1 Kilo Kultur – Florence Braunstein & Jean-Francois Pépin

1 Kilo Kultur

 

Dieser Wälzer macht nicht nur immens klug, wenn man ihn durchgeackert hat, sondern man spart sich auch das Fitness-Studio, denn die 1300 Seiten bringen sogar mehr als die angekündigten 1 Kilo auf die Waage und das Halten, Stemmen, Umblättern sorgt definitiv für knackige Oberarme.

Ein kurzer Überblick mit dem Wichtigsten aus der Kulturgeschichte wird immer Lücken haben, das ist klar, mir hat das Buch Spaß gemacht, auch wenn es sich eher als Nachschlagewerk eignet, als zum Durchlesen von der ersten bis zur letzten Seite. Dazu wären dann vielleicht doch Bilder oder Tabellen notwendig gewesen, um das Lesen etwas aufzulockern.

Der Fokus des Bandes liegt klar auf der westlichen Welt, andere Ecken der Welt werden eher gestreift, das darf einen nicht stören, hätte aber den Band ansonsten wahrscheinlich auch gesprengt, wenn die gesamte Welt gleichermaßen erfasst worden wäre.

Die Kulturgeschichte ist in 11 Kapitel aufgeteilt, nach Epochen, Ländern, Wissenschaft und den Künsten:

1 – Vor und Frühgeschichte
2 – Die frühen Hochkulturen des Nahen und Mittleren Ostens
3 – Die klassische Antike in Europa
4 – Das Mittelalter
5 – Die Renaissance in Europa
6 – Die Welt im 17. Jahrhundert
7 – Die Welt im 18. Jahrhundert
8 – Die Welt im langen 19. Jahrhundert
9 – Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
10 – Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
11 – Der Start ins 21. Jahrhundert

Die Sprache ist recht locker und verständlich und für mich ist das Buch ein gutes Mittel, sich Kontext zu verschaffen zu Ereignissen in der Weltgeschichte, um sich Appetit zu holen, um sich mit bestimmten Themen dann außerhalb dieses Bandes weiterzubeschäftigen.

Einiges hätte ich mir sicherlich ausführlicher gewünscht, manches hätte für mich knapper sein dürfen, aber das ist letztlich auch immer Geschmackssache. Was mir neben dem ausführlichen Personenregister fehlt, ist ein Sachregister und mir hätten gelegentliche Karten, Abbildungen, Tabellen gut gefallen, kann aber nachvollziehen, dass diese aufgrund der bereits benötigten Seitenzahl hinten runterfielen.

Florence Braunstein hat 25 Jahre lang Studium-generale-Kurse an großen Pariser Universitäten gegeben, Mitautor Jean-Francois Pépin lehrt als Professor für Geschichte, Ökonomie und Soziologie an verschiedenen Pariser Universitäten.

Kein Buch zum Durchlesen, aber eines das man immer wieder aus dem Regal holt oder wie ich – auch aus Sorge um die Stabilität der Regale gar nicht erst hineinstellt, sondern es griffbereit immer neben sich stehen hat, weil ich gemerkt habe, wie viel Spaß es mir macht, alles was ich lese im Kultur-Wälzer nochmal in den entsprechenden Kontext zu setzen.

Schwere Lektüre die Spaß macht und das Allgemeinwissen auf Vordermann bringt. Auch wenn es mal nix direkt zum Nachschlagen gibt: einfach irgendwo aufklappen und festlesen, man kann ganz wunderbar mit dem Band prokrastinieren.

Ich danke dem CH Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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Durch die Nacht – Ernst Peter Fischer

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Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer ist meistens eine sichere Bank für mich. Bei seinen Büchern langweile ich mich selten, er ist ein Wissensvermittler alter Schule und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Naturwissenschaften unter kultureller Zuhilfenahme unter Volk zu bringen.

Auf den Band „Durch die Nacht – Eine Kulturgeschichte der Dunkelheit“ hatte ich mich besonders gefreut, habe schließlich eine Vorliebe für die dunkleren Seiten des Lebens und durchaus Lust, der Nacht einmal unter den Rock zu gucken.

Das für mich interessanteste, von dem ich bislang noch nie gehört hatte, war die Information, dass der Mensch früher in zwei Etappen geschlafen hat. Direkt nach dem Abendessen ging es damals ins Bett und dann so gegen Mitternacht stand man wieder auf, um für ein paar Stunden alles Mögliche zu unternehmen. Nachbarn besuchen, die Küche aufräumen, Nachwuchs zeugen etc. um dann gegen 3 oder 4 zurück in die Federn zu springen und bis zum Sonnenaufgang weiterzuschlafen.

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Fischer plädiert dafür, zum zweiphasigen Schlaf zurückzukehren, da er glaubt, dass der zweiphasige Schlaf der biologischen Neigung des Menschen eher entspreche. Für mich hört sich das ehrlich gesagt gar nicht verkehrt an. Ich bin auch am frühen Abend so gegen 20.00 Uhr sehr müde und je später der Abend, desto wacher werde ich.

Unser heutiger 7-8-stündiger Schlaf ist erst seit der Industrialisierung weitestgehend zur Norm geworden.

Ansonsten beschäftigt sich das Buch noch mit zu erwartenden Fragen wie „Ist der Nachthimmel wirklich schwarz? Warum schlafen wir überhaupt und welchen Sinn machen unsere Träume? Wieso haben wir im Dunkeln mehr Angst als im Hellen?“

„Mit der Romantik kommt die Spiegelwelt einer erfundenen Wirklichkeit zum Vorschein. Der Weg geht nach Innen als Weg zum Traum, der zum Schauplatz einer Universalisierung des Menschen wird, wie man emphatisch sagen kann. Im Schlaf ist die Zeit zwar aufgehoben, aber Welterfahrung wird nur durch den Traum vermittelt, was im Hintergrund zu bedenken bleibt. Indem der Traum eine zweite Version der Welt entwirft, wird die Verbindlichkeit der ersten, die man oft als Wirklichkeit kennt, in Zweifel gezogen. Das Material des Unbewussten entstammt der Einbildungskraft im Traum.“

Das Buch ist ein Exkurs in Philosophie, Biologie, Literatur und Religion, der auf unterhaltsame Weise die nächtlichen Aspekte unseres Alltags beleuchtet. Es ist durchaus informativ, gelegentlich zu sehr Anekdotensammlung, dennoch ein interessantes Buch für schlaflose Nächte.

„Durch die Nacht“ ist im Pantheon Verlag erschienen.

Hirngymnastik: Geschichte

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„Sapiens – A Brief History of Humankind“ – Yuval Noah Harari

 

Typischerweise wird die Geschichte der Menschheit mit den Humanoiden des Paläolithikums begonnen, zeichnet ihre Entwicklung zum modernen Menschen nach und beginnt dann üblicherweise die Anfänge der Zivilisation von der Landwirtschaft bis zur Gegenwart nachzuzeichnen. Soweit folgt auch Yuval Noah Harrari diesem Weg in seinem Buch „Sapiens“, dennoch hat er einige überraschende Wendungen auf Lager. Was dieses Buch zu einem unglaublich spannenden Geschichtswälzer macht ist das er einige unserer vorgefassten Meinungen und Vorstellungen ins Wanken bringt, und den einen oder anderen vielleicht auch mal ärgert, aber niemals aufhört unglaublich faszinierend zu sein.

Harari legt seinen Fokus auf die drei großen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte: die kognitive, die landwirtschaftliche und die der Wissenschaft. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein eher unbedeutendes Lebewesen ohne großartige Signifikanz“ es schaffen konnte zur dominanten Lebensform auf unserem Planeten zu werden und inwieweit dessen Fähigkeit sich die Natur weitestgehend zum Untertan zu machen ein Segen oder vielleicht eher ein Fluch für den Planeten und die Menschheit selber sein wird.

Würden wir die Zeit seit Entstehung von Leben auf unserem Planeten als Uhr darstellen, wäre der heute Mensch gerade einmal zwei Minuten vor Mitternacht aufgetaucht, also gerade noch rechtzeitig um die Sektkorken knallen zu hören. Wie lange wir als Art erhalten bleiben, bleibt abzuwarten, viele unserer „Vorgängermodelle“ haben uns da einiges an Zeitspanne voraus.

In 20 wirklich brillianten Kapiteln fordert Harari den Leser dazu auf sich nicht nur mit der Frage zu beschäftigen wie wir wurden was wir sind, sondern was hätte passieren können, wenn die Dinge etwas anders abgelaufen wären. Er beschäftigt sich ausgiebig mit dem Thema Zufall und gelegentlich ist er ganz schön zynisch, aber mich hat das nicht weiter gestört, denn ich empfand den Grundton des Buches als durchaus optimistisch.

Harari hat einige meiner bisherigen Vorstellungen von den Anfängen unserer Spezies ordentlich durchgerüttelt, aber ich mag das, wenn man mich zum Nach- oder Umdenken bringt. Er beleuchtet die Anfänge der kognitiven Revolution und der immanenten Wichtigkeit von hypothetischen Geschichten die nötig sind um eine Gesellschaft zusammen zu schweissen. Geschichten an die jeder glaubt sind die Grundlage für unsere Fähigkeit zur Kooperation. Und sei es nur unser weltumspannender Glaube an so etwas fiktives wie Geld.

“How do you cause people to believe in an imagined order such as Christianity, democracy or capitalism? First, you never admit that the order is imagined.”

Die Mythen die wir erzeugen, können per se nie komplett logisch konsistent sein. Religion bietet den Menschen Trost von der Absurdität des Lebens und der Unmöglichkeit dem Tod zu entkommen. Die Wissenschaft dagegen macht genau das Gegenteil. Sie versucht, wie zum Beispiel im ausführlich besprochenen Gilgamesch Projekt Wege zu finden, den Tod und andere Unannehmlichkeiten zu überwinden statt sie zu akzeptieren.

“Culture tends to argue that it forbids only that which is unnatural. But from a biological perspective, nothing is unnatural. Whatever is possible is by definition also natural. A truly unnatural behaviour, one that goes against the laws of nature, simply cannot exist, so it would need no prohibition.”

Unser Wissen über die Welt kann und wird niemals universell sicher und konsistent sein und wir müssen lernen neben der immer größer werdenden Komplexität auch mit dem Fakt zu leben, das es keine eine reine Wahrheit gibt. Die Realität die wir sehen, ist immer nur unsere jeweilige, wie wir sie erleben und die ist unsicher, nicht fix und wird sich ändern.

“Consistency is the playground of dull minds.”

Wir müssen als Menschheit unbedingt verstehen lernen, dass Dinge an die wir glauben festlegen werden wer wir als Menschheit in Zukunft werden. Die Mythen denen wir beschließen zu folgen bestimmen was aus uns wird.

„Sapiens“ und auch der Nachfolger „Homo Deus“ sind zwei Bücher von denen ich mir wünschte, ich hätte sie geschrieben. Das ist allerdings ein Mythos den mir niemanden glauben würde, leider nicht einmal ich selber.

Ich hatte das Glück mich eine Woche auf Kreta in der Sonne und in der Hängematte liegend ausgiebig mit diesen beiden Büchern beschäftigen zu können. Verlassen haben wir Strand und Hängematte nur auf dem Rückweg um vor dem Abflug noch ausgiebig in den Ruinen von Knossos herumzustöbern. Ich bin aber sehr sicher, auch auf dem Sofa oder im Lesesessel sind diese beiden Bücher mit das Beste das ihr Eurem Hirn antun könnt 🙂

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„Homo Deus“ – Yuval Noah Harari

 

„Homo Deus“ ist ein Buch das stellenweise zutiefst schockiert, in dem Harari uns sehr effektiv dazu bringen will uns mit unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen. Es ist vordergründig ein Buch über die Zukunft der Menscheit, tatsächlich ist es aber auch ein Mittel um die aktuellen Trends in Wissenschaft, Technologie und der Entwicklung der Menschheit zu beleuchten. Es ist deutlich philosophischer und fordert den Leser dazu auf, sich zu überlegen ob wir wirklich wollen, dass es so weitergeht wie es momentan läuft.

Er macht immer wieder deutlich, dass seine Ausführungen zur Zukunft nur Hypothesen sind und andere Szenarien durchaus möglich sind, dass es trotzdem notwendig ist, sich heute mit diesen Möglichkeiten zu beschäftigen und versuchen die Zukunft aktiv in eine andere Richtung zu beeinflussen.

Neben dem Klimawandel kritisiert er auch insbesondere die Art und Weise wie wir mit Tieren umgehen. Wir sehen uns selbst als die Krone der Schöpfung, doch gerade der Bereich der selbstlernenden Computer, der künstlichen Intelligenz könnte uns in die gleiche Position bringen, in die wir alle anderen Lebewesen auf dem Planeten gebracht haben. Wir müssen anfangen andere Lebewesen deutlich besser zu behandeln, Massentierhaltung ist eine Schande für die Menschheit und unter keinen Umständen zu rechtfertigen.

“Centuries ago human knowledge increased slowly, so politics and economics changed at a leisurely pace too. Today our knowledge is increasing at breakneck speed, and theoretically we should understand the world better and better. But the very opposite is happening. Our new-found knowledge leads to faster economic, social and political changes; in an attempt to understand what is happening, we accelerate the accumulation of knowledge, which leads only to faster and greater upheavals. Consequently we are less and less able to make sense of the present or forecast the future. In 1016 it was relatively easy to predict how Europe would look in 1050. Sure, dynasties might fall, unknown raiders might invade, and natural disasters might strike; yet it was clear that in 1050 Europe would still be ruled by kings and priests, that it would be an agricultural society, that most of its inhabitants would be peasants, and that it would continue to suffer greatly from famines, plagues and wars. In contrast, in 2016 we have no idea how Europe will look in 2050. We cannot say what kind of political system it will have, how its job market will be structured, or even what kind of bodies its inhabitants will possess.”

Ich mochte dieses Buch auch deshalb, weil er Technologie kritisch hinterfragt ohne sie zu verdammen. Es geht ihm um eine vernünftigere Zukunft und nicht um eine rückschrittliche Abkehr und ein zurück auf die Bäume.

Zum Einstieg empfehle ich Hararis TED Talk:

„Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ – Ernst Peter Fischer

„Das Schönste was wir erleben können ist das Geheimnisvolle“ schrieb Albert Einstein „Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

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Die meisten von uns haben wissenschaftliche Methoden zusammen mit dem Periodensystem und dem sezierten Kuhauge weitestgehend mit dem Schulabschluß hinter uns gelassen. Wir brauchen aber (auch) gute wissenschaftliche Literatur, die uns hilft dem postfaktische Zeitalter in dem wir uns anscheinend befinden Widerstand zu leisten. Zum Glück gibt es da einige gute Autoren und schreibende Wissenschaftler und Ernst-Peter Fischer ist meiner Ansicht nach einer von ihnen, die die Gabe haben Fakten in guterzählte Geschichten zu verpacken, die der Wissenschaft das Staunen, das Entdecken und das Wissenwollen zurückgeben. Autoren die die Welt und die Wissenschaft nicht nur verständlich machen, sondern aufregend und interessant erscheinen lassen.

Fischer stellt uns in seinem Buch ein Ensemble an großen Wissenschaftlern und Universalgelehrten vor, die sich mit schwarzen Löchern, mit Quarks und Quasaren, mit Küken, Mais, Genen und vielem mehr beschäftigen und deren Geschichten es durchaus mit Sci-Fi-Thrillern oder Krimis aufnehmen können.

Anthologien sind in der Regel unterhaltend, spannend und so zugänglich, das man sie problemlos lesen kann ohne zu fürchten einer Gehirnschmelze zu erliegen. Doch ein wenig naturwissenschaftliches Grundwissen ist nicht verkehrt, um aus Fischers Buch möglichst viel mitzunehmen. Das Ergebnis ist eine Führung durch die Gedanken und Ideen einiger der größten Wissenschaftler. Jedem Kapitel ist ein Zitat vorangestellt und jedes Porträt drei, vier Seiten lang. Fischer begleitet den Leser bei seiner Reise durch die Erkenntnisse aus Astronomie und Physik, Mathematik und Informatik, Naturforschung und Biologie, Chemie und Medizin sowie Molekularbiologie und Genetik, er ist dabei ein freundlicher Reiseleiter der auf Interessantes hinweist und das Interesse des Lesers auf unerwartete und überraschende Erkenntnisse stupst.

Ich kann alle drei Bücher aus der Geschichts-Hirngymnastik vollumfänglich empfehlen und kann sie mir wunderbar unter einigen Weihnachtsbäumen als perfektes Geschenk vorstellen.

 

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Konnte ich Euch Lust auf die Geschichte der Menschheit, die Geschichte unserer Zukunft und der Wissenschaft machen? Ich würde mich riesig freuen.

  • „Sapiens – A brief history of humankind / Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ist auf deutsch im Pantheon Verlag erschienen.
  • „Homo Deus“ ist auf deutsch im Beck Verlag erschienen.
  • „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ ist im Penguin Verlag erschienen.

Hannah Arendt – The Last Interview

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„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich über die „Last Interview“-Reihe von Melville House gestolpert bin, in der die letzten öffentlichen Interviews interessanter Menschen herausgegeben werden, wie z.B. David Foster Wallace, Jorge Luise Borges, Ray Bradbury, Philip K. Dick und neben einigen anderen auch das letzte Interview mit Hannah Arendt.

Ich habe ja schon seit einer Weile einen Arendt-Fimmel und beschäftige mich recht intensiv mit ihr, daher war klar, dieses kleine wunderschöne Büchlein muß ich haben.

Die politische Theoretikerin/Philosophin wurde 1906 in Königsberg geboren und hat, wie sie ihrem Interviewer gegenüber mitteilte, das Wort Jude in ihrer Kindheit nie gehört. Ihr Vater starb ziemlich jung, ihre Mutter war Atheistin, von daher spielte Religion keine Rolle. Sie studiere 1924 für ein Jahr Philosophie bei Martin Heidegger in Marburg, mit dem sie einige Jahre lang eine Beziehung führte. 1926 ging sie nach Freiburg und studierte dort bei Edmund Husserl und promovierte 1928 bei Karl Jaspers.

Im Interview berichtet sie von ihrer Flucht aus Deutschland nach Paris im Jahr 1933, wo sie für eine Organisation arbeitete, die deutschen und polnischen jüdischen Jugendlichen die Flucht nach Palästina ermöglichte. Als Frankreich später ebenfalls von den Deutschen erobert wird, flieht sie erneut und läßt sich in den USA nieder.

“There are no dangerous thoughts for the simple reason that thinking itself is such a dangerous enterprise.”

„I don’t deny that thinking is dangerous, but I would say not thinking is even more dangerous.“

„The point is simply and singly whether I can say and print what I wish, or whether I cannot; whether my neighbors spy on me or don’t. Freedom always implies freedom of dissent.“

Schon ziemlich ironisch eigentlich, wenn man bedenkt, dass man ihr aufgrund ihrer Eichmann-Berichterstattung die Verharmlosung des Holocaust vorwirft und sie sich manch unsachlicher Beschimpfung ausgesetzt sah. Die Leser sind empört von ihrer Aussage, Eichmann sein nichts weiter als ein „Clown“ gewesen und keineswegs die Inkarnation des Bösen.

Sie erinnert ihre Leser daran, dass das beste Mittel gegen blinden Gehorsam wie den eines Eichmanns ist, sich an Sokrates Worte zu halten:  “It is better to be in disunity with the whole world than with oneself, since I am a unity.”

Eichmann in Jerusalem basiert auf Hanna Arendts Reportage für den New Yorker über die Verhandlung und Verurteilung von Josef Eichmann in Jerusalem. Arendt stellt darin die Ansicht zur Diskussion, das viele Nazi-Größen, wie Eichmann, nicht als unheimliche Monster dargestellt werden sollten, da ihnen das viel zu viel Ruhm gewärte. Nazis, wie Eichmann, sind kleine Bürokraten, die in vorauseilendem Gehorsam jedem -ismus hinterherlaufen.

„In other words: they just wanted to go along. They’re ready to go along with everything. When someone says to them, „You’re only one of us if you commit murder with us“ – fine. when they’re told, „You’re only one of us if you never commit murder“ – that’s fine too. Right? That’s the way I see it.“

Einer der Interviewer fragt Arendt gar:  “Is the criticism that your book is lacking in love for Jewish people painful to you?”

Das Büchlein enthält vier ausführliche und für heutige Verhältnisse erstaunlich tiefgehende Fernsehinterviews. Zwei Interviews aus dem Jahr 1964 mit den deutschen Journalisten Günter Gaus und Joachim Fest, ein Interview aus dem Jahr 1970 mit Adalbert Reif und das lezte Interview aus dem Jahr 1973 mit dem französischen Journalisten Roger Errera.

Die Interviewer sind alle sehr vertraut mit Arendts Schriften, die Fragen gehen gleich ohne großen Smalltalk auf Arendts Ansichten zu Politik, Watergate, jüdische Kultur, die verschiedenen -ismen (Totalitarismus, Kommunismus, Kapitalismus, Sozialismus) etc.

In diesem dünnen Bändchen steckt eine erstaunliche Menge an Weisheit. Arendts Ideen provizieren und es gibt keinen Zweifel, das sie eine der größten intellektuellen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts war. Ihre Antworten sind durchdacht, informiert, ehrlich, mutig und sie blieb immer neugierig. Man kann diese Interviews nicht lesen, ohne ein bißchen wie Hannah Arendt werden zu wollen.

 

Und ich schließe mit ihrer Warnung vor jeglichen Glaubenslehren: “I have no exact political philosophy which I could summon up with one ism” 

Diese Reportage über Hannah Arendt „Die Pflicht zum Ungehorsam“ kann ich nur empfehlen:

Anmerkungen zu Hitler – Sebastian Haffner

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Wenn ich Menschen spannend finde, versuche ich von ihnen zu erfahren, welches Buch sie besonders beeinflusst hat, bei welcher Lektüre sie am meisten gelernt haben. Das finde ich spannend und in vielen Fällen packe ich dieses Buch dann auf meine „To-Read-Liste“. Das kann manchmal ziemlich lange dauern bis ich dazu komme, aber ich vergesse nur in den seltensten Fällen, wer mir das entsprechende Buch und warum empfohlen hat.

Auf einem Kanban-Workshop vor ein paar Jahren hat mir ein Kollege die „Anmerkungen zu Hitler“ empfohlen und noch dazu mit dem Zusatz, es sei eines der Bücher das er und auch seine Frau fast jedes Jahr einmal lesen, das hat mich hinreichend neugierig gemacht. Gekauft war das Buch schnell, aber der „Stapel-ungelesener-Bücher“ ist mittlerweile länger als die chinesische Mauer und hätten wir nicht im Februar eine Aufführung der Otto-Falckenberg-Schule gesehen, es könnte durchaus sein, das es noch eine Weile im Regal geschlummert hätte.

Der Besuch des Theaterstücks hat daher aus mehreren Gründen sein Gutes gehabt. Das 3. Lehrjahr der Falckenberg-Schule hat sich zum 70jährigen Jubiliäum der Schule mit ihrem Namensgeber Otto Falckenberg auseinandergesetzt. Die Schüler begeben sich auf eine Recherche-Zeitreise, beleuchten das Verhältnis der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Falckenberg von 1917 – 1944 (!) zur Reichstheaterkammer der Nazis.

Die Schüler versuchen, sich Theaterarbeit in der Nazidiktatur vorzustellen, wie sie damit umgegangen wären, wenn ihr Theater 1939 zum Stadttheater von Nazis Gnaden wurden, was gleichzeitig höhere Subventionen, aber auch die Aufführung richtig schlechter Stücke bedeutete. 1944 wurde Falckenberg auf die „Liste der Gottbegnadeten“ aufgenommen (für das Reich unentbehrliche Künstler, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden).

Die Schauspielschüler versuchen selbst eine Haltung zu finden, hätten sie gerne unter Falckenberg gespielt oder nicht? Ich mochte die Ehrlichkeit mit der sie beim Schlußvorhang offen darüber abstimmen, ob die Schule umbenannt werden soll oder nicht. Wenn es nach den Schülern geht, dann bleibt es bei der zwischen pro, contro und Enhaltung fast gleich ausgehenden Abstimmung knapp bei Falckenberg. Es war ein sehr spannender, nuancenreicher Abend, der zum weiteren recherchieren und denken anregte und mich dann noch am gleichen Abend zu Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ greifen ließ.

Das Büchlein ist eine beeindruckende historische und psychologische Untersuchung des Rätsels Adolf Hitler. Wer war er, wie schaffte er es, an die Macht zu kommen und warum war er im Grunde dazu verurteilt unterzugehen. Haffner untersucht die historischen, politischen und emotionalen Einflüsse, die seinen Charakter formten. Er beschäftigt sich sowohl damit, wieso Politik zu einem Ersatz-Leben für Hitler wurde, als auch seine merkwürdige Beziehung zu Frauen, seine psychologische Entwicklung, die irgendwann einfach nicht weiterging, seine ideologischen Fehleinschätzungen und seine immer größere werdende Obsession in Bezug auf Rasse.

“Hitler legte im Gegenteil den größten Wert darauf, seine Erfolge seiner feindlichen Welt abgetrotzt erscheinen zu lassen; was ihm auch gelang, nicht nur dank seiner totalen Kontrolle der deutschen öffentlichen Meinung, sondern auch dank einer gewissen Prädisposition der deutschen Volksstimmung, die sich solche Triumphe des Trotzes über das verhaßte Versailler System immer sehnt hatte und über außenpolitische Erfolge nur halb so glücklich war, solange sie im Namen der Versöhnung erzielt wurden.”

Zum Ende beschäftigt sich Haffner mit der quälenden Frage, ob ein anderer Hitler im modernen Deutschland wieder eine Chance hätte. Er schrieb das Buch 1979 und meines Erachtens ist das Buch nach wie vor unglaublich aktuell und erkenntnisreich. Ein Buch das jeder gelesen haben sollte. Nicht nur bei der Lektüre des Buches, auch beim Besuch des Theaterstücks wurde einem permanent klar, wie erschreckend tagesaktuell manches klingt.

Sebastian Haffner war ein deutscher Journalist und Autor, der sich hauptsächlich mit der Geschichte des deutschen Reiches von 1871 – 1945 beschäftigte. 1938 emigrierte er aus Nazi-Deutschland nach London, zusammen mit seiner jüdischen Verlobten. Anfangs fast ohne Englischkenntnisse, arbeteite er schon bald für den Londoner „Observer“ und wurde sogar Chefredakteur. Haffner ist ein Pseudonym für seinen eigentlichen Namen Raimund Pretzel, den er annahm, um seine in Deutschland verbliebene Familie zu schützen. 1954 ging er als Korrespondent nach Berlin, wo er bis zum Mauerfall blieb. Er arbeitete auch für die „Welt“ und war regelmässiger Besucher des „Internationalen Frühschoppens“, einer politischen Talkrunde im Fernsehen.

Vermutlich, bin ich eine der wenigen, die dieses Buch erst jetzt gelesen hat, aber falls nicht: Lest dieses Buch. Es ist eingängig geschrieben, versucht Antworten zu finden auf große Fragen und ist dennoch stets differenziert. Falls es nicht schon zur Schullektüre gehört, ich würde es durchaus empfehlen. Ich kann jetzt auch den Kollegen verstehen, Haffners Anmerkungen sind die passende Lektüre,  die aktuelle Tagespolitik dagegenzuhalten.

 

Das Buch erschien im Fischer Verlag.

 

Die Verzauberung der Welt – Ernst Peter Fischer

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Bevor ich überhaupt richtig lesen konnte, stand für mich fest, ich werde Wissenschaftlerin. Mein erster Berufswunsch war Astronautin, mein größter Wunsch, der sich leider nie erfüllt hat ein Teleskop, mit dem ich mit meinem Opa zusammen die Sterne vom Balkon aus angucken wollte. Meine Beziehung zu den Naturwissenschaften würde ich allerdings eher als eine „skinny love“ bezeichnen, wir sind nie so wirklich zusammengekommen. Ich war eine Weile ziemlich verknallt, die Naturwissenschaften von mir nicht recht überzeugt und die Schule hat dann sehr schnell und nachhaltig für Abkühlung gesorgt – wir sind dann eher entfernte Freunde geblieben. Schade. Ich mag nicht alles auf die Schule schieben, das ist irgendwie zu einfach, aber ein wenig konnte ich mich in Fischers Beschreibung hier schon wiederfinden:

„Kinder (nicht alle, aber viele) kommen ästhetisch neugierig in die Schule, um danach (nicht immer, aber viel zu oft) begrifflich gelangweilt nach Hause geschickt zu werden. Im Unterricht bekommen sie kaum eine Anleitung zum Staunen und Weiterfragen, dafür eine Menge Formeln und Gesetze, die sich abfragen lassen.“

„Ein Kind ist kein Gefäß, das gefüllt, sondern ein Feuer das entzündet werden muß.“ (Francois Rabelais)

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Foto: Scientific American

Ich bin vielleicht daher ein Fan von Büchern die versuchen den Naturwissenschaften ihren Zauber zurückzugeben, der die Leser staunen läßt und ihnen nicht einzig und allein Seite um Seite Formeln um den Kopf haut. Üblicherweise habe ich eine größere Affinität zu anglo-amerikanischen Autoren, die mir oft zugänglicher erscheinen, Wissen humorvoller vermitteln. Eine Besprechung bei Jarg und – ich gebe es beschämt zu – das wunderschöne Cover – haben mich auf „Die Verzauberung der Welt“ aufmerksam gemacht.

Der erste Blick täuscht uns. Worauf es ankommt, ist der zweite Blick, und der zeigt Folgendes: Wissenschaft beginnt immer noch mit rätselhaften Erscheinungen der Natur, aber sie wandelt sie nicht mehr in verständliche Antworten um, sondern in solche, die noch rätselhafter sind als das Ausgangsphänomen. Wissenschaft entwertet nichts, von dem, was sie erklärt. Vielmehr verwandelt sie die wundersamen Geheimnisse der Wirklichkeit in die noch größeren Geheimnisse ihrer Erklärung. Und mit dieser Einsicht kehren wir zur Ausgangsfrage nach der guten Antwort zurück.

Ernst Peter Fischer berichtet über wichtige Entdeckungen berühmter Forscher wie Werner Heisenberg, Max Planck, Albert Einstein oder Peter Higgs. Er versucht Verbindungen herzustellen zwischen Kunst, Literatur und Philosophie und orientiert sich dabei, einem roten Faden gleich, an Novalis:

„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen eine geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es.“

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„Wir können alle dasselbe wissen, müssen aber nicht versuchen, dies mit denselben Symbolen zu erreichen.“

„Wenn Döblin sich beklagt, dass er den Kosmos nicht verstehen kann, weil er mit den mathematischen Begriffen nicht zurechtkommt, dann versucht er ein grundlegendes Bedürfnis durch ein unpassendes Argument zu rechtfertigen. Man muß ihm keinen Nachhilfeunterricht in Tensoranalysis geben. Man muß ihm ein Symbol oder ein Bild vorlegen, das seine Wahrnehmung anspricht, und zwar so, dass dabei das Bild des Kosmos entsteht, das Einstein versteht.“

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Foto: Scientific American

Ich habe den Zauber eines wissenschaftlich-romantischen Blicks auf die Welt ganz deutlich gespürt, auch wenn kritischere Stimmen dem Buch gelegentliche Längen vorwerfen oder wen genau das Buch erreichen soll. Mich hat es erreicht und ich kann es nur allen weiterempfehlen, die wie ich gerne die „romantischen“ Seiten der Naturwissenschaften suchen, die staunen wollen, weiterfragen, weiterlesen. Eine Zeitschrift (und der dazugehörige Blog) die ebenfalls die Verbindung von Naturwissenschaften, Kunst, Kultur und Philsopie propagiert und dabei ganz ausgezeichnetes storytelling praktiziert ist Nautilus.

„Farben sind der Ort wo unser Gehirn und unser Universum sich begegnen“ (Paul Cézanne)

„Echte Probleme haben keine Lösung, sondern eine Geschichte“ (Nicolaus Gomez Davila)

Ansonsten halte ich es mal mit Herrn Dawkins, der wegen seines militanten Atheismus nicht ganz unumstritten ist, den ich aber sehr gerne lese:

„Science is interesting, and if you don’t agree, f**k off!“

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Foto: Scientific American

„Die Verzauberung der Welt“ ist im Pantheon Verlag erschienen.