Meine Woche

Foto: Ivana Bilz

Gesehen: Fear Streat 1994 (2021) von Leigh Janiak mit Kiana Madeira, Olivia Scott Welch und Benjamin Flores. Amerikanischer Teen Slasher Film mit coolem Soundtrack, die Geschichte selbst und die Umsetzung hat mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Kann man schauen, muss man aber nicht.

David Attenborough: A life on our planet (2020) von Alistair Fothergill. Großartige Doku die hoffentlich genug Menschen dazu aufrüttelt die Erderwärmung ernst zu nehmen und endlich die Natur in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die Wirtschaft. Unbedingt anschauen.

Gehört: Smells like teen spirit – Malia J, Recoil, Ignite – Mono, Good Girls – Chvrches, Creep 2021 Rmx – Thom Yorke, Perpetual flame of Centralia – Lingua Ignota, Canopy – Lauge, Surrender – Birdy, After the bombs silence – Echo says Echo, So why not save the world – Pink turns Blue, A carefully controlled space – Soft Generator

Gelesen: Anna Sauerbrey on german politicans on autopilot, Leave the Billionaires in Space, Armin Laschet wird zum Problem für die CDU, Warum so viele im Altbau wohnen wollen, Luxury Surveillance, dieses Interview mit Ali Smith, E-Autos sind besser als ihr Ruf, The Making of „Carol

Getan: mit lieben Freunden getroffen, lecker gegessen und den großen orangenen Mond bewundert, mein Radl aus der Reparatur geholt, Geburstagsgeschenke besorgt und viel gelesen

Gegessen: Vegane Zucchinispaghetti mit Pfifferlingen

Gefreut: wie sehr einem Princess Charming den Glauben an die Menschheit zurückgeben kann 😉 und über den Mut tausender Menschen bei der LGBTQ+ Pride in Budapest

Geweint: nein

Geärgert: nein

Geklickt: auf diese 6-teilige Podcast Reihe „WTF happened to Ken Jebsen„, hier eine Sammlung von Medien die in Murakami-Büchern vorkommen

Gestaunt: über diese Cymatic/Resonanz Experimente, Riesige DNA-»Borg«-Strukturen verblüffen Wissenschaftler, Menschen können am Gesicht von Erkrankten ablesen, dass diese nicht gesund sind, in Finland werden die Geweihe von Rentieren mit Leuchtfarbe bemalt, Velella velella

Gelacht: People making fun with statues

Gewünscht: diesen aufblasbaren Pool, diese Fototapete, diese Boxhandschuhe

Gefunden: nix

Gekauft: alkoholfreien Gin

Gedacht: We really have to stop expecting the ultra-wealthy to also be benevolent philanthropists. They didn’t get rich because they’re inherently good or smart. And it’s a fallacy that billionaires are genius innovators. They’re not.

They’re billionaires because they got really good at a really bad game: late-stage capitalism. It’s a game you win by breaking laws, abusing the labor force, and manipulating governments. It’s a game that rewards venality, and it’s a game that values not having any values. Because no one earns a billion dollars. Billionaires exist because something went horribly wrong on our watch.
So our rage is misdirected. Our collective anger should be laser-focused on the people who built and maintain the system that allowed these flaccid Bond villains to thrive. //Sarah Stockdale

Meine Woche

Gesehen: Sunshine (2007) von Danny Boyle mit Cillian Murphy und Michelle Yeoh. SciFi um ein Team an Astronauten die die Sonne wiederbeleben wollen um die Erde zu retten. Düster, großartige Bilder, wunderschöner Soundtrack – toller Film.

Booksmart (2019) von Olivia Wilde mit Beanie Feldstein und Kaitlyn Dever. Zwei akademische Teenager-Superstars erkennen am Vorabend ihres Highschool-Abschlusses, dass sie weniger hätten arbeiten und mehr hätten spielen sollen. Sie versuchen vier Jahre verpassten Spaß in eine Nacht zu packen. Echt witzig – hat mir sehr gefallen.

Princess Charming (2021) LGBTQ+ Dating show. Nicht eigentlich mein Genre, ist aber deutlich unterhaltsamer und interessant als ich dachte. So viele spannende, interessante, kluge Frauen…

Gehört: Dust – Pan Daijing, Jour 1 – Hildegard, Far from Ideal – Divide & Dissolve (Chelsea Wolfe Remix), Adagio in D Minor (Sunshine) – John Murphy, Head Cheerleader – Pom Pom Squad, Thirstier – Torres, Crooked Teeth – OSKA, High – Red Ribbon, Partner in Crime – Lucy Dacus, Resonance – Yumiko Morioka, Phantasiai – Leila Abdul-Rauf, Dilogia – MUHD, Heven – O SAALA SAKRAAL

Gegessen: viel Salat und leckeres Chicken Tikka

Gelesen: Flut in Deutschland – Bilder der Zerstörung und der Solidarität, What makes a cult a cult?, Warum ich mich bei Bewerbungen direkt als lesbisch oute, These Chinese Millennials Are ‘Chilling,’ and Beijing Isn’t happy, dieses Interview mit David Duchovny, diesen Artikel über die CALM app, do you want AI to be conscious? The best way to succeed as a female artist is to be old

Getan: einen Workshop im Büro durchgeführt, mit lieben Freundinnen getroffen und lecker gegessen, schlaflos durch die Wohnung geirrt und Geburstagsgeschenke gekauft

Gefreut: über mein Abschiedsgeschenk vom ex-Arbeitgeber nach über einem Jahr

Geweint: über die schreckliche Flutkatastrophe und die vielen Opfer

Geärgert: über diese sinnlose brutale Polizei-Aktion in London

Geklickt: Nawal El Saadawi on feminism, fiction and the illusion of democracy the world’s top 50 thinkers, Accidental Renaissance, tauende Permaböden werden zur Gefahr

Gestaunt: Star Trek’s Warp Drive Leads to New Physics, Mariko Kusumotos beautiful transluscent textile sculptures, Facts about living in space, Robots making Pizza

Gelacht: über Handtaschen

Gewünscht: diesen Schreibtisch, dieser Balkon, diese Wohnung

Gefunden: nix

Gekauft: Geburtstagsgeschenke

Gedacht: What would it take for us to spend even a fraction of our time and energy and attention on the chronic instead of the urgent?
//Seth Godin

#WomeninSciFi: New York Ghost – Ling Ma

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Ling Ma erzählt in „New York Ghost“ die Geschichte von Candace Chen, einer Millennial-Frau, die viel zu viel arbeitet und einen Großteil ihres Lebens in einem Büroturm in Manhattan verbringt. Da beide Eltern kürzlich verstorben sind und sie keine andere Familie oder enge Freunde hat, hat sie kaum etwas anderes zu tun, als zur Arbeit zu gehen und mit ihrem Freund in einem Keller in Greenpoint Filme zu schauen. Candace empfindet daher wenig Emotionen, als das Shen-Fieber ausbricht, eine Seuche, die Menschen in gewaltlose Zombie-Versionen ihrer selbst verwandelt, die dazu verdammt sind, dieselben Routineaufgaben immer und immer wieder zu wiederholen, bis sie irgendwann bewusstlos werden und sterben. Die Routinen der ewigen Wiederkehr. Die Geschichte wechselt zwischen Candace‘ Leben vor dem Shen-Fieber und danach, als sie mit einer Gruppe von Überlebenden durch das apokalyptische Amerika reist, die vom machthungrigen, autoritären Bob angeführt wird.

„Ich habe immer in dem Mythos New York gelebt, mehr als in seiner Realität“

„New York Ghost“ ist unglaublich atmosphärisch. Während des Lesens fühlte ich mich klaustrophobisch, gefangen und gleichzeitig gefesselt von der Geschichte – ähnlich wie sich vermutlich viele Millennials im Neoliberalismus/Spätkapitalismus unserer Zeit fühlen. Die Rück- und Vorblenden haben hier gut funktioniert, da sie dazu dienten, Candace‘ Charakter und Hintergrundgeschichte zu vertiefen und gleichzeitig die Erzählung voranzutreiben. Innerhalb dieser dichten, fesselnden Handlung fügt Ma Kommentare über die tödlichen, verheerenden Auswirkungen des Kapitalismus ein, die für eine gute Balance zwischen dem pandemischen und dem gesellschaftspolitischen Teil des Buches sorgen. Alle Elemente dieser Geschichte – die Zombie-Apokalypse, Candaces Erwachsenwerden, das Eintauchen in das Firmenleben – kommen auf eine düstere, fesselnde und unaufhaltsame Weise zusammen.

Ma hat einen dystopischen Zombie-Roman geschrieben, der sich mit der Frage beschäftigt, warum man sich vor der Zombie-Apokalypse fürchten sollte, wenn wir alle doch bereits irgendwie Zombies sind? Ma zielt auf unsere extrem schnelllebige, materialgetriebene, im Internet existierende Gesellschaft ab, sie nimmt traditionelle Rollen genauso ins Visier wie Nostalgie und die Schönfärberei der „Vergangenheit“. Kapitalismuskritik trifft auf Zombies und Pandemie.

Eine clevere, spannende, gelegentlich zynische und gleichzeitig wichtige Lektüre, die mich dazu gebracht hat, viel darüber nachzudenken, was in meinem Leben am Wichtigsten ist. Eine Autorin, die ich definitiv im Auge behalten möchte und auf deren nächstes Buch ich schon sehr gespannt bin.

Meine Woche

Gesehen: Black Widow (2021) von Cate Shortland mit Scarlett Johansson und Florence Pugh. Freu mich sehr auf den heutigen Kino-Abend.

8 1/2 (1963) von Federico Fellini mit Marcello Mastroianni und Claudia Cardinale. Großartige Bilder, tolle Ästhetik aber insgesamt bin ich in diese verwirrende Geschichte nicht wirklich rein gekommen.

Gehört: SOS – Portishead, Nicotine Love – Tricky & Ajeya, Machine Learning Experiments – Augustus Muller, Spiral – Ólafur Arnalds, NDA – Billie Eilish, Just like honey – Annie, A Bird could love a fish – Lissie, Rae Street – Courtney Barnett, Sleeping in separate rooms – Planning for Burial

Gelesen: How people learn to be resilient – Maria Konnikova, Annalee Newitz on why Civilizations don’t die but transform, Rebecca Solnit’s when the hero is the problem, Mark Macnamara why people feel like victims, The Lost Man, über das Schlafen

Getan: eine lange schöne Wanderung, mit einer guten Freundin die Nacht durchgequatscht, auf dem Balkon Prosecco getrunken und ins Kino gegangen, laufen gegangen

Gegessen: viel Salat und leckeres Chicken Tikka

Gefreut: über ein sehr hübsches Notizbuch und Bücher-Post vom Steidl Verlag

Geweint: nein

Geärgert: über den Sonnenbrand in meinen Kniekehlen

Geklickt: 18 forbidden places you can’t visit, Lava, auf diesen Twitter-Thread zu „interesting facts„, 30 Tipps für einen nachhaltigen Haushalt

Gestaunt: über diese Siesta-Elefanten,

Gelacht: über Boris Johnson

Gewünscht: diese Kommode, dieses Weinregal, diese Stereoanlage

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: „Our ability to reach unity in diversity will be the beauty and the test of our civilization.“ – Mahatma Gandhi

Große gemischte Tüte

Es ist zu warm für lange Rezensionen, daher ein sommerlich kurzer Überblick über die Bücher der letzten Wochen:

An diesem wunderbaren Buch habe ich ein paar Monate hingelesen. Alle paar Tage ein paar Seiten – ein echtes Schmuckstück:

Dieses Buch zeigt Objekte, die frühere Zivilisationen – oft zufällig – hinterlassen haben, um diese als Prismen zu verwenden, durch die der Leser vergangene Welten erkunden kann. Die Bandbreite des Buches ist enorm. Es beginnt mit einem der frühesten erhaltenen, von Menschenhand hergestellten Objekte, einem Hackwerkzeug aus der Olduvai-Schlucht in Afrika, und endet mit einem Objekt aus dem 21. Jahrhundert, das die Welt repräsentiert, in der wir heute leben.

Neil MacGregors Ziel ist es, diese Dinge nicht einfach nur zu beschreiben, sondern uns ihre Bedeutung zu zeigen – wie eine Steinsäule von einem großen indischen Kaiser erzählt, der seinem Volk Toleranz predigte, wie spanische Münzen vom Beginn einer globalen Währung erzählen oder wie ein frühes viktorianisches Teeservice von den Auswirkungen des Imperiums erzählt. In jedem Kapitel taucht man in eine vergangene Zivilisation ein und erlebt Geschichte als Kaleidoskop – sich ständig verändernd, miteinander verbunden, oft überraschend und unsere heutige Welt prägend, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Ein intellektuelles und visuelles Fest, eines der fesselndsten und ungewöhnlichsten Geschichtsbücher die seit Jahren veröffentlicht wurden.

Kann man ganz wunderbar in Kombination mit Noah Yuval Hararis „Sapiens“ lesen.

Der Roman spielt größtenteils in einem fiktiven zukünftigen New York City, das durch zwei große Anstiege des Meerwasserspiegels, die durch den Klimawandel verursacht wurden, permanent überflutet ist. Der größte Teil von New York City steht permanent unter Wasser, jedoch leben die Menschen noch in den oberen Etagen der Gebäude, ähnlich wie im Venedig von heute.

Der größte Teil Manhattans unterhalb der 46. Straße ist überflutet und hat den Spitznamen „SuperVenedig“ erhalten. Einige der Charaktere des Buches leben im MetLife Tower in der 23. Straße, den die Mietervereinigung mit Mechanismen zum Schutz vor Überschwemmungen und einem Bootslager ausgestattet hat. Robinson wählte das Gebäude als prominenten Schauplatz, da es dem Campanile di San Marco in Venedig nachempfunden wurde.

Die Wohlhabenden leben in neu errichteten Wolkenkratzern in Uptown Manhattan und in der Nähe von The Cloisters, da beide Orte über Wasser bleiben. Denver hat New York als Zentrum des amerikanischen Finanzwesens und der Kultur abgelöst und ein Großteil der Vereinigten Staaten wurde absichtlich von Menschen verlassen, um Platz für Wildtiere zu schaffen.

Der Roman befasst sich mit Klimawandel, Kapitalismuskritik, den unregulierten Finanzsystemen und sich immer schneller ausbreitenden Artensterben.

“We’ve been paying a fraction of what things really cost to make, but meanwhile the planet, and the workers who made the stuff, take the unpaid costs right in the teeth.”

Habe den Roman als Hörbuch gehört und es war anfangs nicht so leicht reinzufinden durch die vielen vielen Charaktere. Ich habe einiges gelernt, stellenweise ist es jedoch ein bisschen lang geraten.

Kaiserslautern in den neunziger Jahren: Christian Baron erzählt die Geschichte seiner Kindheit, seines prügelnden Vaters und seiner depressiven Mutter. Er beschreibt, was es bedeutet, in diesem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Wie es sich anfühlt, als kleiner Junge männliche Gewalt zu erfahren. Was es heißt, als Jugendlicher zum Klassenflüchtling zu werden. Was von all den Erinnerungen bleibt. Und wie es ihm gelang, seinen eigenen Weg zu finden.

Nach dem Tod der Mutter trifft Christian seinen Vater vor dessen Tod noch einmal. Da fällt ihm dieser plötzlich unvermittelt in die Arme: „Ich fühlte mich wie ein Boxer, an den sich der erschöpfte Gegner klammert, aber nicht, um ihn zu umarmen, sondern um ihn kampfunfähig zu machen, um im Spiel zu bleiben, obwohl er genau wissen musste, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte.“

Als Christian übrigens in die Pubertät kommt, kümmert sich eine andere Tante um ihn, die durch Heirat in ein Bildungsmilieu aufgestiegen ist. Sie versorgt ihn mit Büchern, ein Lehrer wird auf ihn aufmerksam, Christian entdeckt die Lust am Schreiben und wird noch als Schüler Sportreporter für die Rheinpfalz.

Ich mochte das Buch sehr, auch wenn ich persönlich damit gehadert habe, wieviel Raum und Wohlwollen er seinem Vater einräumt, der sich so gut wie nie um ihn gekümmert hat, seine Mutter und Tante werden dagegen viel kürzer abgehandelt.

Wenn sie zu hören ist, werden die Radios lauter gedreht und stocken die Gespräche: Nora Tewes hat die perfekte Radiostimme – und einen Plan: Auf 100.7, einem Sender, den sie mit zwei Freunden gegründet hat, will sie einen lange davongekommenen Täter in die Enge treiben.
Überstürzt ist Nora in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um ihrer Mutter, die im Sterben liegt, nahe zu sein. Unter der Last des viel zu frühen Abschiednehmens bricht eine nur oberflächlich verheilte Wunde auf und ein Verbrechen, dessen Opfer ihre Mutter als Kind geworden ist, wird offenbar. Nora erstattet Anzeige und erhält eine niederschmetternde Antwort: Verjährt.

Temporeiche Geschichte mit interessantem Personal – Karin Kalisa beschäftigt sich in ihrem neuesten Roman mit der Frage, wie beherztes Handeln die Suche nach Gerechtigkeit vorantreibt.

Der perfekte Krimi für eine lange Autofahrt – auch wenn er jahreszeiten technisch so gar nicht gepasst hat:

Dieser Debütroman verbindet Gothic Elemente mit einem Locked-Room-Mysterium, das in den Schweizer Alpen spielt und das Ergebnis ist ein spannender Thriller voller Atmosphäre, schaurigen Intrigen und durchaus spannend. THE SANATORIUM folgt einer Frau, die sich vor kurzem von ihrer Arbeit als Polizistin beurlauben ließ, die gegen einen gruseligen Killer, der in einem hochklassigen, minimalistischen Hotel in den Schweizer Alpen am Werk zu sein scheint ermittelt.

“Her body is reacting to something here; something living, breathing, woven into the DNA of the building, as much a part of it as its walls and floors.”

Als ein Schneesturm die Zufahrt zum und vom Hotel abschneidet, liegt es an der Protagonistin Elin, eine Reihe von verstörenden Vorkommnissen im Hotel zu untersuchen und dem Fall auf den Grund zu gehen, bevor noch mehr Menschen zu Tode kommen. Ich lese nur selten Krimis, dieser hat mich ganz gut unterhalten, ein Meisterwerk ist er sicherlich nicht, aber wer im nächsten Winter Lust auf einen atmosphärischen Schnee-Krimi hat, der kann hier eigentlich nicht viel falsch machen.

Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzt. Sie sind aufgewachsen in den Grenzen der DDR, nun, nach der Wende, wollen sie alles, bekommen vieles, doch immer sticht der Stachel ihrer Rolle als Frau: Muss man gefallen? Muss man gefällig sein? Ist allein zu sein eine Option, oder ist man nur mit Mann oder Familie eine wirkliche Frau? Und wie kann sie gehen, die Liebe in Zeiten wie diesen?

Scharf beobachtet und voller Empathie berührt dieser Roman so vieles im Leben einer Frau in ihrer Rolle als Mutter, Tochter, Schwester, Geliebte und Ex-Frau. Ist Liebe ein Gefühl oder ist sie ein Akt, betrachtet aus der Perspektive der Krise?

„Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist keine Romantik. Liebe ist eine Tat. Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten.“

Ich bin mir aber immer noch nicht sicher, wie ich das Buch jetzt wirklich gefunden habe. Vielleicht kam ich nicht wirklich rein, weil all diese Frauen so gar nichts mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben, ich hatte auf jeden Fall ein bisschen Mühe dran zu bleiben, wobei ich wirklich anerkenne, wie gut Daniela Krien schreiben kann.

Von kleinen Schritten bis hin zu riesigen Sprüngen: A Galaxy of Her Own erzählt fünfzig Geschichten von inspirierenden Frauen, die für die Geschichte des Menschen im Weltraum von grundlegender Bedeutung waren, von Wissenschaftlerinnen bis hin zu Astronautinnen, aber auch die Näherinnen der ersten Raumanzüge werden vorgestellt.

Von Ada Lovelace im 19. Jahrhundert bis zu den Frauen hinter den Apollo-Missionen, von den Astronauten, die auf der Internationalen Raumstation Rekorde brechen, bis zu denjenigen, die den Weg zum Mars bahnen – A Galaxy of Her Own enthüllt außergewöhnliche Geschichten, setzt sich für unbesungene Helden ein und feiert bemerkenswerte Leistungen aus aller Welt.

Geschrieben von Libby Jackson, einer führenden britischen Expertin auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt, und illustriert mit wunderschönen Illustrationen von Studenten des London College of Communication, ist dies ein Buch, das kleine und große Space Cowboys inspirieren wird und ihnen Lust macht, selbst nach den Sternen zu greifen..

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und mochte das Bild, das es von einem Mann zeichnet, der an Gerechtigkeit in einem Staat glaubt, in dem die Gerechtigkeit allzu oft den Bedürfnissen des Regimes zum Opfer fällt. Das Buch spielt kurz vor dem Beginn des Bürgerkriegs – das letzte spezifische Ereignis, das erwähnt wird, ist der Aufstand in Tunesien, der den Arabischen Frühling auslösen würde – und der Held Zacharia Barudi, der leitende Ermittler der konventionellen Polizei, bekommt den Fall des Mordes an einem Kardinal, der zu Besuch ist, etwa zwei Monate bevor Barudi in den Ruhestand gehen soll.

„Das Elend ernährt sich von der Genialität der armen Kinder“

Einerseits handelt es sich um einen geradlinigen, polizeilichen Kriminalroman, andererseits geht es aber auch um das Leben und Arbeiten in einer Diktatur, in der die Launen und Bedürfnisse der herrschenden Elite nur allzu oft an erster Stelle stehen. Die Alawiten, Syriens Christen, die Sekte, der Barudi angehört, konventionelle Muslime, muslimische Extremisten und hier und da sogar Menschen mit einem ausgeprägten synkretistischen Religionsverständnis sind alle Teil der Geschichte, während Schami über den Konflikt zwischen den Gläubigen nachdenkt. Ich weiß nicht viel über Syrien, aber ich habe das Gefühl, dass ich es jetzt ein kleines bisschen besser verstehe.

Ich habe mich gefreut, Rafik Schami wieder entdeckt zu haben für mich, ein Autor, den ich vor Jahren regelmäßig gelesen habe und den ich überaus sympatisch finde.

»70 and female is the new cool«, schrieb jüngst die New York Times über diese großartige Generation der Frauen 70+ Frauen, die sich mit Energie und Kraft Gehör verschaffen und durch ihre Haltung inspirieren: Sie sind längst in der zweiten Lebenshälfte angekommen – und aufrecht, ehrgeizig, willensstark. Sie bringen den amerikanischen Präsidenten aus der Fassung wie Nancy Pelosi, sie sind entschieden in ihrer Haltung wie die Richterin Ruth Bader Ginsburg, und für sie alle ist das Attribut »unbequem« ein Kompliment für ihr Engagement. Viele der Frauen sind Kult, sie sind Wegbereiterinnen und immer Vorbilder. Frauen, die wissen, wer sie sind, was sie geleistet haben und morgen noch bewegen können. Frauen, die cool, rebellisch und klug oder manchmal auch »schräg« sind, die ihren eigenen Kopf haben. Sie alle sind Frauen, die uns viel zu sagen haben.

Mit Juliette Gréco, Ruth Bader Ginsburg, Jane Fonda, Charlotte Knobloch, Letizia Battaglia, Erika Pluhar, Herlinde Koelbl, Margaret Atwood, Tina Turner, Vivienne Westwood, Nancy Pelosi, Annie Ernaux, Élisabeth Badinter, Elfie Semotan, Alice Nkom, Marina Abramović, Helen Mirren, Carla Del Ponte, Shirin Ebadi, Marianne Birthler. Mit einem Vorwort von Iris Berben.

1945 flüchteten die Menschen aus ihrer Heimat. Häuser wurden bombardiert und Dörfer dezimiert. Hildegard von Kamcke war eine von vielen Frauen, die ihr sterbendes Baby in einem Wagen zurücklassen und fliehen mussten. Als sie mit der fünfjährigen Vera auf einem Bauernhof in Atland ankam und von Ida Eckhoff aufgenommen wurde, zogen Mutter und Kind in eine eiskalte Dienstbotenunterkunft. Ida weigerte sich, Essen und Kleidung zu geben. Hildegard stiehlt heimlich Äpfel und melkt die Kuh, um Vera zu ernähren. Zwei Jahre später kehrt Karl, Idas Bruder, ein ehemaliger Kriegsgefangener, nach Atland zurück.

Hildegard heiratet Karl, kommt aber mit seinen nächtlichen Angstzuständen, Überbleibseln seiner Internierung, nicht zurecht. Jahre später, nach Idas Selbstmord durch Erhängen und Hildegards Verlassen des Hofes, bewohnen Vera und Karl das große, triste Haus. Obwohl sie Karl treu ergeben ist, ist Vera nicht in der Lage, außerhalb ihrer florierenden Zahnarztpraxis eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Sie interessiert sich weder für die Instandhaltung des Hauses noch für die Pflege ihrer Apfel- und Kirschbäume. Sie lässt zu, dass das Haus und das Grundstück verwahrlosen und viele Apfel- und Kirschbäume aufgrund von Vernachlässigung keine Früchte mehr tragen. Vera ahnt nicht, dass eine Veränderung in der Luft liegt. Da kommt Anne, die Tochter von Veras Halbschwester Marlene.

Anne Hove hat eine Tischlerlehre absolviert und drei Jahre lang als Tischlergesellin gearbeitet. Diese Erfahrung kommt ihr sehr gelegen, als die alleinerziehende Mutter Anne mit ihrem Vorschulsohn Leon im Schlepptau auf Veras Farmhaus ankommt und Zuflucht sucht. Vera und Anne kommen zu einer Übereinkunft, das Leben ändert sich überraschend und nach und nach entsteht sowas wie eine Familienstruktur unabhängig von tatsächlichen Verwandtschaftsgraden und die beiden Frauen lernen, sich aufeinander zu verlassen.

„Sie hatten mit dem Haus auch Heinrich renoviert, so kam es Vera vor. Er spielte Skat mit ihnen bis tief in die Nacht und stellte sich am nächsten Morgen nicht den Wecker, er brauch auf einmal seine eigenen Gesetze. Vielleicht spürte Heinrich Lührs, dass er der Knecht gewesen war und nicht der Herr in seinem Leben, und dass die strengen Regeln nicht viel taugten“

Ich war anfangs skeptisch, ob „Altes Land“ ein Buch für mich ist, da ich alles andere als ein Dorfkind bin und ich irgendwie Sorge hatte, es geht in Richtung „Zurück zur Scholle und zum Apfelkuchen“ – aber das Buch ist wirklich komplett klischeefrei, großartig und hat mich total in seinen Bann gezogen. Ich freue mich schon auf weitere Bücher von Dörte Hansen.

Wie können wir jenseits von Wachstumszwang eine nachhaltige und gerechte Gesellschaft gestalten?

Der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech liefert dazu die passende Streitschrift, die ein »grünes« Wachstum als Mythos entlarvt. Dabei gelten »grünes« Wachstum und »nachhaltiger« Konsum als neue Königswege. Doch den feinen Unterschied – hier »gutes«, dort »schlechtes« Wachstum – hält Paech für Augenwischerei.

In seinem Gegenentwurf, der Postwachstumsökonomie, fordert er industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken. Diese Art zu wirtschaften wäre genügsamer, aber auch stabiler und ökologisch verträglicher. Und sie würde viele Menschen entlasten, denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindelig wird.

Aus dieser Perspektive dienen zum Beispiel die europäischen Agrarsubventionen keineswegs dazu, die Verfügbarkeit andernfalls knapper Nahrungsmittel zu steigern. Die Subventionen tragen vielmehr dazu bei, den Ausgabenanteil für Nahrung zu marginalisieren, damit mehr Kaufkraft für Smartphone, Urlaubsreisen oder zur Finanzierung von Eigenheimen frei wird.“

Ich fand seinen aggressiven Schreibstil ziemlich anstrengend beim Lesen, aber häufig muss ich mich beim Lesen auch erstmal ordentlich reiben, konnte aber auf jeden Fall sehen, dass Paech prägnante Argumente hat und den Finger definitiv in die Wunde legt.

Ein Buch das kratzt und beißt, aber mega wichtig ist und ich wünsche ihm möglichst viele aufgeschlossene Leser.

Hier noch mal die Übersicht:

  • Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten – Neil MacGregor erschienen im Beck Verlag
  • New York 2140 – Kim Stanley Robinson auf deutsch unter dem gleichen Titel im Heyne Verlag erschienen
  • Ein Mann seiner Klasse – Christian Baron erschienen im Claasen Verlag
  • Radio Activity – Karin Kalisa erschienen im Beck Verlag
  • The Sanatorium – Sarah Pearse (bislang nicht auf deutsch erschienen)
  • Die Liebe im Ernstfall – Daniela Krien erschienen im Diogenes Verlag
  • A Galaxy of her own – Libby Jackson (bislang nicht auf deutsch erschienen)
  • Die geheime Mission des Kardinals – Rafik Schami erschienen im Hanser Verlag
  • Frauen 70+ – Rita Kohlmaier erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag
  • Altes Land – Dörte Hansen erschienen im Knaus Verlag
  • Befreiung vom Überfluß – Niko Paech erschienen im Oekom Verlag

Habt ihr irgendwelche dieser Bücher gelesen – wie fandet ihr sie oder plant ihr vielleicht das eine oder andere zu lesen? Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen Lust drauf machen.

Meine Woche

Gesehen: A Quiet Place (2018) von und mit John Krasinski mit Emily Blunt und Millicent Simmonds. Musste ich einfach noch mal schauen, nach A Quiet Place 2 kürzlich. Einfach nur klasse.

Star Trek Discovery – Season 3 (2020) mit Sonequa Martin-Green. Macht riesigen Spaß die Serie und ich freue mich schon sehr auf Season 4.

Angst (1983) von Gerald Kargl mit Erwin Leder. Österreichischer Psychothriller der lose auf dem tatsächlichen Leben des Serienkillers Werner Kniesek beruht. Heftiger Film mit großartigem Soundtrack.

Joker (2019) von Todd Phillips mit Joaquin Phoenix und Robert de Niro. Ich hatte es irgendwie schon geahnt, der Film und ich wurden nicht warm miteinander.

Gehört: Angst – Klaus Schulze, Something – Lasgo, Closed Eyes – Permafrost, Symphonie No 3 – Louise Farrenc

Gelesen: dieses Interview mit LeVar Burton, Michael Seemann über die Macht der Plattformen, The Margaret Mead Problem, Kill the 5 day work week

Getan: viel Zug gefahren, mit lieben Kolleg*innen in Köln und Düsseldorf getroffen, ein BBQ besucht, ein 2 tägiges Onboarding durchgeführt, mit der lieben Schwiergermama auf dem Balkon und im Biergarten gesessen und viel zu wenig geschlafen

Gegessen: Ramen und Grillwürstchen

Gefreut: über das erfolgreich durchgeführte Onboarding

Geweint: über die Ausweglosigkeit mit meinem Bruder

Geärgert: nein

Geklickt: auf Carl Sagan’s lost lecture aus dem Jahr 1994

Gestaunt: über Blaufußtölpel

Gelacht: CDU/CSU Symbolbild zur Klimakatastrophe

Gewünscht: ein neuer Fernseher, dieses Outfit, dieser Pool

Gefunden: nix

Gekauft: ein paar Sneaker und eine Schlafbrille

Gedacht: „If I had to live my life again, I’d make the same mistakes, only sooner.“ //Tallulah Bankhead

Meine Woche

Gesehen: Gretel & Hansel (2020) von Oz Perkins mit Sophia Lillis und Samuel Leaky. Sehr stylische Horror-Nacherzählung des bekannten Märchens. Großartige Bilder, mega Soundtrack und tolle Atmosphäre.

Miracle Mile (1988) von Steve de Jarnatt mit Anthony Edwards, Mare Winningham und Denise Crosby. Rom-Com meets Apocalypse. Absurder Neon bunter Spaß um die bevorstehende atomare Zerstörung von Los Angeles. Ein wilder Ritt.

Gehört: Gretel & Hansel Soundtrack – R.O.B., A quiet place 2 soundtrack – Marco Beltrami, Available Data – 65daysofstatic, So why not save the world – Pink turns Blue, Shine on – Kim Wilde & Boy George, Both of us – Vanessa Amara, Perfect World – Uniform,

Gelesen: über das Comeback der Luxus Schlafwagen, die japanische Regierung will die 4-Tage-Woche ermöglichen, über Juliane Diller die einen Flugzeugabsturz als einzige überlebte, über den Skandal um Tiger Mom Amy Chua in Yale, Building a more honest internet

Getan: ein BBQ mit Kolleg*innen besucht, viel draußen gesessen und gegessen, das Schlafzimmer „Marie-Kondo-t“, im Freibad geschwommen und Dinos origamit

Gegessen: viel Salat und Grillgut und einen vegetarischen Schweizer Wurstsalat

Gefreut: über ein sehr gutes Feedback Gespräch

Geweint: nein

Geärgert: dass mich bestimmte Kindheitsthemen immer noch triggern

Geklickt: a japanese inspired House, wie man Städte abkühlen könnte in Zukunft,

Gestaunt: The true size of .. comparing the size of countries, über Komorebi,

Gelacht: Unsichtbare Frauen – Carolin Kebekus

Gewünscht: schöne Bilder fürs Schlafzimmer, diese Schlafmaske, diese Sneaker

Gefunden: nix

Gekauft: Blumen

Gedacht: Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln, wie er will.// Heimito von Doderer

Meine Woche

Gesehen: A Quiet Place 2 (2021) von John Krasinski mit Emily Blunt, Cillian Murphy und Millicent Simmonds. Zweiter Teil der Apokalypse um geräusch-sensitive Aliens die den Großteil der Menschheit ausgelöscht haben.

Come True (2020) von Anthony Scott Burns mit Julia Sarah Stone. Kanadischer SciFi Horror um eine Schlafstudie die unfassbar schief geht.

Gaia (2021) von Jaco Bouwer mit Monique Rockman und Anthony Oseyemi. Südafrikanischer Öko-Fantasy-Film mit Horror-Elementen.

Gehört: No Gods, No Masters – Garbage, The Devil – BANKS, Doomed – Moses Sumney, live at dunk!fest 2019 – Sistemas Inestables, live at dunk!fest 2021 – We stood like Kings

Gelesen: Farewell Millenial Lifestyle subsidy, Why did so many Victorians try to speak to the Dead?, We deserve better dystopias, How to deal with revenge bedime procrastination

Getan: mit lieben Freund*innen im Biergarten den Geburtstag nachgefeiert, im Bookclub „Frankissstein“ diskutiert und viel über Sexbots gelernt, das Fantasy-Filmfest besucht, 2 Tage im Büro und viele Abende auf dem Balkon verbracht

Gegessen: Wassermelonen Salat mit Feta

Gefreut: über den schönen Biergarten-Abend und tolle Geschenke und die neueste Ausgabe des Happy Readers

Geweint: nein

Geärgert: über den dämlichen Shitstorm den Carolin Emcke für ihren angeblichen Holocaust Vergleich erlebt hat

Geklickt: Samantha the Sexbot im englischen Frühstücksfernsehen, inside a cryonics facility, Meet Sophia: The first robot declared a citizen by Saudi Arabia

Gestaunt: über diese mordlustige Werwolf-Maus, Crabs trade shells in the strangest ways, Biochemistry for Dummies, Re-entry eines Satelliten

Gelacht: IKEA confesses that Kötbullar are made of people who could not find the exit

Gewünscht: diese Kommode, dieser Pool, dieses Gewächshaus

Gefunden: nix

Gekauft: Bücher

Gedacht: Your best and wisest refuge from all troubles is in your science // Ada Lovelace

Brüssel sehen und lesen

Belgien war mein allererstes Ausland. Seit frühester Jugend hatte ich fiebernd auf diesen Moment hingewirkt, in dem ich endlich einmal ausländischen Boden betreten würde. Ich sammelte Briefmarken aus aller Welt, die ich sehr konzentriert über Stunden in Alben packte, die jeweiligen Länder im Atlas und auf dem Globus suchte, im Radio nach Sendern suchte, die möglichst weit weg waren und deren Stimmen verrauscht durch den Äther drangen. Ich las mich mit Jules Verne um die Welt und lange war mein Berufswunsch reisende Reporterin. Der Radius, in dem ich mich in meiner Kindheit und Jugend bewegte bei meiner Oma war irre klein. Rund um die Wohnung vielleicht 4km, gelegentliche Straßenbahn- oder Busfahrten vom Vorort in die Stadt, wenn ich eine neue Hose brauchte und dreimal gab es richtigen Urlaub: Einmal Schwarzwald, in einem Werksurlaub noch mit dem Opa, zweimal Ferien auf dem Bauernhof im Odenwald und ein paar Mal ging es in die DDR, um Verwandte zu besuchen. Ich fieberte auf Klassenfahrten und hatte da irres Pech, denn der Klassenlehrer machte keine, für die Skifreizeit fehlte das Geld und es sollte bis zur Abschlußfahrt der 10. Klasse dauern, als eine Fahrt nach Belgien auf dem Programm stand. Ich war unfaßbar aufgeregt und kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, als ich das erste Mal das Meer sah und mir klar wurde, ich stehe tatsächlich auf ausländischem Boden.

Blankenberge, Brügge und Gent standen auf dem Programm – eine Reise, die ich mit allen Sinnen aufsog und bei der ich mir den lebenslangen Reisevirus einfing. Von Brüssel hörte ich dann ein paar Jahre später recht viel, durch eine Arbeitskollegin, die Abgeordnete im Europäischen Parlament wurde, viel von ihren Erlebnissen in Brüssel und Straßburg berichtete und häufig leckerste Pralinen mitbrachte.

Brüssel habe ich dann ein paar Jahre später zum ersten Mal besucht. Ich wohnte mittlerweile in London, dort war ich chronisch pleite und hatte selten Geld für Urlaub, daher freute ich mich sehr über die Einladung einer Kollegin nach Antwerpen für ein verlängertes Wochenende mit Abstecher nach Brüssel. Atomium, Pralinen, Männeken Piss und die berühmten Moules et Frites dürfen bei einem Besuch natürlich nicht fehlen.

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Foto: Laura Cleffmann

Es blieb nicht mein letzter Besuch, denn irgendwann zog es meine beste Freundin dorthin und tatsächlich haben wir meinen Geburtstag damals im Restaurant Belga Queen gefeiert. Perfekte Überleitung also zum Buch, das ich für die Read & Eat Folge besprechen möchte: Robert Menasses „Die Hauptstadt“ Selten habe ich einen Roman gelesen, zu dem ich soviel unterschiedliche Bezugspunkte hatte. Die Rahmenhandlung um Bürokratie und Innenansichten zur Arbeit der Europäischen Kommission konnte ich gut mit den Berichten meiner Abgeordneten-Kollegin zusammenbringen und „mein“ Restaurant kam auch vor

Robert Menasse spannt einen weiten Bogen zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. Es gibt es großes Ensemble an Akteuren, die wild in bunte Szenen geworfen werden, die mich anfangs etwas überforderten, ein durch die Stadt laufendes Schwein, das Projektionsobjekt des Romans, und mir war eine ganze Weile nicht klar, wie aus all dem Gewusel ein Roman werden soll. Robert Menasse bringt all das aber am Ende gekonnt zusammen, vielleicht ein wenig wie die verwirrende EU-Bürokratie, die am Ende vielleicht doch besser funktioniert, als viele glauben.

Wir treffen im Roman auf Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, die vor einer schwierigen Aufgabe steht, da sie das Image der Kommission aufpolieren soll. Dann gibt es den Referenten Martin Susman, der von ihr damit beauftragt wird, sich was zu überlegen. Er reist nach Polen, wo er tatsächlich eine Idee hat, die für ziemliche Unruhe in den EU-Institutionen sorgen wird. Dann gibt es noch David de Vriend, der in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof auf seinen eigenen Tod wartet. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Und dann ist da noch Kommissar Brunfaut, der auch vor einer schwierigen Aufgabe steht. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen, sowie Alois Erhart, ein Volkswirtschaftler und Schweinezucht-Lobbyist.

Foto: Sinitta Leunen

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und er ist perfekte Begleitlektüre für einen Städtetrip. Manchmal fühlte ich mich von der Fülle erschlagen, zuviel Gewusel und Gehetze – aber das war natürlich so gewollt und Robert Menasse ist ein spannender oft witziger Roman über ein eigentlich sautrockenes Thema gelungen.

„Er hatte sich geärgert, als er den Flug buchte, er hatte sich geärgert, als er den Koffer packte, geärgert im Taxi zum Flughafen, im Flugzeug gekocht vor Wut über sich selbst, er war aggressiv zu der flötenden jungen Frau an der Rezeption beim Einchecken in das Hotel Atlas, weil ihm alles so furchtbar auf die Nerven ging, dieses wichtigtuerische Trolley-Rollen in Brüssel, dieses bedeutsame Eilen zu Meetings, dieses Beantworten von Floskeln mit Floskeln, die raunende Transformation von keinen Ideen in ein babylonisches Kauderwelch, es erschien ihm sinnlos, völlig aussichtlos, es war verbrannte Zeit.“

Belgien ist immer eine Reise wert, ein kleines Land das viel mehr zu bieten hat als Männeken Piss und Pommes. Ob TinTin, Maigret oder Amélie Nothomb, ein kleines Land mit großer Literatur und wer sich filmisch auf die Reise vorbereiten möchte, dem empfehlen ich den Film „Blau ist eine warme Farbe“ bei dem man immer wieder interessante Ecken in Brüssel zu sehen bekommt.

Von Brüssel reisen wir als nächstes nach Amsterdam – ich hoffe ihr seid wieder dabei? 🙂

Meine Woche

Gesehen: The Visit (2015) von M. Night Shyamalan. Amerikanischer low budget „found-footage“-Horror vom The Six Sense Regisseur um einen Besuch bei der Großeltern der so ganz anders abläuft, als die Geschwister Jamison sich das erhoffen.

A Monster Calls (2016) von J. A. Bayona mit Lewis MacDougall und Sigourney Weaver. Ein Monster hilft einem kleinen Jungen sich seinen Ängsten zu stellen. Heartbreaking.

Gehört: How not to drown – Chvrches ft Robert Smith, Morning Tsunami – Hante, Wolves – Garbage, All is violent, all is bright – God is an Astronaut, Rituals – Noveller, Magdalene – Traitrs

Gelesen: The rampant fatphobia of boomers, Do Brain implants change your identity, How the wealthiest people avoid income tax, Why Do Some People See Inequality Where Others Don’t? Voll optimiert und stark erschöpft, dieses Interview mit Martina Navratilova,

Getan: unseren 10jährigen Hochzeitstag mit einem sehr leckeren Abendessen gefeiert, die erste Arbeitswoche überstanden, einen wunderschönen Grillabend auf dem Balkon verbracht und die zweite Impfung bekommen

Gegessen: ein leckeres Sommermenü im Tian

Gefreut: über Dino-Origami und ein sehr spannendes Buch

Geweint: nein

Geärgert: über die unsägliche Hetzkampagne gegen Annalena Baerbock und dass sich selbst Zeitungen wie SZ und Zeit nicht zu schade waren diese Anzeigen zu schalten

Geklickt: auf die interaktive Van Gogh Ausstellung

Gestaunt: über rechteckige Eisberge

Gelacht: If you’re opposed to gay marriage, you can simply say „no“ if a gay person proposes to you. Follow me for my life tips.

Gewünscht: dieses Haus, diesen Anzug, diese Balkonbar

Gefunden: nix

Gekauft: Wein

Gedacht: die einzigen Ungereimtheiten in Lebensläufen, die mich interessieren, sind von deutschen Unternehmern zwischen ’33 und ’45 //Ole Kracht