Lektüre Mai 2022

Mai war ein guter Lesemonat. Viele sonnige Tage Lesetage auf dem Balkon und ansonsten die übliche der Insomnia geschuldete Nachtlektüre.

In alphabetischer Reihenfolge:

Jan Assmann – „Achsenzeit- eine Archäologie der Moderne erschienen im C. H. Beck Verlag

Um das 6. Jahrhundert vu. Z. traten in verschiedenen Kulturräumen der Welt Philosophen und Propheten auf, die das bisherige mythische Denken überwanden: Konfuzius und Laotse in China, Buddha in Indien, Zarathustra in Persien, die Propheten des Alten Israel und die Philosophen in Griechenland. Diese Zeit wurde von Karl Jaspers „Achsenzeit“ genannt. Jan Assmann beschreibt, wie Historiker und Philosophen seit der Aufklärung die erstaunliche Gleichzeitigkeit der Achsenzeit-Kulturen erklärt und in der Achsenzeit die geistigen Grundlagen der Moderne gesucht haben.

Habe gefühlt das halbe Buch unterstrichen. Ein wirklich spannendes, gut geschriebenes Buch über eine der spannensten Zeiten in der Menschheitsgeschichte, über die ich definitiv noch viel mehr lernen möchte.

Die Achsenzeit-Theorie hat diese Formel auf den Weg des menschlichen Denkens überhaupt ausgedehnt. In der Tradition Max Webers mit seiner These der Entzauberung der Welt unabwendbar fortschreitenden Rationalisierung der Welt erweist sich die Achsenzeit-Theorie als eine Form der Modernisierungstheorie, die besagt, dass die Menschheit in ihrem geistigen Entwicklungsgang mehr oder weniger unaufhaltsam von niedrigen, defidizienten Stufen ihres Welt- und Selbstbewusstseins zu immer vollständigeren und klareren Stufen fortschreitet bzw fortschreiten sollte. … Die Achsenzeit-Theorie versteht diesen Weg jedoch von allem Anfang an als global, jedenfalls als transkulturell, weil China, Indien, Persien, Israel und Griechenland ihn gleichzeitig beschritten und auf lange Sicht alle anderen Kulturen nachgezogen haben.

Isabel Bogdan „Der Pfau“ erschienen im Insel Verlag

Ein charmant heruntergekommener Landsitz in den schottischen Highlands, eine Londoner Investmentbankertruppe zum Teambuilding – und ein durchgedrehter Pfau, der bei Blau nur noch rotsieht und dadurch ein Geschehen in Gang setzt, das alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt.

Leichte Lektüre die große Lust auf einen Schottland-Besuch mit Scones und High Tea macht.

Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt.

Amanda Cross „Poetic Justice“ auf deutsch unter dem Titel „Eine feine Gesellschaft“ im dtv Verlag

Wir schreiben das Jahr 1970 in New York City, und die Universität, an der Professorin Kate Fansler viktorianische Literatur unterrichtet, ist von Studentenunruhen heimgesucht worden. Das Überleben des University College steht in Frage, zumal ihr Präsident Jeremiah Cudlipp entschlossen ist, es zu schließen.

Mitten in der Abwägung zwischen Dissertationsvorschlägen und akademischer Politik steht Kate vor einem unüberwindbaren Hindernis. Doch bewaffnet mit einer Handvoll rebellischer Kollegen, der Poesie von W. H. Auden und ihrem neuen Verlobten gibt sie nicht auf.

Kate ist bereit, bis zum Tod für ihr College zu kämpfen, aber nur ein Wunder – oder vielleicht ein Mord – kann ihre geliebte Institution retten …

The news that Kate was acquiring a husband became, as the fall semester got under way, the excuse for a bacchanal. Which is to say that the three secretaries in the English Department, certain that marriage is more important than revolution, planned a department party to celebrate.

Wer nervenzerreissende Spannungsliteratur sollte nicht zu diesem Buch greifen. Es ist kein wirklich Krimi, mehr ein feministischer Feelgood-Krimi mit viel literarischem Flair, den ich wieder gerne gelesen habe und der mir große Lust auf die Gedichte von Auden machte.

Lauren Groff „Matrix“ auf deutsch unter dem gleichen Titel im Claassen Verlag

Eine Geschichte von weiblicher Gemeinschaft und Macht. Ein Fest der Erzählfreude, der Erfindungskraft und des Intellekts. Das neue Meisterwerk von Lauren Groff.

Marie ist siebzehn Jahre alt, groß und ungelenk und nach allgemeiner Ansicht ungeeignet für die Ehe und das höfische Leben. Sie verehrt ihre Königin, Eleanore von Aquitanien, doch die verstößt sie mit einem Lächeln: Marie soll Priorin eines abgelegenen Klosters werden, irgendwo im Schlamme Englands, fern von den zärtlichen Zuwendungen ihrer Dienerin. Lebendig begraben in der Gemeinschaft verarmter, frierender, hungernder Nonnen – ausgerechnet sie, die aus einer Familie von Kriegerinnen stammt und alles andere als fromm ist. Doch in der Abgeschlossenheit des Klosters findet Marie für sich und ihre Schwestern ungeahnte Möglichkeiten von weltlichem Einfluss, Wohlstand und neuer Gemeinschaft.

Matrix erzählt die Geschichte einer fehlbaren Heldin: einer Frau – kriegerisch, imposant, machtbewusst, hingebungsvoll –, deren Visionen verlorengehen, wie so viele Stimmen starker Frauen im Lauf der Geschichte. Der neue, flirrend aufregende Roman von Lauren Groff erweckt sie zum Leben und beschwört die utopische Kraft weiblicher Kreativität in einer korrumpierten Welt.

Großes Lese-Highlight für mich.

Women act counter to all the laws of submission when they remove themselves from availability.

Judith Hermann „Alice“ erschienen im S. Fischer Verlag

Wenn jemand geht, der dir nahe ist, ändert sich dein ganzes Leben, es ändert sich, ob du willst oder nicht. Alles wird anders. Alice ist die Heldin dieser fünf Geschichten, alle erzählen von ihr – und davon, wie das Leben ist und das Lieben, wenn Menschen nicht mehr da sind. Dinge bleiben zurück, Bücher, Briefe, Bilder, und ab und zu täuscht man sich in einem Gesicht. Lebenswege kreuzen sich, ändern die Richtung und werden unwiederbringlich auseinandergeführt.

Wie schon in „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ schreibt Judith Hermann Geschichten von filigraner dunkler Schönheit.

Das siebente Haus ist das Haus der Türen. Durch die die Menschen kommen und von dir weggehen. Die Planeten laufen langsam, aber sie machen ihre Transite, und dann ändert sich dein ganzes Leben.

Lisa Kröger & Melanie R. Anderson – Monster, she wrote erschienen bei Quirk Books

Wer mich und meinen Blog ein bisschen kennt, weiß um meine große Liebe zu Gothic, Grusel und Übernatürlichem, daher war dieses spannende Büchlein hier absolut perfekt für mich. Hier treffen wir die Autorinnen, die sich den Konventionen widersetzten und einige der ungewöhnlichsten Geschichten der Literatur schufen, von Frankenstein bis The Haunting of Hill House und noch viel mehr.

Frankenstein war nur der Anfang: Horrorgeschichten und andere gruselige Romane gäbe es nicht ohne die Frauen, die sie geschaffen haben. Von Gothic-Geistergeschichten über psychologischen Horror bis hin zu Science-Fiction – Frauen waren die Hauptakteure der spekulativen Literatur in den unterschiedlichsten Genres. Und ihre eigenen Lebensgeschichten sind oft ebenso faszinierend wie ihre Geschichten. Jeder kennt Mary Shelley, die Schöpferin von Frankenstein, von der es heißt, sie habe das Herz ihres verstorbenen Mannes in ihrer Schreibtischschublade aufbewahrt. Aber kennt ihr zum Beispiel Margaret „Mad Madge“ Cavendish über die Marius von Buchhaltung in meiner „Women in SciFi“-Reihe berichtete, die 150 Jahre zuvor ein Science-Fiction-Epos schrieb (und im Theater gerne oben ohne rumlief)?

Über Shirley Jackson deren Roman The Haunting of Hill House als Netflix-Serie neu erfunden wurde, muss ich nicht viel sagen, habe mich aber sehr gefreut auch wirklich spannende Neuentdeckungen zu machen, wie zum Beispiel die Autorin von psychologischen Spukgeschichten, Violet Paget, die in der viktorianischen Ära ganz offen langfristige romantische Beziehungen mit Frauen unterhalten hat. In diesem Buch trifft man bekannte Ikonen, vergessene Autorinnen und die heutige Avantgarde. Kuratierte Leselisten haben meinen Wunschzettel dann auch entsprechend wachsen lassen.

Teils Biografie, teils Leseführer, stellen die fesselnden Beschreibungen und detaillierten Leselisten mehr als hundert Autorinnen und über zweihundert ihrer geheimnisvollen und gruseligen Romane, Novellen und Geschichten vor.

Sarah Perry „Melmoth“ auf deutsch unter dem gleichen Titel im Eichborn Verlag erschienen, übersetzt von Eva Bonné

Ein fesselnder und wunderbar unheimlicher Roman…

Helen Franklins Leben nimmt eine jähe Wende, als sie in Prag auf ein seltsames Manuskript stößt. Es handelt von Melmoth – einer mysteriösen Frau in Schwarz, der Legende nach dazu verdammt, auf ewig über die Erde zu wandeln. Helen findet immer neue Hinweise auf Melmoth in geheimnisvollen Briefen und Tagebüchern – und sie fühlt sich gleichzeitig verfolgt. Liegt die Antwort, ob es Melmoth wirklich gibt, in Helens eigener Vergangenheit?

Ein Buch, das einen packt und nicht mehr loslässt. Düster, mystisch und beklemmend – ganz nach meinem Geschmack.

My reader, my dear- you know her, you have been waiting for her: it is the witness, the wandering woman- the punished world’s wickedness unfolds! Oh beloved one, my companion- it is I, Melmoth, whose voice you have heard all these hours, all these days…It was I who told you to read, and to bear witness….Didn’t you know? Didn’t you guess?

Carlo Rovelli „Seven Brief Lessons on Physics“ auf deutsch unter dem Titel „Sieben kurze Lektionen über Physik“ und „The Order of Time“ auf deutsch unter dem Titel „Die Ordnung der Zeit“ beide erschienen im Rowohlt Verlag, übersetzt von Sigrid Vagt bzw Enrico Heinemann

Wo kommen wir her? Was können wir wissen? Seit ihren umwälzenden Entdeckungen im zwanzigsten Jahrhundert spüren Physiker den Kräften und Teilchen nach, die die Welt im Innersten und Äußersten zusammenhalten. Für jedermann verständlich, hat Carlo Rovelli dieses zauberhafte Buch darüber geschrieben. Es stürmte in wenigen Wochen an die Spitze der italienischen Bestsellerliste und wird derzeit in fast zwanzig Sprachen übersetzt.

In the awareness that we can always be wrong, and therefore ready at any moment to change direction if a new track appears; but knowing also that if we are good enough we will get it right and will find what we are seeking. This is the nature of science.


In eleganten, klaren Sätzen erklärt Rovelli die Physik der Moderne: Einstein und die Relativitätstheorie, Max Planck und die Quantenmechanik, die Entstehung des Universums, Schwarze Löcher, die Elementarteilchen, die Beschaffenheit von Raum und Zeit – und die Loop-Theorie, sein ureigenstes Arbeitsfeld.


There are frontiers where we are learning, and our desire for knowledge burns. They are in the most minute reaches of the fabric of space, at the origins of the cosmos, in the nature of time, in the phenomenon of black holes, and in the workings of our own thought processes. Here, on the edge of what we know, in contact with the ocean of the unknown, shines the mystery and the beauty of the world. And it’s breathtaking.

Warum stehen wir mit den Füßen auf dem Boden? Newton meinte, weil sich Massen anziehen, Einstein sagte, weil sich die Raumzeit krümmt. Carlo Rovelli hat eine andere Erklärung: vielleicht ja deshalb, weil es uns immer dorthin zieht, wo die Zeit am langsamsten vergeht. Wenn, ja wenn es so etwas wie Zeit überhaupt gibt. Kaum etwas interessiert theoretische Physiker von Rang so sehr wie der Begriff der Zeit. Leben wir in der Zeit oder lebt die Zeit vielleicht nur in uns? Warum der physikalische Zeitbegriff immer weiter verschwimmt, je mehr man sich ihm nähert, warum es im Universum keine allgemeine Gegenwart gibt, warum die Welt aus Geschehnissen besteht und nicht aus Dingen und warum wir Menschen dennoch gar nicht anders können, als ein Zeitbewusstsein zu entwickeln: Rovelli nimmt uns mit auf eine Reise durch unsere Vorstellungen von der Zeit und spürt ihren Regeln und Rätseln nach. 

This is time for us. Memory. A nostalgia. The pain of absence. But it isn’t absence that causes sorrow. It is affection and love. Without affection, without love, such absences would cause us no pain.
For this reason, even the pain caused by absence is in the end something good and even beautiful. Because it feeds on that which gives meaning to life.

Freue mich sehr über Rückmeldung von Euch daher sagt mal habt ihr schon eines der Bücher gelesen bzw konnte ich euch Lust auf das eine oder andere machen?

Happy Reading 🙂

Meine Woche

Gesehen: Crimes of the Future (2022) von David Cronenberg mit Kristen Stewart, Léa Seydoux und Viggo Mortensen. Dystopischer Body Horror und die Bingereader-Gattin wird nie darüber hinwegkommen, dass KStew nur wenige Blocks entfernt in einem anderen Kino zur Premiere war und wir das zu spät mitbekommen haben.

The Last Duel (2021) von Ridley Scott mit Jodie Comer, Matt Damon und Adam Driver. Eine wahre Geschichte um Verrat, Rache und Rivalität im brutalen Frankreich des 14. Jahrhunderts.

Nightmare Alley (2021) von Guillermo del Toro mit Cate Blanchett, Rooney Mara und Bradley Cooper. Tolle Bilder, wirkte wie eine Fortsetzung von Carol nur mit deutlich zu wenig screen time für die beiden Damen.

Death on the Nile (2022) von Kenneth Branagh mit Gal Gadot, Emma Mackay, Arnie Hammer, Annette Bening. Schöne Bilder, ganz unterhaltsam aber kein wirklich guter Film.

Moonfall (2022) von Roland Emmerich mit Hale Berry und Patrick Wilson. Der Mond ist eine super structure und das Drehbuch hier hätte auch etwas Struktur gebraucht. Wow war der schlecht.

Gehört: Crimes of the Future Soundtrack

Gelesen: New York Times

Getan: einen Geburtstags-Überraschungsflug nach New York, mit sehr lieben Freund*innen ein überraschendes NYC Revival gefeiert, Boot gefahren, auf Dachterrassen Cocktails getrunken, die Füße platt gelaufen (Highline!), KStew nur auf der Leinwand gesehen, viel und lecker gegessen…

Gefreut: über diesen wahnsinnig wunderbar geplanten Trip nach New York und ich habe insgesamt die besten Freund*innen der Welt

Geweint: nein

Gegessen: im Print, Freemans, Pepe Giallo, Hwa Yuan, im Iris, bei Miznon und im San Carlo Osteria Piemonte

Geklickt: nope

Gestaunt: was für ne Schissbüx ich on THE EDGE war, über die mega coolen Dinosaurier im National History Museum und die mega Buchläden

Gelacht: über unseren abgebrochenen Segeltörn

Gewünscht: ein Apartment hier oder hier oder hier oder irgendwo in NYC 😉

Gefunden: einen Gedichtband in einer free little library mit einer spannenden Geschichte

Gekauft: Bücher, Tshirts, Jeans

Gedacht: I miss New York. Take me home //Carrie Bradshaw

21 aus 21

Die liebsten, die spannensten, die mich am meisten zum Nachdenken angeregt haben und es fehlen im Bild die verliehenen oder die, die ich als Hörbuch gehört habe:

Was waren eure liebsten in 2021? Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch und danke für die Treue, die Kommentare, das Feeback, die Freundschaft. Ich wünsche Euch allen von Herzen ein tolles 2022 mit viel Glück, Gesundheit und Zeit zum lesen und nachdenken.

Türchen 24: Midwinter Murder – Agatha Christie

Heute empfehle ich euch tatsächlich ein Buch, dass ich noch nicht (zu Ende) gelesen habe. Damit hab ich mich heute nacht ins Weihnachtsfest hineingelesen. Es gibt einfach nix schöneres als ein kuscheliger „Whodunit“ Krimi bei dem es viel knisterndes Kaminfeuer, sinistre Morde und kluge Ermittler*innen – am besten noch in tief verschneiten Herrschaftshäusern.

Der Band enthält folgende Kurzgeschichten:

– The Chocolate Box
– A Christmas Tragedy
– The Coming of Mr Quin
– The Mystery of the Baghdad Chest
– The Clergyman’s Daughter
– The Plymouth Express
– Problem at Pollensa Bay
– Sanctuary
– The Mystery of Hunter’s Lodge
– The World’s End
– The Manhood of Edward Robinson
– Christmas Adventure

Meine Lieben – macht euch einen Hot Toddy, legt die Füße hoch, schnappt euch ein Buch, werft den Kamin an – so ihr einen habt (mein Neid ist euch gewiss), ich wünsche euch erholsame, glückliche, lesereiche Weihnachtsfeiertage und rutscht gut ins neue Jahr.

Verratet mir gerne welche Bücher ihr unter dem Weihnachtsbaum gefunden habt…

Türchen 23: Literary Witches – Taisia Kitaiskaia

Heute ein wunderbares Verschenkbuch. Hier werden die hexenhaftesten Schriftstellerinnen mit wunderschönen Illustrationen und fantasievollen Vignetten gefeiert und es macht richtig Spaß.

Literary Witches stellt eine Verbindung zwischen Hexen und visionären Schriftstellerinnen her: Beide sind Gestalten von beeindruckender Kreativität, Macht und allgemeiner Unerschrockenheit. In poetischen Porträts würdigen Taisia Kitaiskaia und Katy Horan die hexenhaften Qualitäten bekannter und unbekannter Autoreinnen, darunter Virginia Woolf, Mira Bai, Toni Morrison, Emily Dickinson, Octavia E. Butler, Sandra Cisneros und viele mehr.

Literary Witches ist perfekt für Buchliebhaber oder alle Möchtegern-Hexen und eine Quelle der Inspiration. Kitaiskaia und die großartige Illustratorin Katy Horan geben neue Einblicke in die beliebtesten Autoren, empfehlen bezaubernde neue Schriftstellerinnen und laden ein, die Magie der Literatur neu zu entdecken. Leider ist das Buch bisher nur in Englisch erhältlich soweit ich gesehen habe.

Wer ist für euch eine „Literary Witch“ par excellence? Für mich ganz klar Margaret Atwood und Virginia Woolf

Türchen 22: My dark Vanessa – Kate Elizabeth Russell

Hinter diesem Türchen verbirgt sich alles andere als Wohlfühl-Lektüre, aber ein ungemein wichtiges Buch. Es sollte Pflichtlektüre werden für all die Leute die sich ständig empört fragen, warum Frauen denn sexuelle Übergriffe jetzt erst melden, wenn sie doch schon in den 1990er Jahren passiert sind oder so. Die dann reflexartig sofort annehmen, die Frauen lügen doch und wollen doch nur Geld und/oder Aufmerksamkeit.

Es geht in dem Roman um die psychologische Dynamik der Beziehung zwischen einem eher naiven Teenager-Mädchen und ihrem manipulativen Lehrer. Im Jahr 2000 verstrickt sich die aufgeweckte, ehrgeizige und sich nach Erwachsensein sehnende Vanessa in eine Affäre mit Jacob Strane, ihrem anziehenden, manipulativen zweiundvierzigjährigen Englischlehrer.

Ein paar Jahre später wird inmitten der zunehmenden Welle von Anschuldigungen gegen mächtige Männer auch Strane von einer ehemaligen Schülerin des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Diese Schülerin wendet sich an Vanessa und nun steht sie plötzlich vor einer unmöglichen Wahl: schweigen, fest in dem Glauben, dass ihr jugendliches Ich sich freiwillig auf diese Beziehung eingelassen hat, oder sich selbst und die Ereignisse ihrer Vergangenheit neu definieren. Aber wie kann Vanessa ihre erste Liebe zurückweisen, den Mann, der sie von Grund auf verändert hat und in ihrem Leben immer präsent war? Ist es möglich, dass der Mann, den sie als Teenager liebte und der behauptete, nur sie anzubeten, ganz anders ist, als sie immer geglaubt hat?

“I can’t lose the thing I’ve held onto for so long, you know?” My face twists up from the pain of pushing it out. “I just really need it to be a love story, you know? I really, really need it to be that.”
“I know,” she says.
“Because if it isn’t a love story, then what is it”? I look to her glassy eyes, her face of wide open empathy. “It’s my life,” I say. “This has been my whole life.”

Im Wechsel zwischen Vanessas Gegenwart und ihrer Vergangenheit stellt „My Dark Vanessa“ Erinnerungen und Traumata der Aufregung eines Teenagers gegenüber, der die Macht seines eigenen Körpers entdeckt. Dieses Buch regt unglaublich zum Nachdenken an und ich konnte es nicht aus der Hand legen.

Eine großartige Schilderung einer gestörten Beziehung und ihrer Auswirkungen, die wichtige Fragen über Handlungsfähigkeit, Zustimmung, Mitschuld und Opferrolle aufwirft. Für mich ein wichtier Roman, der auf brillante Weise die sich wandelnden kulturellen Sitten, die unsere Beziehungen und die Gesellschaft selbst verändern, einfängt und widerspiegelt.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Meine dunkle Vanessa“ im Bertelsmann Verlag.

Türchen 21: The Memory Police – Yoko Ogawa

Heute mogel ich euch nochmal ein Buch unter, das ich bereits vor einer ganzen Weile gehört und gelesen habe. Vor fast zwei Jahren um genauso zu sein. Ich weiß es noch einigermaßen genau, denn es war im ersten Lockdown als hier in München panzerartige Fahrzeuge durch die Straßen fuhren um die Leute aufzufordern in den Häusern zu bleiben. Da spazierte ich gerade mit dem Hörbuch auf den Ohren an der Isar entlang und machte mich eilenden Schrittes auf den Heimweg. Gruselig war das.

Das war auch deshalb so gruselig, weil es an dem Tag unfassbar grau war, die Wolken hingen tief und passte damit wunderbar zu der melancholisch-düsteren Stimmung im Buch. Ich habe selten so sehr das Gefühl gehabt mitten in einem Buch zu sein, wie bei der Kombi aus Lockdown und Buch. Daher auch meine Warnung. Das ist kein heiteres Buch – aber ein poetisch-melancholisch-düsteres. Wer aber das Gefühl hat schon tief genug im molasseartigen Pandemie-Schlick zu stecken, der sollte sich das Buch vielleicht für sonnigere Tage aufheben.

Worum geht es?

Auf einer namenlosen Insel vor einer namenlosen Küste verschwinden Gegenstände: zuerst Hüte, dann Bänder, Vögel, Rosen – bis die Dinge viel ernster werden. Die meisten Inselbewohner bemerken diese Veränderungen nicht, während die wenigen, die die Fähigkeit haben, sich an die verschwundenen Gegenstände zu erinnern, in Angst vor der drakonischen Gedächtnispolizei leben, die dafür sorgen will, dass das Verschwundene vergessen bleibt.

Als eine junge Frau, die um ihre Karriere als Schriftstellerin kämpft, erfährt, dass ihr Lektor von der Gedächtnispolizei bedroht ist, beschließt sie ihn unter ihren Fußbodendielen zu verstecken. Als Angst und die Sorge um weitere Verluste sie drohen einzuholen, bietet ihr das Schreiben die letzte und einzige Möglichkeit, die Vergangenheit zu bewahren.

Die Erinnerungspolizei ist eine surreale, provokante Fabel über die Macht der Erinnerung und das Trauma des Verlusts. Eine atemberaubende beklemmende poetische Atmosphäre haben bei mir dafür gesorgt, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte bzw jede Gelegenheit zum Spaziergang nutzte um weiterhören zu können.

Habt ihr schon etwas von Yoko Ogawa gelesen?

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Insel der verlorenen Erinnerung“ im Liebeskind Verlag.

Türchen 20: Die Topeka Schule – Ben Lerner

Dieses Buch kam ganz spontan und überraschend ins Haus, von einer lieben Freundin aus Berlin, auf deren literarische Empfehlungen ich viel gebe. Ich wollte auch nur schnell mal reinlesen, um es dann in den Weihnachtsferien zu lesen, bin aber direkt hängengeblieben und es ist einer meiner literarischen Highlights dieses Jahr geworden:

Adam Gordon ist Oberstufenschüler an der Topeka High School, Abschlussjahrgang 1997. Seine Mutter, Jane, ist eine berühmte feministische Autorin; sein Vater, Jonathan, ist ein Experte darin, „verlorene Jungen“ dazu zu bringen, sich zu öffnen. Beide arbeiten in der Foundation, einer bekannten psychiatrischen Klinik, die Mitarbeiter und Patienten aus der ganzen Welt anzieht. Adam ist auch einer der älteren Schüler, die den Einzelgänger Darren Eberheart – der, was Adam nicht weiß, ein Patient seines Vaters ist – in deren Clique einführen, was katastrophale Auswirkungen hat.

Adam Gordon ist erfolgreiches Mitglied des Debattierclubs seiner Highschool. Die Wettbewerbe haben sich durch eine Technik verändert, die „Schnellsen“ genannt wird. Ähnlich wie in einer Fernsehwerbung für Medikamente, in der die potentiellen Nebenwirkungen am Ende in Hochgeschwindigkeit heruntergespult werden, befeuern sich auch beim Schnellsen die Diskutanten mit einer Flut von in unverständlichem Tempo vorgetragenen Fakten. Es geht nicht um Argumentation, sondern um Überwältigung, nicht um Kompetenz, sondern um die effektivste Strategie in einem Krieg der Redeströme:

Derartige Offenlegungen waren zur Verschleierung gedacht; sie setzten einen Informationen aus, die, sollte man die betreffende Institution herausfordern, wie ein übergangenes Argument in einer Debattierrunde behandelt würden – man hat die Stichhaltigkeit des Arguments bereits zugestanden, indem man nicht darauf eingegangen ist, als es vorgebracht wurde. Dass man keine Zeit dazu hatte, ist keine Ausrede.

„Schon vor dem 24-Stunden-Nachrichtenzyklus, den Twitter-Stürmen, dem algorithmischen Handel, den Tabellenkalkulationen und der DDoS-Attacke wurden Amerikaner in ihrem Alltagsleben „geschnellst“; unterdessen sprachen ihre Politiker weiter ganz langsam von Werten, die mit ihrer Politik überhaupt nichts zu tun hatten.“

Die Topeka Schule ist die Geschichte einer Familie um die Jahrtausendwende. Die Geschichte einer Mutter, die sich von einem Missbrauch befreien will; eines Vaters, der seine Ehe verrät; eines Sohnes, dem die ganzen Rituale von Männlichkeit suspekt werden und der zunehmend verstummt. Eine Geschichte von Konflikten und Kämpfen und versuchten Versöhnungen. In „Die Topeka Schule“ geht Ben Lerner den Ursachen der rhetorisch aufgeheizten politischen Gegenwart gekonnt auf den Grund.

Ich möchte defintiv noch die anderen Bücher von Lerner unter die Lupe nehmen und mich auch mit den Werken seiner Mutter, Harriet Lerner, einer Psychologin und Feministin beschäftigen. Eine spannende Familie.

Habt ihr schon was von Ben oder Harriet Lerner gelesen?

Türchen 19: Gesammelte Tshirts – Haruki Murakami

Herr Murakami ist mir mit dieser Idee zuvor gekommen! Ich könnte und würde schon auch gerne mal ein Buch machen zu meinen gesammelten Tshirts. Im Gegensatz zu ihm ziehe ich die aber alle an. Und mangels Haus oder gar Häuser muss ich mich auch schweren Herzens trennen, wenn Bandshirts aus den 90ern vom Leib fallen oder man selbst mit viel Anstrengung nicht mehr erkennen kann, was überhaupt zu sehen sein sollte auf dem Shirt.

Eine liebe Freundin aus dem Bookclub hat mich (neben einem anderen spannenden Buch – doch dazu demnächst hier mehr) mit diesem Kleinod des Murakamischen Kaleidoskops als Secret Santa überrascht.

Das Buch bietet einen Überblick über die megalomanische Sammlung an Tshirts im Hause Murakami. Der Mann ist anscheinend der geborene Sammler. Ob Shirts, Platten, Bücher, Autos, Flipperautomaten, Laufveranstaltungen – er kann nicht genug bekommen. Seltsam eigentlich für einen ansonsten so asketisch agierenden Herren, der stets nur einfache Mahlzeiten zu sich nimmt mit maximal einem kleinen Bier oder Whisky und der spätestens um 21.00 Uhr im Bett liegt nachdem er 50km gelaufen ist.

Oh und er spricht wirklich nicht gern über sich, aber auch grundsätzlich glaube ich nicht so wahnsinnig gerne mit anderen Leuten. Da lässt er lieber seine Shirts sprechen, die tatsächlich eine Menge über ihn verraten. Also zum Beispiel wie wenig gerne er mit anderen spricht, oder noch schlimmer von anderen angesprochen werden möchte, wie er es schon als junger Mann geschafft hat soviel Zeit in seinem Leben ohne Lohn-Arbeit zu verbringen (die Sache auf die ich bei ihm am allerneidischsten bin – behalte all dein Geld, deine Häuser, deine Autos – ich will nur deine ZEIT!) und wie sehr er auf sein Geld achtet, egal wieviel er mittlerweile davon wahrscheinlich hat.

Das Buch selbst hat nur zwei Tshirts auf meinen Shirt-Wunschzettel geworfen, ansonsten haben Herr Murakami und ich auch weiterhin eine erstaunlich kleine Schnittmenge was Shirts, Musik und Autos angeht. Bei Büchern ist sie deutlich größer.

Das perfekte Geschenk für alle Hardcore Murakami Fans, die ihre Sammlung komplettieren wollen, oder Lust haben noch ein bisschen mehr über den introvertierten Meister zu erfahren. Erschienen ist „Gesammelte Tshirts“ im Dumont Verlag, übersetzt wurde es von Ursula Gräfe.

Ach ja und Vorbestellungen für mein Buch „Bingereaders gesammelte Tshirts“ können hier direkt aufgegeben werden 😉