Hirngymnastik Wissenschaftsphilosophie

Hirngymnastik

Man nehme eine Portion Naturwissenschaft, füge etwas Philosophie hinzu, gut umrühren und fertig ist eine Hirngymnastik, die es mächtig in sich hat.

Von Wissenschaftsphilosophie wird man in der Regel direkt auf die Erkenntnistheorie verwiesen, die Wikipedia wie folgt erklärt:

„Die Erkenntnistheorie (auch Epistemologie oder Gnoseologie) ist ein Hauptgebiet der Philosophie, das die Fragen nach den Voraussetzungen für Erkenntnis, dem Zustandekommen von Wissen und anderer Formen von Überzeugungen umfasst. Dabei wird auch untersucht, was Gewissheit und Rechtfertigung ausmacht und welche Art von Zweifel an welcher Art von Überzeugungen objektiv bestehen kann.“

Eine wichtige Disziplin gerade heute, wo wir von alternativen Fakten und Fake News umgeben zu sein scheinen, die uns dabei, hilft abzuwägen, was zum jeweiligen Zeitpunkt als richtig gilt und was nicht. Überhaupt eine wichtige Sache zu lernen, seine eigenen Lieblingstheorien von Leuten mit eventuell gegenteiliger Meinung  auf Schwachstellen untersuchen zu lassen und immer bereit zu sein, sich theoretisch auch vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Wenn die eigenen Theorien solchen Prüfungen standhalten, dann hat sie Bestand, ansonsten sollte man sie überdenken. Deutlich leichter gesagt als getan, aber grundsätzlich richtig.

Bevor wir uns aber tiefer mit der erkenntnisphilosophischen Seite dieser Hirngymnastik befassen, lasse ich uns erstmal von Frau Anderl ins Universum entführen:

Sibylle Anderl – Das Universum und ich

Schon Ende Oktober letzten Jahres hatte ich die Gelegenheit, Sibylle Anderl in der Bayrischen Staatsbibliothek zu hören, die aus ihrem Buch „Das Universum und ich“ vorlas. Petra von „Elementares Lesen“ hatte mir schon ordentlich Lust gemacht auf die Kombi aus Astrophysik und Philosophie und die Lesung mit Vortrag und kurzer Fragerunde war mindestens so spannend, wie ich es mir erhofft hatte.

„Wir müssen uns also wohl oder übel damit abfinden, dass wir in Erdnähe festsitzen und nicht sehr viel tun können, um das Universum aktiv zu erkunden“ – das führt dazu, dass Kritiker wie Ian Hacking die Astrophysik für deutlich ungenauer und wissenschaftlich nur schwer erfassbar halten, als andere Naturwissenschaften.

Sibylle Anderl macht uns mit der Popper’schen Welt des universellen Zweifels bekannt und zeigt den Unterschied zu den experimentellen Wissenschaften auf. In ihrem recht persönlichen Buch erzählt sie von einer Tagung in der Uckermark mit Teilnehmern aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wie der Astrophysik, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Dort versuchte Anderl ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass die Astronomie grundsätzlich anders als andere Wissenschaften arbeiten. Doch schon die noch immer bestehende Trennung und die Berührungsängste in den Wissenschaften in unterschiedliche Fachschaften machen es schwer, einen fächerübergreifenden Forschungsantrag zu stellen. Aus dem gemeinsamen Projekt wird daher nichts, doch das Treffen war mehr oder weniger der Anstoss für Anderls Buch, also keineswegs ein unnötiges Treffen in der Uckermark.

Auch wenn Anderl weiße Zwerge, rote Riesen und schwarze Löcher schlecht unters Mikroskop legen kann, das Universum hat seine ganz eigene Art, mit uns zu kommunizieren, z.B. durch die kaum wahrnehmbare, stets vorhandene Hintergrundstrahlung, die unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann und die für uns messbar und damit hoch wissenschaftlich zur Verfügung steht. Genauso unsichtbar wie Mikrowellen oder die kürzlich entdeckten Gravitationswellen  – die Hintergrundstrahlung ist für die Astrophysik eine der wichtigsten Informationsquellen und gibt Auskunft über die Geburt von Sternen, über Kollisionen von Galaxien und wird oft auch als das Babyfoto des Universums bezeichnet, entstand die Hintergrundstrahlung doch ziemlich kurz nach dem Big Bang.

„Die Annahme, dass es Dunkle Materie geben muss, beruht darauf, dass man die allgemeine Relativitätstheorie für richtig hält. Tatsächlich hat diese Theorie mit beeindruckender Präzision alle bisherigen Tests bestanden. Wenn man aber in Betracht zieht, dass es eine andere Theorie zur Beschreibung der Gravitation geben könnte, dann kann man auch das Problem der Dunklen Materie umgehen. Über die Frage, ob andere Theorien wie beispielsweise MOND, „Modifizierte Newtonsche Dynamik“, die eine modifizierte der Newtonschen Gravitationstheorie bei geringen Beschleunigungen postuliert, wirklich eine attraktive Alternative darstellen, wird in Kosmologenkreisen leidenschaftlich gestritten.“

Astrophysiker sitzen übrigens deutlich häufiger am Schreibtisch und am Computer als man vermutet, aber wenn sie Glück haben, können Sie die Teleskope auch mal besuchen und selbst Daten aufnehmen. Das führt dann auch zu den deutlich spannenderen Geschichten über zwischenmenschliche Probleme zwischen Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Kulturen, Anekdoten über gefährliche Banditen auf dem Weg zum Teleskop in Chile und Forschung an Sternenembryos.

Die Sherlock-Holmes Methode zeigt anschaulich, wie mühselig die Messungen teilweise sein können und wie schnell die Messergebnisse verfälscht werden können durch locker sitzende Kabel oder tieffliegende Flugzeuge. Als Astrophysiker braucht man also unbedingt eine Menge Geduld beim akribischen Sammeln und Auswerten von Daten.

Die Lesung mit Vortrag war äußerst spannend, wer die Gelegenheit hat, Sibylle Anderl live zu sehen, sollte diese nutzen. Sie hat mit viel Humor auch abstruseste Fragen beantwortet und trotz der Tatsache, dass sie KEIN Star Trek Fan ist, fand ich sie sehr sympatisch (ihren Vater irgendwie auch, obwohl ich ihn gar nicht kenne, aber wenn man das Buch liest, glaubt man irgendwann es sei so).

Ich drücke die Daumen für den Nobelpreis in ein paar Jahren, sie hat ja versprochen mir rechtzeitig Bescheid zu geben, dann wird gefeiert.

Hier geht es zu der spannenden Besprechung auf Elementares Lesen.

Karl Popper – Alles Leben ist Problemlösen

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Dies ist vermutlich der zugänglichste Einstieg in Poppers Werk, eine Sammlung an provokanten, nachdenklich stimmenden Aufsätzen und Reden. Die Artikel zeigen Poppers Arbeits- und Denkprozess bei der Erarbeitung seiner Schlüsseltheorien auf dem Gebiet der Wissenschaftsphilosopie sowie seine politischen Ansichten zum Stand der Welt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt. Teil 1 beschäftigt sich mit Fragen der Naturerkenntis, Teil 2 mit Gedanken zur Geschichte und Politik. Seine Ansichten zur wissenschaftlichen Erkenntnis stellt er als dreistufiges Modell vor, das nach der Versuch- und Irrtum-Methode funktioniert. Stufe 1 ist die Benennung des Problems, Stufe 2 die entsprechenden Lösungsversuche, Stufe 3 die Eliminierung von fehlgeschlagenen Lösungen.

„Wenn ein höherer Organismus zu oft in seinen Erwartungen getäuscht wird, so bricht er zusammen. Er kann das Problem nicht lösen; er geht zugrunde“

„Ich bin im allgemeinen ein großer Verehrer des gesunden Menschenverstandes; ich behaupte sogar, daß, wenn wir nur ein wenig kritisch sind, der gesunde Menschenverstand der wertvollste und verläßlichste Ratgeber in allen möglichen Problemsituationen ist. Aber er ist nicht immer verläßlich; und wenn es zu wissenschaftstheoretischen oder erkenntnistheoretischen Fragen kommt, dann ist es von der größten Wichtigkeit, ihm kritisch gegenüberzustehen.“

Popper sieht sich selbst als kritischen Rationalisten, Kantianer und Optimisten. Er ist gegen Utopien, Ideologien und intellektuelle Moderscheinungen jeglicher Art sind ihm ein Graus. Er kritisierte Intellektuelle häufig für ihre unverständliche Sprache und ihre Arroganz. Für ihn ist Wissenschaft die Möglichkeit für eine stetige Weiterentwicklung und -verbesserung der Welt durch die unermüdliche Suche nach der Wahrheit und zum Wohle der gesamten Menschheit.

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„Der Aufklärer spricht so einfach, wie es eben möglich ist. Er will verstanden werden. In dieser Hinsicht ist unter den Philosophen wohl Bertrand Russell unser unübertroffener Meister.“

„Einer der Gründe, warum der Aufklärer nicht überreden und nicht einmal überzeugen will, ist der folgende. Er weiß, daß man außerhalb des engen Gebietes der Logik und vielleicht der Mathematik nichts beweisen kann. Man kann wohl Argumente vorbringen, und man kann Ansichten kritisch untersuchen. Aber außerhalb der elementaren Teile der Mathematik ist unsere Argumentation niemals zwingend und lückenlos. Wir müssen immer die Gründe abwägen, wir müssen immer entscheiden, welche Gründe mehr Gewicht haben: die Gründe, die für eine Ansicht sprechen, oder die, die gegen sie sprechen. So enthält die Meinungsbildung in letzter Linie immer ein Element der freien Entscheidung. Und es ist die freie Entscheidung, die eine Meinung menschlich wertvoll macht.“

Mehrfach erwähnt Popper, wir leben in einer besseren und faireren Welt als je zuvor. Seiner Ansicht nach sollten fundamentale Einsichten so einfach und verständlich sein, dass sie allen zugänglich sind. Geschichte ist keine Entwicklung, die wir jemals werden voraussagen können.

Schon 1994 weist Popper darauf hin, das es keine Garantie gibt, dass die Freiheit wie wir sie kennen, in der Zukunft so weitergehen wird. Je länger die Menschen frei sind, desto mehr empfinden sie diese Freiheit als selbstverständlich und verteidigen sie weniger.

Im Gegensatz zu Bertrand Russell glaubt er nicht, dass wir wissenschaftlich zu klug aber moralisch nicht klug genug sind. Stattdessen ist er der Ansicht, dass die Menschen in der Regel sehr bemüht sind das richtige zu tun und moralisch zu agieren, sie seien allerdings nicht klug genug, die Folgen abzuschätzen, die aus den Handlungen folgt, die sich auf den Rat von moralischen Instanzen hin ausführen.

„Der Rationalist ist einfach ein Mensch, dem mehr daran liegt zu lernen, als Recht zu behalten“

Wir brauchen mehr Rationalisten.

Den letzten Band, den ich hier heute besprechen möchte, fällt nicht eigentlich in den Bereich der Wissenschaftsphilosophie, er hat aber thematisch gut zu den anderen beiden gepasst und ich habe ihn mit sehr großem Vernügen gelesen.

How we got to now – Steven Johnson

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Steven Johnson erforscht in seinem Buch die Geschichte von sechs Innovationen, die den Lauf der Welt beeinflussten (Glas, Kälte, Sound, Sauberkeit, Zeit und Licht) von ihrer Entdeckung durch Hobbyforscher, Amateure, Unternehmer und Wissenschafler zu den häufig komplett unbeabsichtigten historischen Folgen dieser Entdeckungen.

Das Buch ist voller überraschender Geschichte von zufälligen brillianten und genialen Fehlern, wie zum Beispiel der französische Verleger, der den Phonographen einige Jahre vor Edison entdeckte, aber komplett vergaß, eine Playback Funktion einzubauen oder die Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, die bei der Entwicklung der Technologie, die hinter WiFi und Bluetooth steckt, federführend dabei war (hier geht es zu einer Rezension des wunderbaren Buches über Hedy Lamarr).

„How we got to now“ untersucht die Entstehungsgeschichte alltäglicher Gegenstände und zeigt die unerwarteten Verbindungen zwischen augenscheinlich unverwandter Wissensgebiete. Zum Beispiel, wie die Erfindung von Air-Conditioning für die größte Migration von Menschen in der Geschichte unserer Spezies verantwortlich war in bis dahin fast unbewohnbare Gebiete wie Phoenix/Arizona zum Beispiel. Oder wie Pendeluhren die industrielle Revolution vorantrieben oder auch wie sauberes Wasser die Herstellung von Computerchips möglich machte.

“A world without glass would strike at the foundation of modern progress: the extended lifespans that come from understanding the cell, the virus, and the bacterium; the genetic knowledge of what makes us human; the astronomer’s knowledge of our place in the universe. No material on Earth mattered more to those conceptual breakthroughs than glass.”

Johnsons Buch ist provokativ, informativ und eine kleine Warnung muss ich aussprechen, während der Lektüre kann es dazu kommen, dass man durch penetrantes Teilen von gerade entdeckten unglaublich spannenden Informationen in Gefahr gerät, für einen nervigen Klugscheißer gehalten zu werden – das Buch fordert es aber auch wirklich heraus.

“Humans had proven to be unusually good at learning to recognize visual patterns; we internalize our alphabets so well we don’t even have to think about reading once we’ve learned how to do it.”

Es gibt auch eine sehr spannende sechsteilige Serie zum Buch, die ich euch sehr ans Herz legen kann:

Hier noch mal die Bücher der Hirngymnastik im Überblick:

Sybille Anderl – Das Universum und ich erschienen im Hanser Verlag.

Karl Popper – Alles Leben ist Problemlösen erschienen im Piper Verlag

Steven Johnson – How we got to now auf deutsch unter dem Titel „Die Erfindung der Zukunft: Sechs Innovationen, die die Welt veränderten“ im Springer Verlag erschienen.

 

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Meine Woche

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Gesehen: „The Shape of Water“ (2017) von Guillermo del Toro mit Sally Hawkins, Michael Shannon und Octavia Spencer. Wunderschöne Liebesgeschichte zwischen einer stummen Putzfrau und einem Monster in den USA während des Kalten Krieges. Unbedingt anschauen.

Source Code“ (2011) von Duncan Jones mit Jake Gyllenhaal. Spannender ungewöhnlicher und sehr cleverer Zeitreise-SciFi Thriller.

Black Mirror – Hang the DJ“ (2017) von Tim van Patten. Spannende Episode um ein Dating Programm das Beziehungen Verfallsdaten verpasst, bis am Ende die perfekte gefunden wird. Ein bisserl wie San Junipero (die beste Folge) für Heten 😉

Gehört: „Black & White“ – The Monk by the Sea, MopTops – EMA, Breathalyzer – EMA, „Glassworks“ – Philip Glass, „Netherworld Water“ – Wang Wen, „The Shape of Water“ Soundtrack, „Frozen Moment“ – Chris Bacon

Gelesen: Iranische Frauen kämpfen gegen den Kopftuch-Zwang, When Gentrification isn’t about Housing, Wohin entwickelt sich die Tech-Branche, How to maintain Friendships, der „Kult“ um Mary Beard, the novel we really need to read next

Getan: im Kino gewesen, den Bookclub zu Besuch gehabt, einen wunderschönen Schnee-Spaziergang gemacht und viel geschrieben

Geplant: Fever Ray live sehen und mit der Tokio Gang essen gehen

Gegessen: Vegetarische Königsberger Klopse

Getrunken: Australischen Wein

Gelacht: aber schon fast hysterisch-zynisch: über dieses Bild (what could possibly go wrong)

Geärgert: über den einfach nicht enden wollenden Waffen-Wahn der Amerikaner

Gefreut: über zumindest einen freigelassenen Journalisten – nun noch die anderen bitte

Geklickt: auf Yuval Noah Hararis Vortrag „Will the future be human“, auf diesen Radiolab Beitrag zu CRISPR

Gewünscht: dieses Tablett, diese Lampe, diese perfekte Bar-Ecke

Gefunden: Boethius „Trost der Philosophie“ im Bücherschrank

Gekauft: zwei schwarze Hosen

Gestaunt: über „Breathe“ – an 8k storm time-lapse film und über „The Sound of Ice

Gedacht: All good writing starts with terrible first efforts (Anne Lamott)

#WomeninSciFi (6) Die steinernen Götter – Jeanette Winterson

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Über Birgits Teilnahme (vom Blog Sätze und Schätze) bei dieser Reihe habe ich mich ganz besonders gefreut, ahnte ich doch spätestens seit der letzten Buchmesse in Leipzig, wie weit SciFi und Birgits übliche Lesewelten voneinander entfernt sind. Sie musste mit mir einen kurzen Abstecher in die Halle 1 der Comic Convention in Leipzig überstehen, sie wiederum legt mir immer wieder (durchaus erfolgreich) Klassiker, Autoren und Autorinnen aus der Weimarer Republik, Vergessenes und Übersehenes ans Herz.

Ich liebe unsere Treffen, bei denen ich mich hinterher ein ganzes Stück gebildeter fühle, denn Birgit schafft es, mir beim Bier ganz nebenbei das Äquivalent von ein zwei Semestern Literaturstudium zu verpassen, ohne dass es wehtut, nein ganz im Gegenteil, es macht riesigen Spaß. Leider muss ich dieses Jahr wohl ohne meinen Buchmesse-Buddy in Leipzig auskommen, aber vielleicht finde ich ja ein schönes Batgirl Shirt für sie zum Trost 😉

Vielen Dank liebe Birgit, dass für die Women in SciFi Reihe Jeanette Wintersons „Die steinernen Götter“ vorstellst, eine Autorin die ich sehr bewundere – also anschnallen bitte Ladies and Gentlemen jetzt düsen wir in weit entfernte Galaxien:

„Diese Dinger, sind das Bücher?“, fragte Pink und pflückte einen morschen Band aus dem Regal. „Wie süß. So was seh ich zum ersten Mal.“

Jeanette Winterson, „Die steinernen Götter“, 2007.

Eine der gruseligsten Zukunftsvorstellungen für mich ist: Eine Welt ohne gedruckte Bücher. In der alles, was nicht nur unseren Geist, sondern auch die Sinne anregen könnte, digital serviert wird. In der Lesen als Kulturtechnik vom Aussterben bedroht ist – vielleicht sind wir davon, mag man Umfragen glauben, sowieso nur noch einen Schritt entfernt.

Und in der Zukunft, die die britische Autorin Jeanette Winterson in ihrem Roman „Die steinernen Götter“ zeichnet, ist es bereits soweit – doch es scheint nicht nur das Lesen verloren gegangen zu sein, sondern auch jedwede Fähigkeit der Menschen zur Empathie. Wobei beides meiner Meinung nach zusammenhängt: Wer viel liest und sich in Romanfiguren einfühlen kann, der ist oftmals auch empathischer im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Lesen: Ja! Science Fiction? Bisher eher weniger. Daher möchte ich mich zunächst nochmals sehr bei Sabine bedanken für diese tolle Idee, den „Women in SciFi“ einen eigenen Platz einzuräumen. Geht es mir doch so wie vielleicht vielen anderen Leserinnen auch: Ich hatte keine Ahnung.

Keine Ahnung davon, wie viele Schriftstellerinnen sich bereits in diesem Genre bewegt  hatten, keine Ahnung davon, wie breit gefächert die Auswahl an Romanen von Frauen in diesem Bereich ist. Das mag damit zusammenhängen, dass ich in der knapp bemessenen Lesezeit bisher eher den Blick in die Vergangenheit warf – ich lese viele Bücher aus Zeit der Weimarer Republik – und damit wenig Zeit für die Zukunft blieb. Und es mag sicher auch mit einem der gängigen Vorurteile gegenüber diesem Genre liegen, dass ich bislang eher einen Bogen um SciFi-Literatur schlug: Zu viel Technik, zu viel Krieg der Sterne, zu viel Testosteron, literarisch eher einfach gestrickt.

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Vorurteile, wie gesagt – und je mehr Beiträge ich zu dieser Reihe lese, desto geringer werden die Vorbehalte. Auch wenn „mein“ Buch, das ich dafür gelesen habe, mich nicht restlich überzeugen konnte – das aber lag weniger am Gerne, sondern mehr am Konzept des Romans. Von Jeanette Winterson kannte ich bislang nur „Der Leuchtturmwärter“: Eine poetische, herbe, schroff-schöne Geschichte über das Geschichtenerzählen und über die Liebe, die mir in guter Erinnerung blieb. Schon lange wollte ich von der britischen Schriftstellerin wieder etwas lesen.„Die steinernen Götter“, 2007 in Großbritannien erschienen, 2011 in Übersetzung von Monika Schmalz dann im Berlin Verlag, kam da gerade als Beitrag zur „Women in SciFi“ recht.

Auch in diesem Roman bleibt Jeanette Winterson ihrem Erzählstil treu: Sie experimentiert mit verschiedenen Erzählebenen, knüpft lose Fäden zwischen den Geschichten, schiebt Wort- und Sprachspiele ein. Das Buch beginnt zunächst wie ein starkes Stück feministischer Literatur – geschildert wird unsere Zivilisation, nur wenige Jahrzehnte entfernt, die dem Optimierungs- und Jugendwahn verfallen ist. Frauen lassen sich „genfixieren“, das heißt, auf ein möglichst niedriges Lebensalter „einfrieren“. Weil das den „Herren der Schöpfung“ bald langweilig wird, greift Pädophilie ganz offen um sich. Schöne neue Welt.

„Die Zukunft der Frau ist ungewiss. Wir pflanzen uns nicht mehr per Gebärmutter fort, und wenn wir nicht einmal mehr für Sex interessant sind … Männer dagegen wird es immer geben. Frauen stehen nun mal nicht auf kleine Jungs. Frauen haben einen anderen Ansatz. Umgeben von Muskelprotzen, suchen sie nach dem „hässlichen inneren Mann“. Schläger und Gangster, Vergewaltiger und Frauenprügler sind wieder groß im Kommen. Sie lächeln wie Surferjungs, aber in Wirklichkeit sind es Haie.
So sieht die Zukunft aus. Z steht für Zukunft.“

Kritisch beobachtet wird dies von Billie, die den „guten“ alten Zeiten (die an unsere Gegenwart erinnern) nachtrauert und sich in einen „Ropo sapiens“ verliebt. Sie und der intelligente Roboter, der gelernt hat, Gefühle zu entwickeln, nutzen eine Weltraummission zum „Blauen Planeten“, um ihrem Heimatgestirn „Orbus“ zu entkommen: Billie, weil sie mit ihren Ansichten nicht nur unter Generalverdacht steht, sondern zuletzt sogar für eine Terroristin gehalten wird, der Ropo Spike, weil er verschrottet werden soll.

Zudem ist „Orbus“ längst schon nicht mehr lebenswert: Überbevölkert und ausgeweidet, von der Klimakatastrophe nur Sekunden entfernt. Auf dem „Blauen Planeten“ scheint ein Neuanfang für die Menschheit möglich zu sein – jedenfalls für die privilegierte Menschheit, die der Konzern „Mehr-Zukunft“, der längst schon anstelle gewählter Politiker die Geschicke leitet, für die eine Ansiedlung dort vorgesehen hat. Die Weltraummission soll den neuen Planeten zunächst erkunden und vor allem in Erfahrung bringen, wie man mit der großen Gefahr dort, urzeitlichen Dinosauriern, umgehen kann. Der waghalsige Raumschiff-Kapitän Handsome meint, durch einen gesteuerten Asteroideneinschlag die Plage beseitigen zu können. Ein Schuss, der nach hinten losgeht: Durch den Einschlag wird das Neuland in die Eiszeit zurückkatapultiert, Billie und Spike finden in der Einöde ihr Ende.

Übrig bleiben am Ende nur die Reiseaufzeichnungen von James Cook, eine der favorisierten Lektüren von Handsome. Sie sind der rote Faden zum nächsten Kapitel, das 1774 auf der damals neu entdeckten Osterinsel spielt. Ein englischer Schiffsjunge, der aus Versehen auf der Insel zurückgelassen wird, gerät in die Streitigkeiten der Insulaner, die auf dem unwirtlichen Eiland um die spärlichen Ressourcen kämpfen und um ihre Götzen, jene berühmten Steinfiguren, die dem Roman auch seinen Titel verliehen haben. Auch die Liebe des Erzählers zu einem Eingeborenen endet tragisch:

„Ein weißer Vogel breitet die Flügel aus.“

Zurück in die Zukunft: Eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg. Die Ich-Erzählerin findet in der U-Bahn ein Manuskript mit dem Titel „Die steinernen Götter.“ Ihre spontane Reaktion beim Querlesen:

„Eine Liebesgeschichte ist das – vielleicht über Aliens. Ich hasse Science Fiction.“

Mehr und mehr wird deutlich: Die Erzählerin dieses Kapitels, die, die das Manuskript findet, ist Billie:

„Ich bin ein verlorenes Manuskript.“

Sie erzählt von ihrer Kindheit, einem ruinierten Planeten, vom Krieg zerstört, Armut, die Mütter dazu bringt, ihre Kinder wegzugeben, Kinder, die sich verloren fühlen, die von ihren wenigen Erinnerungen zehren. Und dieses Kapitel erklärt schließlich auch, wieso aus Billie wurde, was sie in der Zukunft sein wird: Eine Rebellin, die sich der schönen neuen Welt von Mehr-Zukunft entzieht, sich auf die Seite der Outsider schlägt, die schließlich einen Roboter wartet, der sich in sie verlieben wird …

Man ahnt vielleicht bereits an diesen verschiedenen Volten und Rollen vorwärts wie rückwärts, wie komplex das Buch ist und wie sehr Jeanette Winterson mit verschiedenen Zeitebenen spielt. Was ist Zukunft, was Vergangenheit? Die Struktur macht den Roman spannend – man muss sich das Geschehen und Billies Persönlichkeit beinahe wie ein Puzzle zusammensetzen, darf den roten Faden nicht verlieren. Winterson bringt dabei auch differenzierte Sprachstile unter: Mal irrwitzig komisch und satirisch überspitzt, mal poetisch-leise, mal schroff und herb.

In der Stärke des Romans ist jedoch – so paradox das klingen mag – auch seine Schwäche angelegt. So sehr ich komplexe Erzählstrukturen zwar als Herausforderung mag, in „Die steinernen Götter“ fügt sich das nicht zu einem runden Ganzen. Klar ist: Ob Weltall oder Osterinsel, der Mensch an sich ist das Übel, wie der gestrandete Schiffsjunge bemerkt:

„Ich möchte behaupten, dass der Mensch, wo immer man ihn findet, ob zivilisiert oder wild, sich keinem Bestreben lange widmen kann, ausgenommen jenem, sich selbst zu zerstören.“

Und Billie, eine starke Frauenfigur und Science-Fiction-Heldin, schlagfertig und witzig, konkretisiert dies:

„Frauen nehmen immer alles persönlich“, sagte Handsome. „Das ist der Grund, warum ihr keine Weltherrscher werden könnt.“

„Und Männer nie“, sagte ich, „weshalb wir am Ende keine Welt mehr zum Herrschen haben.“

Trotz solcher pointierter Aussagen wirkt der Roman merkwürdig unentschlossen, schwankend zwischen feministischer Satire, Dystopie und romantischer Liebesgeschichte. Mir blieb am Ende ein Rätsel, worauf Jeanette Winterson hinaus wollte: Zu beweisen, dass Liebe alle Grenzen, auch die zwischen Mensch und Maschine, zwischen Raum und Zeit, überschreitet? Wenn ja, dann ist das Experiment gescheitert – am Ende ist immer einer tot. Oder wollte sie die „Botschaft“ unterbringen, dass Krieg, Ausbeutung der Natur, Kapitalismus und Konsumgier das Ende der Welt und unser aller Untergang sein wird? Auch hier kann man so oder so die einzelnen Passagen deuten. Schließlich sagt Billie auch:

„Die Geschichte ist nicht der Abschiedsbrief eines Selbstmörders – sie ist das Zeugnis unseres Überlebens.“

Vielleicht wollte Jeanette Winterson aber einfach auch nur mit dem Genre spielen. Wenn ja, dann ist ihr das nur bedingt gelungen – doch eine Vielzahl witziger, pointierter Szenen und einige poetische Momente wiegen die Schwächen dieses etwas zerfaserten Buches beinahe auf.

 

Die Ermordung des Commendatore I – Haruki Murakami

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Ein neuer Murakami erscheint und weltweit verfallen die Jünger in erwartungsfreudige Aufregung, können kaum noch essen oder schlafen, bis der Roman direkt nach Erscheinen verschlungen und verdaut ist.

Bei keinem anderen Autor hat das Lesen seiner Romane etwas derart kulthaftes. Dabei sind die Zutaten in seinen Romanen ziemlich vorhersehbar, man könnte sie eigentlich auf einer Checklist abhaken:

Protagonist – männlicher Mittdreißiger – check
Eine Frau die verschwindet oder sich trennt – check
Einfache Mahlzeiten, Musikstücke in Dauerschleife – check
etc. etc.

Manche erklären es mit dem Sound, dem Murakami-Flow, in den man beim Lesen gerät und das kann ich für mich absolut bestätigen. Ich bin ernsthaft davon überzeugt, Murakami könnte als blutdrucksenkendes Beruhigungsmittel verschrieben werden. Seine Protagonisten, selbst wenn sie gelegentlich ziemlich abgefahrene Dinge erleben, können eine Freiheit leben, die den meisten Menschen komplett unerreichbar erscheint.

Nichts scheint uns heutzutage so sehr zu fehlen, wie Zeit. Wir haben alles im Überfluß, unser Hirn kämpft ständig mit Überforderung, muss ständig aus zuviel Angebot auswählen und möchte doch am liebsten einfach seine Ruhe. Murakami zeigt uns in jedem Roman aufs Neue, wie einfach es sein, kann der FOMO-Blase zu entkommen. Einfach ein einfaches Leben leben. Verzicht auf Luxus, auf unnütze Dinge und sobald die eigenen Wünsche geringer sind als das zur Verfügung stehende Einkommen, hat man es geschafft.

Wir holen uns Marie Kondos Entrümpelungsratgeber und minimalisieren unser Leben als gäbe es kein Morgen, doch irgendwas fehlt noch zur endgültigen Freiheit der Murakamischen Protagonisten und das ist nicht der Brunnen, in dem man einfach mal für ein paar Tage verschwindet oder die Parallelwelt mit zwei Monden. Die für mich und wahrscheinlich die meisten seiner Fans vollkommen unerreichbare Freiheit liegt darin, wie selbstbestimmt sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Ob Maler, Mathematiklehrer, Bibliothekar oder gar komplett arbeitslos, irgendwie schaffen seine Mittdreißiger es immer, Berufe zu haben die ihnen erlauben, 1-2 Tage oder Abende in der Woche zu arbeiten, nie gestresst zu sein, keine Überstunden zu machen und auch wenn sie alle wenig konsumieren, irgendwie schaffen sie es sich damit ein Dach überm Kopf zu finanzieren, was nicht das Einfachste ist, wenn ich mich an die Mieten in Tokyo erinnere, wo selbst Schuhschachteln horrende teuer waren.

Wie schaffen die das? Ich will das auch! Selbst wenn ich alle Kosten, die ich beeinflussen kann, so gering wie möglich halte, eine Wohnung zu finanzieren mit 1-2 Tagen Arbeit die Woche schafft man glaube ich nur im Murakami-Universum. Das ist also wahrscheinlich das Phantastischste überhaupt in seinen Romanen und gar nicht die Schafsmänner, kleinen Leute oder Mehrfach-Monde.

„Sie haben ein gutes Verständnis von der Welt, scheinen aber dennoch ein Typ zu sein, der mehr Zeit braucht als gewöhnliche Menschen“

Dieses leise ruhige Leben ohne Stress, Deadlines und vollen Terminkalendern wird es für mich wohl auch weiterhin nur in den Romanen von Haruki Murakami geben. Immerhin da. Ich würde ja schon zumindest eine Weile mit dem Maler auf dem Berg tauschen, mich durch eine Opern-Plattensammlung hören und ohne Internetanschluß auf der Terrasse sitzen und Weißwein trinken. Hach.

Ich bin überzeugt davon, in Murakamis Welt gibt es das bedingungslose Grundeinkommen schon. Das beziehen seine Protagonisten, davon zahlen sie die Miete und den Rest da brauchen sie ja wenig, so wird es sein. Wird Zeit, dass das kommt, dann haben wir endlich die Chance, alle Hauptdarsteller in unserem eigenen Murakami-Roman zu werden.

Die Ermordung des Commendatore hat mich, wie eigenlich jeder seiner Romane, komplett in seinen Bann gezogen. Der Puls ging runter in dem Moment, als der frisch getrennte Porträt-Maler auf seinen Road Trip geht, der ihn nach ein paar Wochen in das Haus des Vaters eines Freundes bringt, wo er die nächsten Monate damit verbringt, ein auf dem Dachboden gefundenes Bild des Vaters und Hauseigentümers, dem berühmten Maler Tomohiko Amada zu betrachten.

Nach einer Weile passieren natürlich wieder unheimliche Dinge, er lernt seinen Nachbarn Menshiki kennen, der von ihm porträtiert werden möchte und im Garten entdecken sie eine sehr seltsame unterirdische Kammer mit einem Glockenstab darin. Murakamis neuer Roman ist wunderbar gruselig, macht immer wieder einen Seiltanz zwischen Halluzination und Realität. Kann man dem Protagonisten eigentlich vertrauen?

Wer jemals in Japan war, ahnt wie seltsam anders die Figuren in Murakamis Büchern sind, in ihrer krassen Individualität, ihrer Abkehr vom üblichen sich-zu-Tode-arbeiten, jeglichem Konsumrausch und der großen Rolle, die westliche Literatur, Musik und Kultur bei ihnen spielen.

Schockiert hat mich, dass Herr Murakami seinen Dewars Whisky in den Kühlschrank stellt, bitte probieren Sie das nicht zu Hause aus. Whisky ist kein Erfrischungsgetränk.

Legen Sie Mozarts „Don Giovanni“ auf, schenken sie sich ein Glas nicht-gekühlten, schottischen Whisky ein, wer sich rebellisch fühlt, kann auch einen japanischen Hibiki oder Yamazaki wählen (sehr lecker!) und wer während der Lektüre irgendwann hungrig wird, bereite sich eine einfache Mahlzeit zu…

Ich kann Teil 2 des Commendatore kaum erwarten und bastel solange an einer Playlist, die ich dann beim Lesen hören kann.

 

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexmplar und habe die #MurakamiLesen Aktion auf Twitter im Übrigen sehr gemocht – bitte gerne mehr davon 🙂

 

Blogparade – Mein ganz persönliches Film Genre

Miss Booleana hat eine neue Blogparade ins Leben gerufen, die für mich einem tiefenpsychologischen Selbstfindungstrip ähnelte, denn wir waren aufgerufen, das ganz eigene persönliche Genre zu benennen, Filme die für uns (und eventuell nur für uns) etwas Gemeinsames haben und mindestens fünf Filme sollten es sein bitteschön.

Ich habe es eine ganze Weile marinieren lassen und bin kurz vor knapp und Deadline-Schluss zwei Motiven auf die Spur gekommen. Keine Ahnung wie streng die Richtlinien sind (ich habe bei der letzten Blogparade schon Haue bekommen, weil ich mich da nicht so ganz ans Erscheinungsjahr der Filme gehalten hatte und ich möchte ja ungern schon wieder in Teufels Küche kommen). Daher breite ich mich nur bei einem Thema episch aus und das andere erwähne ich nur ganz kurz, ok?

Meine beiden Genre, die ich für mich gefunden habe, sind zum einen Mindfuck Filme, aber das ist ja nicht so wirklich meines alleine, denn es gibt immerhin schon eine Bezeichnung dafür, von daher denke ich, das würde sicherlich nicht wirklich sortenrein sein.

Daher erlasse ich euch jetzt meine Liste von Mulholland Drive, Inception, Primer, The Machinist etc. und wir konzentrieren uns auf mein anderes Genre. Ich hoffe innigst, dass ich da jetzt nicht auch bereits ausgelatschte Pfade betrete.

Auf jeden Fall mag ich Filme und Serien in denen es coole, schlaue Wissenschaftlerinnen gibt, die mit Hirn und Herz für’s Gute und die Wissenschaft kämpfen.

 

Darf ich vorstellen hier sind meine badass-Scientist Ladies:

Charlie Blackwood, Astrophysikerin und Fluglehrerin in „Top Gun“ (1986)
Charlie Blackwood (Kelly McGillis) ist nicht nur eine sehr gut aussehende Fluglehrerin, sie hat auch einen Abschluss in Astrophysik. Das Pentagon setzt sie als Ausbilderin von Marinefliegern ein, denen sie die eine oder andere Lektion erteilt.

 

Dana Scully, Ärztin und Rechtsmedizinerin in „X-Files“ (1993-2002)
Dana Scully (Gillian Anderson), die skeptische Medizinerin, die partout nicht an Außerirdische oder irgendwelche paranormalen Phänomene glauben wollte. Im Laufe der Serie muss sie erkennen, dass Science nicht alles erklären kann, dennoch hält sie immer wieder die Fahne der Rationalität hoch.

 

Dr. Ellie Sattler, Paläobotanikerin in Jurassic Park (1993)
Die Paläobotanikerin (Laura Dern) ist nicht nur eine ausgesprochene Natur- und Pflanzenfreundin, die jede Menge über Dinosaurier und Botanik weiß,  sie ist auch so viel mutiger und widerstandsfähiger, als man anfangs vielleicht vermutet. Sie übersteht zahlreiche Dinosaurier-Angriffe und hilft anderen zu überleben.

 

 

Dr. Sarah Harding, Behavioral Paleontologist in The Lost World: Jurassic Park (1997)
Dr. Sarah Harding (Julianne Moore) liebt Dinosaurier, beschäftigt sich gerne mit ihnen und versucht, sie zu schützen. Sie ist nicht nur sehr intelligent, sondern auch ziemlich mutig. Sie schafft es, einen T Rex ruhig zu stellen, um ihn davor zu bewahren erschossen zu werden.

 

Dr. Eleanor Arroway, Astrophysikerin in „Contact“ (1997)
Dr. Arroway (Jodie Foster) ist eine Astrophysikerin auf der Suche nach außerirdischem Leben. Sie macht „First Contact“ mit Außerirdischen, die ihr Pläne zum Bau einer Maschine übermitteln. Sie ist nicht nur brillant, sondern auch immens leidenschaftlich und setzt ihr Leben aufs Spiel bei der Nutzung der Maschine.

 

Dr. Maura Isles, Gerichtsmedizinerin in der Serie „Rizzoli & Isles“ (2010 – 2016)
Dr. Maura Isles (Sasha Alexander) ist die Gerichtsmedizinerin von Massachusets und arbeitet im Boston Police Department gemeinsam mit ihrer Busenfreudin Jane Rizzoli. Maura ist ein wandelndes Lexikon, die permanent Fakten von sich gibt, ob diese relevant sind oder nicht. Maura ist ein liebenswerter Nerd-Streber, sehr schüchtern aber stets bestens gekleidet.

 

Dr. Elizabeth Shaw, Archäolgoin in Prometheus (2012)
Gemeinsam mit ihrem Partner entdeckt Dr. Shaw, gespielt von Noomi Rapace, eine 35,000 Jahre alte Höhlenzeichnung, die Menschen und Außerirdische gemeinsam zeigen. Die mutige Archäologin ist Teil der Crew, die sich auf die Reise zu einem Lichtjahre entfernten Planeten macht.

 

Dr. Ryan Stone, Medizintechnikerin in „Gravity“ (2013)
Die Medizintechnikerin, gespielt von Sandra Bullock, ist keine Astronautin, aber nach einem sechsmonatigen Trainingsprogramm ist sie bei der NASA für die Erfindung neuer medizinischer Bildtechnologie zuständig. Ihr Versuch, im All ein Shuttle zu reparieren, ist der Anfang eines Abenteuers, bei dem sie allein auf sich gestellt entgegen jeder Wahrscheinlichkeit ums Überleben kämpft.

 

Dr. Delphine Cormier, Immunologin und Cosima Niehaus, Biologin in Orphan Black (2013 – 2017)
Dr. Cormier (Evelyne Brochu), ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dyad Institut als Monitor von Klon Cosima Niehaus (Tatiana Maslany) eingesetzt. Delphine verliebt sich unerwarteterweise in Cosima und hilft ihr, im Laufe der Serie ihren Ursprung zu verstehen und sie und ihre Schwestern vor den diversen miteinander konkurrierenden Bösewichten zu beschützen.

 

Murphy Cooper, Mathematikerin in Interstellar (2014)
Murphy Cooper (Jessica Chastain) arbeitet als Mathematikerin mit Professor Brand im NASA Hauptquartier, um mit ihm das Gravitationsproblem zu lösen. Sie entdeckt Inkonsistenzen in der Formel und auf dem Sterbebett des Professors erfährt sie, dass der gesamte auf der Formel basierende Plan zur Rettung der Menschheit ein Schwindel ist. Trotzdem arbeitet sie weiter daran, die Menschheit zu retten.

 

Louise Banks, Linguistin in Arrival (2016)
Die von Amy Adams gespielte geduldige Linguistin versucht herauszufinden, wie man mit den auf der Erde gelandeten Heptapods Kontakt aufnehmen kann. Ganz konkret würde insbesondere das Militär gerne wissen, warum die Aliens da sind und was sie auf der Erde wollen. Ms Banks muss versuchen, den ungeduldigen Militärs klar zu machen, dass das schwieriger ist als sie denken.

OK jetzt ihr, habe ich irgendwelche interessanten Wissenschaftlerinnen in Filmen übersehen und was wäre euer ganz persönliches Genre? Ich bin gespannt…

#WomeninSciFi (5) Die MadAddam Reihe – Margaret Atwood

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Ich glaube niemand versteht mein Margaret Atwood Fangirling so gut, wie die smarte Ms Autumn vom Blog „1001 Bücher – das Experiment„. Würde nicht wagen einzuschätzen, wer hier das größere Fangirl ist. Aber es geht auch um Ms Atwood, da kann man schon mal zum literarisch kreischenden Teenie werden 😉

Überhaupt haben Ms Autum und ich ziemlich viele literarische Überschneidungen und ich bin nicht sicher, ob ich ihr schon mal verraten habe, dass ihr Blog der erste Literaturblog überhaupt war, den ich gelesen habe und dann gefolgt bin. Sie ist also quasi irgendwie Schuld an all dem hier.

Ich freue mich, dass sie uns heute eine sehr spannende dystopische Reihe von Margaret Atwood vorstellt – ich stehe in der Zwischenzeit mit Pompoms an der Seite und cheerleade ein wenig:

Als die Binge Readerin mich bat, über Frauen und Science Fiction zu schreiben, setzte ich mich an das Ufer eines Flusses und fing an, darüber nachzudenken, was mit diesen Worten gemeint sein konnte*. – Das ist natürlich geklaut, aber ähnlich wie Virginia Woolf habe ich so meine Probleme, einen Beitrag zur neuen Reihe zu leisten: Frauen und Science Fiction. Da fallen mir Namen wie Ursula K. LeGuin und Doris Lessing ein, aber dann fängt es schon an zu stottern. Sicher, ich sehe recht viel Science Fiction, aber lesen? Kaum.

Deshalb muss ich auf eine Untergruppe der Science Fiction zurückgreifen, um meinen Beitrag leisten zu können. Diese Untergruppe nennt sich Cli-Fi, Climate Fiction, und die Autorin, die ich hier vorstellen möchte, ist Margaret Atwood mit ihrer MadAddam-Reihe. Margaret Atwood, vielen bekannt durch The Handmaids Tale oder auch Alias Grace, hat einige Dystopien geschrieben. Sie verwendet allerdings in ihren Werken nur Entwickungen, die schon begonnen haben, die schon angelegt sind und somit, wenn nicht wahrscheinlich, doch zumindest möglich sind.

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Foto: margaretatwood.ca

Nun legt Margaret Atwood im ersten Teil der Trilogie, Oryx und Crake, eine Welt in der nahen Zukunft an, in der die Menschheit von Klimakatastrophen und Epidemien bedroht ist. Die Menschheit hat sich in diejenigen, die sicher in abgeschlossenen Komplexen leben, und diejenigen außerhalb aufgeteilt. Draußen herrscht das Gesetz der Straße, drinnen wird die Wissenschaft vorangetrieben. Intelligente Schweine, gen-manipulierte Schafe und so manch anderes Tier sollen dem Menschen in ganz neuen Dimensionen dienen.

 Crake und Jimmy, der die Geschichte erzählt, lebten in einem dieser Komplexe, und Crake, hochintelligent und ein Genie in Genetik, entwickelte neue Medikamente, die die Menschheit gegen Seuchen immunisieren sollten. Doch das ist nicht alles, was er entwickelte, er verfolgte einen eigenen Plan. Es hat sich jedoch eine Katastrophe ereignet, und Jimmy erzählt von seinem nun folgenden Überlebenskampf und von den Menschen, die Crake kreiert hat…

„Alles, was es braucht“, sagte Crake, „ist die Beseitigung einer einzigen Generation. Einer Generation von allem. Käfer, Bäume, Mikroben, Wissenschaftler, Leute mit Französischkenntnissen, was auch immer. Wenn man das zeitliche Bindeglied zwischen einer Generation und der nächsten unterbricht, heißt es für immer: Spiel aus.“ (S.229/230)

 Der zweite Teil der Trilogie befasst sich ebenfalls mit der Zeit vor der großen Katastrophe, erzählt diese jedoch aus der Sicht von Toby und Ren, zwei jungen Frauen, die außerhalb der Komplexe aufwachsen und alle Härten der Straße erleben. Sie entrollen ihre Lebensgeschichten, wie sie aufwuchsen, wie die Katastrophe geschah und wie es nun, im Jahr 25 nach der Katastrophe, ist. Sie waren Teil einer Gruppe namens „Die Gottesgärtner“, die mit der Welt und nicht gegen sie, leben möchte. Sie sind Veganer und machen alles selbst, Nahrung, Kleidung, alles. Was es in einer Welt, in der der wilde Westen herrscht, nicht leichter macht, vor allem nicht für junge Frauen.

 Doch dann geschieht die Flut, und die wenigen Überlebenden sind auf sich allein gestellt. Ein purer Überlebenskampf entbrennt, von den gen-manipulierten Tieren und Menschen einmal ganz abgesehen…

 Der dritte Teil ist Die Geschichte von Zeb. Hier erfährt man in Rückblicken, was es mit den MadAddamiten auf sich hat, aber auch die Geschichte der „Jetzt-“Zeit wird weitererzählt. Einige der übriggebliebenen Menschen, darunter Toby, Ren und Zeb, haben sich zusammengeschlossen und kämpfen gemeinsam ums Überleben. Auch kümmern sie sich um die Craker, die Rasse, die Crake erschuf, und in den Erzählungen, die diesen das Wissen der Welt vermitteln sollen, wird nach und nach offensichtlich, wie verkommen die Menschheit war und warum die Flut über sie hinweggespült wurde.

 Sie dankten dem Allmächtigen, dass er die Welt mit CO2-Ausstößen und Giftstoffen gesegnet hatte, richteten den Blick gen Himmel, als wenn das Benzin von oben käme, und sahen dabei höllisch gottgefällig aus. […] Hochwürden hatte sich eine Theologie zurechtgezimmert, um möglichst effektiv die Kohle einzustreichen. Natürlich hatte er das Ganze auf der Bibel gegründet. Matthäus 16,18: ‚Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde.‘ […] Es ist keine höhere Mathematik, hat Hochwürden immer gesagt, dahinterzukommen, dass Petrus das lateinische Wort für Stein ist und dass ich die wirkliche und wahre Bedeutung von ‚Peter‘ auf ‚Petroleum‘ bezieht oder dass Öl aus dem Stein kommt.’“ (146/147)

 Atwoods brillante Beispiele für die Wege, die die Menschen einschlugen, sind nur einige der Facetten, die dieses Werk so lesenswert machen. Sie nimmt sich Zeit, diese Welt zu entwickeln, und jede dieser Entwicklungen ist schon angelegt, was die Lektüre so intensiv und realistisch macht. Sie macht Angst, aber vor allen Dingen weist sie darauf hin, was sein könnte, und bringt vielleicht den ein oder anderen Menschen dazu, noch einmal umzudenken, nachzudenken über sein (Konsum-)Verhalten und seinen Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen.

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ja ich habe sie getroffen und bin beim Buch signieren fast ohnmächtig geworden (Bingereader)

 Es ist, wie gesagt, kein Science Fiction im klassischen Sinn, wir bleiben auf dieser Welt und Raumschiffe und dergleichen gibt es auch keine. Aber neue Species und in gewissem Sinne eine neue Welt gibt es hier auch. Und genauso wie bei der klassischen Science Fiction zeigt sie eine mögliche Zukunft auf, nur ist diese nicht erstrebenswert. Oder vielleicht doch?!

 Neben der ungemeinen Phantasie und Weitsicht kann ich natürlich nicht müde werden, die großartige Sprache Atwoods hervorzuheben. Hier geht sie sogar noch einen Schritt weiter und kreiert teilweise eine neue Sprache, um die sich verändernde Welt angemessen beschreiben zu können. Wer diese Trilogie liest, wird die Welt nachher ein wenig anders sehen. Das ist es, was Margaret Atwood mit ihren Lesern macht.

 *Angelehnt an Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein

Margaret Atwood: Oryx und Crake. Deutsch von Barbara Lüdemann. Berlin Taschenbuch Verlag, 2003. 381 Seiten.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut. Deutsch von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 478

Margaret Atwood: Die Geschichte von Zeb. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 2013. 477 Seiten.

Meine Woche

batman

Gesehen: „Blue Valentine“ (2010) von Derek Cianfrance mit Michelle Williams und Ryan Gosling. Bittersüße Lovestory, wenn Liebe einfach nicht genug ist.

Last Tango in Paris“ (1972) von Bernardo Bertulucci mit Maria Schneider und Marlon Brando. Altmänner-Macho-Käse und geschmacklose Vergewaltigungszenen, einzig die schönen Paris-Impressionen haben das erträglich gemacht für mich.

Black Mirror: Archangel“ (2017) von Jodie Foster. Von der Episode hatte ich mir mehr erhofft. Die Episode um Tracking devices für besorgte Eltern gehörte eher zum Mittelmaß.

Black Mirror: Crocodile“ (2017) von John Hillcoat. Episode um eine Versicherungsmitarbeiterin die sich zur Klärung von Fällen in die Erinnerungen von Menschen und sich selbst damit in große Gefahr begibt.

Gehört: „Arrival Soundtrack“ – Johan Johansson, „Miss Kittin Boiler Room Paris DJ Set“, „You and Me“ – Penny & The Quarters, , „Y crois-tu“ – Fishbach, „The Miranda Sedation“ – Grove of Whispers, „Fingers of Thought“ – CV & JAB, „Lost“ – Zoe Keating

Gelesen: dieses Interview mit Naomi Alderman, Fred Turner on Utopias, Frontiers and Brogrammers, the radical idea about a world without jobs, Google and Facebook employees fight what they built, why Uma Thurman is angry und mal eine andere Sicht auf unser Gesundheitssystem

Getan: letztes Step Up Camp Modul durchgeführt, viel unterwegs gewesen mit Kollegen, zu Miss Kittin die Nacht durchgetanzt und gestern auf dem Sofa sehr geintrovertet und gelesen

Geplant: Literatur Wochenende in den Bergen fest gemacht – merkt euch schon mal 26-28. Oktober. Details folgen.

Gegessen: Spaghetti mit Blumenkohl-Pilz-Carbonara und Banh Mi

Getrunken: vietnamesischen Kaffee

Gelacht: Angela Merkel – I feel you 😉

Geärgert: über riesige Verpackungen und wenig drin

Gefreut: über Bücher-Post

Geklickt: Laurie Penny „Die nächste Revolution ist feministisch“, auf den Launch von Falcon Heavy und Elon Musks Roadster und den TED Talk von Anne Lamott „12 Truth I learned from life and writing“

Gewünscht: diese Untersetzer, dieses Badezimmer, dieses Geschirr

Gefunden: nix

Gekauft: viel zu viele Bücher

Gestaunt: über diesen Baby Octopus

Gedacht: Nicht wer zu wenig hat, sondern wer mehr begehrt ist arm (Seneca)