The People in the Trees – Hanya Yanagihara

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Im Jahr 1950 begibt sich ein junger Arzt namens Norton Perina mit dem Anthropologen Paul Tallent während einer Expedition auf einer entlegenen mikronesischen Insel namens Ivu’ivu auf der Suche nach einem geheimnisvollen Stamm. Sie finden nicht nur den besagten Stamm, sondern auch noch eine Gruppe mysteriöser Waldbewohner, die die „Träumer“ genannt werden. Es stellt sich heraus, dass diese „Träumer“ ein unglaublich langes Leben leben und zwar körperlich recht agil, allerdings zunehmend seniler werdend.

“It disappointed me when I discerned as an adolescent that my father had married my mother only for her beauty, but this was before I realized that parents disappoint us in many ways and it is best not to expect anything of them at all, for chances are that they won’t be able to deliver it.”

Perina glaubt, dass die Ursache dieser unglaublichen Langlebigkeit in einer sehr seltenen Schildkrötenart liegt. Er sucht nach dieser Schildkröte und schmuggelt das Fleisch zurück in die USA, wo er seine These wissenschaftlich nachweisen kann, weltweiten Ruhm erlangt und sogar den Nobelpreis verliehen bekommt. Außer dem Schildkrötenfleisch nimmt er auch nach und nach etwa 50 Kinder mit in die USA und adoptiert sie.

Gods are for stories and heavens and other realms; they are not to be seen by men. But when we encroach on their world, when we see what we are not meant to see, how can anything but disaster follow?”

“Life was elsewhere, and it was frightening and vast and mountainous and uncomfortable.”

Nach kurzer Internetsuche stösst man auf den Nobelpreisträger, der der Autorin als Inspiration für diese Geschichte diente. Es handelt sich um den berühmten Wissenschaftler Carleton Gajdusek, der für die Entdeckung einer neuartigen Klasse infektiöser Erreger, der Prionen, 1976 – zusammen mit Baruch Blumber, den Nobelpreis für Medizin erhielt und der 1997 wegen sexuellen Missbrauchs an von ihm adoptierten Jungen, welchen er im Gerichtsverfahren zugegeben hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

“It is astonishing and a little sad to realize how many discoveries, how many advancements, have been delayed for years, for decades, not because the information was unavailable but because of sheer cowardice, fear of being laughed at, of being ostracized by one’s colleagues.”

Keine Sorge ich spoiler hier nicht, der Nobelpreisgewinn und auch die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs an seinen adoptierten Kindern wird im Roman schon auf den ersten paar Seiten erwähnt. Es handelt sich hier um ein Buch im Buch, die Memoiren Perinas werden von seinem früheren Mitarbeiter und Freund Ronald editiert, der ein eher unzuverlässiger Erzähler ist.

Die Entdeckung des sogenannten „Selene-Syndromes“ und der damit verbundene Nobelpreis haben enorme Implikationen auf Perinas Karriere und seinen Ruf. Doch was passiert, wenn der Mensch versucht, sich zu einem Gott zu erheben? Wenn wir es schaffen Dinge zu tun, die vielleicht nie für uns gedacht waren? Welchen Preis sind wir bereit, für den Fortschritt zu zahlen? Was sind wir bereit zu opfern und zu vergeben?

“All ethics and morals are culturally relative. And Esme’s reaction taught me that while cultural relativism is an easy concept to process intellectually, it is not, for many, an easy one to remember.”

Yanagiharas Roman hat für eine ausgesprochen interessante Diskussion in unserem Bookclub gesorgt. Nur wenige Autoren trauen sich auf so dünnes Eis, wagen es, keine Stellung zu nehmen und Fragen aufzuwerfen wie zum Beispiel die, wie man mit einem Genie umgeht, der im Privatleben alles andere als großartig ist? Ist Perina/Gajdusek eine Legende oder ein Monster? Ist es ok, wie Faust, seine Seele zu verkaufen für Unsterblichkeit?

Yanagihara kickt ihre Leser definitiv aus der Komfortzone. Der Roman hat einige sehr aufwühlende Szenen, es gibt jede Menge Frauenfeindlichkeit, Kolonialismus und Pädophilie. Also keine leichte Kost. Ein Buch, das aufwühlen möchte – auf keinen Fall eine „feel good“ Lektüre.

The People in the Trees“ ist ein großartiger Roman sowohl was die Entwicklung der Charaktere, die Struktur des Romans oder die Sprache angeht. Die Symbolik ist sorgfältig ausgewählt und platziert. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Fähigkeit die Vielzahl an schwierigen Themen so gekonnt und elegant miteinander zu verweben.

Was für ein Debüt!

Neben dem wunderbaren Roman möchte ich euch auch diese spannende Dokumentation über Daniel Gajdusek ans Herz legen:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Das Volk der Bäume“ im Hanser Verlag.

Meine Woche

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Gesehen: „Picnic at Hanging Rock“ (1975) von Peter Weir. Mystery um ein Valentins-Picknick im Jahr 1900 bei dem mehrere Mädchen verschwinden. Wunderschöne Bilder, tolle Atmosphäre.

The Yellow Handkerchief“ (2008) von Udayan Prasad mit Kristen Stewart, William Hurt und Eddie Redmayne. Road Movie um drei einsame Menschen auf der Suche nach Halt.

Killing Eve“ (2018) mit Sandra Oh und Jodie Comer. Brilliante Thriller-Serie um eine Auftragsmörderin. Großartige Dialoge, intelligent und witzig – unbedingt ansehen

Gehört: „Trouble so hard“ – Vera Hall, „Halo“ – Mono, „From dust to beyond“ – God is an Astronaut, „Cellophane“ – FKA Twigs, „Watchmen“ – Trent Raznor & Atticus Ross, It’s all over now, Baby Blue – Them, „Last Walk“ – Space Mountain, „Smash my Head“ – CocoRosie

Gelesen: Margarete Stokowskis Rede anläßlich ihres Tucholsky-Preises, Was es mit OK Boomer auf sich hat, diesen Artikel von W. H. Auden über Virginia Woolf, J. S. Bach der Rebell, Goodbye to free lunches, John le Carrés Exit vom Brexit, How Susan Sontag taught me how to think, Oslo ist nahezu komplett autofrei in der Innenstadt

Getan: viel gelaufen, den Zündfunk Kongress besucht und meinen nächsten Workshop vorbereitet

Geplant: einen erfolgreichen Workshop durchzuführen

Gegessen: Brokkoli-Salat mit Kichererbsen

Gefreut: über die vielen spannenden Menschen die sich engagieren, zB  hier: ReDi School, Foodsharing, Netzpolitik

Geweint: nein

Geklickt: Boy told off for doodles becomes restaurant artist und auf dieses „Actor on Actor“-Interview von Jessica Lange und Taylor Schilling

Gestaunt: über diese unglaublich schönen Pilze, über den Bananen-Aal  und australische Wasserratten die mit chirurgischer Präzision Krötenherzen entfernen und essen

Geärgert: nein

Gelacht: über diesen Panda

Gewünscht: diese wasserfesten Sneaker, dieses Häuschen, dieses Lego Batmobile

Gefunden: tolle Bücher im Bücherschrank

Gekauft: nix

Gedacht: „If you don’t care who gets the credit, you can do a lot of good in the world“ (Esther Abraham)

Kopenhagen by the book

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Kopenhagen wird regelmässig zur glücklichsten Stadt der Welt gewählt und auf Instagram kann man den Bildern aus der Stadt gar nicht mehr ausweichen. Den Nordic-Virus hatten wir uns dieses Jahr schon heftig  in Stockholm eingefangen und wir nutzten das lange November Wochenende, um dem Virus weiter Futter zu geben und die Straßen der dänischen Hauptstadt unsicher zu machen.

Die Stadt ist wunderschön, gehört aber eindeutig zu den teuersten Hauptstädten Europas. Wir waren von Kopenhagen total begeistert – hier ein kurzer Überblick was diese Stadt so einzigartig macht:

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Die Københavener. Sie sind nicht nur wahnsinnig freundlich und offen, sie sind alle auch verdammt gutaussehend. Man kommt sich unweigerlich wie der Glöckner von Notre Dame vor. Und sie sind riesig. Wir kamen gelegentlich wie die Minions vor und mussten ab und an Hilfestellung von den großen Dänen bekommen, wenn irgendwelche Knöpfe oder Dinge außerhalb unserer Reichweite waren.

Design & Architektur. Die Dänen können nicht nur hygge, das ist auch wirklich alles wahnsinnig stylisch, die Architektur ganz oft ein sehr gelungener Mix aus alt und neu. Besonderes Highlight die Oper und die Königliche Bibliothek „The Black Diamond“.

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Eines der besten Abendessen unseres Lebens hatten wir im Høst, ein Restaurant das ihr Euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet bei einem Besuch in Kopenhagen.

Der Vergnügungspark Tivoli versprüht wunderbar altmodischen Charme, gerade zu Halloween war das ein großer Spaß. Weniger spannend fanden wir die Freistadt Christiana, eine alternative Wohnsiedlung und vom Staat geduldete autonome Gemeinde. Man bekommt dort legal Drogen jeglicher Art, aber ansonsten hat es uns sehr an das Münchner Tollwood erinnert.

Buchläden gibt es reichlich in der Stadt, meist groß, hell und einladend und dänische und englische Bücher stehen bunt gemischt in den Regalen.

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Unbedingt ans Herz legen würden wir euch auf jeden Fall einen Besuch in der Cisterne einem ehemaligen Wasserspeicher, in dem das ganze Jahr über eine Ausstellung des dänischen Künstlerkollektivs Superflex stattfindet. Mit Sci-Fi Elementen haben die Künstler eine dystopische Welt geschaffen, in dem der Klimawandel die Gesellschaft drastisch verändert hat. Wirklich großartig.

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Foto: Cisterne

Wer mir an jeder Ecke der Stadt begegnete war die wohl bekannteste Schriftstellerin Karen Blixen. Geboren wurde sie 1885 etwa 20km außerhalb Kopenhagens in Rungstedlund, wo sie 1962 auch starb. Sie lebte 17 Jahre lang als Kaffeefarmerin in Kenia. Sie wurde berühmt durch ihr Buch „Out of Africa“, das 1985 unter dem Titel „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep und Robert Redford verfilmt wurde.

Ihr Leben in Afrika war von außergewöhnlicher Liebe und Schönheit, aber auch von fürchterlichen Verlusten geprägt. Ihre Kaffeeplantage ging pleite, ihre Ehe war am Ende und ihr Liebhaber mit dem Flugzeug abgestürzt.

Sie kehrte nach Dänemark zurück und versuchte des Öfteren, Afrika zu besuchen, doch ihre Pläne zerschlugen sich immer wieder. Sie stürzte sich in ihre Karriere als Autorin. 1934 veröffentlichte sie ihr Debüt „Seven Gothic Tales“ unter dem Pseudonym Isak Dinesen. Die Geschichten hatte sie während ihres Aufenthaltes in Afrika geschrieben. Ihr zweites Buch wurde ihr erfolgreichstes – ihre Erinnerungen an Afrika.Als Reiselektüre hatte ich mir ihre Erzählungen „Nordische Nächte“ mitgenommen, die eine ihrer berühmtesten Erzählungen „Babettes Fest“ enthält.

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Die Geschichten haben etwas leicht beunruhigendes, ohne dass ich den Finger darauf legen könnte, was diese Unruhe bei mir auslöst. Das sind keinesfalls kuschelige Hygge-Geschichten, die man warm auf dem Sofa eingepackt kurz vorm Eindösen lesen könnte. Bei Blixen muss man stets aufmerksam und wach sein, denn hier zählt jedes Wort.

„Babettes Fest“ war auch zugleich meine Lieblingsgeschichte. Eine junge Frau namens Babette, ein Flüchtling vor dem Krieg in Frankreich, schlüpft bei zwei älteren religiösen Schwestern unter und bleibt bei ihnen jahrelang hängen. Sie kocht und sorgt für die beiden Damen. Irgendwann äußert sie die Bitte, ein Fest für die zwei und ihre Freunde veranstalten zu dürfen… Eine geheimnisvolle Geschichte gespickt mit leisem Humor, poetisch und provokant. Ein echter Leckerbissen, der mir große Lust auf die gleichnamige Verfilmung machte.

Neben „Babettes Fest“ finden sich noch 6 weitere Geschichten in der Sammlung. Den Geschichten merkt man Blixens Sehnsucht nach einer aristokratischen Weltordnung an. Ihre Geschichten sind nie ganz Teil der wirklichen Welt, sie lesen sich oft wie Märchen. Blixen ist eine Autorin, die einen Schritt zurücktritt, die Welt betrachtet und sie sorgsam destilliert. Ihre Geschichten sind stark formalisiert und man schwebt stets ein wenig im Ungewissen.

Ich habe die Erzählungen gerne gelesen, aber ich hatte häufig das Gefühl, als würde die Autorin kurz den Vorhang öffnen, der Leser sieht eine Weile dem Treiben der Geschichte zu und irgendwann macht sie den Vorhang wieder zu und die Geschichte ist vorbei. Große Bindung zu den Figuren oder Interesse hatte ich außer zu Babette eigentlich nicht.

Spannender noch als ihre Erzählungen ist das Leben der Autorin und ich mache mich umgehend auf die Suche nach einer Biografie. Eine Autorin, die gleich zweimal für den Literaturnobelpreis nominiert war, zu deren Fans neben Ernest Hemingway auch Truman Capote, Pearl S Buck und Arthur Miller zählte und die großen Spaß hatte, ihren Mythos der geheimnisvollen Gräfin zu pflegen, ist definitiv eine gute Kandidatin für eine spannende Biografie.

Ich danke dem Random House Verlag für das Rezensionsexemplar.

Habt ihr schon etwas von Karen Blixen gelesen oder könnt vielleicht eine Biografie empfehlen?

Meine Woche

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Gesehen: „Insidious“ (2010) von James Wan. Horror um einen kleinen Jungen der von einem Dämonen besessen ist. Fing super an, zum Schluss wurde fiel er ziemlich ab.

Gehört: „Island of Doom“ – Agnes Obel, „The French Brexit Song“ – Amanda Palmer, „Fliegende Schatten“ – Frank Makowski, „A different place“ – Claire M Singer, „Quand on n’a que l’amour – Jacques Brel, „Seven Days Walking“ – Ludovico Einaudi, „Frozen Passages“ – Poemme

Gelesen: Warum viele junge Leute nicht ins Theater gehen, dieses Interview mit Patagonia-Gründer Yvon Chouinard, dieses mit Adam Driver und dieses mit Jeanette Winterson, Enough leaning in. Let’s tell men to lean out, Book Women on horseback

Getan: viel durch Kopenhagen gelaufen, die Exploding Boys gehört, eines der besten Menüs ever gegessen, die Cisterne durchwandert und im Tivoli Halloween gefeiert

Geplant: den Zündfunk Netzkongress besuchen

Gegessen: das weltbeste Menü im Høst

Gefreut: über unser wunderschönes Wochenende in Kopenhagen

Geweint: nein

Geklickt: How the economic machine works by Ray Dalio

Gestaunt: so schnell kann eine Maschine den Zauberwürfel lösen

Geärgert: nein

Gelacht: Do you all remember before the internet when we thought the stupidity of people was due to lack of access to information? Yeah, it wasn’t that…

Gewünscht: diese Bettwäsche, diese Notizbücher, diesen Schreibtisch

Gefunden: nix

Gekauft: Virgina Woolfs „To the Lighthouse

Gedacht: „Do not let your fire go out, spark by irreplaceable spark in the hopeless swamps of the not-quite, the not-yet and the not-at-all. Do not let the hero in your soul perish in lonely frustration for the life you deserved and have never been able to reach. The world you desire can be won. It exists… It is real… It is possible… It’s yours
(Ayn Rand)

Düsterer Kiez

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In Rückblenden erzählt Sonja M. Schultz  die Lebensgeschichte von Hawk. Der floh in den 1950er Jahren vor seinem gewalttäigen Vater aus Süddeutschland nach Hamburg. Er kommt in einem Seemannsheim unter, wo ihn der Besitzer unter die Fittiche nimmt und ihm einen Job im Hafen besorgt. Doch Hawk fühlt sich vom fürsorglichen Ersatzvater gegängelt, der alles versucht, um ihn vor der schiefen Bahn zu retten.

„Man pfeift nicht am Hafen. Das bringt Sturm auf See.“ 

Doch erste Kontakte mit dem Kiez-Milieu macht er im Hafen schnell. Er lernt Pik Johnny kennen, fängt an zu boxen und beginnt recht bald für Johnny zu arbeiten. Anfangs sind das einfache Handlanger-Tätigkeiten, später steigt er peu à peu bis zum Drogenschmuggler auf.

Im „Fleur de Mal“ lernt er die geheimnisvolle, coole Lu kennen, in die er sich schwer verliebt. Nie habe ich schönere Beschreibungen gehört wie die Hawks, wenn er von den wogenden Wellen, den Fischen und Meerjungfrauen spricht:

„Unter ihrem schwarzen T-Shirt liegt das Meer.“

Sie ist eine großartige Figur und ich hätte zu gerne eine ihrer Mixtapes gehört, die sie regelmäßig in ihrer Kneipe spielt.

Mit Lu beginnt Hawks Geschichte dann auch von den Erinnerungen an seine Vergangenheit im Heute anzukommen. Irgendjemand hat es nämlich auf ihn abgesehen. Sein heißgeliebtes Auto geht in Flammen auf, jemand zündet seine Wohnung an und immer wieder scheint ihm ein Typ in Motorradmontur durch Hamburg zu folgen.

Ich bin so froh, dass Sonja M Schultz mich anschrieb und fragte, ob ich Interesse hätte, ihren Roman zu rezensieren. Ich bin da oft zurückhaltend, aber dieser Roman passt zur Bingereaderin wie die Faust aufs Auge.

Ein sehr atmosphärischer, emphatischer Roman, bei dem man den Hafen zu riechen glaubt, der eigentlich am Besten mit einem Astra in der einen und einem Fischbrötchen in der anderen Hand gelesen werden sollte (was natürlich schwierig ist, weil man dann keine Hand mehr zum umblättern frei hat)

Ich habe mich derart fest gelesen, ich habe das Buch an einem Wochenende verschlungen. Eine Playlist zum Buch hätte mir noch gefallen. Vielleicht schreibe ich der Autorin mal und frage sie nach der Tracklist von Lus Mixtapes 😉

Hawk ist einer, bei dem man spürt, wie sehr einen die eigenen Herkunft prägt und wie stark die Nachwirkungen der Nazi-Zeit sind, die sowohl weitergegeben werden von Generation zu Generation, auch wenn gleichzeitig dagegen rebelliert wird.

Ein besonderer Kiez-Krimi mit einem außergewöhnlich emphatischen Blick auf seine Protagonisten.

Hier noch ein Blick auf den Trailer, den es zum Buch gibt, der mir auf jeden Fall auch noch mal besondere Lust auf das Buch machte:

Ich danke dem Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein Buch, das schon etwas länger bei mir zu Hause rumstand, eignete sich bestens als Pendant zum „Hundesohn“:

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„Der goldene Handschuh“ ist ganz harter Tobak. Strunk ist deutlich mehr Reporter als empathischer Autor, er dokumentiert die wahren Geschehnisse um den Frauenmörder Fritz Honka, in dem er das Soziotop der Gaststätte ‚Zum goldenen Handschuh‘ auf St. Pauli in den 1970er unter die Lupe nimmt.

Hier finden sich die menschlichen Restexistenzen, die vom Alkohol völlig zerstört sind und am Rande der Gesellschaft ein Schattendasein fristen. Da sind Kriegsversehrte, Einsame, gealterte Prostituierte, aber auch der eine oder andere aus der sogenannten „feinen Gesellschaft“. Was allen gemeinsam ist, sie saufen bis sie vom Stuhl kippen, versuchen, das Elend um sich herum zu vergessen.

“Einmal hat ihm einer im Schlaf die Schuhe ausgezogen, reingeschissen und wieder angezogen. Um diese Uhrzeit ist prinzipiell alles möglich.”

Mehr als einmal habe ich das Buch angeekelt zur Seite legeben müssen. Die detaillierte Beschreibung der Verwahrlosung, in der die Gäste des Handschuhs leben, ist nahezu unvorstellbar. Die eigentlichen Morde werden eher am Rande erwähnt und sind nur die Spitze des Ekels und Grauens darunter.

Strunk beschreibt auf der einen Seite das Leben des Serienmörders Honka auf sehr plastische Weise und stellt diesem das Leben der feinen Reederfamilie aus Hamburgs vornehmsten Kreisen gegenüber. Die sind äußerlich vielleicht ganz vorzeigbar, innerlich aber mindestens genauso verrottet wie die Gäste aus dem Handschuh.

Ein wirklich gutes Buch, auch wenn das Thema schwer erträglich ist. Eine unglaubliche Mischung aus Ekel, Witz und Sozialstudie.

Eines der ganz wenigen Bücher, die ich partout nicht abends im Bett lesen wollte, ich mochte das Buch nicht einmal im Schlafzimmer liegen haben. Nix für zarte Gemüter.

Zwei Bücher, die auf ganz unterschiedliche Weise dem Kiez unter den Rock gucken. So sehr ich Lust habe, mal wieder die Nacht auf St. Pauli durchzumachen, für Laden wie den Handschuh bin ich dann doch nicht hartgesotten genug – dann doch lieber ein Astra im Lehmitz.

Dystopien & Skurriles

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Es gab Kriege und die Zivilisation ist in finstere Zeiten zurückgefallen. Die Leute überleben irgendwie, einige haben alles verloren andere sind kurz davor alles zu verlieren.

”A haggard man used one of the huts as a home. He lay on a sagging mattress, his head on his pack, surrounded by rubbish–paper, porcelain shards, food remains, and unidentifiable debris. His hand was over his eyes. He looked like a failed soldier. Dirt seemed so worked into him that the lines of his face were like writing.”

Und dann sind da noch die verwaisten Kinder, die in der Stadt zusammenleben, die sich zusammen geschlossen haben, um irgendwie zu überleben.

Der Vater des Jungen ist ein Schlüsselmacher. Er macht Schlüssel, die in alte Maschinen passen. Er macht Schlüssel für Wettermaschinen, für Schlösser, die Herzen öffnen und alles was er tut ist geheimnisvoll und mysteriös. Aberglaube ist die neue Religion, genau wie ein Voodoo-Zauber nur funktioniert, wenn man an ihn glaubt.

Der Junge lebt oben auf dem Berg. Das macht ihn zu einem „Uphiller“. Er hat Dinge gesehen und er weiß Dinge über seinen Vater, die ihm keiner glaubt.

”I knew that, by whatever means he’d killed it, it was not to eat. I wanted to cry; I stood still.“

Da ist dieses Loch in der Höhle, ein tiefes Loch ohne Boden. Ein Loch, das vielleicht bis zum Mittelpunkt der Erde geht. Als seine Mutter verschwindet, bekommt er Alpträume.

”I thought of my mother’s hands hauling her up. Of her climbing all grave-mottled and with her face scabbed with old blood, her arms and legs moving like sticks or the legs of insects, or as stiff as toys, as if maybe when you die and come back you forget what your body is.”

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Aber sein Vater behauptet steif und fest, die Mutter würde noch leben. Als der Mann, der die Menschen zählt kommt, sieht der Junge in ihm die einzige Chance herauszubekommen, was mit seiner Mutter passiert ist. Was das eigentliche Geheimnis seines Vaters ist.

“He said, You’ll write it not because there’s no possibility it’ll be found, but because it costs too much to not write it.”

Das ist eines der abgefahrensten, merkwürdigsten Bücher die ich seit langem gelesen habe und ich fand es großartig. Es ist sehr kafkaesk in dem Gefühl, dass man keine Möglichkeit hat, den Ereignissen zu entkommen. Es dauert eventuell, bis man hineinfindet in diese düstere Welt, aber irgendwann hebt sich der Nebel.

Für mich hätte das Buch gut noch ein paar Hundert Seiten haben können, ich hätte zu gerne gewusst, wie es weitergeht. Ich hätte nur zu gerne das verschwundene Notizbuch gefunden …

Der Roman hat auch durchaus Gothic Elemente, die Schatten, das bedrohliche Unbekannte, der sich ständig aufbauende blanke Horror. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, wollte unbedingt einen Weg finden, dem Jungen zu helfen, vom Berg zu entkommen.

Das wird ganz sicher nicht mein letzter Miéville sein, ich habe Blut geleckt. Hat eigentlich noch jemand das Bild oben in seinem Buch gehabt? Oder lag nur meinem eines bei? Es sieht so sehr aus wie ich mir die Brücke zur Stadt vorgestellt habe, dass ich auf der einen Seite annehme, es handelt sich um eine Beilage zum Buch vom Verlag, auf der anderen Seite sieht es aus wie ein ganz normales Foto – hinten steht auf jeden Fall „The census maker“ und ein Datum drauf. Sehr mysteriös – wie das Buch.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Dieser Volkszähler“ beim Liebeskind Verlag.

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Bei Margaret Atwoods Nachfolger zum weltberühmten „The Handmaids Tale“ sollte man vor Lektürebeginn ganz klar seine Erwartungshaltung in den Griff bekommen. „The Testaments“ ist spannende Unterhaltung, aber eventuell keine Weltliteratur wie sein Vorgänger.

Es unterscheidet sich von dem 1985 erschienenen „The Handmaids Tale“ was den Ton, und die Stimme der Protagonisten und auch was die literarische Güte angeht. Der frühere Roman hat eine Kraft und eine Gewichtigkeit, mit der „The Testaments“ nicht mithalten kann.

Offred war so sehr Gefangene ihrer Umstände, ihre Isolation für den Leser unmittelbar beklemmend spürbar. Sie ist völlig passiv, hält die Füße still und versucht nur von einem Tag zum nächsten zu überleben, während andere Charaktere im Buch (Moire zum Beispiel oder Ofglen) deutlich aktiver versuchen, das Regime in Gilead zu unterwandern. Offred war eine absolute Durchschnittsfrau, die den Leser stets mit der Frage konfrontiert „Was hättest Du in meiner Situation gemacht – und mach Dir bloß nix vor“.
Der Roman war völlig hoffnungslos, die Kraft des Romans lag in seinem intimen Portrait völliger Hilflosigkeit.

„The Testaments“ ist dagegen viel Action geladener, viel hoffnungsvoller und dadurch aber vielleicht auch deutlich weniger realistisch. Man folgt den Stimmen dreier unterschiedlicher Protagonisten, die alle drei absolut bereit sind, sich dem System zu widersetzen. Sie riskieren alles, um die Patriarchie zu beenden. Zwei der drei Protagonistinnen sind Teenager, ich glaube, auch Margaret Atwood sieht unsere einzige Hoffnung auf Rettung in der Jugend.

Dieser Wandel wird insbesondere den Fans der TV Serie „The Handmaids Tale“ bekannt vorkommen. Wahrscheinlich haben sowohl Margaret Atwood als auch die Produzenten der Serie das Gefühl, dass die Menschen jetzt einfach Hoffnung und eine Katharsis brauchen, die ein gewonnener Kampf gegen all die Vollidioten in der Welt mit sich bringt.

Nein, keine große Literatur – aber ein sehr unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Die Zeuginnen“ beim Piper Verlag.

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The October Country ist eine Sammlung an Kurzgeschichten ohne jeglichen Science Fiction Bezug, die eher im Bereich des Okkulten, Makabren und Düsteren anzusiedeln sind.

 “The October Country … that country where it is always turning late in the year. That country where the hills are fog and the rivers are mist; where noons go quickly, dusks and twilight linger, and midnights stay. That country composed in the main of cellars, sub-cellars, coal bins, closets, attics and pantries faced away from the sun. That country whose people are autumn people, thinking only autumn thoughts. Whose people passing at night on the empty walks sound like rain.”

Die Kritiken überschlagen sich für diese Sammlung an Kurzgeschichten und sie sind auf jeden Fall gut geschrieben. Es sind definitiv keine „Horrorgeschichten“, denn sie sind nicht sonderlich gruselig, aber sie sind skuril und sie haben teilweise etwas verstörendes.

Passende Lektüre für den Horroctober, kurz vor Halloween. Besonders mochte ich die Geschichten „Skeleton“, „The Emissary“ und „The Scythe“. Ein unterhaltsamer Kurzgeschichtenband, aber komplett umgehauen war ich jetzt nicht.

Auf deutsch erschien dieser Kurzgeschichten-Band unter dem Titel „Familientreffen“ im Diogenes Verlag.

Was ist für euch perfekte Halloween-Lektüre?

Meine Woche

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Gesehen: „What keeps you alive“ (2018) von Colin Minihan mit Hannah Anderson und Brittany Allen. Wunderschöne Landschaft, ein einsamer See aber Lügen und düstere Geheimnisse vergiften das einjährige Jubiläum eines Frauenpaaares in einer Hütte in Kanada. Empfehlenswert.

Green Room“ (2015) von Jeremy Saulnier mit Anton Yelchin und Patrick Stewart. Eine Punkband wird von amerikanischen Neonazi in einem Raum festgehalten und sie versuchen irgendwie raus zu entkommen. Brutal aber richtig gut.

Gehört: „Heavenly“ – Cigarettes after Sex, „Wolf Totem“ – The Hu, „The Sandman“ – PJ Harvey, „Thunderstruck“ – 2Cellos, „Messias“ – Georg Friedrich Händel, „All Mirrors“ – Angel Olsen, „A hidden path“ – Jazzdefector, „You Shadow“ – Sharon Van Etten

Gelesen: Abandoning a cat von Haruki Murakami, diesen Artikel über Rachel Maddows, Why books won’t die, dieses Interview mit Kim Petras, Why are rich people so mean, Inside Aspen the retreat for the liberal elite, The economist Mariana Mazzucato has an idea how to fix capitalism

Getan: in der Sonne am Tegernsee spaziert, meinen nächsten Workshop vorbereitet und Händels Messias gehört und viel gelesen

Geplant: Kopenhagen unsicher machen

Gegessen: Räuchertofu mit Avocado-Mango-Salsa

Gefreut: den Husten losgeworden zu sein

Geweint: nein

Geklickt: auf dieses Interview mit Maggie Smith

Gestaunt: über diese phantastischen Bilder von den Färör Inseln, See what it’s like to fly on the back of an eagle

Geärgert: nein

Gelacht: Don’t try to hug me

Gewünscht: eines dieser Häuser, diese Post-Its, dieses Spiel, diesen Kalender aber als Notizbuch

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: „May you never be the reason why someone who loved to sing, doesn’t anymore. Or why someone who dressed so differently now wears standard clothing. Or why someone who spoke always of their dreams so wildly is now silent about them. May you never be the reason of someone giving up on a part of them because you were demotivating, non-appreciative or – even worse – sarcastic about it. (Shorouk Mostafa Ibrahim)