Washington Black – Esi Edugyan

„A man who has belonged to another learns very early to observe a master’s eyes; what I saw in this man’s terrified me.“

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Erasmus Wilde ist der Master der Faith Plantation in Barbados. Es ist das Jahr 1830 und George Washington Black genannt „Wash“ ist ein zehnjähriger Sklave, der auf den Zuckerohrfeldern arbeitet. Er hat keine Familie, nur Big Kit, eine weitere Sklavin, die auf den Feldern arbeitet und sich um ihn kümmert. Gemeinsam träumen sie davon, nach dem Tod nach „Dahomey“ zurückzukehren.

Erasmus ist der älteste Sohn eines Forschers und Abenteurers, der die Aufgabe hat, die Plantage für die Familie zu leiten. Er kann seinen jüngeren Bruder Christopher, genannt Titch“, absolut nicht leiden, der ebenfalls Forscher und Abenteurer ist. Titch ist auf die Plantage gekommen, um dort ein Fluggerät, seinen „Cloud-Cutter“, eine Mischung aus Heißluftballon und Schiff, zu testen. Dafür benötigt er entsprechendes Gewicht und sucht sich dieses in Form eines kleinen Sklavenjungen aus – Wash.

Zu Titchs Überraschung entpuppt sich Wash als sehr begabter Zeichner, der die Messungen und Notizen von Titch mit Zeichnungen versieht. Der kleine, gänzlich ohne Bildung aufgewachsene Junge gewöhnt sich langsam an das Leben in Freiheit. Kann es für ihn die Möglichkeit geben, ein eigenständiges Leben voller Bildung und Abenteuer zu führen?

“I thought of my existence before Titch’s arrival, the brutal hours in the field under the crushing sun, the screams, the casual finality edging every slave’s life, as though each day could very easily be the last. And that, it seemed to me clearly, was the more obvious anguish- that life had never belonged to any of us, even when we’d sought to reclaim it by ending it. We had been estranged from the potential of our own bodies, from the revelation of everything our minds and bodies could accomplish.”

Nach einem schrecklichen Unfall flieht Titch gemeinsam mit Wash im Cloud Cutter von der Plantage und ein weltumspannendes Abenteuer über die USA, Kanada, die Arktis bis nach Europa beginnt.  Das der rachsüchtige Erasmus eine Belohnung von 1,000 Pfund auf den Kopf des kleinen Wash ausgesetzt hat, ist nicht das einzige Problem mit dem Titch und Wash sich herumschlagen müssen.

„Washington Black“ von Esi Edugyan ist ein großartiger historischer Abenteuerroman, der den Leser auf Washs abenteuerliche und verwirrende Reise mitnimmt. Nachdem er die Plantage verlassen hat, erlebt Wash die unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen und wird gleichzeitig mit dem Rassismus und dem Hass konfrontiert, der Sklaven entgegengebracht wird. Können seine artistischen Fähigkeiten jemals als seine eigenen anerkannt werden? Wird es ihm möglich sein, eine eigene Stimme zu entwickeln?

„Washington Black“ ist eine Charakterstudie des kleinen Wash und ein Kommentar zur Situation der Sklaverei und der Rassentrennung im 19. Jahrhundert.

“You took me on because I was helpful in your political cause. Because I could aid in your experiments. Beyond that I was of no use to you, and so you abandoned me.” I struggled to get my breath. “I was nothing to you. You never saw me as equal. You were more concerned that slavery should be a moral stain upon white men than by the actual damage it wreaks on black men.”

Der Roman stand zu Recht 2018 auf der Longlist des Man Booker Prizes. Die Geschichte ist gelegentlich etwas unglaubwürdig, aber wahnsinnig gut geschrieben macht großen Spaß in seiner üppigen Erzählweise, die an die Abenteuerromane erinnert, die ich früher wahnsinnig gerne gelesen habe. Der Roman hat auch uneingeschränkte Zustimmung im Bookclub erhalten, das passiert gar nicht so häufig bei uns.

Esi Edugyan ist eine Autorin, die ich definitiv im Auge behalten werde. Eine weitere schöne Rezension des Buches findet ihr hier bei Miriam vom Blog 1001 Bücher.

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Meine Woche

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Gesehen: „Dark Encounter“ (2019) von Carl Strathie mit Laura Fraser. Spannende Alien-Abduction Geschichte, nur das Ende war etwas schwach.

Akira“ (1988) von Katsuhiro Otomo. Knallbunt, wild, sexy, düster, visionär und sehr intensiv. Anime der sich anfühlt wie eine Achterbahnfahrt.

Private Life“ (2018) von Tamara Jenkins mit Kathryn Hahn und Paul Giametti. Humorvolles Drama um ein Paar das unbedingt ein Kind haben will.

Caché (2005) von Michael Haneke mit Juliette Binoche und Daniel Auteuil. Ein Ehepaar wird von einem Unbekannten beobachtet und mit Videomitschnitten terrorisiert.

Gehört:  „Tick of the clock“ – Chromatics, „Kaneda’s Theme“ – Akira, „December Song“ – Jodie Lowther, „Orgiastic“ – Stereolab, „The Utumis Shrine“ – SiJ, „Fear Inoculum“ – Tool, „Shredder“ – Upsetter, „Blood Year“ – Russian Circles

Gelesen: Simone de Beauvoir on strong women, Elif Shafak on british politics, dieses Interview mit Brad Pitt, warum so viele Buchcover gleich aussehen, ein Ökonom (Nobelpreis) besucht Burning Man, Laurie Penny on how nerds are reinventing pop culture und Ted Chiangs „It’s 2059 and the rich kids are still winning“

Getan: einen wirklich tollen Workshop in Dortmund durchgeführt, viel Zug gefahren, den Bookclub und das Fantasy Filmfest besucht und endlich wieder im eigenen Bettchen geschlafen

Geplant: unser Reading Retreat mit dem Bookclub nächste Woche im Zillertal

Gegessen: ein tolles Menu im Salt

Gefreut: über den Traum meiner Chefin 🙂

Geweint: über den Femizid in Istanbul und über die Skulpturen von Bruno Catalano

Geklickt: auf „A new view of the Moon

Gelacht: über den Praktikanten bei Penguin

Gestaunt: über diese Mathe-Shortcuts

Gewünscht: diese Teebeutel, dieses Hoverboard und einen Besuch in diesem japanischen Ryokan

Gefunden: nix

Gekauft: Zeitungen

Gedacht: „No! This is precisely the time when artists go to work. There is no time for despair, no place for self-pity, no need for silence, no room for fear. We speak, we write, we do language. That is how civilizations heal.“ (Toni Morrison)

Women in Science (21) Maria Mitchell

„We have a hunger of the mind which asks for knowledge of all around us, and the more we gain, the more is our desire,”

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Die bahnbrechende Astronomin und Sklavereigegnerin Maria Mitchell (1818 – 1889) war eine der ersten amerikanischen Wissenschaftlerinnen, die es schon zu Lebzeiten zu relativ großer Berühmtheit brachte.

Sie wuchs in den ersten Tagen des Liberalismus auf, als Sozialreformer zwar begannen, sich darum zu bemühen, den Armen zu helfen, in der aber nach wie vor mehr als die Hälfte der Bevölkerung – Frauen und People of Color – weder wählen, noch Eigentum besitzen oder höhere Schulbildung genießen konnten. Dieser Tatsache war Maria Mitchell sich ein Leben lang stets bewusst und es schmerzte sie zu sehen, wie der intellektuelle und kreative Hunger so vieler Menschen unterdrückt wurde.

Maria Mitchell wurde in Nantucket, Massachusetts in eine Quäker-Familie hineingeboren. Einer der Grundsätze der Quäker beruht in der intellektuellen Gleichstellung von Männern und Frauen und Maria erhielt daher die gleiche Schulbildung wie die Jungen in ihrem Umfeld. Ihr Vater war ein hingebungsvoller Lehrer, der früh ihr Interesse an Mathematik und Astronomie erkannte. Überhaupt war Nantucket ein Ort, in dem Frauen ein recht unabhängiges Leben führten, wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass der Ort überwiegend vom Walfang lebte und die Männer oft monatelang auf See waren, so dass die Frauen sich selbständig um die Dinge des Alltags kümmerten.

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Mit 12 Jahren berechnete Maria gemeinsam mit ihrem Vater die bevorstehende Sonnenfinsternis. 1835 öffnete sie ihre eigene Schule und ließ auch nicht-weiße Kinder am Unterricht teilnehmen, eine kontroverse Entscheidung, die für einige Diskussionen sorgte. Ein Jahr später wurde ihr der Job als Bibliothekarin im Nantucket Atheneum angeboten, ein Job, den sie über 20 Jahre lang behalten sollte.

Mitchell war die erste Frau, die die Goldmedaille gewann, die der dänische König Frederick ausgelobt hatte, für alle die, die Kometen entdeckten, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind.  Insgesamt war sie nach Caroline Herschel und Maria Margarethe Kirch die dritte Frau überhaupt, die einen Kometen entdeckte. Ihre Entdeckung verhalf der amerikanischen Astronomie zu größerer Bedeutung, die bis dahin von den europäischen Astronomen eher belächelt wurde.

“In my younger days, when I was pained by the half-educated, loose and inaccurate ways women had, I used to say, „How much women need exact science“. But since I have known some workers in science, I have now said, „How much science needs women.”

Ab 1865 begann sie im Vassar College zu unterrichten. Sie fing an Sonnenflecken zu beobachten und ab 1873 mit ihren Studentinnen täglich Fotografien von der Sonne anzufertigen. Es war die erste systematische Untersuchung der Sonne überhaupt.

Mit Mitte 40 machte Maria Mitchell eine Reise durch Europa, wo sie die berühmtesten Wissenschaftler und Künstler der alten Welt besuchte. Bei ihrer Rückkehr erwartete sie das für sie größte Geschenk: In einer der ersten Crowdfunding-Kampagnen überhaupt wurde Geld für sie gesammelt, um ihr ein Teleskop mit 12 cm Durchmesser zu schenken.

Foto: Brainpickings

Sie hatte schon während ihrer Europa-Tour von einem eigenen Observatorium geträumt und das Teleskop war eine phantastische Überraschung für sie. Hinter der ehemaligen Schule ihres Vaters errichtete sie eine Kuppel mit knapp 3,5 m Durchmesser.

Privat war sie mit Nathaniel Hawthorne, Ralph Waldo Emerson, Herman Melville, Frederick Douglass und Sojourner Truth befreundet. 1888 begab sie sich in den Ruhestand und starb nur ein Jahr später mit 70 Jahren an einer Gehirnerkrankung.

Das Observatorium in Nantucket ist nach ihr benannt und sie bleibt weiterhin eine der bekanntesten und bahnbrechensten Astronominnen der USA.

Wer mehr über diese faszinierende Frau erfahren möchte, Maria Popova  schreibt ausführlich über Maria Mitchell in ihrem Buch „Figuring

Meine Woche

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Gesehen: „La belle saison“ (2015) von Catherine Corsini. Delphine und Carole finden den Feminismus und die Liebe in den 1970ern in Paris und auf dem Land. Sehr schöner Film.

Drag me to Hell“ (2009) von Sam Raimi. Christine hat einen guten Job, einen netten Freund und eine strahlende Zukunft aber in drei Tagen wird sie in der Hölle landen. Solider Horror.

Gehört: „Move over“ – Janis Joplin, „Neu!“ – Neu!, „Tow’rs“ – Vanilla Pines, „17“ – Sharon van Etten, „Trackerplatz“ – 65daysofstatic, „Deranged for Rock & Roll – Chelsea Wolfe, „Death is not the end“ – Kylie Minogue, Nick Cave, Shane McGowan & Blixa Bargeld, „Warm Leatherette“ – Grace Jones

Gelesen: dieses Interview mit Linda Hamilton und dieses mit Margaret Atwood zu ihrem neuen Buch „The Testaments“, The tyranny of the ideal woman, How the prison economy works, why are there so many weird tech patents? A woman’s greatest enemy? A lack of time to herself

Getan: einen sehr schönen Abend mit Freunden in einer Weinbar verbracht, die lieben Schwiegereltern in Dortmund getroffen und den BVB gewinnen sehen und das Stadion angeschaut

Geplant: einen richtig guten Leadership Workshop durchführen und später noch lesen auf der Dachterrasse

Gegessen: Penne Arrabiata mit Walnuss-Parmesan

Gefreut: Orphan Black geht als Hörbuch/ebook weiter 🙂

Geweint: nein

Geklickt: auf diesen Bericht über den Tiefseeforscher Oliver Franklin-Wallis und auf Women you should know

Gelacht: I pay therefore I am

Gestaunt: über die tollen Bilder in der Saul Leiter Ausstellung in München

Gewünscht: diese Blumenampeln, diese Wohnung, dieses Haus

Gefunden: The scarlet Letter von Nathanial Hawthorne im Bücherschrank in Dortmund

Gekauft: nix

Gedacht: „Because you are a girl“ is never a reason for anything. Ever.“ – Chimamanda Ngozi Adichie

Women in Science (20) Maria Sibylla Merian

Als ich diese Reihe begann hätte ich niemals damit gerechnet, wie schwierig es ist unter meinen Blogger-Kolleginnen und Kollegen Mitstreiter für diese Reihe zu finden. Um so mehr freue ich mich, mit Birgit von Sätze und Schätze eine „Wiederholungstäterin“ zu haben, die auch schon bei den „Women in SciFi“ dabei war. Heute stellt sie uns eine sehr spannende Frau vor, die aufgrund ihrer genauen Beobachtungen und Darstellungen zur Metamorphose der Schmetterlinge sie als wichtige Wegbereiterin der modernen Insektenkunde gilt. Vorhang auf für

Maria Sibylla Merian – Die Frau der Metamorphosen

Surinam! Schon der Name klingt wie eine exotische Verheißung. Zwar steht das kleinste unabhängige Land Südamerikas nicht auf der Top Ten der Reiseländer, doch ist es für Touristen inzwischen relativ bequem zu besuchen. Doch was bewegte im Jahre 1699 eine Frau, die sich von Amsterdam zu einer nicht ungefährlichen Seereise aufmachte, dazu, die Strapazen und Gefahren solch eines Unternehmens auf sich zu nehmen? Es war, um es kurz zu machen, der reine Forschungstrieb.

Der Aufenthalt in der niederländischen Kolonie Surinam, den sie wegen gesundheitlicher Beschwerden 1701 vorzeitig beenden musste, das war sicher das größte Abenteuer im Leben der Maria Sibylla Merian, die aber auch sonst nicht über mangelnde Beschäftigung und Abwechslung klagen konnte. Mit der erstmaligen Erforschung der Flora und Fauna Surinams war die gebürtige Frankfurterin im Grunde die Wegbereiterin für Alexander von Humboldt und andere, die naturwissenschaftliches Interesse nach Südamerika zog.

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Welche Bedeutung die Forscherin heute noch für das kleine Land hat, zeigt sich das Geschenk, dass die Niederlande der ehemaligen Kolonie 1975 zur Unabhängigkeit machte: Surinam erhielt eine der raren Originalausgaben der „Metamorphosis insectorum Surinamensium“. Das opulente Werk mit Kupferstichen und Texten, das als Folioausgabe erschien und von Merian zum Teil handkoloriert wurde, gilt als ihr Hauptwerk, die wenigen erhaltenen Originalbände sind inzwischen bibliophile Kostbarkeiten.

Wer aber war diese Frau, die sich wegen einiger Insekten und Raupen, um es salopp auszudrücken, in solche Abenteuer stürzte?

Maria Sibylla Merian wird am 2. April 1647 in Frankfurt geboren. Sie stammt aus der berühmten Verlegerfamilie, jedoch aus der zweiten Ehe von Matthäus Merian dem Älteren. Der Vater stirbt bereits drei Jahre nach ihrer Geburt, die Mutter heiratet erneut, den Maler Jacob Marrel. Die künstlerische Ader ist ihr bereits als Talent schon durch die väterliche Familienseite mitgegeben, der Stiefvater wird dieses Talent fördern und ihr den Weg für ihre spätere berufliche Karriere bereiten.

Der Name Merian nutzt der kleinen Familie zunächst wenig: Maria Sibyllas Halbbrüder übernehmen die Verlagsgeschäfte, die Stiefmutter, nun verwitwet, wird gemieden und finanziell abgespeist. Maria Sibylla geht also schon in frühen Jahren beim Stiefvater Marrel sozusagen in die Lehre, arbeitet in dessen Atelier – oder besser Kunstwerkstatt – mit. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit, wie die Merian-Biographin Barbara Beuys hervorhebt:

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„Zu sehr hat das 19. Jahrhundert, als Bürgertöchter keinen Beruf erlernen durften, weil standesgemäßes Frauenleben sich nur mit Kindern, am Herd und im häuslichen Salon abspielte, den Blick dafür verstellte, dass in ferneren Epochen Gleichberechtigung Realität war – bei Handwerkern wie bei Kaufleuten. (…) Die mittelalterliche Stadt hatte die Frau aus der Vormundschaft ihrer Verwandten und ihres Mannes befreit; sie wurde eine Person eigenen Rechts und war geschäftsfähig. Finster dagegen war die moderne Zeit.“

Diese hohe Selbständigkeit und Unabhängigkeit wird sich Maria Sibylla Merian auch im weiteren Lauf ihres ungewöhnlichen Lebens bewahren. Von ihrer Herkunftsfamilie bekommt sie dafür das nötige Rüstzeug mit: Neben ihrem künstlerischen Talent die entsprechende Ausbildung und kaufmännisches Geschick. Später wird sie dies als Verlegerin ihrer Werke – heute wäre sie „Selfpublisherin“ – gut gebrauchen. Neben der künstlerischen Ader ist die junge Merian jedoch auch noch von einer anderen Eigenschaft geprägt: Einer unbändigen Neugier auf alles, was kreucht und fleucht.

Aus den wenigen Quellen geht nicht eindeutig hervor, warum sich die 13-jährige plötzlich mit Seidenraupen beschäftigte – ein doch etwas ungewöhnliches Hobby zu jener Zeit. Barbara Beuys, die 2016 ihre ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Merian-Biographie veröffentlichte, verweist auf den damals gängigen Handel mit Seide und Seidenraupen, der Bruder von Merians Stiefvater ist ebenfalls in diesem Metier tätig. Im Vorwort zu ihrem Surinam-Buch schreibt sie:

„Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung der Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupenarten viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen. Das veranlasste mich, alle Raupenarten zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten. Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen.“

Woher auch immer das Interesse kam, „das junge Mädchen füttert in einer Spanschachtel, die geschlossen, aber mit Luftlöchern versehen ist, über Tage und Wochen eine Seidenraupe. Es beobachtet, wie das Tier mit dem Spinnen des Seidenfadens beginnt und nach acht Tagen von einem festen Seidenkokon umgeben ist.“ Es ist der Beginn einer Karriere, die Maria Sibylla Merian in den Rang einer der wegweisenden Insektenforscherinnen erheben wird, auch wenn sie manchmal einseitig nur als „Künstlerin“ wahrgenommen wird. Tatsache aber ist, dass sie durch ihre jahrzehntelange Beobachtung und Protokollierung der Entwicklung von Raupen, deren Nahrungsgewohnheiten, deren Entwicklungsstadien usw., die Grundlagen für die moderne Insektenforschung mitbestimmte. Barbara Beuys betont:

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„Forschung und Kunst, Kunst und Forschung sind bei Maria Sibylla Merian nach ihrer eigenen Auskunft von Anfang an eine ausgewogene Partnerschaft eingegangen. Es gab keinen Bruch. Sie war nicht hin- und hergerissen, sondern führte die beiden Begabungen auf ideale Weise zusammen.“

1665 heiratet Maria Sibylla den Maler Johann Andreas Graff, ebenfalls ein Schüler ihres Vaters. Das Paar bekommt zwei Töchter, die das naturwissenschaftliche Interesse der Mutter später teilen, sie in ihrer Arbeit unterstützen und das Ganze zu einem Familienunternehmen ausbauen. Doch zunächst ist ein Ortswechsel angezeigt: 1670 zieht die Familie nach Nürnberg, wo die junge Frau durch Zeichenunterricht und den Handel mit Malutensilien zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt. In Nürnberg entstehen zudem ihre ersten Bücher. Das „Neue Blumenbuch“, ein Musterbuch für stickende Damen, und das zweiteilige „Raupenbuch“. Es muss recht eigenartig ausgesehen haben in diesem Haushalt: Neben den Handwerksutensilien der Maler standen wohl allerorten Schachteln mit Raupen und es konnte, wie Barbara Beuys hinweist, durchaus geschehen, dass die Hausfrau beim Bearbeiten von Geflügel mehr Interesse für Maden aufbrachte, die sie im Inneren der Vögel fand, als für die Zubereitung des Mittagessens.

Painted portrait of Maria Sibylla Merian

Foto: Wikipedia

Daran ist die Ehe wohl nicht gescheitert – die eigentlichen Gründe dafür werden für immer im Dunkeln bleiben. Allerdings ist das Geschehen, wie Briefzeugnisse zeigen, vor allem für Johann Andreas Graff dramatisch: Nach zwanzig Jahren Ehe beschließt die Merian, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Töchtern in eine urchristliche Kolonie im niederländischen Friesland zu ziehen. Was Barbara Beuys über das Leben der Labadisten schreibt, erinnert an strenges, engherziges Sektierertum – dennoch aber scheint Maria Sibylla Merian hier den nötigen Abstand und die Ruhe für ihre Arbeiten zu finden. 1692 wird die Ehe geschieden.

1691 zieht sie nach Amsterdam, damals das Tor zur Welt. Es gelingt ihr auch dort wieder, ein eigenes Leben, eigene Geschäftstätigkeit und Beziehungen aufzubauen. Mit ihrem anschließenden Umzug nach Amsterdam habe sich Merian wiederum „genau die internationalen Kontakte“ gesucht, die sie für ihre weitere Forschungsarbeit benötigt habe, meint Barbara Beuys:

„Amsterdam war damals die Weltmetropole. Dort kamen Schiffe an aus aller Welt, mit exotischen Gewürzen aber auch Pflanzen und Tieren. Und dort ist sie ein- und ausgegangen bei den Gelehrten, sie war befreundet mit dem Bürgermeister, auch das in damaliger Zeit kein Problem.“ 

Und vielleicht trieb sie auch dabei die Neugier auf ein fernes Land namens Surinam an: Denn die frühpietistische niederländische Sekte, der sie angehörte, war eng mit dem Gouverneur von Surinam verbunden, schon in Friesland muss sie viel über die Kolonie erfahren haben. Dennoch: Von der Neugierde bis zur selbstfinanzierten Forschungsreise ohne männlichen Begleitschutz ist es ein weiter Weg. Das ganze Vorhaben war seinerzeit die reinste Sensation, viele Freunde rieten der Merian von der Reise ab. Ohne Erfolg: 1699 schiffte sie sich ein.

Zwar von der Malaria und anderen Krankheiten geschwächt nahm die Forscherin nach ihrer Rückkehr zu den Grachten 1701 ihr geschäftiges Leben wieder auf. Auch nach einem Schlaganfall arbeitete sie noch bis zu ihrem Tod 1717 trotz der körperlichen Einschränkungen weiter. Zumal ihr auch nichts anderes übrig blieb: Trotz ihrer guten Kontakte und vielfältigen Beziehungen, trotz ihres Handels mit Malutensilien und dem Verkauf ihrer Bilder und Präparate sowie anderer geschäftlicher Unternehmungen: Maria Sibylla Merian verstarb unvermögend. Viel Geld wird in die von ihr mit viel Aufwand und Liebe zum Detail erstellten Bücher geflossen sein.

Und gerade deshalb, weil sie sich diese Neugier an einem bis dahin unbeachteten Element der Natur – Insekten waren für die Forscher jener Zeit kein bemerkenswerter Gegenstand – von ihren Mädchenjahren bis ins hohe Alter bewahrte, weil sie sich von der Lust an der Erkenntnis leiten ließ, gerade deshalb kann man von einem erfüllten Leben sprechen. Barbara Beuys schreibt:

„Was von Maria Sibylla Merian bleibt, ist das Bild einer Persönlichkeit, deren Leben trotz der selbstgewählten Umbrüche und inmitten des dramatischen Übergangs von mittelalterlichen Gewissheiten in eine moderne, ungewisse Zeit, gelassen und beständig verlief. Maria Sibylla Merian behauptet sich neben ihren eindrucksvollen Büchern als eine Frau, die verwirklichte, was sie früh als ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten erkannte. Die mit konzentriertem Ernst und Ehrgeiz bei der Sache war.“

 

Otto – Dana von Suffrin

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Um Familienromane mache ich in der Regel einen Bogen – insbesondere, wenn Patriarchen darin eine tragende Rolle spielen. Daher wollte ich „Otto“ schon gelangweilt auf Seite packen, doch klugerweise habe ich erst einmal in das Buch hineingelesen, bevor ich mich mit meinem vorschnellen Urteil um ein großes Lesevergnügen gebracht hätte.

Otto, besagter Familienpatriarch, ist tatsächlich ein sehr anstrengender Zeitgenosse, der selbst aus dem Krankenhaus heraus seine beiden Töchter noch ordentlich auf Trab hält. Er macht den beiden ganz selbstverständlich klar, solange er da ist, haben sich die beiden um ihn zu kümmern und sich für ihn auf zu opfern, das sei nun einmal so in einer Familie und in einer jüdischen Familie gleich dreimal.

So unvernünftig, aufbrausend und nervend Otto ist und sein kann, im Laufe des Buches schleicht er sich tatsächlich in mein Herz und ich leide mit seinen Töchtern Timna und Babi mit, denen es schwerfällt, ihren Vater loszulassen, so sehr sie ihn früher ganz gerne losgeworden wären. Und er geht ihnen ganz schön auf die Nerven mit seinen Marotten, seinem Geiz und den ständigen Anrufen. Seine Pflege stellt insbesondere Timna vor große Herausforderungen, aber gleichzeitig gibt es ihr auch die Möglichkeit, in ihre eigene Familiengeschichte einzutauchen.

„Jetzt musst du dich noch entschuldigen, sagte Otto, dann ist alles gut, und wir können bald wieder einen neuen Streit beginnen.“

Timna erzählt ihre Familiengeschichte, die voller Höhen und Tiefen steckt und die gleichzeitig saukomisch und tieftraurig ist. Otto war noch nie einfach, aber er hat es auch wirklich nicht leicht gehabt im Leben. Er wurde in Rumänien geboren, überlebte im Gegensatz zu großen Teilen seiner Familie den Holocaust, siedelte nach Israel um und mußte dort gleich viermal in den Krieg ziehen, um seine neue  Heimat zu verteidigen, bevor er beschloss ausgerechnet Deutschland, die Heimat seiner früheren Verfolger, zu seiner künftigen Heimat zu machen.

„Ich liebe euch, rief Otto, ihr seid alles was ich habe. Und ich bin alles, was ihr habt. Diesen Satz meinte er genau so, wie er ihn sagte.“

Dana von Suffrins gelang es mit viel Humor und auf wunderbare Weise, das Bild eines Lebens zu zeichnen, das voller Schrecken und Diskontinuitäten steckte. Eine Familiengeschichte, die mir in Erinnerung bleiben wird und die ich sehr gerne gelesen habe und bei der ich stellenweise schallend gelacht habe.

Einziger kleiner Kritikpunkt – mir war Otto manchmal fast ein wenig zu schablonenhaft und es wurde kaum ein Klischee ausgelassen. Aber wir reden hier von jammern auf hohem Niveau. Ich bin auf jeden Fall auf das nächste Buch von Dana von Suffrin gespannt, ein wirklich gelungenes Debüt.

Katharina hat den Roman ebenfalls auf ihrem Blog „Kulturgeschwätz“ sehr umfassend und großartig besprochen, den Link findet ihr hier.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

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Gesehen: „Stranger Things Season 3“ (2019) Die perfekte Serie um den Sommer zu verabschieden. Freue mich schon auf die nächste Staffel.

Under the Silver Lake“ (2018) von David Robert Mitchell mit Andrew Garfield. Comedy meets Neo-Noir. Eine abgefahrene Verschwörungsgeschichte im wunderschönen Los Angeles.

Gehört: „It’s coming, it’s real“ – The Swans, „This country makes it hard to fuck“ – Fever Ray & Björk, „Piano Concerto No 1″ – Giovanni Paisiello, „Happiness is a butterfly“ – Lana del Rey, „Dlp 1.3“ – William Basinski, „Suite Castor et Pollux“ – Jean-Philippe Rameau

Gelesen: dieses Interview mit Mark Blyth „The crisis of globalization“, The tyranny of the ideal woman, A company that hired everyone and started a movement, Ruby Rose has no time for critics, If Yuval Noah Harari’s „Sapiens“ were a blog post, Facial recogniction turned on at summer camps und wie #dichterdran zum Twitter Phänomen wurde

Getan: eine Lesung besucht, im Biergarten kalte Füße bekommen und mit Freunden zum Essen getroffen

Geplant: die Erkältung noch abbiegen zu können und eine Reise nach Kopenhagen

Gegessen: leckeres vietnamesisches Essen hier und hier und  sehr guten Zwetschgen-Streuselkuchen

Gefreut: dass es der Freundin meines Bruders wieder besser geht und über den Cardigan den mir die Bingereader-Gattin genäht hat

Geweint: nicht aber ich fand es schon sehr süß, wie der kleine Junge hier gemerkt hat, dass es dem anderen nicht gut geht

Geklickt: auf diese super spannende und informative Economics-Vorlesung (How we got here and why) und ein Münchner Jutebeutel erobert New York

Gelacht: über Cloudzilla,   diese Tampax-Werbung und dieses Foto erinnerte mich an Margaret Atwoods „Handbags Tale

Gestaunt: über diese Muschel auf Speed

Gewünscht: diese Kamera, dieses Auto, diesen Mantel

Gefunden: nix

Gekauft: eine Opernkarte für Händels „Alcina“ in Düsseldorf und Tickets für Boy Harsher

Gedacht: „I rise in the morning torn between a desire to improve the  world and a desire to enjoy the world. This makes it hard to plan the day. (E. B. White)