Der Doppelgänger – Jose Saramago

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Doppelgänger sind ein beliebtes Motiv in der Literatur und kommen da in allen möglichen Formen und Erscheinungen daher. Richard Ayoades grandioser Film „The Double“ brachte mich darauf, dass sich Saramagos „Doppelgänger“ auch noch irgendwo in der Wohnung befinden mußte und ich beschloss, mich noch ein Weilchen mit dem Doppelgänger-Thema zu beschäftigen.

Diese Doppelgänger spielen mit unseren Urängsten und konfrontieren uns mit komplexen Fragestellungen. Sie kommen in der Literatur und im Film in allen möglichen Formen und Ausprägungen daher. Die abgrundtief Bösen wie bei Dr. Jekyll und Dr. Hyde,  die die kurzerhand dein Leben übernehmen, wie in der obigen Verfilumung oder in Oscar Wilde’s „The Picture of Dorian Grey“. Wirklich Gutes kommt nur selten heraus, wenn ein Doppelgänger ins Spiel kommt (mit Ausnahme vom Doppelten Lottchen vielleicht) und das muß auch Tertuliano Maximo Afonso sofort empfunden haben, als er in einem Film überraschend seinen Doppelgänger zu sehen glaubt.

Der mit dem unglücklich gewählten Namen Tertuliano Maximo Afonso ausgestattete hölzerne Schulgeschichtsprofessor sieht sich eines abends einen Film an, den ihm ein wohlmeinender Kollege zur Bekämpfung seines seelischen Schnupfens empfohlen hatte. Unvermittelt sieht er in dem mittelmäßigen Film in einer unwichtigen Nebenrolle einem Doppelgänger seines jüngeren Ichs gegenüber. Tertuliano versucht alles über seinen Doppelgänger herauszubekommen, sieht sich sämtliche anderen Filme der gleichen Produktionsfirma an, um den Namen des Schauspielers herauszubekommen (hier wird einem noch einmal klar, wie umständlich Recherche im Prä-Internetzeitalter war) und bekommt nach einigen Umwegen den Namen tatsächlich heraus.

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“Wir wissen alle, dass jeder anbrechende Tag für einige der erste und für andere der letzte und dass er für die moisten einfach nur ein weiterer Tag ist. Für den Geschichtslehrer Tertuliano Maximo Afonso wird dieser Tag, den wir heute schreiben und bei dem es kein Grund zu der Annahme gibt, dass es sein letzter ist, dennoch nicht einfach ein weiterer Tag sein. Das heißt, er präsentierte sich dieser Welt als Möglichkeit, ein weiterer erster Tag zu sein, ein weiterer Beginn, der daher auf ein weiteres Schicksal verweist.“

Natürlich will er sein Double Antonio Clara dann auch treffen und das Schicksal nimmt seinen unvermeintlichen Lauf… Das Ende ist nicht wirklich überraschend und so richtig hat mich der Plot nicht umgehauen – aber die Sprache hat ganz vieles wieder wett gemacht. Poetisch mit teils anspruchsvollen Ausdrücken die seltsam gut zum scheinbar durchschnittlichen und oft unbeholfenen Tertuliano passt. Etwas schwülstig-barockig gelegentlich, aber mit wirklich wunderschönen Passagen.

„… es gibt Situationen im Leben, in denen es tausendmal besser ist, weniger zu tun als mehr, man überlässt die Sache einfach der Sensibilität, sie weiß besser als die rationale Intelligenz, wie man vorzugehen hat, um die Vollkommenheit zu erreichen, sollten sie denn wirklich zu Vollkommenheit geboren sein.“

Ein Buch, das mir gleichzeitig richtig gut gefallen hat und mich mit seinen ellenlangen Sätzen ohne wörtliche Rede und exzessivem Komma-Gebrauch aber auch gelegentlich an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Hinter diesem Buch hätte ich wohl keinen Literaturnobelpreisträger vermutet. Es ist ein stark strapaziertes klassisches Motiv, ich hatte etwas mehr erwartet, trotzdem habe ich es gerne gelesen. Saramago-Neulingen würde ich es wohl nicht als Einstieg empfehlen. Da hat mir insbesondere „Die Stadt der Blinden“ oder auch „Die Geschichte der Belagerung Lissabons“ doch deutlich besser gefallen.

Auf die Verfilmung „Enemy“ mit Jake Gyllenhaal bin ich gespannt:

https://www.youtube.com/watch?v=FJuaAWrgoUY

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