Happy Pride

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Nur weil die Pride-Veranstaltungen im echten Leben abgesagt wurden, heißt das nicht, dass wir nicht hier auf dem Blog ein bisschen feiern und die Community unterstützen können.

Ich stelle euch hier meine 10 liebsten LGBTQ Romane bzw Biografien vor und würde mich riesig freuen, wenn ich euch nicht nur Lust auf die vorgestellten Bücher machen würdet, sondern ihr vielleicht für die Organisation „Queer Refugees Deutschland“ spenden würdet, ein Projekt das queere Geflüchtete in Deutschland unterstützt.

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Patricia Highsmiths dramatische Liebesgeschichte ist vielleicht einer der wichtigsten, Meilensteine in der queeren Literatur. Erstmals 1952 veröffentlicht und als „Roman einer Liebe, die die Gesellschaft verbietet“ angepriesen, wurde das Buch bald zu einem absoluten Kultklassiker.

Die Verfilmung aus dem Jahr 2016 mit Cate Blanchett und Roonie Mara machte das Buch dann auch dem Mainstream zugänglich.

Hier die ausführliche Rezension, die ich damals auf Birgits Blog „Sätze und Schätze“ in der Rubrik „Verschämte Lektüren“ veröffentlichte.

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Virginia Woolfs Orlando „Der längste und charmanteste Liebesbrief der Literatur“ konstruiert auf spielerische Weise die Figur des Orlando als fiktive Verkörperung von Woolfs enger Freundin und Geliebten, Vita Sackville-West. Der Roman, der sich über drei Jahrhunderte erstreckt, beginnt damit, dass Orlando, ein junger Adliger im Elisabethianischen England, auf den Besuch der Königin wartet und seine Erfahrungen aufzeichnet.

In der Mitte des Romans erwacht Orlando, jetzt Botschafter in Konstantinopel, und stellt fest, dass er jetzt eine Frau ist. Der Roman schwelgt in Farce und Ironie, und beschäftigt sich mit der Rolle der Frau im 18. und 19. Jahrhundert. Der Roman endet im Jahr 1928, wo Orlando jetzt Ehefrau und Mutter, an der Schwelle zu einer Zukunft steht, die neue Hoffnungen und Möglichkeiten für Frauen birgt.

Hier die ausführliche Rezension dazu.

Giovannis Room

Baldwins eindringlicher und umstrittener zweiter Roman ist ein Klassiker der schwulen Literatur. Im Paris der 1950er Jahre, das von Expatriates wimmelt und durch gefährliche Liaisons und versteckte Gewalt gekennzeichnet ist, kann ein Amerikaner seine Homosexualität nicht länger unterdrücken, obwohl er fest entschlossen ist, ein konventionelles Leben zu führen. Obwohl er eine junge Frau kennengelernt und ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, gerät er in eine leidenschaftliche Affäre mit einem italienischen Barkeeper…

Hier die ausführliche Rezension.

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Lesbian Dickens – ein viktorianisches Murder-Mystery inklsuiver lesbischer Romanze – was will man mehr? 😉

London 1862. Sue Trinder, bei der Geburt verwaist, wächst unter Taschendieben und unter der rauen, aber liebevollen Fürsorge von Mrs. Sucksby und ihrer „Familie“ auf. Doch vom ersten Moment an, ist Sues Schicksal mit dem eines weiteren Waisenkindes verbunden, das in einer düsteren Villa nicht allzu weit entfernt aufwächst….

Bei der Lektüre fühlt man sich gelegentlich wie Alice, die in das Kaninchenloch fällt. Diese Geschichte hat mehr Drehungen und Wendungen als eine handelsübliche Schraube und ich konnte das Buch überhaupt nicht aus der Hand legen und habe die ganze Nacht durchgelesen bis es fertig war.

Hier die ausführliche Rezension.

fun home

Alison Bechdel schildert in der Graphic Memoir ihre schwierige Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater.

Bruce Bechdel war ein distanzierter und anspruchsvoller Englischlehrer und Direktor des städtischen Bestattungsinstituts, das Alison und ihre Familie als „Fun Home“ bezeichneten. Erst am College entdeckte Alison, die sich kürzlich als Lesbe geoutet hatte, dass ihr Vater ebenfalls schwul war. Wenige Wochen nach dieser Enthüllung war er tot und hinterließ seiner Tochter ein mysteriöses Vermächtnis, das es zu lösen gilt.

Hier die ausführliche Rezension.

Winterson

Warum glücklich sein, wenn man normal sein könnte? ist die hartnäckige Suche der Protagonistin nach Zugehörigkeit, nach Liebe, Identität, Heimat und einer Mutter.

Why Be Happy When You Could Be Normal? (Warum glücklich sein, wenn man normal sein könnte) ist eine Biografie über die Lebensaufgabe der Protagonistin ihr Glück zu finden. Das Buch erzählt davon wie sie aus ihrem Haus ausgesperrt wurde und die ganze Nacht auf der Türschwelle saß; es erzählt von einer Frau, die mehr religiöse Fundamentalistin als Mutter ist, mit falschen Zähnen und einem Revolver in der Kommode auf den Weltuntergang wartet und davon wie die schmerzliche Vergangenheit, von der Jeanette dachte, sie hätte sie längst überschrieben und verarbeitet immer wieder aufsteigt…

Hier geht es zur ausführlichen Rezension.

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Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Cafe ist ein Roman über zwei Frauen: Evelyn, eine etwas unglückliche Frau in den Wechseljahren, und die grauhaarige Frau Threadgoode, die ihre Lebensgeschichte erzählt. Zu ihrer Lebensgeschichte gehören zwei weitere Frauen – der draufgängerische Wildfang Idgie und ihre Freundin Ruth -, die gemeinsam in den 1930 Jahren ein kleines Lokal in Whistle Stop, Alabama hatten in dem es neben gutem Kaffee, Barbecue und Whisky auch jede Menge Liebe und Leidenschaft gab – und sogar gelegentlichen einen Mord.

Ein Buch das man nicht lesen kann ohne gleich danach die wunderbare Verfilmung aus dem Jahr 1991 anzuschauen und Lust auf gegrillte grüne Tomaten zu bekommen.

Hier geht es zur ursprünglichen Besprechung.

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Maggie & Me ist eine Biografie über das Überleben in im Arbeiterviertel einer schottischen Kleinstadt während der Thatcher-Jahre.

12. Oktober 1984. Eine IRA-Bombe sprengt das Grand Hotel in Brighton in die Luft. Wie durch ein Wunder überlebt Maggie Thatcher. In einer schottischen Kleinstadt sieht der achtjährige Damian Barr mit Schrecken zu, wie seine Mutter ihren Ehering abreißt und ihre Koffer packt. Er weiß, dass auch er überleben muss.

Damian, seine Schwester und seine Mutter ziehen mit ihrem gewalttätigen neuen Freund zusammen, während sein Vater mit der glamourösen Mary (the Canary) zusammenlebt. Je mehr Maggie Thatcher Fuß fasst, desto dramatischer wird das Leben für Damian: Maggie schafft die Schulmilch ab, zerschlägt die Gewerkschaften und sorgt dafür, dass Habgier als gute Eigenschaft gilt. Dem Rat von Maggie folgend, arbeitet Damian hart und plant seine Flucht aus Armut und Enge. Er entdeckt, dass Geschichten Leben retten können und schafft es  Gewalt, Streiks, Aids und Homophobie zum Trotz – sich in Glasgows einzigem Schwulenclub zu verlieben…

Hier geht es zur ausführlichen Rezension.

Ein berauschender Roman über die alles verzehrende Liebesaffäre zwischen zwei Frauen in Paris…

Eine Lehrerin um die dreißig treibt durch ihr Leben in Paris, zieht eine Tochter allein auf und ist trotz ihres neuen Freundes einsam. Eines Abends, auf der der Silvesterparty eines Freundes, tritt Sarah – einem Tornado gleich ihr Leben. Die begabte junge Geigerin ist voller Energie – es ist der Beginn einer intensiven Beziehung, die das Leben beider Frauen komplett auf den Kopf stellt.

Hier geht es zur ausfühlen Rezension.

Nachtgewächs: Roman (suhrkamp taschenbuch): Amazon.de: Barnes ...

Djuna Barnes‘ seltsame Tour de Force, gehört laut dem TLS zu jener kleinen Klasse von Büchern, die irgendwie eine Zeit oder eine Epoche widerspiegeln“ Diese Zeit ist die zwischen den beiden Weltkriegen, und Barnes‘ Roman entfaltet sich im dekadenten Schatten der großen Städte Europas: Paris, Berlin und Wien.

Sie erzählt von einer Welt, in der die Grenzen von Klasse, Religion und Sexualität überraschend durchlässig sind. Nightwood ist der Klang von zerbrechenden Herzen, von fünf Menschen, die sich gegenseitig aussaugen und das Leben zur Hölle machen. Das Buch selbst macht es dem Leser schwer, es weigert sich förmlich seine Geheimnisse preiszugeben.

Man muss es sehr sehr langsam lesen, wird dann aber tatsächlich mit einer psychologischen Tiefe belohnt die verblüfft und es knistert noch immer mit derselben elektrischen Ladung, die es bei seiner ersten Veröffentlichung 1936 hatte.

Ein schwieriges, fiebriges, dunkles Juwel soll diese Reihe abschließen. Hier geht es zur Besprechung der Biografie von Djuna Barnes, für alle die sich noch ein bisschen mehr mit dieser spannenden Schriftstellerin beschäftigen möchten.

Ich hoffe es war etwas für euch dabei und ihr hattet Spaß an dieser Blog Pride. Vergesst bitte die Queer Refugees nicht – Happy Pride allerseits 🙂

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Habt Ihr Empfehlungen für mich – möchte gerne mein Lesespektrum erweitern. Welche LGBTQ Bücher haben euch besonders gefallen?

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Today I would like to enthuse you for one of my favorite books „Orlando“ – the longest love letter and the history of literature.

It’s difficult to imagine who forward thinking Virginia Woolf was to come up with this gender-society-time-bending story of the young Duke Orlando who is Vita Sackville-Wests alter ego. Orlando tells the high spirited adventures of a poet who changes sex from man to woman and lives for centuries.

„But listen; suppose Orlando turns out to be Vita and it’s all about the lusts of your flesh and the lure of your mind … Shall you mind?“

Vita didn’t mind, she was in fact thrilled and who can blame her? Orlando is a story about the life and development of a human being striving to become liberated from the constructs of gender and social norms of any kind.

If you live in Munich or plan a visit you should find the time to pop into the Literaturhaus where they are currently showing an exhibition with photos inspired by Sally Potter’s movie „Orlando“ and which was curated by Tilda Swinton.

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Virginia Woolf described the writing of this book as taking holidays from being a writer and it is possibly her most lighthearted book.

Check out Vita’s love letters to Virginia in „Geliebtes Wesen„, Virginia Woolf’s famous feminist icon „A room of one’s own“ and the biographies of Vita and Virginia.

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#WomeninSciFi (52) Planet der Frauen – Joanna Russ

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Das ist kein Buch für schwache Gemüter, für das Buch muss man echt ein bisschen arbeiten. Man muss höllisch aufpassen und sehr aufmerksam lesen. Wer hier eine stringente Science Fiction Geschichte erwartet, könnte enttäuscht werden. Es gibt einen Science-Fiction Rahmen, aber die Geschichte an sich ist eher eine Ansammlung ironischer Gedanken von Frauen aus verschiedenen Gesellschaften in unterschiedlichen Welten und zur unterschiedlichen Zeiten.

Daher würde ich das Buch wohl eher als eine teils satirische feministisch-philosophische Sozialstudie bezeichnen. Was es etwas schwierig macht reinzukommen ist, dass alle 4 Protagonistinnen einen Vornamen mit „J“ haben und jede von sich als „Ich“ spricht. Es dauert daher immer ein bisschen, bis man auf dem Schirm hat, wer jetzt gerade aktuell spricht.

Wenn die Protagonistinnen in eine jeweils andere Welt wechseln, verändern ihre jeweiligen Sichten auf die Geschlechterrollen ihre zuvor bestehenden Vorstellungen von der Rolle der Frau. Die Begegnungen beeinflussen sie dahingehend, dass sie ihr eigenes Leben reflektieren und sich Gedanken zu ihrer jeweiligen Rolle als Frau in der Gesellschaft machen.

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Eine der Frauen, Joanna, nennt sich selbst einen weiblichen Mann, weil sie sie glaubt, sie müsse ihre Identität als Frau vergessen, um anerkannt zu werden.

Planet der Frauen besteht aus mehreren unterschiedlichen Welten:

  • Joannas Welt: Joanna lebt in einer Welt, die der unserer Erde um die 1970er Jahre ähnelt.
  • Jeannine’s Welt: sie lebt in einer Welt, in der die amerikanische Weltwirtschaftskrise nie endete. Der 2. Weltkrieg fand nicht statt, da Hitler 1936 ermordet wurde.
  • Janets Welt (Whileaway): Janet lebt in einer Welt, die sich Whileaway nennt, eine utopische Gesellschaft in der fernen Zukunft, in der alle Männer vor 800 Jahren an einer geschlechtsspezifischen Krankheit gestorben sind. Die Frauen leben in lesbischen Beziehungen und begannen, sich durch Parthenogenese fortzupflanzen. Die Gesellschaft ist technologisch weit fortgeschritten, dennoch besteht der größte Teil der Wirtschaft aus Landwirtschaft.
  • Jael’s Welt: ist eine Dystopie, wo Männer und Frauen sich permanent in einem Geschlechterkampf befinden. Obwohl dieser Konflikt schon mehr als 40 Jahre andauert, betreiben beide Gesellschaften Handel miteinander. Frauen tauschen Kinder gegen Ressourcen. Um den Sexualtrieb der Männer befriedigen zu können, werden kleine Junge kosmetischen Operationen unterzogen, so dass sie wie Frauen aussehen.

Joanna Russ schrieb den Roman in den 1970er Jahren und die Protagonisten Joanna lebt in der Welt, die der ihren am ähnlichsten war.

Ich habe mich mit der Struktur des Romans etwas schwer getan und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich drin war. Auch wenn der Roman ziemlich wütend wirkt, gibt es doch auch manche witzige Stelle.

Joanna Russ (1937 – 2011) war eine radikale Feministin, Autorin und Wissenschaftlerin. Sie unterrichtete an verschiedenen amerikanischen Universitäten und erhielt Ende der 1970er Jahre einen Lehrstuhl an der Washington University.

Sie veröffentlichte 6 Romane und über 50 Kurzgeschichten. Sie galt neben James Tiptree Jr als eine der einflussreichsten Science Fiction Autorinnen. 2013 wurde sie in die Science Fiction and Fantasy Hall of Fame aufgenommen.

Definitiv ein sehr interessanter Roman, der zu den Klassikern der feministischen Science Fiction Literatur gehört und bei dem es sich lohnt, dran zu bleiben und sich die Zeit zu nehmen, in die Geschichte hineinzufinden.

Vita Sackville-West

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Die Autorin, Dichterin und Garten-Designerin Vita Sackville-West wurde am Bekannstesten durch ihre Affäre und langjährige Freundschaft mit Virginia Woolf, die ihr wiederum mit dem Roman „Orlando“ ein einmaliges literarisches Denkmal setzte. Die Geschichte von Vitas Ehe mit Harold Nicolson ist eine Mischung aus Faszination und Fassungslosigkeit. In „Porträt einer Ehe“ kombiniert Vitas Sohn Nigel die Memoiren seiner Mutter, die er nach ihrem Tod in ihrem Arbeitszimmer fand, mit seinen eigenen Erinnerungen und dem, was er in zahllosen Briefen über die Ehe seiner Eltern erfuhr. Trotz Vitas zahlreicher Beziehungen und Affären mit verschiedenen Frauen und Haralds gelegentlichen kurzen Affären mit Männern, blieben die beiden bis zu ihrem Tode ein sich liebendes Ehepaar. Zwei Menschen, die häufig missverstanden wurden, aber stets zu faszinieren wußten.

Neben Virginia Woolf und Harold Nicolsen gab es noch eine weitere große Liebe in Vitas Leben: die zu ihrem Geburtsort Knole, einem riesigen Landhaus in Kent aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit über 360 Räumen. Vita hätte Knole von ihrem Vater geerbt, wäre sie ein Mann gewesen, so allerdings ging es an ihren Onkel. Ein Verlust, den sie nie ganz überwinden sollte.

Knole,_Sevenoaks_in_Kent_-_March_2009Knole Country House Foto: Wikipedia

Im Jahr 1918, als Vita 26 Jahre alt war, hatte sie eine Beziehung mit Violet Trefusis, die ihr in einem Brief schrieb:

Give me great glaring vices, and great glaring virtue… be wicked, be brave, be drunk, be reckless, be dissolute, be despotic, be an anarchist, be a suffragette, be anything you like, but for pity’s sake be it to the top of your bent. Live fully, live passionately, live disastrously. Let’s live, you and I, as none have ever lived before.

Vita hatte mit 20 einen symphatischen jungen Mann namens Harald Nicolson geheiratet. Er war Diplomat und Kritiker. Sie wusste schon bei der Heirat, dass sie eigentlich auf Frauen steht, aber sie glaubte, das die beiden Seiten ihrer Persönlichkeit gut nebeneinander her existieren könnten. Was auch ganz gut klappte, bis sie Violet traf. Als Violets Familie von der Affäre der beiden Frauen erfuhr, wurden einige Augenbrauen hochgezogen und Violet solange unter Druck gesetzt, bis sie sich fügte und den unglücklichen Denys Trefusis heiratete. Von da an wurde alles ziemlich kompliziert.

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In einem Brief schreibt Violet an Vita:

He is abhorrent to me with his tears and his servility. I told him I looked upon him merely as my jailor, and that my one ambition was to get away from him.

Worauf Vita im gleichen Jahr über Violets Ehemann schreibt:

I now hate him more than I have ever hated anyone in this life, or am likely to; and there is no injury I would not do to him with the utmost pleasure.

Vita und Violet verlassen ihre Ehemänner und hauen gemeinsam nach Paris ab, wo Vita sich unglaublich frei fühlte und überwiegend in Männerklamotten durch die Gegend läuft:

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I dressed as a boy. It was easy… It must have been successful because no one looked at me curiously or suspiciously – never once, out of the many times I did it. My height, of course, was my great advantage. I looked like a rather untidy young man, a sort of undergraduate of about nineteen. It was marvelous fun, all the more so because there was always the risk of being found out.

Harold Nicolson versuchte, seine Frau zur Rückkehr zu bewegen:
When you fall into Violet’s hands, you become like a jellyfish addicted to cocaine.

In der britischen Oberschicht schienen offene Ehen mehr oder weniger an der Tagesordnung gewesen zu sein. Es wurde lediglich erwartet, dass die jeweiligen Ehepartner ihre Affären diskret behandelten und die Ehe nicht in Gefahr brachten.

Vita und Harold haben diese übliche Offenheit aber wahrscheinlich noch ein bisschen extremer betrieben als die meisten. Als die hitzige Violet-Affäre nach etwa drei Jahren im Sand verlief, erreichten Vita und Harold sowas wie ein zivilisiertes Gleichgewicht. Beide hatten weiterhin gleichgeschlechtliche Affären, aber nie wieder in einer solchen Heftigkeit, dass der Fortbestand ihrer Ehe in Gefahr geriet.

So carefree were they that quite often Harold’s friend and Vita’s would join the same weekend party, and the four of them would refer to the situation quite openly.

Virginia Woolfs Affäre mit Vita findet einige Jahre nach Violet statt. Virginias Unvermögen, Sex zu genießen, war der Grund dafür, dass ihre körperliche Beziehung nicht sehr lange dauerte, Virginias Liebe zu Vita sollte allerdings bis an ihr Lebensende halten. Vita scheint sich sehr positiv auf Virginias Schreiben ausgewirkt zu haben, denn sie schrieb einige ihre besten Bücher während dieser Zeit. Auch Virginia war verheiratet, doch weder ihr Mann Leonard, noch Harold hatten ein Problem mit der Beziehung der beiden. Vitas Sohn Nigel nannte Virginia Woolfs Roman „Orlando“, den sie Vita gewidmet hatte, den längsten und bezaubernsten Liebesbrief in der Literatur.

Überhaupt war fast jeder im Dunstkreis von Vita und Harold (und natürlich auch die beiden selbst) wahre Buchproduktionsmaschinen:

Vita schrieb 17 Romane, 12 Gedichtbände, Tagebücher und natürlich jede Menge Briefe, Artikel etc.

Virginia Woolf schrieb 9 Romane, unzählige Essays, Kurzgeschichten, Tagebücher, Briefe und Artikel.

Violet schrieb 7 Romane und eine Autobiografie.

Harold brachte es gar auf 40 Bücher überwiegend zum Thema Geschichte und Biografien, daneben noch Tagebücher und Briefe.

Wenn man noch die ganzen Bücher dazu zählt, die über die jeweiligen Protagonisten geschrieben hat, würde man locker eine ganze Bibliothek mit ihren Werken füllen können.

Wer sich für das Leben einer der aufregendsten Frauen des 20. Jahrhunderts interessiert, dem kann ich sowohl Nigel Nicolsons „Porträt einer Ehe“ als auch Matthew Dennisons „Behind the Mask“ nur ans Herz legen.

Im Literaturhaus in München gibt es seit dem 8. November eine Ausstellung zu „Orlando„, eine von Tilda Swinton kuratierte Fotosammlung, auf die ich mich schon sehr freue und die ich zum Anlass genommen habe, mal wieder „Orlando“ zu lesen. Hier wird es also in nächster Zeit noch mehr von Virginia & Vita zu lesen geben.

Bei Interesse verweise ich noch auf den Briefwechsel zwischen Virginia Woolf (Link zu ihrer Biografie hier) und Vita Sackville-West, den ich hier besprochen habe.

Es ist Sarah – Pauline Delabroy-Allard

„Es ist Sarah“ ist ein Bestseller aus Frankreich, geschrieben von der gerade knapp über 30-jährigen Pauline Delabroy-Allard, es ist ihr Debüt und sie kam mit dem Roman immerhin in die zweite Runde des Prix Goncourt.

An einem Silvesterabend verliebt sich die Erzählerin dieses Romans Hals über Kopf in die aufregende Sarah. Die namenlos bleibende Erzählerin ist komplett fasziniert von dieser vor Leben sprühenden Frau, die ihr ruhiges Leben als Lehrerin mit kleinem Kind und Lebensgefährten total aus den Fugen wirft.

Sie liebt es, mir Romane vorzulesen, sie imitiert die verschiedenen Figuren mit verschiedenen Stimmen, fuchtelt bei den Dialogen mit den Händen.“

Die in Paris spielende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen hat mir richtig gut gefallen. Ich bin kein großer Liebesroman-Fan, aber hier ist die Sprache so schön, die Erzählweise interessant. „Es ist Sarah“ legt ein unglaubliches Tempo an dem Tag. Mit Sarah ist es einem keine Minute langweilig und so ganz kann man es der Protoganistin nicht verdenken, dass ihr gelegentlich die Puste ausgeht mit dieser 1000 Volt-Frau.

Warum die beiden nach der anfänglich heftigen Verliebtheit nicht einfach glücklich und zufrieden zusammen in Paris leben können, habe ich nicht ganz verstanden. Aber vermutlich wäre die Hälfte aller Filme nicht gedreht, die meisten Bücher nicht geschrieben, wenn die Menschen alle einfach rational und wenig dramatisch wären 😉

Nicht bei ihr zu sein wird sinnlos nach der ersten Nacht.“

Insbesondere den ersten Teil des Romans mochte ich sehr. Ich habe aber auch definitiv eine Schwäche für Romane mit inkludiertem Soundtrack, den ich beim Lesen ablaufen ließ. Das Schöne an einem selbst zusammengestellten Soundtrack ist auch, dass man entscheiden kann, ob man die Stücke in Allegro oder Andante hören möchte.

„In unserem Sturm ist sie die Kapitänin. Ich werde zur Seemannsfrau.“

Mit Sarah wird es niemals langweilig, sie kann nicht genug bekommen vom Sex, von der Liebe, von der Musik, selbst vom Obst nicht, das sie isst. Ein Roman, der mich wirklich mitgerissen hat und der den Leser genauso verliebt zurücklässt, wie die namenlose Erzählerin.

Wer Lust auf eine spannende intellektuelle Liebesgeschichte hat, bei der man stets versucht ist, einen Nachtzug nach Paris, Venedig oder Triest zu buchen, der macht mit diesem Roman nichts falsch.

 

Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

Books & Booze – Sybille Bedfords A Favourite of the Gods

“Oh, shall we never escape the muddling consequences of our family history?” 

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Sybille Bedford ist eine, wie ich finde, viel zu wenig beachtete Autorin, die ich vor Jahren in London entdeckte und die ich euch heute ans Herz legen möchte.

Ihr Roman „A Favourite of the Gods“ ist die Geschichte von Constanza, einer schönen italienisch-amerikanischen Frau aus guten Kreisen, mit jeder Menge Geld, Glück und allem was man braucht, um sich als Liebling der Götter zu fühlen. Je älter sie wird, desto mehr sehnt sie sich allerdings nach einer Bestimmung, sie möchte einen Platz haben in dieser Welt, für etwas gut sein. Wer bin ich, fragt sie sich und was kann ich in dieser Welt tun?

Die Geschichte beginnt in den späten 1920er Jahren, als Constanza mit ihrer Tochter Flavia an der Französischen Riviera ankommen. Sie haben beide nicht wirklich eine Idee, was sie dort wollen und der Verlust eines Rings bringt Constanza dazu, eine lebensverändernde Entscheidung zu treffen. Die Geschichte springt zurück zu Constanzas Kindheit in Italien und ihren ewig miteinander streitenden Eltern Anna, einer Amerikanerin, und ihrem Vater, einem italienischen Prinzen.

Ich will nicht zuviel verraten, um euch ordentlich neugierig auf den Roman zu machen, aber ich mochte diese elegante und wunderschön erzählte Geschichte dreier Frauen-Generationen.

Das Buch hat noch eine Fortsetzung namens „A Compass Error“. Das wurde mir erst kürzlich bewusst und ich möchte diese endlich lesen. Gute Gelegenheit, sich die beiden Bücher als Doppelpack vorzunehmen.

Bedfords Romane basieren immer auf ihrer eigenen Familiengeschichte und ihren eigenen Erfahrungen, die sie mit großer Intensität und Vorstellungskraft verarbeitet hat und dabei besonderen Fokus legt auf die Charaktere und deren Beziehungen untereinander.

Bedfords eigene Mutter war Deutsch-Jüdin mit englischem Einschlag und ihr Vater Baron Josef von Schönebeck,  katholischer Offizier und Liebhaber schöner Künste. Nach der Scheidung der beiden lebte Bedford mit ihrem Vater allein in seinem Schloß in der Nähe von Baden. Sie ging nie zur Schule, war Autodidaktin und es gab nie genug Geld, aber ihr Vater brachte ihr alles über Kunst und gute Weine bei.

Ihr Vater starb, als sie 14 war und sie zog zu ihrer Mutter und ihrem jungen Stiefvater, mit denen sie in Italien, England und Frankreich lebte. Sie war schon als Kind eine mehrsprachige Globetrotterin, als sie begann zu schreiben, entschied sie sich für Englisch. Ihre Mutter lehrte sie, Länder zu lieben aber Nationen zu misstrauen.

Vor dem zweiten Weltkrieg verbrachte sie mit ihrer Mutter Zeit in Sanary-sur-Mer an der Cote d’Azur. Thomas Mann, Berthold Brecht sowie Aldous Huxley und dessen Frau Maria lebten ebenfalls dort und Huxley und seine Frau wurden zu ihren lebenslangen besten Freunden. Sie veröffentlichte 1973 auch Huxleys Biografie.

Sie schrieb neben ihren Romanen auch sehr lebendige, klare Artikel insbesondere über Justizthemen und ihr zweites Herzensthema, das Reisen. Bedford liebte gutes Essen und gute Getränke und schaffte es fast immer, von beidem genug zu haben, auch ohne jemals viel Geld zu besitzen. Außerdem liebte sie die Liebe und auch wenn sie mit sehr vielen Männern befreundet war, verliebte sie sich ausschließlich in Frauen. Sie hatte zwei lange Beziehungen und einige kleinere Liebschaften.

Ihr wilder Hunger aufs Leben machte Sybille Bedford zu der großen Schriftstellerin, die sie war – sie starb 2006 in London kurz vor ihrem 95. Geburtstag.

Ihr zu Ehren wurden in den Labors der Münchner Küchenexperimente ein scharfer Cocktail entworfen, den wir feierlich auf den Namen „The Bedford“ taufen.

Falls ihr mit anstoßen wollt – hier ist das Rezept:

Pro Glas:

1 Scheibe Mango
1 Prise frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
Gin (z.B. Siegfried oder Gin Mare)
Tonic (Liebling: Fevertree Mediterranean)
Minze
Eiswürfel

 

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Desorientale – Négar Djavadi

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Wir lernen die Protagonistin Kimia, eine moderne junge iranische Frau kennen, während sie in einer Kinderwunschklinik im Wartezimmer sitzt und auf ihre Befruchtung wartet. Während des Wartens denkt sie an ihre Vergangenheit und erzählt dem Leser von ihrer Familie, dem Sadr Clan, ihrer Herkunft und über ihre weitläufige Verwandtschaft: ihre Großmutter, die noch in einem  Harem geboren wurde, ihre zahlreichen Onkel, die einfach in der Reihenfolge ihrer Geburt Onkel Nr. Eins, Zwei, Sechs genannt wurden, ihr Vater der Journalist, Aktivist und Dissident war und sowohl den Schah als auch Khomeini ablehnte. Sie erzählt von ihrer gleichfalls als Aktivistin tätigen modernen Mutter und von blauen Augen, die dem Familien-Gen Pool vor Ewigkeiten beigefügt wurden und die eine besondere Rolle spielen.

Djavadi fängt die Kultur des Irans ein, ihre Sprache ist clever, amüsiert und unbeschwert. Sie läßt uns hinter die Kulissen schauen und zum ersten Mal hatte ich zumindest ansatzweise das Gefühl zu verstehen, dass der Konflikt zwischen Konservatismus und der Liberalismus auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgehen, die Einmischung der USA und Englands weil sie gierig waren auf die Ölvorkommen im Iran und wie es zu der religiösen Revolution um Khomeini kommen konnte. Es ist schwer sich vorzustellen, wie modern und weitgehend ohne Religion zumindest die Intellektuellen in Teheran lebten.

„Der Iraner mag weder die Einsamkeit noch die Stille – wobei jedes andere Geräusch als die menschliche Stimme, selbst der Lärm eines Verkehrsstaus, als Stille empfunden wird. Wäre Robinson Crusoe ein Iraner gewesen, er hätte sich gleich nach seiner Ankunft auf der Insel zum Sterben hingelegt und die Sache wäre erledigt gewesen.
Diese Neigung ständig zu schwatzen, bei der Begegnung mit anderen Sätze wie Lassos in die Luft zu werfen, Geschichten zu erzählen, die sich wie Matroschkas öffnen und immer neue Geschichten hervorbringen, ist wahrscheinlich eine Art, sich einem Schicksal anzupassen, in dem es nur Invasionen und Totalitarismus gegeben hat.“

Das Buch ist auch die Geschichte von Kimias Coming-out, die schon als junges Mädchen im Iran noch feststellt, dass sie eher Frauen liebt und wie sie im Laufe der Zeit mit sich selbst ins Reine kommt und ihren Frieden mit sich schließen kann.

Desoriental ist ein wunderschönes Buch mit einer selbstsicheren Erzählerin, mitreißenden Charakteren, toller Musik und einem überraschenden Ende.

Ein Buch, das man am besten mit dieser Playlist liest:

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Ich hatte ursprünglich keine Ahnung, wie eng die beiden Bücher in vielfacher Hinsicht zusammengehören. Ich hatte mir Eribons „Rückkehr nach Reims“ zum Geburtstag gewünscht, es auch recht schnell gelesen und kurz drauf bekam ich vom Fischer Verlag Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ als Rezensionsexemplar zugeschickt und, obwohl so viele andere Bücher auf meinem Stapel lagen und eigentlich zuerst hätten gelesen werden müssen, las ich mich einfach fest.

Abgesehen davon, dass beide Bücher in Frankreich spielen, Protagonisten haben, die aus eher prekären Verhältnissen stammen und schwul sind, haben auch beide Bücher bei mir einen unfreiwilligen Regenguss abbekommen, als ich bei einem Gewitter vergessen hatte, das Fenster zu schließen und ja, schlussendlich sind die beiden Autoren auch miteinander befreundet, das fiel mir aber erst so richtig auf, als ich das Zitat von Eribon auf dem Buchrücken entdeckte und etwas recherchierte. Von daher erschien es mir naheliegend, die beiden Bücher auch gemeinsam hier zu rezensieren.

Die erste Hälfte von Didier Eribons Buch beschäftigt sich mit seiner Kindheit im Arbeitermilieu und die Hintergründe seiner Familie bis zurück in den 2. Weltkrieg. Wie er selbst in seinem Buch sagt, schreibt wohl kaum jemand über die dieses Milieu, der sich selbst nicht daraus emanzipiert hat.

Eribon hat das geschafft, er wurde ein erfolgreicher Soziologe und Autor, der Weg dorthin war alles andere als leicht. Er beschreibt die Schwierigkeiten, die nicht einfach nur materieller Natur sind, unglaublich passend. Dieses Gefühl, einfach nicht dazuzugehören, nicht die „richtigen“ Bücher, Filme, Musik zu kennen. Seinen Hintergrund nicht ständig zu verraten mit unbedachten Gesten oder einfach auch Unkenntnis und die ständige Angst, sich zu blamieren.

“Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.”

Ich kann mich an einigen Stellen des Buches sehr mit Eribon identifizieren, sein krasser Ekel seiner Abstammung gegenüber war mir allerdings teilweise zu heftig. Das Bildungsferne des „Arbeitermilieus“, die ich ebenfalls erlebt habe, ist etwas, was mir auch immer zu schaffen gemacht hat, vielleicht ist da etwas mehr der Stolz des lesenden Arbeiters meines Opas auf mich übergegangen, eine komplette Ablehnung meiner Herkunft kommt für mich nicht in Frage.

“Was mir vor allen Dingen unbestreitbar vorkommt, ist die Tatsache, das ein solches Ausbleiben des Klassengefühls eine bürgerliche Kindheit kennzeichnet. Die Herrschenden merken nicht, dass ihre Welt nur einer partikularen, situierten Wahrheit entspricht (so wie ein Weißer sich nicht seines Weißseins und ein Heterosexueller sich nicht seiner Heterosexualität bewusst ist).”

“Links zu sein, sagt Gilles Deleuze in seinem Abécédaire, das heiße, ‚eine Horizontwahrnehmung‘ zu haben (die Welt als ganze zu sehen, die Probleme der Dritten Welt wichtiger zu finden als die des eigenen Viertels). Nicht links zu sein hingegen bedeute, die Wahrnehmung auf das eigene Land, auf die eigene Straße zu verengen.”

Aber Eribon analyisert absolut treffsicher die Verfehlnisse der Linken. In seiner Kindheit wählten ausnahmslose alle in der Familie und in der Nachbarschaft die Kommunisten, das war Klassenbekenntnis. Dieses Bekenntnis gibt es nicht mehr und ist immer weiter nach rechts gerutscht. Seine Brüder wählen ganz selbstverständlich „National Front“ und selbst seine Mutter gibt zu, sie gewählt zu haben, um den Parteien eine Lektion zu erteilen. Dem beiläufigen Rassismus und der Homophobie, die ihn letztlich zum Ausbruch aus dem Milieu bringen, werden Struktur und Berechtigung gegeben durch Parteien wie die Front National.

“Man könnte es auch so zusammenfassen: Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden […] und zwar mit einer verbalen Gewalt, die von den Betroffenen durchaus als solche erkannt wurde. In den christsozialen oder philanthropischen Ausprägungen dieses neokonservativen Diskurses ließ man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch „unterdrückt“ oder „beherrscht“ gewesen waren und politisch „gekämpft“ hatten, als „Ausgeschlossene“ darzustellen, als „Opfer“ von „Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung“ und somit als stumme potentielle Empfänger technokratischer Hilfsmaßnahmen.” 

Die Linke beschäftigte sich nicht länger mit Klassenfragen und die „einfachen Leute“ fühlten sich mehr und mehr unverstanden von den linken Parteien, was darin resultierte, dass aus dem alten klassenbezogenen „wir“ gegen „die“ ein nationales „wir“ gegen „die“ wurde.

“Man spürte förmlich, wie sich in ehemals kommunistisch dominierten Räumen der Geselligkeit und des Politischen eine rassistische Stimmung breitmachte, wie sich die Menschen allmählich einem politischen Angebot zuwandten, das vorgab, lediglich die Stimme des Volkes oder die Stimmung der Nation wiederzugeben, das eine solche Stimmung in Wahrheit aber erst herstellte, weil es Ressentiments und Affekte mit einem stabilen diskursiven Rahmen und gesellschaftlicher Legitimität versah.” 

Die zweite Hälfte des Buches beschäftigt sich mit seiner Jugend und was es bedeutet, in diesem Milieu als schwuler junger Mann aufzuwachsen. Foucault beschäftigt ihn sehr und er identifiziert sich stark mit ihm und seinen Ideen. Das Buch ist eine etwas ulkige Mischung aus Biografie und soziologischem Essay. Ich fand es wahnsinnig berührend und es ist eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Es hat mich stark an James Baldwin erinnert oder auch an Damian Barrs Biografie „Maggie & Me“ – das ich an dieser Stelle unbedingt noch einmal empfehlen möchte.

Eine weitere Rezension zum Buch findet ihr hier.

„Rückkehr nach Reims“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Als Édouard in einer kalten Dezembernacht auf dem Heimweg einem jungen Mann gegegnet möchte er eigentlich direkt nach Hause, doch die beiden kommen ins Gespräch und schnell wird klar, dass die spontane Begegnung in starke gegenseitige Anziehung umgschlagen ist und Édouard nimmt Reda, den algerischen Immigrantensohn, mit in seine Wohnung.

Was als zarter Flirt beginnt schlägt um in die schrecklichste Nacht, die Èdouard je erlebt hat. Ein Roman, der von Kindheit, Begehren, Rassismus, Gewalt und Migration erzählt und der, auch wenn es abgedroschen klingt, tatsächlich mitten ins Herz zielt.

Ein atemloser politischer Roman der auf drei Ebenen erzählt wird.  Édouard erzählt seiner (in der Realität nicht existierenden) Schwester detailliert von den Geschehnissen dieser Nacht, die diese wiederum ebenso ausführlich ihrem Mann erzählt, wobei sie von Èdouard belauscht wird, der hinter der Tür steht und das Erzählte kommentiert.

Das wirkt etwas gekünstelt, bewirkt aber, dass er durch die Figur der Schwester dem sozial benachteiligten Milieu eine Stimme gibt.

Es ist ein Roman über Schande, über das was gesagt wird, über die schändliche Vergewaltigung und was nicht gesagt wird. Èdouard überprüft seine Emotionen ständig, er korrigiert und klärt sie, bis er das Gefühl hat, sie akzeptieren zu können.

Er leidet darunter, keinen Sinn aus dieser schrecklichen Erfahrung ziehen zu können. Er ist jemand, der sich mit den Außenseitern identifiziert, der versucht, die Gewalt soziologisch zu erklären. Er geht mit der weit verbreiteten Homophobie in der Provinz ähnlich wie Eribon hart ins Gericht.

„In jener Nacht gelang es mir, mich von Reda zu befreien, aber erst sehr spät, nach sehr langer Zeit, und ebenso wie bei Temple war der wirklich Wille zur Flucht, der sich doch schon bei den ersten Anzeichen von Redas Wüterei hätte einstellen müssen, meine letzte Reaktion.“

Édouard erzählt seiner Schwester detailliert von der Nacht auf den 25. Dezember und die Schwester wiederum erzählt dies ebenso detailliert ihrem Mann, während Édouard den Monolog seiner Schwester – denn der Mann spricht nicht ein Wort – hinter der Tür belauscht. Überlagert wird die Stimme der Schwester durch die Gedanken Édouards, der das Erzählte als Figur kommentiert und manchmal selbst als Erzähler eingreift.

Édouard wirkt stellenweise recht arrogant in seiner naiven Begeisterung für alles Bildungsbürgerliche, aber das ist glaube ich einfach häufig ein Merkmal von Menschen, die sich den Weg ins Bildungsbürgertum hart erkämpfen mussten. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen der Protagonist die Nachwirkungen der Vergewaltigung beschreibt. Seine Ängste, seine Scham, die sich auch nach der x-ten Dusche nicht abwaschen lassen und ihn verwundet und roh zurücklassen.

Der Roman ist eine heftige und präszise Analyse der Gewalt, der in Frankreich sehr gefeiert wird und bereits über 300.000 Exemplare verkauft hat.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr hier.

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

 

How to be both – Ali Smith

Ali Smith

Unsere Juli-Lektüre im Bookclub schlug ein wie eine Bombe. Ganz unerwartet, ob des nicht ganz einfachen Textes, waren sich fast alle einig, es mit großartiger Literatur zu tun zu haben.

Ali Smith sprengt in „How to be both“ alle möglichen Grenzen und tritt der standardisierten binären Weltsicht kräftig in den Hintern. Wie bei einem Fresko trägt Smith Schicht für Schicht Erzählstückchen auf und springt wild zwischen Zeiten, Formen, Wahrheiten und Geschlechtern hin und her. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Einmal die Geschichte eines italienischen Renaissance Malers aus der Zeit um 1460, auf der anderen Seite ein junges Mädchen im Cambridge der heutigen Zeit. Zwei Geschichten um Liebe und Verluste, Ungerechtigkeiten und Geheimnisse.

Jede Ausgabe startet zufällig entweder mit dem Renaissance Teil oder mit dem Teenager George in Cambridge. Eventuell ist der Einstieg ins Buch etwas leichter wenn man mit Georges Geschichte beginnt, dieser Teil ist stringenter und weniger experimentell geschrieben, wohingegen die Geschichte von Francesco del Cossa im „stream-of-conciousness“ geschrieben ist, auf den man sich einlassen, vom Sog hineinziehen lasen muss, die wunderbare Sprache genießend.

„How to be both“ ist gleichzeitig melancholisch und verspielt, sprengt jegliche Genre-Grenzen, vermischt Wahrnehmungen und Realität, Zukunft und Vergangenheit. Es ist die Geschichte von George, die eines sehr cleveren, verletzlichen Mädchens, die um ihre plötzlich verstorbene Mutter trauert. Die beiden hatten ein sehr inniges Verhältnis und der überraschende Tod ihrer charismatischen Mutter Carol nimmt sie sehr mit.

Um ihrer Mutter weiterhin nahe zu sein, beschäftigt sie sich mehr und mehr mit den beiden Obsessionen ihrer Mutter. Zum einen glaubte diese, überwacht zu werden (hier mochte ich das englische Wortspiel to be monitored or to be minotaured sehr) zum anderen hat sie sich mit dem eher unbekannten italienischen Renaissance Maler Francesco del Cossa beschäftigt.

George entwickelt, während sie diesen Interessen ihrer Mutter folgt, durchaus ihre eigenen Obsessionen. Zum Beispiel das tägliche Ansehen eines Internet-Pornos oder auch ihre Freundschaft/Schwärmerei für ihre Schulfreundin Helen. Sie ist aber gleichzeitig auch diejenige, die sowohl ihrem kleinen Bruder als auch ihrem Vater als Stütze dient, die den Verlust von Carol noch viel weniger verarbeiten können.

 

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Der Renaissance Teil wird vom schalkhaften Geist des Malers erzählt, der an den Freskos im Palazzo Schifanoia in Ferrara arbeitete, bis er sich dort aufgrund der mickrigen Bezahlung mit dem Fürsten überwirft. Del Cossa ist sich nicht sicher, ob er nicht eventuell im Fegefeuer gelandet ist, als er eine junge Frau mit ihrer Mutter beobachtet, die in einem Museum ein Gemälde betrachten, auf dem nacheinander verschiedene Porträts erscheinen.

But art and love are a matter of mouths open in cinnabar, of blackness and redness turned to velvet by assiduous grinding, of understanding the colours that benefit from being rubbed softly one into the other : beyond which there’s originality itself, which is what practice is really about in the end and already I had a name for originality, undeniable, and to this name I had a responsibility beyond the answering of the needs of any friend

Dieser Teil ist sehr poetisch und hat mich stark an Virginia Woolfs „Orlando“ erinnert. Die Stimme Francescos  ist nicht immer einfach auszumachen, Smith mischt die wenigen Fakten mit viel Spekulation zu einem spannenden Porträt des Malers. Francesco kommt als Mädchen auf die Welt, lebt als Mann und ist eine sehr talentierte autodidaktische Malerin.

Bilder: Wikipedia

“I’m good at the real and the true and the beautiful,”

Witzig fand ich den Teil als Francesco von seinem besten Freund ins Bordell verschleppt wird, wo er die Damen porträtiert , die daraufhin anfangen, verstärkt nach ihm zu fragen und seine Kumpels dadurch glauben macht, es handele sich beim zarten Francesco anscheinend um einen ziemlichen Hengst. Es entspinnt sich auch eine zarte tragische Liebesgeschichte zwischen Francesco und einer der Prostituierten.

Das Buch wurde von uns heiß diskutiert, unsere gemeinsame Erklärung am Ende war, dass wir vermuten, George und ihre Freundin Helen haben die Geschichte von Francesco del Cossa im Rahmen eines Schulprojektes geschrieben. Ob das stimmt – who cares ?

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Ein Buch, das auf wunderbare Weise die Grenzen zwischen Geschlechtern, Sexualität, Zeit und Perspektiven verwischt, voller Melancholie und Poetik, das Lust auf Kunst und einen Besuch in Ferrara macht. Man lernt auch so manches über Kunst, zum Beispiel was es mit dem „Trompe-l’oeil“ auf sich hat:

“I like very much a foot,” she says, “or a hand, coming over the edge and over the frame into the world beyond the picture, cause a picture is a real thing in the world and this shift is a marker of this reality: and I like a figure to shift into that realm between the picture and the world just like I like a body really to be present under painted clothes where something, a breast, a chest, an elbow, a knee, presses up from beneath and brings life to a fabric.”

Eine weitere Besprechung des Buches findet ihr bei schiefgelesen.

Wer hat es schon gelesen und mit welchem Teil fing euer Buch an ?

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Beides Sein“ im Luchterhand Verlag.

 

 

 

A Room of One’s Own – Virginia Woolf

“Lock up your libraries if you like; but there is no gate, no lock, no bolt that you can set upon the freedom of my mind.” 

Virginia Woolf

Virginia Woolfs Essay „A Room of One’s Own“ ist ein Herzensbuch, bei dem ich aus dem Unterstreichen nicht herausgekommen bin und auch bei wiederholtem Lesen verliert es nichts von seiner Faszination. Sie untersucht die Limitierungen von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und es hat meines Erachtens gar nichts an Aktualität und Wichtigkeit verloren.

“A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction.” 

Virginia Woolf plädiert präzise und poetisch für die Freiheit der Frau, sie betont wie wichtig ein unabhängiges Einkommen und der titelgebende „eigene Raum“ sind, der die meisten Frauen davon abhält ihr literarisches Potential voll zu entfalten. Ihre Einsichten und die daraus resultierende Empörung ob dieser Tatsachen ist auch heute noch relevant und „A Room of One’s Own“ bleibt für mich eines der schönsten und treffendsten Analysen zur Rolle der Frau.

Wer Angst hat vor Virginia Woolf (um mal zu kalauern) und das sind leider gar nicht so wenige, dem lege ich dieses Büchlein ans Herz. Nirgendwo sonst zeigt sie so viel Humor, Herz und Klarheit wie hier und für mich war es damals die Einstiegsdroge, ich liebe ihre Bücher und finde es so schade, wie viele Menschen sie zitieren und grundsätzlich toll finden aber leider nicht lesen.

“One cannot think well, love well, sleep well, if one has not dined well.”

Ein Buch das ich wieder und wieder lese, gerade einmal 111 Seiten lang und jede Seite ist voller kostbarer Einsichten und man spürt die jahrelange Arbeit, ihre Gedanken, ihre Recherche, ihre Schlussfolgerungen und ihre Ansichten.

Dieser Essay ist eine Hommage an die unbekannten Heldinnen der Vergangenheit die vielleicht Gedichte, Lieder, Romane schrieben aber in die Anonymität gezwungen waren, einfach, weil es für Frauen unakzeptabel war zu schreiben. Wie furchtbar muss das sein, unbedingt schreiben zu wollen und nicht zu dürfen, nur, weil man dem “falschen” Geschlecht angehört und die Gesellschaft Frauen die geschlechtsspezifische Rolle der Mutter und Ehefrau aufgedrückt hat, aber kein Interesse daran hatte, Frauen den Zugang zu Bildung zu gewähren. Man spürt Virginia Woolfs Wut über dieses Ausgeschlossen sein und das gilt nicht nur für die Literatur, die für Frauen nicht zugänglich war.

Besonders spannend fand ich Woolfs Gedankenspiel was wäre, wenn Shakespeare eine ähnlich talentierte Schwester gehabt hätte, die ihr Talent nie hätte ausleben können, die ausgelacht worden wäre, hätte sie Interesse daran bekundet zu schreiben.

“Anon(ymus), who wrote so many poems without signing them, was often a woman.” 

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Jane Austen sieht Woolf ganz klar als sehr sehr clevere Autorin, da sie nie versuchte einen männlichen Stil zu kopieren, sondern sich sehr selbstbewusst für einen ganz eigenen Stil entschied. Sie konnte nur über einen sehr limitierten Ausschnitt ihrer Welt schreiben, denn sie hätte einfach nicht über Politik oder Kriege schreiben können, das waren Sphären die einer Frau einfach nicht zugänglich waren. Sie schrieb über das was sie sah und erlebte, während sie in den Ecken der Herrschaftshäuser saß und alles still beobachtete. Ich muss mich einfach mal wieder mit Jane Austen beschäftigen, ich habe sie immer ein wenig vernachlässigt.

“Women have sat indoors all these millions of years, so that by this time the very walls are permeated by their creative force, which has, indeed, so overcharged the capacity of bricks and mortar that it must needs harness itself to pens and brushes and business and politics.” 

Am Ende ihres Essays fordert sie Männer und Frauen auf zu schreiben, sie betont wie wichtig es ist die Limitierungen von Geschlechtsidentitäten hinter uns zu lassen und einen androgynen Geist zu entwickeln.

“It is fatal to be a man or woman pure and simple; one must be woman-manly or man-womanly.

“Anything may happen when womanhood has ceased to be a protected occupation.” 

“Women have served all these centuries as looking glasses possessing the magic and delicious power of reflecting the figure of man at twice its natural size.” 

 “The history of men’s opposition to women’s emancipation is more interesting perhaps than the story of that emancipation itself.” 

Ich bin überaus dankbar dafür, dass Virginia Woolf 500 Pfund im Jahr aus einer Erbschaft zur Verfügung standen (was heutzutage etwa 200,000 GBP entsprechen dürfte) und sie diesen wichtigen eigenen Raum hatte. Ohne wäre dieser wunderbare Essay und ihr Werk vielleicht gar nicht zustande gekommen. Ich habe Virginia Woolf als Teenager entdeckt, ihre Lektüre machte mich mutiger, neugieriger und vielleicht sogar ein bisschen klüger.

Dieser Essay sind 100 Seiten Anfeuerung voller Eleganz, Poesie und Wissen und ihr werdet die Lektüre nicht bereuen, versprochen.

Wem ich noch ein wenig mehr Lust auf Ms Woolf machen darf, der könnte hier weiterleiten, da findet ihr eine Besprechung zu ihrem Buch „Jacob’s Room“ und meinem Besuch in „Monks House“ wo sie zeitweise lebte.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Ein Zimmer für sich allein“ im Reclam Verlag.