Short and Sweet – Gemischte Tüte

Short and Sweet kommt ja oft, wenn ich ein bisschen faul bin für elaborierte Rezensionen, das soll gar nicht wertend sein den Büchern gegenüber, die ich dann nur kurz bespreche. Habe mal die liegengebliebenen der letzten Wochen (und einmal fast schon Monate) zusammengesucht, damit ich sie endlich ins Regal räumen kann und sie aufhören, mich so vorwurfsvoll anzuschauen.

Mein großes Highlight in diesem Stapel war „Night Film“ von Marisha Pessl, eine Autorin, die mit ihrem Debut „Special Topics in Calamity Physics“ vor ein paar Jahren für ordentlich Aufsehen in der Literaturbranche sorgte. Zusammen mit Jonathan Safran Foer galt sie als literarisches Wunderkind, wurde aber gleich auch mit ihm als Vertreterin der „Streber-Literatur“, der show-offs, in einen Topf geworfen.

Ich mochte ihr Debut sehr, mag auch Safran Foer und daher haben mich diese Spitzen überrascht, habe sie aber weitestgehend ignoriert und war erfreut, dass ein weiterer Roman von ihr erschienen ist, der sich dann auch noch mit dem Genre Horror-Film beschäftigt. Die Aufmachung erinnert entfernt an Mark Z Danielewskis „House of Leaves“ und die Geschichte um den Selbstmord der Tochter des mysteriösen Horrorfilm-Regisseurs Stanislav Cordova, der seit über 30 Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde, hatte für mich definitiv Pageturner-Qualitäten.

“Mortal fear is as crucial a thing to our lives as love. It cuts to the core of our being and shows us what we are. Will you step back and cover your eyes? Or will you have the strength to walk to the precipice and look out?“

Nicht wirklich gruselig, aber düster und atemberaubend spannend, ein Thriller der Extraklasse, der Lust aufs Gruseln macht.

„Solitaire“ von Kelly Eskridge entführt uns in eine nicht all zu weit entfernte Zukunft, in der es tatsächlich endlich Weltfrieden gibt. Als Symbol der Hoffnung wurden alle Kinder, die genau in der Sekunde geboren wurden, als die Friedensverhandlungen beendet wurden, zu „Hopes“ ernannt und werden auf ihre Rolle als künftige Aushängeschilder der globalen Administration vorbereitet.

Die „Hope“ des weltweit einzigen Konzernstaates ist Ren „Jackal“ Seguara. Als Ren für eine fürchterliche Katastrophe die Schuld gegeben wird, bricht die Ko Corporation, ihr Heimatland sozusagen, jegliche Verbindung mit ihr ab und verurteilt sie zu einer fürchterlichen Strafe. Sie wird im Rahmen eines Experiments in eine Virtual Reality Isolationshaft gebracht, wo sie die nächsten 8 Jahre allein in ihrem Geist eingesperrt wird, ohne jeglichen Kontakt von außen.

„When we are left all alone is that when we find out who we truly are?“

Was mir an diesem stylischen Sci-Fi Roman unter anderem gut gefallen hat, war die absolute Selbstverständlichkeit mit der Ren eine Freundin hat und das auch ohne große Liebesdramen oder Dreiecksgeschichten, sondern von der ersten Seite an war klar, dass sie mit Snow zusammen ist. Eine willkommene Abwechslung.

Richtig kaugummibunt wird es dann bei „Knallmasse“ von Ulrich Holbein, einem durchgeknallten Science-Fiction Märchen. Klingt als hätte es George Orwell mit Lewis Carroll geschrieben, nachdem sie sich durch Aldoux Huxleys komplette LSD-Vorräte gearbeitet hatten.

Eine Zusammenfassung erscheint mir ziemlich unmöglich daher kupfer ich mal die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken ab um hier ordentlich Appetit auf diesen Roman zu machen, der im Übrigen bereits 1993 erschienen und liebevoll illustriert vom Humunculus Verlag wieder aufgelegt wurde.

„Es knallt und zwischt. Roboter Knallmasse lebt mit seinesgleichen im Staat des Dröhnens DeziBel, wo man das Klobige, Harte schätzt und das Weiche, Runde verabscheut. Als sich jedoch durch einen Sportunfall siene Weltsicht verkehrt und er dem Organischen plötzlich zugetan ist, hat er den Platz in sienem bisherigen Lebensraum verwirkt. Der Staatsapparat macht unterbittlich Jagd auf den Abweichler. Mit zwei menschenähnlichen Wulwiletten gelingt Knallmasse die Flucht ins kunterbunte Weltall, wo ein Abenteuer komischen Ausmaßes auf sie wartet.“

Ich danke dem Humunculus-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kluge Gedanken für Leserinnen in allen Lebenslagen aus dem Elisabeth Sandmann Verlag ist eine Hommage an die lesende Frau und ich habe darin für meine Serie „Awesome People (Binge)Reading auf Facebook noch ein paar sehr schöne Motive gewonnen. Die Bilder sind wunderbar, zeigen überwiegend eher unbekanntere Leserinnen in abgefahrenen Positionen, das ganze wird von literaturbezogenen Zitaten geschmückt. Ein Buch das man gerne durchblättert und dass das perfekte Coffee-Table-Büchlein für die lesende Frau von Welt ist 😉

Einzig die Auswahl der Zitate fand ich gelegentlich etwas einseitig, einige Autorinnen sind dutzenfach vorhanden, ein paar, die gut gepasst hätten, fehlen leider gänzlich. Aber das ist jammern auf hohem Niveau, wer noch ein passendes Geschenk für eine Freundin oder sich selbst sucht, der kann hier beruhigt zugreifen.

Mein letztes Buch für heute hätte ganz wunderbar in die Short and Sweet – Illustre Runde gepasst, da hatte ich es allerdings noch nicht, aber so ein Geburtstag sorgt ja immer wieder für Neuzugänge und somit habe ich jetzt auch Haruki Murakamis „Schlaf“ in meiner Sammlung.

„Der Zustand, in dem ich in dieser Welt lebte und existierte, war wie eine vage Halluzination. Bei einem Windstoß, glaubte ich, würde mein Körper bis ans Ende der Welt geweht, an einen Flecken am Ende der Welt, den ich nie gesehen und von dem ich nie gehört hatte. Ewig wären mein Körper und mein Bewusstsein voneinander getrennt.“

Illustriert wurde es wieder mehr als genial von der wunderbaren Kat Menschik. Die Geschichte handelt von einer Frau, die seit siebzehn Tagen absolut kein Auge zumachen kann. Während Mann und Sohn nachts schlafend in ihren Betten liegen, beginnt für die namenlose Erzählerin ihr zweites Leben, das bald deutlich aufregender ist, als ihre immer gleichförmigen Tage.

Die 30jährige erzählt niemandem von ihrer Schlaflosigkeit, einzig der Leser erfährt davon. Es gibt keine Anzeichen von einsetzendem Wahnsinn oder anderen üblichen Symptomen nach einer derart langen Zeit der Schlaflosigkeit. Murakami hat sich ganz sicher intensiv mit dem Thema beschäftigt, ich fand die Idee unglaublich spannend, muss aber sagen, es handelt sich meines Erachtens um eine etwas schwächere Geschichte vom Meister. Aber auch hier jammern auf hohem Niveau. Ein Buch das jeder Murakami-Fan in seiner Sammlung braucht und spätestens in der nächsten schlaflosen Nacht werde ich es noch einmal hervorholen…

Das wars für heute meine Lieben. Hier noch mal kurz in der Übersicht die besprochenen Bücher dieser Short und Sweet Folge:

  • Marisha Pessl – Night Film. Im deutschen unter dem Titel „Die amerikanische Nacht“ im Fischer Verlag erschienen
  • Kelley Eskridge – Solitaire. Bislang nicht auf deutsch erschienen. Ansonsten im Small Bear Verlag.
  • Ulrich Holbein – Knallmasse. Erschienen im Homunculus Verlag
  • Kluge Gedanken für Leserinnen in allen Lebenslagen. Erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag
  • Haruki Murakami – Schlaf. Erschienen im Dumont Verlag.

Planet Magnon – Leif Randt

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Mit Leif Randt geht es durch die unendlichen Weiten des Weltalls – where no one has gone before. Wir entern ein Sonnensystem das von einer allwissenden weisen Artificial Intelligence mit eingebautem Fairness-Schlüssel regiert wird und aus sechs Planeten und zwei Monden besteht.

Wir befinden uns in einer postdemokratischen, postrationalen, friedlichen Ära irgendwo in der Zukunft, wo verschiedene Kollektive um die ideale Lebensführung konkurrieren. Der Mond ist türkisfarben, alle fast ständig auf Droge und der Kapitalismus gezähmt.

Leif Randt ist ein poetischer Autor, der eine Geschichte erzählt, bei dem jedes Wort zählt und Meinung hat und jeder Satz seinen ganz eigenen Rhythmus hat. Seine Manipulation der Sprache führt dazu, dass vertraute Alltagsdinge plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen, gleichzeitig vertraut und doch ganz fremd sind. Die Technik führt dazu, dass „Planet Magnon“ eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt und jede einzelne Szene des Romans entsprechend färbt.

„Ich versuche es auf eine Art zu erzählen, wie ich es selbst gerne erzählt bekäme. Ich spreche ruhig und fange nicht mit den entscheidenden Dingen an, sondern mit denen, die mich berührt haben.“

Marten Eliot, der Protagonist der Geschichte, gehört zu den Dolphins, einem der führenden Kollektive, das sich der Nüchternheit, Pflichterfüllung und postpragmatischen Schwebeübungen verschrieben hat.

„Die erste Wache nimmt eines der großen Messer von der Wand und beginnt, mit der scharfen Klinge Fleisch vom Spieß zu lösen. Es fällt Schicht um Schicht herunter, und die zweite Wache vermengt es mit Salat auf unseren Teigscheiben. Wir haben kein Besteck. Beide Wachen tragen Hygienehandschuhe und wickeln den angerösteten Teig nun um die gehäufte Nährung.“

Das titelgebende Magnon ist eine Substanz, die es zu ganz besonderen Gelegenheiten gibt und die einen umgehend in einen Zustand frühkindlichen Wohlbefindens befördert. Alles ist kühl und zurückgenommen im Sonnensystem, ähnlich wie die Sprache Randts und Bewegung kommt erst ins Geschehen, als das Kollektiv der „gebrochenen Herzen“ auftaucht und versucht die wohlstandsmüden Selbstkontrollierten zu erschüttern.

Randt deutet alles nur an, auf überdeutliche Beschreibungen verzichtet er. Die Sprache ist elegant und es gibt eine Menge verhalten witzige Passagen. Man hätte aus allem vielleicht noch ein bisschen mehr machen können, das Glossar nimmt fast einen Drittel der Geschichte ein, da hätte ich mir vielleicht noch ein paar weitere Kapitel gewünscht, ich fand das Ende etwas abrupt, aber genau das Richtige für Freunde intelligenter bizarrer Science Fiction, die die Wohlstandsgesellschaft und deren Oberflächlichkeiten leise persifliert.

 

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

The Three-Body Problem – Cixin Liu

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Foto: audible

Ich war gerade am grübeln, wie ich meine Leidenschaft für Bücher mit der Lust am Laufen und Radln besser verknüpfe, da gab es eine Anfrage, ob ich Interesse an einer Hörbuch-Kooperation habe. „The Three-Body Problem“ war also mein Versuchskaninchen, da ich Hörbücher bislang immer mit „innerhalb-von-5-Minuten-wirkenden-Schlafmitteln“ in Verbindung gebracht habe.

Einschlafen war aber bei der aktuellen Versuchskonstellation keine Option, weder vom Inhalt her, noch war ein Sofa in der Nähe. Ich habe mich auf dem Weg zur Arbeit und zurück, beim Mittagspausen-Spaziergang und wochenends an der Isar lang von Cixin Liu begleiten lassen und was soll ich sagen – das hat richtig gut funktioniert! Das Hörbuch dauerte insgesamt 14 Stunden und 37 Minuten und als ich zum Ende hin so angefixt war, hat mich eine fette Erkältung zwar aufs Sofa und ins Bett gezwungen, aber ich hab deutlich länger als 5 Minuten durchgehalten. Hörbücher müssen also nicht zwangsläufig sofort zum Einschlafen führen, nach einer Weile tun sie es bei mir aber schon. Daher für mich eher Walk & Talk, aber man kann auch sehr problemlos zurückspulen, wenn es dann doch mal passiert.

Der Sprecher Bruno Roubicek hat mir gut gefallen, auch wenn ich insbesondere am Anfang der Geschichte ziemliche Schwierigkeiten hatte, mir die Namen der Charaktere zu merken und sie auseinanderzuhalten. Das wäre mir beim Lesen eventuell etwas einfacher gefallen, als beim bloßen Zuhören, ansonsten hat mir mein Audiobook-Abenteuer ausgesprochen gut gefallen. Ich glaube, audible sieht mich durchaus wieder, denn ich war positiv überrascht, dass viele Hörbücher in deutsch und englisch erhältlich sind und das die Auswahl ganz gut zu sein scheint.

„The Three-Body Problem“ beschäftigt sich vorwiegend mit folgenden Themen und wenn diese auch nur annähernd interessant für euch sind, dann könnte dieser Sci-Fi Thriller absolut was für euch sein:

  • die Kulturrevolution in China
  • die Geschichte der Wissenschaft, insbesondere der Physik
  • die Frage, ob wir Kontakt zu anderen Zivilisationen wirklich wollen würden und welchen Einfluss das auf unsere Zivilisation hätte
  • Ist Wissenschaft eigentlich tatsächlich objektiv und nachweisbar oder sind wir limitiert durch unseren Verstand, der so wirklich mit maximal vier Dimensionen umgehen kann?

Mir gefällt Sci-Fi eigentlich am besten, wenn das „Worldbuilding“ gut funktioniert und meine Ansichten und Paradigmen ordentlich durchgeschüttelt werden. Ich will neues lernen über unsere Welt, andere Welten, über mich und die Protagonisten in der Geschichte. Als ewiger Optimist bin ich sehr davon überzeugt, dass das goldene Zeitalter noch vor uns liegt.

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Foto: LinkedIn

Lin nutzt das „Three-Body-Problem“ der klassischen Mechanik um ein paar furchterregende Fragen mit Blick auf die menschliche Natur zu stellen und was den Kern unserer Zivilisation so ausmacht.

Die Geschichte beginnt mit der Kulturrevolution im Jahr 1967, wo die Astrophysikerin, Ye Wenjie, Zeugin der öffentlichen Exekution ihres geliebten Vaters wird, der von ein paar jungen Frauen der Roten Garde zu Tode gequält wird. Das ist der erste Schritt auf ihrem Weg zur absoluten Missachtung der menschlichen Rasse und führt später dazu, dass sie eine Entscheidung trifft, die das Schicksal der gesamten Menschheit aufs Spiel setzt.

Vierzig Jahre später kommt der Nanomaterial-Forscher Wang Miao mit einem Virtual Reality Computerspiel in Kontakt, das erstaunlich großen Einfluss auf die reale Welt um ihn herum zu haben scheint. Dann gibt es da noch die Trisolaner, eine Rasse die in einem Universum mit drei Sonnen leben, auf einem Planeten dessen Gravität, Hitze und Umlaufbahn sich in konstantem irregulärem Fluss befinden. Kurz vor dem Aussterben sind die Trisolaner zu ziemlich allem bereit, um sich vor der Vernichtung zu retten …

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Foto: Jaywong

Das ungewöhnliche an diesem Sci-Fi Roman ist, dass die Außerirdischen bis kurz vor Schluß gar keinen Auftritt haben, der Roman beschäftigt sich weitaus mehr mit dem nominellen „Three-Body-Problem“, mit Wissenschaftsgeschichte, innovativen wissenschaftlichen Theorien und ab und an auch ziemlich abgefahren-skurillen Theorien. Gelegentlich hatte ich ein „Three-Brains-needed“ Problem, so ein Grundlagen-Crashkurs in Physik kann nicht schaden. Cixin Lius Erklärungen der Theorien fand ich ziemlich gut, aber ab und an war ich doch etwas „lost in space“ und habe insbesondere zum Ende des Buches hin versucht, im Internet Physik-Nachhilfe zu finden, um noch mitzukommen. Tipps wie „solange du die Formel drauf hast, wie sich Himmelskörper in einem Vakuum bewegen geht alles klar“, haben nur marginal geholfen 😉

Die Idee, die Zivilisation der Trisolaner per VR-Video Game vorzustellen, fand ich ziemlich cool und hat mich an Star Treks Holodeck erinnert. Jedes Mal wenn das Spiel neu gestartet wird, findet sich der Spieler in einem fortgeschrittenerem Stadium des wissenschaftlichen Fortschritts der Erde wieder. Wo man anfangs noch chinesischen Kaisern begegnet, spielt man irgendwann an Einsteins Seite.

Wenn ich bislang wenig über die Charaktere gesprochen habe, dann hat das durchaus seinen Grund, denn diese sind der größte Schwachpunkt der Geschichte. So spannend und informativ der Roman ist, die Protagonisten sind eher 1-2D und Entwicklung findet auch eher weniger statt. Über die Persönlichkeiten der Protagonisten könnte ich einfach nicht viel sagen, denn die sind eher reaktiv unterwegs, ihre Weltanschauungen, Vorlieben, Ängste etc. bleiben eher im Dunkeln. Dafür gibt es Punktabzug, dem Lese- oder vielmehr in diesem Fall Hörgenuss hat das keinen Abbruch getan.

Spannend finde ich noch, dass das Buch im heftig zensierten China trotz deutlicher Kritik an der chinesischen Vergangenheit so erfolgreich ist. Würde mich interessieren, wie das im Land diskutiert wurde, dazu kenne ich mich leider viel zu wenig mit China aus.

Das Buch ist in China und den USA ein riesiger Bestseller, der erste Band einer Trilogie von dem bislang nur der erste ins Deutsche übersetzt wurde. Eine Filmadaption ist gerade abgeschlossen, keine Hollywood Produktion, sondern eine chinesische Eigenproduktion und erste Bilder vom Set kann man hier sehen (nach etwa 20 Sek chinesischer Werbung am Anfang):

Cixin Liu hat 2015 den in der Sci-Fi Welt sehr renommierten Hugo Award gewonnen. Das Barack Obama ihn auf seiner Sommer-Leseliste hatte, hat dem Roman sicherlich gut getan und ihm den Weg in den Mainstream gebahnt. Ein außergewöhnlicher Sci-Fi Thriller, der mir sehr gut gefallen hat. Ich freue mich auf die zwei weiteren Bände und kann den Roman jedem empfehlen, der Spaß an „hard Sci-Fi“ hat, der mal nicht einem typisch westlichen Plot folgt, der gelegentlich zur Überhitzung der Synapsen führen kann und auf jeden Fall Lust auf mehr Sci-Fi aus allen möglichen Ecken der Welt macht.

Hier noch ein Erklärungsversuch, notfalls glühende Synapsen mit chinesischem Dosenbier kühlen 😉

https://www.wired.com/2016/06/way-solve-three-body-problem/

Eine weitere positive Rezension findet ihr bei letusreadsomebooks.
Brasch & Buch konnte sich eher weniger damit anfreunden.

The Power – Naomi Alderman

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Da hatte Margaret Atwood tatsächlich recht. Dieser Roman hat mich aus den Socken gehauen. „The Power“ ist die außergewöhnliche Geschichte, wie sich das Kräfteverhältnis in der Welt verändern würde, wenn Frauen plötzlich diejenigen wären, die die „Power“ hätten und es ist gleichzeitig ein provokant-feministischer Blick auf unsere gegenwärtige Welt.

Die Geschichte beginnt in etwa 2000 Jahren, in der unsere Gegenwart als die „Cataclysm Era“ bezeichnet wird, denn sie endete mit einem weltweiten katastrophalen Krieg, aus der neue Zivilisationen hervorgingen. Zu Beginn des Buches leben sie in einer Gesellschaft, die der unseren ähnlich ist. Der einzige große Unterschied ist, dass nach der Katastrophe alle Frauen mit einem Skein geboren werden. Einem internen Organ, das Energiestöße freisetzen kann, die so heftig sein können, das man jemanden damit verletzen, kontrollieren, töten aber auch heilen kann – genannt „the Power“.

Frauen wurden durch diese Entwicklung immer mächtiger und alle Gesellschaften, die ab dem Zeitpunkt historisch erwähnt werden, sind Matriarchate. Wir erfahren all das über die Zukunft, über den Email-Austausch zwischen dem Autor des „historischen Textes“und der Redakteurin jeweils am Anfang und Ende des Romans. Der Roman selbst beschäftigt sich mit dem, was der Autor (ein Mann) als Auslöser für die Katastrophe annimmt. Der Roman den wir lesen spielt also zu unserer Zeit in unserer patriarchalischen Welt und beginnt mit dem Moment, in dem die ersten Frauen mit einem Skein und somit der Power geboren werden und wie zeigt, wie schnell sich das Kräfteverhältnis in der Welt von den Männern zu den Frauen hin verschoben hat.

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Alderman beschäftigt sich mit der Idee, das Power immer eine korrumpierende Sache ist, die Menschen dazu bringt schlimme Dinge zu tun, einfach nur weil sie können, unabhängig, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Auch wenn man sich vielleicht erhoffen würde, Frauen würden mit einer solchen Power besser umgehen, hat Aldermanwahrscheinlich recht. Wer Power hat, der nutzt sie wohl meistens auch, obwohl es auch immer Ausnahmen gibt.

Frauen sind Männern nicht moralisch überlegen und zu schrecklichen Dingen ganz genauso befähigt. All die schrecklichen Dinge, die Frauen in diesem Roman Männern antun, passieren jeden Tag auf unseren Straßen. Männer, die Angst haben alleine durch dunkle Straßen zu gehen, die es vermeiden, Frauen in die Augen zu sehen aus Angst, sie zu provizieren, Frauen, die die Arbeit von Männern als die ihre ausgeben oder Guerilla-Frauen, die die Geschlechtsteile von Männern verstümmeln oder Männer vergewaltigen und es filmen – all das sind „normale“ Geschehnisse für Frauen, die irre provakant wirken, wenn die Rollen dabei vertauscht sind.

“This is the trouble with history. You can’t see what’s not there. You can look at an empty space and see that something’s missing, but there’s no way to know what it was.”

“It doesn’t matter that she shouldn’t, that she never would. What matters is that she could, if she wanted. The power to hurt is a kind of wealth.”

Wer jetzt Sorge hat, dass es sich hierbei um ein durch und durch dunkel-verstörendes Buch handelt, den kann ich beruhigen. Es gibt eine Menge Humor im Buch, insbesondere im Email-Austausch zwischen dem Autor und der Redakteurin.

“The truth has always been a more complex commodity than the market can easily package and sell.”

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Naomi Alderman ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die ich bislang so kennenlernen durfte. Sie ist unglaublich intelligent, witzig und charismatisch. Ich hatte das Glück, sie ein Wochenende lang auf dem Reading Weekend in Tilton House zu erleben und ich war mega beeindruckt von ihr. Sie studierte Philosophie, Politik und Ökonomie in Oxford und ihr Vater ist ein bekannter jüdischer Historiker. Naomis Debutroman „Ungehorsam“ ist eine Geschichte über die lesbische Tochter eines Rabbis und wird aktuell mit Rachel McAdams und Rachel Weisz verfilmt.

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Foto: Rolexmentorprotege.com

2012 war sie ein Jahr lang Protege von Margaret Atwood im Rahmen des Rolex-Mentor-Programmes, in dem erfahrene Meister ihres Faches mit jungen Talenten für ein Jahr one-on-one Austausch zusammengebracht werden. Der Roman „The Power“ ist unter anderem Resultat dieses fruchtbaren Austausches.

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In Tilton House las sie aus ihrem Roman „The Liars Gospel“, in der es um die Geschichte der Belagerung von Jerusalem geht, erzählt aus vier unterschiedlichen Perspektiven (Maria der Mutter von Jesus, Judas Ischariot, Kaiphas und Barabbas).

Neben all dem fand sie auch noch die Zeit, an der Running-App von „Zombie Run“ mitzuarbeiten. She’s got the Power 😉

 

Kryptozän – Pola Oloixarac

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Nach den ersten paar Seiten hatte ich den Eindruck, ich habe es mit einer riesigen Borges Verehrerin zu tun. Pola Oloixaracs Stil imitiert den Stil wissenschaftlicher Dokumente und präsentiert eine Science Fiction Geschichte, die unerwarterweise im Jahr 1882 beginnt mit der botanischen Entdeckung einer halluzinogenen Pflanze, die in der Lage ist, die Limitierungen des Individuums zu überwinden und eins zu werden mit dem Universum.

Der Roman wird in drei Teilen erzählt. Die Geschichte des Botanikers Niklas im Jahr 1882, von Cassio dem Hacker im Jahr 1983 und schließlich mit der Geburt von Piera im Jahr 2004, einer Molekular-Biologin, die mit Hilfe von Cassio die endgültige Symbiose zwischen einem lebendem Organismus und einem Computer Code erschafft.

Der Roman verbindet die wissenschaftlichen Fortschritte mit den drei Charakteren und erschafft dabei ein geheimnisvoll-rätselhaftes, aber auch unvollendetes Universum.

„Wissenschaft und Technik haben mit ihren exponentiell wachsenden Fähigkeiten einen Punkt erreicht, an dem sie gar nicht mehr reguliert werden können. Deshalb ist es lächerlich, nicht alles niederzureißen und sich stattdessen anständig zu verhalten, also weiterhin Hierarchien zu huldigen, die längst keine Bedeutung mehr besitzen … was ich meine, ist, dass sie keine Bedeutung mehr besitzen, weil sie nicht existieren. Sie sind buchstäblich inexistent. Es ist so, als bewohnen sie eine andere Dimension, eine Dimension, die mit der Welt, in der sich die Technologie in Wirklichkeit bewegt, überhaupt nicht in Kontakt kommt.“

Diese dunklen Konstellationen verlieren ihre Magie, die nicht so sehr in der Geschichte selbst steckt, sondern in der erzählenden Kraft der Autorin sowie den existentiellen, vor sich hin mäandernden Themen. Kein einfaches Buch, aber eine dennoch lohnende Lektüre. 

Oloixaracs scharfsichige Beobachtungen und Analogien sowie ihr sehr umfangreiches Wissen über die Archäologie des Internets mit phreaking, Assemblern, BBS etc. machen Spaß und trösten über den teilweise etwas löchrigen Plot hinweg.

Das dünne Büchlein hat es auf jeden Fall in sich. Es geht um Biologie/Bioelektronik und präsentiert eine deutlich andere Sicht auf Evolution, um Politik und Wirtschaft und warnt vor der totalen Datensammlung. Es porträtiert den Hacker in Zeiten von Hyperconnectivity als vielleicht letzten Retter – und das auf ganz poetische, manchmal verwirrende Weise. Oh und es ist ziemlich pornographisch.

Die Argentinierin Pola Oloixarac nimmt mit ihrem Roman Stellung zur Rolle Argentiniens, das unglaubliche Mengen an biometrischen und genetischen Daten seiner Bürger sammelt, wie kaum ein anderes Land dieser Welt. Sie antizipiert wie Quantencomputer und biologisch umgewandelte IT-Viren künftig zu ganz neuen Möglichkeiten führen könnten und uns in ein neues Erdzeitalter manövrieren: das Kryptozän. Sie beunruhigt und beruhigt ob dieser Möglichkeiten und lässt den Leser am Ende recht zwiegespalten zurück.

„In Argentinien war der nationale Kampf gegen die Personenerfassung schon im vorangegangenen Jahrhundert verlorengegangen. Aufgrund eines während der Militärdiktatur erlassenen Gesetzes war jedes Individuum verpflichtet, einen Nationalen Identitätsnachweis (DNI) mitzuführen, der in den folgenden Jahrzehnten vom Planministerium um biometrische Informationen, digitale Lichtbilder und Fingerabdrücke ergänzt wurde. Angefangen mit dem ersten im Jahr 2012 geborenen Baby archivierte Argentinien die biometrischen Daten der Neugebornenen in einer Datenbank, die schnell auf Millionen von Einträgen anwuchs. An solche Kontrollen durch die Regierung schloss sich die Überwachung über Netztechnologien wie Telefone, Kreditkarten und das öffentliche Transportwesen an und erzeugte so „Lebenslinien“, Chroniken jedes Einzelnen und seiner geolokalisierten Bewegungen, die vom PROJEKT und dem Planministerium gesammelt und gespeichert wurden. Das Projekt zur Regionalen Reorganisation der genetischen Daten wurde bald danach auf ganz Lateinamerika ausgedehnt und schuf riesige Datenlager für „Personen im Prozess der Linienzeichnung“, also Lebende.“

Pola Oloixarac wurde 1977 in Buenos Aires geboren und ist Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin die u. a. für die New York Times, The Telegraph und The Rolling Stone arbeitet. Sie schreibt und lebt in Berlin.

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Foto: Verlag Klaus Wagenbach

 

Hier ein Interview mit der Autorin, die auch eine Playlist für ihr Buch erstellt hat mit dem wunderbaren Namen:

„Eine Playlist des Hackers als junger Mann“

  1. Star Wars Theme
  2. November Rain – Guns & Roses
  3. Too drunk to fuck – Dead Kennedys
  4. California Uber Alles – Dead Kennedys
  5. One Hundred Years – The Cure
  6. Lua de Cristal – Xuxa
  7. Vision of Love – Maria Carey
  8. Subterranean Homesick Alien – Radiohead
  9. We Suck Young Blood – Radiohead
  10. Cramp Stomp – The Cramps
  11. Al Ver Veras – Luis Alberto Spinetta
  12. No sabemos nada – Los Siquicos Litoralenos
  13. Biological Speculation – Funkadelic

Ich danke dem Klaus Wagenbach Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Helix – Marc Elsberg

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 „Helix – Sie werden uns ersetzen“ schickt uns von München aus, wo der amerikanische Außenminister bei einem Staatsbesuch stirbt und bei der Obduktion ein seltsames Zeichen auf seinem Herz gefunden wird, einmal rund um die Welt. In Brasilien, Tansania und Indien werden pflanzliche und tierische Mutationen entdeckt und gleichzeitig bekommt ein bislang kinderloses Ehepaar in den USA ein unglaubliches Angebot in einer Klinik in Kalifornien, die sich auf künstliche Befruchtungen spezialisiert hat. Wie wäre es, wenn sie die Möglichkeit hätten, die genetischen Anlagen ihrer Kinder deutlich zu verbessern? Sie erfahren von einem geheimen Forschungsprogramm, das bereits eine ganze Reihe solcher Kinder mit Spezialbegabungen hervorgebracht hat und stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie sich für ein „normales“ Kind entscheiden sollen oder eines, das stärker, schlauer und gesünder als andere Kinder ist und ihm somit einen enormen Vorsprung in die Wiege legen.

Wie mutierte Pflanzen und Tiere, genveränderte Kinder und der amerikanische Außenminister miteinander in Verbindung stehen und was passiert, als eines dieser speziellen Kinder verschwindet, ist die Story des neuesten Wissenschaftsthrillers von Marc Elsberg.

Der Autor vermischt auf bekannte Weise Fiktion mit wissenschaftlichen Fakten und macht es dem Leser damit nicht einfach zu erkennen, was tatsächlich bereits möglich ist und was noch in den Bereich Science Fiction fällt. Die Story ist spannend, teilweise wurde der Bogen für mich doch etwas überspannt. Kinder, die durch Genmanipulation zu gefährlichen Waffen werden, vielleicht hätte es auch eine Nummer kleiner getan, um dem durchaus spannenden Thema der Genmanipulation / Crispr Cas9 gerecht zu werden.

Die Leser werden mit grundlegenden philosophischen Fragen konfrontiert und es ist Elsberg durchaus gelungen, die Vielschichtigkeit und Komplexität dieser Fragen darzustellen. Medizinisch-wissenschaftliches kann er anschaulich und nachvollziehbar erklären und er macht definitiv Lust sich, mit dem Thema tiefer zu beschäftigen. Die Charaktere im Roman waren deutlicher herausgearbeitet als in „Blackout“, das ich vor einer Weile las, Elsbergs Stärke liegt aber definitiv eher in der Wissensvermittlung und im Aufbau einer rasanten Story. Wie auch bei „Blackout“ war ich bis etwas über die Hälfte sehr gefesselt von der Story und irgendwann wurde es dann zu abstrus und zu viel, wieder mal ein Buch bei dem ich glaube, 150 Seiten weniger hätten ihm gut getan.

Mir hat aber durchaus gefallen, dass das Thema nicht schwarz-weiß dargestellt wurde. Einige der brennenden gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit könnten unter anderem mit Hilfe der Genetik gelöst werden. Wir brauchen auf jeden Fall eine breite gesellschaftliche Diskussion dieser Themen, denn biochemische Methoden wie Crispr/Cas geben uns Werkzeuge in die Hand, deren Implikationen wir so gut wie möglich vorab antizipieren sollten und die ethischen und rechtlichen Fragen müssen adressiert werden.

Mein Fazit: Helix ist ein unterhaltsamer Thriller den ich zu 2/3 sehr gerne gelesen haben. Ich hatte mir eine detailliertereetwas wissenschaftlichere Auseinandersetzungen der Genetik erhofft, die Geschichte ist temporeich und interessant erzählt, aber der Plot an sich hat einige Löcher. Dennoch denke ich, dass der Roman einige Menschen dazu bringen kann, sich etwas ausführlicher mit dem Thema zu beschäftigen.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus Matt Ridley’s „Genome“, das ich für diesen Roman sehr passend fand:

„The more we delve into the genome the less fatalistic it will seem. Grey indeterminancy, variable causality and vague predisposition are hallmarks of the system… Simplicity piled upon simplicity creates complexity. The genome is as complicated and indeterminate as ordinary life, because it is ordinary life. This should come as a relief. Simple determinism, whether of the genetic or environmental kind, is a depressing prospect for those with a fondness for free will.“

Ich sehe im Übrigen die Notwendigkeit für die Menschheit, eine multi-planetare Spezies zu werden und dieses Ziel würde auch andere Erfordernisse an unsere DNA stellen, wenn wir uns im unwirtlichen Weltall auf andere Planeten ausbreiten wollen (jaaaa ich bin ein Sci-Fi Geek). Diesen TED Talk zu dem Thema fand ich sehr spannend:

 

Ich danke dem Blanvalet Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Short but Sweet

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Dieser Blog ist ja auch der schonungslose Einblick in die Tiefen der Bingereaderschen Leseseele. Kein Buch bleibt unerwähnt, aber da ich nicht immer Lust auf ausführliche Rezensionen habe und mir dann vermutlich auch nicht genug Zeit zum Lesen bliebe, hier mal ein Rundumschlag des bislang Unbesprochenen der letzten Wochen:

The Humanoids – Jack Williamson

Auf einem nicht benannten Planeten leitet der Physiker Forester ein geheimes Regierungsprojekt, bei dem es um die Konstruktion einer „rhodomagnetischen“ Bombe geht. Kurz darauf erscheinen „Humanoiden“ auf dem Planeten, die sich allerdings aus seiner Sicht innerhalb kürzester Zeit eher als Fluch denn als Segen herausstellen. Die Humanoiden haben die Direktive den Menschen zu dienen und zu gehorchen, nehmen ihnen jegliche Tätigkeit ab und versuchen, sie vor sämtlichen Gefahren zu schützen. Da aber schon Sport zu den als gefährlich angesehen Dingen gehöret, langweilen die Menschen sich schnell und wissen mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen.

Um die Menschen ruhig zu halten, verpassen die Humanoiden ihnen eine gehirnwäsche-artige Pille, die rundherum glücklich macht und „Euphoride“ heißt. Auch Foresters Projekt wird abgesetzt, da es als zu gefährlich gilt für ihn.

Der Roman beschäftigt sich mit dem Zwiespalt zwischen Sicherheit und Freiheit. Das schien sich grundsätzlich auszuschließen und es muss immer zwangsläufig zu einem Kompromiss kommen. Wird der Mensch es jemals schaffen, eine gesunde Balance zwischen beidem zu erreichen?

Geschrieben wurde das Buch schon 1949 und ich fand es unglaublich aktuell. Es ist ziemlich pseudo-wissenschaftlich mit all den rhodo-magnetischen Energiespektren, ich fand aber den Quantentheoretischen Ansatz zum Beamen nicht uninteressant. Klare Empfehlung für alle, die sich auch gerade mit Artifical Intelligence, Robotern etc beschäftigen und gute Unterhaltung suchen.

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Logicomix: Eine epische Suche nach Wahrheit – Apostolos Doxiadis

Eine phantastische Graphic Novel, die sich mit den wackeligen Grundfesten der Mathematik beschäftigt und der Odyssee des Philosophen und Mathematikers Bertrand Russell, der auf der Suche nach der absoluten mathematischen Wahrheit war. Seine Suche bringt ihn mit Mathematikern wie Gottlob Frege, Kurt Gödel und anderen zusammen und er findet in Ludwig Wittgenstein einen leidenschaftlichen Schüler, der sich später von ihm distanziert. Eine Suche, die viele Denker auch durchaus an den Rand oder mitten in den Wahnsinn hinein getrieben hat.

Es ist auch Russells persönliche Lebensgeschichte, seine Haltung als Pazifist im Krieg und seine endlose Suche nach der absoluten Wahrheit, die nicht nur sein privates Glück, sondern auch seine Karriere zu zerstören droht. Logicomix beleuchtet den immerwährenden Konflikt zwischen idealer Rationalität und der gar nicht perfekten und fehlerhaften Realität.

“The oldest story around: Instinct, Emotion, and Habit get the better of human beings.”

Wer nur eine Graphic Novel dieses Jahr lesen will oder überhaupt mal ausprobieren dem lege ich diese ans Herz.

“It’s been said before: ‚The sleep of reason produces monsters.”

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„Normal“ – Warren Ellis

In dieser dünnen Dystopie geht es um Menschen, die professionell in den Abgrund schauen und denen dann das passiert, wovor Nietzsche schon warnte: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ So jemand ist Adam Dearden, von Beruf „Zukunftsstratege“ eine Sparte, die zivilen Ursprung hat und sich mit Themen wie Geoengineering oder auch Smarte Städte beschäftigt und grundsätzlich Wege zu finden sucht, wie der drohende Untergang zu vermeiden ist. Die zweite Gruppe Futuristen die es gibt sind die „Strategischen Prognostiker“, die ebenfalls versuchen, dem Untergang zu entgehen, sich aber auf militärische Dinge konzentrieren wie Kriegsführung mit Dronen, geopolitische Aufstände etc.

„People who have tried to look into the future in order to try to save the world and have been driven insane by it. The worst kind of insanity, Adam Dearden. We’ve all been sent mad by grief.“

Die erste Gruppe wird von Nonprofit-Organisationen bezahlt, die zweite von Firmen und globalen Sicherheitsgruppen. Beide Gruppen mögen sich nicht sonderlich, teilen aber ein gemeinsames Schicksal. Wer gut ist in seinem Job und sich Tag und Nacht mit den dunklen Seiten der Zukunft beschäftigt, landet irgendwann unweigerlich mit dem Syndrom „Abyss Gaze“ in „Normal“, einer Psychiatrischen Klink gemeinsam gesponsert von den Non Profits und den Konzernen, um die Futuristen wieder fit zu machen.

„The future arrived a couple of weeks ago and nobody noticed. Because that’s how the future always arrives. You don’t realize it’s here until you bump into it.“

Die Klinik „Normal Head“ liegt in der Wildnis Oregons innerhalb eines experimentellen Waldes. Auch Adam Dearden wird mit einer heftigen Form von „Abyss Gaze“ eingeliefert, die ersehnte Abschottung und Ruhe dauert jedoch nur einen Tag. Dann verschwindet ein Patient aus einem verschlossenen Zimmer und alles, was von ihm überbleibt ist ein riesiger Haufen lebender Insekten. Dearden versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und kommt dabei einer Verschwörung auf den Grund, die die Grundfeste erschüttert wie wir über die Zukunft denken.

Düster und atmosphärisch, für paranoide Philip K Dick („Dickheads“) und „Was wäre wenn-Fans“ – unbedingt lesen.

„The thing about the future is that it keeps happening with you.“

leben

„Schnell, Dein Leben“ – Sylvie Schenk

Ein kurzer, wahnsinnig dichter Roman, der mir sonst durch die Lappen gegangen wäre, wenn ich ihn nicht wunderbarerweise vom Hanser-Verlag zugeschickt bekommen hätte. Das Leben in diesem Roman rauscht so schnell vorbei wie das eigene.

Louise wächst in den den französischen Alpen auf. Sie studiert in den 50er Jahren in Lyon, geht in Jazzkneipen, trifft spannende Leute, hat ersten Sex mit dem melancholischen Henri, der unter der Ermordung seiner Eltern im zweiten Weltkrieg leidet. Sie trennt sich von ihm und verliebt sich in den Deutschen Johann. Sie heiraten, leben gemeinsam in Deutschland und kommen immer wieder mit der Schuld der Deutschen und konkret auch mit Johanns Eltern in Kontakt.

Ein Buch, das sich mit Verantwortung beschäftigt und der Schwierigkeit, mit der eigenen Familie über Schuld zu sprechen. Der Stil ist gewöhnungsbedürftig, denn es wurde ausschließlich im Imperativ geschrieben. Eine wahnsinnig gute Sätze gibt es im Buch, ich teile hier nur einen, schließlich ist es ein dünnes Büchlein:

„Die Herkunft deiner Mutter war ein Tabu. Auch du hast deine Mutter totgeschwiegen. Aber manchmal, wenn du heute beobachtest, wie selbstverliebte Menschen von ihren verkrachten Existenzen in Fernsehsendungen berichten oder im Internet ihre kleinsten seelischen Regungen ausbreiten, empfindest du viel Mitgefühl und Zuneigung für diese Eltern, die nicht so viel Aufhebens um sich selbst gemacht haben, ihre Kindheitstrauma nicht breitgeschlagen haben, dem eigenen Kummer das Recht streitig gemacht haben, das Leben anderer zu verdunkeln, weil es nichts ändert zu klagen, weil man nur damit auffällt und andere belästigt.“

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„My Name is Lucy Barton“ – Elizabeth Strout

Unsere November-Lektüre im Bookclub hat wieder einmal für heiße Diskussionen gesorgt. Ein dünnes Büchlein, dem man soviel explosiven Diskussionsstoff gar nicht zugetraut hätte. Kalt gelassen hat es niemanden. Es ist – um es gleich vorneweg zu nehmen – sehr gut geschrieben, das Wesentliche des Buches besteht in dem, was zwischen den Zeilen steht, was nicht erzählt und angesprochen wird.

Lucy Barton liegt im Krankenhaus wo sie mit Komplikationen nach einer einigermaßen einfachen Operation zu kämpfen hat. Ihre Mutter, zu der sie seit Jahren kaum Kontakt hat, besucht sie im Krankenhaus. Sie kommunizieren Klatsch und Tratsch über die gemeinsamen Bekannten aus der Heimat in Illionois miteinander, ohne wirklich unter die Oberfläche zu gehen. Dort, wo unerfüllte Sehnsüchte, Spannungen und Verletzungen liegen.

Lucy konnte ihrer „white trash“ Familie entkommen, lebt in New York und versucht Schriftstellerin zu werden. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und doch kann sie ihren Kindheitstraumata nicht wirklich entkommen.

“Then I understood I would never marry him. It’s funny how one thing can make you realize something like that. One can be ready to give up the children one always wanted, one can be ready to withstand remarks about one’s past, or one’s clothes, but then–a tiny remark and the soul deflates and says: Oh.”

Mir war Lucy etwas zu passiv, hat zu wenige Ansprüche an ihre Mutter gestellt, aber vielleicht kommen da persönliche Befindlichkeiten meinerseits mit rein. Ein Roman, den ich grundsätzlich gerne gelesen habe, auch wenn ich „Olive Kittridge“ für ihr weitaus stärkeres Buch halte.

“But I think I know so well the pain we children clutch to our chests, how it lasts our whole lifetime, with longings so large you can’t even weep. We hold it tight, we do, with each seizure of the beating heart: This is mine, this is mine, this is mine.”

Hier noch eine schöne Besprechung von letteratura.

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„Die Juristische Unschärfe der Ehe“ – Olga Grjasnowa

Eine interessante Geschichte mit spannenden, wenn auch nicht unbedingt sympatischen Charakteren, temporeich erzählt mit den kurzen Kapiteln. Bin ziemlich durchgebraust durch den Roman. Es geht um Leyla und Altay, die eine Scheinehe führen, um ihre Familien nicht mit ihrer Homosexualität zu konfrontieren. Sie leben ein cooles, bohemian Leben in einer Berliner Altbauwohnung und beide schleppen hin und wieder Partner für eine Nacht ab, lassen sich aber auf nichts ernstes ein. Sie leben ihre Zerrissenheit miteinander aus und stärken sich gegenseitig.

Das ändert sich, als die beiden Jonoun treffen, eine Frau, die mehr als eine flüchtige Beziehung für Leyla ist und Altay fühlt sich von ihr bedroht. Hat Angst um seine bequeme und glückliche Ehe mit Leyla, die ihm sicher zu sein scheint. Er ist nach einer unglücklichen Liebe vollkommen unfähig sich neu zu verlieben.

Gut gefallen haben mir die Beschreibungen der Städte in Russland und im Kaukasus, den Einblick in das Leben einer Ballerina am Bolschoi-Theater und auch der Einblick in den homosexuellen Alltag in Russland.

Zum Ende hin hat Frau Grjasnowa mich allerdings verloren. Das wirkte abrupt, als hätte sie keine Lust mehr gehabt. Ja und vermutlich mochte ich auch nicht den Beigeschmack, den das Ende für mich hatte und der Wasser auf die Mühlen der „Homosexualität ist eine Wahl“-Freaks ist. Aber vielleicht bin ich da auch zu empfindlich.

„Dort wirst du doch auch nur unter bestimmten Umständen akzeptiert. Was wärst du bloß für ein Schwuler, wenn du dich nicht gut anziehen, dich für Innendesign, Avantgardemusik, Kochen und Lifestyle interessieren würdest?“

„Der Westen braucht den Diskurs über Homosexualität um sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern.“

Kennt ihr eines der vorgestellten Bücher? Wie war eure Leseerfahrung ? Ähnlich ganz anders oder konnte ich vielleicht den einen oder anderen auf eines der Bücher neugierig machen? Ich hoffe doch.

So long und jetzt muss ich erst noch mal meinen Darth Vader anwerfen, ich liebe es wenn er tanzt …