Hirngymnastik – Astrophysik

Astrophysik

Mir hat es schon lange nicht mehr so das Hirn zerschossen, wie bei dieser Hirngymnastik.  Ob Hawking, Lisa Randall oder auch meine Annäherungsversuche an die Quantenphysik, mir wurde traurig bewusst, wie beschränkt mein Hirn ist und wie oft man Sätze lesen kann, ohne sie wirklich zu verstehen. Die eine oder andere Synapse ist heiß gelaufen, dennoch würde ich diese Hirngymnastik nicht komplett gescheitert nennen.

Das eine oder andere ist hängengeblieben und als echter Sci-Fi Fan und Trekkie alter Schule muss man sich durchbeißen, wenn man sich Hoffnungen auf die Starfleet Academy macht, wobei ich hier definitiv eine Nachhilfe-Stunde bei Data oder Spock bräuchte, um mich durch die Aufnahmeprüfung zu pauken.

Die Fragen, um die es geht in der Astrophysik (oder Astronomie) sind die richtig großen und da es nicht sicher ist, ob wir jemals Antworten bekommen, ist es ein Fach, dem eine Menge Leute liebend gern den Geldhahn zudrehen würden, da das ja alles nicht praktisch genug ist. Aber die Fragen sind immens wichtig:

  • Wie funktioniert das Universum? Wie ist es entstanden, woraus besteht es, was hat es mit den schwarzen Löchern oder schwarzer Materie auf sich?
  • Wo kommen wir her ? Wie entstehen und entwickeln sich Galaxien, Sterne und Planeten aus denen unser Universum besteht?
  • Sind wir alleine? Gibt es da draußen möglicherweise Planeten, auf denen Leben existieren könnte?

Der richtige Einstieg ins Abenteuer Astrophysik bietet der Wissenschaftsjournalist Alexander Mäder, der in der Reclam „100 Seiten“ Reihe Lust macht auf das Thema. Er selbst, ähnlich durch Star Trek sozialisiert, interessiert sich von klein auf für die Welt der Sterne und lädt mit dem Büchlein auf eine Reise durch Raum und Zeit ein. Er erklärt gängige Begriffe wie Quasar, dunkle Materie, Urknall, Supernova usw. Für Einsteiger klasse, Fortgeschrittene werden hier nicht viel Neues finden.

Ich habe aber gemerkt, mir hilft es immer wieder, Einsteiger-Bücher bei bestimmten Themen zu lesen, damit sich nach und nach schwierigere Zusammenhänge doch erschließen und etwas mehr hängen bleibt. Wer es derber und eine Spur lustiger mag, dem rate ich zum Einsteig ins Thema zu „Das Universum ist eine Scheißgegend“ der Science Busters Oberhummer / Puntigam / Gruber, die hauen aber auch schon mal ordentlich zu, empfindliche Gemüter sind bei Mäder auf der sichereren Seite.

Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ ist da schon ein ganz anders Kaliber. Der Einstieg geht, er führt uns sachte an die Big Bang Theory heran, erklärt wie die enorm hohe Gravität in schwarzen Löchern dazu führt, dass nicht einmal Licht entkommen kann und wie Entropie funktioniert. Entropie bedeutet im Grunde genommen, dass das Universum stets von einem stark geordneten Status in einen weniger geordneten Status übergeht. Wie zum Beispiel bei einer Flasche Parfum. Wenn man den Verschluß abnimmt und die Flasche ein paar Tage offen stehen lässt, wandelt sich das Parfum von einem stark geordneten Status (der Duft in der Flasche)  in einen stark ungeordneten Status (der Duft verflogen im Zimmer).

“The increase of disorder or entropy is what distinguishes the past from the future, giving a direction to time.”

Dieses Beispiel nutzt Hawking um zu erklären, warum Zeitreisen seiner Meinung nach unmöglich sind. Man braucht nur wenig Energie um ein Glas umzuwerfen und es kaputt zu machen, aber jede Menge Energie um das Glas wieder auf den Tisch hochzubefördern und das Glas so zusammen zu setzen, wie es war, bevor es vom Tisch geflogen ist. Es wäre unmöglich, und diese Unmöglichkeit ist, was der Zeit ihre klare Richtung gibt.

Was mich unendlich fasziniert ist die Tatsache, wieviel seltsamer die Realität als alles ist, was sich Science Fiction Autoren so ausdenken. Insbesondere die Relativitätskonzepte oder die Quantenmechanik sind krass und es ist unglaublich schwer, die wirklich zu begreifen.

Ich glaube schon, dass Hawking versucht hat, ein Buch für Laien zu schreiben, aber für jemanden, dem Mathematik und Physik so derart leicht fällt, ist es glaube ich einfach verdammt schwer zu erkennen, wann etwas tatsächlich klar verständlich ist und wann nicht. Sein Konzept der „imaginären Zeit“ muss ich glaube ich noch ein paar Mal lesen oder schauen, ob es irgendwo eine etwas einfachere Erklärung gibt. Dieses ganze time/space quanitifiability Dingens tut meinem Hirn weh, aber ich will das knacken.

“Ever since the dawn of civilisation, people have not been content to see events as unconnected and inexplicable. They have craved an understanding of the underlying order in the world. Today we still yearn to know why we are here and where we came from. Humanity’s deepest desire for knowledge is justification enough for our continuing quest. And our goal is nothing less than a complete description of the universe we live in.”

Aber auch in seiner teilweisen Unverständlichkeit ist „Eine kurze Geschichte der Zeit“ absolut faszinierend. Wer vor dem Buch zurückschreckt, hat vielleicht aber Lust, sich mit dem Hirn dahinter ein wenig zu beschäftigen, daher lasse ich hier mal den Trailer zu „The Theory of Everything“ mit Eddie Redmayne.

“Any physical theory is always provisional, in the sense that it is only a hypothesis: you can never prove it. No matter how many times the results of experiments agree with some theory, you can never be sure that the next time the result will not contradict the theory.”

Meine Hoffnung, Lisa Randall würde es mir mit „Knocking on Heavens Door“ in irgendeiner Weise einfach machen, flog schon nach den ersten paar Kapiteln fröhlich aus dem Fenster. Die Harvard-Dozentin ist mittlerweile ein ziemlicher Star unter den theoretischen Physikern, insbesondere für ihre Forschung im Bereich Hochenergie Physik. Sie hat einen unglaublichen Enthusiasmus für ihr Feld und man möchte ihr einfach folgen und sich mit ihr an Themen wie dem Large Hadron Collider, der Suche nach dem Higgs Boson, bis hin zur  Theorie um das Geheimnis fehlender Antimaterie abzuarbeiten. Ihre Begeisterung kombiniert mit einem sehr angenehmen Schreibstil helfen enorm, wenn man sich auf das schwierige Terrain der Teilchenphysik begeben will.

“Despite my resistance to hyperbole, the LHC belongs to a world that can only be described with superlatives. It is not merely large: the LHC is the biggest machine ever built. It is not merely cold: the 1.9 kelvin (1.9 degrees Celsius above absolute zero) temperature necessary for the LHC’s supercomputing magnets to operate is the coldest extended region that we know of in the universe—even colder than outer space. The magnetic field is not merely big: the superconducting dipole magnets generating a magnetic field more than 100,000 times stronger than the Earth’s are the strongest magnets in industrial production ever made.“

And the extremes don’t end there. The vacuum inside the proton-containing tubes, a 10 trillionth of an atmosphere, is the most complete vacuum over the largest region ever produced. The energy of the collisions are the highest ever generated on Earth, allowing us to study the interactions that occurred in the early universe the furthest back in time.”

Mir gefiel das Kapitel, in dem sich sich ausgiebig mit der Skalierung beschäftigt – vom Universum zu den kleineren Atomen, zu den noch kleineren Protonen bis hin zu den Quarks. Ich fand es spannend, ich habe mich tapfer durchgekämpft, aber ehrlich gesagt hat Ms Randall mein Hirn mit einem derart hohen Datenstrom beschossen, dass die Teilchenphysik teilweise doch zur Antimaterie wurde und mein Hirn irgendwann einem schwarzen Loch glich.

Ich habe eine Menge gelernt, dass Neutrinos sich nicht den physikalischen Gesetzen unterwerfen und sich zumindest für kurze Zeit schneller als das Licht bewegen können, dass auf künftige Zeitreisen hoffende noch immer keinen Grund zum Jubeln haben und auch das Wissenschaftler jede Theorie – und sei es die eigene – immer wieder versuchen zu widerlegen, alles zu hinterfragen, bis eine Theorie nicht länger nur Theorie ist.

Aber ganz ehrlich „Knocking on Heaven’s Door“ war eine Spur zu heftig für mich – zu viel Physik, die ich mit meinem Erbsenhirn nicht meistern konnte. Das ist aber auf gar keinen Fall ein Grund dieses Buch nicht zu lesen. Wenn es jemand schaffen kann, Menschen für Physik zu begeistern und diese besser zu erklären, dann Lisa Randall und selbst wenn man nicht alles versteht, man wird definitiv mehr über die Welt und das Universum wissen als vorher. Ms Randall ist im Übrigen nicht nur wahnsinnig intelligent, witzig und ausgesprochen attraktiv, in ihrer Freizeit schreibt sie dann eben auch noch mal Opern. Nee, ist klar 😉

Das Buch „Unser Mond“ von Heinz Haber habe ich dieser Hirngymnastik zu Ehren wieder vorgekramt. Es gehörte meinem Opa, der mich zum Trekkie machte und mir die Sehnsucht nach den Sternen vererbt hat. Es hat einen ganz wichtigen Platz in meiner Bibliothek. Haber war in den 50er Jahren Chief Science Consultant bei Walt Disney und moderierte in den 60er und 70er Jahren Wissenschaftssendungen im Fernsehen. Falls es euch mal über den Weg läuft, nehmt es mit, es ist durchaus interessant, vielleicht etwas trocken geschrieben, aber danach wollt ihr garantiert auch unbedingt zum Mond fliegen 😉

Keine Empfehlung gibt es von mir für das Buch „Binärcode“ von Christian Gude aus der Zeit Wissenschaftskrimi-Reihe. Der hatte den Charme eines billigen Lokalkrimis und nach knapp 60 Seiten flog der in die Ecke. Dämliche Protagonisten, Astronomie-Thriller aus Darmstadt – nope, das ging gar nicht.

Viel lieber empfehle ich dann noch die spannende Serie „Cosmos“ von Neil deGrasse Tyson, die mich bestens durch mein Hirngymnastik Abenteuer „Astrophysik“ begleitet hat. Spannend, unterhaltsam und gigantische Bilder. Müsst ihr euch unbedingt ansehen:

Hier die Bücher nochmal im Überblick die mich bei dieser Hirngymnastik begleitet haben:

Alexander Mäder – Astrophysik, Reclam Verlag (ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar)
Lisa Randall – Knocking on Heavens Door „Die Vermessung des Universums„, Fischer Verlag
Stephen Hawking – Eine kurze Geschichte der Zeit, Rowohlt Verlag
Heinz Haber – Unser Mond dva Verlag (nur noch gebraucht erhältlich)
Oberhummer/Puntigam/Gruber – Das Universum ist eine Scheißgegend, Hanser Verlaglas

So – jetzt lasse ich das Hirn erstmal wieder etwas auf normale Betriebstemperatur runterfahren und dann gehts an die nächste Hirngymnastik – bis dahin 🙂

Hirngymnastik – Physik

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Physik ist die Basis zum Verständnis der Welt um uns herum, der Welt in uns und auch der Welt über uns und damit eine der fundamental wichtigen Wissenschaften. Dennoch bin ich wahrscheinlich nicht die Einzige hier, die in der Schule einen großen Bogen um das Fach gemacht hat.

Mich interessieren die großen Zusammenhänge und das Warum. Das Wie in der Regel nicht so sehr. Damit bin ich in der Schule in der naturwissenschaftlichen Fächern nicht weit gekommen. Da ging es immer nur fröhlich induktiv zur Sache. Vom spezifischen zum Allgemeinen, wenn das Allgemeine überhaupt mal thematisiert wurde.

Das ist wirklich traurig, denn Physik wurde damit bei so vielen Menschen zum Hassfach, dabei ist es eine Wissenschaft, die unsere Vorstellungskraft herausfordert wie kaum eine andere. Konzepte wie die Relativitätstheorie, die Stringtheorie oder auch die Quantenphysik hauen dem gesunden Menschenverstand erst einmal einfach nur die Beine weg.

Physik ist auch die Basis für große Entdeckungen und Erfindungen wie Computer, Laser und Elektronenmikroskopie, ohne die wir unsere DNA vermutlich nicht hätten entschlüsseln können. Physik befasst sich mit dem Studium des Universums und den fernsten Galaxien bis hin zu den kleinsten subatomaren Partikeln oder der Nanotechnologie.

 

Wer Naturwissenschaften spannend findet, kommt um Physik nicht herum und daher wurde es einfach Zeit für eine entsprechende Hirngymnastik. Die hat mir aber auch wirklich einiges abgefordert und ich habe dabei versucht Bücher zu finden, die weitestgehend ohne Formeln auskommen, bzw. eher deduktiv vorgehen.

„Die Physik der Zukunft – Unser Leben in 100 Jahren“ – Michio Kaku

Das Buch ist ein guter Einstieg für Leute mit wenig naturwissenschaftlichem Grundwissen (wie ich). Kein Buch für Hardcore Science Freaks, dafür ist es zu leichtgewichtig.

Michio Kaku ist Professor für Theoretische Physik am City College of New York und defintiv jemand, der es schafft Physik spannend und mitreissend zu erzählen. Jedes der folgenden Kapitel  Computer, Künstliche Intelligenz, Medizin, Nanotechnologie, Energie, Raumfahrt, Wohlstand und die Zukunft der Menschheit ist jeweils in drei Unterbereiche aufgeteilt: die nahe Zukunft von heute bis 2030, die Mitte des Jahrhunderts 2030 – 2070 und die ferne Zukunft 2070 – 2100. In jedem Kapitel deckt er die wichtigen Entdeckungen und Erfindungen ab, die sich entwickeln werden ausgehend von den heutigen Technologien und unserem jetzigen Wissensstand.

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Foto: Scientific American

Kaku ist ein Optimist und sieht für nahezu alle Probleme der Menschheit eine technische Lösung. Damit werden einige ihre Schwierigkeiten haben, ich gehöre auch eher zu den manchmal zu optimistischen Vertretern und schwimme daher mit Kaku wunderbar auf einer Wellenlänge.

Besonders spannend fand ich das Computer Interface über eine Kontaktlinse, was eine ziemlich effektive Nutzung in der Medizin mit sich bringen könnte. Kaku sieht die Möglichkeit, das wir innerhalb der nächsten 100 Jahre in der Lage sein werden, Computer telepathisch zu bedienen. Es gibt bereits Sensoren für Paraplegiker, die ins Hirn gesetzt werden und die es ihnen dann ermöglichen, gedankliche Impulse in emails beispielsweise umzusetzen. Die nächste Entwicklung werden Arme und Beine sein, die von den Patienten über die Gedanken gesteuert werden.

Biotechnologie in Kombination mit Nanotechnologie gibt Raum für jede Menge spekulative Szenarien. Auch die Genetik ist natürlich ein großer Spekulations-Spielplatz. Wird Jurassic Park Wirklichkeit? Auch wenn die DNA möglicherweise bereits zu weit abgebaut ist, könnte man ggf die Genome von Vögeln und Echsen kreuzen um so einen Dinosaurier zu erzeugen ?

 

Kaku diskutiert auch die Frage nach der Zukunft der Arbeit. Wie werden wir in Zukunft leben, wenn Arbeit weitestgehend von Maschinen oder künstlicher Intelligenz übernommen wird ? Damit wir uns da eher in eine Zukunft Richtung Star Trek entwickeln und nicht vor lauter Faulheit und Sinnlosigkeit degenerieren, sollten wir lieber heute als morgen mit entsprechenden Diskussionen beginnen, wie die Zukunft ohne Arbeit aussehen soll.

Die größte Sorge bereitet Kaku der Klimawandel und die globale Erwärmung, die wir selbst bei hoffnungsvollen Zukunftprojektionen nur mit Schwierigkeiten in den Griff bekommen werden.

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Kaku beschreibt einen Tag im Leben eines Menschen im Jahr 2100 – ob es so sein wird, werden die heutigen Leser in der Regel wohl nicht mehr erleben. Das Buch endet mit einem Zitat von Gandhi, das die Herausforderungen für die Menschheit am besten zusammenfasst:

Die Wurzeln der Gewalt

Reichtum ohne Arbeit,
Vergnügen ohne Gewissen,
Wissen ohne Charakter,
Handel ohne Moral,
Wissenschaft ohne Menschlichkeit,
Anbetung ohne Opfer,
Politik ohne Prinzipien

Ganz besonders möchte ich euch den Physik-Vortrag von Michio Kaku der „Floating University“ ans Herz legen, der für mich der Anstoss war, meine nächste Hirngymnastik der Physik zu widmen:

http://www.floatinguniversity.com/lectures-kaku

Und wer keine Lust hat zu lesen, der kann sich auch seinen Votrag „The Physics of the Future“ anhören:

„Das Top Quark, Picasso und Mercedes-Benz oder Was ist Physik“ – Hans Graßmann

Der Physiker und Mitentdecker des Top Quark stellt Erkundungen zum Wesen, zur Geschichte und zu den Grundzügen der Physik an und das ganz unterhaltsam – mittels einer Entdeckungsreise zu den elementaren Erkenntnissen über Raum, Zeit und Materie.

Erschienen ist das Buch Mitte der 90er Jahre, aber das hat einzig beim Kapitel über Gravitationswellen ein wenig gestört, ansonsten haben sich die Grundlagen der Physik in den zwanzig Jahren nicht großartig verändert. Graßmann startet mit der Geschichte der Physik, gibt Einblicke in die Teilchenphysik und den Aufbau der Materie und Antimaterie, geht auf Quantenphysik, Relativitätstheorie und Stringtheorie ein und beschäftigt sich dann mit dem Nutzen der Physik.

Hans Graßmann versucht der Physik ihren Schrecken zu nehmen. Wenn man weiß, wie es zum Sonnenbrand kommt und wie eine Gitarre funktioniert, kann auch den Aufbau der Welt und die Physik verstehen.

Der Stil des Buches war mir zu onkelhaft, dennoch habe ich gemerkt, wie weitere Puzzleteilchen in meinem Hirn ihr Plätzchen gefunden haben und damit hat das Buch letztlich seinen Zweck erfüllt. Ein paar Bilder und Grafiken würden dem Buch ganz gut tun.

„Wer sein ganzes Leben damit verbringt, dem Nützlichkeitsprinzip zu huldigen, wird früher oder später feststellen, wie unnütz er ist.“

Vermutlich würde Physik nach wie vor nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählen, aber den ganz großen Schrecken hat es verloren und ich finde Naturwissenschaft viel zu spannend, um nicht auch Lust zu haben mich mit Physik zu beschäftigen. Ich hoffe, ich habe Euch mit dieser Hirngymnastik ein bisschen Lust darauf machen können.

Ich habe ich mich ja mit der Physik dem Universum bereits genähert, ich greife also zu den Sternen und mache mit Astrophysik/Kosmologie weiter.

 

 

Hirngymnastik: Geschichte

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„Sapiens – A Brief History of Humankind“ – Yuval Noah Harari

 

Typischerweise wird die Geschichte der Menschheit mit den Humanoiden des Paläolithikums begonnen, zeichnet ihre Entwicklung zum modernen Menschen nach und beginnt dann üblicherweise die Anfänge der Zivilisation von der Landwirtschaft bis zur Gegenwart nachzuzeichnen. Soweit folgt auch Yuval Noah Harrari diesem Weg in seinem Buch „Sapiens“, dennoch hat er einige überraschende Wendungen auf Lager. Was dieses Buch zu einem unglaublich spannenden Geschichtswälzer macht ist das er einige unserer vorgefassten Meinungen und Vorstellungen ins Wanken bringt, und den einen oder anderen vielleicht auch mal ärgert, aber niemals aufhört unglaublich faszinierend zu sein.

Harari legt seinen Fokus auf die drei großen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte: die kognitive, die landwirtschaftliche und die der Wissenschaft. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein eher unbedeutendes Lebewesen ohne großartige Signifikanz“ es schaffen konnte zur dominanten Lebensform auf unserem Planeten zu werden und inwieweit dessen Fähigkeit sich die Natur weitestgehend zum Untertan zu machen ein Segen oder vielleicht eher ein Fluch für den Planeten und die Menschheit selber sein wird.

Würden wir die Zeit seit Entstehung von Leben auf unserem Planeten als Uhr darstellen, wäre der heute Mensch gerade einmal zwei Minuten vor Mitternacht aufgetaucht, also gerade noch rechtzeitig um die Sektkorken knallen zu hören. Wie lange wir als Art erhalten bleiben, bleibt abzuwarten, viele unserer „Vorgängermodelle“ haben uns da einiges an Zeitspanne voraus.

In 20 wirklich brillianten Kapiteln fordert Harari den Leser dazu auf sich nicht nur mit der Frage zu beschäftigen wie wir wurden was wir sind, sondern was hätte passieren können, wenn die Dinge etwas anders abgelaufen wären. Er beschäftigt sich ausgiebig mit dem Thema Zufall und gelegentlich ist er ganz schön zynisch, aber mich hat das nicht weiter gestört, denn ich empfand den Grundton des Buches als durchaus optimistisch.

Harari hat einige meiner bisherigen Vorstellungen von den Anfängen unserer Spezies ordentlich durchgerüttelt, aber ich mag das, wenn man mich zum Nach- oder Umdenken bringt. Er beleuchtet die Anfänge der kognitiven Revolution und der immanenten Wichtigkeit von hypothetischen Geschichten die nötig sind um eine Gesellschaft zusammen zu schweissen. Geschichten an die jeder glaubt sind die Grundlage für unsere Fähigkeit zur Kooperation. Und sei es nur unser weltumspannender Glaube an so etwas fiktives wie Geld.

“How do you cause people to believe in an imagined order such as Christianity, democracy or capitalism? First, you never admit that the order is imagined.”

Die Mythen die wir erzeugen, können per se nie komplett logisch konsistent sein. Religion bietet den Menschen Trost von der Absurdität des Lebens und der Unmöglichkeit dem Tod zu entkommen. Die Wissenschaft dagegen macht genau das Gegenteil. Sie versucht, wie zum Beispiel im ausführlich besprochenen Gilgamesch Projekt Wege zu finden, den Tod und andere Unannehmlichkeiten zu überwinden statt sie zu akzeptieren.

“Culture tends to argue that it forbids only that which is unnatural. But from a biological perspective, nothing is unnatural. Whatever is possible is by definition also natural. A truly unnatural behaviour, one that goes against the laws of nature, simply cannot exist, so it would need no prohibition.”

Unser Wissen über die Welt kann und wird niemals universell sicher und konsistent sein und wir müssen lernen neben der immer größer werdenden Komplexität auch mit dem Fakt zu leben, das es keine eine reine Wahrheit gibt. Die Realität die wir sehen, ist immer nur unsere jeweilige, wie wir sie erleben und die ist unsicher, nicht fix und wird sich ändern.

“Consistency is the playground of dull minds.”

Wir müssen als Menschheit unbedingt verstehen lernen, dass Dinge an die wir glauben festlegen werden wer wir als Menschheit in Zukunft werden. Die Mythen denen wir beschließen zu folgen bestimmen was aus uns wird.

„Sapiens“ und auch der Nachfolger „Homo Deus“ sind zwei Bücher von denen ich mir wünschte, ich hätte sie geschrieben. Das ist allerdings ein Mythos den mir niemanden glauben würde, leider nicht einmal ich selber.

Ich hatte das Glück mich eine Woche auf Kreta in der Sonne und in der Hängematte liegend ausgiebig mit diesen beiden Büchern beschäftigen zu können. Verlassen haben wir Strand und Hängematte nur auf dem Rückweg um vor dem Abflug noch ausgiebig in den Ruinen von Knossos herumzustöbern. Ich bin aber sehr sicher, auch auf dem Sofa oder im Lesesessel sind diese beiden Bücher mit das Beste das ihr Eurem Hirn antun könnt 🙂

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„Homo Deus“ – Yuval Noah Harari

 

„Homo Deus“ ist ein Buch das stellenweise zutiefst schockiert, in dem Harari uns sehr effektiv dazu bringen will uns mit unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen. Es ist vordergründig ein Buch über die Zukunft der Menscheit, tatsächlich ist es aber auch ein Mittel um die aktuellen Trends in Wissenschaft, Technologie und der Entwicklung der Menschheit zu beleuchten. Es ist deutlich philosophischer und fordert den Leser dazu auf, sich zu überlegen ob wir wirklich wollen, dass es so weitergeht wie es momentan läuft.

Er macht immer wieder deutlich, dass seine Ausführungen zur Zukunft nur Hypothesen sind und andere Szenarien durchaus möglich sind, dass es trotzdem notwendig ist, sich heute mit diesen Möglichkeiten zu beschäftigen und versuchen die Zukunft aktiv in eine andere Richtung zu beeinflussen.

Neben dem Klimawandel kritisiert er auch insbesondere die Art und Weise wie wir mit Tieren umgehen. Wir sehen uns selbst als die Krone der Schöpfung, doch gerade der Bereich der selbstlernenden Computer, der künstlichen Intelligenz könnte uns in die gleiche Position bringen, in die wir alle anderen Lebewesen auf dem Planeten gebracht haben. Wir müssen anfangen andere Lebewesen deutlich besser zu behandeln, Massentierhaltung ist eine Schande für die Menschheit und unter keinen Umständen zu rechtfertigen.

“Centuries ago human knowledge increased slowly, so politics and economics changed at a leisurely pace too. Today our knowledge is increasing at breakneck speed, and theoretically we should understand the world better and better. But the very opposite is happening. Our new-found knowledge leads to faster economic, social and political changes; in an attempt to understand what is happening, we accelerate the accumulation of knowledge, which leads only to faster and greater upheavals. Consequently we are less and less able to make sense of the present or forecast the future. In 1016 it was relatively easy to predict how Europe would look in 1050. Sure, dynasties might fall, unknown raiders might invade, and natural disasters might strike; yet it was clear that in 1050 Europe would still be ruled by kings and priests, that it would be an agricultural society, that most of its inhabitants would be peasants, and that it would continue to suffer greatly from famines, plagues and wars. In contrast, in 2016 we have no idea how Europe will look in 2050. We cannot say what kind of political system it will have, how its job market will be structured, or even what kind of bodies its inhabitants will possess.”

Ich mochte dieses Buch auch deshalb, weil er Technologie kritisch hinterfragt ohne sie zu verdammen. Es geht ihm um eine vernünftigere Zukunft und nicht um eine rückschrittliche Abkehr und ein zurück auf die Bäume.

Zum Einstieg empfehle ich Hararis TED Talk:

„Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ – Ernst Peter Fischer

„Das Schönste was wir erleben können ist das Geheimnisvolle“ schrieb Albert Einstein „Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

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Die meisten von uns haben wissenschaftliche Methoden zusammen mit dem Periodensystem und dem sezierten Kuhauge weitestgehend mit dem Schulabschluß hinter uns gelassen. Wir brauchen aber (auch) gute wissenschaftliche Literatur, die uns hilft dem postfaktische Zeitalter in dem wir uns anscheinend befinden Widerstand zu leisten. Zum Glück gibt es da einige gute Autoren und schreibende Wissenschaftler und Ernst-Peter Fischer ist meiner Ansicht nach einer von ihnen, die die Gabe haben Fakten in guterzählte Geschichten zu verpacken, die der Wissenschaft das Staunen, das Entdecken und das Wissenwollen zurückgeben. Autoren die die Welt und die Wissenschaft nicht nur verständlich machen, sondern aufregend und interessant erscheinen lassen.

Fischer stellt uns in seinem Buch ein Ensemble an großen Wissenschaftlern und Universalgelehrten vor, die sich mit schwarzen Löchern, mit Quarks und Quasaren, mit Küken, Mais, Genen und vielem mehr beschäftigen und deren Geschichten es durchaus mit Sci-Fi-Thrillern oder Krimis aufnehmen können.

Anthologien sind in der Regel unterhaltend, spannend und so zugänglich, das man sie problemlos lesen kann ohne zu fürchten einer Gehirnschmelze zu erliegen. Doch ein wenig naturwissenschaftliches Grundwissen ist nicht verkehrt, um aus Fischers Buch möglichst viel mitzunehmen. Das Ergebnis ist eine Führung durch die Gedanken und Ideen einiger der größten Wissenschaftler. Jedem Kapitel ist ein Zitat vorangestellt und jedes Porträt drei, vier Seiten lang. Fischer begleitet den Leser bei seiner Reise durch die Erkenntnisse aus Astronomie und Physik, Mathematik und Informatik, Naturforschung und Biologie, Chemie und Medizin sowie Molekularbiologie und Genetik, er ist dabei ein freundlicher Reiseleiter der auf Interessantes hinweist und das Interesse des Lesers auf unerwartete und überraschende Erkenntnisse stupst.

Ich kann alle drei Bücher aus der Geschichts-Hirngymnastik vollumfänglich empfehlen und kann sie mir wunderbar unter einigen Weihnachtsbäumen als perfektes Geschenk vorstellen.

 

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Konnte ich Euch Lust auf die Geschichte der Menschheit, die Geschichte unserer Zukunft und der Wissenschaft machen? Ich würde mich riesig freuen.

Hirngymnastik – Genetik und Evolution

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Ich finde alles, was mit der Entstehung und Entwicklung des Lebens zu tun hat, unglaublich spannend. Schon lange beschäftigte mich daher die Frage, wie aus der Ursuppe die ersten Gene entstanden sind und wie im Laufe von Milliarden Jahren dann irgendwann so in den letzten 5 Minuten der Zeit der Mensch in seiner heutigen Form erschien.

Durch die komplette Entschlüsselung des Genoms, die unglaublich faszinierende CRISPR Cas-Methode und nicht zuletzt natürlich durch meine Lieblings-Science-Serie „Orphan Black“ wurde ich dazu animiert, mich eine Zeit lang deutlich intensiver mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Willkommen zum zweiten Teil der Hirngymnastik und los gehts:

Matt Ridley – Genome

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Matt Ridley ist meines Erachtens einer der besten Autoren im naturwissenschaftlichen Bereich. Das dieses Buch hier schon über 15 Jahre alt ist, merkt man ihm nicht an, es hat nichts an Aktualität, Anspruch und Bedeutsamkeit verloren. Habe es vor vielen Jahren mal gelesen und es wurde dringend Zeit für eine neue Runde. Ridley widmet jedes der 23 Kapitel einem spezifischen Gen, die an den 23 Chromosomen Paaren zu finden sind. Das Buch soll kein Buch über Krankheiten sein, dennoch sind insbesondere Erbkrankheiten ein wichtiges Thema des Buches. Die letzten Kapitel beschäftigen sich mit allgemeineren Themen wie genetischem Determinismus, Eugenik, Erbschaftslehre und der immer wieder spannenden Frage von Nature vs. Nurture. Sind wir und unsere Körper und unser Hirn in bestimmter Art und Weise vorprogrammiert für bestimmte Vorlieben?

“Imagine that the genome is a book.

There are twenty-three chapters, called CHROMOSOMES.
Each chapter contains several thousand stories, called GENES.
Each story is made up of paragraphs, called EXTONS, which are interrupted by advertisements called INTRONS.
Each paragraph is made up of words, called CODONS.
Each word is written in letters called BASES.” 

Das Buch gibt einen spannenden Einblick in die Geschichte der Menschheit, wie wir wurden, was wir sind. Das Humangenomprojekt hat unser komplettes Genom komplett entschlüsselt und es den Menschen erstmals ermöglicht, die Ursache von Krankheiten und mögliche Therapien zu entdecken und die Lebensqualität zu verbessern. Dieses Wissen, das durch die Genforschung entsteht, ist wichtig und notwendig, wie wir dieses Wissen dann später nutzen, ist eine komplett andere und ebenfalls sehr sehr wichtige Diskussion.

Ridley glaubt an den freien Willen und ist daher fest davon überzeugt, dass Vererbung nicht automatisch Unveränderlichkeit bedeutet. Du selbst und nicht Deine Gene kontrollieren Dein Leben.

“The fuel on which science runs is ignorance. Science is like a hungry furnace that must be fed logs from the forests of ignorance that surround us. In the process, the clearing we call knowledge expands, but the more it expands, the longer its perimeter and the more ignorance comes into view.”

Gregory E. Pence „What we talk about when talk about Clone Club“

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Als Mitglied im Clone Club und weltgrößter Fan der Science-SciFi-Klon-Serie „Orphan Black“ durfte dieses Buch natürlich nicht fehlen. Es ist aber nicht nur eine unbedingte Empfehlung für Fans der Serie, sondern für alle, die sich für Bioethik und Genetik interessieren.

Pence beschäftigt sich in seinem Buch mit Bioethik, einem Feld, das sich mit wissenschaftlichen und medizinischen Fragen beschäftigt. Wer die Serie kennt, wird sich vermutlich mit der Frage beschäftigt haben, wieviel Science steckt da wirklich drin und wie realistisch ist diese dargestellt. Was sind die moralischen und rechtlichen Implikationen, wenn wir über Klone nachdenken. „I am not your property“ war einer der Sätze, die sich mit der Frage beschäftigte, wem gehören DNA Patente? Dazu sollte man sich auch unbedingt einmal diesen TED Talk angucken:

https://www.ted.com/talks/tania_simoncelli_should_you_be_able_to_patent_a_human_gene

Wie ist es möglich, dass Klone, die dem gleichen Baukasten entspringen, so unterschiedlich sind mit Blick auf Aussehen, Verhalten und der Art und Weise zu denken? Pence beschäftigt sich mit den Themen Geschlechtsidentität, Fragen der sexuellen Orientierung mit Blick auf „Lifestyle Choices“, die in der Serie thematisiert werden und mit der Frage, was das Klonen mit der dunklen Geschichte der Eugenetik zu tun hat sowie mit psychologischen, rechtlichen und medizinischen Aspekten.

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Cosima: „You know your clones, we call each other sister.
Kendall: Call yourselves what you want. You’re just a bad copy of me. 
Cosima: We’re kind of over the whole bad copy thing. It’s way more accurate for us to call you older sister.“

Pence schafft es, die Wissenschaft hinter Orphan Black zugänglich zu machen und ich habe einiges gelernt bei der Lektüre. Beispielsweise war mir vorher nicht klar, dass eineiige Zwillinge sich genetisch ähnlicher sind als Klone. Durch Umwelteinflüsse und kleine Unterschiede in der Zusammensetzung der mitochondrialen Gene in der Eizelle, die den Nukleus des Klons beherbert, und unterschiedlich verlaufende Schwangerschaften sind der Grund dafür, dass Klone etwas unterschiedlicher sind als eineiige Zwillinge. Also, auch wenn Rachel und Cosima zum Beispiel 99% identisch sein mögen, ist die Übereinstimmung zwischen den Zwillingen Sarah und Helena denoch höher.
Der Autor macht Lust, sich mit den bioethischen Fragen zu beschäftigen, die Wissenschaft hinter der Serie zu ergründen und man merkt, dass er ebenfalls stolzes Mitglied im Clone Club ist und seine Begeisterung ist definitiv ansteckend.

 

Richard Dawkins – „The Selfish Gene“

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Richard Dawkins – The Selfish Gene

Noch ein Klassiker, dem man seine 30+ Jahre, die es auf dem Buckel hat nicht anmerkt. Dawkins Bücher sind sehr zugänglich, nicht nur durch die eingängige Sprache, sondern seine Art, komplizierte Dinge mit passenden Methaphern zu bestücken. Spieltheorie spielt eine große Rolle, wenn man Genetik verstehen will. In diesem Buch hat Dawkins auch den Begriff „Meme“ zum ersten Mal gebraucht, der selbst zur Meme wurde. Eine „Meme“ ist das kulturelle Pendant zum biologischen Gen. Meme versuchen, sich durch Verbreitung selbst zu erhalten und passen sich ebenfalls durch Mutationen an, wenn dies ihrer Selbsterhaltung zuträglich ist.

Hier einer meine Lieblings-TED Talks zum Thema Memen:

http://www.ted.com/talks/susan_blackmore_on_memes_and_temes

Dawkins beschäftigt sich im Buch unermüdlich mit dem Gegensatz zwischen dem Egoismus der Gene, der notwendig ist zum Überleben, und dem Altruismus der gleichzeitig ein großer Teil unserer Menschlichkeit ist. Wie erklärt sich Altruismus? Dawkins findet sich im Buch oft in der Rolle des Störenfriedes und Spaßverderbers, denn immer wenn wir glauben, dass der Mensch tief drinnen doch echt ein gutes Wesen ist, zeigt er uns wieder und wieder, dass positives Verhalten von unseren Genen gesteuert wird und denen am Ende immer zu Gute kommt.

“Let us try to teach generosity and altruism, because we are born selfish. Let us understand what our own selfish genes are up to, because we may then at least have the chance to upset their designs, something that no other species has ever aspired to do.”

Es ist ein absolut faszinierendes Buch das ich jedem empfehlen würde der sich für Genetik, Evolution und Soziologie interessiert. Es macht Spaß zu lesen, ist nicht schwierig und man lernt permanent mehr über sich und unseren Ursprung.

“In the beginning was simplicity.” 

Dawkins erfährt in letzter Zeit viel Ablehnung, da er einer der entschiedensten und offensivsten Atheisten ist und das vielen nicht passt. Religiöse Leute lesen seine Bücher wahrscheinlich ohnehin nicht, falls sie es tun, sollten sie allerdings tatsächlich ein etwas dickeres Fell haben, denn er fasst sie nicht mit Samthandschuhen an. Er ist ein leidenschaftlicher Anhänger von Darwins Evolutionstheorie und hat für Kreationisten absolut nichts übrig.

“The meme for blind faith secures its own perpetuation by the simple unconscious expedient of discouraging rational inquiry.” 

Solange man keine Chance hat, in Amerika Präsident zu werden, solange man nicht irgendeiner Religion angehört (und vermutlich in einer ganzen Reihe anderer Länder), solange sind bekennende und offensive Atheisten nötig.

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Charles Darwin – Hosts of Living Forms

Dieses kleine Büchlein war alles andere als leichte Kost. Habe mich ganz schön gequält, denn so sehr mich Darwins Ideen im Buch auch faszinieren, die Sprache musste ich erst einmal knacken, um an den Kern vorzudringen.

Er beschäftigt sich hier überwiegend mit der Unzulänglichkeit der Fossilien und wie identische Spezies teilweise über riesige zeitliche und räumliche Entfernungen existieren können, wie Fossilien entstehen und wie lang es braucht, bis Landmasse erodiert.

Ein Buch, das vermutlich etwas zugänglicher wird, wenn man ein bisschen was geraucht hat. Ansonsten ist Darwin im Original eher was für Fortgeschrittene.

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„I look at the natural geological record, as a history of the world imperfectly kept, and written in a changing dialect; of this history we possess the last volume alone, relating only to two or three countries. Of this volume, only here and there a short chapter has been preserved; and of each page, only here and there a few lines. Each word of the slowly-changing language, in which the history is supposed to be written, being more or less different in the interrupted succession of chapters, may represent the apparently abruptly changed forms of life, entombed in our constructive, but widely separated, formations.“

Neben den Büchern habe ich mich noch mit Hank Greens Crash Course Biology beschäftigt

und die Episode „The Evolutionary Epic“ in dem es um Evolution ging:

 

Beides wirklich empfehlenswert. Der nächte Teil der Hirngymnastik beschäftigt sich voraussichtlich mit Physik – tune in for more Fun with Facts 😉

Hirngymnastik Part I – Philosophie

“The search for something permanent is one of the deepest of the instincts leading men to philosophy.” 

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Bei allem, was mit Wissen und Lernen zu tun hat, bin ich ein echter Serientäter. Immer wieder packt mich ein Thema und dann beschäftige ich mich ein paar Wochen lang damit von allen Seiten. Ich lese darüber, höre mir Vorträge im Internet oder im Radio an und fülle seitenweise Notizbücher mit meinen Erkenntnissen. Philosophie war etwas, das mich als Kind schon interessierte und ich weiß nicht, wie oft ich mich mit Lehrern angelegt habe, die mir nicht erklären konnten, warum ich Religion aber keine Philosophie in der Schule lernen sollte.

Als ich in Kobe in dem einzigen kleinen Secondhand-Buchladen mit englischen Büchern Bertrand Russells „History of Western Philosophy“ entdeckte, hat mich das erwartungsgemäß auf direkten intensiven Philosophie-Kurs gebracht. Nach ein paar Wochen wurde das Fieber jetzt durch „Genetik“ abgelöst, aber dazu in einem späteren separaten Post mehr. Jetzt erst einmal zu Russells Buch.

Er beschäftigt sich in  “History of Western Philosophy” nicht nur mit Philosophie-Geschichte, sondern auch wie die Hauptströmungen der Philosophie in ihrer jeweiligen Zeit und Kultur verankert waren. Das hilft sehr bei der Einordnung  und beim Verständnis. Die für mich größte Erkenntnis war, das keine der Philosophie-Schulen in sich komplett logisch konsistent ist. Das Buch teilt sich in drei Teile: Antike Philosophie, Katholische Philosophie und Moderne Philosophie. Geschrieben hat er das Buch während des zweiten Weltkrieges und ab und an merkt man das auch, besonders in den Teilen, wo er sich mit Nietzsche beschäftigt. Der mittlere Teil zu „katholischer Philosophie“ hat mich erwartungsgemäß am wenigsten berührt, darüber gelesen zu haben ist aber sicherlich nicht das Schlechteste.

“Two things are to be remembered: that a man whose opinions and theories are worth studying may be presumed to have had some intelligence, but that no man is likely to have arrived at complete and final truth on any subject whatever. When an intelligent man expresses a view which seems to us obviously absurd, we should not attempt to prove that it is somehow true, but we should try to understand how it ever came to seem true. This exercise of historical and psychological imagination at once enlarges the scope of our thinking, and helps us to realize how foolish many of our own cherished prejudices will seem to an age which has a different temper of mind.” 

Das Schöne ist, dass man für das Buch weder ein großes Grundwissen an Philosophie noch an Geschichte mitbringen mus, um es zu verstehen und sich wunderbar darin zu verlieren. Russell ist ein unglaublich klarer, exzellenter Schriftsteller, was man bei Philosophen ja nun nicht immer unbedingt voraussetzen kann. Grandios wie er abstrakte Ideen eindringlich und klar rüberbringt, man merkt, dass er verstanden werden möchte. Es gibt so viele Autoren, bei denen man immer den Eindruck hat, sie wollen partout Eindruck schinden, bei den Lesern die Spreu vom Weizen trennen, was in meinen Augen häufig etwas mit mangelndem Selbstbewußtsein zu tun hat. Russell hat das nicht nötig und ich liebe seinen trockenen Humor.  Mir ist schon klar, dass Anhänger von Marx, Nietzsche oder Hegel höchstwahrscheinlich anders sehen. Denen verpasst er schon immer wieder mal eine im Vorbeigehen. Er geht auch Plato ziemlich an und ihn als „any contempary advocate of totalitarianism“ zu sehen, fand ich schon etwas hart, hat Plato doch meiner Ansicht nach im Grunde komplett allein die Grundlagen der politischen Philosophie geschaffen.

Ich glaube, ob man Russells Philosophie-Geschichte mag, hängt auch ein wenig davon ab, wie sehr einem Russells Theorien selbst gefallen, denn seine Ideen, seine Ansichten und Meinungen scheinen immer wieder durch an einigen Stellen. Ich mag Russell und daher hat mich das weniger gestört, es gibt aber sicherlich Leute, die ihn dafür kritisieren. Wobei ich finde, er schiebt seine Meinung nicht still und heimlich ein, sondern es ist eigentlich immer kristallklar wann und wo er das tut.

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Wo ich mich Russell wieder sehr verbunden gefühlt habe, war in seiner Ansicht, das die Aufklärung und Bildung der Menschen in Naturwissenschaft, Geistesweissenschaft, rationalem und kritischem Denken ein wichtiger Schritt ist, um künftige Kriege und Gräueltaten zu vermeiden. Auch wenn wir über 70 Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches noch immer umringt sind von Kriegen, Terror und Schrecken, bleibe ich bei dieser Überzeugung.

“Almost everything that distinguishes the modern world from earlier centuries is attibutable to science, which achieved its most spectacular triumphs in the seventeenth century.” 

“Mathematics, rightly viewed, possesses not only truth, but supreme beauty—a beauty cold and austere, like that of sculpture, without appeal to any part of our weaker nature, without the gorgeous trappings of painting or music, yet sublimely pure, and capable of a stern perfection such as only the greatest art can show.” 

Ich wünschte, es gäbe noch viel mehr Bertrand Russells in der Welt. Das Buch zu lesen fühlt sich teilweise an, als würde man mit ihm eine wahnsinnig intelligente, spannende Unterhaltung führen. Russell war ganz bestimmt einer dieser Menschen, in deren Gegenwart man sich etwas intelligenter und größer fühlte. Eine Eigenschaft, die ich wie keine andere bewundere.

“A stupid man’s report of what a clever man says can never be accurate, because he unconsciously translates what he hears into something he can understand.” 

Ein sehr interessantes Interview mit Bertrand Russell findet ihr hier:

 

Passend zum Thema Philosophie habe ich mir das Buch „Aufklärung – Das europäische Projekt“ geschnappt das schon lange ungelesen und daher vorwurfsvoll aus dem Regal geschaut hat.

Vor 300 Jahren begann der Versuch, den Geist von religiösen Denk-Dogmen zu befreien und jeglichem Fundamentalismus die Freiheit des Verstandes entgegenzusetzen. Das Streben nach Wissen, nach Bildung und Erkenntis ist leider (noch?) keine Geschichte mit Happy End. Der Terror ist ein Kampf gegen aufklärerische Freiheitsgedanken und selten habe ich mich um die Freiheit so sehr gesorgt, wie im Moment. Der Ruf nach mehr Kontrolle, mehr Härte und weniger Liberalität wird immer lauter. Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, für Freiheit und Aufklärung zu kämpfen.

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Manfred Geier bringt dem Leser klar und gut lesbar eine Einführung in die Epoche der Aufklärung nahe. In sieben Kapiteln zeigt er die Entwicklungen in Form von Lebensbildern bedeutender europäischer Denker und einer Denkerin auf. Von den Engländern John Locke und Earl Shaftesbury geht es über die Franzosen Voltaire, Dideor und Rousseau zu Geier Moses Mendelsohn und Kant. Mit Olympe de Gouge stellt er eine – mir bis dahin unbekannte Persönlichkeit vor – die für ihren Freiheitskampf unter der Guilletoine endete. Den Abschluss bildet der Humanist und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt.

Mir hat besonders der Teil zu Immanuel Kant gefallen, hat er mich doch Karl Popper entdecken lassen und auch Hannah Arendts Ansichten werden zu aktuellen weltgeschichtlichen Ereignissen in Kontext gesetzt.

Ein gelungener Einsteig in die europäische Aufklärung, die definitiv Lust auf mehr macht. Ein wunderbares Buch, das heute aktueller ist denn je.

„1961 hielt Popper im Bayrischen Rundfunk eine Rede zum Thema „Der Sinn der Geschichte“. Wieder erinnerte er einleitend an Kant, der die „Selbstbefreiung durch das Wissen“ zur Leitidee der Aufklärung erklärt hatte. Auch mit disem „sapere aude!“ war keine geschichtliche Notwendigkeit verbunden. Kants Appel an den Mut, selbst zu denken, beschrieb keine Tatsache. Er war ein Hinweis auf das Denken mündiger Menschen, die sich selbst ein Ziel setzen und ihrem Leben einen vernünftigen Sinn geben können.“

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„Vor allem Kants erweiterte Denkungsart wurde als Prototyp des kritischen Denkens reflektiert, jene Fähigkeit des Menschen nämlich, sich in den Standpunkt anderer Menschen versetzen und die Welt auch aus deren Perspektive betrachten zu können.“

„Die reflektierende Urteilskraft. Die Urteilskraft ist das Vermögen, das Besondere im Verhältnis zum Allgemeinen denken zu können. Dann gilt es, selbst ein Gesetz oder eine Regel zu finden, um sich so das Besondere verständlich zu machen. Die Urteilskraft wird nicht zum Bestimmten, sondern zum Reflektieren angeregt. Es ist die Fähigkeit Besonderheiten zu beurteilen, ohne sie unter jene allgemeinen Regeln zu subsumieren, die gerlehrt und gelernt werden können, bis sie sich zu Gewohnheiten entwickeln, welche von anderen Gewohnheiten und Regeln ersetzt werden können.“

Falls ich Euch jetzt auch Lust auf mehr gemacht habe, hier zwei Philosophie-Kurse im Netz, die ein erster Aperitiv sind und einen guten Einstieg bilden, mehr geht immer. Das Internet ist voll von kostenlosen Kursen von Universitäten wie Harvard, Yale, Stanford etc und ich wünschte mir, jeder Tag hätte 72 Stunden, damit ich das alles absaugen kann 😉

 

Tamar Gendler: Philosophy and the Science of Human Nature

http://oyc.yale.edu/philosophy/phil-181#overview

Und wer sich bei diesem Gespräch nicht ein wenig in Karl Poppers Hirn verliebt dem ist nicht zu helfen:

 

 

Philosophie ist cool und macht wirklich Spaß, ich finde es immer wieder schade, wie viele Leute keine Lust darauf haben, es unzugänglich und verstaubt finden. Das muss echt nicht sein. Die Philosphie guckt dem Leben unter den Rock, habe ich mal irgendwo gelesen und das brauchen wir.

Wer Lust auf mehr Hirngymnastik hat, dem kann hier demnächst geholfen werden, wenn ich Euch von meinen Genetik-Abenteuern berichte 🙂