Books & Booze: Lolita

“It was love at first sight, at last sight, at ever and ever sight.”

 

Wenige Bücher polarisieren so sehr wie „Lolita“, bei dem selbst Buchhändlerinnen gelegentlich zugeben, es nicht lesen zu wollen, schließlich handle es sich beim Protagonisten um einen Pädophilen. Ich bin selbst reichlich skeptisch an das Buch herangegangen beim ersten Lesen, war dann aber schon nach wenigen Seiten vom Nabokov-Virus infiziert. Es ist nach wie vor eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

Diese Woche sollte es eine Vodka-basierter Cocktail sein, da liegt es nahe, dass wir uns literarisch nach Russland begeben. Die Wahl fiel beim Cocktail auf einen White Russian und als Liberaler alter Schule passte der unserer Ansicht nach von all den russischen Autoren in unserem Regal am besten zu Nabokov.

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Die Nabokov-Enthusiasten werden jetzt wahrscheinlich über uns herfallen, denn ja, er trank anscheinend gar keinen Vodka, eher einen Gin&Tonic oder einen Whisky, aber Vodka eher nicht. Da sehen wir jetzt mal großzügig drüber hinweg genießen unseren Drink, trinken auf Nabokov und versuchen euch (erneute?) Lust auf „Lolita“ zu machen.

Nabokov schrieb das Buch 1955 auf einem seiner jährlichen Schmetterlings-Sammel-Trips im Westen der Vereinigten Staaten. Seine Frau Véra agierte als Sekretärin, Typistin, Editorin, Übersetzerin, Agentin, Anwältin, Managerin, Chauffeurin, sie übernahm die Recherchen für ihn und nebenbei war sie auch noch Lehrassistentin und Vertretungs-Dozentin an einer Universität. Bei dieser Aufzählung wurde uns schwindelig, wir mussten uns kurz setzen und wollten unbedingt sofort und auf der Stelle einen doppelten White Russian für Véra mixen und ihr einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende überreichen.

Sie war es auch, die Vladimir Nabokov stoppte, als er den Entwurf für „Lolita“ ins Feuer werfen wollte. Eine Frau mit Nerven aus Stahl und wir sind uns 100% sicher, ohne sie gäbe es Lolita nicht – in jeglicher Hinsicht.

Der Plot von Lolita ist den meisten wahrscheinlich weitestgehend bekannt. Humbert Humbert, ein Herr mittleren Alters, entwickelt eine leidenschaftliche Obsession für die zwölfjährige Dolores Haze. Er heiratet ihre Mutter, um Dolores nahe zu sein und macht sich nach dem Tod der Mutter mir ihr auf einen Road Trip durch die USA.

Ein britischer Kritiker nannte es kurz nach Erscheinen das Buch „the filthiest book I have ever read“, macht euch selbst ein Bild – wir halten es für eines der ganz großen Werke in der Weltliteratur.

Hier ein kurzes Interview mit Nabokov zu Lolita:

Hier das Rezept für das Nakokov-Begleitgetränk „White Russian“ aus dem Labor der Münchner Küchenexperimente – lasst es Euch schmecken.

4 cl Vodka

3 cl Kaffeelikör (Favorit: Kahlua)

3 cl Sahne

3 Eiswürfel

Die Eistwürfel mit dem Vodka und dem Kaffeelikör in ein Glas geben und kurz durchrühren. Anschließend die Sahne in einem geschlossenen Behältnis kurz, aber kräftig schütteln, so dass es etwas fester wird. Dann vorsichtig auf die Vodka-Kaffeelikör-Mischung geben.

White Russian

Nastrovje!

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Short and Sweet

Es wird mal wieder Zeit für eine Short and Sweet Session, jedes Einzelne der Bücher hätte eine ausführliche Rezension verdient, die Binge Readerin ist aber zu faul und möchte ihren Stapel wegbekommen, daher hier kurz und knackig die Kurzrezensionen der gelesenen und bisher noch nicht rezensierten Bücher der letzten Wochen.

Ich lasse dem wunderbaren Dandy Fritz J Raddatz den Vortritt, dessen Erinnerungen „Unruhestifer“ mich sehr begeistert haben. Habe ihn ehrlich gesagt erst seit kürzerer Zeit auf dem Radar, ausgelöst meine ich durch ein Interview in „druckfrisch“ vor ein paar Jahren, aber wow – was für eine spannende Persönlichkeit.

Er war meine passende Reisebegleitung nach Hamburg.

Raddatz

Seine Erinnerungen sind eine actionreiche, glamouröse Tour de Force durch den Kulturbetrieb der BRD. Der ehemalige Programmchef des Rowohlt-Verlages und ehemalige Feuilleton-Chef der Zeit hat als Literaturkritiker, Autoren-Entdecker und Feuilletonist überall mächtig Staub aufgewirbelt und kein Stein auf dem anderen gelassen. Für mich waren insbesondere der Anfang, seine Wurzeln, Familienhintergründe und seine späten Erinnerungen von besonderem Interesse, da ich doch mit einigen Namen aus dem früheren Kulturbetrieb nicht wirklich etwas anfangen konnte. Herr Raddatz schaut dem Feuilleton unter den Rock und wir ihm voyeuristisch dabei über die Schulter. Unbedingt kaufen und lesen.

„Unsere Beziehung, die wir – und wir beide wissen, warum – sachlich gehalten haben, weil Nähe nur aus Distanz möglich ist, weil man sich nicht duzt, wenn man sich per Sie näher ist – diese Beziehung sollte erlauben, auch spontan für den anderen da zu sein, ohne sich Intimitäten breit auszuwalzen.“

bestarium

Von meiner entzückenden Buchmessen-Begleiterin Birgit von Sätze und Schätze habe ich kürzlich passenderweise Raddatz‘ „Bestarium der deutschen Literatur“ geschenkt bekommen, das bot sich natürlich gleich als Anschlusslektüre an. Die literarischen Fabeltiere der Gegenwartsliteratur sind ausgesprochen charmant und die Zeichnungen von Klaus Ensikat absolut meisterhaft.

Jane Jacobs – The Godmother of the American City ist die legendäre Autorin des einflussreichen Buches „The Death and Life of Great American Cities“ das seit seinem Erscheinen 1961 ununterbrochen wieder verlegt wurde und die maßgeblich Einfluss auf die Disziplinen Stadtplanung und städtische Architektur genommen hat.

jane Jacobs

In der „Last Interview„-Reihe umfasst ihre Interview aus den Jahren 1962, 1978, 2001 und das letzte aus dem Jahr 2005.  Die Gespräche beleuchten die einzigartige Karriere der beliebten und einflussreichen Intellektuellen und Aktivistin, die sich schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für eine organische nachhaltige Stadtplanung eingesetzt hat.

Jane Jacobs ist in Deutschland noch recht unbekannt, als Einstieg kann ich diesen Band absolut empfehlen. Eine brilliante Analystin, Ökonomin und politische Kommentatorin, die sich lohnt kennenzulernen.

„Jacobs has probably bludgeoned more old songs, rallied more support, fought harder, caused more trouble, and made more enemies than any other American woman … She is the terror of every politican in town“

Eine unterhaltsame Zugfahrt bereitete mir vor einer ganzen Weile schon Daniel Kehlmanns „F“ – der Roman erzählt von drei Brüdern, die – jeder auf seine Weise – Betrüger, Heuchler, Fälscher sind. Das „F“ hängt von Anfang an schicksalsschwer über ihren Köpfen in Form von Familie, Fälschung, Fehlentscheidungen und das Kapitel mit dem Hypnotiseur war einfach nur brilliant, zum Ende hin ist es etwas abgefallen, aber Kehlmann ist eigentlich immer ein Garant für Unterhaltung auf hohem Niveau.

Kehlmann

„Keiner konnte einem helfen. Kein Buch, kein Lehrer. Alles Entscheidende musste man aus eigener Kraft lernen, und gelang es nicht, hatte man sein Leben verfehlt. Iwan fragte sich oft, wie Leute, die nichts Besonderes konnten, das Dasein eigentlich ertrugen.“

Vladimir NabokovsInvitation to a Beheading“ verkörpert die reichlich bizarre Vision einer komplett irrationalen und absurden Welt. In der März-Lektüre unseres Bookclubs geht es um einen jungen Mann namens Cincinnatus, der in einem nicht genannten Land im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Seine Begegnungen dort sind komplett irrational und reichen von Henkern, die sich als Gefangene maskieren, bis hin zu phantastischen Gefängniswärtern und künstlichen Spinnen.

Im Inneren des Traumzustandes herrscht jedoch eine gewisse Logik, die der Erzählung seine Glaubwürdigkeit verleiht: Wir glauben, dass in einem totalitären Staat das Schicksal eines Cincinnatus nur allzu real ist. Das erinnert an die Megalomanie der Tyrannen, die ja leider gerade wieder Hochkonjunktur haben.

Nabokov

“But then I have long since grown accustomed to the thought that what we call dreams is semi-reality, the promise of reality, a foreglimpse and a whiff of it; that is they contain, in a very vague, diluted state, more genuine reality than our vaunted waking life which, in its turn, is semi-sleep, an evil drowsiness into which penetrate in grotesque disguise the sounds and sights of the real world, flowing beyond the periphery of the mind—as when you hear during sleep a dreadful insidious tale because a branch is scraping on the pane, or see yourself sinking into snow because your blanket is sliding off.”

Die Angst eines Sträflings in der Todeszelle wirkt unglaublich beklemmend und man teilt seine Unglauben über seine Umstände, seine Reue für nicht wirklich begangene Verstöße und Misserfolge und seine falsche Hoffnung auf Rettung. Wenn Cincinnatus am Ende auf dem Weg zur Hinrichtung ist, lässt er seinen Henker durch die Kraft seiner Gedanken verschwinden und mit ihm zerfällt die gesamte Welt um ihn herum. Oder nicht?

Cincinnatus hätte sich sicherlich gut mit Kafkas K oder Figuren aus Becketts Stücken verstanden, das Absurde hat nicht jedem in unserem Bookclub zugesagt, auf die wunderschöne Sprache Nabokovs konnten wir uns hingegen absolut einigen. Ich kam aus dem Unterstreichen gar nicht mehr hinaus. „Lolita“ ist nach wie vor mein absoluter Lieblingsroman von Nabokov, aber dieses kleine Büchlein hat es absolut in sich – große Empfehlung von mir.

“What are these hopes, and who is this savior?” “Imagination,” replied Cincinnatus.”

  • Fritz J. Raddatz – „Unruhestifter“ ist im Ullstein Verlag erschienen
  • Fritz J. Raddatz – „Bestarium der deutschen Literatur“ ist im Rowohlt Verlag erschienen
  • Jane Jacobs – „The Last Interview“ ist bei Melville House erschienen
  • Daniel Kehlmann – „F“ ist im Rowohlt Verlag erschienen
  • Vladimir Nabokov – „Invitation to a Beheading“ ist auf deutsch unter dem Titel „Einladung zur Enthauptung“ im Rowohlt Verlag erschienen

Book-a-Day Christmas Challenge

I think it’s time for a another challenge. As I don’t have an Advent-calendar this year I would like to have a nice little book-a-day Challenge. Couldn’t find THE perfect ready-made one, so I came up with my own.

Wanna join ? presentation1

For today’s challenge „The perfect winter read“ I chose Anna Karenina. It has been years ago that I read it but it was the perfect setting. Travelling from Moskau to then Leningrad by train through the most wonderful winter landscape.

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I remember the wonderful language, the hopelessness of the situation and Anna Karenina’s despair.The psychological finesse of Tolstoi is unique and it is impossible not to feel and often suffer with the characters.

Remember when Anna confesses to her husband that she is pregnant by her lover ?

Or when Anna realises her and Wronskis love is fading away:

„Die zwischen ihnen bestehende gereizte Stimmung hatte keine äußere Ursache, und alle Versuche einer gegenseitigen Aussprache dienten nicht zur Beseitigung dieser Stimmung, sondern im Gegenteil zu ihrer Verschärfung. Diese gereizte Stimmung kam von innen her und hatte bei Anna ihren Grund in dem Schwächerwerden seiner Liebe und bei Wronski in der Reue darüber, daß er sich um ihretwillen in eine so peinliche Lage gebracht habe, die sie ihm, statt sie ihm zu erleichtern, immer noch schwerer mache. Keiner von beiden sprach sich über den Grund seiner Gereiztheit aus; aber jeder von ihnen war überzeugt, daß der andere im Unrecht sei, und bemühte sich bei jedem Anlaß, es ihm zu beweisen. “

Should you ever travel to Russia don’t travel without Anna Karenina. It was a wonderful trip but incredibly cold –  I had to buy hand muffs and a hat which made me look quite Anna Karenina like. We walked over the the frozen Baltic Sea in St. Petersburg with Krim Sekt and I never felt more like being in the novel I’m currently reading than at that time.

What is your perfect Winter Read ?

 

Short but sweet

Nein sie haben nicht wirklich etwas miteinander zu tun die drei, außer das ich sie erst kürzlich gelesen und noch nicht besprochen habe. Für die Ausführlichkeit fehlt mir momentan die Zeit, daher heute drei auf einen Schlag und das ganze short und sweet.

Aharon Appelfeld – „Geschichte eines Lebens“

Ein ungewöhnliche, berührende Biografie – trotz aller Schrecklichkeit, die der Geschichte eines Holocaust-Überlebenden innewohnt. Appelfeld zeichnet fesselnde kleine Vignetten, in denen er immer wieder über die Schwierigkeit des Erinnerns sinniert.

Er beschreibt die Zeit bevor seine Mutter getötet wurde, seine Flucht aus dem Ghetto, in dem er mit seinem Vater und Onkel eingesperrt war und seine einsamen Jahre auf der Flucht, die er teils im Wald, teils arbeitend bei anderen Familien verbrachte. Sein unerschütterlicher Glaube, von seiner Mutter und seiner Familie gefunden zu werden, seine Schwierigkeiten als Jugendlicher in Israel Fuß zu fassen, sind bewegend, ohne je sentimental zu werden.

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Ein wunderschönes, bedächtiges Buch, dem ich mit meiner Kurzbeschreibung hier nicht gerecht genug werde. Eine sehr gute Rezension findet ihr bei Sätze und Schätze, dort wurde ich auch an das Buch erinnert, das schon seit längerer Zeit bei mir im Regal stand.

 

Rebecca Solnit – Hoffnung in der Dunkelheit

Ein wiedergelesenes Buch, denn Solnit ist eine Autorin, die ich so sehr schätze und als ich es aus dem Regal holte, da brauchte ich etwas Hoffnung und die versteht Solnit zu geben. Meine leisen Befürchtungen, die Essays aus dem Jahr 2004 könnten vielleicht überholt wirken, waren absolut unbegründet.

Schon 2004 beschäftigte sich Solnit mit Hoffnung in dunklen Zeiten und auch wenn man aus heutiger Sicht glauben mag, 2004 war es doch lange noch nicht so schlimm wie heute, jede Zeit hat seine dunklen Phasen und wir müssen lernen den Optimismus nicht zu verlieren.

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Solnit versucht die hellen Flecken zu finden, nicht nur die Niederlagen zu sehen, sondern die vielen Siege, die es im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben hat. Sie beschäftigt sich mit der Geschichte des politischen und gesellschaftlichen Aktivismus der letzten fünf Jahrzehnte. Vom Fall der Mauer zu den weltweiten Protesten gegen den Irak Krieg. Sie versucht neue Perspektiven aufzuzeigen, in dem man nicht den Misserfolg sieht, weil der Krieg nicht gestoppt wurde, sondern den Erfolg, denn es wurden zahlreiche wertvolle Netzwerke, Gemeinschaften etc. geschaffen.

“Perfection is a stick with which to beat the possible.” 

Solnit ist eine Autorin, die mir direkt aufs Herz schreibt. Die hoffnungsvoll und optimistisch ist und wilde Möglichkeiten sieht. Die aber auch kritisiert und den Finger draufhält, wo es weh tut. .

“People have always been good at imagining the end of the world, which is much easier to picture than the strange sidelong paths of change in a world without end.”

Hoffnung in der Dunkelheit stand im Regal, als ich gerade etwas Hoffnung brauchte, aber ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann ich ihre Bücher einfach grundsätzlich empfehlen.

Thomas Pyczek – Ende der Welt

Nein, keine Dystopie, auch wenn der Titel und meine Vorliebe für dieses Genre das vielleicht nahelegen. Eine Reise in die Vergangenheit, die bis ans Ende der Welt führt. Eine gute Mischung aus Krimi, Reiseliteratur mit einem Schuss Liebe und Erotik.

1991 beschließt André, eine Reise durch Amerika zu machen, bevor er sich endgültig niederlässt und dem Ernst des Lebens widmet. Er kommt bis Feuerland. In Ushuaia trifft er eine geheimnisvolle Frau und verschwindet.

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20 Jahre später macht sich Andrés damalige Freundin mit dem gemeinsamen Sohn  auf die Suche, um endlich zu erfahren was damals passierte. Doch kaum in Ushuaia angekommen, verschwindet auch Jan …

Wer eine Reise nach Feuerland plant, sollte das Buch unbedingt einpacken, es ist aber auch spannend, wenn man es auf der anderen Seite der Welt liest.

Freue mich, wenn ich mit dem einen oder anderen Buch Interesse wecken konnte. Bin gespannt auf Eure Rückmeldungen.

„Geschichte eines Lebens“ ist im Rowohlt Verlag erschienen.
„Hoffnung in der Dunkelheit“ ist im Pendo Verlag erschienen.
„Ende der Welt“ ist hier erhältlich.

 

 

 

 

 

Das hündische Herz – Michail Bulgakow

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Ein angesehener Chirurg schnappt sich einen Straßenköter, um diesem in seiner Wohnung einer Operation zu unterziehen, bei dem er dem Hund die Hoden und die Hirnanhangsdrüse eines toten Mannes transplantiert. Er erschafft dabei ein Monster, ein agressives, betrunkenes, selbstsüchtiges Wesen. Er scheint die schlimmsten Charaktereigenschaften des unfreiwilligen Spenders gleich mit transplantiert zu haben. Seine vorab so geregeltes wohltemperiertes Bourgouis-Zuhause gleitet in Chaos und Anarchie ab und der gute Arzt sieht keinen anderen Weg, als die Transplantation rückgängig zu machen.

So eine Geschichte um einen durchgeknallten Wissenschaftler und sein Frankendog-Experiment, das komplett schiefläuft, muss man einfach lieben. Der feinnervige, opernliebende Doktor ist natürlich komplett überfordert mit der ätzenden Kreatur, doch repräsentiert diese vielleicht den „Homo Sowjeticus“, der ganz und gar dem Zeitgeist entspricht und ist nicht vielleicht der Arzt derjenige, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht (mehr) findet?

Die Büchergilden Ausgabe ist wunderschön. Ein echtes Sammlerstück, ich kann sie jedem ans Herz legen. Die Ästhetik der Illustrationen erinnert in seiner Bild- und Formensprache an wissenschaftliche Bücher, Baupläne und technische Zeichnungen.


Auch diese Novelle Bulgakovs hat eine gute Prise Faust in sich, ist vielleicht noch wilder, komischer und absurder als „Der Meister und Margarita.“ Es ist einerseits eine Kritik an den Zuständen im Russland der 1920er Jahre und gleichzeitig eine Satire auf die menschliche Natur.

„Begreifen Sie doch, das Furchtbare ist, dass er kein hündisches Herz mehr hat, sondern eben ein menschliches.“

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein oder ein Invididuum ? Egal wie viel wir vielleicht an uns herumschnippeln, uns zu optimieren versuchen, wir bleiben doch wer wir sind. Wir können uns nicht akzeptieren, wie wir sind, sind dadurch in der Regel unseres eigenen Unglücks Schmied und zeitgleich unsere eigenen schlimmsten Albträume.

Bulgakow reißt jede Menge Ideen an auf diesen knapp 100 Seiten. Er warnt vor unkontrollierten Eingriffen von Menschen und Regierungen auf andere, davor, wie sehr es schief gehen kann, wenn die Priviligierten sich an den Unterpriviligierten vergreifen, um deren Leben zu verändern.

Auch dieser Bulgakow hat mich wieder absolut überzeugt, mich in seinen Bann gezogen mit seiner einzigartigen, erschreckenden, beißenden Stimme. Eine Stimme, die heute noch genauso relevant ist wie vor knapp 100 Jahren.

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„Das hündische Herz“ macht Spaß, es ist sehr unterhaltsam. Der Doktor kann einem irgendwann einfach nur noch leid tun, statt Ruhm und Aufstieg in den wissenschaftlichen Olymp hat er ein Monster geschaffen, das weder auf ihn hört, ihn schlecht behandelt und ihm seine Unzulänglichkeiten auch noch ständig aufs Butterbrot schmiert.

Es gibt eine italienisch-deutsche Verfilmung des hündischen Herzens aus dem Jahr 1976 „Warum bellt Herr Bobikow“ mit Max von Sydow in der Hauptrolle, die ich mir gerne ansehen würde, so ich ihn denn irgendwo zumindest mit Untertiteln finde:

 

Mehr über den Autor Michail Bulgakow findet ihr in meiner Besprechung seiner Biografie „Ich bin zum Schweigen verdammt.“

„Das hündische Herz“ erschienen bei der Büchergilde Gutenberg.

Ali and Nino – Kurban Said

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Gelegentlich ist die Geschichte hinter dem Roman spannender als der Roman selber. Um „Ali and Nino“ ranken sich auf jeden Fall jede Menge Geheimnisse. Gleich mehrere Personen hat man im Verdacht, der eigentliche Autor zu sein. Unser Juli Bookclub Buch versprach also rätselhafte Detektivarbeit.

Veröffentlicht wurde der Roman 1937 in Wien. Es ist eine klassische Liebes- und Abenteuergeschichte, die ein wenig an Doktor Schiwago erinnert. Das Buch war für fast drei Jahrzehnte nicht lieferbar, vor einigen Jahren wurde es dann wiederentdeckt und neu aufgelegt; dieses Jahr folgte gar eine Verfilmung von Asif Kapadia.

In der Geschichte geht es um Ali, einen muslimischen jungen Mann aus gutem Hause, dessen Familie in Baku (Aserbaidschan) recht einflußreich ist. Damals gehört Aserbaidschan zum Russischen Reich. Ali ist verliebt in Nino, eine junge Christin, die ursprünglich aus Georgien kommt. Kennen- und lieben gelernt haben sich die beiden in der Schule.

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Ali ist leidenschaftlich voll überbordernder Gefühle, ganz dramatischer Verteter des mittleren Ostens, Nino die charismatische, kühle intellektuellere von beiden verkörpert das eher kulturelle Europa.

“Maybe that is the one real division between men: wood men and desert men.”

Erwartunggemäß müssen die beiden so einiges überstehen. Blutfehden, Skandale, abenteuerliche Reisen durch die geheimnisvolle, wunderschöne Wüste. Sie leben eine Weile in einem abgelegenen Bergdorf, in einem opulenten Palast in Persien, doch der drohende erste Weltkrieg bringt sie wieder nach Baku zurück.

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Ali muss sich irgendwann entscheiden zwischen seinen Wurzeln und seiner tiefen Liebe zu Nino. Ein epischer Roman mit viel Exotik, der sicherlich vielen Lesern sehr gefallen wird. Es war nicht ganz meine Kragenweite, aber durchaus unterhaltsam.

Noch ein paar Worte zur fragwürdigen Autorenschaft. Kurban Said ist ein Pseudonym und bedeutet übersetzt entfernt soviel wie „Sacrifice“ / „Opfer“.  Das Pseudonym ist bis heute nicht endgültig entschlüsselt. Drei unterschiedliche Personen könnten als Autor in Frage kommen, stichhaltige Beweise fehlen allerdings.

Jeder der drei möglichen Personen hat ein so schillerndes Leben, das genügend Material für weitere Romane bieten würde. Hier die drei „Verdächtigen“:

  1. Lew Nussimbaum oder auch Lev Abromovic Nouissimbaum alias Essad Bay (1905 – 1942) war ein deutschsprachiger Schriftsteller jüdisch-russischer Abstammung aus Baku der später zum Islam übertrat.
  2. Yusif Väzir Cämänzäminli (1887 – 1943) war ein aserbaidschanischer Schrifsteller und Staatsmann. Insbesondere in der Türkei und in Aserbaidschan ist man überzeugt, er sei der Autor.
  3. Elfriede Ehrenfels (1894 – 1982) eine österreichische Schriftstellerin die ebenfalls unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlichte. Sie war mit dem Autor Lew Nussimbaum befreundet.

Wer Lust hat auf eine exotische Liebesgeschichte, die an Scheherazade und Doktor Schiwago denken lässt, ist hier sicherlich gut aufgehoben. Oder ihr schaut euch den Film an:

Im Übrigen glaube ich ja, das wir einer der wenigen Bookclubs mit eigenem Pool sind, nicht schlecht, oder ? Bücher die mit Schirmchen-Cocktail im Pool lasziv herumhängend diskutiert werden bleiben einfach besser im Gedächtnis 😉

Ach ja, wir haben momentan auch einen freien Platz im Bookclub – bei Interesse bitte melden. Liebe zur Literatur und eine Badehose sind Voraussetzung …

 

Ich bin zum Schweigen verdammt – Michail Bulgakow

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Zu Lebzeiten wurde Michail Bulgakow so gut wie nicht publiziert. Erst ein gutes Vierteljahrhundert nach seinem Tod wurde sein Roman „Der Meister und Margarita“ zum absoluten Weltbestseller. Sein zweiter großer Roman „Hundeherz“, den er 1925 schrieb, wurde erstmals 1967 im englischsprachigen Ausland veröffentlicht, in Russland erst nach der Auflösung der Sowjetunion 1987.

Der Band „Zum Schweigen verdammt“ gibt in Form von Briefen und Tagebüchern Einblick in das tragische Leben des Autors. Die sowjetische Presse führte eine unglaublich hysterische Denunzierungskampagne gegen ihn, die zum fast vollständigen Veröffentlichungsverbot führten. Der wohl einzige Grund warum Bulgakow nicht in einem der gefürchteten Gulags endete, war wohl die Tatsache, dass Stalin ihn aus irgendeinem Grund mochte. Was ihn aber nicht davor bewahrte, ein sehr isoliertes, ärmliches und oft einsames Leben zu führen.

Seine Tagebucheintragungen enden im Februar 1925, als er nach einer Wohnungsdurchsuchung beschließt, keine etwaigen kompromittierenden Einträge mehr zu machen. Sie konfiszieren seine Notizbücher und uns bleiben dann nur noch die Briefe, die er zwischen 1925 und 1940 verschickte.

So tragisch sein Leben ist, in den Tagebüchern gibt es immer wieder auch humorvolle Momente.

„Ein schrecklicher Zustand: Ich verliebe mich immer mehr in meine Frau. Ärgerlich – zehn Jahre habe ich mich gewehrt gegen meinen … Die Frauen sind doch alle gleich. Jetzt erniedrige ich mich sogar bis zu leichter Eifersucht. Sie ist lieb und süß. Und dick.“

Überwiegend zeigen Tagebucheinträge und Briefe allerdings eher einen Einblick in seinen Kampf ums Überleben als Schriftsteller. Je heftiger er von der Kritik als anti-sowjetischer Autor gebrandmarkt wird, desto leichtsinniger wird er. Während eines Verhörs gibt es zu Protokoll:

„… Meine Symphatien gehörten ganz und gar den Weißen, deren Abzug ich mit Entsetzen und Verständnislosigkeit aufnahm…“

Sich zu Verbiegen um zu Gefallen oder auch nur, um endlich publizieren zu können, kam ihm nicht in den Sinn. Hochachtung vor so viel Rückrat. Er gibt im gleichen Verhör weiter zu Protokoll:

„Über landschaftliche Themen kann ich nicht schreiben, weil ich das Dorf nicht mag. Es kommt mir viel mehr vom Kulakentum geprägt vor, als gemeinhin angenommen wird. Über den Alltag der Arbeiter zu schreiben, fällt mir auch schwer: zwar habe ich davon eine bessere Vorstellung als von dem der Bauern, weiß aber nicht genug, interessiere mich auch kaum dafür, aus folgendem Grund: Ich bin beschäftigt, mich interessiert brennend das Leben der russischen Intelligenz, die ich liebe.“

Nicht gerade diplomatische Worte, die im Arbeiter und Bauernstaat auf wohlwollende Ohren stoßen.

Er schreibt Briefe an Stalin, in dem er ihm seine 10-jährige Leidengeschichte als Schriftsteller vor Augen führt und ihn bittet, ihn doch aus der UdSSR zu verbannen. Wiederholt schreibt er an verschiedenste sowjetische Behörden mit der Bitte, ihn doch ausreisen zu lassen, als Autor, der im eigenen Heimatland zu nichts Nutze ist.

Das war aber nun genau die Art Logik, die die Technokraten und Betonköpfe in der UdSSR überhaupt nicht mochten. Sie verweigerten ihm die Ausreise, er blieb bis zu seinem Tod in der UdSSR. Er hat nicht ein einziges Mal das Ausland besuchen können.

Bulgakow bleibt es verwehrt, sich als echter Schriftsteller zu fühlen, denn er hadert mit der Tatsache, als unveröffentlichter Autor nicht wirklich ein Autor zu sein. Seine Öffentlichkeit besteht fast ausschließlich in den Empfängern seiner Briefe. Das „Der Meister und Margarita“ einmal ein solcher Welterfolg werden würde, damit hätte er wohl nicht wirklich rechnen können.

Eine private Lesung seines Romans im Jahr 1939 entsetzte die anwesenden Zuhörer derart, weil sie fürchteten, sich durch bloßes Zuhören schon zu kompromittieren. Er stirbt Anfang 1940 an einer erblichen Nierenkrankeit mit nur knapp 50 Jahren, noch auf dem Krankenbett diktiert er seiner Frau Manuskript-Änderungen.

Wer sich für den Schriftsteller hinter „Der Meister und Margarita“ interessiert, bekommt einen guten Einblick in das Leben des Schriftstellers, die Lektüre ist allerdings durchzogen von tiefer Traurigkeit, Hoffungslosigkeit und Wut.

Wie schade, dass er seinen Erfolg nicht erleben konnte. Was für ein trauriges Schicksal eines großen russischen Schriftstellers, der sich fraglos als Erbe Tolstois, Gorky oder Gogol sehen darf.

 

Ich danke dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.