgendwann anfangen, Fragen zu stellen.

Die Atmosphäre des Buches ist bedrückend und beängstigend. Burschi, Charlie und Charlotte fangen an Dinge, die sie anfangs einfach hingenommen haben, zu hinterfragen. Sie stellen mehr und mehr in Frage.

„Stück für Stück ergibt Sinn, was mir immer wie ein beinahe obszön chaotisches Strudeln und Schlingern erschienen ist: mein Leben eben. Ich hatte mich redlich darum bemüht, es irgendwie im Griff zu behalten, aussichtslos.“

Da ist Burschi, die Johanna liebt, gegen alle Widerstände, auch wenn sie dabei den starken Arm eines Staates zu spüren bekommt, der Anderssein nicht mehr duldet. Die für ihre Beziehung kämpft, auch wenn ihr die Angst im Nacken sitzt. Dann ist da Charlie, der in anarchischen Musikkreisen zwischen Joints und lauten Beats ein Praktikum macht, seine ganz eigene Weise hat, der allgegenwärtigen Überwachung zu entkommen und noch mit seiner Mutter zusammenwohnt, die ursprünglich in esoterischen Kreisen verkehrte und in diesem Regime zur Scharfschützin ausgebildet wurde. Charlotte beginnt ebenfalls, in ihrer Loyalität wankelmütig zu werden und droht dabei fast den Verstand zu verlieren.

„Ich streiche über seinen Ring und sage, Stimmt, ich bin vollkommen gaga. Trotzdem habe ich einen Sicherheitsdienst mit aufgebaut. Das sage ich stolz. Urs lacht, er findet das witzig, und seine Laune wechselt von finster über fidel zu hoppsfallera, als der Kellner ihm seinen Kaffee schließlich doch noch serviert. Ich arbeite wirklich bei der Bürgerwehr, ich bin Scharfschützin, das glaubt er mir endgültig nicht. Und womit schießt du, mit Keramikküken? Urs zieht groteske Grimassen und ahmt nach, wie ich seiner Vorstellung nach ein Gewehr halte und ziele.

Laura Lichtblau entwirft mit ihrem Debütroman „Schwarzpulver“ eine urbane erschreckend realistische Dystopie mit wunderschöner poetischer Sprache, die ich sehr gerne gelesen habe. Ein Buch das es wert ist langsam und konzentriert gelesen zu werden.

Schwarzpulver von Laura Lichtblau erschienen im C. H. Beck Verlag.

Ein mysteriöser Virus hat die Tierwelt bis an den Rand des Massensterbens ausgerottet. Da es keine Fleischquelle mehr gibt, hat sich die Menschheit dem Kannibalismus zugewandt, um ihren unaufhörlichen Hunger nach Fleisch zu befriedigen. Menschen werden nun domestiziert, in Massen produziert, geschlachtet und als „Spezialfleisch“ verkauft. Eingelegte Finger, gegrillte Rippchen, gebratene Zunge, serviert auf Kimchi und Kartoffelsalat, alles schön gewürzt mit Kräutern und Gewürzen.

Bazterrica zeigt uns eine Welt, in der der Kannibalismus regiert, der jetzt „Transition“ genannt und mit sprachlichen Euphemismen überdeckt wird, um ihn der Gesellschaft äh, schmackhaft zu machen.

„Auf dem Weg zur Innereienabteilung kommen sie am Zerlegerau vorbei. Die Schiene durchläuft alle Räume und befördert die Kadaver von einer Station zur nächsten. Durch die länglichen Fenster können sie beobachten, wie dem Weibchen, das Sergio betäubt hat, Kopf, Arme und Beine abgesägt werden“

Marcos, ein Mann, der in einer fleischverarbeitenden Fabrik arbeitet, findet sich plötzlich mit einem kostspieligen Luxusgeschenk wieder: ein speziell gezüchteter Mensch erstklassiger Qualität. Ein Geschenk, das ihn auf vielfältige Weise in diverse Dilemma stürzt und zum Nachdenken bringt. Er, der selbst ursprünglich mal auf dem Schlachthof seines Vaters das Handwerk des Schlachters (von Tieren) gelernt hat, kann schon seit einiger Zeit kein Fleisch mehr essen. Sein Job widert ihn mehr und mehr an und er versucht, einen Ausweg aus seiner schrecklichen, trostlosen, hoffnungslosen, dunklen Arbeitswelt zu finden.

Bei diesem Buch wurde mir beim Lesen teilweise wirklich schlecht. Das Buch ist natürlich ein Protest gegen die Massentierhaltung, aber man würde dem Buch unrecht tun, wenn man es auf eine Kritik an Fleischindustrie und Massentierhaltung verkürzen würde. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was wir billigend in Kauf nehmen, um unseren Fleischgenuss zu befriedigen.

Agustina Bazterricas Roman ist wahrscheinlich das verstörendste, was ich je gelesen habe, aber die Lektüre lohnt sich wirklich, sie traf mit der Veröffentlichung ihres Romans einen neuralgischen Punkt der argentinischen Kultur. Nach wochenlanger Platzierung auf der Bestsellerliste und der Verleihung des Premio Clarín, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, gilt sie als eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.

Traut Euch und lest dieses Buch!

Wie die Schweine von Agustina Bazterrica erschienen im Suhrkamp Verlag übersetzt von Matthias Strobel.

Die Geschichte ist simpel, aber durchaus interessant. Wir befinden uns im Jahr 1933, als der Protagonist der Geschichte, Freddie, einen ganz besonderen Buchhändler besucht. Seine Unterhaltung mit dem Buchhändler geht zunächst ins Jahr 1928 zurück, in dem Freddie die französischen Pyrenäen besucht, um dort auf andere Gedanken zu kommen, sich von seiner Depression – ausgelöst durch den Tod seines Bruders während des 1. Weltkriegs – zu erholen. Von seinen Gastgebern im Gasthof eingeladen, beschließt er, dem Fest von St. Etienne beizuwohnen, einem Fest, das für die Bewohner des Dorfes eine besondere Bedeutung hat. Er trifft dort auf eine verführerische junge Frau, mit der er sich Stunden lang unterhält und nach einem seltsamen Überfall auf die festliche Runde die Nacht verbringt.

Mosse stellt in ihrem Roman einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der den Tod seines Bruders nicht überwinden kann und sich auch Jahre später noch traumatisiert zurückgelassen und einsam fühlt. Solche starken Emotionen werden sonst eher weiblichen Charakteren zugeschrieben, es war eine willkommene Abwechslung, es hier einmal andersherum zu erleben. Freddie ist ein sehr einnehmender, sympathischer Charakter. Er ist ein Träumer, der mit der Realität und den Ansprüchen seiner Eltern nicht zu Rande kommt.

“The dead leave their shadows, an echo of the space within which once they lived. They haunt us, never fading or growing older as we do. The loss we grieve is not just their futures but our own.”

Der Roman beschäftigt sich mit der Frage was passiert, wenn wir mit einem vorzeitigen, tragischen Tod konfrontiert werden? Wie lernen wir damit zu leben? Wie gehen wir damit um, wenn die Schatten der Toten den Lebenden die Kraft nehmen weiterzuleben? Wie in ihrem berühmten Roman „Labyrinth“ kehrt Mosse wieder nach Frankreich und den Katharern zurück.

Die Autorin macht Lust auf eine Reise ins verschneite Südfrankreich, auf geheimnisvolle Höhlen und tragische Karthager. Die Stimmung war wohlig mysteriös, wenn auch nicht wirklich gruselig. Eine leichte Lektüre, perfekt für einen verschneiten Sonntagnachmittag.

Winter Ghosts erschien auf deutsch unter dem Titel Wintergeister im Droemer Knaur Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust machen auf zwei herausfordernde Dystopien und einen gemütlichen Gruselschinken. Habt ihr noch Empfehlungen für gute Dystopien oder spannenden Grusel?

Polarexpedition – Teil II

Ich hoffe, alle sind aufgewärmt und bereit für die finale Etappe unserer Polarexpedition. Pünktlich zum Ende der Expedition hat es auch ordentlich geschneit in München und so für echtes Polarfeeling gesorgt.

Wir starten unsere Reise heute mit einem Buch über den Hjalmar Johansen, den stets im Schatten stehenden Begleiter berühmter Polarforscher wie Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen.


Die Geschichte von Nansens und Johansens Reise an den Rand des Pols ist spannend wie ein Krimi. Vielleicht, weil es um etwas so Grundlegendes wie das Überleben geht. Mensch gegen Natur. Der Kampf des Menschen gegen sich selbst. Hjalmar Johansen hat es verdient, aus dem Schatten von Nansen und Amundsen herauszukommen. Johansen hatte seine Schwächen, aber er hatte die Behandlung von Amundsen nach der Südpol-Expedition nicht verdient.

Amundsen wollte sein Gesicht wahren und konnte nicht riskieren, dass seine fragwürdigen Entscheidungen nach der Expedition in Frage gestellt wurden. Er beschuldigte Johansen der Meuterei und sorgte damit für dessen unaufhaltsamen Niedergang.

Hjalmar Johansen teilte Rückschläge, Entbehrungen und Gefahren mit Amundsen und Nansen. Mit letzterem überwinterte er neun Monate in einer Hütte am Nordpol und rettete auf der Südpolexpedition gar einen Kameraden vor dem Tod. Doch all das zählte nichts mehr, auf ewig sollte ihm die nachgesagte Meuterei nachhängen.

Das Buch ist eine gelungenen Mischung aus Biografie und Abenteuerroman, in dem Johansens Leben und Schicksal erzählt wird. Spannend und traurig zugleich.

Nach der zum Ende hin doch recht deprimierenden Lektüre wurde mir beim Einblick des 580 Seiten Wälzers von Hampton Sides doch etwas mulmig. Würde ich noch mal soviel Geduld aufbringen, mich über Tage in ein weiteres Polar-Abenteuer zu stürzen?

Erfreulicherweise hat Hampton Sides es mir einigermaßen einfach gemacht. Das Buch liest sich leicht und flüssig und es dauert auch einige Hundert Seiten, bis die eigentliche Polarfahrt beginnt. Ein Umstand, der andere vielleicht stört, ich fand die interessanten Erzählungen rund um die eigentliche Geschichte ganz interesant.

„Die Polarfahrt“ erzählt die wahre Geschichte der Polarexpedition der U.S.S. Jeanette aus dem Jahr 1897. Die Expedition wurde von der U.S. Navy geleitet, aber von dem wohlhabenden, unkonventionellen James Gordon Bennett Jr. finanziert, dem der New York Herald gehörte. Bennett war es, der seinerzeit Stanley ausgesandt hatte, um Livingstone zu finden, ein Zeitungsmann, der zu den Mitbegründern des Sensationsjournalismus zählen kann.

Die Expedition stach von San Francisco aus unter dem Kommando von Lieutenant Commander George De Long in See, der bereits seinen Mut und seine Geschicklichkeit auf den Eisschollen der Arktis bewiesen hatte. Das Schiff kam nicht weit, bevor es nordöstlich der Wrangel-Insel im Packeis festsaß.

Fast zwei Jahre lang driftete die Jeanette dann in nordwestlicher Richtung. Das Schiff war für das Eis konstruiert, gut ausgerüstet und die Männer meisterten die Situation mit bemerkenswerter Souveränität. Die größte Prüfung, der sie in dieser Zeit ausgesetzt waren, waren Irritation und Genervtheit untereinander.

Dann, am 12. Juni 1881, wurde die Jeanette vom unerbittlichen Druck des Eises zerdrückt und sie sank auf den Meeresgrund. Alle 33 Besatzungsmitglieder überlebten den Untergang. Es gelang ihnen auch, einen ordentlichen Vorrat an Proviant und drei kleine Boote zu bergen. Nun begann das eigentliche unerbittliche Abenteuer. Eine Reise von Hunderten von Meilen über ein zugefrorenes Meer, durch ein endloses Eislabyrinth. Sie überwanden Hunger und Stürme, Blindheit und Verzweiflung. Einer hatte sogar eine fortschreitende Syphilis, was wahrscheinlich schon auf dem Festland und in der Zivilisation schlimm genug ist, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man es aushält, wenn man damit in einer Eiswüste unterwegs ist. Die meisten schafften es nie wieder nach Hause.

Sides erzählt diese Geschichte überaus spannend. Das fängt schon bei seinen Charakterisierungen an, die meiner Erachtens tiefgründig und rund sind. Zum Beispiel Bennett, dem Organisator der Expedition. Das Wort Exzentriker wird ihm nicht wirklich gerecht, er ist ein Mann, der einen Fake-Artikel brachte über Tiere, die aus dem Zoo entkommen und Amok laufen, der seine Verlobte loswurde, weil er in ihren Flügel urinierte. Oder auch August Petermann, der ziemlich seltsame deutsche Kartograph, der glaubte, dass warme Meeresströmungen für ein offenes Polarmeer sorgen, der endlose Vorträge hielt und Schriften veröffentlichte zum Thema Polarexpeditionen, ohne jemals groß aus Deutschland herausgekommen zu sein (außer einem kurzen Ausflug zur Weltausstellung nach Chicago) und nicht zuletzt Emily De Long, die Frau des Kommandanten, die zahllose ergreifende Briefe schrieb, ohne einen sicheren Bestimmungsort zu haben, an den sie geschickt werden konnten. Eine sehr intelligente interessante Frau, die ihren Mann immens unterstützte.

USS Jeanette

Die Besatzung der Jeanette kommt einem nach über 500 Seiten vor wie alte Kumpel. Da ist Melville, der Chefingenieur, eine Art MacGyver des 19. Jahrhunderts; Nindemann, der herzliche Quartiermeister oder Jerome Collins, ein Meteorologe, Herald-Korrespondent und Meister des Wortspiels. Das ruhige Zentrum dieses Sturms ist jedoch Commander De Long. Auf Fotos wirkt er nicht unbedingt imposant; eher gelehrt und intellektuell, aber er war unfassbar mutig und zäh wie die Hölle.

Die Schilderung des Lebens an Bord, nachdem sich die Jeanette im Eis verkeilt hat, ist wirklich faszinierend. Tage, Monate, Jahre vergingen und die Männer blieben an Ort und Stelle, jagten, machten wissenschaftliche Messungen, trainierten, feierten Urlaub und bewegten sich langsam wie im Rhythmus des Meeres. Der Treck der Besatzung nach dem Untergang der Jeanette wird in quälenden Details erzählt. Man ist hautnah dabei, wie ihre Überlebenschancen schwinden.

Es hilft, dass Sides eine gute historische Grundlage hat, mit der er arbeiten kann. Als die Franklin-Expedition verschwand, gab es keine Überlebenden, die die Geschichte erzählen konnten, und nur wenige Beweise. Hier überlebten ein paar Männer, die erklären konnten, was genau passiert war. Bücher wurden von den Überlebenden geschrieben und der Kapitän De Long hatte ganz außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um die Logbücher und Tagebücher der Expedition zu retten – selbst in Kauf nehmend, dass es seine Rettung behindern könnte. Daher gab es eine Fülle von Augenzeugenberichten, die dieser Geschichte große Tiefe verleihen.

De Longs Mission hat etwas fast Perverses an sich. Sie segelten nach Norden, wohl wissend, dass sie im Eis stecken bleiben würden, aber sie taten es trotzdem, auf der Suche nach einer Chimäre, einem von Eis umgebenen Warmwasser-Ozean. Der Drang, unbedingt auch etwas Großes zu leisten, die Panik, dass fast jede Ecke der Welt schon entdeckt, der amerikanische Bürgerkrieg beendet und Männer wie De Long Sorge haben, mit ihren tapferen Vätern und älteren Brüdern nicht mithalten zu können.

Die Jeanette-Expedition widerlegte die Idee des Warmwasser-Ozeans, kartographierte einige Inseln, aber nichts von dem, was sie taten oder entdeckten, war es wert, dafür sein Leben zu lassen.

Nach diesen zwei eher deprimierenden, wenn auch spannenden Büchern über vergangene Polarexpeditionen, hoffte ich bei meinem letzten Abenteuer, dem einzigen Roman in meiner Sammlung, auf etwas mehr Leichtigkeit.

Zwei Antarktis-Expeditionen, die ein Jahrhundert auseinander liegen. Die erste, die in einer Katastrophe endete, ist der Stoff, aus dem Legenden und Jokes unter einer Gruppe moderner Forscher sind, die auf der Aegeus, einer fiktiven Antarktisbasis, stationiert sind.

Im Jahr 1913 brechen drei Männer in einem Beiboot vom Hauptschiff aus auf, um die Insel Everland zu erforschen: der hartgesottene, berechnende Erste Offizier Napps, der geradlinige, furchtlose Millet-Bass und der zarte Dinners, der so unbedarft ist wie ein frischgeschlüpfter Welpe. Ein Sturm lässt sie auf der Insel stranden, und nur Dinners wird Wochen später lebend gefunden, als die Rettungsmannschaft sie endlich erreichen kann. Napps‘ Tagebücher überleben, aber die Wahrheit, die sie enthüllen, ist umstritten. Was wirklich auf der Everland-Expedition geschah, bleibt auf der Insel und wird erst 100 Jahre später teilweise ans Licht kommen.

Einhundert Jahre später brechen drei weitere Abenteurer zu einer Jubiläumsexpedition nach Everland auf: Decker, der auf seiner letzten Antarktis-Reise ist; er ist müde, aber unbestreitbar der Anführer. Dann ist da Jess, eine zähe, super kompetente Feldassistentin und Brix, eine Forscherin, die zu Ungeschicklichkeiten neigt.

Der Roman bewegt sich zwischen diesen beiden Expeditionen hin und her und lässt Spannungsbögen entstehen, die das Buch zu einem kalten und verzweifelten Thriller werden lassen. Die körperliche Anstrengung des Überlebens wird anschaulich geschildert und die Qualen der Isolation am eisigen Ende der Welt, wenn man nicht einmal den Menschen wirklich traut, die das eigene Überleben in den Händen halten, wird nervenaufreibend und herzzerreißend von Rebecca Hunt erzählt.

Noch fesselnder sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Expeditionen und wie wenig sich auf Everland in den dazwischen liegenden Jahren verändert hat: Eine Flechte, auf die beide Teams gestoßen sind, ist tausend Jahre alt und wächst in einem Jahrhundert um einen Millimeter, ein Stück Butter behält seine Messerabdrücke über Jahrzehnte hinweg, ein eingefrorener Körper, der nach all den Jahren unheimlich unverändert ist.

Rebecca Hunts Sprache ist spartanisch und unaufgeregt. Ihr schräger Humor und ihre straffen Dialoge passen verleihen der Geschichte einen Hauch von verzweifelter Schönheit. Auch das letzte Buch meiner Polarexpedition stellt sich als hervorragende und spannende Lektüre raus.

So – wir haben es gemeinsam geschafft. Alle Expeditionsmitglieder sind wieder heil zu Hause angekommen. Wer noch immer nicht genug hat, den lade ich ein, meinen kurzen eisigen Trip vom letzten Jahr anzuschauen. Dafür bitte hier entlang.

Ich habe bereits einen tollen Tipp für die nächste Expedition bekommen (The Terror von Dan Simmons), ich sehe mich auch zwischen Ende des Jahres 2021 wieder in eisige Fernen aufbrechen. Wenn euch also sonst noch entsprechende Buchtipps einfallen – gerne her damit.

Polarexpedition – Teil 1

Ein Wunder, dass ich diesen Trip ohne eigene Erfrierungen, Schneeblindheit und Skorbut überstanden habe. Das war eine der intensivsten literarischen Expeditionen, die ich bisher unternommen habe.

Ein Jahr, in dem wir überhaupt nicht reisen konnten, wollte ich zumindest literarisch mit einer einzigartigen Expedition enden lassen und da das heimische Bücherregal gleich 6 Polarbücher vorzuweisen hatte, nutzte ich die ruhige Zeit zum Ende des Jahres, um mich an die eisigen Enden der Welt zu begeben.

Ich hatte mich sehr auf die Bücher gefreut, denn ich muss zugeben, ich habe ein Faible für zermürbende Polarexpeditionen und gelegentlich katastrophale Seereisen des 19. und frühen 20. Jahrhundert. Dachte aber, dass das eine oder andere Buch vielleicht auch etwas zäh werden würde. Ich war dann aber doch überrascht, wie unglaublich gerne ich alle 6 Bücher gelesen habe, die jedes für sich schon geografisch jeweils andere Ecken bereisten, die aber auch zeitlich und vom Kontext her sehr unterschiedlich waren.

Zieht euch warm an, vergesst die Handschuhe nicht – es wird kalt. Den Anfang macht der glücklose Shackleton:

Shackletons erste Erfahrung mit den Polarregionen war als dritter Offizier der Discovery-Expedition von Kapitän Robert Falcon Scott in den Jahren 1901-1904, von der er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig nach Hause geschickt wurde, nachdem er und seine Begleiter Scott und Edward Adrian Wilson einen neuen Südrekord aufgestellt hatten, indem sie bis zum Breitengrad 82°S marschierten.

Im Frühjahr 1912 erreichte die Welt die Nachricht, dass Roald Amundsen den Südpol erobert hatte. Shackleton betitelte seinen neuerlichen Anlauf zum Südpol selbstbewusst mit Imperial Trans-Antarctic Expedition.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Shackleton zwei Schiffe und Besatzungen ausgerüstet, um eine Kontinentaldurchquerung der Antarktis zu versuchen. Er bot an, die Expedition abzubrechen, wurde aber von Winston Churchill angewiesen, sie fortzusetzen. Bekanntermaßen fand die Überquerung nie statt. Was geschah, war ein zunehmend verzweifelter Überlebenskampf der beiden Schiffsbesatzungen auf entgegengesetzten Seiten des polaren Kontinents.

Das Buch besteht größtenteils aus Auszügen aus Shackletons eigenem Tagebuch und den Tagebüchern einiger der anderen Expeditionsmitglieder, die zu einer Erzählung zusammengefügt wurden. Shackleton schildert die Probleme, mit denen seine Seite (die Weddellmeer-Seite) der Expedition konfrontiert war. Sein Schiff, die Endurance, blieb im Januar 1915 im Meereis stecken, wo es langsam über das Weddellmeer trieb, bis es im November desselben Jahres zerschellte und sank. Shackletons Mannschaft kampierte auf dem sich bewegenden Eis bis zum April 1916, als ihre Eisscholle auseinanderbrach und sie in die geborgenen Schiffsboote gezwungen wurden, um eine erschütternde fünftägige Seereise zum trockenen Land von Elephant Island zu unternehmen.

Shackleton war äußerest emphatisch und hatte stets das Leiden seiner Männer vor Augen. Die ständige extreme Kälte und das grausame Wetter, die schlechten Rationen (einschließlich der Zeiten, in denen die Männer nach dem Tod der Hunde mit einem einzigen Keks und einem Becher Kakao pro Tag in Knochenarbeit die Schlitten ziehen mussten), Erfrierungen, Langeweile, Skorbut, Schneeblindheit, Erschöpfung – die Palette der Probleme, die sich den Männern in den Weg stellten, schien fast unüberwindbar und doch hielt Shackleton seine Gruppe irgendwie zusammen, um gemeinsam das Überleben zu sichern.

Teile der Geschichte sind ganz unfassbar britisch:

„Die Endurance ist gesunken, aber wir haben den Wimpel des Royal Yacht Club gerettet.“

Symbole sind wichtig – insbesondere, als sie nach dem Untergang fast ihr gesamtes persönliches Hab und Gut wegwerfen mussten, wusste Shackleton, wie wichtig es war, zumindest einige wenige Gegenstände zu behalten, wie z.B. den Wimpel, eine Enzyklopädie, die Pfeifen der Männer, um ein winziges Maß an Normalität für die dunklen Tage zu haben, die vor ihnen lagen.

Als im Lager auf Elephant Island irgendwie keine Hoffnung mehr aufkommen wollte und einige der Männer ihrem geschwächten Zustand und den Depressionen erlagen, ließen Shackleton und eine freiwillige Mannschaft das Schiff, die James Caird, zu Wasser. Mit diesem Schiff – nur wenig größer als eine Segeljolle – segelten sie 800 Meilen nach Südgeorgien, wo sie dank der hervorragenden Navigationskenntnisse des Endurance-Kapitäns Frank Worsely ankamen. Allein diese Reise durch den eisigen, sturmgepeitschten, bergigen Südozean würde für eine heldenhafte Überlebensgeschichte reichen – doch nach der Landung auf der falschen Seite von Südgeorgien müssen die Männer auch noch einen langen und gefährlichen Marsch unternehmen, um die Walfangstation zu erreichen und endlich Hilfe zu bekommen.

Die Bedingungen, denen sich die Besatzung der Aurora auf der anderen Seite des Kontinents im Rossmeer ausgesetzt sah, waren nicht weniger unglaublich. Die Besatzung folgte hier den Spuren von Kapitän Scott und legte Lebensmittel- und Treibstoffdepots an, die Shackletons Gruppe bei der Überquerung des Kontinents finden sollte. Die Aurora wurde aus ihrer Verankerung gerissen und trieb schwer beschädigt, bis die Besatzung sie nach Neuseeland brachte. Während Shackleton die Rettung für die Mannschaft auf Elephant Island organisierte, organisierte die Besatzung der Aurora eine Rettung für ihre Kameraden auf dem Eis nahe Ross Island.

„Mit der Endurance ins ewige Eis“ ist eine großartige Geschichte über den Überlebenswillen, darüber, was Menschen aushalten können, wenn sie mit Extremen konfrontiert werden, wenn es viel einfacher gewesen wäre, sich einfach hinzulegen und aufzugeben, als weiterzukämpfen, Tag für Tag, Monat für Monat entstanden. Das Buch ist eine sehr inspirierende Lektüre, nur das Nachwort deprimiert, denn nachdem sie gerettet wurden, meldete sich fast jeder aus der Mannschaft direkt zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg…

Nach dieser tragischen Geschichte, ging es dann glücklicherweise etwas weniger dramatisch aber dennoch spannend mit der großartigen Christiane Ritter weiter, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz den Konventionen widersetzte, jedes Risiko ignorierte und ihrem Mann zu einer Expedition nach Svalbard folgte, mitten ins Herz der Arktis.

Christiane Ritter, eine österreichische Malerin, die im Jahr 2000 im Alter von 103 Jahren starb, fuhr 1934 nach Norwegen und fand ein Land von immenser Schönheit, still und ursprünglich. Ihr Bericht über das Jahr, das sie in Svalbard verbrachte, ist eine wunderschöne Hommage an die ganz besondere Landschaft der Arktis.

“Der Konflikt zwischen dem schwächer werdenden Licht des Tages und dem triumphierenden Licht des Mondes schafft verwirrende Kontraste in der sehr klaren, gewaltsam kahlen Landschaft. Immer wenn sich der Himmel aufhellt, entstehen neue Szenen.“

Ihre Beschreibungen, wie zum Beispiel zu den Vorbereitungen für den Winter, der Jagd, der ihr bis dahin völlig unbekannten Tiere, der Pracht der Fjorde, sind faszinierend, aber nichts ist vergleichbar mit den Kapiteln, die der „Fortvilelse“, der Polarnacht gewidmet sind, dem Zauber, der verwirrenden und bedrohlichen Herrlichkeit der Nacht, die niemals endet. Sie beschreibt den letzten Moment vor dem Sonnenuntergang und das Warten auf die monatelange Dunkelheit so anschaulich und fast bedrohlich, dass es einem selbst im warmen Lesesessel fröstelt. Der Rauch, der sich am Boden und an den Wänden der Hütte festsetzte, die schwarze Landschaft, die nur vom Sternenlicht erhellt wurde, Karls Lieder in der Stille der ewigen Nacht … Ritter schafft Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

‚Geh nicht allein spazieren“, sagt Karl. “Es ist eine gefährliche Zeit. Sieben Wochen vor Weihnachten werden die Gräber in Svalband geöffnet.“

Die winzige Hütte in der Christiane Ritter mit ihrem Mann und Karl für ein Jahr lebte

Ritter erzählt von Karls Geschichten und den Sagen der Matrosen, die – kaum überraschend – von die Tod und den Geistern der Toten handeln. Passende Geschichten, die aus einem Land stammen, in dem die unendliche Nacht regiert, in dem die Schatten unter der Aurora Borealis vorbeihuschen und nur überlebt, wer sich genug Vorrat für den Winter angelegt hat.

Ritter beschreibt nicht nur anschaulich, wie sie sich anpasst und von einer Hausfrau zu einer abgebrühten, cleveren Arktisjägerin wird, sondern auch über die erschreckende Kraft und Schönheit der Polarlandschaft. An dunklen, eisigen Tagen wird das Land zu einer berauschenden Mondlandschaft, das gefrorene Meer glänzt wie ein riesiger Opal und ein wütender Schneesturm fühlt sich furchterregend aber auch berauschend an.

Ein wunderschönes, kleines Büchlein, das wunderbar gealtert ist und große Lust macht auf eisige Spaziergänge und Dokumentationen über Eisbären und Arktis.

Abschließen möchte ich den ersten Teil unserer Expedition mit einem Buch von Arthur Conan Doyle, der als junger Mann ein paar Monate als Schiffsarzt an einer Polarexpedition teilnahm, lange bevor Sherlock Holmes das Licht der Welt erblickt hatte.

1880 begab sich Arthur Conan Doyle, damals noch ein junger Medizinstudent, in das „erste wirklich herausragende Abenteuer“ seines Lebens, indem er als Schiffschirurg auf einem arktischen Walfänger anheuerte. Die Reise führte ihn in unbekannte Regionen, stürzte ihn in dramatische Erlebnisse und machte ihn bekannt mit der gefährlichen Arbeit auf den Eisschollen der Arktis. Die Mannschaft taufte ihn „Großer Taucher“ weil er häufig von den rutschigen Eisschollen ins Meer rutschte und dann samt Klamotten ins Bett gelegt wurde, damit diese auftauen und er sie ausziehen konnte. Seine Zeit an Bord der „Hope“ war, wie er später schrieb, „ein seltsames und faszinierendes Kapitel meines Lebens“.

Das Tagebuch, das er an Bord des Walfängers führte, blieb mehr als ein Jahrhundert lang unveröffentlicht.

Er war auf einem Walfänger, daher gibt es natürlich jede Menge Passagen über das Harpunieren von Walen, das Erschlagen von Robben und das Erschießen von Eisbären – das sollte man einigermaßen ausblenden können…

Conan Doyle sah seine arktische Reise für den Rest seines Lebens als eine seiner bedeutendsten Lebenserfahrungen an. Er war immer schon sportbegeistert und liebte körperlichen Aktivitäten – er boxte auf dem Schiff mit einem Offizierskollegen und im März 1893 war Doyle der erste Brite, der eine Tagestour im Skilanglauf absolvierte. In Erinnerung an diese Leistung benannte der australische Polarforscher Douglas Mawson den Doyle-Gletscher in der Antarktis nach ihm.

Das Buch ist ein kleines Juwel und bietet einen spannenden Einblick in diesen faszinierenden Schriftsteller, der ein langjähriges Interesse an mystischen Themen hatte und von der Idee paranormaler Phänomene fasziniert blieb, auch wenn die Stärke seines Glaubens im Laufe der Jahre periodisch zu- und abnahm.

Conan Doyles Aufzeichnungen über seine Walfangreise bilden den größten Teil dieses wunderschönen Buches aus dem Mare-Verlag, aber er enthält auch zwei Kurzgeschichten, „Der Kapitän der Polestar“ und die von der Arktis inspirierte Sherlock-Holmes-Geschichte „Das Abenteuer des Schwarzen Peter“.

So – jetzt könnt ihr euch ein wenig aufwärmen, ein paar Vitamine essen und einen heißen Grog trinken, in ein paar Tagen nehme ich euch auf den zweiten Teil der Polarexpedition mit.

Habt ihr noch Lust?

The Pull of the Stars – Emma Donoghue

Dublin, 1918: drei Tage auf einer Entbindungsstation auf dem Höhepunkt der Influenza Pandemie. Ein Mikrokosmos aus Arbeit, Risiko, Tod und unerwarteter Liebe.

In Irland, das nicht nur vom Krieg, sondern auch von Krankheit heimgesucht wird, arbeitet die Krankenschwester Julia Power in einem unterbesetzten Krankenhaus im Stadtzentrum, wo werdende Mütter, die an der schrecklichen neuen Grippe erkrankt sind, gemeinsam unter Quarantäne gestellt werden. In Julias reglementierte Welt treten zwei Außenseiter – die Ärztin Kathleen Lynn, die auf der Flucht vor der Polizei ist, und eine junge freiwillige Helferin, namens Bridie Sweeney.

I found myself wondering who’d put us all in the hands of these old men in the first place.

In der Dunkelheit und Intensität dieser winzigen Station verändern diese Frauen über drei Tage hinweg ihr Leben auf unerwartete Weise. Sie verlieren Patienten an diese rätselhafte Pandemie, aber sie bringen auch neues Leben in eine von Angst erfüllte Welt. Mit viel Zärtlichkeit und unermüdlicher Menschlichkeit leisten die Pflegerinnen und Mütter ihre Arbeit, in der Hoffnung, dem Tod möglichst häufig ein Schnäppchen zu schlagen.

Die Grippe von 1918 war eine verheerende Pandemie. Noch während sich die Menschen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gegenseitig umbrachten, verbreitete sich ein noch weitaus tödlicherer Killer von Mensch zu Mensch – dieses Mal durch Berührungen, Liebe und Mitmenschlichkeit. Durch das Verbot von Verhütungsmittel durch die katholische Kirche, dem sozialen Druck, Babys zu gebären (mehr als zehn waren die Norm), sexuellem Missbrauch in religiösen Institutionen und in den Magdalenenheimen, einer Müttersterblichkeitsrate von 15% UND der Pandemie, war dies die wahrscheinliche ohnehin schrecklichste Zeit, eine Frau zu sein. Wer dann auch noch schwanger war, konnte einem nur leid tun.

Nurse Power sieht Mütter, die versuchen und teilweise scheitern, ihr zwölftes Kind oder so zu gebären, weil ihre Körper einfach nicht mehr können. Sie sieht junge Opfer von sexuellem Missbrauch, die gezwungen werden, die Babys ihrer männlichen Verwandten zu gebären, die sie vergewaltigt haben. Sie sieht die „gefallenen Frauen“ aus den Magdalenenheimen, die gezwungen werden, ihre Babys abzugeben. Sie sieht Missbrauchsopfer, die Angst haben, wieder gesund zu werden und das Krankenhaus zu verlassen.

She murmured, We could always blame the stars. I beg your pardon, Doctor? That’s what influenza means, she said. Influenza delle stelle—the influence of the stars. Medieval Italians thought the illness proved that the heavens were governing their fates, that people were quite literally star-crossed. I pictured that, the celestial bodies trying to fly us like upsidedown kites. Or perhaps just yanking on us for their obscure amusement

Ein Großteil des Grauens, das in Nurse Powers Krankenzimmer geschieht, hat seine Wurzeln im Machtmissbrauch, in religiöser Heuchelei und einer verheerenden Sozialpolitik. Donoghue hat eine Menge historischer Fakten mit ihrer Geschichte verwoben, einschließlich der Figur der Ärztin, Kathleen Lynn, die ich vorher nicht kannte. Die romantische Nebenhandlung störte nicht weiter, tauchte aber völlig aus dem Nichts auf, ohne dass vorher auch nur ansatzweise ein Knistern zu spüren gewesen wäre.

I seem to have stumbled onto love, like a pothole in the night.

In The Pull of the Stars findet Emma Donoghue wieder einmal Licht in der Dunkelheit. Es ist ein Buch das uns zeigt, dass wir mit „unserer“ Pandemie noch fast Glück haben, denn es hätte uns noch viel schlimmer treffen können. Ein Buch voller Hoffnung und eine Hymne auf das Überleben gegen alle Widrigkeiten.

Nach der Lektüre empfehle ich diese kurze Dokumentation über die Ärztin, Kathleen Lynn, eine wirklich interessante Persönlichkeit.

Piranesi – Susanna Clarke

Es ist unmöglich, die Handlung zu beschreiben, ohne sie zu verraten, und der Spaß an diesem Buch ist die Klarheit, die man als Leser langsam, nach und nach erlangt, immer nur ein paar Schritte vor dem optimistischen und naiven Erzähler Piranesi, der eine schöne, aber einsame Welt bewohnt.

Diese Welt ist ein Haus aus endlosen Räumen mit Statuen und Gezeiten, die durch leere Hallen brausen. Die Räume des Hauses sind unendlich, seine Korridore endlos, die Wände sind mit Tausenden und Abertausenden von Statuen gesäumt, eine jede anders als die andere. Im Labyrinth der Säle ist ein Ozean gefangen, Wellen donnern die Treppen hinauf, Räume werden im Nu überflutet. Aber Piranesi hat keine Angst, denn er versteht die Gezeiten, so wie er das Muster des Labyrinths selbst zu lesen versteht. Er lebt, um das Haus zu erforschen.

I was in a house with many rooms. The sea sweeps through the house. Sometimes it swept over me, but always I was saved.

Er ist ihr einziger Bewohner, neben der geheimnisvollen Figur namens The Other, ein älterer Mann, der auf der Suche nach einer großen Macht durch die Hallen streift. Die beiden Männer treffen sich zweimal in der Woche, um zu besprechen, was sie entdeckt haben, obwohl The Other vielleicht nicht ganz das ist, was er vorzugeben scheint.

Piranesi kann sich nicht an ein Leben vor dem Haus erinnern, führt aber ein detailliertes Tagebuch über seine Zeit dort und kommt zu dem Schluss, dass er Mitte dreißig sein muss und mehrere Jahre dort draußen in der Welt gelebt hat. The Other hat ihn Piranesi genannt, nach Giovanni Piranesi, einem italienischen klassischen Archäologen, Architekten und Künstler, der für Zeichnungen von fantastischen Labyrinthen und Gefängnissen bekannt ist.

“The Beauty of the House is immeasurable; its Kindness infinite.”

Piranesi kennt das Haus in- und auswendig und katalogisiert alles, was er über es weiß. Er liebt das Haus und fühlt, dass es auch ihn liebt. Die Welt fühlt sich vollständig und ganz an, und „ich, ihr Kind, füge mich nahtlos in sie ein“, schreibt er. Er schaut auf die Statuen als Wegweiser und findet in ihnen Botschaften der Hoffnung und Stärke. Das Haus gibt ihm Nahrung, gibt ihm Wetter, gibt ihm einen Sinn, auch wenn es nur der ist, als Bewohner des Hauses zu dienen. Er hat sich dem Rhythmus des Hauses angepasst und sogar seinen eigenen Kalender, um die Ereignisse des Hauses herum erstellt – der Roman spielt im Jahr, in dem der Albatros in die südwestlichen Hallen kam.

“Perhaps even people you like and admire immensely can make you see the World in ways you would rather not.

Piranesi ist eine wilde, verrückte und surreale Fahrt,. Der erste Teil hätte für mich gern um 100 Seiten erweitert werden können, auf denen er einfach nur die Hallen erkundet. Ich habe es sehr genossen, in den Bildern in meinem Kopf zu leben – die Atmosphäre dieses Romans ist fantastisch und bringt einen so an atemberaubende Orte.

Wer ist Piranesi, was ist diese Welt, und wie kam er dorthin? Nichts in diesem Buch ist vorhersehbar, und Piranesis Suche nach Antworten macht die Lektüre zu einem fesselnden Erlebnis.

“In my mind are all the tides, their seasons, their ebbs and their flows. In my mind are all the halls, the endless procession of them, the intricate pathways. When this world becomes too much for me, when I grow tired of the noise and the dirt and the people, I close my eyes and I name a particular vestibule to myself; then I name a hall

Ich glaube Piranesi ist mein Lesehighlight 2020, immer wieder denke ich daran zurück und drehe im Kopf meinen eigenen Film dazu mit passendem Soundtrack. Ich mochte „Jonathan Strange & Mr Norrell„, aber Piranesi ist nochmal eine Schippe wunderbarer.

Ich beneide alle, die diese Lektüre noch vor sich haben. 1000 Dank an die wunderbare Anna vom Blog Buchpost, von der ich das Buch geschenkt bekam.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem gleichen Titel im Blessing Verlag.

Gemischte Tüte

Kein Grund zur Sorge, bei Kalmann kann man sich sicher sein, es wendet sich alles zum Guten. Kalmann ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn und er muss einen Mord aufklären. Das wäre im besten Fall schon keine einfache Sache, aber in Kalmanns Kopf geraten die Dinge schnell durcheinander, die Fäden verwirren sich und manchmal laufen die Räder in seinem Kopf auch rückwärts.

„Als ich noch ein Kind war, hatte meine Mutter nie Zeit für mich, arbeitete fast rund um die Uhr. Ihr Problem war, dass sie keinen Mann hatte. Aber es gab schon Versuche. Einmal stellte sie mich sogar einem vor. Ein geschiedener Elektriker. Seine Haare waren schön gescheitelt, und weil er auch schön angezogen war, sah er überhaupt nicht aus wie ein Elektriker. Sie hoffte wohl, einen Vaterersatz für mich gefunden zu haben, aber so was wie einen Vater kann man nicht einfach ersetzen. Man hat dasselbe Blut in den Adern wie sein Vater. Es gibt also nur einen. Das spürt man. Genau darum ist es für mich ganz normal, einen Cowboyhut und einen Sheriffstern zu tragen, das ist in mir programmiert, da kann meine Mutter noch so laut meckern.“

So sehr mir dieser charmante Island-Roman auch gefallen hat, ich kann ihn nicht ohne Warnung empfehlen. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch mit diesem Buch einlasst: Ihr werdet ganz sicher eine Reise nach Island buchen wollen, so bald das Virus uns nicht mehr Griff hat. Dieses Buch macht extrem Lust, dorthin zu reisen und ich habe die Route schon geplant, hoffe sehr ich treffe Kalmann vor Ort oder zumindest den mindestens genau so symphatischen Autor Joachim B. Schmidt, um gemeinsam einen Brennivin zu trinken und Polarfüchse zu beobachten. Die Reiselektüre ist dann auf jeden Fall schon mal klar.

Kalmann von Joachim B. Schmidt erschien im Diogenes Verlag.

What was is and what is was.

Die Erzählerin des Romans ist S.H., eine Schriftstellerin, die aus Minnesota stammt und nach New York zieht, um ihre schriftstellerische Karriere voranzutreiben.

Zum Zeitpunkt des Romans ist S.H. 61 Jahre alt und eine etablierte Autorin, die bereits mehrere Romane geschrieben hat. Als wir sie treffen, durchstöbert sie die Besitztümer ihrer Mutter und stößt dabei auf ein Tagebuch, das sie im Alter von 23 Jahren führte, als sie zum ersten Mal in New York ankam.

Auf diese Weise wird eines der Hauptthemen des Buches vorgestellt: Wie wirken Erinnerung und Vorstellungskraft zusammen. In zwei Strängen des Buches schreibt S.H. aus der Gegenwart des Romans über ihre Erinnerungen an diese Zeit (und die Zeiten davor und danach) und parallel dazu gibt sie Einträge aus dem Tagebuch wieder und denkt darüber nach.

The more I focus on remembering, the more details I am likely to provide, but those particulars may well be invented.

We are all wishful creatures, and we wish backward, too, not only forward, and thereby rebuild the curious, crumbling architecture of memory into structures that are more habitable.

Let us not forget that each time we evoke a memory, it is subject to change, but let us also not forget that those changes may bring truths in their wake.

Wie immer steckt Hustvedt voller interessanter Ideen und Beobachtungen. Der Roman ist nicht ganz einfach, aber er ist immer fesselnd und faszinierend.

Auf Deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Damals“ im Rowohlt Verlag.

Wo gehören wir hin? Was ist unser Zuhause in einer Zeit, in der sich immer weniger Menschen sinnstiftend dem Ort verbunden fühlen, an dem sie geboren wurden?

„Traumata sind Teil der eigenen Biografie. Man kann sie nicht im Nachhinein veändern, und sie hören nicht auf, ihre Schatten auf das Leben zu werfen, das man führt.“

In seinem persönlichen Essay beschreibt Daniel Schreiber den Umschwung eines kollektiven Gefühls: Zuhause ist nichts Gegebenes mehr, sondern ein Ort, nach dem wir uns sehnen, zu dem wir suchend aufbrechen. Schreiber blickt auf Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse, und zugleich erzählt er seine eigene Geschichte: von Vorfahren, die ihr Leben auf der Flucht verbrachten. Von der Kindheit eines schwulen Jungen in einem mecklenburgischen Dorf. Von der Suche nach dem Platz, an dem wir bleiben können.

Ein Buch, das einen definitiv auf eigene Spurensuche schickt.

„Die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou: „Die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Zuhause lebt in jedem von uns. Es ist die Sehnsucht nach dem Ort (…), an dem wir nicht in Frage gestellt werden.“

Zuhause von Daniel Schreiber erschien im Hanser Verlag.

Mit Mitte zwanzig, auf dem Höhepunkt des Tech-Boom ist Anna Wiener – wie fast jeder Millennial – auf der Suche nach dem Sinn in ihrer Arbeit. Der Job im Buchverlagswesen erfüllt sie nicht richtig und reich wird man mit diesem Job natürlich auch nicht. Die Tech Branche ist hungrig nach frischen Talenten, man lockt sie und es fällt ihr nicht wirklich schwer, den Verlockungen nachzugeben.

Sie zieht von New York nach San Francisco, wo sie bei einem großen Daten-Startup im Herzen der des Silicon Valley landet: eine Welt surrealer Extravaganz, zweifelhaften Erfolgs und ambitionierter Unternehmer, die wild entschlossen sind, die Welt zu dominieren.

Doch inmitten von Skiurlauben mit ihrem Unternehmen und den ständigen Saufgelagen im Büro mit den Bros entsteht ein neues Silicon Valley: eines das weit über seine Mittel lebt, eines, das sich auf Kosten der idyllischen Zukunft bereichert, die es angeblich für alle Menschen erarbeiten möchte.

Anna Wieners Memoiren sind das Porträt einer bereits schon wieder vergangenen Ära. Sie geben seltenen Einblick in eine Überflieger- und rücksichtslose Gründerkultur, in der ungebremster Ehrgeiz auf unkontrollierte Überwachung trifft.

“The platforms designed to accommodate and harvest infinite data inspired infinite scroll…people were saying nothing and saying it all the time.”

Mit Witz, Offenheit und Herz zeichnet Anna geschickt den Wandel der Technologieindustrie vom selbsternannten Weltretter zum demokratiegefährdenden Moloch nach, eingebettet in ihre eigene persönliche Erfahrung, die voller Ambivalenzen und Desillusionierungen steckt.

Uncanny Valley eine prägnante, schonungslose und warnende Biografie, die uns auf die mit Konsequenzen aufmerksam macht, die auf die ahnungslosen User zukommt und die wir erst jetzt langsam zu verstehen beginnen.

Being the only woman on a nontechnical team, providing customer support to software developers, was like immersion therapy for internalized misogyny. I liked men—I had a brother. I had a boyfriend. But men were everywhere: the customers, my teammates, my boss, his boss. I was always fixing things for them, tiptoeing around their vanities, cheering them up. Affirming, dodging, confiding, collaborating. Advocating for their career advancement; ordering them pizza. My job had placed me, a self-identified feminist, in a position of ceaseless, professionalized deference to the male ego.”

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Code kaputt“ im Droemer Knaur Verlag.

Gemischte Tüte – Sommeredition

Gott, hilf dem Kind – Toni Morrison

Ferien an der See im hohen Norden und viel Zeit im Zug, am Meer und im Garten für ausgiebige Lektüre. Hier kurz der Überblick – und es war tatsächlich kein Ausfall dabei.

Das Ableben Toni Morrisons letztes Jahr war ein wirklich trauriger Moment für mich. Ich habe ihre Bücher gelesen und irgendwann werde ich sie auch alle noch einmal lesen. Eines stand noch ungelesen im Schrank: „God Help The Child“. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, kein bisschen kitschig, eher rauh und wütend, aber dennoch optimistisch und lebensbejahend.

Lula Ann ist ein tiefschwarzes Baby, dass ihre Mutter Sweetness bei der Geburt fast zu Tode erschrickt und der Vater die junge Familie auf der Stelle verlässt, weil er dieses Kind nicht als seines ansieht. Die heranwachsende Tochter sträubt sich gegen jegliche von außen verordnete Angepasstheit. Sie ändert ihren Namen, kleidet sich provokant nur noch in strahlendem Weiß, macht Karriere in einer Kosmetikfirma und befreit sich auf ihre ganz eigene Weise von ihrer Vergangenheit.

„Du musst mich nicht lieben, aber Du musst mich verdammt noch mal respektieren“

Toni Morrisons Schwanengesang ist eine bestechende Ergänzung zum Kanon der großen amerikanischen Literatur.

Gratitude – Oliver Sacks

Keinem Schriftsteller ist es derart gelungen, medizinisches und menschliches Drama so ehrlich und wortgewandt einzufangen wie Oliver Sacks.

In den letzten Monaten seines Lebens schrieb er eine Reihe von Essays, in denen er auf bewegende Weise seine Gefühle über sein hinter ihm liegendes Leben und die Bewältigung seines eigenen Todes erforschte.

Es ist das Schicksal eines jeden Menschen“, schreibt Sacks, „ein einzigartiges Individuum zu sein, seinen eigenen Weg zu finden, sein eigenes Leben zu leben, seinen eigenen Tod zu sterben“.

Kurze, aber tiefgründige Reflexionen über das Leben, das Altern und die Konfrontation mit Krankheit und dem Ende des Lebens in Würde und Gnade. Zusammen bilden diese vier Essays eine Ode an die Einzigartigkeit jedes Menschen und an die Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens.

“I cannot pretend I am without fear. But my predominant feeling is one of gratitude. I have loved and been loved; I have been given much and I have given something in return; I have read and traveled and thought and written. I have had an intercourse with the world, the special intercourse of writers and readers.“

Alev HaShalom, rest in peace, Oliver.

Purple Hibiscus – Chimamanda Ngozi Adichie

Die fünfzehnjährige Kambili und ihr älterer Bruder Jaja führen ein privilegiertes Leben in Enugu, Nigeria. Sie leben in einem schönen Haus, in einer fürsorglichen Familie und besuchen eine exklusive Missionarsschule. Sie sind völlig abgeschirmt von den Schwierigkeiten der Welt. Doch, wie Kambili in ihrem Bericht offenbart, sind die Dinge weniger perfekt, als sie scheinen. Obwohl ihr Papa großzügig und gut respektiert ist, ist er zu Hause fanatisch religiös und tyrannisch – ein Haus, das still ist und jede Gefühlsregung erstickt.

Als das Land durch einen Militärputsch auseinanderzubrechen beginnt, werden Kambili und Jaja zu ihrer Tante, einer Universitätsprofessorin außerhalb der Stadt, geschickt, wo sie ein Leben jenseits der Grenzen der Autorität ihres Vaters entdecken. Bücher quellen aus den Regalen, Curry und Muskatnuss durchdringen die Luft, die Mahlzeiten mit ihren Cousins sind fröhlich und es wird insgesamt sehr viel gelacht. Als sie nach Hause zurückkehren, eskalieren die Spannungen innerhalb der Familie, und Kambili versucht die Familie zusammenzuhalten.

“There are people, she once wrote, who think that we cannot rule ourselves because the few times we tried, we failed, as if all the others who rule themselves today got it right the first time. It is like telling a crawling baby who tries to walk, and then falls back on his buttocks, to stay there. As if the adults walking past him did not all crawl, once.”

Chimamanda Ngozi Adiche schildert eloquent den Untergang der Familie sowohl in Enugu als auch in Nsukka und führt uns allmählich einem ziemlich tragischen Ende entgegen. Sie führt den Leser in die Bräuche, das Essen und viele andere Aspekte des nigerianischen Lebens ein. Ich möchte definitiv mehr von der Autorin lesen und unbedingt einige der im Buch genannten Gerichte nachkochen – nachgebacken hat Frau schiefgelesen bereits auf ihrem Blog „schiefgegessen“ in Form von Chin-Chin, da ich es eher herzhaft mag, würde ich mich wahrscheinlich eher an Jollof Rice, Onogu Soup oder Azu versuchen.

Handbuch für Zeitreisende – Kathrin Passig / Aleks Scholz

So viele nützliche Tipps! Dieses Handbuch darf bei der nächsten Zeitreise auf keinen Fall fehlen. Vergnügliches Hörbuch, das gut unterhält und zudem eine Menge faszinierendster Fakten zu den Zusammenhängen und Geschichte der Welt enthält.

Wollten Sie schon immer mal nachsehen, warum die Dinosaurier ausgestorben sind – und dabei möglichst selbst am Leben bleiben? Von England nach Dänemark laufen, ohne nasse Füße zu bekommen? Zusehen, wie Stonehenge erbaut wird? – Mit diesem Reiseführer kann nichts mehr schiefgehen: Kathrin Passig und Aleks Scholz vermitteln alles, was Zeitreisende wissen müssen. Was Sie bei den Volksfesten der Maya erwartet, wogegen Sie sich vor der Reise in die Renaissance impfen lassen und welche Kleidung Sie für die Weichsel-Eiszeit einpacken sollten, all das erklärt Ihnen dieses Handbuch. Mehr noch: Es verrät Ihnen die schönsten Zielorte und -zeiten, nützliches Wissen über Parallelwelten und ihre Besonderheiten, Umgangsformen für jede Epoche, praktische Tipps für mehrere Weltteile und das gesamte All. Und wenn Sie im Urlaub nicht nur an den Traumstränden der Vergangenheit herumliegen, sondern die Welt verbessern möchten, erfahren Sie hier, was dafür zu tun wäre.

Beschreibung einer Krabbenwanderung – Karosh Taha

Sanaa ist zweiundzwanzig. Sie studiert, hat einen Freund, einen Liebhaber und sie hat Träume. Es könnte alles ganz schön sein, würde sie nicht immer wieder von der Realität gekniffen werden, wie damals die Krabbe im Irak, als sie im Fluß baden war mit ihrer Familie.

Die Realität besteht aus ihrer depressiven Mutter Asija, ihrem Vater Nasser, der sich immer mehr von der Familie entfremedet und ihrer Schwester Helin, die nirgends halt findet, einsam und wütend ist. Ihre Tante Khalida sitzt Tag für Tag rauchend bei ihnen zu Hause auf dem Sofa, klatscht und tratscht und fühlt sich als vermeintliche Hüterin des Anstands.

Sanaa rebelliert gegen die Enge ihres Umfeldes, sie versucht ihr Leben abzustreifen wie ein Hummer seinen zu klein gewordenen Panzer abwirft, um eine neuere festere Schale zu bekommen.

Sie kümmert sich um ihre Familie, versucht allen zu helfen, ohne selbst komplett unterzugehen und plötzlich steht alles, was sie sich an Freiheit so erkämpft hatte, auf dem Spiel.

„Hör auf damit, Sanaa, werde nicht so wie die Frauen aus dem Hochhaus.“
Hochhausfrauen, die vom Balkon aus andere Menschen beobachten, Frauen, deren Lebenswelt bis zum Supermarkt reicht. Frauen, die auf Spielplätzen Passanten beachten statt ihrer Kinder, weil sie ihre Kinder satthaben, weil sie andere Menschen nur aus dem Fernsehen kennen, Frauen, deren Füße vom vielen Warten platt sind, die warten und warten, bis ihr Mann nach Hause kommt, die aus dem Fenster schauen, die auf dem Balkon Wäsche aufhängen und gucken, ob auf dem Marktplatz etwas passiert, endlich etwas passiert… Die Frauen aus dem Hochhaus, die Frauen im Wachturm. Aber ich lebe auch im Hochhaus, will ich ihm sagen.“

Ein großartiger Roman von Karosh Taha vom Leben zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Deutschland und dem Irak, zwischen Realität und Aberglaube. Sie entwirft Figuren, die einem lange nicht aus dem Kopf gehen und das Leben in diesem Hochhaus, mit den Nachbarinnen, Tanten und all ihren Problemen hat mich sehr an meine Kindheit erinnert. Ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht und immer wieder denke ich an die Sanaa und hoffe, sie wird irgendwann endlich ankommen und die Freiheit finden, die sie verdient.

Das große Los – Meike Winnemuth

Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen? Meike Winnemuth gewinnt 500.000 € bei „Wer wird Millionär“ und bricht auf zu einer unglaublichen Reise um die Welt: ein Jahr und zwölf Städte über alle Kontinente hinweg. Mit Tempo, Humor und viel Gespür für die Besonderheiten der Menschen erzählt sie von ihren Erfahrungen und zahllosen wundervollen Erlebnissen. Ein inspirierendes Buch über den Rausch der Freiheit, das Glück des Zufalls (Serendipity!) und die Überraschungen, die man nicht zuletzt mit sich selbst erlebt.

Ich hoffe, dass entweder die Autorin selbst oder jemand anderes dieses Buch übersetzen wird, denn es ist wirklich eines der besten Reisebücher, das ich je gelesen habe und es wäre schade, wenn es nur in der deutschsprachigen Welt gelesen würde.

Es geht nicht um Sightseeing und auch nicht darum, die letzten Abenteuer dieser Erde an abgelegenen Orten zu suchen, sondern eher darum, wie ein Ort das eigene Verhalten und die eigene Persönlichkeit verändern kann.

Da sie ihre Arbeit als Journalistin im Ausland fortsetzte, gab sie nur einen Bruchteil des Geldes während ihrer Reise aus, die sie in faszinierende Städte wie Buenos Aires, Shanghai, San Francisco und sogar in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba führte. Indem sie in jeder der zwölf Städte für einen Monat eine voll möblierte Wohnung mietet, taucht sie direkt in teilweise hektisch pulsierende, lebhafte Orte wie Barcelona ein oder chillt zu den entspannten Vibes in Honolulu.

Die unterschiedlichen Orte bringen auch immer neue Aspekte ihres eigenen Selbst hervor. Es gibt jede Menge spannende psychologische und philosophische Einsichten – ich war wirklich überrascht wie unterhaltsam, faszinierend, lehrreich und teilweise sehr persönlich dieses Buch ist.

Wer nach der Lektüre dieses Buches kein Reisefieber bekommt, ist ganz hochoffiziell ein Couch-Potatoe und muss zur Strafe bei all meinen künftigen Urlauben unsere Blumen gießen im 4. Stock ohne Aufzug.

Mein Überraschungshit diesen Sommer, dem ich locker 10 von 5 Sternen gegeben hätte.

Fuchs 8 – George Saunders

Eine düster-komische Kurzgeschichte, eine Fabel über die allzu realen Auswirkungen, die wir Menschen auf die Umwelt haben.

Fuchs 8 war schon immer als der Tagträumer in seinem Rudel bekannt, der von seinen Fuchskollegen mit einem wissenden Schnauben und Augenrollen betrachtet wurde. Das heißt, bis Fuchs 8 eine einzigartige Fähigkeit entwickelt: Er bringt sich selbst das Sprechen von „Yuman“ bei, indem er sich in den Büschen vor einem Haus versteckt und den Gutenachtgeschichten der Kinder zuhört. Die Macht der Sprache schürt seine reichliche Neugierde auf Menschen – selbst nachdem „danjer“ in Form eines neuen Einkaufszentrums eintrifft, das seine Lebensmittelversorgung unterbricht und Fuchs 8 auf eine erschütternde Suche schickt, um sein Rudel zu retten.

Das machte mir ein gutes Gefül, so als könnten Mänschen Libe fülen und zeigen. Mit anderen Worten, Hoffnung für di Zukunf von der gansen Erde!“

Ich habe dieses Buch geliebt! Ich habe gelacht, fast hätte ich geweint, wurde wütend, wollte ein paar Leute hauen und hab stattdessen das Buch umarmt. Fox 8 ist ein Unikat. Ich bin voller Hoffnung, dass Yumans eines Tages all das sein werden, wovon Fox 8 träumt und im Übrigen stelle ich genau die gleichen Fragen wie Fuchs 8…

Großes Extralob noch an den Übersetzer, Frank Heibert, – amerikanisches mänschisch ins Deutsche zu übertragen war sicher eine ganz besondere Herausforderung. Die wunderschönen Illustrationen sind von Chelsea Cardinal.

Das war sie – die große Sommeredition der Gemischten Tüte. Welche davon habt ihr schon gelesen? Konnte ich euch auf das eine oder andere Buch Lust machen? Ich freue mich über eure Rückmeldungen.

Hier noch mal im Überblick:

  • Gott, hilf dem Kind – Toni Morrison erschienen im Rowohlt Verlag. Übersetzungung: Thomas Piltz
  • Gratitude – Oliver Sacks auf deutsch erschienen unter dem Titel Dankbarkeit im Rowohlt Verlag.
    Übersetzung: Hainer Kober
  • Purple Hibiscus – Chimamanda Ngozi Adichie auf deutsch erschienen unter dem Titel Blauer Hibiskus im Luchterhand Verlag.
    Übersetzung: Judith Schwaab
  • Handbuch für Zeitreisende – Kathrin Passig & Aleks Scholz erschienen im Rowohlt Verlag.
  • Beschreibung einer Krabbenwanderung – Karosh Taha erschienen im Dumont Verlag.
  • Das große Los – Meike Winnemuth erschienen im Knaus Verlag.
  • Fuchs 8 – George Saunders erschienen im Luchterhand Verlag.
    Übersetzung: Frank Heibert