Enlightenment Now – Steven Pinker

Pinker

Optimismus und positives Denken sind einfach nicht cool, wer etwas auf sich hält, sieht die Welt als einen Ort voller ungelöster und unlösbarer Probleme und Risiken, wer die Welt positiver sieht, den hält man gerne schon mal für einen für einen naiven Deppen ohne jede Fähigkeit zum kritischen Denken.

Schon John Stuart Mill, ein eher optimistischer Philosoph, beobachtete das und schrieb dazu im Jahr 1828:

“I have observed that not the man who hopes when others despair, but the man who despairs when others hope, is admired by a large class of persons as a sage.”

Auch in Voltaires „Candide“ bekommt der Optimismus die Fresse voll, auch wenn es sich nach Pinkers Meinung gar nicht wirklich um Optimismus handelt in diesem Fall, denn wer glaubt, die Welt ist schon so gut wie sie nur sein kann, der denkt eher fatalistisch, dann akzeptiert man einfach was ist, ein echter Optimist würde eher sagen: „auch wenn die Welt nie perfekt sein wird, vieles kann verbessert werden wenn wir daran arbeiten.“ In diesem Sinne bin ich ein echter Optimist und habe mich sehr gefreut, in Herrn Pinker einen Verwandten im Geiste getroffen zu haben.

In “Enlightenment Now” argumentiert Pinker unterstützt durch Unmengen an Daten, dass unser Leben deutlich besser geworden ist und nicht deutlich schlechter, auch wenn viele das Gefühl haben. Die Menschen sind global gesehen gesünder, sicherer, weniger gewalttätig, besser gebildet, toleranter geworden, leben länger und haben in der Regel erfülltere Leben.

Es ist zwar krass, dass es überhaupt nötig, ist Prinzipien wie Vernunft, Humanismus, Wissenschaft und Fortschritt zu verteidigen, aber wo wären wir als Menschheit ohne diese Prinzipien. Wie weit wir bereits gekommen sind, zeigt Pinker in seinem Buch, in dem er diese Entwicklung chronologisch erklärt und damit den „common sense“ des Öfteren heftigst zum Vibrieren bringt.

Schleche Nachrichten sind überall, machen einfach die besseren Schlagzeilen und sind in aller Munde, auch viele Intellektuelle üben sich mittlerweile derart in Schwarzmalerei und versuchen uns davon zu überzeugen, dass die Welt ein immer schrecklicherer, dunkler, gefährlicherer Ort wird, wenn in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall ist. Natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber ein deutlich besserer Ort, als uns viele glauben machen wollen und das führt dann zu so katastrophalen Setbacks wie Trump oder dem Erstarken der Rechten, der neuen Gesellschaftsfähigkeit von rechtskonservativen Ideen oder auch für ganz Durchgeknallte wie die Klimawandel-Abstreiter oder Flat-Earthler. Wenn kritisches Denken in Wahn umkippt …

„If you had to choose a moment in history to be born, and you did not know ahead of time who you would be – you didn’t know whether you were going to be born into a wealthy family or a poor family, what country you’d be born in, whether you were going to be a man or a woman – if you had to choose blindly what moment you’d want to be born, you’d choose now.“ (Barack Obama)

Der Fortschritt hat das Leben nicht nur in westlichen Ländern verbessert, sondern weltweit. Das durchschnittliche Lebensalter weltweit war bis ins 19. Jahrhundert etwa 30 und liegt heute weltweit bei 71. Die Säuglingssterblichkeit ist deutlich gesunken und viele Infektionskrankheiten komplett ausgerottet. Es gibt deutlich weniger Hunger in der Welt, selbst in den ärmsten Ländern ist Übergewicht mittlerweile häufiger an der Tagesordnung, als Untergewicht. Im Durchschnitt sind die Menschen gesünder, mehr Menschen können lesen und schreiben, der IQ ist weltweit gestiegen und sie haben mehr Einkommen zur Verfügung. Was nicht bedeutet, wir können die Hände in den Schoss legen, aber doch immerhin den positiven Trend  anerkennen.

„For an American woman, being pregnant a century ago was almost as dangerous as having breast cancer today.“

Es mangelt weiter an Chancengleichheit für alle und wir müssen aufpassen, dass die Einkommensunterschiede nicht zu hoch werden, denn die Tatsache allein, dass es faktisch allen besser geht als früher, wird nicht reichen, um aus krassen Ungleichheiten entstehende Probleme zu bekämpfen.

Natürlich gibt es auch richtig große Probleme, die wir dringend angehen müssen und die Pinker klar bennent. Wenn wir es nicht schaffen, in kürzester Zeit unseren CO2 Level zu reduzieren und die Erderwärmung in den Griff bekommen, werden wir vor katastrophalen Problemen stehen, die wir eventuell nicht mehr händeln können. Pinker will das lösen, in dem wir weltweit auf Atomstrom umsatteln, denn nur so sei eine realistische Senkung des CO2 Ausstosses zu ermöglichen – eine Idee, die mir natürlich nicht gefallen hat, seine Argumentation hat mich diesbezüglich aber zumindest zum Nachdenken gebracht.

“To the Enlightenment thinkers the escape from ignorance and superstition showed how mistaken our conventional wisdom could be, and how the methods of science—skepticism, fallibilism, open debate, and empirical testing—are a paradigm of how to achieve reliable knowledge.”

Das Buch zeigt deutlich, dass wir hinter die Schlagzeilen gucken und unsere eigenen Vorurteile und Voreingenommenheiten auf den Prüfstand stellen müssen. Die humanistischen Kräfte müssen wir verteidigen und verstehen, dass sie hinter dem kontinuierlichen Fortschritt stehen, den wir bislang erlebt haben. Sicherlich werden einige Herrn Pinker als zu optimistisch und hoffnungsfroh empfinden, aber vielleicht ist das ein bisschen wie in der Schule. Für die einen war eine schlechtere Note im Halbjahreszeugnis der notwendige Ansporn, jetzt richtig Gas zu geben, für andere die Entscheidung, in das Fach gar nicht mehr zu investieren. Wer zu viel „Doom und Gloom“ verbreitet läuft meines Erachtens Gefahr, dass die Leute ganz aufgeben und den Kopf in den Sand stecken, weil es ja eh keinen mehr Sinn hat bzw. sie in die Arme von Populisten getrieben werden, die einfache Lösung für hoch komplexe Probleme bieten.

“The idea of a universal human nature brings us to a third theme, humanism. The thinkers of the Age of Reason and the Enlightenment saw an urgent need for a secular foundation for morality, because they were haunted by a historical memory of centuries of religious carnage: the Crusades, the Inquisition, witch hunts, the European wars of religion. They laid that foundation in what we now call humanism, which privileges the well-being of individual men, women, and children over the glory of the tribe, race, nation, or religion. It is individuals, not groups, who are sentient—who feel pleasure and pain, fulfillment and anguish. Whether it is framed as the goal of providing the greatest happiness for the greatest number or as a categorical imperative to treat people as ends rather than means, it was the universal capacity of a person to suffer and flourish, they said, that called on our moral concern.” 

Egal ob man mit Pinkers Thesen einverstanden ist (und ich hatte auch so manches, woran ich heftig geknabbert habe) dieses Buch ist wichtig und gehört zu Recht zu Bill Gates Lieblingsbüchern,  ich würde es sehr gerne einigen Leuten in die Hand drücken. Wir haben nur eine Chance, die riesigen Probleme in der Welt zu lösen, wenn wir den Werten der Aufklärung, Vernunft, Wissenschaft und Humanismus treu bleiben und diese auch verteidigen.

“But it’s in the nature of progress that it erases its tracks, and its champions fixate on the remaining injustices and forget how far we have come.”

Auf deutsch erscheint das Buch unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im September 2018 im S. Fischer Verlag

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Hirngymnastik Wissenschaftsphilosophie

Hirngymnastik

Man nehme eine Portion Naturwissenschaft, füge etwas Philosophie hinzu, gut umrühren und fertig ist eine Hirngymnastik, die es mächtig in sich hat.

Von Wissenschaftsphilosophie wird man in der Regel direkt auf die Erkenntnistheorie verwiesen, die Wikipedia wie folgt erklärt:

„Die Erkenntnistheorie (auch Epistemologie oder Gnoseologie) ist ein Hauptgebiet der Philosophie, das die Fragen nach den Voraussetzungen für Erkenntnis, dem Zustandekommen von Wissen und anderer Formen von Überzeugungen umfasst. Dabei wird auch untersucht, was Gewissheit und Rechtfertigung ausmacht und welche Art von Zweifel an welcher Art von Überzeugungen objektiv bestehen kann.“

Eine wichtige Disziplin gerade heute, wo wir von alternativen Fakten und Fake News umgeben zu sein scheinen, die uns dabei, hilft abzuwägen, was zum jeweiligen Zeitpunkt als richtig gilt und was nicht. Überhaupt eine wichtige Sache zu lernen, seine eigenen Lieblingstheorien von Leuten mit eventuell gegenteiliger Meinung  auf Schwachstellen untersuchen zu lassen und immer bereit zu sein, sich theoretisch auch vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Wenn die eigenen Theorien solchen Prüfungen standhalten, dann hat sie Bestand, ansonsten sollte man sie überdenken. Deutlich leichter gesagt als getan, aber grundsätzlich richtig.

Bevor wir uns aber tiefer mit der erkenntnisphilosophischen Seite dieser Hirngymnastik befassen, lasse ich uns erstmal von Frau Anderl ins Universum entführen:

Sibylle Anderl – Das Universum und ich

Schon Ende Oktober letzten Jahres hatte ich die Gelegenheit, Sibylle Anderl in der Bayrischen Staatsbibliothek zu hören, die aus ihrem Buch „Das Universum und ich“ vorlas. Petra von „Elementares Lesen“ hatte mir schon ordentlich Lust gemacht auf die Kombi aus Astrophysik und Philosophie und die Lesung mit Vortrag und kurzer Fragerunde war mindestens so spannend, wie ich es mir erhofft hatte.

„Wir müssen uns also wohl oder übel damit abfinden, dass wir in Erdnähe festsitzen und nicht sehr viel tun können, um das Universum aktiv zu erkunden“ – das führt dazu, dass Kritiker wie Ian Hacking die Astrophysik für deutlich ungenauer und wissenschaftlich nur schwer erfassbar halten, als andere Naturwissenschaften.

Sibylle Anderl macht uns mit der Popper’schen Welt des universellen Zweifels bekannt und zeigt den Unterschied zu den experimentellen Wissenschaften auf. In ihrem recht persönlichen Buch erzählt sie von einer Tagung in der Uckermark mit Teilnehmern aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wie der Astrophysik, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Dort versuchte Anderl ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass die Astronomie grundsätzlich anders als andere Wissenschaften arbeiten. Doch schon die noch immer bestehende Trennung und die Berührungsängste in den Wissenschaften in unterschiedliche Fachschaften machen es schwer, einen fächerübergreifenden Forschungsantrag zu stellen. Aus dem gemeinsamen Projekt wird daher nichts, doch das Treffen war mehr oder weniger der Anstoss für Anderls Buch, also keineswegs ein unnötiges Treffen in der Uckermark.

Auch wenn Anderl weiße Zwerge, rote Riesen und schwarze Löcher schlecht unters Mikroskop legen kann, das Universum hat seine ganz eigene Art, mit uns zu kommunizieren, z.B. durch die kaum wahrnehmbare, stets vorhandene Hintergrundstrahlung, die unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann und die für uns messbar und damit hoch wissenschaftlich zur Verfügung steht. Genauso unsichtbar wie Mikrowellen oder die kürzlich entdeckten Gravitationswellen  – die Hintergrundstrahlung ist für die Astrophysik eine der wichtigsten Informationsquellen und gibt Auskunft über die Geburt von Sternen, über Kollisionen von Galaxien und wird oft auch als das Babyfoto des Universums bezeichnet, entstand die Hintergrundstrahlung doch ziemlich kurz nach dem Big Bang.

„Die Annahme, dass es Dunkle Materie geben muss, beruht darauf, dass man die allgemeine Relativitätstheorie für richtig hält. Tatsächlich hat diese Theorie mit beeindruckender Präzision alle bisherigen Tests bestanden. Wenn man aber in Betracht zieht, dass es eine andere Theorie zur Beschreibung der Gravitation geben könnte, dann kann man auch das Problem der Dunklen Materie umgehen. Über die Frage, ob andere Theorien wie beispielsweise MOND, „Modifizierte Newtonsche Dynamik“, die eine modifizierte der Newtonschen Gravitationstheorie bei geringen Beschleunigungen postuliert, wirklich eine attraktive Alternative darstellen, wird in Kosmologenkreisen leidenschaftlich gestritten.“

Astrophysiker sitzen übrigens deutlich häufiger am Schreibtisch und am Computer als man vermutet, aber wenn sie Glück haben, können Sie die Teleskope auch mal besuchen und selbst Daten aufnehmen. Das führt dann auch zu den deutlich spannenderen Geschichten über zwischenmenschliche Probleme zwischen Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Kulturen, Anekdoten über gefährliche Banditen auf dem Weg zum Teleskop in Chile und Forschung an Sternenembryos.

Die Sherlock-Holmes Methode zeigt anschaulich, wie mühselig die Messungen teilweise sein können und wie schnell die Messergebnisse verfälscht werden können durch locker sitzende Kabel oder tieffliegende Flugzeuge. Als Astrophysiker braucht man also unbedingt eine Menge Geduld beim akribischen Sammeln und Auswerten von Daten.

Die Lesung mit Vortrag war äußerst spannend, wer die Gelegenheit hat, Sibylle Anderl live zu sehen, sollte diese nutzen. Sie hat mit viel Humor auch abstruseste Fragen beantwortet und trotz der Tatsache, dass sie KEIN Star Trek Fan ist, fand ich sie sehr sympatisch (ihren Vater irgendwie auch, obwohl ich ihn gar nicht kenne, aber wenn man das Buch liest, glaubt man irgendwann es sei so).

Ich drücke die Daumen für den Nobelpreis in ein paar Jahren, sie hat ja versprochen mir rechtzeitig Bescheid zu geben, dann wird gefeiert.

Hier geht es zu der spannenden Besprechung auf Elementares Lesen.

Karl Popper – Alles Leben ist Problemlösen

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Dies ist vermutlich der zugänglichste Einstieg in Poppers Werk, eine Sammlung an provokanten, nachdenklich stimmenden Aufsätzen und Reden. Die Artikel zeigen Poppers Arbeits- und Denkprozess bei der Erarbeitung seiner Schlüsseltheorien auf dem Gebiet der Wissenschaftsphilosopie sowie seine politischen Ansichten zum Stand der Welt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt. Teil 1 beschäftigt sich mit Fragen der Naturerkenntis, Teil 2 mit Gedanken zur Geschichte und Politik. Seine Ansichten zur wissenschaftlichen Erkenntnis stellt er als dreistufiges Modell vor, das nach der Versuch- und Irrtum-Methode funktioniert. Stufe 1 ist die Benennung des Problems, Stufe 2 die entsprechenden Lösungsversuche, Stufe 3 die Eliminierung von fehlgeschlagenen Lösungen.

„Wenn ein höherer Organismus zu oft in seinen Erwartungen getäuscht wird, so bricht er zusammen. Er kann das Problem nicht lösen; er geht zugrunde“

„Ich bin im allgemeinen ein großer Verehrer des gesunden Menschenverstandes; ich behaupte sogar, daß, wenn wir nur ein wenig kritisch sind, der gesunde Menschenverstand der wertvollste und verläßlichste Ratgeber in allen möglichen Problemsituationen ist. Aber er ist nicht immer verläßlich; und wenn es zu wissenschaftstheoretischen oder erkenntnistheoretischen Fragen kommt, dann ist es von der größten Wichtigkeit, ihm kritisch gegenüberzustehen.“

Popper sieht sich selbst als kritischen Rationalisten, Kantianer und Optimisten. Er ist gegen Utopien, Ideologien und intellektuelle Moderscheinungen jeglicher Art sind ihm ein Graus. Er kritisierte Intellektuelle häufig für ihre unverständliche Sprache und ihre Arroganz. Für ihn ist Wissenschaft die Möglichkeit für eine stetige Weiterentwicklung und -verbesserung der Welt durch die unermüdliche Suche nach der Wahrheit und zum Wohle der gesamten Menschheit.

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„Der Aufklärer spricht so einfach, wie es eben möglich ist. Er will verstanden werden. In dieser Hinsicht ist unter den Philosophen wohl Bertrand Russell unser unübertroffener Meister.“

„Einer der Gründe, warum der Aufklärer nicht überreden und nicht einmal überzeugen will, ist der folgende. Er weiß, daß man außerhalb des engen Gebietes der Logik und vielleicht der Mathematik nichts beweisen kann. Man kann wohl Argumente vorbringen, und man kann Ansichten kritisch untersuchen. Aber außerhalb der elementaren Teile der Mathematik ist unsere Argumentation niemals zwingend und lückenlos. Wir müssen immer die Gründe abwägen, wir müssen immer entscheiden, welche Gründe mehr Gewicht haben: die Gründe, die für eine Ansicht sprechen, oder die, die gegen sie sprechen. So enthält die Meinungsbildung in letzter Linie immer ein Element der freien Entscheidung. Und es ist die freie Entscheidung, die eine Meinung menschlich wertvoll macht.“

Mehrfach erwähnt Popper, wir leben in einer besseren und faireren Welt als je zuvor. Seiner Ansicht nach sollten fundamentale Einsichten so einfach und verständlich sein, dass sie allen zugänglich sind. Geschichte ist keine Entwicklung, die wir jemals werden voraussagen können.

Schon 1994 weist Popper darauf hin, das es keine Garantie gibt, dass die Freiheit wie wir sie kennen, in der Zukunft so weitergehen wird. Je länger die Menschen frei sind, desto mehr empfinden sie diese Freiheit als selbstverständlich und verteidigen sie weniger.

Im Gegensatz zu Bertrand Russell glaubt er nicht, dass wir wissenschaftlich zu klug aber moralisch nicht klug genug sind. Stattdessen ist er der Ansicht, dass die Menschen in der Regel sehr bemüht sind das richtige zu tun und moralisch zu agieren, sie seien allerdings nicht klug genug, die Folgen abzuschätzen, die aus den Handlungen folgt, die sich auf den Rat von moralischen Instanzen hin ausführen.

„Der Rationalist ist einfach ein Mensch, dem mehr daran liegt zu lernen, als Recht zu behalten“

Wir brauchen mehr Rationalisten.

Den letzten Band, den ich hier heute besprechen möchte, fällt nicht eigentlich in den Bereich der Wissenschaftsphilosophie, er hat aber thematisch gut zu den anderen beiden gepasst und ich habe ihn mit sehr großem Vernügen gelesen.

How we got to now – Steven Johnson

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Steven Johnson erforscht in seinem Buch die Geschichte von sechs Innovationen, die den Lauf der Welt beeinflussten (Glas, Kälte, Sound, Sauberkeit, Zeit und Licht) von ihrer Entdeckung durch Hobbyforscher, Amateure, Unternehmer und Wissenschafler zu den häufig komplett unbeabsichtigten historischen Folgen dieser Entdeckungen.

Das Buch ist voller überraschender Geschichte von zufälligen brillianten und genialen Fehlern, wie zum Beispiel der französische Verleger, der den Phonographen einige Jahre vor Edison entdeckte, aber komplett vergaß, eine Playback Funktion einzubauen oder die Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, die bei der Entwicklung der Technologie, die hinter WiFi und Bluetooth steckt, federführend dabei war (hier geht es zu einer Rezension des wunderbaren Buches über Hedy Lamarr).

„How we got to now“ untersucht die Entstehungsgeschichte alltäglicher Gegenstände und zeigt die unerwarteten Verbindungen zwischen augenscheinlich unverwandter Wissensgebiete. Zum Beispiel, wie die Erfindung von Air-Conditioning für die größte Migration von Menschen in der Geschichte unserer Spezies verantwortlich war in bis dahin fast unbewohnbare Gebiete wie Phoenix/Arizona zum Beispiel. Oder wie Pendeluhren die industrielle Revolution vorantrieben oder auch wie sauberes Wasser die Herstellung von Computerchips möglich machte.

“A world without glass would strike at the foundation of modern progress: the extended lifespans that come from understanding the cell, the virus, and the bacterium; the genetic knowledge of what makes us human; the astronomer’s knowledge of our place in the universe. No material on Earth mattered more to those conceptual breakthroughs than glass.”

Johnsons Buch ist provokativ, informativ und eine kleine Warnung muss ich aussprechen, während der Lektüre kann es dazu kommen, dass man durch penetrantes Teilen von gerade entdeckten unglaublich spannenden Informationen in Gefahr gerät, für einen nervigen Klugscheißer gehalten zu werden – das Buch fordert es aber auch wirklich heraus.

“Humans had proven to be unusually good at learning to recognize visual patterns; we internalize our alphabets so well we don’t even have to think about reading once we’ve learned how to do it.”

Es gibt auch eine sehr spannende sechsteilige Serie zum Buch, die ich euch sehr ans Herz legen kann:

Hier noch mal die Bücher der Hirngymnastik im Überblick:

Sybille Anderl – Das Universum und ich erschienen im Hanser Verlag.

Karl Popper – Alles Leben ist Problemlösen erschienen im Piper Verlag

Steven Johnson – How we got to now auf deutsch unter dem Titel „Die Erfindung der Zukunft: Sechs Innovationen, die die Welt veränderten“ im Springer Verlag erschienen.

 

Die Geschichte der Bienen – Maja Lunde

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Die Pestizide lassen die Bienen sterben, ohne Bienen keine befruchteten Pflanzen und dann sind wir so gut wie tot. Man könnte Maja Lundes Roman „speculative fiction“ nennen, aber in dem Fall spiegelt der Roman erschreckenderweise fast die Realität wider und liest sich stellenweise wie ein Sachbuch, das Vorgänge beschreibt, die (noch) nicht passiert sind.
Maja Lunde gibt uns das Gefühl, dass wir schon zu zweidritteln über dem Abgrund hängen und damit ist sie leider nicht weit von der Realität entfernt. Das beunruhigende Gefühl von fast schon Wirklichkeit hat vielleicht auch damit zu tun, dass zwei der drei Erzählstränge in der Vergangenheit liegen.
Im Jahr 1852 treffen wir auf William, einen Samenhändler mit vielen Kindern, der depressiv im Bett liegt und es nicht mehr schafft seine Familie zu ernähren.

Die Ursache für seine Depressionen scheinen in der Tatsache zu liegen, dass der einst erfolgversprechende Biologe sich genötigt sah, seine zahlreiche Familie zu ernähren und seine Ambitionen, ein berühmter Biologe zu werden, den Bach runtergehen sieht. Symphatisch fand ich ihn nicht und man würde meinen, ein Biologe hätte mehr Ahnung davon, wie man der zum Teil zumindest unerwünschten Kinderschar Einhalt gebietet.

Seinen Durchbruch hat er dann mit einem neuartigen effizienten Bienenkorb. Die einzige symphatische in dem Teil der Geschichte ist seine Tochter, die später in seine Fußstapfen tritt und nach Amerika auswandert.

Foto: Louis Masai

 

155 Jahre später sind wir in Ohio und treffen auf einen anderen Vater, George, der sein Leben als traditioneller Farmer und Imker verbracht hat und all seine Hoffnung darauf setzt, dass sein Sohn Tom, sein Leben in der gleichen Weise weiterführt. Tom hat allerdings andere Ideen und als sei diese Abfuhr nicht genug, verschwinden eines Tages auch noch Georges Bienen während eines landesweiten Bienenkolonie-Kollaps.

Noch einmal 100 Jahre weiter erleben wir die drastischere Seite dieses Kollapses in China. Insekten sind mittlerweile ausgestorben, was zu weltweiten Hunger-Katastrophen führt. Menschen haben als menschliche Bienen das Bestäuben von Pflanzen übernommen, eine knochenharte Arbeit, die gerade so das Überleben sichert. Tao erhofft sich für ihren dreijährigen Sohn ein besseres Leben, doch in wenigen Jahren wird er genau wie sie als menschliche Arbeitsbiene im Akkord Blüten bestäuben müssen.
Foto: Savethebeesproject

An einem der seltenen Ruhetage wandert der kleine Junge für einen Moment davon und wird bei einem schrecklichen, mysteriösen Unfall schwer verletzt. Die Behörden bringen ihn nach Bejing, ohne die Eltern auf dem Laufenden zu halten. Tao folgt ihrem Sohn in die Stadt, die sehr an Cormac McCarthys Welt erinnert, in der Hoffnung ihn zu finden…

Lunde hat bislang Kinderbücher und Drehbücher geschrieben, was man eventuell an der Klarheit und Einfachheit der Sprache erkennen kann und dem soliden Verknüpfen sämtlicher loser Enden in der Geschichte.

Ich fand „Die Geschichte der Bienen“ stellenweise etwas klebrig-süß, aber dennoch ganz interessant, auch wenn ich den mega Trubel um das Buch nicht ganz nachvollziehen kann. Wobei ihr wahrscheinlich zurecht hauptsächlich wichtig ist, dass bei möglichst vielen Menschen die Message ankommt, dass wir uns um die Bienen und alle anderen Insekten kümmern müssen, wenn wir nicht demnächst vor die Hunde gehen wollen.

Die Gelegenheit nutzte ich im Übrigen, um noch ein weiteres Bienen-Buch aus meinem Bestand zu lesen und zwar den Thriller „The Prophecy of Bees“ von R. S. Pateman.

Der Autor hat einen atmosphärischen schaurigen und spannenden Thriller um alte Landhäuser, kleine englische Dörfer, Aberglaube, Prophezeiungen, Familien und Bienen geschrieben.

Als Lindy, eine kürzlich verwitwete Amerikanerin, die schon lange in England lebt, ein großes altes Landhaus in den Cotswolds kauft, erhofft sie sich damit einen Neuanfang für sich und ihre schwierige Tochter Izzy. Stagcote Manor ist ein großes Haus voller Geschichte und Lindy freut sich auf diesen Neuanfang.

Ihre Tochter Izzy ist da weniger überzeugt. Sie will zurück in den Trubel der Londoner Großstadt, zu ihren Freunden und den Goth-Clubs, in denen sie rumhängt. Außerdem ist da irgendetwas beunruhigendes am Haus, auch wenn Izzy noch nicht wirklich sagen kann was es genau ist. Als Izzy dann doch beginnt, sich mehr und mehr auf das Leben in Stagcote und die Dorfgemeinschaft einzulassen, merkt sie nach und nach, was für seltsame und beunruhigende abergläubische Ideen in den Köpfen der Einheimischen spuken und viele davon hängen direkt mit ihrem Landhaus zusammen.

Als Izzy beginnt, die Geschichte des Hauses zu erforschen, wird ihre Unruhe noch um einiges heftiger als die dunkle Vergangenheit des Landhauses und die Prophezeiungen der Bienen ans Licht kommt…

 

Foto: savethebees

 

Day 24 – Under the Christmas Tree

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Not quite under the x-mas tree (yet), but in my last Advent calendar package! This most wonderful book about the fascinating minds of the Octopus and the evolution of intelligent life.

“Mischief and craft are plainly seen to be characteristics of this creature. —Claudius Aelianus, third century A.D., writing about the octopus”

Can’t wait to start reading this – what was under the tree for you?

Thanks a lot for being part of my Challenge again this year. It was fun.

Have a wonderful bookish xmas and a great 2018 – thanks for being part of this here – highly appreciated. This blog wouldn’t be half as much fun without you guys.

xoxox

Day 22 – The book I most often give as a gift

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This book is just the perfect gift. It is a book that I liked when I was around 18 and still love it… it just get’s better and I discover different things each time I read it.

And because this is the case I will give it this year to one of my readers here. So leave a comment until the 31.12. midnight 😉 and let me know which book you most often give away as a present and why and also if you would prefer to have Virginia Woolf’s „A room of one’s own“ in English or German.

The book is called „Ein eigenes Zimmer“ in German and was published in Fischer Verlag.

The lucky winner will receive a brand new copy so you have lot’s of space in the margins for your own notes and underlinings.

Good luck!

Day 21 – Can’t stop talking about it

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After briefly checking with the people around me, it looks like it was pretty difficult to shut me up when it came to „Sapiens“ – I just totally loved that book. Read the book and the follow-up „Homo Deus“ (which is also pretty good) in a week, whilst on holiday on Crete and it was not easy to make me stop reading even just long enough to go for dinner…

I have turned into this annoying missionary-like person who tries to force the people around me to buy and read it already…

You can find the full review here.

Do you have one of this books that you just can’t shut up about? 😉

Day 14 – A book that made you cry

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Well it would probably be a bit over the top to say the book made me cry – I don’t cry that easily usually only when fictional people (or Octopus) die. The “Hillbilly Elegy” didn’t make me cry, but quite sad actually for the generations of kids that get born in f*** up families.

The book keeps being mentioned as the one that helps explain why the white working class in the US voted for Trump and coming from white working class with a hint of white trash background myself that kinda stuff interests me a lot.

Poverty, Chaos, Helplessness, violence, drugs and alcohol that is the vicious cycle for a lot of white American working class families in the US. Detached from their political leadership class and suspended from the rest of society and therefore susceptible for populistic slogans. In the past “Hillbillys” had at least the chance to work their ways up in factories in the Manufacturing belt in the old industries but latest with the end of the 20th century the decline of these industries dragged the Hillbilly families down with them and they have never recovered from it turning the manufacturing belt into the rust belt of the country.

“Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. He is a good father while many of us aren’t. He wears suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it—not because we think she’s wrong but because we know she’s right.”

JD Vance talks about the history of his family and draws a picture of failure and the resignation of a complete society class. Vance manages to make the situation of the people in the huge Appalachian area more tangible and understandable. His Grandparents were typical Hillbillys in a sense that they believed in Guns and Gods and hard work, they were probably the last generation that had at least partially the sense that they can influence their own fate.

“What separates the successful from the unsuccessful are the expectations that they had for their own lives. Yet the message of the right is increasingly: It’s not your fault that you’re a loser; it’s the government’s fault.”

 

“If you believe that hard work pays off, then you work hard; if you think it’s hard to get ahead even when you try, then why try at all? Similarly, when people do fail, this mind-set allows them to look outward. I once ran into an old acquaintance at a Middletown bar who told me that he had recently quit his job because he was sick of waking up early. I later saw him complaining on Facebook about the “Obama economy” and how it had affected his life. I don’t doubt that the Obama economy has affected many, but this man is assuredly not among them. His status in life is directly attributable to the choices he’s made, and his life will improve only through better decisions. But for him to make better choices, he needs to live in an environment that forces him to ask tough questions about himself. There is a cultural movement in the white working class to blame problems on society or the government, and that movement gains adherents by the day.” 

JDs most powerful influences were his grandparents that he called Mamaw and Papaw: very fierce, hard-drinking fighters with a strong belief in honor and family solidarity. They might beat their kids but beware if an outsider would ever say one harsh word to them… Both did their own children not much good especially not JD’s mother, a heroin and painkiller addict with a bewildering number of boyfriends and husbands – but by the time JD needed them they had softened a bit and gave him the love and support he needed to succeed.

“For kids like me, the part of the brain that deals with stress and conflict is always activated…We are constantly ready to fight or flee, because there is a constant exposure to the bear, whether that bear is an alcoholic dad or an unhinged mom”

On one hand there are a lot of similarities. My brother and I were also (more or less successfully) rescued by my Grandmother and would it not have been for her,  my life would have been completely different and certainly not nearly as good as it is now. I can also relate to the feeling of being a stranger of not belonging after the social upward move, I still have lot’s of awkward moments when being in company that somehow gives me the feeling (to be honest I give this feeling to myself most of the time) of not belonging, of not exactly knowing “how to behave”.

“social mobility isn’t just about money and economics, it’s about a lifestyle change. The wealthy and the powerful aren’t just wealthy and powerful; they follow a different set of norms and mores. When you go from working-class to professional-class, almost everything about your old life becomes unfashionable at best or unhealthy at worst.” 

“We don’t study as children, and we don’t make our kids study when we’re parents. Our kids perform poorly in school. We might get angry with them, but we never give them the tools—like peace and quiet at home—to succeed.” 

“interviews showed me that successful people are playing an entirely different game. They don’t flood the job market with résumés, hoping that some employer will grace them with an interview. They network. They email a friend of a friend to make sure their name gets the look it deserves. They have their uncles call old college buddies. They have their school’s career service office set up interviews months in advance on their behalf. They have parents tell them how to dress, what to say, and whom to schmooze.” 

The difference is I didn’t feel I belonged to the grim council estate working class reality of my childhood either. I was always drawn to the people that are now often labeled so  unfavorably “Elites”. I hated the violence around me, I never saw it as anything to be proud of and was trying to escape as quickly as I could (dragging my Granny along as far as it was possibly). And I had many kind more intellectual people who helped me see a more positive future and who acted as role models and supporters.

So this is probably my personal biggest challenge with the book, that I generally highly recommend and found very insightful: He felt he belonged with the Hillbillys and had to adapt to live in the world of Yale etc. That was not the case for me. I never felt home where I came from but I don’t always feel 100% accepted in the social order that I moved into. Maybe I’m just jealous of him 😉

The most important factor to escape poverty is to have a stable environment around you and at least one person that protects and helps you.

JD Vance is doing a good job in not offering over simplified solutions for huge problems. Interesting how partially pretty similar experiences turn one into quite the religious convervative guy and another one into an atheist liberal.

Where I 100% agree with him: Not just in the US – the same is true here in Germany:  It’s dangerous if huge parts of society have the impression they have absolutely no influence on their own fate. If people don’t even try because they are born in a culture of learned helplessness, that turns them into victims and makes them remain victims if they don’t manage to change this perspective.

“I don’t know what the answer is, precisely, but I know it starts when we stop blaming Obama or Bush or faceless companies and ask ourselves what we can do to make things better.”

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel: „Hillbilly Elegy: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“