Short and Sweet

Es wird mal wieder Zeit für eine Short and Sweet Session, jedes Einzelne der Bücher hätte eine ausführliche Rezension verdient, die Binge Readerin ist aber zu faul und möchte ihren Stapel wegbekommen, daher hier kurz und knackig die Kurzrezensionen der gelesenen und bisher noch nicht rezensierten Bücher der letzten Wochen.

Ich lasse dem wunderbaren Dandy Fritz J Raddatz den Vortritt, dessen Erinnerungen „Unruhestifer“ mich sehr begeistert haben. Habe ihn ehrlich gesagt erst seit kürzerer Zeit auf dem Radar, ausgelöst meine ich durch ein Interview in „druckfrisch“ vor ein paar Jahren, aber wow – was für eine spannende Persönlichkeit.

Er war meine passende Reisebegleitung nach Hamburg.

Raddatz

Seine Erinnerungen sind eine actionreiche, glamouröse Tour de Force durch den Kulturbetrieb der BRD. Der ehemalige Programmchef des Rowohlt-Verlages und ehemalige Feuilleton-Chef der Zeit hat als Literaturkritiker, Autoren-Entdecker und Feuilletonist überall mächtig Staub aufgewirbelt und kein Stein auf dem anderen gelassen. Für mich waren insbesondere der Anfang, seine Wurzeln, Familienhintergründe und seine späten Erinnerungen von besonderem Interesse, da ich doch mit einigen Namen aus dem früheren Kulturbetrieb nicht wirklich etwas anfangen konnte. Herr Raddatz schaut dem Feuilleton unter den Rock und wir ihm voyeuristisch dabei über die Schulter. Unbedingt kaufen und lesen.

„Unsere Beziehung, die wir – und wir beide wissen, warum – sachlich gehalten haben, weil Nähe nur aus Distanz möglich ist, weil man sich nicht duzt, wenn man sich per Sie näher ist – diese Beziehung sollte erlauben, auch spontan für den anderen da zu sein, ohne sich Intimitäten breit auszuwalzen.“

bestarium

Von meiner entzückenden Buchmessen-Begleiterin Birgit von Sätze und Schätze habe ich kürzlich passenderweise Raddatz‘ „Bestarium der deutschen Literatur“ geschenkt bekommen, das bot sich natürlich gleich als Anschlusslektüre an. Die literarischen Fabeltiere der Gegenwartsliteratur sind ausgesprochen charmant und die Zeichnungen von Klaus Ensikat absolut meisterhaft.

Jane Jacobs – The Godmother of the American City ist die legendäre Autorin des einflussreichen Buches „The Death and Life of Great American Cities“ das seit seinem Erscheinen 1961 ununterbrochen wieder verlegt wurde und die maßgeblich Einfluss auf die Disziplinen Stadtplanung und städtische Architektur genommen hat.

jane Jacobs

In der „Last Interview„-Reihe umfasst ihre Interview aus den Jahren 1962, 1978, 2001 und das letzte aus dem Jahr 2005.  Die Gespräche beleuchten die einzigartige Karriere der beliebten und einflussreichen Intellektuellen und Aktivistin, die sich schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für eine organische nachhaltige Stadtplanung eingesetzt hat.

Jane Jacobs ist in Deutschland noch recht unbekannt, als Einstieg kann ich diesen Band absolut empfehlen. Eine brilliante Analystin, Ökonomin und politische Kommentatorin, die sich lohnt kennenzulernen.

„Jacobs has probably bludgeoned more old songs, rallied more support, fought harder, caused more trouble, and made more enemies than any other American woman … She is the terror of every politican in town“

Eine unterhaltsame Zugfahrt bereitete mir vor einer ganzen Weile schon Daniel Kehlmanns „F“ – der Roman erzählt von drei Brüdern, die – jeder auf seine Weise – Betrüger, Heuchler, Fälscher sind. Das „F“ hängt von Anfang an schicksalsschwer über ihren Köpfen in Form von Familie, Fälschung, Fehlentscheidungen und das Kapitel mit dem Hypnotiseur war einfach nur brilliant, zum Ende hin ist es etwas abgefallen, aber Kehlmann ist eigentlich immer ein Garant für Unterhaltung auf hohem Niveau.

Kehlmann

„Keiner konnte einem helfen. Kein Buch, kein Lehrer. Alles Entscheidende musste man aus eigener Kraft lernen, und gelang es nicht, hatte man sein Leben verfehlt. Iwan fragte sich oft, wie Leute, die nichts Besonderes konnten, das Dasein eigentlich ertrugen.“

Vladimir NabokovsInvitation to a Beheading“ verkörpert die reichlich bizarre Vision einer komplett irrationalen und absurden Welt. In der März-Lektüre unseres Bookclubs geht es um einen jungen Mann namens Cincinnatus, der in einem nicht genannten Land im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Seine Begegnungen dort sind komplett irrational und reichen von Henkern, die sich als Gefangene maskieren, bis hin zu phantastischen Gefängniswärtern und künstlichen Spinnen.

Im Inneren des Traumzustandes herrscht jedoch eine gewisse Logik, die der Erzählung seine Glaubwürdigkeit verleiht: Wir glauben, dass in einem totalitären Staat das Schicksal eines Cincinnatus nur allzu real ist. Das erinnert an die Megalomanie der Tyrannen, die ja leider gerade wieder Hochkonjunktur haben.

Nabokov

“But then I have long since grown accustomed to the thought that what we call dreams is semi-reality, the promise of reality, a foreglimpse and a whiff of it; that is they contain, in a very vague, diluted state, more genuine reality than our vaunted waking life which, in its turn, is semi-sleep, an evil drowsiness into which penetrate in grotesque disguise the sounds and sights of the real world, flowing beyond the periphery of the mind—as when you hear during sleep a dreadful insidious tale because a branch is scraping on the pane, or see yourself sinking into snow because your blanket is sliding off.”

Die Angst eines Sträflings in der Todeszelle wirkt unglaublich beklemmend und man teilt seine Unglauben über seine Umstände, seine Reue für nicht wirklich begangene Verstöße und Misserfolge und seine falsche Hoffnung auf Rettung. Wenn Cincinnatus am Ende auf dem Weg zur Hinrichtung ist, lässt er seinen Henker durch die Kraft seiner Gedanken verschwinden und mit ihm zerfällt die gesamte Welt um ihn herum. Oder nicht?

Cincinnatus hätte sich sicherlich gut mit Kafkas K oder Figuren aus Becketts Stücken verstanden, das Absurde hat nicht jedem in unserem Bookclub zugesagt, auf die wunderschöne Sprache Nabokovs konnten wir uns hingegen absolut einigen. Ich kam aus dem Unterstreichen gar nicht mehr hinaus. „Lolita“ ist nach wie vor mein absoluter Lieblingsroman von Nabokov, aber dieses kleine Büchlein hat es absolut in sich – große Empfehlung von mir.

“What are these hopes, and who is this savior?” “Imagination,” replied Cincinnatus.”

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Book-a-Day Christmas Challenge

I think it’s time for a another challenge. As I don’t have an Advent-calendar this year I would like to have a nice little book-a-day Challenge. Couldn’t find THE perfect ready-made one, so I came up with my own.

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For today’s challenge „The perfect winter read“ I chose Anna Karenina. It has been years ago that I read it but it was the perfect setting. Travelling from Moskau to then Leningrad by train through the most wonderful winter landscape.

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I remember the wonderful language, the hopelessness of the situation and Anna Karenina’s despair.The psychological finesse of Tolstoi is unique and it is impossible not to feel and often suffer with the characters.

Remember when Anna confesses to her husband that she is pregnant by her lover ?

Or when Anna realises her and Wronskis love is fading away:

„Die zwischen ihnen bestehende gereizte Stimmung hatte keine äußere Ursache, und alle Versuche einer gegenseitigen Aussprache dienten nicht zur Beseitigung dieser Stimmung, sondern im Gegenteil zu ihrer Verschärfung. Diese gereizte Stimmung kam von innen her und hatte bei Anna ihren Grund in dem Schwächerwerden seiner Liebe und bei Wronski in der Reue darüber, daß er sich um ihretwillen in eine so peinliche Lage gebracht habe, die sie ihm, statt sie ihm zu erleichtern, immer noch schwerer mache. Keiner von beiden sprach sich über den Grund seiner Gereiztheit aus; aber jeder von ihnen war überzeugt, daß der andere im Unrecht sei, und bemühte sich bei jedem Anlaß, es ihm zu beweisen. “

Should you ever travel to Russia don’t travel without Anna Karenina. It was a wonderful trip but incredibly cold –  I had to buy hand muffs and a hat which made me look quite Anna Karenina like. We walked over the the frozen Baltic Sea in St. Petersburg with Krim Sekt and I never felt more like being in the novel I’m currently reading than at that time.

What is your perfect Winter Read ?

 

Das hündische Herz – Michail Bulgakow

Bulgakow

Ein angesehener Chirurg schnappt sich einen Straßenköter, um diesem in seiner Wohnung einer Operation zu unterziehen, bei dem er dem Hund die Hoden und die Hirnanhangsdrüse eines toten Mannes transplantiert. Er erschafft dabei ein Monster, ein agressives, betrunkenes, selbstsüchtiges Wesen. Er scheint die schlimmsten Charaktereigenschaften des unfreiwilligen Spenders gleich mit transplantiert zu haben. Seine vorab so geregeltes wohltemperiertes Bourgouis-Zuhause gleitet in Chaos und Anarchie ab und der gute Arzt sieht keinen anderen Weg, als die Transplantation rückgängig zu machen.

So eine Geschichte um einen durchgeknallten Wissenschaftler und sein Frankendog-Experiment, das komplett schiefläuft, muss man einfach lieben. Der feinnervige, opernliebende Doktor ist natürlich komplett überfordert mit der ätzenden Kreatur, doch repräsentiert diese vielleicht den „Homo Sowjeticus“, der ganz und gar dem Zeitgeist entspricht und ist nicht vielleicht der Arzt derjenige, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht (mehr) findet?

Die Büchergilden Ausgabe ist wunderschön. Ein echtes Sammlerstück, ich kann sie jedem ans Herz legen. Die Ästhetik der Illustrationen erinnert in seiner Bild- und Formensprache an wissenschaftliche Bücher, Baupläne und technische Zeichnungen.


Auch diese Novelle Bulgakovs hat eine gute Prise Faust in sich, ist vielleicht noch wilder, komischer und absurder als „Der Meister und Margarita.“ Es ist einerseits eine Kritik an den Zuständen im Russland der 1920er Jahre und gleichzeitig eine Satire auf die menschliche Natur.

„Begreifen Sie doch, das Furchtbare ist, dass er kein hündisches Herz mehr hat, sondern eben ein menschliches.“

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein oder ein Invididuum ? Egal wie viel wir vielleicht an uns herumschnippeln, uns zu optimieren versuchen, wir bleiben doch wer wir sind. Wir können uns nicht akzeptieren, wie wir sind, sind dadurch in der Regel unseres eigenen Unglücks Schmied und zeitgleich unsere eigenen schlimmsten Albträume.

Bulgakow reißt jede Menge Ideen an auf diesen knapp 100 Seiten. Er warnt vor unkontrollierten Eingriffen von Menschen und Regierungen auf andere, davor, wie sehr es schief gehen kann, wenn die Priviligierten sich an den Unterpriviligierten vergreifen, um deren Leben zu verändern.

Auch dieser Bulgakow hat mich wieder absolut überzeugt, mich in seinen Bann gezogen mit seiner einzigartigen, erschreckenden, beißenden Stimme. Eine Stimme, die heute noch genauso relevant ist wie vor knapp 100 Jahren.

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„Das hündische Herz“ macht Spaß, es ist sehr unterhaltsam. Der Doktor kann einem irgendwann einfach nur noch leid tun, statt Ruhm und Aufstieg in den wissenschaftlichen Olymp hat er ein Monster geschaffen, das weder auf ihn hört, ihn schlecht behandelt und ihm seine Unzulänglichkeiten auch noch ständig aufs Butterbrot schmiert.

Es gibt eine italienisch-deutsche Verfilmung des hündischen Herzens aus dem Jahr 1976 „Warum bellt Herr Bobikow“ mit Max von Sydow in der Hauptrolle, die ich mir gerne ansehen würde, so ich ihn denn irgendwo zumindest mit Untertiteln finde:

 

Mehr über den Autor Michail Bulgakow findet ihr in meiner Besprechung seiner Biografie „Ich bin zum Schweigen verdammt.“

Ich bin zum Schweigen verdammt – Michail Bulgakow

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Zu Lebzeiten wurde Michail Bulgakow so gut wie nicht publiziert. Erst ein gutes Vierteljahrhundert nach seinem Tod wurde sein Roman „Der Meister und Margarita“ zum absoluten Weltbestseller. Sein zweiter großer Roman „Hundeherz“, den er 1925 schrieb, wurde erstmals 1967 im englischsprachigen Ausland veröffentlicht, in Russland erst nach der Auflösung der Sowjetunion 1987.

Der Band „Zum Schweigen verdammt“ gibt in Form von Briefen und Tagebüchern Einblick in das tragische Leben des Autors. Die sowjetische Presse führte eine unglaublich hysterische Denunzierungskampagne gegen ihn, die zum fast vollständigen Veröffentlichungsverbot führten. Der wohl einzige Grund warum Bulgakow nicht in einem der gefürchteten Gulags endete, war wohl die Tatsache, dass Stalin ihn aus irgendeinem Grund mochte. Was ihn aber nicht davor bewahrte, ein sehr isoliertes, ärmliches und oft einsames Leben zu führen.

Seine Tagebucheintragungen enden im Februar 1925, als er nach einer Wohnungsdurchsuchung beschließt, keine etwaigen kompromittierenden Einträge mehr zu machen. Sie konfiszieren seine Notizbücher und uns bleiben dann nur noch die Briefe, die er zwischen 1925 und 1940 verschickte.

So tragisch sein Leben ist, in den Tagebüchern gibt es immer wieder auch humorvolle Momente.

„Ein schrecklicher Zustand: Ich verliebe mich immer mehr in meine Frau. Ärgerlich – zehn Jahre habe ich mich gewehrt gegen meinen … Die Frauen sind doch alle gleich. Jetzt erniedrige ich mich sogar bis zu leichter Eifersucht. Sie ist lieb und süß. Und dick.“

Überwiegend zeigen Tagebucheinträge und Briefe allerdings eher einen Einblick in seinen Kampf ums Überleben als Schriftsteller. Je heftiger er von der Kritik als anti-sowjetischer Autor gebrandmarkt wird, desto leichtsinniger wird er. Während eines Verhörs gibt es zu Protokoll:

„… Meine Symphatien gehörten ganz und gar den Weißen, deren Abzug ich mit Entsetzen und Verständnislosigkeit aufnahm…“

Sich zu Verbiegen um zu Gefallen oder auch nur, um endlich publizieren zu können, kam ihm nicht in den Sinn. Hochachtung vor so viel Rückrat. Er gibt im gleichen Verhör weiter zu Protokoll:

„Über landschaftliche Themen kann ich nicht schreiben, weil ich das Dorf nicht mag. Es kommt mir viel mehr vom Kulakentum geprägt vor, als gemeinhin angenommen wird. Über den Alltag der Arbeiter zu schreiben, fällt mir auch schwer: zwar habe ich davon eine bessere Vorstellung als von dem der Bauern, weiß aber nicht genug, interessiere mich auch kaum dafür, aus folgendem Grund: Ich bin beschäftigt, mich interessiert brennend das Leben der russischen Intelligenz, die ich liebe.“

Nicht gerade diplomatische Worte, die im Arbeiter und Bauernstaat auf wohlwollende Ohren stoßen.

Er schreibt Briefe an Stalin, in dem er ihm seine 10-jährige Leidengeschichte als Schriftsteller vor Augen führt und ihn bittet, ihn doch aus der UdSSR zu verbannen. Wiederholt schreibt er an verschiedenste sowjetische Behörden mit der Bitte, ihn doch ausreisen zu lassen, als Autor, der im eigenen Heimatland zu nichts Nutze ist.

Das war aber nun genau die Art Logik, die die Technokraten und Betonköpfe in der UdSSR überhaupt nicht mochten. Sie verweigerten ihm die Ausreise, er blieb bis zu seinem Tod in der UdSSR. Er hat nicht ein einziges Mal das Ausland besuchen können.

Bulgakow bleibt es verwehrt, sich als echter Schriftsteller zu fühlen, denn er hadert mit der Tatsache, als unveröffentlichter Autor nicht wirklich ein Autor zu sein. Seine Öffentlichkeit besteht fast ausschließlich in den Empfängern seiner Briefe. Das „Der Meister und Margarita“ einmal ein solcher Welterfolg werden würde, damit hätte er wohl nicht wirklich rechnen können.

Eine private Lesung seines Romans im Jahr 1939 entsetzte die anwesenden Zuhörer derart, weil sie fürchteten, sich durch bloßes Zuhören schon zu kompromittieren. Er stirbt Anfang 1940 an einer erblichen Nierenkrankeit mit nur knapp 50 Jahren, noch auf dem Krankenbett diktiert er seiner Frau Manuskript-Änderungen.

Wer sich für den Schriftsteller hinter „Der Meister und Margarita“ interessiert, bekommt einen guten Einblick in das Leben des Schriftstellers, die Lektüre ist allerdings durchzogen von tiefer Traurigkeit, Hoffungslosigkeit und Wut.

Wie schade, dass er seinen Erfolg nicht erleben konnte. Was für ein trauriges Schicksal eines großen russischen Schriftstellers, der sich fraglos als Erbe Tolstois, Gorky oder Gogol sehen darf.

Ich danke dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

The Master and Margarita – Mikhail Bulgakov

IMG_4654„Manuscripts don’t burn“ schreibt ausgerechnet Bulgakov, dem brennende Manuskriptseiten vermutlich durchaus bekannt sein dürften. Die meisten seiner Werke landeten auf dem Index, seine Stücke wurden oft nach wenigen Aufführungen abgesetzt und verboten. Er selbst hat unermüdlich weitergeschrieben, wenn auch meist für die Schreibtischschublade und wer weiß, ob nicht die eine oder andere Manuskriptseite aus Frust im Feuer gelandet ist.

Die Bookclub November-Lektüre „The Master and Margarita“ war keine leichte Kost, aber die Mühe und das Dranbleiben lohnt sich, es ist ein unglaubliches Buch.

Inspiriert wurde Bulgakov von Goethes „Faust„. Bulgakovs Mephistopheles ist Woland, der mit seiner teuflischen Truppe im stalinistischen Moskau der Dreißiger Jahre ordentlich Chaos anrichtet. Dieses Chaos war Bulgakovs Weg, Rache zu nehmen an der verstockten sowjetischen Gesellschaft, die ihn und sein Werk ein Lebenlang unterdrückte.

“But would you kindly ponder this question: What would your good do if
evil didn’t exist, and what would the earth look like if all the shadows
disappeared? After all, shadows are cast by things and people. Here is the
shadow of my sword. But shadows also come from trees and living beings.
Do you want to strip the earth of all trees and living things just because
of your fantasy of enjoying naked light? You’re stupid.”

Ganz besonders die Kunst- und Literaturszene bekommt ihr Fett weg, die damals angesagten Autoren und Literaturkritiker, die Bulgakov hasste. Seine Satire macht auch vor den Unmengen an Bürokraten und Aktenschiebern nicht Halt, zeigt wie absurd einfach es war, Leute verhaften zu lassen oder in Irrenanstalten abzuschieben. Er hält den Finger auf die Alltags-Absurdität dieser Moskauer Gesellschaft unter Stalins Herrschaft.

Kein Wunder also, dass sich jede Menge seiner Charaktere im Laufe der Geschichte in der Irrenanstalt wiederfinden, einem der wenigen Orte im Buch, in dem es einigermassen vernünftig zugeht.

Viele Menschen glaubten damals, dass viele der Verfolgungen, Verhaftungen, idiotischen Verordnungen auf dem Mist der Bürokraten gewachsen waren und sich alles sofort bessern würde, wüßte Stalin nur von diesen Dingen.

Auch Bulgakov suchte bei Stalin Unterstützung, er war Stalins Lieblingsautor, wie dieser verlauten ließ, und 1929 schreibt er ihm einen persönlichen Brief und bittet ihn darum, die Sowjetunion verlassen zu dürfen, wenn es für ihn in keine Verwendung als Autor gäbe. Stalin ruft in auch tatsächlich an und fragt ihn, ob er die Sowjetunion wirklich verlassen wolle. Bulgakov antwortete, dass ein russischer Schriftsteller nicht außerhalb seines Heimatlandes leben könne. Daraufhin bekam er von Stalin die Erlaubnis, am Art Theater weiterzuarbeiten, allerdings hatte diese Erlaubnis keinerlei Einfluß auf die Veröffentlichung seiner Werke, die nach wie vor nicht erfolgte.

Bulgakov arbeitet ab 1928 über zehn Jahre lang am „Meister und Margarita“. Seine letzten Jahre waren für ihn aus unterschiedlichen Gründen schwer. Gesundheitlich schwer angeschlagen, durch Verletzungen aus dem ersten Weltkrieg sowie eine vom Vater geerbte Nierenkrankheit, der er letztendlich auch erliegen sollte sowie depressive Phasen, wenn er für sich und sein Werk partout keine Hoffnung sah.

Kurz vor Fertigstellung des Manuskripts schrieb Bulgakov an seine dritte Frau Yelena Shilovskaya (die die Inspiration für den Charakter Margarita im Buch ist):

„What’s its future? you ask? I don’t know. Possibly, you will store the manuscript in one of the drawers, next to my „killed“ plays, and occasionally it will be in your thoughts. Then again, you don’t know the future. My own judgement of the book is already made and I think it truly deserves being hidden away in the darkness of some chest …“

Kurz vor seinem Tod organisierte Bulgakov eine private Lesung des „Masters and Margarita“ vor einem Kreis enger Freunde. Yelena Bulgakova erinnert sich noch 30 Jahre später in ihrem Tagebuch: „When he finally finished the reading that night, he said: „Well, tomorrow I am taking the novel to the publisher!“ and everyone was silent“, „…Everyone sat paralyzed. Everything scared them. One friend later at the door fearfully tried to explain to me that trying to publish the novel would cause terrible things“.

Auch wenn man nicht immer ganz sicher ist, was gerade passiert, die Geschichte ist stellenweise irre komisch, die Charaktere teilweise so liebenswert. Man will einfach wissen, wie es weitergeht mit Woland, der weit weniger dämonisch ist wie Mephistopheles und jedem das Schicksal beschert, das jeder einzelne verdient hat.

“You’re not Dostoevsky,‘ said the citizeness, who was getting muddled by Koroviev. Well, who knows, who knows,‘ he replied.
‚Dostoevsky’s dead,‘ said the citizeness, but somehow not very confidently.
‚I protest!‘ Behemoth exclaimed hotly. ‚Dostoevsky is immortal!”

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Foto: adme.ru

Der „Master“ setzt mit seiner Figur allen unterdrückten Schriftstellern ein ewiges Denkmal und seine Margarita ist einfach ein Goldstück. Obwohl der Meister und Margarita im Titel des Buches sind, war ich überrascht, dass ihre Geschichte nur einen kleinen Teil des Buches ausmacht und sie bis zum zweiten Teil des Buches gar nicht auftauchen.

Es ist aber nicht nur ein Buch, bei dem man sich auf schwarze Magie, Entführungen, Enthauptungen, sprechende Katzen und eine Menge anderer verrückter diabolischer Einfälle einlassen muss, es ist auch eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Margarita hat keine Angst vor dem Teufel. Sie agiert als seine Balldame, und fliegt als Hexe auf einem Besen über Moskau in der Hoffnung ihren Liebhaber, den Meister, wiederzufinden. Dieser sitzt derweil in der Psychiatrie. Sein Buch über Pontius Pilatus und einer etwas anderen Variante der Verurteilung Jesus‘ wurde von den kleingeistigen gesetzestreuen Verlegern abgelehnt. Das führt bei ihm zum kompletten Kollaps, er verbrennt sein Manuskript und endet in der Psychiatrie.

Das Manuskript ist am Ende aber wieder da, denn wie wir ja wissen: „Manuscripts don’t burn“

Eine sehr schöne Rezension zu „Der Meister und Margarita“ findet ihr auch hier bei Muromez.

“Everything will turn out right, the world is built on that.”

Gelächter im Dunkel – Vladimir Nabokov

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Selbst das schlechteste Buch von Nabokov ist wahrscheinlich noch immer um Klassen besser, als die besten manch anderer Autoren.  Womit ich auf keinen Fall sagen will, dass dieses Buch hier schlecht ist, nur eben nicht ganz so genial wie „Lolita“. Dieses schmale Bändchen hat es in sich. Die gesamte Geschichte wird im Grunde bereits im ersten Satz erzählt:

„Es war einmal ein Mann, der hieß Albinus und lebte in Berlin in Deutschland. Er war reich, angesehen und glücklich; eines Tages verließ er seine Frau um eines jungen Mädchens willen; er liebte, wurde nicht wiedergeliebt und endete im Unglück.

Eigentlich eine Geschichte wie man sie schon tausendfach gehört, gelesen und gesehen hat, aber WIE Nabokov das erzählt ist einfach genial. Die Geschichte „Gelächter im Dunkel“ gibt Einblick nehmen in die Weimarer Republik mit seinen Filmstars und Sternchen, Künstler und halbseidene Figuren, viele von ihnen in der Hoffnung den Weg nach oben zu finden.

Dieses kleine dunkel-kühle Meisterwerk zeigt unerbittlich den Niedergang des alternden schwächlichen Kritikers Albinus der sein ganzes Lebensglück einer Teenager-Schönheit opfert und die ihn im Laufe der Geschichte komplett über den Tisch zieht und als ihr ehemaliger Liebhaber auftaucht, da rauben sie ihm nicht nur nahezu das gesamte Vermögen, sondern sie nehmen ihm auch noch jede Würde und es kommt zu einer tragischen Wahnsinnstat. Liebe kann so lächerlich sein.

Das Buch ist ursprünglich 1932 in Russisch erschienen unter dem Titel „Kamera Obskura“. Es reicht wie gesagt nicht an Nabokov’s „Lolita“ – aber es ist ein echtes kleines Juwel.

Hier ein, zwei Zitate die einen kleinen Vorgeschmack auf das Buch geben:

„Von dem Augenblick an, in dem Elisabeth Margots kurzen Brief gelesen hatte, hatte sich ihr Leben in eines jener langen, grotesken Rätsel verwandelt, die einem im Traum-Klassenzimmer dumpfen Deliriums zur Lösung vorgelegt werden.“

„Das ist die ganze Geschichte, und wir hätten es dabei bewenden lassen, läge nicht Nutzen und Vergnügen im Erzählen; und obwohl auf einem Grabstein Raum genug ist, um in Moos gebunden, die gekürzte Fassung vom Leben eines Mannes aufzunehmen, so sind doch Einzelheiten stets willkommen.“