#Women in Science (5) Sabine Hossenfelder

Es wird feierlich bei den #WomeninScience, denn der heutige Beitrag kommt von der Gewinnerin des Buchblog-Awards 2018, den sie völlig zu Recht für ihren immens spannenden Blog „Elementares Lesen“ bekam. Petra führt uns zudem mit der heutigen Physikerin endlich auch einmal in die Gegenwart und wir werfen mit der Autorin einen kritischen Blick auf die heutige Physik. Ich habe das Buch bereits hier liegen und bin schon sehr gespannt darauf:

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Sabine Hossenfelder ist theoretische Physikerin. Sie studierte Mathematik und Physik an der Goethe-Universität Frankfurt und wurde dort 2003 mit Auszeichnung über „Schwarze Löcher in Extra-Dimensionen“ promoviert. Nach Forschungsaufenthalten in den USA, am Perimeter Institute im kanadischen Waterloo und am NORDITA-Institut für Theoretische Physik in Stockholm arbeitet die 42-Jährige heute am Frankfurt Institute for Advanced Studies über Quantengravitation und Physik jenseits des Standardmodells der Elementarteilchen. Sie veröffentlicht Artikel in diversen Wissenschaftsmagazinen und betreibt das Blog Backreaction.

In ihrem Buch Das hässliche Universum, das 2018 zunächst in englischer Sprache unter dem Titel „Lost in Maths“ erschien, kritisiert Sabine Hossenfelder die Irrwege der gegenwärtigen Physik. Seit Jahrzehnten gibt es in der Grundlagenforschung keine nennenswerten Fortschritte, denn die Wissenschaftler lassen sich von falschen Idealen leiten. Eine Theorie muss schön, natürlich und einfach sein, um Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinde zu finden. Der Weg zu neuen Erkenntnissen wird dadurch versperrt. Die Physik ist in der Sprache der Mathematik formuliert, und so ist der Originaltitel des Buches „Lost in Maths“ zu verstehen als eine Verlorenheit in der Mathematik, in möglichst eleganten Formeln. In der Geschichte der Wissenschaften war die Orientierung an ästhetischen Prinzipien oft hilfreich. In der modernen Physik hat sie keinen Platz mehr und führt zum Scheitern einer ganzen Generation, stellt die Autorin fest. Was hat das subjektive Schönheitsempfinden mit objektiver Wissenschaft zu tun? Wo bleiben die Ergebnisse zum Beweis all der schönen Theorien?

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Foto: © S. Hossenfelder; CC BY-SA 4.0

Hossenfelder besuchte Teilchenphysiker, Stringtheoretiker und Kosmologen, die sie mit dieser verfahrenen Situation konfrontierte. Sie sprach unter anderem mit Gian Giudice vom Schweizer Kernforschungszentrum CERN, der die emotionale Kraft schöner Theorien betont, und Frank Wilczek, Nobelpreisträger von 2004, der von der Schönheit des Universums überzeugt ist; mit Steven Weinberg, Nobelpreisträger von 1979, der versucht, sie von der Existenz des Multiversums zu überzeugen; mit Astrophysikerin Katherine Mack, die von der bisher erfolglosen Suche nach Axionen erzählt – jenen unsichtbaren Teilchen, aus denen Dunkle Materie vermeintlich besteht, und mit dem Stringtheoretiker Joseph Polchinski, dem die hässliche Wahrheit, die sich aus seinen Berechnungen über Schwarze Löcher ergab, Kopfzerbrechen bereitet. Diese Gespräche vermitteln einen Überblick über den aktuellen Stand der Grundlagenphysik. Sie zeigen aber auch die Ratlosigkeit mancher Wissenschaftler über den mangelnden Erfolg ihrer teuren Experimente.

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Am heutigen Zustand kritisiert Sabine Hossenfelder, dass alle der Meute folgen und sich auf die angesagten Forschungsrichtungen konzentrieren. Physiker, die gegen den Strom schwimmen, erhalten keine Gelder für ihre Projekte und werden angefeindet. Hossenfelder verschweigt auch nicht ihre eigene, oft prekäre berufliche Situation von einem befristeten Job zum nächsten. Trotz ihrer Kritik am Wissenschaftsbetrieb hat sie die Hoffnung auf Veränderungen nicht aufgegeben und macht Vorschläge für eine ausgewogene, von objektiven Kriterien geleitete Forschung.

Das hässliche Universum, 2018 im Verlag S. Fischer erschienen, ist eine faszinierende Reise in die moderne Physik und ihre Grenzen. Mir hat die trockene, selbstironische Art der Autorin sehr gut gefallen und über manche Hürden beim physikalischen Verständnis hinweg geholfen. Wer mehr erfahren möchte, sollte auch Sabine Hossenfelders Blog Backreaction lesen, in dem die streitbare Physikerin sich mit aktuellen Entwicklungen der Forschung auseinandersetzt – eine Plattform für lebhafte Debatten

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#Women in Science (4) Mileva Marić

Beim Blog „Lesevergnügen“ ist der Name Progamm. In Jacqueline habe ich was Bücherverrücktheit angeht eine Zwillingsschwester im Geiste gefunden. Kürzlich erschien auf ihrem Blog eine Gastrezension von Odette die ein Buch über die brilliante Mileva Marić vorstellt, die so zu Unrecht im Schatten ihres ehemaligen Ehemannes Albert Einstein steht.

Ich freue mich, in der Reihe #Women in Science die erste Mathematikerin vorzustellen:

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Foto: Wikipedia

Mileva Marić war Frau Einstein, die erste Frau von Albert Einstein. Sie wurde am 19. Dezember 1875 in Vojvodina in Serbien geboren, zu einer Zeit der raschen Entwicklung von Wissenschaft und Forschung. So war ihre Generation eine der ersten Generationen, die es jungen Frauen erlaubte, eine wissenschaftliche Bildung zu genießen. Marić entstammt einer wohlhabenden serbischen Familie, in der Bildung eine zentrale Rolle spielte. Ihr Vater investierte früh in ihre Ausbildung, weil er ihre Begabung erkannte, aber auch dachte, dass sie mit ihrer Behinderung, einer schiefen Hüfte, wohl eher einen guten Job, als einen Ehemann findet. Er schickte sie erst auf eine höhere Mädchenschule, anschließend auf die Realschule und ins Gymnasium. Um 1900 studierten bereits vereinzelt Frauen an Universitäten, auch Mileva Marić erhielt die Chance und immatrikulierte sich als einzige Frau in den Studiengang Mathematik und Physik an dem Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. In diesem Studiengang lernte sie Albert Einstein kennen.

Mit dem Kennenlernen von Einstein beginnt die Erzählung des Buches von Marie Benedict. Über das Leben von Mileva Marić ist wenig bekannt, deshalb hat sich die Autorin an die wenigen Fakten gehalten und eine Geschichte herum erschaffen. Marie Benedict kombiniert reale Fakten mit fiktiven Zusammenhängen, denn in der Wissenschaft ist das Verhältnis Albert Einsteins zu seiner ersten Frau nicht eindeutig nachvollziehbar. Fakt ist, dass sich beide ziemlich schnell ineinander verliebten und sich anfangs noch streng nach der damalig herrschenden Etikette richteten. Marić wohnte mit anderen weiblichen Kommilitoninnen in der Pension Engelbrecht. Hier war Männerbesuch nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Albert kam oft zum Musizieren in die Pension und wurde von seiner späteren Frau bei der Erarbeitung von Hausarbeiten unterstützt. Oft schwänzt er Vorlesungen und Mileva schrieb für Einstein mit. Während eines heimlichen Ausfluges wurde Mileva Maric schwanger. Besonders die Familie von Albert Einstein tolerierte die Beziehung der Beiden nicht. Obwohl nun eigentlich eine rasche Hochzeit folgen musste, zögerte Albert Einstein diese bis deutlich nach der Geburt der Tochter heraus.

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Ab der Hochzeit beginnt der Leidensweg, den die Autorin in dem Buch schildert. Mileva Maric wird von Albert Einstein missverstanden, er zwingt sie zu Dingen, wie der Adoption der Tochter. Auch wissenschaftlich erkennt er ihr Mitwirken an seinen Arbeiten nicht an. In seinen Publikationen wird sie nie als Mitautorin genannt. Einstein wird immer selbstsüchtiger, vielleicht ist er schon dem Wahn verfallen, dass er der alleinige Urheber aller Theorien ist. Hörig und gesellschaftlich abhängig von ihm, begehrt Mileva nicht auf. Als Leserin resümiert man, sie hat sich an den Mann verkauft, ist auf seinen Charme hereingefallen und hat so ihre erwartungsvolle Karriere geopfert. Für Albert und ihre gemeinsamen Kinder, führt sie das Leben einer gewöhnlichen Hausfrau. Trotz der Worte von Albert vor Freunden, sie sei die Mathematikerin, er der Physiker in der Familie, behandelt er sie nicht mehr wie seine Partnerin in der Forschung.

Das es auch andere Konstellationen gab, zeigt die Ehe der Curies. Marie Curie wurde immer von ihrem Ehemann unterstützt und das sogar vor dem Nobelpreiskomitee. Im Buch lässt die Autorin Marie Benedict, Mileva Marić ein Gespräch mit Marie Curie über die Wissenschaft führen. Das Buch endet mit der Scheidung der Beiden. Was der Autorin in der Annahme der Unterschlagung der Autorenrechte von Mileva Marić Recht gibt ist, dass Mileva Marić, als Einstein den Nobelpreis bekommt, von ihm das Preisgeld erhält.

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Der Roman Frau Einstein ist spekulativ, es gibt Biographien von Mileva Marić und Albert Einstein, die Teile bestätigen und auch wieder nicht. Etwas eigenartig finde ich, dass Mileva Marić die Relativitätstheorie plötzlich und in Gänze, in nur einem Augenblick auf einem Bahnhof, entwickelt haben soll. In diesem Moment als ihr der Einfall zu dieser bahnbrechenden Theorie kommt, fährt sie wieder zurück zu ihrem Mann, kurz nachdem sie die gemeinsame Tochter Lieserl, welche Einstein nie gesehen hat, beerdigte. Das Buch ist sehr gut lesbar geschrieben. Es wandelt sich von einem Liebesroman zu einem patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Ehedrama, das traurig und wütend zu gleich macht. Die Autorin Marie Benedict setzt in dem letzten Kapitel „Anmerkung der Autorin“ ein klares Statement und man kann sich mit dem Thema und dem Leben von Mileva Marić gut auseinandersetzen. Das Buch wird aus Sicht der Ich-Erzählerin erzählt und ist trotz tragischem Frauenschicksal ein wahres Lesevergnügen.

An Ende stellt sich die Frage: Wäre Einstein ein genialer Wissenschaftler ohne seine erste Frau geworden? Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.

Frau Einstein“ von Marie Benedict erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Figuring – Maria Popova

“History is not what happened, but what survives the shipwrecks of judgment and chance.”

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Maria Popova hat mit Brainpickings einen meiner liebsten Blogs geschaffen, dem ich seit vielen Jahren folge und dem ich unglaublich viele Lektüretipps, Ideen und spannende Einsichten verdanke. Sie schafft es schon seit Jahren von einem Blog leben zu können, der sich mit Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Feminismus, Poesie, Astronomie und vielem anderen beschäftigt.

Das Buch beginnt mit Johannes Kepler und mit dem Einfluß, den er mit seiner Persönlichkeit und seinem beruflichen Leben auf eine ganze Litanei an Menschen in der Astronomie und der Kunst seither genommen hat. Alles ist miteinander verbunden. Gedanken und Ideen durchdringen Raum und Zeit, landen irgendwo, inspirieren und die Kombination ganz unterschiedlicher Ideen führt immer wieder zu neuen und weiteren Entdeckungen.

“Lives interweave with other lives, and out of the tapestry arise hints at answers to questions that raze to the bone of life: What are the building blocks of character, of contentment, of lasting achievement? How does a person come into self-possession and sovereignty of mind against the tide of convention and unreasoning collectivism? Does genius suffice for happiness, does distinction, does love?”

„Figuring“ ist ein multidisziplinärer Begriff. Er steht für die Verbindung von unterschiedlichen wissenschaftlichen Domänen, den Künsten und menschliches Erkenntnisvermögen. Es gibt sogar ein Institute for Figuring in den USA, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen mit der ästhetischen und poetischen Dimension von Naturwissenschaft und Mathematik in Verbindung zu bringen. Und Kepler ist eine der großen Inspirationen für dieses Vorgehen, da er einer der führenden „Figurer“ in der Geschichte war.

“In science as in romance, the unknown is disrobed sheath by sheath as fervid fantasies imagine the possibilities conquerable by knowledge—fantasies that far outstrip the reality eventually revealed as knowledge progresses.” 

Für Popova ist Kepler sowas wie der Ur-Vater in ihrem Buch. Ein Mann, dessen facettenreiches Leben eine Verflechtung aus Naturwissenschaft, Ästhetik und Theologie war. Von ihm aus leitet sie uns an eine ganze Reihe historischer Charaktäre weiter, die ebenfalls disziplinübergreifend tätig waren, die Grenzen überschritten haben auf der Suche nach Warheit, Schönheit und der Suche nach dem wahren und richtigen Leben.

Für dieses disziplinübergreifende Sein könnte man sich keinen besseren Paten vorstellen als Kepler. Er schrieb eine Abhandlung über Schneeflocken, verfasste eine Stereometrie der Weinfässer, berechnete die Umlaufbahn von Planeten und gab 5 Bücher zur Harmonik der Welt heraus. Seine berühmteste Entdeckung war, dass die Planeten in Elipsen um die Sonne wandern, wobei er mal eben ein 2000 Jahre altes astronomisches Dogma über den Haufen warf und damit den Weg für Newtons Law of Gravity ebnete.

Auch wenn Kepler auch nicht annähernd so berühmt ist wie Newton oder Kopernikus, so ist er doch auf Augenhöhe mit ihnen und er ist einfach eine sehr spannende Persönlichkeit, insbesondere durch seine Mischung aus mathematischer Strenge und ästhetischer Verspieltheit. Er verteidigte seine Mutter, die von der Kirche der Hexerei angeklagt wurde und die er nach langem und qualvollem Prozess am Ende zum Freispruch verhilft. Kepler erkennt auch, dass seine Mutter als Frau nie die Möglichkeit hatte, selbst eine Gelehrte zu werden, sondern ihnen hilflos ausgeliefert war. Das veranlasste Kepler zu einer sehr modernen Erkenntnis:

“The difference between the fates of the sexes, Kepler suggests, is not in the heavens but in the earthly construction of gender.”

Nach dem Einstieg mit Kepler fokussiert sich Popova weitestgehend auf weibliche Geschichten und man begegnet hier ein paar sehr interessanten Frauen – alle unerschrockene Denkerinnen – die immense Hindernisse überwinden mussten um astronomische Entdeckungen machen zu können, zu schreiben, zu malen oder die Umweltbewegung zu gründen.

Besonders spannend fand ich die Astronominnen Maria Mitchell und Caroline Herschel, die Mathematikerin Mary Somerville, die Autorin/Kritikerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin/Umweltaktivistin Rachel Carson. Frauen, die allesamt die Verkörperung von Francois Poullain de la Barres Aussage sind „the mind has no sex.“

„Figuring“ ist ein komplex geknüpftes Netz, in dem die Leben dieser Frauen und einem guten Dutzend weiterer wissenschaftlicher und literarischer Figuren über Jahrhunderte und Kontinente hinweg miteinander verbunden sind. Verbunden durch unerwartete Verkettungen  wie gemeinsame Freunde, „Serendipity“ (das wunderbare Wort kann man einfach nicht wirklich übersetzen finde ich), durch Zusammenkünfte, Briefe, Freund- und Liebschaften. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass Popovas Hirn durch die immensen Berge an Literatur, die sie liest, mit speziellen Filtern ausgestattet ist, das solche Verbindungen aufspürt:

“The world is bound by secret knots.” (Athanasius Kircher)

Aber vor allen Dingen gelingt es Popova, diese Menschen greifbar zu machen, man lebt, leidet, liebt mit ihnen und sie alle Leben changierend zwischen Zufall und Entscheidung.

“Those who stand to gain from the manipulation of truth often prey on those bereft of critical thinking.” 

Gelegentlich bin ich in den Verlinkungen und Verbindungen etwas verloren gegangen, dann hatte ich manchmal das Gefühl beim Lesen Brotkrumen legen zu müssen, damit ich mich von den verwobenen Abschweifungen wieder zum Hauptteil des Kapitels zurückfinde.

Aber es kann ab und an ja auch ganz schön sein sich zu verirren. Man macht überraschende Entdeckungen und am Ende findet man meist wieder zurück. In „Figuring“ treffen wir auf brilliante Menschen mit spannenden Gehirnen – die meisten davon gehören Frauen und die überwiegende Anzahl der Figuren im Buch ist queer und sie alle bestehen darauf, das Leben bis zum Letzten auszukosten und sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen.

Einen der schönsten Sätze sagt die Astronomin Maria Mitchell zu ihren Studenten:

“Mingle the starlight with your lives.“

Kepler hätte dem sicherlich zugestimmt.

Große Empfehlung und eine großartige Schatzkiste insbesondere für meine #WomeninScience Reihe

Kick-Ass Women – Mackenzie Lee

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Das es in der Weltgeschichte keine Heldinnen gegeben hat, ist natürlich Quatsch. Aber immer wieder hört man nur von den immer Gleichen, die alibimässig in überwiegend männerlastigen Listen auftauchen.

Mackenzie Liee hat in dieser herausragenden Sammlung 52 Frauen vorgestellt, die es verdienen, deutlich berühmter zu sein, als sie es tatsächlich sind. Frauen aus der ganzen Welt, aus unterschiedlichen Rassen und Klassen, die Krankheiten geheilt haben, Diktatoren überworfen, Unterdrückung widerstanden und sich erdrückenden Geschlechtsvorurteilen einer männlich dominierten Welt widersetzt haben.

Lee schreibt knapp und witzig, manchmal etwas flach, aber immer packend. Sie baut aus den kurzen umfassenden Biografien spannende Geschichten von Frauen die Heldinnen, Anführerinnen, Athletinnen oder auch Kriminelle sind. Die Frauen sind intelligent, gefährlich, mutig, verführerisch und vor allen Dingen durchbrechen sie die gläserne Decke aus Patriarchie und Vorurteilen.

Die 52 Frauen sind alle großartig, aber hier sind ein paar meiner Favoritinnen:

Hatschepsut, die erste Pharaonin, die nach dem Tod ihres Mannes den Thron bestieg, weil sie es konnte und die ihre Untertanen 22 Jahr erfolgreich führte.

Agnodike, die Frau, die sich als Mann verkleiden musste, um im antiken Athen Medizin studieren zu können.

Arawelo, die legendäre Königin von Somalia, die jegliche Stereotype über den Haufen warf und eine Regierung schuf ,die komplett aus Frauen bestand. Sie und ihr Kabinett zeigten den Männern was es tatsächlich heißt, den Haushalt eines Landes zu übernehmen.

Königin Christina von Schweden, die Beschützerin der Künste. Gelehrt und insbesondere an Naturwissenschaften interessiert. Sie befürwortete Religionsfreiheit und hatte keinerlei Interesse an der Ehe.

Irena Sendler war eine polnische Krankenschwester, die wahnsinnig mutig war und während des 2. Weltkriegs unter Einsatz ihres Lebens mehr als 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete.

Das sind nur ein paar Beispiele der 52 wundervollen Portraits, jede der Frauen großartig farbenprächtig illustriert von Petra Eriksson.

Ich glaube, man merkt wie sehr mir dieses Buch gefallen hat. Kauft es euch, verschenkt es und gebt ihm einen besonders schönen Platz in eurem Regal. Dieses kleine Schatzkästchen voller Mut und Empowerment ist ein Denkmal für alle Frauen, die nach ihren eigenen Spielregeln spielen und die Pionierinnen waren in ihren jeweiligen Bereichen.

Aus dem Englischen von Jenny Merling erschienen im Suhrkamp Verlag, dem ich für dieses Rezensionsexemplar herzlich danke.

#Women in Science (2) Lise Meitner

Ich freue mich heute den ersten Gastbeitrag dieser Reihe vorstellen zu dürfen. Niahm stellt auf ihrem Blog „ChickLitScout“ gute Bücher von und über großartige Frauen vor. Klickt euch durch auf eigene Gefahr, ihr werdet mit einer immens gewachsenen „To-Read-Liste“ rauskommen. Als wäre das nicht genug, betreibt sie außerdem den Blog „BritLitScout“ auf dem sie englischsprachige Literatur vorstellt.

Vielen lieben Dank für den spannenden Einblick in das Leben der Physikerin Lise Meitner.

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Noch eine kurze Anmerkung, bevor wir uns in ihr Leben stürzen. Über die jeweiligen #WomeninScience darf und soll gerne mehrfach berichtet werden. Nur weil es jetzt bereits einen Beitrag über Marie Curie oder Lise Meitner gibt, bedeutet das nicht, dass niemand mehr über sie schreiben kann. Diese Frauen sind so vielschichtig dass es nicht schadet, sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Aber jetzt Bühne frei für Lise Meitner:

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Vor kurzem stellte das Autor*innenpaar David Rennert und Tanja Traxler in der Buchhandlung Leo in Wien Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters vor. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, schließlich ist die Biographie der österreichischen Physikerin das Wissenschaftsbuch des Jahres 2019. Ehrengast war Monica Frisch, Lise Meitners Großnichte. Deren Vater, Otto Robert Frisch, war nicht nur der Neffe, sondern auch ein enger Kollege der 1878 in Wien geborenen Wissenschaftlerin.  Die jüdische Familie musste vor den Nazis fliehen, daher wurde Monica Frisch  auch im Exil geboren und lebt bis heute in Großbritannien. Der Besuch in der Heimat ihrer Eltern ist ihr erster seit 50 Jahren.

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Monica Frisch (r.) und Ulla Remmer von der Buchhandlung Leo

Lise Meitners Flucht vor den Nazis nimmt in ihrer Biographie natürlich breiten Raum ein und hatte auch wesentlichen Einfluss auf ihre Karriere, David Rennert und Tanja Traxler gingen in ihrer Präsentation und Lesung aber vor allem auf die Schwierigkeiten ein, die Lise Meitner überwinden musste, um als Frau einen Platz in der Welt der Wissenschaft zu finden. Der Weg war von Anfang an steinig. Die Matura, Voraussetzung für die Zulassung zu einem Hochschulstudium, darf sie als Mädchen nur auf dem Weg der Externistenprüfung ablegen, erst dann kann sie als eine der ersten Frauen 1901 an der Universität Wien ihr Physikstudium an aufnehmen. 1907 geht sie nach Berlin, um ihre akademische Laufbahn fortzusetzen,  sich nicht darum kümmernd, dass Frauen in der Wissenschaft dort noch weniger gern gesehen sind als in Wien. Trotzdem kann sie sich durchsetzen und macht gemeinsam mit dem Chemiker Otto Hahn, mit dem sie in Berlin von Anfang an zusammenarbeitet, zahlreiche Entdeckungen, die unser Verständnis der Welt für immer verändert haben. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit mündet schließlich in der Entdeckung der Kernspaltung.  Die Liste der Persönlichkeiten, mit denen sich Lise Meitner ausgetauscht und mit denen sie im Laufe ihrer Karriere gemeinsam geforscht hat, liest sich wie ein Who-is-Who der Welt der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts: Neben Otto Hahn und Otto Robert Frisch arbeitet sie unter anderem mit Ludwig Boltzmann, Albert Einstein, Max Planck, Niels Bohr, Enrico Fermi und Erwin Schrödinger zusammen. Als Hahn 1945 den Nobelpreis enthält, lebt Lise Meitner in Schweden im Exil und geht vollkommen zu Unrecht leer aus. Einerseits ist sie persönlich enttäuscht darüber, dass Hahn ihren Beitrag in seiner Dankesrede nicht hinreichend würdigt, andererseits übt sie sich ihr ganzes Leben lang in zurückhaltender Bescheidenheit – ein typisches Frauenschicksal nicht nur der damaligen Zeit.

Meine Meinung: Eine Biographie als Wissenschaftsbuch des Jahres? Das erschien mir zunächst etwas überraschend, aber das Autor*innenduo Renner/Traxler hat es zustande gebracht, beides zu vereinen: in vier Teilen (Aufbereitung – Strahlung – Kernspaltung – Spaltprodukte) zeichnen sie den persönlichen Werdegang einer Forscherin nach und beschreiben parallel dazu die wissenschaftlichen Fortschritte, an denen diese beteiligt ist, auf eine Weise, die die Geschichte der Entdeckung der Kernspaltung auch für Laien verständlich macht. Die Kombination Politikwissenschafter/Historiker (David Rennert) und Physikerin/Philosophin (Tanja Traxler) bringt ein Buch zustande, dessen leichte Lesbarkeit nicht auf Kosten des Informationsgehalts geht. Ein besonders erhellendes Kapitel beleuchtet dabei die Frage, wie es passieren konnte, dass eine Frau, die insgesamt 48mal für den Nobelpreis nominiert war, diesen nie bekommen hat.

Auf Interpretationen und Wertungen verzichten die Autor*innen weitgehend, sie lassen Fakten und Aussagen der Wissenschafterin sprechen. Ihre Recherchen beruhen dabei vor allem auf der genauen Auswertung von Lise Meitners persönlicher Korrespondenz. Das lässt hinter der engagierten und erfolgreichen Forscherin auch den Menschen Lise Meitner aufblitzen, eine Frau, die ihren Weg konsequent ging und sich ihre Integrität bewahren konnte, aber nicht ganz frei von Widersprüchen war.  Die Frage, inwieweit sie als Spitzenwissenschafterin die Verpflichtung hatte oder gehabt hätte, sich für andere Frauen in ihrem Metier einzusetzen, wird im Buch nur kurz angesprochen, bei der Präsentation vom Publikum aber heiß diskutiert.

David Rennert und Tanja Traxler, Lise Meitner – Pionierin des Atomzeitalters. Residenz Verlag 2018. 220 Seiten.

#Women in Science (1) Marie Curie

Man muß nichts im Leben fürchten, man muß nur alles verstehen.

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Marie Skłodowska Curie wurde 1867 in Warschau im damaligen Königreich Polen geboren, was Teil des russischen Reiches war. Ihre Eltern gehörten zur gebildeten Mittelschicht, verloren jedoch durch patriotische Investitionen viel Geld während der polnischen Aufstände. Ihr Vater Władysław Skłodowski unterrichtete Mathematik und Physik und war Direktor eines Gymnasiums für Jungen. Mit dem Verbot von Laborunterricht durch die russischen Behörden brachte der Vater vieles davon nach Hause und unterrichte seine Kinder in der Nutzung. Er verlor später seinen Posten und war gezwungen, deutlich schlechter bezahlte Jobs anzunehmen, was zur stetigen Verarmung der Familie führte. Maries Mutter leitete ein renommiertes Mädchenpensionat, doch nach Maries Geburt kündigte sie. Sie starb 1878 an Tuberkulose, als Marie zehn Jahre alt war. Die Mutter war strenge Katholikin, der Vater eher Atheist. Der Tod der Mutter und ihrer Schwester drei Jahre zuvor brachten Marie vom Glauben ab.  

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1883 verließ Marie das Gymnasium mit einer Goldmedaille für überragende Leistungen. Da Frauen zum Studium nicht zugelassen waren, begann sie mit ihrer Schwester Bronisława Vorlesungen der sogenannten „Fliegenden Universität“ zu besuchen, eine patriotische polnische Organisation, die sich der Lehre verschrieben hatte und auch Frauen unterrichtete. Marie traf mit ihrer Schwester eine Absprache, dass sie sie finanziell unterstützen würde, während ihrer Studien in Paris und Bronisława sie gleichfalls zwei Jahre später unterstützen würde bei ihrem Studium in Paris. Um diese Unterstützung leisten zu können, nahm Marie eine Position als Gouvernante an. Erst als Hauslehrerin in Warschau, dann für zwei Jahre in Szczuki bei entfernten Verwandten ihres Vaters. Dort verliebte sie sich unglücklich in den Sohn der Familie, der sie heiraten wollte, dies nach dem Verbot der Eltern aber nicht weiter ernstlich verfolgte. Kazimierz Zorawski wure später ein erfolgreicher Mathematiker. 

Anfang 1890 wurde Marie von ihrer Schwester Bronisława nach Paris eingeladen, die kurz zuvor einen polnischen Arzt und politischen Aktivisten in Paris geheiratet hatte. Marie sagte zunächst ab, da sie sich die Reise nicht leisten konnte, wurde dann aber von ihrem Vater finanziell unterstützt, der mittlerweile eine etwas lukrativere Position gefunden hatte. Während all der Zeit als Gouvernante war Marie stets am Lernen, lesen, Briefe schreiben und sie bereitete sich selbst auf die Universität vor. Anfang 1889 kehrte sie nach Warschau zu ihrem Vater zurück und kümmerte sich um ihn. Währenddessen arbeitet sie als Gouvernante, hielt Vorträge an der Fliegenden Universität und begann, ihr praktisches naturwissenschaftliches Training in einem chemischen Labor in der Warschauer Altstadt, das von ihrem Cousin geleitet wurde.

Erst Ende 1891 hatte sie genug Geld erspart um nach Paris zu gehen. Dort lebte sie für kurze Zeit bei ihrer Schwester und deren Mann, bevor sie sich, um es ruhiger zu haben und näher an der Universität zu sein, ein kleines armseliges Dachgeschosszimmer mietete im Quartier Latin. Sie studierte Physik, Chemie und Mathematik an der Universität Paris. Sie bestritt ihren Unterhalt von ihren mageren Ersparnissen oft hungernd und frierend. Um Heizkosten zu sparen, trug sie fast immer sämtliche Klamotten, die sie besaß. Oft vergaß sie zu essen, wenn sie durch ihre Studien abgelenkt war.

ca 1920 Foto: Wikipedia

Marie Skłodowska studierte tagsüber und gab abends Unterricht, verdiente aber kaum genug, um zu überleben. 1893 machte sie ihren Abschluss in Physik und begann, im Labor von Professor Lippmann zu arbeiten. Derweil studierte sie weiter und machte 1894 ihren zweiten Abschluß in Chemie.

Skłodowska begann ihre wissenschaftliche Karriere in Paris mit der Untersuchung der magnetischen Eigenschaften verschiedener Stahlsorten im Auftrag der Société d’encouragement pour l’industrie nationale. In diesem Jahr lernte sie auch Pierre Curie kennen und durch ihre gemeinsamen Interessen an Naturwissenschaften begannen sie, immer mehr Zeit miteinander zu verbringen. Pierre Curie war Lehrer an der École supérieure de physique et de chimie industrielles de la ville de Paris. Marie und Pierre verliebten sich ineinander und Pierre hielt um Maries Hand an. Zunächst gab sie ihm einen Korb, da Marie nach wie vor plante, nach Polen zurückzukehren. Curie gab jedoch nicht auf und schlug ihr vor, mit ihr nach Polen zu gehen, selbst wenn er dort nur als Französischlehrer würde arbeiten können. Ihren Sommerurlaub 1894 verbrachte Skłodowska mit ihrer Familie in Warschau. Pierre schrieb ihr regelmässig und sie kehrte auf seine Bestürmungen hin nach Paris zurück . Pierre machte 1895 seinen Doktor und Marie begann ihre Doktorarbeit. Im September des gleichen Jahres heirateten sie in einer standesamtlichen Zeremonie in Sceaux. Mit Pierre fand Marie eine lebenslange Liebe, einen Partner und einen wissenschaftlichen Kollegen, auf den sie sich komplett verlassen konnte. Sie teilten neben der Wissenschaft auch ihre Leidenschaft für lange Radtouren und Reisen, die die beiden noch näher zusammenbrachte.

Die Entdeckung der Röntgenstrahlung Ende 1895 erregte weltweit Aufsehen und löste zahlreiche Forschungsaktivitäten aus. Marie Curie, die auf der Suche nach einem Thema für ihre Doktorarbeit war, beschloss, sich den „Becquerel-Strahlen“ zuzuwenden.

Sie untersuchte zahlreiche uranhaltige Metalle, Salze, Oxide und Mineralien, die ihr von befreundeten Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt wurden. Sie stellte dabei fest, dass die „Becquerel-Strahlung“ eine Eigenschaft bestimmter Atome und keine chemische Eigenschaft der untersuchten Verbindung ist.

1997 wurde ihre Tochter Irene geboren. Um ihre Familie zu unterstützen, begann Marie an der École Normale Supérieure zu unterrichten. Die Curies hatten nie ein eigenes Laboratorium. Die meisten ihrer Forschungen führten sie in einem feuchten Schuppen in einem Hinterhof durch. Sie hatten keinerlei Ahnung wie desaströs sich die Strahlung, der sie ausgesetzt waren, auf ihre Gesundheit auswirken würde, während sie permanent komplett ungeschützt mit den radioaktiven Substanzen arbeiteten. Die Schule unterstützte ihre Forschung nicht, aber sie erhielt finanzielle Unterstützung von Bergbau- und metallverarbeitenden Unternehmen, sowie von unterschiedlichen Organisationen und Staaten.

Marie und Pierre Curie ca 1903

1989 veröffentlichen die Curies eine gemeinsame Abhandlung in der sie von der Existenz eines neuen Elementes berichteten, das sie „Polonium“ genannt hatten, zu Ehren von Maries Heimatland, das nach wie vor russisch besetzt war.  Um jeglichen Zweifel zu beseitigten arbeiteten sie daran, Polonium und Radium in reiner Form herzustellen. Es gelang ihnen nie, reines Polonium herzustellen, doch nach vielen verzweifelten Versuchen konnten sie 1910 pures Radium isolieren.

„Man merkt nie, was schon getan wurde, man sieht immer nur, was noch zu tun bleibt“

Zwischen 1898 und 1902 veröffentlichten die Curies zusammen oder separat insgesamt 32 wissenschaftliche Abhandlungen. Eine davon beschäftigte sich mit der Fähigkeit des Radiums, kranke Tumorzellen zu zerstören.

Anfang 1903 traten bei Marie und Pierre Curie erste gesundheitliche Probleme auf, die sie jedoch auf Überarbeitung zurückführten. Marie Curie hatte im August 1903 eine Fehlgeburt, die sie gesundheitlich weiter schwächte. Als die Royal Society dem Ehepaar am 5. November 1903 die Davy-Medaille zusprach, die jährlich für die wichtigste Entdeckung auf dem Gebiet der Chemie vergeben wird, musste Pierre Curie allein nach London reisen, um den Preis entgegenzunehmen.

1904 erhielt Marie Curie ihren Doktor an der Universität von Paris. Das Ehepaar wurde im gleichen Monat zur Royal Institution in London eingeladen um über die Radioaktivtät zu sprechen. Als Frau war es Marie nicht erlaubt, dort zu sprechen, so dass Pierre nur alleine vor den Gelehrten sprechen konnte. Die Industrie begann, Radium herzustellen und die Curies beschlossen sehr bewusst, ihre Entdeckung nicht patentieren zu lassen, da Wissenschaft ihrer Meinung nach immer der Allgemeinheit frei zugänglich sein müsse. Ebenfalls im gleichen Jahr erhielten das Ehepaar Curie gemeinsam mit Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik „in Anerkennung der außerordentlichen Leistungen, die sie sich durch ihre gemeinsame Forschung über die von Professor Henri Becquerel entdeckten Strahlungsphänomene erworben haben“. Marie Curie war somit die erste Frau, die jemals den Nobelpreis verliehen bekam.

„Man könnte sich vorstellen, daß das Radium aber auch in verbrecherischen Händen sehr gefährlich werden könnte, und man müsse sich fragen, ob es für die Menschheit gut ist, die Geheimnisse der Natur zu kennen, ob sie reif ist, daraus Nutzen zu ziehen, oder ob ihr diese Erkenntnis zum Schaden gereichen könnte.“

Marie und Pierre lehnten es ab, den Preis persönlich in Stockholm in Empfang zu nehmen, da sie mit ihren Studien zu beschäftigt waren. Darüberhinaus mochte Pierre Curie keine öffentlichen Veranstaltungen und fühlte sich außerdem zunehmend krank. Da sie als Nobelpreisgewinner um eine Vorlesung nicht herum kamen, fuhren sie 1905 nach Stockholm. Mit dem gewonnen Geld gönnten sie sich ihren ersten Laborassistenten. Doch all der internationale und nationale Ruhm, Angebote der Universität von Genf etc. reichten nicht, um den Curies ein vernünftiges Labor zu verschaffen. Nach vielen Beschwerden versprach die Universität Paris, ihnen eines auszustatten, dieses wurde jedoch erst 1906 fertig.

Im Dezember 1904 brachte Marie ihre zweite Tochter Eva zur Welt. Nur zwei Jahre später kam Pierre in einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben. Marie war komplett erschüttert von seinem Tod. Die beiden waren selten mal voneinander getrennt gewesen und sie glaubte, ohne ihn nicht weiter arbeiten oder leben zu können. Die Universität Paris entschied ihr im gleichen Jahr die Professur ihres Mannes anzubieten, die sie annahm. Sie war damit die erste Frau, die als Professorin an der Universität Paris arbeitete.

Über die Schaffung eines internationalen Radiumstandards verständigten sich Marie Curie und Ernest Rutherford erstmals im Frühjahr 1910. Insbesondere der vermehrte Einsatz des Radiums in der Medizin erforderte genaue und vergleichbare Messwerte. Eine Kommission legte fest, dass die Maßeinheit für die Aktivität „Curie“ genannt werden sollte, und beauftragte Marie Curie mit der Herstellung einer 20 Milligramm schweren Radiumprobe aus kristallwasserfreiem Radiumchlorid, die als Standard dienen sollte

Trotz Marie Curies Ruhm als französische Wissenschaftlerin war die französische Öffentlichkeit sehr ausländerfeindlich (was sich auch schon in der Dreyfus Affäre gezeigt hatte). Während der Wahlen der Académie des sciences wurde sie von der rechten Presse als Ausländerin, Jüdin und Atheistin diffamiert.

1911 kam heraus, dass Marie eine etwa einjährige Affäre mit dem Physiker Paul Langevin hatte, einem früheren Studenten von Pierre Curie, ein verheirateter Mann mit Eheproblemen. Daraus entspann sich ein großer Presseskandal, der von Curies akademischen Rivalen umfassend ausgeschlachtet wurde. Curie (damals Mitte Vierzig) war fünf Jahre älter als Langevin und wurde von der Presse fälschlicherweise als jüdische Ehebrecherin dargestellt. Als der Skandal ausbrach, war sie gerade in Belgien auf einer Konferenz. Bei ihrer Rückkehr nach Hause fand sie einen wütenden Mob auf der Straße vor ihrem Haus und sie mußte mit ihren Töchtern in das Haus einer Freundin fliehen.

Ich fand es sehr bezaubernd, dass Albert Einstein – mit dem sie auch sehr gerne Radeltouren unternahm – ihr in dieser schwierigen Zeit brieflich zur Seite stand. Es war ein wie wir heute sagen würden ein freundschaftliches „Ignore the Haters“

Foto: Princeton University Press

Dieser Skandal kostete sie fast den zweiten Nobelpreis, der ihr von der Stockholmer Akademie im gleichen Jahr für Chemie verliehen wurde.  Dieser Preis wurde ihr „in Anerkennung ihrer Verdienste um den Fortschritt der Chemie durch die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium, durch Isolierung des Radiums und die Untersuchung der Natur und der Verbindungen dieses bemerkenswerten Elementes“  verliehen, nicht ohne sie vorher versuchsweise dazu zu bringen, wegen des Skandals auf den Preis zu verzichten, was Curie ablehnte. Sie war somit die erste Frau die zwei Nobelpreise gewonnen hatte und ist neben Linus Pauling die einzige, die den Nobelpreis in zwei verschiedenen Feldern bekam.

Obwohl sie zunehmend unter unterschiedlichen Erkrankungen litt, war sie nach Ausbruch des ersten Weltkrieges sofort zur Stelle, um den Soldaten an der Front zu helfen. Sie begann eine mobile Röntgeneinrichtung zu schaffen, mit der verwundete Soldaten in unmittelbarer Nähe der Front untersucht werden könnten. Mit der Unterstützung der Französischen Frauenunion gelang es Marie Curie, einen ersten Röntgenwagen auszustatten.

Sie wollte auch direkt nach Kriegsausbruch ihre Nobelpreis-Medaille spenden, doch die französische Nationalbank verweigerte die Annahme. Sie kaufte daraufhin Kriegsanleihen von ihrem Nobelpreisgeld.

„Ein Gelehrter in seinem Laboratorium ist nicht nur ein Techniker; er steht auch vor den Naturgesetzen wie ein Kind vor der Märchenwelt.“

Nach dem Krieg begab sie sich mit ihren Töchtern auf eine Tour durch die Vereinigten Staaten, um Geld für ihre Radiumstudien zu sammeln. Eine reiche Mäzenin sammelte für sie Spenden und richtete den Marie Curie Radium Fond ein. Sie wurde 1921 vom damaligen US Präsidenten Warren G Harding empfangen, der ihr 1g in den USA gesammeltes Radium überreichte. Allein während ihres Aufenthaltes in den USA verliehen ihr neun Länder die Ehrendoktorwürde.

Im Frühjahr 1919 begannen die ersten Lehrveranstaltungen am Radium-Institut deren Leitung sie 1914 übernommen hatte. Mitarbeiter des Radium-Institutes veröffentlichten von 1919 bis 1934 insgesamt 438 wissenschaftliche Artikel, darunter 34 Dissertationen. 31 Artikel stammten von Marie Curie. Sie förderte bewusst Frauen und aus dem Ausland stammende Studierende. 1931 waren zwölf von 37 Forschern am Institut Frauen, darunter Ellen Gleditsch, Eva Ramstedt und Marguerite Perey, die bedeutende Beiträge zur Erforschung der Radioaktivität leisteten.

Anfang 1934 besuchte Marie Curie Polen zum letzten Mal. Sie verstarb am 4. Juli 1934 im
Curie Sancellemoz Sanatorium in Passy an einer Sonderform von Anämie, die vermutlich auf ihren langjährigen Umgang mit radioaktiven Elementen zurückzuführen ist.

Sie erlebte leider die Auszeichnung ihrer Tochter Irène mit dem Nobelpreis für Chemie, den diese 1935 gemeinsam mit ihrem Ehemann „in Anerkennung ihrer Synthese neuer radioaktiver Elemente“ erhielt, nicht mehr. Auch ihre Tochter starb mit nur 59 an Leukämie, vermutlich verursacht durch Poloniom-210.

Ihre Tochter Eve, die Autorin der Biografie, schlug etwas aus der Art und hatte keinerlei Interesse an Naturwissenschaften. Sie wollte zunächst Pianistin werden, wurde dann aber Journalistin und Schriftstellerin. Sie war in der Flüchtlings- und Kinderhilfe tätig und arbeitete mit ihrem Ehemann für die UNICEF. 1965 nahm sie gemeinsam mit ihm den Friedensnobelpreis entgegen, der in dem Jahr an die UNICEF verliehen wurde. Sie lebte später in New York und starb dort mit 102 Jahren.

Wie gefährlich Radioaktivität und Röntgenstrahlung für die Gesundheit sind, war zu Marie Curies Zeit nicht bekannt. Sie und ihr Mann hantierten mit den Proben ohne jegliche Schutzmaßnahmen. Marie Curie trug häufig Proben einfach in den Taschen ihres Laborkittels und erfreute sich oft an dem Licht, dass die Substanzen im Dunkeln abgaben.

Aufgrund ihrer radioaktiven Kontamination müssen Marie Curies Aufzeichnungen aus den 1890ern und sogar ihr Kochbuch nach wie vor in mit Blei abgeschirmten Boxen aufbewahrt werden; deren Betrachtung ist nur mit Schutzkleidung möglich.

Eve Curie – „Madame Curie“ erhältlich im Fischer Verlag.

„Nothing in life is to be feared, it is only to be understood. Now is the time to understand more, so that we may fear less.“ (Marie Curie)

Hirngymnastik – Dinosaurier

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Wer „Ausgestorben um zu bleiben“ aufschlägt, sollte sich auf einen Schock gefasst machen. Auch wenn ich es hier und da schon habe durch die Presse huschen sehen, ich habe den unliebsamen Gedanken einfach immer auf Seite geschoben. Aber Herr Kegel präsentiert uns gleich auf der Innenseite mit dem Bild einen gefiederten Dinosaurier. Waaah – das geht gar nicht. Ein Dino ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft also wirklich „a thing with feathers“. Das muß ich erst einmal verarbeiten, nachdem ich es nun anscheinend wohl nicht mehr weiter leugnen kann.

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Foto: Tigramgros

Ich glaube, die „Jurassic Park“ Filme wären deutlich weniger gruselig und spannend gewesen, wären die Protagonisten von wildgewordenen Riesenhühner-Dinos verfolgt worden. Aber gut – ich muß damit leben.

Bernhard Kegel reist mit uns durch die Zeit der Dinosaurier von ihrem Auftauchen am Ende des Perm, ihr Aufblühen im Jura und ihr plötzliches Aussterben in der Kreidezeit. Nie wanderten mehr als etwa 100 Dinosaurier gleichzeitig über die Erde und so manche Dinos, die wir in Jurassic Park gemeinsam miteinander kämpfen sehen, lebten tatsächlich Millionen von Jahren auseinander.

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Foto: tigramgros

Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen. So sollte populärwissenschaftliche Literatur sein. Man erfährt nicht nur jede Menge über die Dinosaurier selber und den letzten Stand der diesbezüglichen Forschung, er berichtet auch über die Anfänge und die Entwicklung der Paläontologie und über Dinosaurier in der Literatur und Film und ihren Einfluss.

Das Buch bietet eine Fülle an Informationen und ich fand es sehr beeindruckend, was die moderne Wissenschaft in der Lage ist, aus Millionen Jahre alten Fossilien und Knochen herauszulesen. Zum Beispiel, dass Dinosaurier eine breite Palette an Farben boten und dass die Federn womöglich als Vorzeigeobjekt entwickelt wurden wie beim Pfau zum Beispiel und danach erst im evolutionären Prozess zum Fliegen genutzt wurden. Kegel räumt auch immer wieder mit überholten Bildern auf:

„Es dauerte Jahre, bis sich das von Ostrom vertretene Bild der Dinosaurier als aktive Tiere mit hohem Stoffwechselniveau durchzusetzen begann. Der alte Kängurutyp der aufgerichteten, auf Hinterbeine und Schwanz gestützten Echse, der die Präsentation in den Museen und die Bilderwelt beherrschte, hatte ausgedient. Skelette wurden abgebaut und in neuer Positur wieder aufgestellt. Wie bei einer Wippe waren Oberkörper und Kopf nun nach vorne gekippt und hatten den Schwanz in die Höhe gehoben, bis beide sich ungefähr auf gleicher Höhe befanden und die Waage hielten.“

Ein wirklich großartiges Buch, das in keinem Haushalt fehlen sollte. Besonders ans Herz legen möchte ich euch die wunderbar schöne Büchergilden-Ausgabe – ein echtes Schmuckstück.

Aufmerksam wurde ich auf Bernhard Kegels Buch bei Marion von schiefgelesen, dort findet ihr eine weitere Rezension dazu.

Kegel machte mich in seinem Buch auf Tracy Chevaliers Roman „Remarkable Creatures“ über die Fossiliensammlerin Mary Anning aufmerksam und ich verbrachte bei der Lektüre viele Stunden am Strand von Lyme Regis in Dorset.

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Mary Anning wurde 1799 in eine arme Familie hineingeboren. Ihr Vater Richard war Schreiner, er brachte seiner Tochter alles über Fossilien bei. Als Kind ging Mary mit ihrem Vater regelmäßig an den Strand, um nach Fossilien zu suchen. Sie brachten diese zurück nach Hause, reinigten und polierten sie und boten sie Touristen zum Verkauf an, als sogenannte „Curios“.

Als ihr Vater 1810 stirbt, ist die Familie völlig verarmt. Sie müssen ihre Möbel verbrennen, um nicht zu erfrieren und sind ständig davon bedroht, ins Armenhaus zu kommen. Zu dieser Zeit war der Fossilienverkauf die einzige Einnahmequelle der Familie.

“That’s how fossil hunting is: It takes over, like a hunger, and nothing else matters but what you find. And even when you find it, you still start looking again the next minute, because there might be something even better waiting.” 

1811 findet Marys älterer Bruder Joseph den 1,20 m langen Schädel eines riesigen Tieres, was sich später als Ichthyosaurus herausstellte. Ungefähr ein Jahr später fand Mary den Rest des Skeletts und wurde eine landesweite Sensation. Die Engländer zur Zeit Königin Viktorias waren überwiegend Kreationisten, sie glaubten, dass die Welt um sie herum exakt so ist seit sie erschaffen wurde, wie in der Genesis beschrieben. Die aufkommenden Behauptungen, all diese Fossilien seien Millionen Jahre alt und stammten von Kreaturen, die ausgestorben sind, sorgten für mächtige Unruhen, da sie die perfekte göttliche Vorsehung und Erschaffung in Frage stellten.

“For myself, it took only the early discovery of a golden ammonite, glittering on the beach between Lyme and Charmouth, for me to succumb to the seductive thrill of finding unexpected treasure.” 

Diese Kontroverse und natürlich ihre Funde machte Mary Anning sehr berühmt. Sie machte im Laufe ihres Lebens noch jede Menge weiterer großer Entdeckungen, zum Beispiel den ersten kompletten Plesiosaurus im Jahre 1824, gefolgt von ersten und nach wie vor sehr seltenen Dimorphodon im Jahr 1828. Der Dimorphodon war der erste Pterosarus, der außerhalb Deutschlands entdeckt wurde. Ihrem Geschlecht und ihre sozialen Stellung geschuldet wurde sie nie in eine der großen wissenschaftlichen Institute ihrer Zeit aufgenommen und viele Leute, die Fossilien von ihr kauften, beanspruchten Marys Erfolge für sich.

Heute, über 200 Jahre nach ihrer Geburt, beginnt Mary Anning langsam die Anerkennung zu bekommen, die sie verdient. In Lyme Regis wurde auf dem Grundstück ihres Geburtshauses ein ihr gewidmetes Museum eröffnet.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und möchte zu gerne einmal an den Strand in Lyme Regis und selbst nach Fossilien suchen.

Das letzte Buch für die Hirngymnastik ist ein Buch aus meiner Kindheit. Ich habe es bekommen als ich 6 oder 7 war und habe es heiß und innig geliebt. Das Buch machte mich zum Hardcore Dino Fan.

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Auch wenn dieses 1980 publizierte Buch wissenschaftlich nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, blättere ich noch heute gerne darin. Die Illustrationen sind teilweise ganz schön brutal und blutig und eine Weile wurde das Buch von meiner Oma konfisziert, da ich T-Rex Alpträume hatte

 

Natürlich macht Jurassic Park großen Spaß und ich habe den Film auch extra für die Hirngymnastik wieder geschaut. Aber besonders ans Herz legen möchte ich euch die BBC Serie „Walking with Dinosaurs“ und den zauberhaften tschechischen Film  „Reise in die Urwelt“ von 1955 – mein absoluter Lieblingsfilm als Kind:

OK – Butter bei die Fische –  wer ist noch Dino-Fan und was ist euer Lieblingsdinosaurier?