#WomeninScience (11) Lisa Randall

Meine Hoffnung, Lisa Randall würde es mir mit „Knocking on Heavens Door“ in irgendeiner Weise einfach machen, flog schon nach den ersten paar Kapiteln fröhlich aus dem Fenster. Die Harvard-Dozentin ist mittlerweile ein ziemlicher Star unter den theoretischen Physikern, insbesondere für ihre Forschung im Bereich Hochenergie Physik. Sie hat einen unglaublichen Enthusiasmus für ihr Feld und man möchte ihr einfach folgen und sich mit ihr an Themen wie dem Large Hadron Collider, der Suche nach dem Higgs Boson, bis hin zur  Theorie um das Geheimnis fehlender Antimaterie abzuarbeiten. Ihre Begeisterung kombiniert mit einem sehr angenehmen Schreibstil helfen enorm, wenn man sich auf das schwierige Terrain der Teilchenphysik begeben will.

“Despite my resistance to hyperbole, the LHC belongs to a world that can only be described with superlatives. It is not merely large: the LHC is the biggest machine ever built. It is not merely cold: the 1.9 kelvin (1.9 degrees Celsius above absolute zero) temperature necessary for the LHC’s supercomputing magnets to operate is the coldest extended region that we know of in the universe—even colder than outer space. The magnetic field is not merely big: the superconducting dipole magnets generating a magnetic field more than 100,000 times stronger than the Earth’s are the strongest magnets in industrial production ever made.“

And the extremes don’t end there. The vacuum inside the proton-containing tubes, a 10 trillionth of an atmosphere, is the most complete vacuum over the largest region ever produced. The energy of the collisions are the highest ever generated on Earth, allowing us to study the interactions that occurred in the early universe the furthest back in time.”

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Mir gefiel das Kapitel, in dem sich sich ausgiebig mit der Skalierung beschäftigt – vom Universum zu den kleineren Atomen, zu den noch kleineren Protonen bis hin zu den Quarks. Ich fand es spannend, ich habe mich tapfer durchgekämpft, aber ehrlich gesagt hat Ms Randall mein Hirn mit einem derart hohen Datenstrom beschossen, dass die Teilchenphysik teilweise doch zur Antimaterie wurde und mein Hirn irgendwann einem schwarzen Loch glich.

Ich habe eine Menge gelernt, dass Neutrinos sich nicht den physikalischen Gesetzen unterwerfen und sich zumindest für kurze Zeit schneller als das Licht bewegen können, dass auf künftige Zeitreisen hoffende noch immer keinen Grund zum Jubeln haben und auch das Wissenschaftler jede Theorie – und sei es die eigene – immer wieder versuchen zu widerlegen, alles zu hinterfragen, bis eine Theorie nicht länger nur Theorie ist.

Hier noch ein interessanter Vortrag von Lisa Randall zu „Dark Matter“:

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Be like Water

ego and lee

Eigentlich verrückt, die Biografie eines Schauspielers und Kung Fu Meisters zu lesen, von dem man nicht einmal einen Film geschaut hat. Auf Lees Biografie bin ich durch mein Fangirling auf Maria Popovas Seite „Brainpicking“ gestoßen, die vor einigen Jahren schon über das Buch geschrieben und mich sehr neugierig gemacht hat. Hier könnt ihr den entsprechenden Beitrag von ihr dazu lesen.

Bruce Lee ist ein Name, den viele kennen und man hat ihn als Schauspieler in mittelprächtigen Kung Fu Filmen der 1970er Jahre abgespeichert. Ich war recht überrascht zu lesen, dass er sich intensivst mit fernöstlicher und westlicher Philosophie beschäftigt hat und sein „Be like water“ Zitat dürfte weltberühmt sein. Bruce Lee war ein sehr intensiver Mensch, mit unglaublich Präsenz sowohl persönlich als auch auf dem Bildschirm. Besonders symphatisch war mir seine unglaubliche Leidenschaft für das Lesen und das Lernen.

Er füllte eine Menge an Notizbüchern, in denen er sich viel mit Philosophie, den Büchern die er gelesen hatte und seiner Kampfsportart Kung Fu beschäftigte. In der Philosophie faszinierte ihn die Verbindung zwischen westlicher und fernöstlicher Lehre, die er für sich in eine ganz eigene persönliche Philosophie der Selbsterkenntnis verwandelte. Das Buch „Bruce Lee: Artist of Life“ gibt Einblicke in seine persönliche Weiterentwicklung und ist eine spannende Mischung aus Philosophie, Psychologie, Poesie, Kung Fu und Schauspielkunst.

“The ideal is unnatural naturalness, or natural unnaturalness. I mean it is a combination of both.
I mean here is natural instinct and here is control. You are to combine the two in harmony.
Not if you have one to the extreme, you’ll be very unscientific.
If you have another to the extreme, you become, all of a sudden, a mechanical man
No longer a human being.
It is a successful combination of both.
That way it is a process of continuing growth.
Be water, my friend.

In dem Band sind auch eine Auswahl von Lees Briefen an Freunde und Bekannte enthalten, in denen er äußerst eloquent seine Gedankengänge nachvollziehbar macht und stets wohlmeinende Empfehlungen und Tipps zur persönlichen Entwicklung weitergibt.

lee

Im Buch sind auch zahlreiche Variationen eines Textes, in dem er über Kung Fu schreibt, diese waren mir irgendwann etwas zu repetitiv, das ist aber mein einziger Kritikpunkt an diesem Band, der einen Einblick in seine spannende Persönlichkeit bietet.

Sein tragischer Tod mit nur 33 Jahren konnte nie komplett aufgeklärt werden. Studiobosse sollen ihn aus ästhetischen Gründen gebeten haben, sich die Unterarm Schweißdrüsen entfernen zu lassen. Es gibt Mutmaßungen, dass ein sehr anstrengendes Training ggf. zu Überhitzung und Kopfschmerzen führte, gegen die ihm eine Schauspiel-Kollegin das Schmerzmittel Equagesic gab. Er legte sich hin, kam nicht zum Dinner zurück und konnte auch nicht wieder aufgeweckt werden. Bei Ankunft im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Hier noch ein interessantes Interview mit Bruce Lee:

Direkt im Anschluß las ich „Ego is the Enemy“ von Ryan Holiday. Schon der Titel hätte Bruce Lee wahrscheinlich gefallen und dessen Interesse an Taoismus und Stoizismus hätte bestens zu Ryan Holiday gepasst, einem Autor, der sich als selbsternannter moderner Stoiker ausgiebig mit dieser Philosophieschule beschäfigt.

ego

Ryan Holiday beschäftigt sich mit dem Ego, unserem größten Feind. Es kann uns davon abhalten, Notwendiges zu lernen, weil wir uns überschätzen und uns damit selbst im Weg stehen, unsere Talente zu entwickeln. Ist man erfolgreich ist, besteht stets die Gefahr, die eigenen Fehler zu übersehen, läuft gerade vieles schief, kann das eigene Ego extrem hinderlich daran sein, es erneut zu versuchen.

Amor Fati – die Liebe zum (eigenen) Schicksal ist ein wichtiges Konzept für Holiday. Gerade die schwierigen Episoden in unserem Leben machen uns zu den Menschen, die wir sind. Häufig muss man erst einmal ganz tief fallen, bevor man in der Lage ist, über sich hinaus zu wachsen.

“Impressing people is utterly different from being truly impressive.”

„Ego is the Enemy“ erinnert uns daran, dass wir alle stinknormal sind. Keiner schuldet uns etwas, wir sind nicht weniger, aber auch nicht mehr als Sternenstaub. Wir sind Teil des Universums, von etwas, das soviel größer ist als wir selbst. Wer am Meer sitzt, in der Natur wandert oder die Sterne beobachtet, bekommt einen Eindruck davon wie klein und unwichtig wir eigentlich sind. Aber auch von der unglaublichen Schönheit um uns herum.

“Your potential, the absolute best you’re capable of—that’s the metric to measure yourself against. Your standards are. Winning is not enough. People can get lucky and win. People can be assholes and win. Anyone can win. But not everyone is the best possible version of themselves.”

Ein Buch das daran erinnert, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, uns um unsere Mitmenschen und die Natur zu kümmern, denn das Ego ist gar nix und Liebe ist Alles 😉

“When we remove ego, we’re left with what is real. What replaces ego is humility, yes—but rock-hard humility and confidence. Whereas ego is artificial, this type of confidence can hold weight. Ego is stolen. Confidence is earned. Ego is self-anointed, its swagger is artifice. One is girding yourself, the other gaslighting. It’s the difference between potent and poisonous.” 

 

 

#WomeninScience (10) Elisabeth Oberzaucher

War es schon nicht immer einfach Mitstreiter*innen für meine Reihe #WomeninSciFi zu finden, gegen #WomeninScience war es ein Zuckerschlecken. Die Idee bekommt viel Zuspruch, aber nur wenige haben etwas von oder über Wissenschaftlerinnen gelesen oder planen es und es hagelt Körbe 😉 vielleicht aber auch ein Zeichen, wie nötig so eine Reihe ist um die Frauen in den Natur- und Geisteswissenschaften mal ordentlich unter den Scheinwerfer zu halten.

Um so mehr freue ich mich über Petras Beitrag heute vom wunderbaren Blog „Elementares Lesen„, sie ist schon eine Veteranin und ich hoffe innigst es wird nicht ihr letzter Beitrag für #WomeninScience sein. Jetzt aber Bühne frei für Elisabeth Oberzaucher und ein kleiner Appell noch – wer Lust hat bei der Reihe dabei zu sein meldet euch bitte gerne (zahlreich :)) – ich freue mich sehr auf eure Beiträge.

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Die Verhaltensbiologin Dr. Elisabeth Oberzaucher lehrt und forscht an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt und Kriterien für die Partnerwahl. 2015 erhielt sie zusammen mit Karl Grammer den Ig-Nobelpreis für Mathematik – eine satirische Auszeichnung für ihre Studie zur Fortpflanzungsfähigkeit des marokkanischen Königs Moulay Ismael. Der hatte im 17. Jahrhundert angeblich 888 Kinder gezeugt. Vielleicht kennt Ihr die österreichische Forscherin auch als Mitglied des preisgekrönten Wissenschaftkabaretts Science Busters. Ein weiteres Thema, mit dem sich Elisabeth Oberzaucher als Wissenschaftliche Leiterin des Forschungsinstituts „Urban Human“ beschäftigt, ist das Thema Stadtentwicklung. Davon handelt auch ihr Buch Homo urbanus.

Elisabeth Oberzaucher © Sabine Oberzaucher

Foto: Sabine Oberzaucher

Elisabeth Oberzaucher untersucht das Leben von Menschen in der Stadt aus evolutionsbiologischer Perspektive. Unsere Vorfahren streiften durch die Savannen Ostafrikas, offenen Graslandschaften, die einen guten Überblick und Schutz vor Feinden boten. Dieses Erbe bewirkt eine Vorliebe für bestimmte Landschaftstypen und geschützte Bereiche. Sind wir modernen Menschen überhaupt für die Stadt geschaffen, mit Menschenmassen, räumlicher Enge und Lärm? Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Der Kampf ums Überleben in der Savanne zwang unsere Vorfahren zur Zusammenarbeit, zum Leben in immer größeren Gemeinschaften. Diese soziale Komplexität steigerte ihre Intelligenz und führte zur Entwicklung der Sprache, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen und Beziehungen zu pflegen. Optimal war eine Gruppengröße bis zu 150 Personen. Mehr war kaum zu bewältigen – und das gilt auch für den modernen Menschen. In der Großstadt begegnen wir Tausenden Individuen. Mit den vielen Eindrücken, die auf uns niederprasseln, kommen wir nur zurecht, indem wir vieles einfach ausblenden, unseren Tunnelblick einsetzen und zum Beispiel Blickkontakt vermeiden – so wird die soziale Komplexität reduziert.

Oberzaucher Homo Urbanus

Im Laufe der Evolution haben wir gelernt, unser Verhalten an das Territorium anzupassen, in dem wir uns gerade aufhalten, und die jeweiligen Regeln zu respektieren. Der Wunsch, das eigene Territorium, zum Beispiel durch persönliche Gegenstände, zu markieren, schlummert noch immer in uns, ob im Café oder am Arbeitsplatz. Wichtig im Kontakt mit der Umwelt sind das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu den Mitmenschen, geeignete Rückzugsorte und – besonders wichtig – eine funktionierende Nachbarschaft. Dies muss auch bei der Planung von Neubauten berücksichtigt werden.

Vor allem lebendige Elemente wie Pflanzen und fließendes Wasser können die Lebensqualität in den Städten verbessern. Sie dämpfen den Lärm, filtern die Luft, reduzieren den Stress und tun uns einfach gut. Naturbereiche dürfen daher in Städten nicht fehlen. Die Autorin erklärt plausibel, woher unsere Neigung zu Grünem und Wasser stammt und wie man ihr in der Stadt Rechnung tragen kann.

Unser evolutionäres Erbe als Bewohner der Savanne ist auch heute noch spürbar, wie Elisabeth Oberzaucher mit faszinierenden Beispielen belegt. In ihrem lesenswerten Sachbuch zeigt die Wissenschaftlerin, wie unsere Städte menschengerecht gestaltet werden können, auch für die Zukunft, denn die Zahl der Stadtbewohner wächst. Homo urbanus ist ein dichter, konzentrierter Text, eignet sich also nicht zum nebenbei Lesen. Wesentliche Aussagen werden jedoch in verschiedenen Kontexten wiederholt. Die Lektüre lohnt sich, denn sie bietet spannende Einblicke in die Wurzeln unseres Verhaltens und die Überlebensstrategien des Homo sapiens in der Stadt!

#Women in Science (8) Mary Beard

„The aim of Classics is not only to discover or uncover the ancient world. Its aim is also to define and debate our relationship to that world“

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Ich mag die „Very Short Introduction“-Serie sehr gerne, diese Ausgabe habe ich mir explizit wegen der Co-Autorin Mary Beard geholt, eine der führenden Historikerinnen, die einen wunderbar trockenen Humor besitzt. In dieser Ausgabe war jetzt nicht unbedingt viel Platz für ihren Humor, aber mir hat die Herangehensweise hier sehr gefallen. Die Beschreibung eines griechischen Tempels, den sie aus ganz unterschiedlichen Richtungen beleuchtet um nicht nur dessen Geschichte herauszuarbeiten, sondern die Entwicklung der Altertumswissenschaften selbst mit Ausflügen in die Mythologie, antike Religionen, Reisen in der Antike, Erdkunde, Philosophie und die Literatur.

Mary Beard ist Professorin of Classics an der Universität Cambrige, Fellow am Newnham College und der Royal Academy of Arts und Professorin für antike Literatur. Sie ist Redakteurin für die Classics beim Times Literary Supplement und betreibt nebenher noch recht regelmäßig einen Blog namens „A Don’s Life“. Durch ihre regelmäßigen Auftritte in den Medien und ihre gelegentlich etwas kontroversen Aussagen ist sie mittlerweile die wohl bekannteste britische Altertumswissenschaftlerin.

Ihr ist wichtig, dass antike Quellen als Dokumente der Meinungen und Überzegungen ihrer jeweiligen Autoren zu werten sind und nicht als zuverlässige Quellen für die Ereignisse die sie beschreiben. Ein Gedanke, dem ich mich tatsächlich gut anschließen kann.

Diese „Very Short Introduction“ ist eine eloquente und fesselnde Reise in die Welt der Antike. Aber anstatt zum x-ten Mal den Peleponnesischen Krieg zwischen den Griechen und den Persern hoch- und runterzubeten, oder Athen als Geburtsstätte der Demokratie oder ähnliche Meilensteine der Antike zu beleuchten, fokussiert sie sich auf ein ganz bestimmtes Objekt. Auf die Ruinen eines antiken griechischen Tempels: den Tempel des Apollo in Bassae in Arkadia.

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Der Tempel agiert als Landkarte die Beard und Henderson die Möglichkeit gibt die Altertumsforschung aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die Leser werden zu Touristen und Beard und Henderson sind die informativen Tour Guides.

“When we look, for example, at the Parthenon for the first time, we look at it already knowing that generations of architects chose precisely that style of building for the museums, town-halls, and banks of most of our major cities.” 

Die Fragen, die die Altertumsforschung stellt zielen nicht einfach nur darauf ab, Licht in das Dunkel der Antike zu bringen, es geht auch darum unsere Beziehung zu dieser antiken Welt zu definieren.

So ein kurzes Büchlein kann natürlich nicht alles abdecken und das versucht es auch gar nicht unbedingt. Es ist sehr gut geschrieben und macht Lust sich wieder einmal intensiver mit griechischer und römischer Geschichte auseinander zu setzen. Die Altertumsforschung ist ein Fachgebiet, dass so tief wie die Menschheitsgeschichte ist und was Altertumsforschung tatsächlich bedeutet muss stets und ständig neu austariert und erkundet werden.

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Foto: Wikipedia

Et in Arcadia Ego“ – Auch ich war in Arkadien. Noch nicht, aber nach der Lektüre dieses Buches möchte ich wahnsinnig gerne einmal die Ruinen in Griechenland ansehen, idealerweise mit der Hörbuch-Ausgabe. Dann steige ich mit Mary Beard in eine Zeitmaschine und sehe mir den Tempel an so wie er ursprünglich einmal war mit bunt bemalten Säulen und voller Leben.

Auf deutsch erschien das Büchlein unter dem Titel „Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft“ im J. B. Metzler Verlag.

Hat einer von Euch den Tempel bzw seine Ruinen schon einmal besichtigt? Oder die Fresken im Britischen Museum in London?

Untenrum frei – Margarete Stokowski

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Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir mehr wünsche, ich hätte dieses Buch schon mit Anfang 20 gelesen oder lieber selbst geschrieben. Ich denke, man muss sich nur mal die Kommentare unter Stokowskis Spiegel Kolumne anschauen um zu begreifen, wie wichtig und immer noch notwendig ihr Buch ist.

Sie schreibt darüber, wie Mädchen von klein auf lernen, dass ihre Körper per se nicht in Ordnung sind, dass man an ständig herumoptimieren und verbessern muss.

Ihr geht es nicht darum, Haarentfernung oder Schminke zu verdammen, sondern viel mehr ganz unaufgeregt den schmalen Grat zwischen dem eigenen Schönheitsempfinden und der internalisierten sozialen Erwartungshaltung an einen Frauenkörper zu untersuchen.

„Alles ist schöner, wenn es freiwillig ist und bewusst selber gewählt, und dazu muss man die Alternativen zumindest kennen“

Kleine Mädchen, die in ihrem Leben nie etwas anderes als eine permanent Diät haltende Mutter erlebt haben, werden ganz selbstverständlich selbst ihr Leben lang hungern und tief davon überzeugt sein, dass das nichts mit gesellschaftlichem Druck, sondern nur mit dem eigenen Schönheitsempfinden zu tun hat.

Untenrum frei bezieht sich auf ihre zentrale These: „Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.“ Es geht ihr nicht nur um strukturelle Machtfragen, sondern auch über die „kleinen schmutzigen Dinge“ untenrum, über die man auch nicht spricht.

„Wir haben die Fesseln des Patriarchats nicht gesprengt, sondern sind mit ihnen shoppen gegangen.“

Margarete Stokowski beleuchtet diese Zusammenhänge durch persönliche Rückblicke und gesellschaftspolitische Beobachtungen. Sie klingt so, wie man sie aus ihren Spiegelkolumnen kennt: lässig, ohne flapsig zu wirken, sie schreibt klar mit viel Tiefe und großem Respekt vor Menschen und Gefühlen.

Stokowski liefert Argumente für die Freiheit von Geschlechterklischees, Stereotypen und Mythen. Es ist ein sehr persönliches Buch über Feminismus, Esstörungen, Sexualität, Machtstrukturen und Katholizismus.

Stokowski hat ein kluges Buch geschrieben, dem man bei aller Lässigkeit deutlich die philosophische Ausbildung der Autorin anmerkt und das für mich am Stärksten ist durch die Fusion von autobiographischem Erleben und theoretischem Erlesen.

Hier noch ein Link zu ihrem Servicetext: „Wie können Männer Feministen sein“ und das spannende Gespräch zwischen Margarete Stokowski und der Herausgeberin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler, zum Thema: „Perspektiven des heutigen Feminismus“:

„Untenrum frei“ erschien im Rowohlt Verlag.

#Women in Science (7) Brené Brown

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Brené Brown ist Professorin an der Universität Houston, wo sie den Lehrstuhl für Social Work inne hat. Ich bin nicht sicher, ob es ein entsprechendes Equivalent in Deutschland gibt. Sie widmet sich seit zwei Jahrzehnten in ihren Studien den Themen Scham, Empathie, Mut und Verletzlichkeit. Ihr TED Talk „The Power of Vulnerability“ ist einer der fünf meistgeschauten TED Talks (35 Millionen views), auch ich habe Ms Brown durch diesen Talk kennengelernt.

Auch in ihrem neuesten Buch beschäftigt sich Brown wieder mit ihrem Hauptthema, der Verletzlichkeit. Der volle Titel ist Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone.

Ich habe Brené Browns Buch „Braving the Wilderness“ schon vor einer Weile als Hörbuch gehört und mir ist es selten so schwer gefallen in Worte zu fassen, worum es eigentlich genau geht und was mir daran jetzt eigentlich gefallen hat.

Brown beschäftigt sich mit dem Zugehörigkeitsgefühl, was es genau für den Einzelnen bedeutet, dazuzugehören und warum unsere Verbindungen zu anderen so angespannt und schwierig sein können, wenn wir insgesamt als Gesellschaften immer polarisierter und antagonistischer werden. In dem Buch geht es zum Einen darum, sich selbst treu zu bleiben mit den entsprechenden Konsequenzen, und zum anderen versucht es, einem dabei zu helfen, sich genau das zu trauen.

Today we are edging closer and closer to a world where political and ideological discourse has become an exercise in dehumanization. And social media are the primary platforms for our dehumanizing behavior. On Twitter and Facebook we can rapidly push the people with whom we disagree into the dangerous territory of moral exclusion, with little to no accountability, and often in complete anonymity.“

In der Regel haben wir diese zwei Möglichkeiten: das zu machen, was man von uns erwartet, was man machen muss um dazuzugehören, selbst wenn das unter Umständen nicht unseren Werten, unserer Persönlichkeit und unserer Weltanschauung entspricht. Oder uns in die „Wilderness“ zu begeben. Also sich dafür zu entscheiden, seinen Werten zu folgen.

Was ich im Buch etwas vermisste waren die Details. Brown erwähnt ihre Forschung recht häufig, die Interviews, die sie mit unterschiedlichen Leuten führte und ihre daraus resultierenden Ergebnisse. Sie erwähnt häufiger, dass sie bestimmte Konzepte zu Rate gezogen hat, benennt diese aber nicht spezifisch. Sie erwähnt nicht, wen sie genau interviewt hat, wie die demografische Repräsentation ausgesehen hat. Mir fehlte eine nachvollziehbare Erklärung ihrer Methodologie, ich hatte immer das Gefühl, einfach glauben zu müssen, was sie schreibt und vieles hörte sich ja auch vernünftig an, ich hätte einfach nur mehr Fakten sehen wollen.

Außer ein paar Interviews mit bekannten Leuten, wie zum Beispiel Viola Davis, blieb völlig unklar, mit wem sie gesprochen hat, was genau sie gefragt hat etc. Also ich muss nicht seitenweise Studien voller Prozentzahlen, Tabellen und Fußnoten haben, aber ein bisschen mehr hätte schon drin sein dürfen.

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Und klar, man könnte denken, ist halt Pech, wenn man das Hörbuch nimmt statt des Buches, ich habe aber reingeschaut und auch in der gedruckten Version findet sich da nichts.

Das alles klingt jetzt nach totalem Verriss – das soll es aber gar nicht sein. Mich hat so einiges durchaus angesprochen und ich fand vieles sehr nachvollziehbar. Insbesondere die Kapitel, in denen sie darüber schreibt, wie schwierig, anstrengend und teilweise auch beängstigend es sein kann, sich seinen eigenen Pfad durchs Leben zu schlagen. Wie die Entscheidung, für sich und seine Werte einzustehen, immer wieder gleichzeitig so bereichernd aber eben auch schwierig ist.

„Stop walking through the world looking for confirmation that you don’t belong. You will always find it because you’ve made that your mission. Stop scouring people’s faces for evidence that you’re not enough. You will always find it because you’ve made that your goal. True belonging and self-worth are not goods; we don’t negotiate their value with the world. The truth about who we are lives in our hearts. Our call to courage is to protect our wild heart against constant evaluation, especially our own. No one belongs here more than you.“

Was das Buch auch richtig gut aufzeigt ist, wie schnell wir dabei sind (insbesondere natürlich on social media) Leute in Boxen zu packen. Schwarz/Weiß, Gut/Schlecht, die, die drin sind und die, die draußen sind etc. – ohne anzuerkennen, wie differenziert und nuanciert die meisten von uns doch sind. Brown erinnert daran, wie kollektive Momente der Freude oder auch der Trauer (Konzerte, Fußballspiele, 9/11, Beerdigungen etc.) uns zusammenbringen, wenn auch nur für kurze Zeit, über die unterschiedlichsten ansonsten bestehenden Barrieren hinweg.

Es geht ihr nicht darum, dass wir uns jetzt einfach alle lieb haben sollen und an den Händen halten, es geht ihr viel mehr darum, öfter mal inne zuhalten und geduldiger zu sein, wirklich verstehen zu wollen, nachzufragen. Anzuerkennen, dass wir Fehler machen und gemacht haben, dass fast alle von uns privilegiert sind und ja, das kann unbequem sein und das muss man einfach mal aushalten.

„…shouldn’t the rallying cry just be All Lives Matter? No. Because the humanity wasn’t stripped from all the lives the way it was stripped from the lives of black citizens. In order for slavery to work, in order for us to buy, sell, beat, and trade people like animals, Americans had to completely dehumanize slaves. And whether we directly participated in that or were simply a member of a culture that at one time normalized that behavior, it shaped us.“

Ein interessantes Buch mit kleinen Schwächen, das aber auf jeden Fall eine Menge Stoff zum Nachdenken bietet – ich könnte mir vorstellen, dass man das gut in einem Bookclub lesen und sich dann die Köpfe heiß diskutieren kann.

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Entdecke deine innere Stärke: Wahre Heimat in dir selbst und Verbundenheit mit anderen finden“ im Kallash Verlag erschienen.

#Women in Science (5) Sabine Hossenfelder

Es wird feierlich bei den #WomeninScience, denn der heutige Beitrag kommt von der Gewinnerin des Buchblog-Awards 2018, den sie völlig zu Recht für ihren immens spannenden Blog „Elementares Lesen“ bekam. Petra führt uns zudem mit der heutigen Physikerin endlich auch einmal in die Gegenwart und wir werfen mit der Autorin einen kritischen Blick auf die heutige Physik. Ich habe das Buch bereits hier liegen und bin schon sehr gespannt darauf:

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Sabine Hossenfelder ist theoretische Physikerin. Sie studierte Mathematik und Physik an der Goethe-Universität Frankfurt und wurde dort 2003 mit Auszeichnung über „Schwarze Löcher in Extra-Dimensionen“ promoviert. Nach Forschungsaufenthalten in den USA, am Perimeter Institute im kanadischen Waterloo und am NORDITA-Institut für Theoretische Physik in Stockholm arbeitet die 42-Jährige heute am Frankfurt Institute for Advanced Studies über Quantengravitation und Physik jenseits des Standardmodells der Elementarteilchen. Sie veröffentlicht Artikel in diversen Wissenschaftsmagazinen und betreibt das Blog Backreaction.

In ihrem Buch Das hässliche Universum, das 2018 zunächst in englischer Sprache unter dem Titel „Lost in Maths“ erschien, kritisiert Sabine Hossenfelder die Irrwege der gegenwärtigen Physik. Seit Jahrzehnten gibt es in der Grundlagenforschung keine nennenswerten Fortschritte, denn die Wissenschaftler lassen sich von falschen Idealen leiten. Eine Theorie muss schön, natürlich und einfach sein, um Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinde zu finden. Der Weg zu neuen Erkenntnissen wird dadurch versperrt. Die Physik ist in der Sprache der Mathematik formuliert, und so ist der Originaltitel des Buches „Lost in Maths“ zu verstehen als eine Verlorenheit in der Mathematik, in möglichst eleganten Formeln. In der Geschichte der Wissenschaften war die Orientierung an ästhetischen Prinzipien oft hilfreich. In der modernen Physik hat sie keinen Platz mehr und führt zum Scheitern einer ganzen Generation, stellt die Autorin fest. Was hat das subjektive Schönheitsempfinden mit objektiver Wissenschaft zu tun? Wo bleiben die Ergebnisse zum Beweis all der schönen Theorien?

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Foto: © S. Hossenfelder; CC BY-SA 4.0

Hossenfelder besuchte Teilchenphysiker, Stringtheoretiker und Kosmologen, die sie mit dieser verfahrenen Situation konfrontierte. Sie sprach unter anderem mit Gian Giudice vom Schweizer Kernforschungszentrum CERN, der die emotionale Kraft schöner Theorien betont, und Frank Wilczek, Nobelpreisträger von 2004, der von der Schönheit des Universums überzeugt ist; mit Steven Weinberg, Nobelpreisträger von 1979, der versucht, sie von der Existenz des Multiversums zu überzeugen; mit Astrophysikerin Katherine Mack, die von der bisher erfolglosen Suche nach Axionen erzählt – jenen unsichtbaren Teilchen, aus denen Dunkle Materie vermeintlich besteht, und mit dem Stringtheoretiker Joseph Polchinski, dem die hässliche Wahrheit, die sich aus seinen Berechnungen über Schwarze Löcher ergab, Kopfzerbrechen bereitet. Diese Gespräche vermitteln einen Überblick über den aktuellen Stand der Grundlagenphysik. Sie zeigen aber auch die Ratlosigkeit mancher Wissenschaftler über den mangelnden Erfolg ihrer teuren Experimente.

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Am heutigen Zustand kritisiert Sabine Hossenfelder, dass alle der Meute folgen und sich auf die angesagten Forschungsrichtungen konzentrieren. Physiker, die gegen den Strom schwimmen, erhalten keine Gelder für ihre Projekte und werden angefeindet. Hossenfelder verschweigt auch nicht ihre eigene, oft prekäre berufliche Situation von einem befristeten Job zum nächsten. Trotz ihrer Kritik am Wissenschaftsbetrieb hat sie die Hoffnung auf Veränderungen nicht aufgegeben und macht Vorschläge für eine ausgewogene, von objektiven Kriterien geleitete Forschung.

Das hässliche Universum, 2018 im Verlag S. Fischer erschienen, ist eine faszinierende Reise in die moderne Physik und ihre Grenzen. Mir hat die trockene, selbstironische Art der Autorin sehr gut gefallen und über manche Hürden beim physikalischen Verständnis hinweg geholfen. Wer mehr erfahren möchte, sollte auch Sabine Hossenfelders Blog Backreaction lesen, in dem die streitbare Physikerin sich mit aktuellen Entwicklungen der Forschung auseinandersetzt – eine Plattform für lebhafte Debatten