Dystopisch-Gruselige D(r)amen

Es ist kalt geworden in Berlin und in der Gesellschaft. Ein dystopischer Blick in eine Zukunft, die sich von unserer Gegenwart nur wenig unterscheidet. Die laute Propaganda einer faschistischen Partei, nicht unähnlich den Krakeelern der rechten Partei, mit der wir uns rumschlagen müssen, sondern die die Politik des ganzen Landes beherrscht. Mittendrin taumeln drei verlorene Menschen durch die Welt, die irgendwann anfangen, Fragen zu stellen.

Die Atmosphäre des Buches ist bedrückend und beängstigend. Burschi, Charlie und Charlotte fangen an Dinge, die sie anfangs einfach hingenommen haben, zu hinterfragen. Sie stellen mehr und mehr in Frage.

„Stück für Stück ergibt Sinn, was mir immer wie ein beinahe obszön chaotisches Strudeln und Schlingern erschienen ist: mein Leben eben. Ich hatte mich redlich darum bemüht, es irgendwie im Griff zu behalten, aussichtslos.“

Da ist Burschi, die Johanna liebt, gegen alle Widerstände, auch wenn sie dabei den starken Arm eines Staates zu spüren bekommt, der Anderssein nicht mehr duldet. Die für ihre Beziehung kämpft, auch wenn ihr die Angst im Nacken sitzt. Dann ist da Charlie, der in anarchischen Musikkreisen zwischen Joints und lauten Beats ein Praktikum macht, seine ganz eigene Weise hat, der allgegenwärtigen Überwachung zu entkommen und noch mit seiner Mutter zusammenwohnt, die ursprünglich in esoterischen Kreisen verkehrte und in diesem Regime zur Scharfschützin ausgebildet wurde. Charlotte beginnt ebenfalls, in ihrer Loyalität wankelmütig zu werden und droht dabei fast den Verstand zu verlieren.

„Ich streiche über seinen Ring und sage, Stimmt, ich bin vollkommen gaga. Trotzdem habe ich einen Sicherheitsdienst mit aufgebaut. Das sage ich stolz. Urs lacht, er findet das witzig, und seine Laune wechselt von finster über fidel zu hoppsfallera, als der Kellner ihm seinen Kaffee schließlich doch noch serviert. Ich arbeite wirklich bei der Bürgerwehr, ich bin Scharfschützin, das glaubt er mir endgültig nicht. Und womit schießt du, mit Keramikküken? Urs zieht groteske Grimassen und ahmt nach, wie ich seiner Vorstellung nach ein Gewehr halte und ziele.

Laura Lichtblau entwirft mit ihrem Debütroman „Schwarzpulver“ eine urbane erschreckend realistische Dystopie mit wunderschöner poetischer Sprache, die ich sehr gerne gelesen habe. Ein Buch das es wert ist langsam und konzentriert gelesen zu werden.

Schwarzpulver von Laura Lichtblau erschienen im C. H. Beck Verlag.

Ein mysteriöser Virus hat die Tierwelt bis an den Rand des Massensterbens ausgerottet. Da es keine Fleischquelle mehr gibt, hat sich die Menschheit dem Kannibalismus zugewandt, um ihren unaufhörlichen Hunger nach Fleisch zu befriedigen. Menschen werden nun domestiziert, in Massen produziert, geschlachtet und als „Spezialfleisch“ verkauft. Eingelegte Finger, gegrillte Rippchen, gebratene Zunge, serviert auf Kimchi und Kartoffelsalat, alles schön gewürzt mit Kräutern und Gewürzen.

Bazterrica zeigt uns eine Welt, in der der Kannibalismus regiert, der jetzt „Transition“ genannt und mit sprachlichen Euphemismen überdeckt wird, um ihn der Gesellschaft äh, schmackhaft zu machen.

„Auf dem Weg zur Innereienabteilung kommen sie am Zerlegerau vorbei. Die Schiene durchläuft alle Räume und befördert die Kadaver von einer Station zur nächsten. Durch die länglichen Fenster können sie beobachten, wie dem Weibchen, das Sergio betäubt hat, Kopf, Arme und Beine abgesägt werden“

Marcos, ein Mann, der in einer fleischverarbeitenden Fabrik arbeitet, findet sich plötzlich mit einem kostspieligen Luxusgeschenk wieder: ein speziell gezüchteter Mensch erstklassiger Qualität. Ein Geschenk, das ihn auf vielfältige Weise in diverse Dilemma stürzt und zum Nachdenken bringt. Er, der selbst ursprünglich mal auf dem Schlachthof seines Vaters das Handwerk des Schlachters (von Tieren) gelernt hat, kann schon seit einiger Zeit kein Fleisch mehr essen. Sein Job widert ihn mehr und mehr an und er versucht, einen Ausweg aus seiner schrecklichen, trostlosen, hoffnungslosen, dunklen Arbeitswelt zu finden.

Bei diesem Buch wurde mir beim Lesen teilweise wirklich schlecht. Das Buch ist natürlich ein Protest gegen die Massentierhaltung, aber man würde dem Buch unrecht tun, wenn man es auf eine Kritik an Fleischindustrie und Massentierhaltung verkürzen würde. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was wir billigend in Kauf nehmen, um unseren Fleischgenuss zu befriedigen.

Agustina Bazterricas Roman ist wahrscheinlich das verstörendste, was ich je gelesen habe, aber die Lektüre lohnt sich wirklich, sie traf mit der Veröffentlichung ihres Romans einen neuralgischen Punkt der argentinischen Kultur. Nach wochenlanger Platzierung auf der Bestsellerliste und der Verleihung des Premio Clarín, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, gilt sie als eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.

Traut Euch und lest dieses Buch!

Wie die Schweine von Agustina Bazterrica erschienen im Suhrkamp Verlag übersetzt von Matthias Strobel.

Die Geschichte ist simpel, aber durchaus interessant. Wir befinden uns im Jahr 1933, als der Protagonist der Geschichte, Freddie, einen ganz besonderen Buchhändler besucht. Seine Unterhaltung mit dem Buchhändler geht zunächst ins Jahr 1928 zurück, in dem Freddie die französischen Pyrenäen besucht, um dort auf andere Gedanken zu kommen, sich von seiner Depression – ausgelöst durch den Tod seines Bruders während des 1. Weltkriegs – zu erholen. Von seinen Gastgebern im Gasthof eingeladen, beschließt er, dem Fest von St. Etienne beizuwohnen, einem Fest, das für die Bewohner des Dorfes eine besondere Bedeutung hat. Er trifft dort auf eine verführerische junge Frau, mit der er sich Stunden lang unterhält und nach einem seltsamen Überfall auf die festliche Runde die Nacht verbringt.

Mosse stellt in ihrem Roman einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der den Tod seines Bruders nicht überwinden kann und sich auch Jahre später noch traumatisiert zurückgelassen und einsam fühlt. Solche starken Emotionen werden sonst eher weiblichen Charakteren zugeschrieben, es war eine willkommene Abwechslung, es hier einmal andersherum zu erleben. Freddie ist ein sehr einnehmender, sympathischer Charakter. Er ist ein Träumer, der mit der Realität und den Ansprüchen seiner Eltern nicht zu Rande kommt.

“The dead leave their shadows, an echo of the space within which once they lived. They haunt us, never fading or growing older as we do. The loss we grieve is not just their futures but our own.”

Der Roman beschäftigt sich mit der Frage was passiert, wenn wir mit einem vorzeitigen, tragischen Tod konfrontiert werden? Wie lernen wir damit zu leben? Wie gehen wir damit um, wenn die Schatten der Toten den Lebenden die Kraft nehmen weiterzuleben? Wie in ihrem berühmten Roman „Labyrinth“ kehrt Mosse wieder nach Frankreich und den Katharern zurück.

Die Autorin macht Lust auf eine Reise ins verschneite Südfrankreich, auf geheimnisvolle Höhlen und tragische Karthager. Die Stimmung war wohlig mysteriös, wenn auch nicht wirklich gruselig. Eine leichte Lektüre, perfekt für einen verschneiten Sonntagnachmittag.

Winter Ghosts erschien auf deutsch unter dem Titel Wintergeister im Droemer Knaur Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust machen auf zwei herausfordernde Dystopien und einen gemütlichen Gruselschinken. Habt ihr noch Empfehlungen für gute Dystopien oder spannenden Grusel?

Meine Woche

Gesehen: Rabid (2019) von Jen & Silvia Soska mit Laura Vandervoort. Kanadischer Body-Horror um eine junge Frau, die nach einem Unfall schrecklich entstellt ist und sich einer experimentellen Stammzellenbehandlung, unterzieht, die zu ungewollten Konsequenzen führt. Gelungenes Cronenberg Remake.

Das weiße Rauschen (2001) von Hans Weingartner mit Daniel Brühl. Lukas, ein junger schizophrener Mann, muss sich mit einer neuen Stadt, einer neuen Beziehung und der Paranoia in seinem Kopf auseinandersetzen.

Solid Geometry (2002) Kurzfilm von Denis Lawson mit Ewan McGregor. Das Weltbild eines erfolgreichen jungen Mannes wird auf den Kopf gestellt, als er die Tagebücher seines Ururgroßvaters erbt und beginnt, die darin enthaltenen mystischen geometrischen Theorien zu verfolgen. Basierend auf einer Kurzgeschichte von Ian McEwan. Muss man nicht gesehen haben.

Gehört: Waillee, Waillee – Dorothy Carter, Always on my mind – Willie Nelson, End of Sky – Hang Massive, I’ll probably be asleep – Hachiku, Surrender – Soho Rezanejad, Fade – God is an Astronaut

Gelesen: Do ‘elder Goths’ hold the secret to aging successfully? Die schreckliche Geschichte von Lisa Montgomery, die diese Woche in den USA hingerichtet wurde, Das Geschäftsmodell hinter Q-Anon, Why Dreaming is like taking LSD, Warum viele Menschen immer noch in die Büros gezwungen werden, wie CRISPR genutzt werden könnte, vom Aussterben bedrohte Tiere zu bewahren und Mely Kiyaks Kolumne zu Rechtsextremismus in Deutschland

Getan: viel geschlafen und wieder gesund geworden

Gegessen: diesen warmen Wintersalat und Raclette

Getrunken: Tee und Rotwein

Gefreut: über meinen negativen Corona-Test

Geweint: nein

Geärgert: nein

Geklickt: auf Arnold Schwarzeneggers Video – echt stark, 36000 Feet under the sea

Gestaunt: über die Bilder von Rachael Talibart und über die Bibliothek von Alanis Morissette

Gelacht: über Sarah Silverman: A Speck of Dust (2017) Amerikanische Stand-up-Comedian, Schauspielerin, Sängerin und Autorin. In ihrer Comedy verarbeitet sie gesellschaftliche Tabus und kontroverse Themen wie Rassismus, Sexismus, Politik und Religion.

Gewünscht: diesen Schnaps, diesen Kühlschrank, dieses Haus

Gefunden: nix

Gekauft: eine Yogamatte und FFP2 Masken

Gedacht: „Life is not always a matter of holding good cards, but sometimes playing a poor hand well.“ //Jack London

Meine Woche

Gesehen: Mandy (2018) von Panos Cosmatos mit Nicolas Cage. Psychedelischer Action Horror und so ziemlich das abgefahrenste was ich bisher gesehen habe. Hat mir sehr gefallen.

Archive (2020) von Gavin Rothery mit Stacy Martin, Rhona Mitra und Theo James. Britischer AI-SciFi der mir sehr gefallen und mich sehr an Moon erinnert hat. Sehr stylisch mit tollen Bildern.

An Honest Liar (2014) von Tyler Measom und Justin Weinstein. Doku über den weltberühmten Magier und Scharlatan-Aufdecker James Randi, der dieses Jahr verstorben ist. Sehr interessant.

The Social Dilemma (2020) von Jeff Orlowski. Doku über den gefährlichen Einfluß von Social Media und den Surveillance-Kapitalismus auf den Menschen.

Gehört: Krunk – Zola Jesus, Wonder Woman Main Theme – Tina Guo, Anger is Acid – IAMX, Cellophane Skin – Laura Carbone, SEX – Aesthetic Perfection, Therefore I am – Billy Eilish, Nuit blanche – Tarkovsky Quartet, Ottone in Villa – Antonio Vivaldi

Gelesen: An engineering argument for universal basic income, Katrin Passig über Versackens-Ängste, über die hoffentlich strafrechtliche Verfolgung Trumps, Hail the Maintainers

Getan: Gearbeitet, Yoga gemacht, spazieren gegangen an der Isar, im Hofgarten und in der Innenstadt, Filme geschaut, gelesen und uns über den Schnee gefreut

Gegessen: Butternusskürbis

Getrunken: Tee und Rotwein

Gefreut: über meine schöne und spannende Post aus Berlin *winkt zu Barbara*

Geweint: nein

Geärgert: über die aufgestachelten Trump-Idioten die das Capitol meinten stürmen zu müssen

Geklickt: Das Göteborg Filmfestival verlost einen einzigartigen Leuchtturm-Aufenthalt und auf die Fotos dieses stylischen Minotti-Resorts in Kalifornien

Gestaunt: über die Bilder vom Harbin Ice Festival in China

Gelacht: über diese Hunde

Gewünscht: diese Jacke, diesen Organizer, diese Kommode

Gefunden: nix

Gekauft: ein Raclette

Gedacht: The day you plant the seed is not the day you eat the fruit // Fabienne Fredrickson

Polarexpedition – Teil II

Ich hoffe, alle sind aufgewärmt und bereit für die finale Etappe unserer Polarexpedition. Pünktlich zum Ende der Expedition hat es auch ordentlich geschneit in München und so für echtes Polarfeeling gesorgt.

Wir starten unsere Reise heute mit einem Buch über den Hjalmar Johansen, den stets im Schatten stehenden Begleiter berühmter Polarforscher wie Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen.


Die Geschichte von Nansens und Johansens Reise an den Rand des Pols ist spannend wie ein Krimi. Vielleicht, weil es um etwas so Grundlegendes wie das Überleben geht. Mensch gegen Natur. Der Kampf des Menschen gegen sich selbst. Hjalmar Johansen hat es verdient, aus dem Schatten von Nansen und Amundsen herauszukommen. Johansen hatte seine Schwächen, aber er hatte die Behandlung von Amundsen nach der Südpol-Expedition nicht verdient.

Amundsen wollte sein Gesicht wahren und konnte nicht riskieren, dass seine fragwürdigen Entscheidungen nach der Expedition in Frage gestellt wurden. Er beschuldigte Johansen der Meuterei und sorgte damit für dessen unaufhaltsamen Niedergang.

Hjalmar Johansen teilte Rückschläge, Entbehrungen und Gefahren mit Amundsen und Nansen. Mit letzterem überwinterte er neun Monate in einer Hütte am Nordpol und rettete auf der Südpolexpedition gar einen Kameraden vor dem Tod. Doch all das zählte nichts mehr, auf ewig sollte ihm die nachgesagte Meuterei nachhängen.

Das Buch ist eine gelungenen Mischung aus Biografie und Abenteuerroman, in dem Johansens Leben und Schicksal erzählt wird. Spannend und traurig zugleich.

Nach der zum Ende hin doch recht deprimierenden Lektüre wurde mir beim Einblick des 580 Seiten Wälzers von Hampton Sides doch etwas mulmig. Würde ich noch mal soviel Geduld aufbringen, mich über Tage in ein weiteres Polar-Abenteuer zu stürzen?

Erfreulicherweise hat Hampton Sides es mir einigermaßen einfach gemacht. Das Buch liest sich leicht und flüssig und es dauert auch einige Hundert Seiten, bis die eigentliche Polarfahrt beginnt. Ein Umstand, der andere vielleicht stört, ich fand die interessanten Erzählungen rund um die eigentliche Geschichte ganz interesant.

„Die Polarfahrt“ erzählt die wahre Geschichte der Polarexpedition der U.S.S. Jeanette aus dem Jahr 1897. Die Expedition wurde von der U.S. Navy geleitet, aber von dem wohlhabenden, unkonventionellen James Gordon Bennett Jr. finanziert, dem der New York Herald gehörte. Bennett war es, der seinerzeit Stanley ausgesandt hatte, um Livingstone zu finden, ein Zeitungsmann, der zu den Mitbegründern des Sensationsjournalismus zählen kann.

Die Expedition stach von San Francisco aus unter dem Kommando von Lieutenant Commander George De Long in See, der bereits seinen Mut und seine Geschicklichkeit auf den Eisschollen der Arktis bewiesen hatte. Das Schiff kam nicht weit, bevor es nordöstlich der Wrangel-Insel im Packeis festsaß.

Fast zwei Jahre lang driftete die Jeanette dann in nordwestlicher Richtung. Das Schiff war für das Eis konstruiert, gut ausgerüstet und die Männer meisterten die Situation mit bemerkenswerter Souveränität. Die größte Prüfung, der sie in dieser Zeit ausgesetzt waren, waren Irritation und Genervtheit untereinander.

Dann, am 12. Juni 1881, wurde die Jeanette vom unerbittlichen Druck des Eises zerdrückt und sie sank auf den Meeresgrund. Alle 33 Besatzungsmitglieder überlebten den Untergang. Es gelang ihnen auch, einen ordentlichen Vorrat an Proviant und drei kleine Boote zu bergen. Nun begann das eigentliche unerbittliche Abenteuer. Eine Reise von Hunderten von Meilen über ein zugefrorenes Meer, durch ein endloses Eislabyrinth. Sie überwanden Hunger und Stürme, Blindheit und Verzweiflung. Einer hatte sogar eine fortschreitende Syphilis, was wahrscheinlich schon auf dem Festland und in der Zivilisation schlimm genug ist, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man es aushält, wenn man damit in einer Eiswüste unterwegs ist. Die meisten schafften es nie wieder nach Hause.

Sides erzählt diese Geschichte überaus spannend. Das fängt schon bei seinen Charakterisierungen an, die meiner Erachtens tiefgründig und rund sind. Zum Beispiel Bennett, dem Organisator der Expedition. Das Wort Exzentriker wird ihm nicht wirklich gerecht, er ist ein Mann, der einen Fake-Artikel brachte über Tiere, die aus dem Zoo entkommen und Amok laufen, der seine Verlobte loswurde, weil er in ihren Flügel urinierte. Oder auch August Petermann, der ziemlich seltsame deutsche Kartograph, der glaubte, dass warme Meeresströmungen für ein offenes Polarmeer sorgen, der endlose Vorträge hielt und Schriften veröffentlichte zum Thema Polarexpeditionen, ohne jemals groß aus Deutschland herausgekommen zu sein (außer einem kurzen Ausflug zur Weltausstellung nach Chicago) und nicht zuletzt Emily De Long, die Frau des Kommandanten, die zahllose ergreifende Briefe schrieb, ohne einen sicheren Bestimmungsort zu haben, an den sie geschickt werden konnten. Eine sehr intelligente interessante Frau, die ihren Mann immens unterstützte.

USS Jeanette

Die Besatzung der Jeanette kommt einem nach über 500 Seiten vor wie alte Kumpel. Da ist Melville, der Chefingenieur, eine Art MacGyver des 19. Jahrhunderts; Nindemann, der herzliche Quartiermeister oder Jerome Collins, ein Meteorologe, Herald-Korrespondent und Meister des Wortspiels. Das ruhige Zentrum dieses Sturms ist jedoch Commander De Long. Auf Fotos wirkt er nicht unbedingt imposant; eher gelehrt und intellektuell, aber er war unfassbar mutig und zäh wie die Hölle.

Die Schilderung des Lebens an Bord, nachdem sich die Jeanette im Eis verkeilt hat, ist wirklich faszinierend. Tage, Monate, Jahre vergingen und die Männer blieben an Ort und Stelle, jagten, machten wissenschaftliche Messungen, trainierten, feierten Urlaub und bewegten sich langsam wie im Rhythmus des Meeres. Der Treck der Besatzung nach dem Untergang der Jeanette wird in quälenden Details erzählt. Man ist hautnah dabei, wie ihre Überlebenschancen schwinden.

Es hilft, dass Sides eine gute historische Grundlage hat, mit der er arbeiten kann. Als die Franklin-Expedition verschwand, gab es keine Überlebenden, die die Geschichte erzählen konnten, und nur wenige Beweise. Hier überlebten ein paar Männer, die erklären konnten, was genau passiert war. Bücher wurden von den Überlebenden geschrieben und der Kapitän De Long hatte ganz außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um die Logbücher und Tagebücher der Expedition zu retten – selbst in Kauf nehmend, dass es seine Rettung behindern könnte. Daher gab es eine Fülle von Augenzeugenberichten, die dieser Geschichte große Tiefe verleihen.

De Longs Mission hat etwas fast Perverses an sich. Sie segelten nach Norden, wohl wissend, dass sie im Eis stecken bleiben würden, aber sie taten es trotzdem, auf der Suche nach einer Chimäre, einem von Eis umgebenen Warmwasser-Ozean. Der Drang, unbedingt auch etwas Großes zu leisten, die Panik, dass fast jede Ecke der Welt schon entdeckt, der amerikanische Bürgerkrieg beendet und Männer wie De Long Sorge haben, mit ihren tapferen Vätern und älteren Brüdern nicht mithalten zu können.

Die Jeanette-Expedition widerlegte die Idee des Warmwasser-Ozeans, kartographierte einige Inseln, aber nichts von dem, was sie taten oder entdeckten, war es wert, dafür sein Leben zu lassen.

Nach diesen zwei eher deprimierenden, wenn auch spannenden Büchern über vergangene Polarexpeditionen, hoffte ich bei meinem letzten Abenteuer, dem einzigen Roman in meiner Sammlung, auf etwas mehr Leichtigkeit.

Zwei Antarktis-Expeditionen, die ein Jahrhundert auseinander liegen. Die erste, die in einer Katastrophe endete, ist der Stoff, aus dem Legenden und Jokes unter einer Gruppe moderner Forscher sind, die auf der Aegeus, einer fiktiven Antarktisbasis, stationiert sind.

Im Jahr 1913 brechen drei Männer in einem Beiboot vom Hauptschiff aus auf, um die Insel Everland zu erforschen: der hartgesottene, berechnende Erste Offizier Napps, der geradlinige, furchtlose Millet-Bass und der zarte Dinners, der so unbedarft ist wie ein frischgeschlüpfter Welpe. Ein Sturm lässt sie auf der Insel stranden, und nur Dinners wird Wochen später lebend gefunden, als die Rettungsmannschaft sie endlich erreichen kann. Napps‘ Tagebücher überleben, aber die Wahrheit, die sie enthüllen, ist umstritten. Was wirklich auf der Everland-Expedition geschah, bleibt auf der Insel und wird erst 100 Jahre später teilweise ans Licht kommen.

Einhundert Jahre später brechen drei weitere Abenteurer zu einer Jubiläumsexpedition nach Everland auf: Decker, der auf seiner letzten Antarktis-Reise ist; er ist müde, aber unbestreitbar der Anführer. Dann ist da Jess, eine zähe, super kompetente Feldassistentin und Brix, eine Forscherin, die zu Ungeschicklichkeiten neigt.

Der Roman bewegt sich zwischen diesen beiden Expeditionen hin und her und lässt Spannungsbögen entstehen, die das Buch zu einem kalten und verzweifelten Thriller werden lassen. Die körperliche Anstrengung des Überlebens wird anschaulich geschildert und die Qualen der Isolation am eisigen Ende der Welt, wenn man nicht einmal den Menschen wirklich traut, die das eigene Überleben in den Händen halten, wird nervenaufreibend und herzzerreißend von Rebecca Hunt erzählt.

Noch fesselnder sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Expeditionen und wie wenig sich auf Everland in den dazwischen liegenden Jahren verändert hat: Eine Flechte, auf die beide Teams gestoßen sind, ist tausend Jahre alt und wächst in einem Jahrhundert um einen Millimeter, ein Stück Butter behält seine Messerabdrücke über Jahrzehnte hinweg, ein eingefrorener Körper, der nach all den Jahren unheimlich unverändert ist.

Rebecca Hunts Sprache ist spartanisch und unaufgeregt. Ihr schräger Humor und ihre straffen Dialoge passen verleihen der Geschichte einen Hauch von verzweifelter Schönheit. Auch das letzte Buch meiner Polarexpedition stellt sich als hervorragende und spannende Lektüre raus.

So – wir haben es gemeinsam geschafft. Alle Expeditionsmitglieder sind wieder heil zu Hause angekommen. Wer noch immer nicht genug hat, den lade ich ein, meinen kurzen eisigen Trip vom letzten Jahr anzuschauen. Dafür bitte hier entlang.

Ich habe bereits einen tollen Tipp für die nächste Expedition bekommen (The Terror von Dan Simmons), ich sehe mich auch zwischen Ende des Jahres 2021 wieder in eisige Fernen aufbrechen. Wenn euch also sonst noch entsprechende Buchtipps einfallen – gerne her damit.

Polarexpedition – Teil 1

Ein Wunder, dass ich diesen Trip ohne eigene Erfrierungen, Schneeblindheit und Skorbut überstanden habe. Das war eine der intensivsten literarischen Expeditionen, die ich bisher unternommen habe.

Ein Jahr, in dem wir überhaupt nicht reisen konnten, wollte ich zumindest literarisch mit einer einzigartigen Expedition enden lassen und da das heimische Bücherregal gleich 6 Polarbücher vorzuweisen hatte, nutzte ich die ruhige Zeit zum Ende des Jahres, um mich an die eisigen Enden der Welt zu begeben.

Ich hatte mich sehr auf die Bücher gefreut, denn ich muss zugeben, ich habe ein Faible für zermürbende Polarexpeditionen und gelegentlich katastrophale Seereisen des 19. und frühen 20. Jahrhundert. Dachte aber, dass das eine oder andere Buch vielleicht auch etwas zäh werden würde. Ich war dann aber doch überrascht, wie unglaublich gerne ich alle 6 Bücher gelesen habe, die jedes für sich schon geografisch jeweils andere Ecken bereisten, die aber auch zeitlich und vom Kontext her sehr unterschiedlich waren.

Zieht euch warm an, vergesst die Handschuhe nicht – es wird kalt. Den Anfang macht der glücklose Shackleton:

Shackletons erste Erfahrung mit den Polarregionen war als dritter Offizier der Discovery-Expedition von Kapitän Robert Falcon Scott in den Jahren 1901-1904, von der er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig nach Hause geschickt wurde, nachdem er und seine Begleiter Scott und Edward Adrian Wilson einen neuen Südrekord aufgestellt hatten, indem sie bis zum Breitengrad 82°S marschierten.

Im Frühjahr 1912 erreichte die Welt die Nachricht, dass Roald Amundsen den Südpol erobert hatte. Shackleton betitelte seinen neuerlichen Anlauf zum Südpol selbstbewusst mit Imperial Trans-Antarctic Expedition.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Shackleton zwei Schiffe und Besatzungen ausgerüstet, um eine Kontinentaldurchquerung der Antarktis zu versuchen. Er bot an, die Expedition abzubrechen, wurde aber von Winston Churchill angewiesen, sie fortzusetzen. Bekanntermaßen fand die Überquerung nie statt. Was geschah, war ein zunehmend verzweifelter Überlebenskampf der beiden Schiffsbesatzungen auf entgegengesetzten Seiten des polaren Kontinents.

Das Buch besteht größtenteils aus Auszügen aus Shackletons eigenem Tagebuch und den Tagebüchern einiger der anderen Expeditionsmitglieder, die zu einer Erzählung zusammengefügt wurden. Shackleton schildert die Probleme, mit denen seine Seite (die Weddellmeer-Seite) der Expedition konfrontiert war. Sein Schiff, die Endurance, blieb im Januar 1915 im Meereis stecken, wo es langsam über das Weddellmeer trieb, bis es im November desselben Jahres zerschellte und sank. Shackletons Mannschaft kampierte auf dem sich bewegenden Eis bis zum April 1916, als ihre Eisscholle auseinanderbrach und sie in die geborgenen Schiffsboote gezwungen wurden, um eine erschütternde fünftägige Seereise zum trockenen Land von Elephant Island zu unternehmen.

Shackleton war äußerest emphatisch und hatte stets das Leiden seiner Männer vor Augen. Die ständige extreme Kälte und das grausame Wetter, die schlechten Rationen (einschließlich der Zeiten, in denen die Männer nach dem Tod der Hunde mit einem einzigen Keks und einem Becher Kakao pro Tag in Knochenarbeit die Schlitten ziehen mussten), Erfrierungen, Langeweile, Skorbut, Schneeblindheit, Erschöpfung – die Palette der Probleme, die sich den Männern in den Weg stellten, schien fast unüberwindbar und doch hielt Shackleton seine Gruppe irgendwie zusammen, um gemeinsam das Überleben zu sichern.

Teile der Geschichte sind ganz unfassbar britisch:

„Die Endurance ist gesunken, aber wir haben den Wimpel des Royal Yacht Club gerettet.“

Symbole sind wichtig – insbesondere, als sie nach dem Untergang fast ihr gesamtes persönliches Hab und Gut wegwerfen mussten, wusste Shackleton, wie wichtig es war, zumindest einige wenige Gegenstände zu behalten, wie z.B. den Wimpel, eine Enzyklopädie, die Pfeifen der Männer, um ein winziges Maß an Normalität für die dunklen Tage zu haben, die vor ihnen lagen.

Als im Lager auf Elephant Island irgendwie keine Hoffnung mehr aufkommen wollte und einige der Männer ihrem geschwächten Zustand und den Depressionen erlagen, ließen Shackleton und eine freiwillige Mannschaft das Schiff, die James Caird, zu Wasser. Mit diesem Schiff – nur wenig größer als eine Segeljolle – segelten sie 800 Meilen nach Südgeorgien, wo sie dank der hervorragenden Navigationskenntnisse des Endurance-Kapitäns Frank Worsely ankamen. Allein diese Reise durch den eisigen, sturmgepeitschten, bergigen Südozean würde für eine heldenhafte Überlebensgeschichte reichen – doch nach der Landung auf der falschen Seite von Südgeorgien müssen die Männer auch noch einen langen und gefährlichen Marsch unternehmen, um die Walfangstation zu erreichen und endlich Hilfe zu bekommen.

Die Bedingungen, denen sich die Besatzung der Aurora auf der anderen Seite des Kontinents im Rossmeer ausgesetzt sah, waren nicht weniger unglaublich. Die Besatzung folgte hier den Spuren von Kapitän Scott und legte Lebensmittel- und Treibstoffdepots an, die Shackletons Gruppe bei der Überquerung des Kontinents finden sollte. Die Aurora wurde aus ihrer Verankerung gerissen und trieb schwer beschädigt, bis die Besatzung sie nach Neuseeland brachte. Während Shackleton die Rettung für die Mannschaft auf Elephant Island organisierte, organisierte die Besatzung der Aurora eine Rettung für ihre Kameraden auf dem Eis nahe Ross Island.

„Mit der Endurance ins ewige Eis“ ist eine großartige Geschichte über den Überlebenswillen, darüber, was Menschen aushalten können, wenn sie mit Extremen konfrontiert werden, wenn es viel einfacher gewesen wäre, sich einfach hinzulegen und aufzugeben, als weiterzukämpfen, Tag für Tag, Monat für Monat entstanden. Das Buch ist eine sehr inspirierende Lektüre, nur das Nachwort deprimiert, denn nachdem sie gerettet wurden, meldete sich fast jeder aus der Mannschaft direkt zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg…

Nach dieser tragischen Geschichte, ging es dann glücklicherweise etwas weniger dramatisch aber dennoch spannend mit der großartigen Christiane Ritter weiter, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz den Konventionen widersetzte, jedes Risiko ignorierte und ihrem Mann zu einer Expedition nach Svalbard folgte, mitten ins Herz der Arktis.

Christiane Ritter, eine österreichische Malerin, die im Jahr 2000 im Alter von 103 Jahren starb, fuhr 1934 nach Norwegen und fand ein Land von immenser Schönheit, still und ursprünglich. Ihr Bericht über das Jahr, das sie in Svalbard verbrachte, ist eine wunderschöne Hommage an die ganz besondere Landschaft der Arktis.

“Der Konflikt zwischen dem schwächer werdenden Licht des Tages und dem triumphierenden Licht des Mondes schafft verwirrende Kontraste in der sehr klaren, gewaltsam kahlen Landschaft. Immer wenn sich der Himmel aufhellt, entstehen neue Szenen.“

Ihre Beschreibungen, wie zum Beispiel zu den Vorbereitungen für den Winter, der Jagd, der ihr bis dahin völlig unbekannten Tiere, der Pracht der Fjorde, sind faszinierend, aber nichts ist vergleichbar mit den Kapiteln, die der „Fortvilelse“, der Polarnacht gewidmet sind, dem Zauber, der verwirrenden und bedrohlichen Herrlichkeit der Nacht, die niemals endet. Sie beschreibt den letzten Moment vor dem Sonnenuntergang und das Warten auf die monatelange Dunkelheit so anschaulich und fast bedrohlich, dass es einem selbst im warmen Lesesessel fröstelt. Der Rauch, der sich am Boden und an den Wänden der Hütte festsetzte, die schwarze Landschaft, die nur vom Sternenlicht erhellt wurde, Karls Lieder in der Stille der ewigen Nacht … Ritter schafft Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

‚Geh nicht allein spazieren“, sagt Karl. “Es ist eine gefährliche Zeit. Sieben Wochen vor Weihnachten werden die Gräber in Svalband geöffnet.“

Die winzige Hütte in der Christiane Ritter mit ihrem Mann und Karl für ein Jahr lebte

Ritter erzählt von Karls Geschichten und den Sagen der Matrosen, die – kaum überraschend – von die Tod und den Geistern der Toten handeln. Passende Geschichten, die aus einem Land stammen, in dem die unendliche Nacht regiert, in dem die Schatten unter der Aurora Borealis vorbeihuschen und nur überlebt, wer sich genug Vorrat für den Winter angelegt hat.

Ritter beschreibt nicht nur anschaulich, wie sie sich anpasst und von einer Hausfrau zu einer abgebrühten, cleveren Arktisjägerin wird, sondern auch über die erschreckende Kraft und Schönheit der Polarlandschaft. An dunklen, eisigen Tagen wird das Land zu einer berauschenden Mondlandschaft, das gefrorene Meer glänzt wie ein riesiger Opal und ein wütender Schneesturm fühlt sich furchterregend aber auch berauschend an.

Ein wunderschönes, kleines Büchlein, das wunderbar gealtert ist und große Lust macht auf eisige Spaziergänge und Dokumentationen über Eisbären und Arktis.

Abschließen möchte ich den ersten Teil unserer Expedition mit einem Buch von Arthur Conan Doyle, der als junger Mann ein paar Monate als Schiffsarzt an einer Polarexpedition teilnahm, lange bevor Sherlock Holmes das Licht der Welt erblickt hatte.

1880 begab sich Arthur Conan Doyle, damals noch ein junger Medizinstudent, in das „erste wirklich herausragende Abenteuer“ seines Lebens, indem er als Schiffschirurg auf einem arktischen Walfänger anheuerte. Die Reise führte ihn in unbekannte Regionen, stürzte ihn in dramatische Erlebnisse und machte ihn bekannt mit der gefährlichen Arbeit auf den Eisschollen der Arktis. Die Mannschaft taufte ihn „Großer Taucher“ weil er häufig von den rutschigen Eisschollen ins Meer rutschte und dann samt Klamotten ins Bett gelegt wurde, damit diese auftauen und er sie ausziehen konnte. Seine Zeit an Bord der „Hope“ war, wie er später schrieb, „ein seltsames und faszinierendes Kapitel meines Lebens“.

Das Tagebuch, das er an Bord des Walfängers führte, blieb mehr als ein Jahrhundert lang unveröffentlicht.

Er war auf einem Walfänger, daher gibt es natürlich jede Menge Passagen über das Harpunieren von Walen, das Erschlagen von Robben und das Erschießen von Eisbären – das sollte man einigermaßen ausblenden können…

Conan Doyle sah seine arktische Reise für den Rest seines Lebens als eine seiner bedeutendsten Lebenserfahrungen an. Er war immer schon sportbegeistert und liebte körperlichen Aktivitäten – er boxte auf dem Schiff mit einem Offizierskollegen und im März 1893 war Doyle der erste Brite, der eine Tagestour im Skilanglauf absolvierte. In Erinnerung an diese Leistung benannte der australische Polarforscher Douglas Mawson den Doyle-Gletscher in der Antarktis nach ihm.

Das Buch ist ein kleines Juwel und bietet einen spannenden Einblick in diesen faszinierenden Schriftsteller, der ein langjähriges Interesse an mystischen Themen hatte und von der Idee paranormaler Phänomene fasziniert blieb, auch wenn die Stärke seines Glaubens im Laufe der Jahre periodisch zu- und abnahm.

Conan Doyles Aufzeichnungen über seine Walfangreise bilden den größten Teil dieses wunderschönen Buches aus dem Mare-Verlag, aber er enthält auch zwei Kurzgeschichten, „Der Kapitän der Polestar“ und die von der Arktis inspirierte Sherlock-Holmes-Geschichte „Das Abenteuer des Schwarzen Peter“.

So – jetzt könnt ihr euch ein wenig aufwärmen, ein paar Vitamine essen und einen heißen Grog trinken, in ein paar Tagen nehme ich euch auf den zweiten Teil der Polarexpedition mit.

Habt ihr noch Lust?

Meine Woche

Gesehen: Amadeus (1984) von Miloš Forman mit Tom Hulce und F. Murray Abraham. Großartiger Film, den ich immer wieder sehen kann und natürlich wunderbarer Musik.

Don Giovanni (1979) von Joseph Losey mit Ruggero Raimondi und Kiri Te Kanawa. Die DVD war mein Weihnachtsgeschenk als Trost für die verpasste Opernvorstellung. Mozarts düsterste Oper – wirklich phantastisch verfilmt. Unbedingt ansehen!

The Lure (2015) von Agnieszka Smoczyńska. Polnischer Body-Horror – die Geschichte zweier Meerjungfrauen, die gerne mal menschliche Körperteile verspeisen. Ein sehr unterhaltsames Neon-Horror-Musical.

Despite the Falling Snow (2016) von Shamim Sarif. Puh – echt grottige Liebesschmonzette um einen russischen Spion. Das spannenste war der Schnee.

Das geheime Leben der Bäume (2020) von Jörg Adolph. Doku zum Weltbestseller von Peter Wohlleben. Das Buch ist deutlich informativer, aber die Zeitrafferaufnahmen waren klasse.

Gehört: The Valley – Emma Ruth Rundle, Glory Box – Beatsteaks, Whole Life – Perfume Genius, Fall from Grace – Paradise Lost, Nobody wants to party with us – Mrs Piss, Demon – War on Women, Whole new mess – Angel Olsen, Heather – Conan Gray, American Cars – Annie

Gelesen: Immobilien: Wer nichts erbt, geht oft leer aus, Cal Newport on the rise and fall of getting things done, Shayla Love on how to be bored, diesen Artikel über die 97jährige Gerda May, dieses Interview mit Jane Goodall

Getan: zu zweit Silvester gefeiert, die Songs 2020 zusammengestellt, 30 Tage Yoga mit Adriene gestartet, viel spazieren gegangen, gelesen und Filme geschaut

Gegessen: viel Gemüse mit dem Start des Veganuary

Getrunken: Champagner

Gefreut: über die erholsame Urlaubswoche

Geweint: nein

Geärgert: dass unsere Etepete Box jetzt zweimal nicht geliefert wurde

Geklickt: auf die besten Naturfotos 2020

Gestaunt: never touch anything that looks like Donald Trumps hair

Gelacht: I’m not buying a 2021 planner until I see a trailer

Gewünscht: diese Küche, dieses Baumhaus, diese Vitrine

Gefunden: Bücher im Bücherschrank

Gekauft: Wein

Gedacht: A foreign accent is a sign of bravery. — Amy Chua

Was ich mochte – 2020

Ich lasse es an dieser Stelle, eine Bemerkung über diese Shitshow eines Jahres zu machen – wissen wir alle, haben wir jetzt genug drüber gehört und gelesen.

Ich hege tiefe Bewunderung, für all die Menschen die es schaffen, so viele Neuerscheinungen zu lesen, sehen und hören, dass sie es wirklich schaffen, eine Lieblingsliste eines Jahres zu erstellen. Bei mir geht das so querbeet, dass ich es partout nicht hin bekomme, eine Liste zu erstellen, die nur aus den Neuerscheinungen eines Jahres besteht, dafür steht einfach noch zuviel Ungelesenes in meinen Regalen, zu viele ungesehene Filme aus den vergangenen Jahren wollen noch gesehen werden.

Daher hier meine kunterbunten Lieblinge 2020 – vielleicht aber trotzdem interessant 🙂

Die Bellestristik-Lieblinge:

Die Sachbuch-Lieblinge:

  • Uncanny Valley – Anna Wiener
  • Humankind – A hopeful history – Rutger Bregman
  • Ein Jahr voller Wunder – Clemency Burton-Hill
  • Dichterinnen & Denkerinnen – Katharina Hermann
  • Handbuch für Zeitreisende – Kathrin Passig & Aleks Scholz
  • The Culture Map – Erin Meyer
  • Das geheime Leben der Bäume – Peter Wohlleben
  • Atomic Habits – James Clear
  • Gesellschaft als Urteil – Didier Eribon
  • Das sechste Sterben – Elizabeth Kolbert

Die Film-Lieblinge:

  • Portrait of a Lady on Fire – Céline Sciamma
  • Thelma – Joachim Trier
  • Persepolis – Marjane Sartrapi / Vincent Paronnaud
  • It Follows – David Robert Mitchell
  • Searching – Aneesh Chaganty
  • The Vast of Night – Andrew Patterson
  • Sole Survivor – Thom Eberhardt
  • Midsommar – Ari Aster
  • Don’t look now – Nicolas Roeg
  • Happiest Season – Clea DuVall
  • Hour of the Wolf – Ingmar Bergmann
  • The Changeling – Peter Medak
  • I am not a serial killer – Billy O’Brien
  • High Life – Claire Denis
  • The Old Guard – Gina Prince-Bythewood

TV & Doku-Lieblinge:

  • The Handmaid’s Tale – Season 3 – Bruce Miller
  • Dark – Season 3 – Jantje Friese
  • Killing Eve – Season 3 – Sally Woodward
  • Ratched – Season 1 – Lou Eyrich
  • Wild Wild Country – Maclain & Chapman Way
  • The Haunting of Bly Manor – Mike Flanagan
  • My Octopus Teacher – Philippa Ehrlich
  • Dead to me – Liz Feldman
  • RBG – Julie Cohen & Betsy West
  • A secret love – Chris Bolan
  • Douglas – Hannah Gadsby

The Pull of the Stars – Emma Donoghue

Dublin, 1918: drei Tage auf einer Entbindungsstation auf dem Höhepunkt der Influenza Pandemie. Ein Mikrokosmos aus Arbeit, Risiko, Tod und unerwarteter Liebe.

In Irland, das nicht nur vom Krieg, sondern auch von Krankheit heimgesucht wird, arbeitet die Krankenschwester Julia Power in einem unterbesetzten Krankenhaus im Stadtzentrum, wo werdende Mütter, die an der schrecklichen neuen Grippe erkrankt sind, gemeinsam unter Quarantäne gestellt werden. In Julias reglementierte Welt treten zwei Außenseiter – die Ärztin Kathleen Lynn, die auf der Flucht vor der Polizei ist, und eine junge freiwillige Helferin, namens Bridie Sweeney.

I found myself wondering who’d put us all in the hands of these old men in the first place.

In der Dunkelheit und Intensität dieser winzigen Station verändern diese Frauen über drei Tage hinweg ihr Leben auf unerwartete Weise. Sie verlieren Patienten an diese rätselhafte Pandemie, aber sie bringen auch neues Leben in eine von Angst erfüllte Welt. Mit viel Zärtlichkeit und unermüdlicher Menschlichkeit leisten die Pflegerinnen und Mütter ihre Arbeit, in der Hoffnung, dem Tod möglichst häufig ein Schnäppchen zu schlagen.

Die Grippe von 1918 war eine verheerende Pandemie. Noch während sich die Menschen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gegenseitig umbrachten, verbreitete sich ein noch weitaus tödlicherer Killer von Mensch zu Mensch – dieses Mal durch Berührungen, Liebe und Mitmenschlichkeit. Durch das Verbot von Verhütungsmittel durch die katholische Kirche, dem sozialen Druck, Babys zu gebären (mehr als zehn waren die Norm), sexuellem Missbrauch in religiösen Institutionen und in den Magdalenenheimen, einer Müttersterblichkeitsrate von 15% UND der Pandemie, war dies die wahrscheinliche ohnehin schrecklichste Zeit, eine Frau zu sein. Wer dann auch noch schwanger war, konnte einem nur leid tun.

Nurse Power sieht Mütter, die versuchen und teilweise scheitern, ihr zwölftes Kind oder so zu gebären, weil ihre Körper einfach nicht mehr können. Sie sieht junge Opfer von sexuellem Missbrauch, die gezwungen werden, die Babys ihrer männlichen Verwandten zu gebären, die sie vergewaltigt haben. Sie sieht die „gefallenen Frauen“ aus den Magdalenenheimen, die gezwungen werden, ihre Babys abzugeben. Sie sieht Missbrauchsopfer, die Angst haben, wieder gesund zu werden und das Krankenhaus zu verlassen.

She murmured, We could always blame the stars. I beg your pardon, Doctor? That’s what influenza means, she said. Influenza delle stelle—the influence of the stars. Medieval Italians thought the illness proved that the heavens were governing their fates, that people were quite literally star-crossed. I pictured that, the celestial bodies trying to fly us like upsidedown kites. Or perhaps just yanking on us for their obscure amusement

Ein Großteil des Grauens, das in Nurse Powers Krankenzimmer geschieht, hat seine Wurzeln im Machtmissbrauch, in religiöser Heuchelei und einer verheerenden Sozialpolitik. Donoghue hat eine Menge historischer Fakten mit ihrer Geschichte verwoben, einschließlich der Figur der Ärztin, Kathleen Lynn, die ich vorher nicht kannte. Die romantische Nebenhandlung störte nicht weiter, tauchte aber völlig aus dem Nichts auf, ohne dass vorher auch nur ansatzweise ein Knistern zu spüren gewesen wäre.

I seem to have stumbled onto love, like a pothole in the night.

In The Pull of the Stars findet Emma Donoghue wieder einmal Licht in der Dunkelheit. Es ist ein Buch das uns zeigt, dass wir mit „unserer“ Pandemie noch fast Glück haben, denn es hätte uns noch viel schlimmer treffen können. Ein Buch voller Hoffnung und eine Hymne auf das Überleben gegen alle Widrigkeiten.

Nach der Lektüre empfehle ich diese kurze Dokumentation über die Ärztin, Kathleen Lynn, eine wirklich interessante Persönlichkeit.

Meine Woche

Gesehen: Carol (2015) von Todd Haynes mit Cate Blanchett und Rooney Mara. Auch zum trillionsten Mal einfach der perfekte Weihnachtsfilm.

Luz (2018) von Tilman Singer mit Luana Velis. Film um Luz, eine junge Taxifahrerin, die von einem dämonisches Wesen verfolgt wird, das entschlossen ist, endlich der Frau nahe zu sein, die es liebt. Abgefahren und großartig.

George Orwell, Aldous Huxley 1984 oder schöne neue Welt (2020) von Philippe Calderon und Caroline Benarrosh. Doku über zwei Autoren die die wegweisenden Dystopien des 20. Jahrhunderts verfassten.

Gehört: Nils Frahm xmas Mix 2020, Silent Night – Sharon van Etten, Two Queens in a king size bed – Girl in Red, Soft Array – Simon Waskow, Dry Fantasy – Mogwai, Dvergmál -Sigur Rós, Swimming in Qualia – Steve Jansen, Lamentations – William Basinski, When summer turns to fall – Planning for Burial

Gelesen: Sweatpants Forever: How the Fashion Industry Collapsed, Other countries have social safety nets. The U.S. has women, What Megan Fox Taught Me About the Power of Subversive Girls, dieses Interview mit Kim Stanley Robinson

Getan: die ersten Urlaubstage genossen, viel spazieren gegangen, gekocht, mit der Familie und Freunden gezoomt, Päckchen ausgepackt und gelesen

Gegessen: Rinderbraten mit Rotkohl und Kartoffelknödel

Getrunken: Rotwein

Gefreut: über die Weihnachtspäckchen

Geweint: nein

Geärgert: über die Wolken die verhindert haben, dass ich das Beisammensein von Jupiter und Saturn beobachten konnte

Geschockt: wie knapp Clemency Burton-Hill Anfang des Jahres einer Gehirnblutung erlegen wäre (sie ist die wunderbare Autorin von „Ein Jahr voller Wunder“ und ich wünsche ihr schnelle gute Besserung!)

Geklickt: 5 Minutes That Will Make You Love Opera (nicht das ich da Nachhilfe bräuchte)

Gestaunt: über die Imbissbude die man in Pompeij gefunden hat

Gelacht: über mein erstes Zoom Meeting mit meinem Papa und ich jeden Morgen dieses Jahr

Gewünscht: dieses Schlafzimmer, diesen Ofen, diesen Boxsack

Gefunden: Bücher im Bücherschrank

Gekauft: Bruichladdich und eine Kaffeemühle

Gedacht: Let me never fall into the vulgar mistake of dreaming that I’m persecuted whenever I am contradicted // Ralph Waldo Emerson

Piranesi – Susanna Clarke

Es ist unmöglich, die Handlung zu beschreiben, ohne sie zu verraten, und der Spaß an diesem Buch ist die Klarheit, die man als Leser langsam, nach und nach erlangt, immer nur ein paar Schritte vor dem optimistischen und naiven Erzähler Piranesi, der eine schöne, aber einsame Welt bewohnt.

Diese Welt ist ein Haus aus endlosen Räumen mit Statuen und Gezeiten, die durch leere Hallen brausen. Die Räume des Hauses sind unendlich, seine Korridore endlos, die Wände sind mit Tausenden und Abertausenden von Statuen gesäumt, eine jede anders als die andere. Im Labyrinth der Säle ist ein Ozean gefangen, Wellen donnern die Treppen hinauf, Räume werden im Nu überflutet. Aber Piranesi hat keine Angst, denn er versteht die Gezeiten, so wie er das Muster des Labyrinths selbst zu lesen versteht. Er lebt, um das Haus zu erforschen.

I was in a house with many rooms. The sea sweeps through the house. Sometimes it swept over me, but always I was saved.

Er ist ihr einziger Bewohner, neben der geheimnisvollen Figur namens The Other, ein älterer Mann, der auf der Suche nach einer großen Macht durch die Hallen streift. Die beiden Männer treffen sich zweimal in der Woche, um zu besprechen, was sie entdeckt haben, obwohl The Other vielleicht nicht ganz das ist, was er vorzugeben scheint.

Piranesi kann sich nicht an ein Leben vor dem Haus erinnern, führt aber ein detailliertes Tagebuch über seine Zeit dort und kommt zu dem Schluss, dass er Mitte dreißig sein muss und mehrere Jahre dort draußen in der Welt gelebt hat. The Other hat ihn Piranesi genannt, nach Giovanni Piranesi, einem italienischen klassischen Archäologen, Architekten und Künstler, der für Zeichnungen von fantastischen Labyrinthen und Gefängnissen bekannt ist.

“The Beauty of the House is immeasurable; its Kindness infinite.”

Piranesi kennt das Haus in- und auswendig und katalogisiert alles, was er über es weiß. Er liebt das Haus und fühlt, dass es auch ihn liebt. Die Welt fühlt sich vollständig und ganz an, und „ich, ihr Kind, füge mich nahtlos in sie ein“, schreibt er. Er schaut auf die Statuen als Wegweiser und findet in ihnen Botschaften der Hoffnung und Stärke. Das Haus gibt ihm Nahrung, gibt ihm Wetter, gibt ihm einen Sinn, auch wenn es nur der ist, als Bewohner des Hauses zu dienen. Er hat sich dem Rhythmus des Hauses angepasst und sogar seinen eigenen Kalender, um die Ereignisse des Hauses herum erstellt – der Roman spielt im Jahr, in dem der Albatros in die südwestlichen Hallen kam.

“Perhaps even people you like and admire immensely can make you see the World in ways you would rather not.

Piranesi ist eine wilde, verrückte und surreale Fahrt,. Der erste Teil hätte für mich gern um 100 Seiten erweitert werden können, auf denen er einfach nur die Hallen erkundet. Ich habe es sehr genossen, in den Bildern in meinem Kopf zu leben – die Atmosphäre dieses Romans ist fantastisch und bringt einen so an atemberaubende Orte.

Wer ist Piranesi, was ist diese Welt, und wie kam er dorthin? Nichts in diesem Buch ist vorhersehbar, und Piranesis Suche nach Antworten macht die Lektüre zu einem fesselnden Erlebnis.

“In my mind are all the tides, their seasons, their ebbs and their flows. In my mind are all the halls, the endless procession of them, the intricate pathways. When this world becomes too much for me, when I grow tired of the noise and the dirt and the people, I close my eyes and I name a particular vestibule to myself; then I name a hall

Ich glaube Piranesi ist mein Lesehighlight 2020, immer wieder denke ich daran zurück und drehe im Kopf meinen eigenen Film dazu mit passendem Soundtrack. Ich mochte „Jonathan Strange & Mr Norrell„, aber Piranesi ist nochmal eine Schippe wunderbarer.

Ich beneide alle, die diese Lektüre noch vor sich haben. 1000 Dank an die wunderbare Anna vom Blog Buchpost, von der ich das Buch geschenkt bekam.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem gleichen Titel im Blessing Verlag.