Durch die Nacht – Ernst Peter Fischer

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Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer ist meistens eine sichere Bank für mich. Bei seinen Büchern langweile ich mich selten, er ist ein Wissensvermittler alter Schule und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Naturwissenschaften unter kultureller Zuhilfenahme unter Volk zu bringen.

Auf den Band „Durch die Nacht – Eine Kulturgeschichte der Dunkelheit“ hatte ich mich besonders gefreut, habe schließlich eine Vorliebe für die dunkleren Seiten des Lebens und durchaus Lust, der Nacht einmal unter den Rock zu gucken.

Das für mich interessanteste, von dem ich bislang noch nie gehört hatte, war die Information, dass der Mensch früher in zwei Etappen geschlafen hat. Direkt nach dem Abendessen ging es damals ins Bett und dann so gegen Mitternacht stand man wieder auf, um für ein paar Stunden alles Mögliche zu unternehmen. Nachbarn besuchen, die Küche aufräumen, Nachwuchs zeugen etc. um dann gegen 3 oder 4 zurück in die Federn zu springen und bis zum Sonnenaufgang weiterzuschlafen.

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Fischer plädiert dafür, zum zweiphasigen Schlaf zurückzukehren, da er glaubt, dass der zweiphasige Schlaf der biologischen Neigung des Menschen eher entspreche. Für mich hört sich das ehrlich gesagt gar nicht verkehrt an. Ich bin auch am frühen Abend so gegen 20.00 Uhr sehr müde und je später der Abend, desto wacher werde ich.

Unser heutiger 7-8-stündiger Schlaf ist erst seit der Industrialisierung weitestgehend zur Norm geworden.

Ansonsten beschäftigt sich das Buch noch mit zu erwartenden Fragen wie „Ist der Nachthimmel wirklich schwarz? Warum schlafen wir überhaupt und welchen Sinn machen unsere Träume? Wieso haben wir im Dunkeln mehr Angst als im Hellen?“

„Mit der Romantik kommt die Spiegelwelt einer erfundenen Wirklichkeit zum Vorschein. Der Weg geht nach Innen als Weg zum Traum, der zum Schauplatz einer Universalisierung des Menschen wird, wie man emphatisch sagen kann. Im Schlaf ist die Zeit zwar aufgehoben, aber Welterfahrung wird nur durch den Traum vermittelt, was im Hintergrund zu bedenken bleibt. Indem der Traum eine zweite Version der Welt entwirft, wird die Verbindlichkeit der ersten, die man oft als Wirklichkeit kennt, in Zweifel gezogen. Das Material des Unbewussten entstammt der Einbildungskraft im Traum.“

Das Buch ist ein Exkurs in Philosophie, Biologie, Literatur und Religion, der auf unterhaltsame Weise die nächtlichen Aspekte unseres Alltags beleuchtet. Es ist durchaus informativ, gelegentlich zu sehr Anekdotensammlung, dennoch ein interessantes Buch für schlaflose Nächte.

Hirngymnastik – Physik

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Physik ist die Basis zum Verständnis der Welt um uns herum, der Welt in uns und auch der Welt über uns und damit eine der fundamental wichtigen Wissenschaften. Dennoch bin ich wahrscheinlich nicht die Einzige hier, die in der Schule einen großen Bogen um das Fach gemacht hat.

Mich interessieren die großen Zusammenhänge und das Warum. Das Wie in der Regel nicht so sehr. Damit bin ich in der Schule in der naturwissenschaftlichen Fächern nicht weit gekommen. Da ging es immer nur fröhlich induktiv zur Sache. Vom spezifischen zum Allgemeinen, wenn das Allgemeine überhaupt mal thematisiert wurde.

Das ist wirklich traurig, denn Physik wurde damit bei so vielen Menschen zum Hassfach, dabei ist es eine Wissenschaft, die unsere Vorstellungskraft herausfordert wie kaum eine andere. Konzepte wie die Relativitätstheorie, die Stringtheorie oder auch die Quantenphysik hauen dem gesunden Menschenverstand erst einmal einfach nur die Beine weg.

Physik ist auch die Basis für große Entdeckungen und Erfindungen wie Computer, Laser und Elektronenmikroskopie, ohne die wir unsere DNA vermutlich nicht hätten entschlüsseln können. Physik befasst sich mit dem Studium des Universums und den fernsten Galaxien bis hin zu den kleinsten subatomaren Partikeln oder der Nanotechnologie.

 

Wer Naturwissenschaften spannend findet, kommt um Physik nicht herum und daher wurde es einfach Zeit für eine entsprechende Hirngymnastik. Die hat mir aber auch wirklich einiges abgefordert und ich habe dabei versucht Bücher zu finden, die weitestgehend ohne Formeln auskommen, bzw. eher deduktiv vorgehen.

„Die Physik der Zukunft – Unser Leben in 100 Jahren“ – Michio Kaku

Das Buch ist ein guter Einstieg für Leute mit wenig naturwissenschaftlichem Grundwissen (wie ich). Kein Buch für Hardcore Science Freaks, dafür ist es zu leichtgewichtig.

Michio Kaku ist Professor für Theoretische Physik am City College of New York und defintiv jemand, der es schafft Physik spannend und mitreissend zu erzählen. Jedes der folgenden Kapitel  Computer, Künstliche Intelligenz, Medizin, Nanotechnologie, Energie, Raumfahrt, Wohlstand und die Zukunft der Menschheit ist jeweils in drei Unterbereiche aufgeteilt: die nahe Zukunft von heute bis 2030, die Mitte des Jahrhunderts 2030 – 2070 und die ferne Zukunft 2070 – 2100. In jedem Kapitel deckt er die wichtigen Entdeckungen und Erfindungen ab, die sich entwickeln werden ausgehend von den heutigen Technologien und unserem jetzigen Wissensstand.

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Foto: Scientific American

Kaku ist ein Optimist und sieht für nahezu alle Probleme der Menschheit eine technische Lösung. Damit werden einige ihre Schwierigkeiten haben, ich gehöre auch eher zu den manchmal zu optimistischen Vertretern und schwimme daher mit Kaku wunderbar auf einer Wellenlänge.

Besonders spannend fand ich das Computer Interface über eine Kontaktlinse, was eine ziemlich effektive Nutzung in der Medizin mit sich bringen könnte. Kaku sieht die Möglichkeit, das wir innerhalb der nächsten 100 Jahre in der Lage sein werden, Computer telepathisch zu bedienen. Es gibt bereits Sensoren für Paraplegiker, die ins Hirn gesetzt werden und die es ihnen dann ermöglichen, gedankliche Impulse in emails beispielsweise umzusetzen. Die nächste Entwicklung werden Arme und Beine sein, die von den Patienten über die Gedanken gesteuert werden.

Biotechnologie in Kombination mit Nanotechnologie gibt Raum für jede Menge spekulative Szenarien. Auch die Genetik ist natürlich ein großer Spekulations-Spielplatz. Wird Jurassic Park Wirklichkeit? Auch wenn die DNA möglicherweise bereits zu weit abgebaut ist, könnte man ggf die Genome von Vögeln und Echsen kreuzen um so einen Dinosaurier zu erzeugen ?

 

Kaku diskutiert auch die Frage nach der Zukunft der Arbeit. Wie werden wir in Zukunft leben, wenn Arbeit weitestgehend von Maschinen oder künstlicher Intelligenz übernommen wird ? Damit wir uns da eher in eine Zukunft Richtung Star Trek entwickeln und nicht vor lauter Faulheit und Sinnlosigkeit degenerieren, sollten wir lieber heute als morgen mit entsprechenden Diskussionen beginnen, wie die Zukunft ohne Arbeit aussehen soll.

Die größte Sorge bereitet Kaku der Klimawandel und die globale Erwärmung, die wir selbst bei hoffnungsvollen Zukunftprojektionen nur mit Schwierigkeiten in den Griff bekommen werden.

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Kaku beschreibt einen Tag im Leben eines Menschen im Jahr 2100 – ob es so sein wird, werden die heutigen Leser in der Regel wohl nicht mehr erleben. Das Buch endet mit einem Zitat von Gandhi, das die Herausforderungen für die Menschheit am besten zusammenfasst:

Die Wurzeln der Gewalt

Reichtum ohne Arbeit,
Vergnügen ohne Gewissen,
Wissen ohne Charakter,
Handel ohne Moral,
Wissenschaft ohne Menschlichkeit,
Anbetung ohne Opfer,
Politik ohne Prinzipien

Ganz besonders möchte ich euch den Physik-Vortrag von Michio Kaku der „Floating University“ ans Herz legen, der für mich der Anstoss war, meine nächste Hirngymnastik der Physik zu widmen:

http://www.floatinguniversity.com/lectures-kaku

Und wer keine Lust hat zu lesen, der kann sich auch seinen Votrag „The Physics of the Future“ anhören:

„Das Top Quark, Picasso und Mercedes-Benz oder Was ist Physik“ – Hans Graßmann

Der Physiker und Mitentdecker des Top Quark stellt Erkundungen zum Wesen, zur Geschichte und zu den Grundzügen der Physik an und das ganz unterhaltsam – mittels einer Entdeckungsreise zu den elementaren Erkenntnissen über Raum, Zeit und Materie.

Erschienen ist das Buch Mitte der 90er Jahre, aber das hat einzig beim Kapitel über Gravitationswellen ein wenig gestört, ansonsten haben sich die Grundlagen der Physik in den zwanzig Jahren nicht großartig verändert. Graßmann startet mit der Geschichte der Physik, gibt Einblicke in die Teilchenphysik und den Aufbau der Materie und Antimaterie, geht auf Quantenphysik, Relativitätstheorie und Stringtheorie ein und beschäftigt sich dann mit dem Nutzen der Physik.

Hans Graßmann versucht der Physik ihren Schrecken zu nehmen. Wenn man weiß, wie es zum Sonnenbrand kommt und wie eine Gitarre funktioniert, kann auch den Aufbau der Welt und die Physik verstehen.

Der Stil des Buches war mir zu onkelhaft, dennoch habe ich gemerkt, wie weitere Puzzleteilchen in meinem Hirn ihr Plätzchen gefunden haben und damit hat das Buch letztlich seinen Zweck erfüllt. Ein paar Bilder und Grafiken würden dem Buch ganz gut tun.

„Wer sein ganzes Leben damit verbringt, dem Nützlichkeitsprinzip zu huldigen, wird früher oder später feststellen, wie unnütz er ist.“

Vermutlich würde Physik nach wie vor nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählen, aber den ganz großen Schrecken hat es verloren und ich finde Naturwissenschaft viel zu spannend, um nicht auch Lust zu haben mich mit Physik zu beschäftigen. Ich hoffe, ich habe Euch mit dieser Hirngymnastik ein bisschen Lust darauf machen können.

Ich habe ich mich ja mit der Physik dem Universum bereits genähert, ich greife also zu den Sternen und mache mit Astrophysik/Kosmologie weiter.

 

 

Von Beruf Schriftsteller – Haruki Murakami

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Würde Haruki Murakami ein Telefonbuch veröffentlichen, würde ich das vermutlich auch kaufen. Es gibt tatsächlich keinen Autor, dessen „Sound“ ich so sehr schätze. Der typische einsame Protagonist, der den Großteil seiner Zeit alleine lesend oder durch die Straße wandernd verbringt, dabei Musik hört und sich ab und an was Leckeres kocht – das ist mein männliches introvertiertes Pendant. Sein Schreibstil wirkt so beruhigend auf mich, so meditativ, ich bin vollkommen davon überzeugt, dass man seine Bücher auf Rezept bekommen sollte, da sie blutdrucksenkend wirken.

Als ich diesen Abschnitt las, dachte ich sogar, wir seien siamesische Zwillinge:

„Ich fraß alles Gedruckte in mich hinein, als würde ich es mit einer Schaufel in ein verzehrendes Feuer schippen. Ich verschlang und verdaute (vieles konnte ich vielleicht auch nicht verdauen) ein Buch nach dem anderen, jeden Tag, und so war in meinem Kopf kaum Platz für irgendwas anderes. Mitunter glaube ich, dass das fast ein Glück für mich war. Denn hätte ich ernsthafter über das Gekünstelte, Widersprüchliche und Falsche um mich herum nachgedacht und mich den Dingen gestellt, die ich nicht einsehen konnte, wäre ich vielleicht in einer Sackgasse gelandet und Grübeleien anheimgefallen.“

„Ohne diese vielen Bücher wäre mein Leben wahrscheinlich sehr viel kälter und ärmer gewesen. Der Akt des Lesens war die beste Schule für mich, sozusagen eine maßgeschneiderte Schule, eigens für mich erbaut und betrieben, an der ich viele wichtige Erfahrungen machte. Es gab dort weder lästige Vorschriften noch Beurteilungen noch den gnadenlosen Kampf um die Rangordnung. Natürlich auch kein Mobbing. Auch wenn ich Teil des großen „Systems“ war, konnte ich mir dieses eigene andere „System“ sichern.“

Auf wenn das neueste Buch „Von Beruf Schriftsteller“ kein Roman ist, der „Sound“ ist trotzdem da. In 12 Kapiteln teilt der Autor seine Erfahrungen als beginnender Autor, seine Routinen, seine Erfahrungen mit Literaturpreisen, wie lange es dauerte, bis er mit dem Schreiben Geld verdiente und wie er überhaupt mit 29 Jahren aus einer Baseball-Laune heraus mit dem Schreiben begann.

„Man könnte diese potenziellen Konsumenten von Literatur vielleicht in Anlehnung an die Politik als „schwankende Wählerschaft“ bezeichnen. Für solche Menschen müsste man eine Art Zugang schaffen, wie ihn beim Wein der Beaujolais nouveau bietet, in der Musik das Wiener Neujahrskonzert und beim Sport der Hakone-Tokio-Rundmarathon.“

Er glaubt, dass jeder Schreiben kann, damit jedoch Geld zu verdienen gelingt nur relativ wenigen Menschen. Wichtig ist es eine Routine des täglichen, dauerhaften Schreibens zu entwickeln, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und seinen eigenen Weg und seinen Sound zu finden. Seinen fand Murakami im Übrigen in dem er seine Texte zuerst auf Englisch schreibt und diese dann ins Japanische zurück übersetzt. Seine Vorliebe für anglo-amerikanische Autoren, die er auch häufig erstmals ins Japanische übersetzte, haben ihm oft Kritik im eigenen Land eingebracht von denen, die Murakami nicht japanisch genug finden.

Er ist ein sehr beharrlicher Mensch, der nicht übermäßig schnell schreibt und seine Manuskripte wieder und wieder überarbeitet. Dabei ist seine Frau seine wichtigste, aber auch härteste Kritikerin. Das ist im Übrigen so ziemlich das einzige, dass man von der notorisch geheimnisvollen Frau erfährt. Im Gegensatz zu seiner Frau scheint Murakami fast schon ein medienaffines Popidol zu sein. Es gibt kaum Bilder, auch Interviews mit ihr habe ich nicht gefunden. Dabei würde mich ihre Sicht auf den Schriftsteller schon auch mal interessieren, aber natürlich respektiere ich den Wunsch nach Ruhe und Ungestörtheit und natürlich sollten die Bücher im Mittelpunkt des Interesses stehen, nicht die Person des Schriftstellers oder seiner Frau.

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Foto: GooglePlus

Neben dem intensiven Umschreiben nach der ersten Kritik seiner Frau ist ein weiterer wichtiger Aspekt seiner Arbeit, diese für einen längeren Zeitraum einfach ruhen zu lassen. So wie guter Wein oder auch Käse einen Reifeprozess durchmachen, reifen auch seine Manuskripte durch ein in Ruhe lassen. Mir gefällt das, in einer Zeit, in der alles auf Tastendruck sofort da zu sein hat, ein immer seltener werdendes Phänomen.

Mir gefiel auch die E.T. Methode sehr. Das Nutzen, von dem was man hat, was schon da ist, dem man kreativ eine andere Bedeutung gibt. So dass sämtliche Begegnungen, die man als Schriftsteller hat, jedes Erlebnis in die mentale Rumpelkammer geworfen und bei Bedarf herausgezaubert werden kann:

„Ich glaube, da hilft wieder nur die E.T.-Methode. Die Abstellkammer öffnen, das, was drin ist, zusammenraffen und dann – ping! – die Magie einschalten. Eine weitere Methode, um mit dem anderen Stern Verbindung aufzunehmen, haben wir nicht.“

Murakami ermuntert den Leser dazu, authentisch zu sein, Eigenarten an sich und anderen zu akzeptieren und auch die Gesellschaften sollten Menschen, die nicht ganz ins Raster passen, mehr zu schätzen und zu integrieren. Nach meinem Besuch in Japan ist mir noch einmal klarer geworden, was für ein außergewöhnlicher Mensch Murakami in Japan ist. Er ist ganz und gar Individuum, kümmert sich stets um seine eigenen Bedürfnisse und nimmt viel Zeit für sich alleine in Anspruch, eine Tatsache, die einen in Japan sehr schnell zum Außenseiter werden lässt.

„Ein Schriftsteller sollte, noch bevor er Künstler ist, ein freier Mensch sein. Und für mich besteht die Definition eines freien Menschen darin, dass er tut, was er will, und zwar, wann er will und wie er will.“

„Nach der Veröffentlichung kann man der Kritik ruhig aus dem Weg gehen. Man richtet sich zugrunde, wenn man sich jede einzelne zu Herzen nimmt.“

Ich musste mich bei der Lektüre wirklich zurück halten, nicht durch das Buch hindurch zu rasen. Es liest sich leicht, ist interessant und macht Lust, es selbst mit dem Schreiben zu versuchen oder alternativ mit dem Laufen, die weitere große Leidenschaft Murakamis neben dem Schreiben, Lesen und Musik hören. Es gab sehr viele Stellen, bei denen ich beim Lesen ständig hätte ausrufen können „genau“, ich habe gefühlt die Hälfte des Buches markiert und möchte ein paar der schönsten Sätze mit Euch teilen. Da sind aber noch jede Menge mehr lesenswerte Passagen drin, die Lektüre dieser Sätze allein ersetzt auf gar keinen Fall das Buch zu lesen.

Ich bin mir sehr sicher, wird „Von Beruf Schriftsteller“ erst einmal ins Englische übersetzt, wird es zur Standardlektüre der Creative Writing Kurse an den Universitäten gehören. Es ist definitiv ein Buch, das ich nicht nur einmal lesen werde. Ich lese es so lange, bis ich selbst ein Buch geschrieben oder einen Marathon gelaufen bin 😉

„Besonders achte ich darauf, nichts zu erklären. Stattdessen warf ich verschiedene bruchstückhafte Episoden, Bilder, Szenen und Begriffe in den Roman wie in ein Gefäß und verknüpfte sie zu einer plastischen Darstellung. Und diese Verknüpfung muss in einem Raum geschehen, der nichts mit gewöhnlicher Logik oder literarischer Sprache zu tun hat. Das ist das grundlegende Schema.“

„Oder aber mach deine Arbeit so gut, wie es deine Fähigkeiten, deine Begabungen erlauben, und dann rechtfertige dich nicht und entschuldige dich nicht. Beklage dich nicht, erkläre nichts.“

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hirngymnastik: Geschichte

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„Sapiens – A Brief History of Humankind“ – Yuval Noah Harari

 

Typischerweise wird die Geschichte der Menschheit mit den Humanoiden des Paläolithikums begonnen, zeichnet ihre Entwicklung zum modernen Menschen nach und beginnt dann üblicherweise die Anfänge der Zivilisation von der Landwirtschaft bis zur Gegenwart nachzuzeichnen. Soweit folgt auch Yuval Noah Harrari diesem Weg in seinem Buch „Sapiens“, dennoch hat er einige überraschende Wendungen auf Lager. Was dieses Buch zu einem unglaublich spannenden Geschichtswälzer macht ist das er einige unserer vorgefassten Meinungen und Vorstellungen ins Wanken bringt, und den einen oder anderen vielleicht auch mal ärgert, aber niemals aufhört unglaublich faszinierend zu sein.

Harari legt seinen Fokus auf die drei großen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte: die kognitive, die landwirtschaftliche und die der Wissenschaft. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein eher unbedeutendes Lebewesen ohne großartige Signifikanz“ es schaffen konnte zur dominanten Lebensform auf unserem Planeten zu werden und inwieweit dessen Fähigkeit sich die Natur weitestgehend zum Untertan zu machen ein Segen oder vielleicht eher ein Fluch für den Planeten und die Menschheit selber sein wird.

Würden wir die Zeit seit Entstehung von Leben auf unserem Planeten als Uhr darstellen, wäre der heute Mensch gerade einmal zwei Minuten vor Mitternacht aufgetaucht, also gerade noch rechtzeitig um die Sektkorken knallen zu hören. Wie lange wir als Art erhalten bleiben, bleibt abzuwarten, viele unserer „Vorgängermodelle“ haben uns da einiges an Zeitspanne voraus.

In 20 wirklich brillianten Kapiteln fordert Harari den Leser dazu auf sich nicht nur mit der Frage zu beschäftigen wie wir wurden was wir sind, sondern was hätte passieren können, wenn die Dinge etwas anders abgelaufen wären. Er beschäftigt sich ausgiebig mit dem Thema Zufall und gelegentlich ist er ganz schön zynisch, aber mich hat das nicht weiter gestört, denn ich empfand den Grundton des Buches als durchaus optimistisch.

Harari hat einige meiner bisherigen Vorstellungen von den Anfängen unserer Spezies ordentlich durchgerüttelt, aber ich mag das, wenn man mich zum Nach- oder Umdenken bringt. Er beleuchtet die Anfänge der kognitiven Revolution und der immanenten Wichtigkeit von hypothetischen Geschichten die nötig sind um eine Gesellschaft zusammen zu schweissen. Geschichten an die jeder glaubt sind die Grundlage für unsere Fähigkeit zur Kooperation. Und sei es nur unser weltumspannender Glaube an so etwas fiktives wie Geld.

“How do you cause people to believe in an imagined order such as Christianity, democracy or capitalism? First, you never admit that the order is imagined.”

Die Mythen die wir erzeugen, können per se nie komplett logisch konsistent sein. Religion bietet den Menschen Trost von der Absurdität des Lebens und der Unmöglichkeit dem Tod zu entkommen. Die Wissenschaft dagegen macht genau das Gegenteil. Sie versucht, wie zum Beispiel im ausführlich besprochenen Gilgamesch Projekt Wege zu finden, den Tod und andere Unannehmlichkeiten zu überwinden statt sie zu akzeptieren.

“Culture tends to argue that it forbids only that which is unnatural. But from a biological perspective, nothing is unnatural. Whatever is possible is by definition also natural. A truly unnatural behaviour, one that goes against the laws of nature, simply cannot exist, so it would need no prohibition.”

Unser Wissen über die Welt kann und wird niemals universell sicher und konsistent sein und wir müssen lernen neben der immer größer werdenden Komplexität auch mit dem Fakt zu leben, das es keine eine reine Wahrheit gibt. Die Realität die wir sehen, ist immer nur unsere jeweilige, wie wir sie erleben und die ist unsicher, nicht fix und wird sich ändern.

“Consistency is the playground of dull minds.”

Wir müssen als Menschheit unbedingt verstehen lernen, dass Dinge an die wir glauben festlegen werden wer wir als Menschheit in Zukunft werden. Die Mythen denen wir beschließen zu folgen bestimmen was aus uns wird.

„Sapiens“ und auch der Nachfolger „Homo Deus“ sind zwei Bücher von denen ich mir wünschte, ich hätte sie geschrieben. Das ist allerdings ein Mythos den mir niemanden glauben würde, leider nicht einmal ich selber.

Ich hatte das Glück mich eine Woche auf Kreta in der Sonne und in der Hängematte liegend ausgiebig mit diesen beiden Büchern beschäftigen zu können. Verlassen haben wir Strand und Hängematte nur auf dem Rückweg um vor dem Abflug noch ausgiebig in den Ruinen von Knossos herumzustöbern. Ich bin aber sehr sicher, auch auf dem Sofa oder im Lesesessel sind diese beiden Bücher mit das Beste das ihr Eurem Hirn antun könnt 🙂

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„Homo Deus“ – Yuval Noah Harari

 

„Homo Deus“ ist ein Buch das stellenweise zutiefst schockiert, in dem Harari uns sehr effektiv dazu bringen will uns mit unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen. Es ist vordergründig ein Buch über die Zukunft der Menscheit, tatsächlich ist es aber auch ein Mittel um die aktuellen Trends in Wissenschaft, Technologie und der Entwicklung der Menschheit zu beleuchten. Es ist deutlich philosophischer und fordert den Leser dazu auf, sich zu überlegen ob wir wirklich wollen, dass es so weitergeht wie es momentan läuft.

Er macht immer wieder deutlich, dass seine Ausführungen zur Zukunft nur Hypothesen sind und andere Szenarien durchaus möglich sind, dass es trotzdem notwendig ist, sich heute mit diesen Möglichkeiten zu beschäftigen und versuchen die Zukunft aktiv in eine andere Richtung zu beeinflussen.

Neben dem Klimawandel kritisiert er auch insbesondere die Art und Weise wie wir mit Tieren umgehen. Wir sehen uns selbst als die Krone der Schöpfung, doch gerade der Bereich der selbstlernenden Computer, der künstlichen Intelligenz könnte uns in die gleiche Position bringen, in die wir alle anderen Lebewesen auf dem Planeten gebracht haben. Wir müssen anfangen andere Lebewesen deutlich besser zu behandeln, Massentierhaltung ist eine Schande für die Menschheit und unter keinen Umständen zu rechtfertigen.

“Centuries ago human knowledge increased slowly, so politics and economics changed at a leisurely pace too. Today our knowledge is increasing at breakneck speed, and theoretically we should understand the world better and better. But the very opposite is happening. Our new-found knowledge leads to faster economic, social and political changes; in an attempt to understand what is happening, we accelerate the accumulation of knowledge, which leads only to faster and greater upheavals. Consequently we are less and less able to make sense of the present or forecast the future. In 1016 it was relatively easy to predict how Europe would look in 1050. Sure, dynasties might fall, unknown raiders might invade, and natural disasters might strike; yet it was clear that in 1050 Europe would still be ruled by kings and priests, that it would be an agricultural society, that most of its inhabitants would be peasants, and that it would continue to suffer greatly from famines, plagues and wars. In contrast, in 2016 we have no idea how Europe will look in 2050. We cannot say what kind of political system it will have, how its job market will be structured, or even what kind of bodies its inhabitants will possess.”

Ich mochte dieses Buch auch deshalb, weil er Technologie kritisch hinterfragt ohne sie zu verdammen. Es geht ihm um eine vernünftigere Zukunft und nicht um eine rückschrittliche Abkehr und ein zurück auf die Bäume.

Zum Einstieg empfehle ich Hararis TED Talk:

„Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ – Ernst Peter Fischer

„Das Schönste was wir erleben können ist das Geheimnisvolle“ schrieb Albert Einstein „Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

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Die meisten von uns haben wissenschaftliche Methoden zusammen mit dem Periodensystem und dem sezierten Kuhauge weitestgehend mit dem Schulabschluß hinter uns gelassen. Wir brauchen aber (auch) gute wissenschaftliche Literatur, die uns hilft dem postfaktische Zeitalter in dem wir uns anscheinend befinden Widerstand zu leisten. Zum Glück gibt es da einige gute Autoren und schreibende Wissenschaftler und Ernst-Peter Fischer ist meiner Ansicht nach einer von ihnen, die die Gabe haben Fakten in guterzählte Geschichten zu verpacken, die der Wissenschaft das Staunen, das Entdecken und das Wissenwollen zurückgeben. Autoren die die Welt und die Wissenschaft nicht nur verständlich machen, sondern aufregend und interessant erscheinen lassen.

Fischer stellt uns in seinem Buch ein Ensemble an großen Wissenschaftlern und Universalgelehrten vor, die sich mit schwarzen Löchern, mit Quarks und Quasaren, mit Küken, Mais, Genen und vielem mehr beschäftigen und deren Geschichten es durchaus mit Sci-Fi-Thrillern oder Krimis aufnehmen können.

Anthologien sind in der Regel unterhaltend, spannend und so zugänglich, das man sie problemlos lesen kann ohne zu fürchten einer Gehirnschmelze zu erliegen. Doch ein wenig naturwissenschaftliches Grundwissen ist nicht verkehrt, um aus Fischers Buch möglichst viel mitzunehmen. Das Ergebnis ist eine Führung durch die Gedanken und Ideen einiger der größten Wissenschaftler. Jedem Kapitel ist ein Zitat vorangestellt und jedes Porträt drei, vier Seiten lang. Fischer begleitet den Leser bei seiner Reise durch die Erkenntnisse aus Astronomie und Physik, Mathematik und Informatik, Naturforschung und Biologie, Chemie und Medizin sowie Molekularbiologie und Genetik, er ist dabei ein freundlicher Reiseleiter der auf Interessantes hinweist und das Interesse des Lesers auf unerwartete und überraschende Erkenntnisse stupst.

Ich kann alle drei Bücher aus der Geschichts-Hirngymnastik vollumfänglich empfehlen und kann sie mir wunderbar unter einigen Weihnachtsbäumen als perfektes Geschenk vorstellen.

 

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Konnte ich Euch Lust auf die Geschichte der Menschheit, die Geschichte unserer Zukunft und der Wissenschaft machen? Ich würde mich riesig freuen.

Hirngymnastik – Genetik und Evolution

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Ich finde alles, was mit der Entstehung und Entwicklung des Lebens zu tun hat, unglaublich spannend. Schon lange beschäftigte mich daher die Frage, wie aus der Ursuppe die ersten Gene entstanden sind und wie im Laufe von Milliarden Jahren dann irgendwann so in den letzten 5 Minuten der Zeit der Mensch in seiner heutigen Form erschien.

Durch die komplette Entschlüsselung des Genoms, die unglaublich faszinierende CRISPR Cas-Methode und nicht zuletzt natürlich durch meine Lieblings-Science-Serie „Orphan Black“ wurde ich dazu animiert, mich eine Zeit lang deutlich intensiver mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Willkommen zum zweiten Teil der Hirngymnastik und los gehts:

Matt Ridley – Genome

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Matt Ridley ist meines Erachtens einer der besten Autoren im naturwissenschaftlichen Bereich. Das dieses Buch hier schon über 15 Jahre alt ist, merkt man ihm nicht an, es hat nichts an Aktualität, Anspruch und Bedeutsamkeit verloren. Habe es vor vielen Jahren mal gelesen und es wurde dringend Zeit für eine neue Runde. Ridley widmet jedes der 23 Kapitel einem spezifischen Gen, die an den 23 Chromosomen Paaren zu finden sind. Das Buch soll kein Buch über Krankheiten sein, dennoch sind insbesondere Erbkrankheiten ein wichtiges Thema des Buches. Die letzten Kapitel beschäftigen sich mit allgemeineren Themen wie genetischem Determinismus, Eugenik, Erbschaftslehre und der immer wieder spannenden Frage von Nature vs. Nurture. Sind wir und unsere Körper und unser Hirn in bestimmter Art und Weise vorprogrammiert für bestimmte Vorlieben?

“Imagine that the genome is a book.

There are twenty-three chapters, called CHROMOSOMES.
Each chapter contains several thousand stories, called GENES.
Each story is made up of paragraphs, called EXTONS, which are interrupted by advertisements called INTRONS.
Each paragraph is made up of words, called CODONS.
Each word is written in letters called BASES.” 

Das Buch gibt einen spannenden Einblick in die Geschichte der Menschheit, wie wir wurden, was wir sind. Das Humangenomprojekt hat unser komplettes Genom komplett entschlüsselt und es den Menschen erstmals ermöglicht, die Ursache von Krankheiten und mögliche Therapien zu entdecken und die Lebensqualität zu verbessern. Dieses Wissen, das durch die Genforschung entsteht, ist wichtig und notwendig, wie wir dieses Wissen dann später nutzen, ist eine komplett andere und ebenfalls sehr sehr wichtige Diskussion.

Ridley glaubt an den freien Willen und ist daher fest davon überzeugt, dass Vererbung nicht automatisch Unveränderlichkeit bedeutet. Du selbst und nicht Deine Gene kontrollieren Dein Leben.

“The fuel on which science runs is ignorance. Science is like a hungry furnace that must be fed logs from the forests of ignorance that surround us. In the process, the clearing we call knowledge expands, but the more it expands, the longer its perimeter and the more ignorance comes into view.”

Gregory E. Pence „What we talk about when talk about Clone Club“

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Als Mitglied im Clone Club und weltgrößter Fan der Science-SciFi-Klon-Serie „Orphan Black“ durfte dieses Buch natürlich nicht fehlen. Es ist aber nicht nur eine unbedingte Empfehlung für Fans der Serie, sondern für alle, die sich für Bioethik und Genetik interessieren.

Pence beschäftigt sich in seinem Buch mit Bioethik, einem Feld, das sich mit wissenschaftlichen und medizinischen Fragen beschäftigt. Wer die Serie kennt, wird sich vermutlich mit der Frage beschäftigt haben, wieviel Science steckt da wirklich drin und wie realistisch ist diese dargestellt. Was sind die moralischen und rechtlichen Implikationen, wenn wir über Klone nachdenken. „I am not your property“ war einer der Sätze, die sich mit der Frage beschäftigte, wem gehören DNA Patente? Dazu sollte man sich auch unbedingt einmal diesen TED Talk angucken:

https://www.ted.com/talks/tania_simoncelli_should_you_be_able_to_patent_a_human_gene

Wie ist es möglich, dass Klone, die dem gleichen Baukasten entspringen, so unterschiedlich sind mit Blick auf Aussehen, Verhalten und der Art und Weise zu denken? Pence beschäftigt sich mit den Themen Geschlechtsidentität, Fragen der sexuellen Orientierung mit Blick auf „Lifestyle Choices“, die in der Serie thematisiert werden und mit der Frage, was das Klonen mit der dunklen Geschichte der Eugenetik zu tun hat sowie mit psychologischen, rechtlichen und medizinischen Aspekten.

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Cosima: „You know your clones, we call each other sister.
Kendall: Call yourselves what you want. You’re just a bad copy of me. 
Cosima: We’re kind of over the whole bad copy thing. It’s way more accurate for us to call you older sister.“

Pence schafft es, die Wissenschaft hinter Orphan Black zugänglich zu machen und ich habe einiges gelernt bei der Lektüre. Beispielsweise war mir vorher nicht klar, dass eineiige Zwillinge sich genetisch ähnlicher sind als Klone. Durch Umwelteinflüsse und kleine Unterschiede in der Zusammensetzung der mitochondrialen Gene in der Eizelle, die den Nukleus des Klons beherbert, und unterschiedlich verlaufende Schwangerschaften sind der Grund dafür, dass Klone etwas unterschiedlicher sind als eineiige Zwillinge. Also, auch wenn Rachel und Cosima zum Beispiel 99% identisch sein mögen, ist die Übereinstimmung zwischen den Zwillingen Sarah und Helena denoch höher.
Der Autor macht Lust, sich mit den bioethischen Fragen zu beschäftigen, die Wissenschaft hinter der Serie zu ergründen und man merkt, dass er ebenfalls stolzes Mitglied im Clone Club ist und seine Begeisterung ist definitiv ansteckend.

 

Richard Dawkins – „The Selfish Gene“

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Richard Dawkins – The Selfish Gene

Noch ein Klassiker, dem man seine 30+ Jahre, die es auf dem Buckel hat nicht anmerkt. Dawkins Bücher sind sehr zugänglich, nicht nur durch die eingängige Sprache, sondern seine Art, komplizierte Dinge mit passenden Methaphern zu bestücken. Spieltheorie spielt eine große Rolle, wenn man Genetik verstehen will. In diesem Buch hat Dawkins auch den Begriff „Meme“ zum ersten Mal gebraucht, der selbst zur Meme wurde. Eine „Meme“ ist das kulturelle Pendant zum biologischen Gen. Meme versuchen, sich durch Verbreitung selbst zu erhalten und passen sich ebenfalls durch Mutationen an, wenn dies ihrer Selbsterhaltung zuträglich ist.

Hier einer meine Lieblings-TED Talks zum Thema Memen:

http://www.ted.com/talks/susan_blackmore_on_memes_and_temes

Dawkins beschäftigt sich im Buch unermüdlich mit dem Gegensatz zwischen dem Egoismus der Gene, der notwendig ist zum Überleben, und dem Altruismus der gleichzeitig ein großer Teil unserer Menschlichkeit ist. Wie erklärt sich Altruismus? Dawkins findet sich im Buch oft in der Rolle des Störenfriedes und Spaßverderbers, denn immer wenn wir glauben, dass der Mensch tief drinnen doch echt ein gutes Wesen ist, zeigt er uns wieder und wieder, dass positives Verhalten von unseren Genen gesteuert wird und denen am Ende immer zu Gute kommt.

“Let us try to teach generosity and altruism, because we are born selfish. Let us understand what our own selfish genes are up to, because we may then at least have the chance to upset their designs, something that no other species has ever aspired to do.”

Es ist ein absolut faszinierendes Buch das ich jedem empfehlen würde der sich für Genetik, Evolution und Soziologie interessiert. Es macht Spaß zu lesen, ist nicht schwierig und man lernt permanent mehr über sich und unseren Ursprung.

“In the beginning was simplicity.” 

Dawkins erfährt in letzter Zeit viel Ablehnung, da er einer der entschiedensten und offensivsten Atheisten ist und das vielen nicht passt. Religiöse Leute lesen seine Bücher wahrscheinlich ohnehin nicht, falls sie es tun, sollten sie allerdings tatsächlich ein etwas dickeres Fell haben, denn er fasst sie nicht mit Samthandschuhen an. Er ist ein leidenschaftlicher Anhänger von Darwins Evolutionstheorie und hat für Kreationisten absolut nichts übrig.

“The meme for blind faith secures its own perpetuation by the simple unconscious expedient of discouraging rational inquiry.” 

Solange man keine Chance hat, in Amerika Präsident zu werden, solange man nicht irgendeiner Religion angehört (und vermutlich in einer ganzen Reihe anderer Länder), solange sind bekennende und offensive Atheisten nötig.

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Charles Darwin – Hosts of Living Forms

Dieses kleine Büchlein war alles andere als leichte Kost. Habe mich ganz schön gequält, denn so sehr mich Darwins Ideen im Buch auch faszinieren, die Sprache musste ich erst einmal knacken, um an den Kern vorzudringen.

Er beschäftigt sich hier überwiegend mit der Unzulänglichkeit der Fossilien und wie identische Spezies teilweise über riesige zeitliche und räumliche Entfernungen existieren können, wie Fossilien entstehen und wie lang es braucht, bis Landmasse erodiert.

Ein Buch, das vermutlich etwas zugänglicher wird, wenn man ein bisschen was geraucht hat. Ansonsten ist Darwin im Original eher was für Fortgeschrittene.

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„I look at the natural geological record, as a history of the world imperfectly kept, and written in a changing dialect; of this history we possess the last volume alone, relating only to two or three countries. Of this volume, only here and there a short chapter has been preserved; and of each page, only here and there a few lines. Each word of the slowly-changing language, in which the history is supposed to be written, being more or less different in the interrupted succession of chapters, may represent the apparently abruptly changed forms of life, entombed in our constructive, but widely separated, formations.“

Neben den Büchern habe ich mich noch mit Hank Greens Crash Course Biology beschäftigt

und die Episode „The Evolutionary Epic“ in dem es um Evolution ging:

 

Beides wirklich empfehlenswert. Der nächte Teil der Hirngymnastik beschäftigt sich voraussichtlich mit Physik – tune in for more Fun with Facts 😉

Walden Two – BF Skinner

Skinner

Wer mich ein wenig kennt, weiß ja dass ich des Öfteren bis zum Bauchnabel in der Papiermülltonne stecke, wenn wieder ein Wahnsinniger Bücher weggeworfen hat. So geschehen vor einer Weile, als die Tonne fast randvoll war mit Büchern, was  nicht nur zu verspätetem Arbeitsbeginn führte, sondern auch zu einer ganzen Reihe sehr spannender Neuzugänge im heimischen Bücherregal.

Wer auch immer damals all diese Bücher weggeworfen hat, der eigentliche Besitzer muss ein interessanter Mensch gewesen sein. Fast alles englischsprachige Bücher, die in den 1960/Anfang der 1970 Jahre erschienen waren. Von Pirsigs „Zen and the Art of Motorcycle Maintenance“ über Aldous Huxleys „Island“ unter anderem zu „Walden Two“ von BF Skinner und einigem mehr. Was würde ich dafür geben, mit dem Besitzer mal ein Bier oder drei zu trinken und mich über seine Sammlung auszutauschen und warum die alle in der Tonne gelandet sind.

Skinners Roman erschien im gleichen Jahr, in dem George Orwell „1984“ schrieb, im Jahr 1948, kurz nach dem 2. Weltkrieg. Walden Two ist sozusagen das positive Gegenstück zu Orwells düsterer Dystopie: eine Gemeinde von etwa 1000 Personen, die weitgehend autonom von der Außenwelt leben – nach den von Skinner erforschten Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Verhaltens.

Der Roman wird aus der Sicht des Psychologie-Professors Burris erzählt, der von einem Studenten von der Gemeinde Walden Two hört, die ein früherer Student von ihm, T.E. Frazier, gegründet haben soll. Er wird neugierig und beschließt, mit ein paar Freunden Walden Two zu besuchen und das Ganze in Augenschein zu nehmen.

Der Name Walden Two bezieht sich auf  das Buch Walden von Henry David Thoreau, der zwei Jahre am Walden-See allein in einer selbst gezimmerten Holzhütte lebte. Skinner erklärte, Thoreaus Walden sei ein Experiment mit einer Person gewesen, Walden Two sei ein Experiment mehrerer Personen, die wie Thoreau ein freies und selbstbestimmtes Leben führen wollten.

“The only geniuses produced by the chaos of society are those who do something about it. Chaos breeds geniuses. It offers a man something to be a genius about.”

“No one asks how to motivate a baby. A baby naturally explores everything it can get at, unless restraining forces have already been at work. And this tendency doesn’t die out, it’s wiped out.” 

Das ist kein Unterhaltungsroman und er versucht auch nicht zwingend „entertaining“ zu sein, das Ganze ist mehr Treibstoff fürs Hirn, weil jede Menge Fragen und Diskussionen aufgeworfen werden. Mich hat es sehr beeindruckt.

“Some of us learn control, more or less by accident. The rest of us go all our lives not even understanding how it is possible, and blaming our failure on being born the wrong way.” 

 “We are only just beginning to understand the power of love because we are just beginning to understand the weakness of force and aggression.” 

Ich habe vor ein paar Jahren „Nudge“ gelesen von Richard Thaler, ein Begriff der aus der Verhaltensökonomik kommt und auf der Methode beruht, dass Verhalten von Menschen auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen. Eine nicht ganz unumstrittene Methode, die sicher auch ihre Kehrseiten hat, aber positiv eingesetzt auch recht erfolgreich sein kann.

Schade, dass in keinem der Bücher ein Name stand, als ich sie aus der Tonne angelte, ich hätte den Besitzer zu gerne getroffen und mit ihm diskutiert. Vielleicht liest er oder sie das ja jetzt und meldet sich und das wird dann der Start einer wunderbaren utopischen Freudschaft 😉

Hier ein kurzer Auszug aus einer BBC Dokumentation über Skinner: