#WomeninSciFi (27) Solitaire – Kelly Eskridge

logo-scifi3

„Solitaire“ von Kelly Eskridge entführt uns in eine nicht all zu weit entfernte Zukunft, in der es tatsächlich endlich Weltfrieden gibt. Als Symbol der Hoffnung wurden alle Kinder, die genau in der Sekunde geboren wurden, als die Friedensverhandlungen beendet wurden, zu „Hopes“ ernannt und werden auf ihre Rolle als künftige Aushängeschilder der globalen Administration vorbereitet.

Die „Hope“ des weltweit einzigen Konzernstaates ist Ren „Jackal“ Seguara. Als Ren für eine fürchterliche Katastrophe die Schuld gegeben wird, bricht die Ko Corporation, ihr Heimatland sozusagen, jegliche Verbindung mit ihr ab und verurteilt sie zu einer fürchterlichen Strafe. Sie wird im Rahmen eines Experiments in eine Virtual Reality Isolationshaft gebracht, wo sie die nächsten 8 Jahre allein in ihrem Geist eingesperrt wird, ohne jeglichen Kontakt von außen.

„When we are left all alone is that when we find out who we truly are?“

Was mir an diesem stylischen Sci-Fi Roman unter anderem gut gefallen hat, war die absolute Selbstverständlichkeit mit der Ren eine Freundin hat und das auch ohne große Liebesdramen oder Dreiecksgeschichten, sondern von der ersten Seite an war klar, dass sie mit Snow zusammen ist. Eine willkommene Abwechslung.

Advertisements

#WomeninSciFi (26) Lagune – Nnedi Okorafor

logo-scifi3

Eine Weile lang war ich ganz überrascht, dass niemand über Nnedi Okorafor schreiben wollte und nun gibt es kurz hintereinander zwei Beiträge über Bücher der afrikanischen Autorin. Ich freue mich sehr, dass Kathrin von Phantásienreisen dabei ist! Wie der Blogname vermuten lässt findet man hier Besprechungen von Phantasie-Romanen, aber das ist lange nicht alles. Insbesondere ihre Besprechungen von besonderen Buch-Schmuckausgaben sind sehr gefährlich für mich und ich liebe die wöchentliche Rubrik „Sonntagsleserin“. Jetzt aber ab in die „Lagune“:

Nnedi Okorafor spaltet mit ihrer Science Fiction immer wieder die Meinungen der Leserinnen und Leser: Die einen empfinden ihre Geschichten als innovativ und loben die Einflechtung afrikanischer Mythen und Schauplätze, andere bemängeln, dass Okorafors Geschichten hinsichtlich Handlung und Charakteren schwächeln. Daher nahm ich #WomeninSciFi zum Anlass, mich Nnedi Okorafors Roman „Lagune“ zu widmen und herauszufinden, woher all das Lob und die Kritik rühren.

Lagune_Okorafor

In „Lagune“ entführt uns die US-Autorin in die Heimat ihrer Eltern: Nigeria. Genauer gesagt nach Lagos, die Lagunen-Stadt, die – nach Ansicht der Autorin – so viel Schönes und Hässliches vereint wie kein anderer Ort dieser Welt. Okorafors Liebe zu dieser Stadt wird in jeder Zeile des Buches spürbar. Sie fängt gekonnt die Stimmung und das Leben in dieser Stadt auf, ohne auf detaillierte Beschreibungen zurückgreifen zu müssen. Als Leserin fühlte ich mich zeitweise, als befände ich mich mitten unter den Einwohnern diese Stadt. Ich spürte die Hitze auf meiner Haut, roch das salzige Meer und atmete die schmutzige Luft ein, welche die „Fahr-Lahms“[1] verursachten. In der Schaffung von Atmosphäre liegt dabei Nnedi Okorafors größte Stärke. Das zeigt sich bereits im Prolog, in dem sie einen Schwertfisch erzählen lässt. Wir sehen, denken und bewegen uns wie der Fisch durch das Meer vor Lagos, werden wütend angesichts der Menschen, die mit ihrem Öl unseren Lebensraum verseuchen und fühlen uns plötzlich magisch angezogen zu etwas Neuem, Fremden im Meeresgrund, etwas, das uns und die anderen Meeresbewohner größer und stärker macht und uns damit etwas schenkt, womit wir uns den Menschen zur Wehr setzen können. Dieser intensive, alle Sinne ansprechende Prolog gehört wohl zu den besten Buchbeginnen, die ich je gelesen habe und setzte damit die Messlatte für den Rest des Romans hoch.

Leider ist es Okorafor jedoch nicht gelungen, dieses Niveau zu halten. Das fängt bereits bei der dürftigen Handlung an, die uns Altbekanntes an einem lediglich neuen Schauplatz präsentiert: Außerirdische sind in den Tiefen des Ozeans gelandet, um auf unserem Planeten eine neue Heimat zu finden. Eine von ihnen, die später unter dem Namen Ayodele bekannt sein wird, nimmt den Erstkontakt zur Menschheit auf. Sie führt drei Menschen am Strand von Lagos zusammen, die zwischen den Außerirdischen und der nigerianischen Bevölkerung vermitteln sollen. Zu ihnen gehören die Meeresbiologin Adaora, der erfolgreiche, ghanaische Rapper Anthony und der Soldat Agu. Drei Menschen, die durch ihren Sachverstand, ihre Wortgewandtheit und ihre Kontakte zu Militär und Politik auf verschiedenen Ebenen agieren können. Doch die Menschen reagieren, wie sie dies fast immer bei etwas Fremdem, Unbekannten tun: mit Panik, Angst und Vorurteilen. Binnen 24 Stunden versinkt Lagos in Chaos und Gewalt, während gleichzeitig verschiedene Institutionen und Personenkreise versuchen, aus diesen Entwicklungen einen Vorteil zu ziehen. Man kennt das. Nur ist der Schauplatz dieses Mal nicht Nordamerika, sondern Afrika. Lässt sich dadurch das schon tausendfach durchgespielte Szenario einer Begegnung zwischen Menschheit und außerirdischen Lebensformen neu erzählen? Theoretisch ja. Praktisch hat Nnedi Okorafor diese Chance aber vertan. Stellt man sich die Frage, ob Okorafors Geschichte in dieser Weise auch an jedem beliebigen anderen Ort der Welt hätte spielen können, muss man diese leider eindeutig mit Ja beantworten.

lagoon650

Foto: Litnet

Dabei hätten afrikanische Erzähltraditionen und Mythen durchaus zu einer neuen Perspektive und individuellen Umsetzung der Erstkontaktthematik führen können. Okorafor hat dies im Laufe des Buches ein paar Mal versucht, in dem sie Gottheiten oder übernatürliche Wesen einführt. Leider sind diese zu lose mit der Geschichte verflochten; ihre Handlungsstränge werden kurz aufgegriffen und anschließend für lange Zeit oder gar für immer fallen gelassen. Ähnlich verhält es sich mit anderen Grundgedanken und Ideen, die sich in „Lagune“ finden lassen, beispielsweise der schmale Grat zwischen Glauben und Fanatismus, die Eigendynamik gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen oder der Hang der Menschheit zur Zerstörung. „Lagune“ hätte somit leicht als Spiegel aktueller politischer und gesellschaftlicher Missstände wie Xenophobie fungieren können: Obwohl die Menschen in Lagos noch nichts über die Absichten der Außerirdischen wissen, sehen sie sie direkt als Bedrohung an – aus Angst vor den Fremden, aus Sorge darüber, dass ihre Ankunft Nachteile für die in Lagos lebenden Menschen mit sich bringt. Doch Nnedi Okorafor greift diese Parallelen nicht weiter auf. Sie lässt auf episodenhafte Weise verschiedene Figuren zu Wort kommen, um uns einen breitgefächerten Überblick über die Ereignisse in der Stadt zu geben, springt  dabei allzu oft hin- und her und verstrickt sich in einem Potpourri aus Figuren und gut gemeinten Ideen, für die in diesem Ausmaß auf den rund 400 Seiten nicht genug Platz ist. Nnedi Okorafor hat viel gewollt und genau deshalb zu viele Abstriche gemacht, um alles zumindest kurz einbinden zu können.

Das geht nicht nur auf Kosten der spärlichen Handlung, sondern auch auf Kosten der Charaktere, die zu einem großen Teil recht blass oder gar stereotyp bleiben und deren tiefer liegende Beweggründe kaum deutlich werden. So sieht sich Meeresbiologin Adaora nach über zehn Jahren ihrem radikal veränderten Ehemann gegenüber: Einst ein liebevoller Mensch, der sie in all ihren Zielen und Träumen unterstützte, agiert er scheinbar aus dem Nichts heraus zornig, gewalttätig und intolerant. Okorafor begründet diesen Wandel mit einem traumatischen Erlebnis während eines Fluges und einem dadurch erweckten religiösen Fanatismus. Eine Erklärung, mit der es sich die Autorin einfach gemacht hat und die im Ausmaß der Veränderungen doch noch zu dürftig erscheint, insbesondere da Adaoras Ehemann im weiteren Verlauf des Buches noch einmal einen solchen Wandel um 180 Grad vollzieht.

Kann „Lagune“ dann wenigstens hinsichtlich der Science Fiction-Elemente überzeugen? Nicht, wenn man wirklich Wert auf die Science legt. „Lagune“ ist ein Roman über uns Menschen an sich, in dem zufällig auch Außerirdische und eine Meeresbiologin eine Rolle spielen. Wissenschaftliche Konzepte, Phänomene oder Ideen werden quasi gar nicht aufgegriffen, weshalb auch Adaoras Profession der Meeresbiologin überflüssig ist und sie jeden anderen Beruf hätte ausüben können, ohne dass dies Auswirkungen auf die Geschichte gehabt hätte.

Für den ein oder anderen Lesenden mag es erfrischend wirken, Altbekanntes und Bewährtes an einem Schauplatz zu erleben, der in der Literatur noch verhältnismäßig wenig bedient wird. Wer jedoch gezielt auf der Suche nach etwas wirklich Neuem und Innovativem ist oder sich auch nur eine Handlung mit Tiefgang und wissenschaftlichen Schwerpunkten wünscht, ist mit Nnedi Okorafors „Lagune“ falsch bedient. Für mich entpuppte sich „Lagune“ daher nach einem starken Start und hohen Erwartungen zu einer großen Enttäuschung

[1] Staus bzw. stockender Verkehr durch zu stark befahrene Straßen

 

#WomeninSciFi (25) Die gleißende Welt – Margaret Cavendish

logo-scifi3

Die heutige Ausgabe kommt von einem waschechten Bibliothekar und ziemlich berühmten Koch, der es bis ins Fernsehen geschafft hat 😉 Ich freue mich sehr, dass Marius vom Blog „Buch-haltung“ uns heute eine ganz besonders spannende Dame vorstellt, die sich mit Mary Shelley die Ehre teilt, als heimliche Gründerinnen der Science-Fiction Literatur zu gelten.

Ich freue mich schon jetzt darauf Marius mal wieder auf einer Buchmesse, einer Literaturveranstaltung oder auch einfach nur auf ein Bier zu treffen, schließlich liegen München und Augsburg nicht weit auseinander und das sollten wir hinbekommen. Jetzt reisen wir aber erst einmal ins Jahr 1623 bevor wir mit Ms Cavendish in eine utopische Parallelwelt verschwinden…

Was die Gleißende Welt im Innersten zusammenhält

Es gibt Geschichten, die sind eigentlich zu tolldreist, um sie zu glauben. Das Werk Die gleißende Welt und seine Erschafferin Margaret Cavendish sind genau solch ein Fall.

MCMargaret Cavendish wird 1623 in England geboren, zu einer Zeit also, in der der 30-jährige Krieg ganz Europa beherrscht. Im Schoß ihrer Familie wächst die junge Frau heran, während Oliver Cromwell gerade dazu ansetzt, die Monarchie unter dem englischen König Charles I. zu stürzen. Höchst turbulente Zeiten also, die von den Konflikten zwischen Krone und Parlament gekennzeichnet sind.

Auch die Familie von Margaret Lucas (so der Mädchenname der Autorin) bleibt von diesen Turbulenzen nicht verschont. Der Familiensitz der Lucas‘ wird zweimal von anti-royalistisch gesinnten Bürgern angegriffen und schlussendlich sogar zerstört. Etwas Ruhe verheißt da der Antrag von William Cavendish, der um die Hand von Margaret anhält.

Cavendish, der Herzog von Newcastle-upon-Tyre ist frisch verwitwet und mit 50 Jahren ganze dreißig Jahre älter als Margaret. Er gilt als Unterstützer und Förderer von Geistesgrößen wie etwa Thomas Hobbes (und nebenbei auch als berüchtigter Frauenheld). Margaret willigt in die Ehe mit dem Herzog von Newcastle-upon-Tyre ein und wird folglich selbst zur Herzogin. Ihre neuen Freiheiten weiß sie geschickt zu nutzen. Obwohl sie kaum eine nennenswerte Schulbildung genossen hat, setzt sie dazu an, sich mit den Ideen der Philosophen und Forscher ihrer Zeit auseinanderzusetzen. Sie beginnt Briefe, Gedichte und Schriften zu veröffentlichen – zu der damaligen Zeit ein absolutes Unding. Das Verfassen von Schriften war den Männern vorbehalten und zudem eher für die interne Verbreitung in den privaten Zirkeln vorgesehen. Mit diesen Traditionen bricht Margaret Cavendish und beginnt ihr schriftstellerisches Ouevre zu veröffentlichen. Unterstützung erfährt sie dabei auch von ihrem Mann, der den Werken gerne ein selbst verfasstes Gedicht voranstellte, um zu zeigen, dass seine Frau seinen Rückhalt genoß.

Äußerst standesbewusst weiß sie sich zu inszenieren. Gerne trägt sich auch Männerkleidung und besucht Experimente der Royal Society. Sie mischt sich in Debatten ein und setzt sich mit den Forschungen ihrer Zeit auseinander und legt dabei ein großes disziplin-übergreifendes Interesse an den Tag. Margaret Cavendish aufgrund ihrer Unangepasstheit und ihrem Kampf um einen Platz in der Gesellschaft für Frauen als frühe Feministin zu bezeichnen, wäre allerdings falsch. Ihre eigene Position und persönliche Freiheiten galten der Herzogin von Newcastle weitaus mehr als sich mit anderen Frauen niederer Stände zu solidarisieren.

Mit ihrer Haltung und ihrem Gestaltungsdrang eckte die exzentrische Dame natürlich auch an. Mit ihren Briefen und ihrer Prosa zog sie viel Häme und Kritik ihrer ZeitgenossInnen auf sich. Beispielhaft sei hier eine Bemerkung von Dorothy Osborne genannt, einer Zeitzeugin, deren Urteil über Margaret Cavendish wie folgt ausfiel:

Bestimmt ist die arme Frau ein wenig verwirrt, sie könnte sich sonst nie so lächerlich machen, sich zu erlauben Bücher zu schreiben und noch dazu in Versen. Wenn ich vierzehn Tage nicht schlafen würfe, sollt es nicht so weit mit mir kommen. (Briefe von Dorothy Osborne an William Temple, Hg. vom G. C. Moore Smith. Oxford, 1928)

Nach ihrem Tod 1673 fiel Margaret Cavendish und ihr literarisches Ouevre alsbald dem Vergessen anheim. Die zumeist vernichtende Kritik sorgte für ein schnelles Ende ihres Nachruhms. Erst Virginia Woolf setzte Anfang des 20. Jahrhunderts wieder dafür, dass das Erbe von Margaret Cavendish nicht ganz vergessen wurde, wobei Woolfs Urteil über Margaret Cavendish recht ambivalent ausfiel. Erst im Zuge der aufkommenden Frauen-Forschung der 80er Jahre wurde Margaret Cavendish und ihr literarisches Schaffen wieder neu entdeckt. Und nun bekommt sie auch einen Platz in der Reihe #WomeninSciFi. Ein Platz, der der Engländerin als einer der Urmütter der Science Fiction fraglos mehr als zusteht.

MC2

Denn Margaret Cavendish verbindet als eine der ersten die Positionen Science und Fiction. Während London 1666 beim Großen Brand in weiten Teilen zerstört wird, erschafft die Herzogin von Newcastle in diesem Jahr ebenfalls ein gleißendes Ereignis – die Rede ist von ihrem Werk The Description of a New World Called the Blazing World. Diese Fiktion erscheint in Verbindung mit ihrer Schrift Observations upon Experimental Philosophy, beide Schriften stehen in enger Verbindung – hier die philosophischen Betrachtungen, auf der anderen Seite ihre Phantasie einer Welt, in der die Philosophie eine tragende Rolle spielt. Science und Fiction at it’s best quasi.

Die Autorin selbst bemerkt dazu im Vorwort ihres Buchs:

Es ist die Beschreibung einer Neuen Welt, nicht wie die bei Lukian oder die Welt im Mond des Franzosen (Cyrano de Bergeracs , Anmerkung meinerseits), sondern eine Welt, die ich selbst geschaffen habe und die ich die Gleißende Welt nenne. Der erste Teil ist romanzenhaft, der zweite philosophisch und der dritte bloße Laune oder (wie ich es nennen würde) phantastisch. Wenn dich dies erfreut, werde ich mich als glückliche Schöpferin betrachten ; wenn nicht, muß ich mit einem melancholischen Leben in meiner eigenen Welt Vorlieb nehmen. (Cavendish, Margaret: Die Gleißende Welt, S. 9)

Hier schlägt dem Leser schon der selbstbewusste Ton der Herzogin entgegen, die sich selbst als Hauptfigur in ihre Erzählung verpflanzt. Ein Kniff, den auch etwa ihr Landsmann Thomas Morus in Utopia anwendet (beide Bücher weisen nicht von ungefähr zahlreiche Berührungspunkte auf). Die Grundgeschichte ist ihrer Erzählung ist dabei schnell umrissen:

Ein Kaufmann möchte eine junge Dame in einem fremden Land erobern und raubt sie kurzerhand. Doch das Boot wird abgetrieben und gerät an den Nordpol. Nur die junge Frau überlebt an Bord und gelangt vom Nordpol durch einen Übergang in eine fremdartige Welt. Dort trifft sie auf Bären- Fuchs- und Vogelmenschen, sowie dergleichen mehr. Die Dame wird von den verschiedenen Bewohnern dieser Gleißenden Welt bewundert, sodass sie sogar zur Kaiserin des Reichs aufsteigt. Mit den verschiedenen Gattungen ihrer Welt tritt sie in den Dialog und lässt sich von ihnen die Welt erklären und führt unzählige wissenschaftliche Dispute. So gibt es Gespräche über die Philosophie, Syllogismus oder naturwissenschaftliche Themen (die auch immer Cavendish‘ zahlreiche Interesse widerspiegeln).

Der Ton ihrer Erzählung ist dabei manchmal märchenhaft, dann aber auch wieder forschend und nachbohrend wie der Wissensdurst eines kleinen Kindes. Die royalistische Grundhaltung lässt sich ebenso klar aus dem Text ablesen wie ihre Verachtung für manche Philosophen, die nicht von ungefähr etwa als Wurmmenschen auftreten lässt. Auch enthält ihre Erzählung weitere Themen wie etwa den Krieg (sogar zu einer Schlacht kommt es in ihrem Roman) oder die Suche nach der idealen Staatsform. Die von ihr kreierte Welt ist eine Utopie, bei der alle verschiedenen Rassen und Gattungen friedlich miteinander leben, geeint durch eine Religion und ein Staatsoberhaupt.

MC3

Diese ganzen Ansätze und Ideen machen eine Lektüre von Die gleißende Welt auch heute noch interessant, auch wenn die Lektüre manchmal etwas zäh gerät, besonders in den vielen wissenschaftlichen Diskussionen. Das Durchkämpfen durch diese Passagen lohnt sich aber, besonders wenn man sich für einen weiblichen Blick auf die damaligen Machtverhältnisse und Schreiben als Abbild oder Eskapismus der Wirklichkeit interessiert. Weitere Einblicke in das Leben und Wirken Margaret Cavendishs liefert zudem das Nachwort der Übersetzerin Virginia Richter, die zahlreiche Informationen über diese besondere Autorin zusammengetragen hat.

Ein außergewöhnliches Buch, eine noch außergewöhnlichere Autorin!

(Cavendish, Margaret: Die Gleißende Welt. Scaneg-Verlag, Reihe punctum, Bd. 15. Erscheinungsjahr 2001. ISBN 3-89235-115-5. Preis: 15,00 €)

 

Abb. 1: Margaret Cavendish Quelle: Wikimedia

Abb. 2: Frontispiz “The Blazing World”

Abb. 3: Buchcover “Die gleißende Welt”

 

#WomeninSciFi (24) Binti – Nnedi Okorafor

logo-scifi3

Unser gemeinsames Interesse an Science Fiction hat Judith Voigt und mich bei Twitter zusammengebracht und ich freue mich mit ihr die erste waschechte Autorin im Kreis der #WomeninScifi Rezensenten zu haben. Bereits 16 Romane hat sie veröffentlicht und sie ist insbesondere in Phantasy-Kreisen eine feste Größe, aber auch Science Fiction und Rollenspiele gehören zu ihrem Repertoire.

Heute stellt sie uns mit Nnedi Okorafor eine Science Fiction Autorin vor, auf die ich ganz besonders gespannt war, kenne ich bislang doch nur ihre ausgezeichnete Kurzgeschichte „Mother of Invention„.

588356

Foto: Goodreads

Bei „Binti“ handelt es sich um eine Novellen-Trilogie von Nnedi Okorafor,  deren ersten Teil ich als englischsprachiges eBook gelesen habe. „Binti“ ist eine kurze Erzählung und daher rasch gelesen, zumal einen die klare und trotzdem außergewöhnliche Art zu erzählen in den Bann zieht. Die junge Binti lebt in einer Dorfgemeinschaft, die sich auf das Herstellen und Reparieren von „astrolabs“ spezialisiert hat, die eine Funktion irgendwo zwischen Ausweis, elektronischem Curriculum Vitae und Smartphone innehaben. Binti ist in der Wüste großgeworden, statt Wasser reinigen sich die Menschen ihrer Kultur mit roter Erde – otjize. Binti ist als erste Himba auserwählt, zu den Sternen zu reisen und dort eine Universität zu besuchen, und wir erfahren alles über ihre Kultur und Familie nur im Rückblick, denn bereits am Anfang der Erzählung beschließt sie, ihr Volk heimlich zu verlassen, da ihre Leute ihre Entscheidung, zur Universität zu gehen, nicht gut heißen.

binti

In den Städten und Raumhäfen und Schiffen, die sie auf ihrer Reise betritt, reagieren andere Menschen, die größtenteils der (ebenfalls fiktiven) Kultur der Khoush entstammen, negativ und ablehnend auf die junge, mit Erde „beschmierte“ Frau, doch diese Erde, von der Binti auch, als sie Wasser zur Verfügung hat, nicht lassen möchte, bewahrt sie vor einem schrecklichen Schicksal, als ihr Schiff von der Alienspezies der Medusen überfallen wird: All ihre Kommilitonen und das Personal des Schiffes wird getötet, und Binti ist auf sich allein gestellt, bis sie merkt, dass ihr otjize die Verletzungen der Medusen heilen kann und sie anfängt mit ihnen zu kommunizieren. Den quallenartigen Bestien wurde ein kulturelles Erbe geraubt und sie würden alles dafür tun, es wiederzuerlangen …

Die Novelle kommt ohne viele Action-Szenen oder aufgeblähte Konflikte aus und macht Lust, auch die anderen beiden Teile zu lesen. Das Aufeinandertreffen und die Schilderung der (afrikanisch-inspirierten) Kulturen ist ebenso klassisches Element der Afro-SF/F wie der stattfindende Identifikationsprozess mit den Medusen: Oft finden sich im Afrofuturismus Parabeln und Metaphern auf die afrikanische Diaspora und Rassismus. Der Aufbruch in den Weltraum und das Begegnen mit dem Außerirdischen ist dabei ein Kernelement und wird perspektivisch anders geschildert und behandelt als der europazentrische „First Contact“. Wohingegen in europazentrischen Romanen häufig der Kolonialgedanke in den Weltraum weitergedacht wird, fungiert in vielen afrozentrischen Romanen das Außerirdische als Identifikation – das Außerirdische ist in einem fremden Land seiner eigenen Geschichte beraubt.

Wer in Afro-SF/F einmal hereinschnuppern möchte, dem sei „Binti“ ans Herz gelegt!

Nnedi Okorafor hat auch einen sehr spannenden TED Talk gehalten „Sci-Fi stories that imagine a future Africa“ – sehr empfehlenswert.

#WomeninSciFi (22) Ihrland – Charlotte Perkins Gilman

logo-scifi3

Da ich gerne und häufig reise, ist Renie’s Lesetagebuch für mich immer eine gute Adresse, um insbesondere auf ihrer Rubrik „Um die Welt gelesen“ nach passender Reiselektüre zu suchen. Reiselektüre ist aber ganz sicher nicht das einzige, was man auf Claudias Blog finden kann, hier ist richtig viel los. Ob Indie-Lektüre, Bücher über Bücher, historische Romane oder Horror, ich stolpere immer wieder über Unbekanntes, zu oder wieder zu entdeckendes.

Heute stellt sie uns einen der absoluten Klassiker der feministischen SciFi Literatur vor, ich bin sehr gespannt, was ihr zu diesem Buch zu sagen habt.

Die Amerikanerin Charlotte Perkins Gilman (geb. 3. Juli 1860) war eine Frauenrechtlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter war Gelegenheitsarbeiterin, der Vater Buchhändler und Schriftsteller, der seine Familie früh im Stich ließ. Im Alter von 24 heiratete Charlotte, verließ ihren Mann jedoch bereits nach vier Jahren. Nach 10 Jahren wurde die Ehe geschieden. Ein, in der damaligen Zeit unvorstellbarer Schritt. Während ihrer Ehe litt Charlotte unter Depressionen. Sie versuchte die Krankheit durch Schreiben zu kompensieren. Nach der Scheidung lernte sie die sozialistische Schriftstellerin Helen Campbell kennen, die sie in die Frauenbewegung einführte. Charlotte besuchte Frauenkongresse auf der ganzen Welt, die sie durch ihre flammenden Reden für die Frauenrechte bereicherte. Denn sie galt als begnadete Rhetorikerin. Die damalige Frauenbewegung kämpfte für grundsätzliche und politische Rechte der Frau, wie z. B. das Recht auf Bildung, das Recht auf Erwerbstätigkeit sowie das Frauenwahlrecht, das im Übrigen in Deutschland im November 1918 rechtlich festgeschrieben wurde. In diesem Jahr feiern wir also den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts in Deutschland.

Herland,_original_cover._1915,_1st_edition
Foto: WikiCommons

Aus ihrem Einsatz für die Rechte der Frau heraus, hat Charlotte Perkins den utopischen Roman „Ihrland“ (im Original „Herland“) geschrieben, der 1915 veröffentlicht wurde. Darin geht es um ein sagenhaftes Land, in dem nur Frauen leben.

 Die Geschichte wird aus der Sicht eines Mannes erzählt: Van – einer von drei Freunden, die auf einer Expedition irgendwo in Südamerika unterwegs sind. Hier hören die Männer das erste Mal von diesem verheißungsvollen Land. Von Abenteuerlust und Phantasie gepackt, begeben sich die Drei auf die Suche nach diesem Paradies. Natürlich entdecken sie das Land der Frauen und erleben einen Kulturschock. Für die Männer bricht eine Welt zusammen. Stellvertretend für das Frauenbild der Männer aus der damaligen Zeit lässt Charlotte Perkins Gilman die drei Freunde so einige Frauenklischees vertreten. Das ist lustig. Und wieder einmal mehr bestätigt sich der Verdacht, dass die Frau für den Mann ein unbekanntes Wesen ist.

„Als ich in meiner Lektüre so weit gekommen war, ging ich zu Somel, um mehr zu erfahren. Ich war mittlerweile so mit ihr befreundet wie kaum jemals zuvor in meinem Leben mit einer anderen Frau. Sie war eine sehr angenehme Seele, die einem das nette, sanfte Muttergefühl gab, das ein Mann in einer Frau mag, und doch besaß sie auch die klare Intelligenz und Zuverlässigkeit, von denen ich anzunehmen pflegte, dass sie männliche Eigenschaften waren.“

Männer sind in Ihrland überflüssig. Oh Wunder der Evolution – die Frauen haben gelernt sich auch ohne männliches Dazutun fortzupflanzen. Sie haben dabei eine Kultur geschaffen, die ohne jegliche Form der Aggressivität auskommt. Die Frauen praktizieren ein friedliches Miteinander, in dem das Wohl der Gemeinschaft und ihr Fortbestand an erster Stelle stehen. Aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung sind sie heute in der Lage, ein perfektes Leben zu führen. Diese Perfektion stößt bei bei den drei Eindringlingen auf Misstrauen.

 

IMG_3854 2
Foto: Renie's Lesetagebuch

Von Anfang an werden die drei Männer von den Frauen mit Respekt behandelt. Allerdings dürfen sie Ihrland nicht verlassen. Die Zeit, die die Freunde mit den Frauen verbringen, wird genutzt, um gegenseitig voneinander zu lernen. So erfahren die Männer (und Leser), wie Ihrland entstanden ist, welche Lebensphilosophie hinter der Gesellschaft steckt, wie Ihrland organisiert ist und wie der Fortbestand gesichert ist. Die Frauen sind nicht so vermessen, ihre Gesellschaft als das Non Plus Ultra anzusehen. Stattdessen sind sie wissbegierig, was die Welt angeht, aus der die Männer kommen. So kommt es zum gemeinsamen Austausch. Die Männer versuchen, den Frauen ihre Welt schmackhaft zu machen, was leider nicht gelingt. Denn schon durch das einfachste Nachfragen der Frauen, werden die Schwächen der Männerwelt aufgezeigt, und das Überlegenheitsgefühl der Männer gegenüber den Frauen bekommt einen heftigen Dämpfer.

 

„Ich war natürlich immer stolz auf mein Land gewesen. Jeder ist es. Im Vergleich zu den anderen Ländern und Völkern, die ich kannte, schienen mir die Vereinigten Staaten von Amerika immer, um es gelinde zu sagen, so gut wie das beste von allen zu sein. Aber ebenso wie ein klarsichtiges, intelligentes, ehrliches und wohlmeinendes Kind durch unschuldige Fragen häufig das Selbstwertgefühl von jemandem ankratzen kann, so taten es auch diese Frauen ohne den geringsten Anschein einer bösen Absicht oder von Spott, indem sie ständig Diskussionspunkte vorbrachten, denen wir bestmöglich auszuweichen versuchten.“

Am Ende des Buches werden die Männer Ihrland wieder verlassen müssen. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihrem Aufenthalt in der Welt der Frauen gelernt haben.

Charlotte Perkins hat eine utopische Welt kreiert, die auf der Frage basiert: Was wäre, wenn Frauen die Welt beherrschen würden? Eine Frage, die schon so häufig gestellt wurde, und immer wieder gestellt werden wird. Die Antwort der Autorin ist dabei sehr komplex und liefert die unterschiedlichsten Denkanstöße, die mann und frau teilweise weiterverfolgen möchten, teilweise jedoch auch als Humbug abtun werden. Doch jeder so, wie er kann. Lesenswert ist dieses Buch alle Male.

Einziger Wermutstropfen: Ich habe dieses Buch in einer Übersetzung gelesen, die etliche Mängel in Stil und Ausdruck aufweist. Das ist nicht schön, insbesondere wenn man bedenkt, dass Charlotte Perkins für ihre Rhetorik berühmt war. Dadurch wird die Übersetzung ihrem Talent leider nicht gerecht, was sehr schade ist.

#WomeninSciFi (20) Bloodchild & Parable of the Sower – Octavia E. Butler

logo-scifi3

Als waschechter Murakami-Fan erkennt man in Herrn Aufziehvogel vom Blog „Am Meer ist es wärmer“ natürlich sofort einen fellow Murakaminista 😉

Sein Blog ist eine echte Schatztruhe, bis zum Rand gefüllt mit viel, aber nicht ausschließlich japanischer Kultur, Buchrezensionen, Filmbesprechungen abseits vom Mainstream und ich kann nur jeden ermuntern, es sich auf einer virtuellen Liege am Strand des Herrn Aufziehvogels bequem zu machen.

Er stellt uns heute zwei Romane einer Autorin vor, auf die ich ganz besonders gespannt bin: Octavia Butler mit der wir endlich auch eine Vertreterin der afroamerikanischen Science Fiction Kultur vorstellen:

Als Sabine mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Beitrag für ihre Women in SciFi Reihe zu schreiben hatte ich bedenkenlos zugesagt. Bevor ich denke, antworte ich meistens schon und die erste Freude über den Beitrag wurde getrübt, als ich nicht wusste, über welche Dame ich überhaupt schreiben sollte. Die Verdutztheit wich schnell der Freude, denn ich betrat hier absolutes Neuland. Ich kann nicht das allgemeine Klischee bestätigen, Science-Fiction sei eine reine Männerdomäne. Der erste Weg führt meistens, vielleicht aber auch immer, zu Ursula K. Le Guin (1929-2018). Ihr bekanntestes Werk dürften zwar die Erdsee-Bücher sein und gehören dem Fantasy-Genre an, aber ein Großteil ihres Werkes umfasste die wundervolle Welt der Science-Fiction Geschichten. Ursula K. Le Guin war für meinen Beitrag keine Option, denn ich selbst wollte über eine Autorin schreiben, die ich selbst noch gar nicht kannte.

Butler_signing

Foto: Nikolas Coukouman

Nach einigen tollen Vorschlägen fiel meine Wahl jedoch überraschend auf Octavia E. Butler (1947-2006). In Fachkreisen geschätzt und verehrt war Octavia Butler für mich völlig unbekannt, doch ihr schriftstellerisches Werk umso reizvoller. Denn hier bekommt der Leser es nicht nur mit einer echten Woman in SciFi zu tun, zusätzlich repräsentierte Octavia Butler auch die afroamerikanische Kultur da sie eine farbige Schriftstellerin war. Und hier wird es interessant: Octavia Butler und Ursula K. Le Guin unterscheiden sich thematisch gar nicht mal so dramatisch voneinander. Das besondere an Octavias Geschichten sind jedoch die Einflüsse der afroamerikanischen Kultur. Diese Einflüsse waren der Autorin immer wichtig und sie verleihen ihren Geschichten einen einzigartigen Twist. Neben renommierten Science-Fiction Awards wie dem Hugo oder Nebula Award erhielt Octavia Butler sogar die MacArthur Fellowship, eine Premiere für schriftstellerische Leistung in der Gattung Science-Fiction.

Die Bibliographie von Octavia Butler ist reichhaltig, aber besonders auch aufgrund ihres frühen Todes von 58 Jahren noch recht überschaubar. Die meisten Werke von ihr sind Mehrteiler, oftmals aber auch inhaltlich voneinander unabhängig.

Über „Bloodchild“ und „Parable of the Sower“

Meine erste Station war „Bloodchild“. Eine Kurzgeschichte von gerade mal etwas über 30 Seiten, jedoch mit erheblicher Wirkkraft. Bloodchild entstand 1984 und heimste Nebula, Hugo und Locus Award ein. Die Geschichte kommt relativ schnell auf den Punkt und wird aus der Sicht des Jungen Gan erzählt. Um die geheimnisvolle Art der Geschichte zu bewahren hält sich die Autorin mit detaillierten Hintergründen zurück. Vor einer langen Zeit verließ eine Gruppe von Menschen die Erde um neues Glück auf einem anderen Planeten zu finden. Viele Generationen später leben die Nachfahren dieser „Aussteiger“ auf dem Heimatplaneten der Tlic, einer außerirdischen Rasse, die selbst um ihren Fortbestand kämpft. Es existiert ein Geben und Nehmen zwischen beiden Rassen. Die Tlic gewähren den Menschen eine erstaunlich lange Lebenszeit, ausgewählte Menschen hingegen tragen die Eier der Tlic aus, ein Unterfangen, nicht ganz ungefährlich und Stoff für zahllose Alpträume derer, die Zeuge einer Geburt werden. Gan, unser Erzähler, soll die Eier von T’Gatoi austragen, einer mächtigen und einflussreichen Tlic. Als gute Freundin der Familie und besonders Gans Mutter, versprach diese ihrer außerirdischen Freundin, ihren Sohn später einmal bereitzustellen (eine alternativlose Entscheidung, da er sonst die Eier einer fremden Tlic austragen müsste). Als der besagte Tag näher rückt und Gan Zeuge einer solchen „Geburt“ wird, kommt er allmählich ins Grübeln…..

Octavia Butler bestätigte mehrmals, dass die Geschichte keine Allegorie auf die Sklaverei ist. Stattdessen, so die Autorin im Nachwort, sei es gar eine romantische Geschichte. Gemeint ist hier das Verhältnis zwischen Gan und T’Gatoi, welches vielleicht beim ersten lesen der Geschichte nicht wirklich deutlich wird. Die beiden verbindet mehr als Freundschaft und Verpflichtungen. Es ist eine besondere Beziehung und besonders im letzten Teil der Geschichte zaubert Octavia Butler hinreißende Dialoge zwischen den beiden Protagonisten aufs Papier. Wer außerdem danach noch wissen möchte, wie so ein Tlic aussehen könnte, der sollte mal die Bildersuche bei Google aufsuchen!

Meine zweite Station in Octavia Butlers Werk war „Parable of the Sower“ (dt. „Die Parabel vom Sämann“) aus dem Jahr 1993. Bei den „Parable“ Büchern handelt es sich um einen Zweiteiler. Beide Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Fortsetzung aus dem Jahr 1998 „Parable of the Talents“ ist bisher nicht in deutscher Sprache erschienen. Ein geplantes drittes Buch war geplant, wurde aber selbst zu Lebzeiten von Octavia aufgrund mehrerer gescheiterter Versuche nicht mehr realisiert.

cover

Foto: Heyne Verlag

„Parable oft he Sower“ ist eine Dystopie, die in den 2020ern spielt und aus der Sicht einer jungen Frau namens Lauren Oya Olamina erzählt wird, die von ihrem Vater, einem Baptisten, religiös erzogen wurde aber nie seine Sichtweise auf die Religion teilte. Relativ schonungslos führt uns Lauren in ihre Kindheit in einem völlig desolatem Los Angeles ein. Ihr Vater und andere Erwachsene berichten wehmütig von Zeiten, in denen die Welt noch nicht im Chaos versunken war. Leid, Tod und Chaos herrscht auf den Straßen und selbst an normale Spaziergänge ist nicht mehr zu denken. Jeder Weg wird zu einem Abenteuer. Lauren gründet einige Zeit  und Schicksalsschläge später anschließend ihre eigene Kommune -Earthseed- und durchstreift mit ihrer Gefolgschaft den amerikanischen Norden. Schon bald kommt Lauren zu der Erkenntnis, dass die Zukunft der Menschheit nicht auf der Erde liegt.

Genau wie Bloodchild greift Parable of the Sower ähnliche Thematiken auf. Es geht um Aussteiger, die die Zukunft ihrer Rasse auf einem anderen Planeten sehen (könnte genauso gut auch die Vorgeschichte zu Bloodchild darstellen). Die Trümmerhaufen verlassen um noch einmal neu anfangen zu können. Auch geht es ums Zusammenleben, der Bewältigung schwieriger Zeiten, Emotionen sowie Rassenhass und Feminismus. All das sind Zutaten, die schnell zur eigenen Bürde werden können doch Octavia Butler meistert diese Hürden makellos. Im Internet verfolgte ich einige Debatten über den Roman und wie beispielsweise Leser, die nicht viel über das Werk wussten (nämlich gar nichts im Vorfeld) und für einen Roman hielten, der nur in der Ära Trump entstanden sein konnte. Diese Meinung revidierten einige Leser schnell als sie recherchierten und erfuhren, dass die Autorin bereits 2006 verstarb. Doch genau solche Aussagen der Leser unterstreichen noch einmal die Aktualität nicht nur von Parable of the Sower, sondern diese Aussagen kann man auch auf das gesamte Werk von Octavia Butler anwenden.

„Parable of the Sower“ erscien auf deutsch unter dem Titel „Die Parabel vom Sämann“ im Heyne Verlag.

Die Kurzgeschichte „Bloodchild“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Blutsbrut“ oder auch „Blutbande“ und ist derzeit (soweit ich sehe) nur antiquarisch erhältlich.

 

#WomeninSciFi (17) Der Report der Magd von Margaret Atwood oder Gilead ist überall

logo-scifi3

Janine vom Blog „Frau Hemingway“ hat einen Literaturblog, auf dem ich mich wunderbar heimisch fühle. Ich streife an ihren Regalen entlang, nehme hier mal ein Buch raus, freue mich da wieder über eines, dass ich auch habe und bin ein wenig neidisch auf ihren Lesesessel, der unglaublich bequem aussieht und das coole Moby Dick Poster.

Sie hat sich mit Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ der wohl realistischsten und bedrohlichsten Dystopie gewidmet, die die Science Fiction Welt so zu bieten hat. Auf nach Gilead also, auch wenn es weh tut – hoffen wir, dass wir es so weit nie werden kommen lassen:

Nachdem Desfred zum ersten Mal das „Ritual“ über sich ergehen lassen hat, musste ich die Serie kurz pausieren und meinem Blick vom Fernseher abwenden. Das „Ritual“ findet an den fruchtbaren Tagen Desfreds statt und dabei versucht der Kommandant Fred, in dessen Haus Desfred leben muss, sie zu schwängern während die Ehefrau des Kommandanten Desfreds Hände festhält. Der Kommandant und dessen Frau tun so als würden eigentlich sie ein Kind zeugen; die Magd Desfred ist überhaupt nicht anwesend, obwohl sie gerade vergewaltigt wird. Es ist sowohl im Buch „Der Report der Magd“ als auch in der Serie „The Handmaid´s Tale“ eine sehr intensive und zugleich beängstigende Szene, leider gibt es von dieser Art Szene bei Margaret Atwood genügend und mein Herz würde auch in den neun weiteren Folgen der Serie nicht zur Ruhe kommen.

csm_produkt-13684_9bcc243a7e

Foto: Piper Verlag

„Der Report der Magd“ handelt von der Republik Gilead, die durch einen Staatsstreich von einer christlich-fundamentalistischen Gruppierung in den Vereinigten Staaten gegründet wird. Die Regeln dieses Staates sind sehr strikt und die Bibel dient als Rechtfertigung für alles. Am schlimmsten sieht es für die Frauen aus: Sie dürfen nichts besitzen, haben keinerlei Mitspracherecht und müssen die Rolle der kindergebärenden Hausfrau übernehmen. Das heißt, wenn die Frau noch Kinder gebären kann, denn ein Großteil kann es nicht mehr. Aus diesem Grund kommt Desfred auch so eine besondere Rolle als Magd zu. Die Mägde sind Frauen, die vor der Gründung Gileads bereits ein Kind geboren und also bewiesen haben, dass sie zeugungsfähig sind.

Gilead ist überall

Obwohl „Der Report der Magd“ in der Zukunft spielt, streitet Margaret Atwood vehement ab, dass ihr Buch Science-Fiction sei. Margaret Atwood definiert Science-Fiction als etwas, dass passiert, obwohl es heute noch nicht möglich ist. Das ist in „Der Report der Magd“ schlicht nicht der Fall, weil alles, was darin passiert, gab es bereits in der Vergangenheit oder gibt es in der Gegenwart. Die Geschichte von Desfred ist weitergesponnene Gegenwart und das macht Margaret Atwood sehr eindrucksvoll.

Besser als im Buch kommt dieser Punkt jedoch in der Serie zur Geltung: Hier lässt sich mittels der Rückblenden sehr leicht nachvollziehen, wie sich eine demokratische Gesellschaft in einen totalitären Staat verwandelt. Zum Beispiel wurde zuerst das Wahlrecht beschnitten, dann durften sämtliche Frauen kein eigenes Geld mehr haben und am Ende durften sie durch ein Berufsverbot auch nicht mehr arbeiten. Der Prozess von ein paar kleinen Gesetzesänderungen bis hin zu Desfreds gesellschaftlich-akzeptierten Gefangenschaft war schleichend und erinnert stark an das „Boiling Frog Paradigma“. Hierbei wird ein Frosch in einen Topf mit angenehm-temperierten Wasser gesetzt, anschließend wird dieses Wasser sehr langsam erhitzt und der Frosch wird sterben, weil er lebendig gekocht wird, aber eben nicht aus dem Topf springt. Der Mensch in einer Gesellschaft ist oftmals genauso lethargisch.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass Gilead auch hier sein könnte. Gilead könnte zu jeder Zeit überall entstehen. Es ist ein furchtbarer Gedanke, aber er kommt beim Lesen des Buchs oder Sehen der Serie immer mal wieder in den Vordergrund. Es wird zwar die Geschichte Desfreds erzählt, aber genauso gut könnten es auch du und ich sein, die gemeinsam zu einer Zusammenkunft der Mägde gehen, um jemanden steinigen zu müssen, der vermeintlich ein Verbrechen begangen oder auch einfach bei diesem ganzen Wahnsinn nicht mehr mitgespielt hat.

Mehr von Gilead:

  • Buch „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood (ISBN: 978-3492311168, Taschenbuch, Piper Verlag, 12,00 €)
  • Essay „Wie Utopia entstand“ im Buch „Aus Neugier und Leidenschaft – Gesammelte Essays“ von Margaret Atwood (ISBN: 978-3827006660, Hardcover, Berlin Verlag, 28,00 €)
  • DVD „The Handmaid´s Tale“ (Komplette Serie, 21,99 €)

Hier noch der link zur Rezension der englischen Folio-Ausgabe von „The Handmaid’s Tale“.