Warlight – Michael Ondaatje

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Eine Erzählung so mysteriös wie unsere Erinnerung, Warlight ist voller Schatten und gedämpftem Licht über nebeligem Gewässer. Eine aufregende Geschichte voller Geheimnisse, Liebe, Sehnsucht und Gewalt.

In 1945 our parents went away and left us in the care of two men who may have been criminals.

Ein großartiger erster Satz mit dem man sofort mitten im Geschehen war. Wir befinden uns im Jahr 1945 und London erholt sich nur langsam aus seiner Kriegsstarre, überall sind noch die Folgen der deutschen Luftangriffe auf die Stadt zu sehen und zu spüren. Der 14jährige Nathaniel und seine Schwester Rachel werden von ihren Eltern dem geheimnisvollen Moth überlassen.

Sie verdächtigen ihn, ein Krimineller zu sein, werden davon immer überzeugter und gleichzeitig dieser Tatsache immer gleichgültiger gegenüber. In der Wohnung ihrer verschwundenen Eltern leben sie inmitten einer dubiosen, aber sehr interessanten Gruppe wechselnder Charaktere. Die Männer und Frauen, die dort immer wieder ein- und ausgehen, scheinen sich zu kennen und sind alle damit beschäftigt, das Geschwisterpaar zu beschützen und sie auf fragwürdige nächtliche Touren mitzunehmen.

„The house felt more like a night zoo, with moles and jackdaws and shambling beasts who happened to be chess players, a gardener, a possible greyhound thief, a slow- moving opera singer.“

Der erste Teil der Geschichte, als Nat und Rachel im Teenageralter sind, spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit in London. Voller Atmosphäre beschreibt Ondaatje das nächtliche Treiben, mit dem die Moth sein Geld verdient und bei dem ihm das Geschwisterpaar unter die Arme greift. Beim Lesen kann man quasi den Nebel über der Themse auf dem Gesicht spüren. Leise fährt das Boot mit seiner geheimnisvollen Fracht durch die weiterhin einzig vom Kriegslicht beleuchtete Nacht.

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We passed industrial buildings, their lights muted, faint as stars, as if we were in a time capsule of the war years when blackouts and curfews had been in effect, when there was just warlight and only blind barges were allowed to move along this stretch of river.“

Der Focus der Geschichte liegt vorwiegend auf Nathaniel, wir erleben ganz in „coming-of-Age“-Manier seine ersten Erfahrungen in der Liebe, in die Welt der Arbeit sowie seine Erlebnisse während der nächtlichen Touren. Durch seine abwesenden Eltern ist er stets auf der Suche nach Vorbildern, an denen er sich orientieren kann. Der „Darter“, mit dem er die nächtlichen Touren macht, wird ihm fast ein Stück weit Vaterersatz.

„You return to that earlier time armed with the present, and no matter how dark that world was, you do not leave it unlit. You take your adult self with you. It is not to be a reliving, but a rewitnessing.“

Der zweite Teil der Geschichte ist deutlich anders. Wir erfahren mehr über seine Mutter Rose und ihre Mission während des Krieges und danach. Ondaatje behält das Motiv der fast kompletten Dunkelheit auch im zweiten Teil des Romans bei, wobei mir der erste Teil etwas besser gefallen hat.

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„There are times these years later, as I write all this down, when I feel as if I do so by candlelight.“

Diese Dunkelheit bezieht sich auch auf die Figuren, die teilweise nur unter ihren Kriegs- und Spitznamen bekannt sind und deren Leben häufig fast komplett im Dunkeln bleibt. 

Ondaatje schreibt wunderbar poetisch, bewegend und voller Atmosphäre. Seine Erzählweise ist selten linear, wobei es bei Warlight noch recht harmlos ist. In seinem früheren Buch „Divisadero“ sah das zum Beispiel deutlich anders aus.

In Warlight geht es um dunkle Geschichten, Geheimnisse, Rätsel und Ungewissheit und vor allem auch um das Erinnern und die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen. Mich hat Nat’s Geschichte und auch insbesondere die seiner Mutter sehr fasziniert. Man kann viel biographisches herauslesen, wenn man möchte.

„But the only hope given us, although only in retrospect, is that we change. We learn, we evolve. What I am now was formed by whatever happened to me then, not what I have achieved, but by how I got there. But who did I hurt to get there? Who guided me to something better? Or accepted the few small things I was competent at? Who taught me to laugh as I lied? And who was it made me hesitate about what I had come to believe about the Moth? Who made me move from just an interest in „characters“ to what they would do to others? But above all, most of all, how much damage did I do?“

Im Bookclub entwickelte sich eine sehr spannende Diskussion um das Buch und es wurde auch fast ausschließlich für sehr gut bis gut befunden. Aufmerksam war ich auf das Buch durch Barack Obamas‘ Leseempfehlung auf Twitter oder Facebook und ich merke, Herr Obama und ich haben anscheinend einen ganz ähnlichen Geschmack. Vor einer Weile war ich bei der Lesung von Michael Ondaatje zu „Warlight“ im Literaturhaus und das war ein sehr schöner und interessanter Abend, ein sehr sympatischer Autor.

Egal ob ihr das Buch bei Taschenlampe-, Kerzen- oder Sonnenlicht lest – das Buch wird euch ins nebelverhangene London transportieren, ob ihr wollt oder nicht.

Eine weitere Rezension zu dem Buch findet ihr hier bei letusreadsomebooks.

 

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Short and Sweet (8)

Kurt – Sarah Kuttner

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Über Kurt braucht man glaube ich nicht mehr viel zu sagen. Da ist Sarah Kuttner wirklich etwas ganz Großes gelungen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich derart berührt hat und dabei so leicht und überhaupt nicht melodramatisch daher kommt.

Frau Kuttner ist eine irre intelligente, warmherzige Persönlichkeit, die ich unbedingt mal auf einer Lesung erleben möchte oder noch besser, mit ihr Füße in den Fluß halten und dabei ein Bier oder zwei trinken.

Mein Überraschungsbuch des Jahres bislang.

Der Klappentext fasst es wunderbar zusammen:
Von der Suche nach Familie, der Sehnsucht nach dem richtigen Ort und darüber, dass nichts davon planbar ist.

»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen, vor allem wenn Kurt schon extra aufs Land zieht. Und so pendelt das Kind nun wochenweise zwischen seinen beiden Oranienburger Zuhauses hin und her: zwei Häuser, zwei Kinderzimmer, unterschiedliche Regeln und alle Menschen, die er liebt. Und dann bin da noch ich.«

Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Es scheint, als wäre ihre größte Herausforderung, sich an die neuen Familienverhältnisse zu gewöhnen. Daran, dass Brandenburg nun Zuhause sein soll. Doch als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert. Sarah Kuttner erzählt von einer ganz normalen komplizierten Familie, davon, was sie zusammenhält, wenn das Schlimmste passiert. Sie erzählt von dieser Tragödie direkt und leicht und zugleich mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, so einfach und kompliziert, wie nur Sarah Kuttner das kann.

Slade House – David Mitchell

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Slade House begann als experimentelle Kurzgeschichte „The Right Sort“ und wurde zuerst auf Twitter veröffentlicht. Daraus entwickelte Mitchell dann ein eigenes Buch, das zum Universum seines Romans „The Bone Clocks“ dazugehört.

Wie schon in seinen früheren Büchern sind die Kapitel eher miteinander verbundene Kurzgeschichten mit einem darunter liegenden Thema (Fox and Hounds, das mal als Pub, als Spiel oder als Analogie auftaucht). Slade House besteht aus 5 Geschichten die sich über 9 Jahre hinziehen.

Jedes Kapitel wird von einer Person erzählt, die Slade House besucht und jede hat eine ganz eigene charakteristische Stimme (das kann Mitchell wirklich!). Der Plot an sich ist deutlich weniger charakteristisch und das ist wohl auch volle Absicht. Die fast schon hypnotischen Wiederholungen sollen den Leser in die mysteriöse Welt hineinziehen und Erwartungen wecken auf das, was dem nächsten Besucher von Slade House passiert.

“Grief is an amputation, but hope is incurable haemophilia: you bleed and bleed and bleed.”

„The Bone Clocks“ hat mir sehr gefallen, mit dem Slade House hab ich mich schwerer getan. Tolle Figuren, das ist wirklich Mitchells Stärke, aber der Plot hatte für mich Löcher und die ständigen Wiederholungen haben mich nach einer Weile etwas genervt. Ich würde es wohl nur „hard-core“ Mitchell Fans empfehlen, wobei es nicht dick ist, schnell gelesen und man schon ganz gut unterhalten wird.

The Immortalists – Chloe Benjamin

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Wenn Du den Tag Deines Todes kennen würdest, wie würdest Du Dein Leben leben? Diese Frage ist die Prämisse des Romans, die ich sehr spannend fand und bei der ich mich dauernd fragte, ob dieses Thema nicht schon häufiger in der Literatur behandelt wurde. Mir ist es jedenfalls vorher noch nicht untergekommen ist.

Kennt ihr Romane zu diesem Thema?

Im Jahr 1969 schlägt eine mysteriöse Frau in New York’s Lower East Side ihr Lager auf. Sie ist eine reisende Hellseherin, die von sich behauptet, jedem den Tag seines Todes nennen zu können. Von irgendwem hören die 4 Kinder der Familie Gold von dieser Frau und sie beschließen, heimlich zu Hause auszubüxen und sich ihren Todestag nennen zu lassen.

“She understands, too, the loneliness of parenting, which is the loneliness of memory—to know that she connects a future unknowable to her parents with a past unknowable to her child.“

Diese Vorhersagen prägen ihr jeweiliges Leben über die nächsten fünf Jahrzehnte. Sonnyboy Simon verschwindet mit seiner Schwester Klara an die Westküste, wo er im Gay Viertel San Franciscos der 80er Jahre auf der Suche nach Liebe ist. Seine nur etwas ältere verträumte Schwester Klara wird Zauberkünstlerin in Las Vegas und hat Schwierigkeiten, Wirklichkeit und Fantasie auseinanderzuhalten.

Der älteste Sohn Daniel wird Militärarzt und die lernbegierige Varya stürzt sich in ihre Arbeit – eine Studie zu Langlebigkeit – und testet dabei die schmale Grenze zwischen Wissenschaft und Unsterblichkeit.

Chloe Benjamin zieht einen insbesondere in den ersten beiden Kapiteln zu Simon und Klara komplett in ihre Welt. „The Immortalists“ sondiert die Grenze zwischen Vorhersehung und freier Wahl, Wirklichkeit und Illusion und wie schwer es ist sich von familiären Bindungen zu lösen.

Ein Buch das in unserem Buchclub zu sehr guten und spannenden Diskussionen geführt hat und wir wären alle zu feige gewesen, uns unseren Todestag nennen zu lassen.

Wie sieht es bei euch aus? Würdet ihr es wissen wollen?

#Women in Science (6) Lisa Genova

Ich freue mich ganz besonders, dass Claudia vom wunderbaren Blog „Das graue Sofa“ bei dieser Reihe dabei ist, denn bei den #WomeninSciFi kassierte ich einen Korb 😉 Eine geglückte Zusammenarbeit haben wir mit der Reihe „Der Hund in der Literatur“ bereits hinter uns.

Sie stellt die Neurowissenschaftlerin Lisa Genova vor, die an der Harvard Medical School lehrte und auch als Autorin tätig ist.

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Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Lange Jahre nach den naturwissenschaftlichen Pionierinnen, den Frauen, die noch darum kämpfen mussten, studieren zu können, wissenschaftliche Studien durchzuführen und zu publizieren, die hinter ihren Männern versteckt lebten, obwohl sie ebenfalls Anteil an den wegweisenden neuen Forschungsergebnissen hatten, hat Lisa Genova ihre Studien begonnen. 1970 geboren, studierte sie zunächst Biopsychologie und promovierte dann in Harvard im Bereich der Neurowissenschaften über Drogenabhängigkeit. Als ihre Großmutter an Alzheimer erkrankte und Genova nach Literatur suchte, um nachvollziehen zu können, wie es ihrer Großmutter erging, was sie empfand und was sie von ihrer Umwelt noch wahrnahm, fand sie nur medizinische Literatur, die sich jedoch kaum mit den Erlebnissen und Empfindungen der Patienten beschäftigten.

So verband sie ihre Kenntnisse der Neurowissenschaften, deren Aufgabe ja die Erforschung des Nervensystems und des Hirns ist, mit dem Ziel, die Patientensicht mehr in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Das leistete ihrer Meinung nach besonders der Roman. Und so begann sie 2004 mit der Arbeit an „Still Alice“, der Geschichte der an einer früh ausbrechenden Alzheimer-Erkrankung leidenden Harvard-Professorin Alice Howland.

Wahrscheinlich ist es 10 Jahre her, denn meine Romanausgabe datiert von 2009, dass ich Genovas Roman gelesen habe. Und doch sind mir noch einige Szenen ganz lebhaft in Erinnerung: Wie Alice sich auf ihrer Jogging-Runde, die sie fast täglich läuft, auf einmal nicht mehr zurechtfindet und es geraume und panikerfüllte Zeit dauert, bis sie sich wieder erinnert, welcher Weg nach Hause führt. Wie sie in ihrem Büro sitzt, sich wundert, wie ruhig es auf den Gängen ist, sich aber freut, endlich ihre To-do-Liste in Ruhe und sogar ohne störende Telefonate abarbeiten zu können, dann nach Hause geht und dort endlich sieht, dass es draußen ja tiefste Nacht ist. Dass sie bei den Alzheimer-Untersuchungen irgendwann nicht mehr in der Lage ist, eine analoge Uhr mit einer vorgegebenen Uhrzeit aufzuzeichnen. Dass sich in ihrem Hausflur plötzlich ein großes Loch auftut, das ihr Angst verursacht. Ich habe die Szenen alle wiedergefunden, als ich den Roman jetzt noch einmal gelesen habe. Und mir scheint auch, dass das wenige, was ich über Alzheimer weiß, aus diesem Roman über Alice Howland stammt.

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Alice Howland ist eine renommierte Psychologie-Professorin, die sich besonders mit der Linguistik beschäftigt. Sie ist verheiratet mit John, der als Biologe und Zellforscher ebenfalls Professor in Harvard ist, und hat drei erwachsene Kinder. Sie lebt ein rundherum erfülltes, glückliches und erfolgreiches Leben. Bis sie im Sommer 2004, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, nicht mehr darüber hinwegsehen kann, dass ihr doch immer öfter wichtige Dinge entfallen. Und es ist nicht die ständig verlegte Brille oder der nicht mehr auffindbare Hausschlüssel, das sind Johns Spezialität, die ihr zu denken geben, sondern Absprachen, die sie vergisst einzuhalten, oder die Termine, die ihr – morgens noch daran gedacht – über den Tag entfallen. Ausschlaggebend aber ist ihre völlige Orientierungslosigkeit während einer ihrer üblichen und immer gleichen Joggingrunden. Sie kennt den Platz, an dem sie steht, sie kennt alle Gebäude um sich herum, alle Straßen, aber diese Einzelinformationen kann sie nicht mehr zu einem Gesamtbild zusammensetzen, um zu wissen, in welcher Richtung ihr Haus liegt. Ihr bricht der Schweiß aus, das Herz rast – und es dauert endlose Minuten, bis die Erinnerung wiederkehrt. Noch zu Hause zittern ihr die Beine, wirkt die Panikattacke nach.

Alice wendet sich an ihre Hausärztin, erzählt ihr die Vorkommnisse, möchte mir ihr abklären, ob es sich bei ihrer Vergesslichkeit und der Orientierungslosigkeit um eine Begleiterscheinung der Wechseljahre handeln und eine Hormonersatztherapie Abhilfe schaffen könnte. Und so beginnen eine Reihe von weiteren Untersuchungen, an deren Ende die Erkenntnis steht: Alice ist an Alzheimer erkrankt, an einer Form, die in besonders jungen Jahren ausbricht.

Lisa Genova erzählt Alice´ Geschichte am Verlauf der Erkrankung entlang. Sie erzählt von Therapieüberlegungen, von den schnell immer gravierender werdenden Gedächtnisstörungen, von manchen Fehlern und fatalen Irrtümern, die Alice bei ihrer Arbeit unterlaufen. Vor allem aber erzählt sie davon, welche Wirkungen die Diagnose auf Alice und auf ihre Familie hat. Dabei nimmt Alice die Mitteilung ziemlich gefasst auf und geht oft überraschend rational damit um. Immer wieder kann sie sich Mut machen, wenn sie überlegt, was ihr wichtig ist in ihrer verbleibenden Zeit, nämlich jeden Moment zu genießen. Und so fällt ihr auch eine Geschichte aus ihrer Kindheit ein, als sie so traurig gewesen ist darüber, dass die Schmetterlinge nur ein paar Tage leben. Ihre Mutter hat sie getröstet und gesagt, sie solle nicht traurig sein wegen der Schmetterlinge, denn dass ihr Leben kurz sei, heiße ja nicht, dass es tragisch war. […] Sieh mal, sie haben ein wunderschönes Leben.“ Manchmal aber ist die Verzweiflung erkennbar, manchmal das Grauen vor dem, was ihr noch bevorstehen mag. Dass sie irgendwann die Worte nicht mehr wird finden können, um sich auszudrücken, dass sie sich selbst mehr und mehr verliert, dass sie ihre Kinder und ihren Ehemann nicht mehr wird erkennen können. Einmal besucht sie ein Pflegeheim und besichtig die Alzheimer-Abteilung, in der vor allem alte Menschen leben: Da will sie nicht hin, da muss es einen anderen Plan geben.

John aber will den Befund nicht wahrhaben. Er meint, Alice sei viel zu früh zu einem Neurologen gegangen. Es wäre doch klar, dass der finde, was in sein Spezialgebiet passe. Dann liest er sich ins Thema ein, geht mit Alice zu einer Untersuchung und spricht mit dem Neurologen über exaktere Diagnosemethoden, über andere Krankheiten, die Alice´ Symptome auch hervorrufen könnten. Alice lässt ein Screening durchführen und hat nun die Gewissheit, dass sie eine vererbbare Form der Alzheimer-Erkrankung hat. John lässt nicht locker. Denn nun schlägt er dem behandelnden Arzt neue Medikationen vor, allesamt Therapien, die noch in der Erforschung sind. Immer wieder kommt es zwischen ihm und Alice zu Konflikten, weil er so schlecht zuschauen kann, wie sich ihr Zustand immer weiter verschlechtert und sich stattdessen in seine Arbeit stürzt, während Alice ihn vermisst und möglichst viel Zeit mit ihm verbringen möchte.

Starke Momente hat der Roman immer dann, wenn sich aus den Folgen der Erkrankung Fragen für alle Familienmitglieder stellen: Für Alice – solange sie das entscheiden kann – wie sie leben möchte. Und wie sterben. Vielleicht kann sie so ruhig und gefasst mit ihrer Situation umgehen, weil sie ja ihre Exit-Strategie hat. Die dann aber grandios scheitert, weil sie doch nicht mit allen Tücken der Krankheit gerechnet hat. Für John stellt sich die Frage, ob er es schafft, Alice nahe zu bleiben und sie zu pflegen. Und wie er sein eigenes Leben weiter plant, für die Zeit, wenn Alice ihn nicht mehr erkennt. Und für ihre Kinder: Wollen sie sich testen lassen und wissen, ob sie die Gen-Mutation ebenfalls geerbt haben. Wie werden sie sich bei einem eigenen Kinderwunsch entscheiden? Werden sie dann auf die embryonale Gendiagnostik zurückgreifen und nur gesunde Embryonen auswählen? Wenn Alice sich so entschieden hätte, dann hätte sie eine ihrer Töchter nicht zur Welt gebracht und kennengelernt.

Starke Momente hat der Roman auch immer dann, wenn er aus Alice´ Sicht erzählt, wie ihre Demenz verläuft. Es ist diese Erzählperspektive, die die Geschichte interessant, die ihre Krankheit so nachvollziehbar macht. Die Entscheidung für die Sie-Erzählerin ist eine Gratwanderung, denn im Grunde ist die Erzählerin mit Blick auf ihre Erkrankung nicht glaubwürdig. Indem Alice aber ihr Verhalten und ihr Erleben erzählt, ihre Fehlleistungen inklusive, indem sie auch die Reaktionen ihrer Umwelt miterzählt, können wir uns ein Bild machen von der Verschlechterung von Alice Gedächtnisleistung, insbesondere ihres Kurzzeitgedächtnisses. Wir können aber auch erkennen, welche Kompetenzen sie zu jedem Zeitpunkt noch hat. Und lernen, dass es gerade die Emotionen sind, über die die Alzheimer-Erkrankten noch lange mit ihrer Umgebung kommunizieren können.

Genova Erfolg in den USA hat sich erst später eingestellt. Denn zunächst interessierte sich kein Verlag für ihren Roman. Erst als ihre Veröffentlichung im Selbstverlag so erfolgreich war, fand sich auch ein Verlag. Nun ist Lisa Genova im englischsprachigen Raum anerkannt und wird mit Oliver Sacks verglichen, ihre Bücher, allen voran „Still Alice“, sind zu New-York-Times Bestsellern geworden. Dagegen ist ihr Erfolg in Deutschland sehr viel bescheidener. In den Zeitungsfeuilletons ist ihr Roman kaum besprochen worden, einige Beiträge gab es im Radio.

Das mag daran liegen, dass Genovas Roman an manchen Stellen sehr gefällig konstruiert ist, hollywood-like, mit – soweit das unter diesen Umständen geht – gutem Ausgang. So gibt es keine Auseinandersetzung mit der Uni-Verwaltung, kein finanzielles Desaster und sogar eine perfekte Betreuung durch ihre Töchter – die allerdings nur eine begrenzte Zeit funktionieren wird. Die geringe Resonanz mag auch an der sprachlichen Gestaltung liegen, die wenig poetisch ist, oft eher an einer möglichen Realität entlangerzählt mit langen Passagen wörtlicher Rede bei den Patientengesprächen. Und die immer wiederkehrende Rede von der „harten Arbeit“ ist für europäische Augen und Ohren auch nicht gut erträglich.

 „Still Alice“ ist keine Literatur, die durch die überraschenden Wendungen der Handlung oder eine originelle Sprache überzeugt. Trotzdem hat der Roman einen nicht zu unterschätzenden Wert, wenn er den Lesern den Verlauf und die Auswirkungen einer Krankheit näherbringt und so dazu beiträgt, die Stigmatisierung der Betroffenen zu mindern. Zu diesem Ziel hat sicherlich auch seine Verfilmung beigetragen und die Auszeichnung der Hauptdarstellerin Julianne Moore mit dem Oscar und dem Golden Globe.

Lisa Genova (2009): Mein Leben ohne Gestern (Still Alice), aus dem amerikanischen Englisch von Veronika Dünnger, Bergisch Gladbach, Verlagsgruppe Lübbe GmbH und Co KG

Figuring – Maria Popova

“History is not what happened, but what survives the shipwrecks of judgment and chance.”

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Maria Popova hat mit Brainpickings einen meiner liebsten Blogs geschaffen, dem ich seit vielen Jahren folge und dem ich unglaublich viele Lektüretipps, Ideen und spannende Einsichten verdanke. Sie schafft es schon seit Jahren von einem Blog leben zu können, der sich mit Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Feminismus, Poesie, Astronomie und vielem anderen beschäftigt.

Das Buch beginnt mit Johannes Kepler und mit dem Einfluß, den er mit seiner Persönlichkeit und seinem beruflichen Leben auf eine ganze Litanei an Menschen in der Astronomie und der Kunst seither genommen hat. Alles ist miteinander verbunden. Gedanken und Ideen durchdringen Raum und Zeit, landen irgendwo, inspirieren und die Kombination ganz unterschiedlicher Ideen führt immer wieder zu neuen und weiteren Entdeckungen.

“Lives interweave with other lives, and out of the tapestry arise hints at answers to questions that raze to the bone of life: What are the building blocks of character, of contentment, of lasting achievement? How does a person come into self-possession and sovereignty of mind against the tide of convention and unreasoning collectivism? Does genius suffice for happiness, does distinction, does love?”

„Figuring“ ist ein multidisziplinärer Begriff. Er steht für die Verbindung von unterschiedlichen wissenschaftlichen Domänen, den Künsten und menschliches Erkenntnisvermögen. Es gibt sogar ein Institute for Figuring in den USA, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen mit der ästhetischen und poetischen Dimension von Naturwissenschaft und Mathematik in Verbindung zu bringen. Und Kepler ist eine der großen Inspirationen für dieses Vorgehen, da er einer der führenden „Figurer“ in der Geschichte war.

“In science as in romance, the unknown is disrobed sheath by sheath as fervid fantasies imagine the possibilities conquerable by knowledge—fantasies that far outstrip the reality eventually revealed as knowledge progresses.” 

Für Popova ist Kepler sowas wie der Ur-Vater in ihrem Buch. Ein Mann, dessen facettenreiches Leben eine Verflechtung aus Naturwissenschaft, Ästhetik und Theologie war. Von ihm aus leitet sie uns an eine ganze Reihe historischer Charaktäre weiter, die ebenfalls disziplinübergreifend tätig waren, die Grenzen überschritten haben auf der Suche nach Warheit, Schönheit und der Suche nach dem wahren und richtigen Leben.

Für dieses disziplinübergreifende Sein könnte man sich keinen besseren Paten vorstellen als Kepler. Er schrieb eine Abhandlung über Schneeflocken, verfasste eine Stereometrie der Weinfässer, berechnete die Umlaufbahn von Planeten und gab 5 Bücher zur Harmonik der Welt heraus. Seine berühmteste Entdeckung war, dass die Planeten in Elipsen um die Sonne wandern, wobei er mal eben ein 2000 Jahre altes astronomisches Dogma über den Haufen warf und damit den Weg für Newtons Law of Gravity ebnete.

Auch wenn Kepler auch nicht annähernd so berühmt ist wie Newton oder Kopernikus, so ist er doch auf Augenhöhe mit ihnen und er ist einfach eine sehr spannende Persönlichkeit, insbesondere durch seine Mischung aus mathematischer Strenge und ästhetischer Verspieltheit. Er verteidigte seine Mutter, die von der Kirche der Hexerei angeklagt wurde und die er nach langem und qualvollem Prozess am Ende zum Freispruch verhilft. Kepler erkennt auch, dass seine Mutter als Frau nie die Möglichkeit hatte, selbst eine Gelehrte zu werden, sondern ihnen hilflos ausgeliefert war. Das veranlasste Kepler zu einer sehr modernen Erkenntnis:

“The difference between the fates of the sexes, Kepler suggests, is not in the heavens but in the earthly construction of gender.”

Nach dem Einstieg mit Kepler fokussiert sich Popova weitestgehend auf weibliche Geschichten und man begegnet hier ein paar sehr interessanten Frauen – alle unerschrockene Denkerinnen – die immense Hindernisse überwinden mussten um astronomische Entdeckungen machen zu können, zu schreiben, zu malen oder die Umweltbewegung zu gründen.

Besonders spannend fand ich die Astronominnen Maria Mitchell und Caroline Herschel, die Mathematikerin Mary Somerville, die Autorin/Kritikerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin/Umweltaktivistin Rachel Carson. Frauen, die allesamt die Verkörperung von Francois Poullain de la Barres Aussage sind „the mind has no sex.“

„Figuring“ ist ein komplex geknüpftes Netz, in dem die Leben dieser Frauen und einem guten Dutzend weiterer wissenschaftlicher und literarischer Figuren über Jahrhunderte und Kontinente hinweg miteinander verbunden sind. Verbunden durch unerwartete Verkettungen  wie gemeinsame Freunde, „Serendipity“ (das wunderbare Wort kann man einfach nicht wirklich übersetzen finde ich), durch Zusammenkünfte, Briefe, Freund- und Liebschaften. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass Popovas Hirn durch die immensen Berge an Literatur, die sie liest, mit speziellen Filtern ausgestattet ist, das solche Verbindungen aufspürt:

“The world is bound by secret knots.” (Athanasius Kircher)

Aber vor allen Dingen gelingt es Popova, diese Menschen greifbar zu machen, man lebt, leidet, liebt mit ihnen und sie alle Leben changierend zwischen Zufall und Entscheidung.

“Those who stand to gain from the manipulation of truth often prey on those bereft of critical thinking.” 

Gelegentlich bin ich in den Verlinkungen und Verbindungen etwas verloren gegangen, dann hatte ich manchmal das Gefühl beim Lesen Brotkrumen legen zu müssen, damit ich mich von den verwobenen Abschweifungen wieder zum Hauptteil des Kapitels zurückfinde.

Aber es kann ab und an ja auch ganz schön sein sich zu verirren. Man macht überraschende Entdeckungen und am Ende findet man meist wieder zurück. In „Figuring“ treffen wir auf brilliante Menschen mit spannenden Gehirnen – die meisten davon gehören Frauen und die überwiegende Anzahl der Figuren im Buch ist queer und sie alle bestehen darauf, das Leben bis zum Letzten auszukosten und sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen.

Einen der schönsten Sätze sagt die Astronomin Maria Mitchell zu ihren Studenten:

“Mingle the starlight with your lives.“

Kepler hätte dem sicherlich zugestimmt.

Große Empfehlung und eine großartige Schatzkiste insbesondere für meine #WomeninScience Reihe

#Women in Science (3) Mary Anning

Heute darf ich mit Marion vom Literatur-Blog „Schiefgelesen“ eine wunderbare Wiederholungstäterin begrüßen, die schon tatkräftig bei den #Women in SciFi mitgeholfen hat. Auf ihrem Blog finde ich immer wieder spannende Literatur auch insbesondere von Autorinnen und außerdem glaube ich, sie ist ein fast genauso heftig infiziertes Dino-Fangirl wie ich. Aber jetzt auf nach Lyme Regis, wo sie uns mit Mary Anning bekannt macht:

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Foto: Wikipedia

Mary Anning – Jägerin der verborgenen Schätze

An der heute bekannten Jurassic Coast in Dorset lebte von 1799 ‑1847 Mary Anning, die erste professionelle Fossiliensammlerin Englands und vermutlich sogar der Welt. Sie wurde in Lyme Regis geboren und verbrachte dort ihr ganzes Leben. Dieser Abschnitt der englischen Küste ist aufgrund seiner geologischen Beschaffenheit ein idealer Ort um Fossilien zu finden, da sie in den dortigen Gesteinsformationen besonders gut konserviert wurden.

Zunächst sammelte Mary Anning die Fossilien aber nicht aus Freude an ihrer Seltenheit oder Schönheit. Ihr Vater war Tischler in dem kleinen Ort und sammelte, wenn die Auftragslage mal wieder schlecht war, Fossilien am Strand, um sie als Kuriositäten an Touristen zu verkaufen. Mary war von Kindesbeinen an dabei und bewies schnell ein außergewöhnliches Talent für die Suche und erkannte mit sicherem Blick, in welchen Steinen sich fossile Funde verbargen. Als Mary elf Jahre alt war, starb ihr Vater und der Fossilen-Verkauf wurde zur einzigen Einnahmequelle der Familie. Von da an war Mary Anning bei Wind und Wetter am Strand zu finden, wo sie mit Sammelkorb und Hammer auf der Suche war. Auch dass sie mehrfach fast von Steinschlägen erwischt wurde, hielt sie nicht davon ab, wieder und wieder auf die Suche zu gehen. Und der Erfolg gab ihr Recht. Sie sammelte außergewöhnlich schöne und gut erhaltene Fossilien, von deren Verkauf sich die Familie zumindest leidlich über Wasser halten konnte. Der große Durchbruch für sie kam aber, als sie am Strand das Fossil eines altertümlichen Krokodils entdeckte – zumindest wurde es zunächst dafür gehalten. Es bedurfte mehrerer Jahre erhitzter wissenschaftlicher Debatten, bis man einsah, dass das Krokodil eine völlig neue Spezies war. Mary Anning hatte den ersten Ichtyosaurus gefunden. Die Debatte bot einigen Zündstoff, denn zu Annings Lebzeiten ging man noch davon aus, dass die Erde und alles Leben auf ihr an sieben Tagen nach einem perfekten Plan geschaffen wurde. Eine ausgestorbene Spezies hatte in diesem Weltbild keinen Platz.

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Umso größer war die Aufregung um Marys Funde, erst Recht, nachdem sie auch andere unbekannte Skelette in den Klippen fand. Über die Jahre entwickelte sie ein gut funktionierendes Unternehmen. Zusammen mit ihrer Mutter betrieb sie einen Laden im Ort und engagierte immer wieder Arbeiter, die ihr halfen, die riesigen Fossilien unbeschadet aus den Klippen zu brechen. Außerdem führte sie auswärtige Besucher an den Strand und zeigte ihnen gute Fundorte. Für eine unverheiratete Frau ihrer Herkunft war das eine stolze und ungewöhnliche Leistung, brachte ihr aber keine gesellschaftliche Anerkennung ein. Eher im Gegenteil. Das ungebührliche Verhalten der Annings fand im Ort wenig Beifall. Auch der Zugang zur wissenschaftlichen Untersuchung ihrer Funde blieb ihr aber verwehrt. Sie konnte zuverlässig Arten beschreiben, vergleichen und unterscheiden, zuverlässiger als manche Männer, die über die Skelette schrieben. Aber sie war eben nur eine Dienstleisterin. Mary Anning lieferte die gereinigten Skelette ab, bekam den verhandelten Preis und verschwand dann von der Bildfläche. In den Museen, in denen ihre Funde ausgestellt wurden, war ihr Name völlig unbekannt. Erst in den letzten Jahren ändert sich das an vielen Stellen. Zu ihren Lebzeiten war Anning aber oft verbittert, weil sie selbst erkennen musste, dass es für sie in der starren Gesellschaft in der sie lebte, keine Aufstiegsmöglichkeiten gab, obwohl sie Wissen und Talent genug besaß.

Immerhin wurde sie in der Geological Society aber so sehr geschätzt, dass man eine Sammlung für sie veranstaltete, als sie jung an Brustkrebs erkrankte und nicht mehr arbeiten konnte. Als sie verstarb, wurde sie gegen jedes Protokoll im Jahresrückblick der Gesellschaft erwähnt. Danach allerdings geriet sie für lange Zeit fast völlig in Vergessenheit. Heute sind unterschiedliche Fossilien nach ihr benannt und ihr Heimatort ehrt sie mit einer Straße und einem Museum. Auch wenn Mary Anning nie als anerkannte Wissenschaftlerin tätig werden durfte, hat sie für die Paläontologie viel geleistet. 2010 ehrte die Royal Society sie als eine der zehn einflussreichsten Frauen in der Wissenschaft Großbritanniens.

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Wer mehr über diese Frau lesen möchte, findet diverse Biographien, die in den letzten Jahren erschienen sind, darunter Jurassic Mary: Mary Anning and the Primeval Monsters von Patricia Pierce, auf dem dieser Text und mein ganzes Wissen über Anning basiert. Soweit ich weiß, ist bisher leider keine Biographie ins Deutsche übersetzt worden. Aber nicht weniger interessant ist der Roman Remarkable Creatures (dt.: Zwei bemerkenswerte Frauen) von Tracy Chevalier. Sie schreibt über Anning und ihre Freundin und Mit-Sammlerin Elizabeth Philpot, die zur gleichen Zeit in Lyme Regis lebte, wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen. Besonders die gesellschaftliche Brisanz von Mary Annings Verhalten und ihrer Funde wird im Roman sehr deutlich und lebendig. Dabei bleibt Chevalier so eng an den historischen Fakten, dass das Fehlen einer deutschen Biographie kein sehr großer Verlust mehr ist.

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Foto: Wikipedia

Wer jetzt Lust auf mehr Dinosaurier und Paläontologie bekommen hat, bitte hier entlang zur entsprechenden Hirngymnastik.

Bis zum nächsten Mittwoch, da wird es bei #Women in Science um eine brilliante Mathematikerin gehen.

#Women in Science (1b) Marie Curie – Little People, Big Dreams

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Bevor es am Mittwoch mit der zweiten Folge von #Women in Science weitergeht, möchte ich hier noch einen ganz wunderbaren Nachschlag zum Beitrag über Marie Curie. Dieses bezaubernde Bilderbuch ist die perfekte Lektüre für kleine und große Forscherinnen.

Little People, BIG DREAMS ist eine Buchserie die jetzt auf deutsch im Suhrkamp/Insel Verlag erchseint und die das Leben von außergewöhnlichen Menschen beleuchtet. Little People, Big Dreams erzählt von den beeindruckenden Lebensgeschichten großer Persönlichkeiten: Jede dieser Frauen, ob Künstlerin, Pilotin oder Wissenschaftlerin, hat Unvorstellbares erreicht. Dabei begann alles, als sie noch klein waren: mit großen Träumen. Rebellische Frauen, die mit ihren Kindheitsträumen die Welt veränderten.

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Die Forscherin Marie Curie schuf mit ihrer Liebe zum Wissen Unglaubliches: Sie revolutionierte den Kampf gegen Krebs, indem sie die chemischen Elemente Radium und Polonium entdeckte, und gewann den Nobelpreis – zwei Mal!

Die Autorin Isabel Sánchez Vegara wurde in Barcelona geboren und arbeitet seit über 15 Jahren als Creative Director für führende Werbeagenturen. Mit ihrer vielgerühmten Kinderbuchreihe Little People, Big Dreams begeistert sie kleine und große Leser auf der ganzen Welt.

Übersetzt wurde der Band von Svenja Becker.

Die ausführliche Lebensgeschichte von Marie Curie findet ihr hier.

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Foto: Frances Lincoln Children's Books

Als weiteren wunderbar passenden Nachschlag zum Marie Curie Beitrag hier, dem ersten in der #Women in Science Reihe habe ich Adrienne Richs Gedicht „Power“ gefunden. Gelesen von Cheryl Strayed:

POWER

Living in the earth-deposits of our history

Today a backhoe divulged out of a crumbling flank of earth
one bottle amber perfect a hundred-year-old
cure for fever or melancholy a tonic
for living on this earth in the winters of this climate

Today I was reading about Marie Curie:
she must have known she suffered from radiation sickness
her body bombarded for years by the element
she had purified
It seems she denied to the end
the source of the cataracts on her eyes
the cracked and suppurating skin of her finger-ends
till she could no longer hold a test-tube or a pencil

She died a famous woman denying
her wounds
denying
her wounds came from the same source as her power

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Suhrkamp/Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

Virginia, Patti & Sylvia

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Drei wunderbare Bücher, die ich nacheinander gelesen habe und die durch Patti Smith miteinander verbunden zu sein scheinen. Als ich Virginia Woolfs „The Waves“ las, las Patti Smith während ihres Konzerts an Woolfs Geburtstag Auszüge daraus und in Smith‘ „Just Kids“ erzählt Patti von ihrer großen Liebe zu Sylvia Plath. Es wäre sicherlich ein faszinierendes Treffen, hätten die drei die Möglichkeit gehabt, einander zu treffen.

Ich war selten dreimal hintereinander so derart geflasht von Büchern wie bei diesen dreien. Mein neues Notizbuch war nach der Lektüre dieser Bücher umgehend fast voll, so derart viel habe ich aus den Büchern herausgeschrieben. Immer dann fallen mir Rezensionen ganz besonders schwer, ich will soviel aus und über die Bücher erzählen und alles verknotet sich dann im Kopf und raus kommt nur – boah so unglaublich gut…

Das würde den Büchern natürlich überhaupt nicht Genüge tun, ich strenge mich jetzt an – Fokus! Fokus! Fokus!

Virginia Woolf „The Waves“

“When I cannot see words curling like rings of smoke round me I am in darkness—I am nothing.”

„The Waves“ spielt an der Küste Englands vor dem Hintergrund des ungebändigten Meeres. Die Hauptdarsteller sind drei Männer und drei Frauen, die wir episodenhaft von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter begleiten, wo sie den Tod ihres gemeinsamen Freundes Percival betrauern. Virginia Woolf zeichnet ihre Charaktere von innen heraus, wo wir sie durch ihre Gedanken und inneren Monologe kennenlernen. Es gibt wenig äußere Handlung und es dauert eine Weile, bis man in das Buch hineingefunden hat. Die Wellen geben den Rhythmus vor – ein Buch, das sich stellenweise wie ein wunderschönes episches Gedicht liest.

Während die Freunde versuchen, mit dem Schicksalsschlag zurecht zu kommen, wächst der Chor ihrer inneren Stimmen zusammen in bezaubernder Harmonie. Sie reflektieren nicht nur über den unausweichlichen Tod jedes einzelnen, sondern über die immerwährende Verbindung jedes Einzelnen miteinander.

“I am made and remade continually. Different people draw different words from me.” 

„The Waves“ ist der Roman, der Virginia Woolfes Literaturtheorien am Deutlichsten zeigt. Es ist ein unglaubliches Buch, das seiner Zeit deutlich voraus ist. Es ist eine poetisch-melancholische Traumlandschaft, sehr visuell, experimentell und für mich unglaublich spannend.

We are cut, we are fallen. We are become part of that unfeeling universe that sleeps when we are at our quickest and burns red when we lie asleep.” 

Ich habe 7 DIN A4 Seiten herausgeschrieben, ich glaube das zeigt, wie viel mir dieses Buch bedeutet. An Virginia Woolfes Geburtstag las Patti Smith in London während eines Konzerts eine Passage aus „The Waves“:

“And I will now rock the brown basin from side to side so that my ships may ride the waves. Some will founder. Some will dash themselves against the cliffs. One sails alone. That is my ship. It sails into icy caverns where the sea-bear barks and stalactites swing green chains.”

Wer  jetzt hier noch mehr von und über Virginia lesen möchte, dem empfehle ich die Beiträge über Mrs DallowayJacob’s Room, A Room of one’s own oder Vita Sackville-Wests bezauberndes „Geliebtes Wesen. Briefe an Virginia

Sylvia Plath „Zungen aus Stein“

Sylvia Plaths autobiografische Geschichten sind faszinierend und beklemmend zugleich. Sie lassen den Leser immer wieder unvermutet aus dem Sonnenschein in das tiefe Dunkel ihrer Ängste Traumata abgleiten. Die sechzehn Erzählungen sind gleichzeitig der Lebenslauf der Dichterin Sylvia Plath und ich möchte sie all denen in die Hand drücken, die Sylvia Plath „nur“ als großartige Dichterin sehen.

Diese Erzählungen zeigen ihr einzigartiges unglaubliches Talent. Die Geschichten sind leidenschaftlich, bitter, spannungsgeladen und voller Leben. Ihr Stil ist so einzigartig und unverkennbar mit Charakteren, die einem noch lange nachgehen.

Entstanden sind die Geschichten zwischen 1949 und 1962. Sie beschreiben früheste Kindheitserinnerungen an den Vater (Unter den Hummeln), das Aufwachsen im Amerika der vierziger Jahre (Der grüne Felsen, Der Schatten, Superman und Paula Browns neuer Schneeanzug), den ersten Flirt (Ein Tag im Juni) aber auch die traumatischen Erlebnisse in einer Nervenheilanstalt (Zungen aus Stein).

Egal ob die Heldinnen der Geschichten Ellen, Dody, Millicent, Susan, Alice oder Isobel heißen, es ist immer Sylvia Plath, die ihr Leben mit überschäumender Lebenslust oder bissiger Melancholie erzählt. Das strahlende Collegegirl, die liebevolle, ewig schuldbewusste Tochter, die zärtliche Mutter und Ehefrau, das sind die Bilder, die diese „beunruhigende Poetin“ vorschob, um sie in ihren Erzählungen mit einem bitteren Rahmen zu versehen.

“So many people are shut up tight inside themselves like boxes, yet they would open up, unfolding quite wonderfully, if only you were interested in them.“

Ihr ganzes schriftstellerisches Können kommt in diesen Geschichten zum Vorschein. Die Sprache, die Traumbilder, ihre Verbindung zu allem was wirklich echt ist und die darunterliegenden Wahrheiten.

“I sometimes think my vision of the sea is the clearest thing I own. I pick it up, exile that I am, like the purple ‘lucky stones’ I used to collect with a white ring all the way round, or the shell of a blue mussel with its rainbowy angel’s fingernail interior; and in one wash of memory the colors deepen and gleam, the early world draws breath.” 

Die Geschichte „Zungen aus Stein“ hat mich am meisten beeindruckt, habe aber jede einzelne Geschichte sehr gerne gelesen was nicht selbstverständlich ist, denn mit Kurzgeschichten tue ich mich des Öfteren schwer.

Die Geschichten wurden von Julia Bachstein und Susanne Levin übersetzt und das Buch erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt.

“I saw the gooseflesh on my skin. I did not know what made it. I was not cold. Had a ghost passed over? No, it was the poetry. A spark flew off Arnold and shook me, like a chill. I wanted to cry; I felt very odd. I had fallen into a new way of being happy.” 

Wer jetzt Interesse an Plaths Gedichten bekommen hat, dem empfehle ich den Artikel über ihren Gedichtband „Übers Wasser“ oder ihren Roman „The Bell Jar„.

Patti Smith „Just Kids“

“No one expected me. Everything awaited me.”

Es war der Sommer in dem Coltrane gestorben ist, der Sommer der Liebe und der Aufstände und der Sommer, in dem eine zufällige Begegnung in Brooklyn zwei Leute auf einen lebenslangen gemeinsamen Pfad von Kunst, Inspiration, Freundschaft und Liebe brachte. Patti Smith wurde zu einer Poetin und Sängerin und Robert Mapplethrope einer der spannendsten und provokativsten Fotografen.

Verbunden durch Enthusiasmus, Unschuld und der unstillbaren Gier, sich künstlerisch auszudrücken, durchkreuzen sie New York von Coney Island zur 42nd Street, in die Hinterzimmer, in denen Andy Warhol Hof hielt, bis sie schließlich 1969 im Hotel Chelsea aufschlagen. Dort lernen sie eine Gruppe von berühmten und teilweise berüchtigten Künstlern kennen, sowohl die des Mainstreams als auch die, die eher an den Rändern des Erfolges entlang lebten.

“Where does it all lead? What will become of us? These were our young questions, and young answers were revealed. It leads to each other. We become ourselves.” 

Es war eine Zeit angespannter Aufmerksamkeit, als die Welt der Poesie, des Rock’n’Rolls, Kunst und Sexualität förmlich in den Straßen explodierten. In diesem Milieu schlossen diese beiden jungen Leute den Pakt, ein Leben lang für einander da zu sein. Romantisch, stets abgebrannt und voller Tatendrang ihre jeweiligen Träume auszuleben und umzusetzen.

“Everything distracted me, but most of all myself.” 

Just Kids beginnt als Liebesgeschichte und endet in einem Klagelied. Das Buch ist ein Liebesbrief an das New York der späten 1960er und 1970er Jahre, an seine Reichen und Armen, seine Stricher und Teufelsbraten. Eine wahre Geschichte, die meine Leseliste explodieren ließ und die man nicht lesen kann, ohne umgehend eine Playlist für das Buch zu erstellen.

“What will happen to us?“ I asked. „There will always be us,“ he answered.” 

Patti Smith ist Autorin, Sängerin und bildende Künstlerin. Sie wurde in den 1970er Jahren berühmt für ihre revolutionäre Mischung aus Poesie und Rock. Ihr bahnbrechendes Album „Horses“ mit Robert Mapplethorpes berühmten Foto als Cover wurde als eines der TOP 100 Alben aller Zeiten gefeiert.

Hier die Playlist zum Buch: