Meine Woche

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Gesehen: „The Great Dictator“ (1940) von und mit Charlie Chaplin. Wow, dachte schon, dass der großartig sein wird, war aber noch mal besser. Unbedingt (wieder) sehen. Große Empfehlung.

Gehört: „Arch“ – Cold Cold Heart, „Assimilation“ – Ghost Island, „Neige Nuit“ – Sairen, „Initial Link“ – Artificial Waves, „Nothing compares 2 U“ – Prince, „No Harm“ – Editors, „Munich“ – Editors

Gelesen: How to think like a programmer, Junot Diaz on childhood trauma, How Laura Ingalls Wilder’s frontier vision of freedom survives in Trump’s USA, Hans Rosling on the world isn’t as horrific as you think, über die Freundschaft von Hannah Arendt und Mary McCarthy, Women Lawyers who campaigned for the right to vote

Getan: mit einer lieben Freundin ganz München abgelaufen, meine Development Dialogues beendet, Zug gefahren und im Biergarten gesessen, meinen Namen auf die Parker Solar Probe gepackt, das Editors Konzert besucht und den Taubenberg erklommen

Geplant: ins Theater und zum Nils Frahm Konzert gehen

Gegessen: Quiche mit Spinat und Feta

Getrunken: Biergarten-Bier

Gelacht: über diesen Hund, wie man Anrufe entgegennimmt und über diesen Shout-out

Geweint: fast wegen eines sehr schmerzenden Abszesses

Gefreut: über die coole Rettungsaktion der Pilotin Tammy Jo Shults

Geklickt: auf diesen Talk von Esther Perel

Gewünscht: diese kuschelige Balkon-Ecke, diese coole Wand und diesen Tisch

Gefunden: nix

Gekauft: Walt Disneys wunderbare Natur

Gestaunt: Differences in assessing jobs by Gender

Gedacht: Complaining is not a strategy. You have to work with the world as you find it, not as you would have it be (Jeff Bezos)

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#WomeninSciFi (15) Zwischen zwei Welten – Becky Chambers

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Es ist mir ein Rätsel wie Jarg von „Jargs Blog“ die Zeit findet die Bücher, Filme, Musik etc nicht nur zu konsumieren, sondern auch souverän zu rezensieren, denn dieser Mann ist eigentlich nur auf dem Fahrrad. Ich staune immer wieder wenn er eben mal so unter der Woche 80km mit dem Radl abschruppt und ich hätte riesige Lust irgendwann mal mein Radl mit in den Norden zu nehmen und mich in seinen Windschatten zu hängen.

Ich habe ob all dem Programm vorsichtig angeklopft, ob da vielleicht Zeit und Lust für einen SciFi Gastbeitrag hier ist und habe mich sooo gefreut, dass das direkt erfolgreich war. Den ersten Band Reihe hatte sich schon Thursday Next von „Feiner Reiner Buchstoff“ unter den Nagel gerissen, aber der zweite ging ganz klar an Jarg. Ich freue mich, dass Jarg uns jetzt wieder mit in die unendlichen Weiten entführt. Macht Euch bereit für eine spannende Space Opera, anschnallen und los gehts:

Eigentlich ist es ganz leicht zu verstehen“, sagte Pepper. Sie streckte die Beine aus und legte die Fußknöchel übereinander. „Es ist das Gleiche, was die Verbesserten uns Fabrikkindern angetan haben. Es ist das Gleiche, was die Harmagianer den Akaraks angetan haben oder den Felasens oder einer der anderen Spezies, die sie unterjocht haben. Und ihr Äluoner, ihr habt die KIs doch überhaupt erst erfunden. Empfindungsfähigen Code gibt es erst, seit ihr ihn geschrieben habt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Leben ist etwas Beängstigendes. Keiner von uns hier besitzt das Regelbuch. Keiner von uns weiß, was wir hier eigentlich machen. Und all das Beängstigende kann man noch am ehesten aushalten, wenn man glaubt, die Kontrolle zu haben. Wer glaubt, die Kontrolle zu haben, der meint, er wäre ganz oben, und wenn man ganz oben ist, dann sind die Leute, die anders sind als man selbst … nun, die müssen dann irgendwo unter einem stehen, nicht wahr? Alle Spezies tun das. Sie tun es immer und immer wieder. Es spielt keine Rolle, ob sie es sich gegenseitig antun oder einer anderen Spezies oder jemandem, den sie erschaffen haben.“ Sie nickte zu Tak. “ Du hast doch Geschichte studiert. Du weißt Bescheid. Die ganze Geschichte ist eine endlose, unüberschaubare Abfolge der schrecklichen Dinge, die wir einander angetan haben.“

„Nicht die ganze Geschichte“, wandte Tak ein. „Vieles davon, ja. Aber es gibt auch Dinge, die gut sind. Es gibt Kunst und Städte und Wissenschaft. All das, was wir entdeckt haben. All das, was wir gelernt und verbessert haben.“ (S. 414)

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Als KI-System des Raumschiffs Wayfarer war Lovelace praktisch mit allem verbunden: mit ihrem Schiff, den Raumfahrern, für deren Schutz und Wohl sie da war und mit allem Wissen der Welt. Sie war gleichzeitig in allen Räumen des Schiffes und für die Besatzungsmitglieder mehr Vertraute als künstliches System. Doch als die Wayfarer in Not geriet, konnte nur ein Reboot sie retten (zur Vorgeschichte vgl. „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“).

Jetzt ist alles anders: sie findet sich in einem menschenähnlichen Bodykit gefangen, in ihrer Sensorik und ihren Möglichkeiten äußerst beschränkt und überdies der Gefahr ausgesetzt, jederzeit enttarnt und zerstört zu werden: denn künstliche Intelligenzen dürfen in er Galaktischen Union nicht in künstlichen, menschenähnlichen Körpern installiert werden. Zum Glück steht die Technikerin Pepper an ihrer Seit: Pepper und ihr Partner Blue bringen Lovelace nach Port Coriol und riskieren alles, damit Lovelace sich in der neuen, verwirrenden Situation zurechtfindet.

Doch das erweist sich als schwierig, denn Lovelace ist hin- und hergerissen zwischen ihrer verlorenen, weitgehend ausgelöschten Existenz als Raumschiff-KI, als sie eine klare Bestimmung hatte, und der neuen Existenz als eigenständiges Wesen im chaotischen, von unterschiedlichsten Spezies bevölkerten Port Coriol. Ihr Glück ist, dass Pepper weiß, wie es sich anfühlt, ohne Bestimmung zu sein und sich plötzlich in eine neue Welt versetzt zu sehen: sie wurde selbst von einer KI großgezogen.

Becky Chambers, die uns in „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ an Bord der Wayfarer und ihrer bunt aus verschiedenen Spezies zusammengewürfelten Crew in ein ganz eigenes SciFi-Universum entführt hat, gelingt mit „Zwischen zwei Sternen“ ein gelungener Ableger, der zwar auf der Vorgeschichte aufbaut, letztlich einen anderen Fokus setzt. Geschickt verschränkt die Autorin die in der Gegenwart spielende Geschichte von Lovelace, die sich in ihrem Bodykit gefangen fühlt und sich im weiteren Verlauf Sidra nennen wird, und der traurigen Vorgeschichte der chaotischen Technikerin Pepper, die als Kind ganz genau zu wissen schien, wo ihr Platz in der Welt war, bis ihre Neugier sie aus der eng umgrenzten Welt ihrer Kindheit herausschleuderte und sie sich ihren Platz neu erkämpfen musste.

Im Gegensatz zum ersten Teil der Wayfarer-Reihe, der den Fokus der Erzählung auf Toleranz und Miteinander setzte, dreht es sich in „Zwischen zwei Sternen“, mehr um Identität und Sinn, aber auch um den Wert von Freundschaft. Überaus anschaulich und einfühlsam widmet sich Chambers, Tochter einer Astrobiologin und eines Raumfahrttechnikers, dabei der Frage der Grenze zwischen Mensch und Maschine und findet mit Lovelace/Sidra eine überaus überzeugende Protagonistin für die hypothetische, literarisch aber mit großer Glaubwürdigkeit und Kraft dargestellte Frage, was passiert, wenn Künstliche Intelligenz Bewusstsein und Emotion entwickelt. Rasch wird deutlich, dass die sich im Bodykit gefangen und von ihren früheren Möglichkeiten abgeschnitten fühlende KI und Pepper mit ihrer Vorgeschichte mehr gemeinsam als gedacht: letztlich spiegelt sich in beiden Protagonistinnen die Frage nach dem Sinn, der eigenen Bestimmung wieder, auf die Lovelace/Sidra am Ende eine Antwort findet, die alle Spezies bis hin einer zu Bewusstsein und Identität ausbildenden KI vereint.

Sidra ordnete ihre kognitiven Bahnen, um die richtigen Worte zu finden. „Ihr alle tut das. Jedes organische, intelligente Wesen, mit dem ich je gesprochen habe, jedes Buch, dass ich gelesen habe, jedes Kunstwerk, das ich betrachtet habe. Ihr sucht verzweifelt nach einer Bestimmung, obwohl ihr keine habt. Ihr seid Tiere, und Tiere haben keine Bestimmung. Tiere existieren einfach. Und es gibt eine Menge intelligente – vielleicht sogar empfindungsfähige – Tiere da draußen, die keinerlei Problem damit haben. Sie atmen einfach und paaren sich und fressen sich gegenseitig, ohne weiter darüber nachzudenken. Aber Tiere wie ihr – diejenigen, die Werkzeuge herstellen und Städte bauen und einen Forscherdrang haben – ihr habt alle eine Bedürfnis nach Bestimmung. Nach einem Sinn. Früher mal hat diese Denkweise für euch ganz gut funktioniert. Als ihr von den Bäumen heruntergeklettert, als ihr dem Ozean entstiegen seid – da half euch Wissen, wozu die Dinge da sind, beim Überleben. Obst ist zum Essen da. Feuer für die Wärme. Wasser zum Trinken. Und dann habt ihr Werkzeuge hergestellt, die für bestimmte Obstsorten bestimmt waren, um Feuer zu machen, um Wasser zu filtern. Alles war für irgendetwas da, also musstet ihr natürlich auch für irgendetwas da sein, nicht wahr? Im Grunde verlief die Geschichte bei euch allen gleich. Es ist jedes Mal eine Geschichte von Tieren, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, weil ihr euch nicht darauf einigen könnt, wofür ihr da seid oder warum ihr existiert.

Und weil ihr alle so denkt, denken wir, die ihr als eigenständig denkende Werkzeuge gebaut habt, genauso wie ihr. Ihr konntet nichts erschaffen, was anders denkt als ihr, weil ihr nicht wisst, wie das geht. Deswegen stecke ich in dieser Schleife fest, genau wie du auch. Ich weiß, daß ich als Individuum im Grunde keine Bestimmung habe, aber ich dürfte nach einer. Nachdem ich euch alle beobachtet habe, weiß ich, dass ich diese Datei nur füllen kann, indem ich sie selbst schreibe.“ (S. 442ff)

Chambers zeigt erneut, dass sie nicht nur unterhaltsame, sondern auch intelligente Science-Fiction zu schreiben versteht, die sich ausserdem trotz aller auch in der fiktiven Galaktischen Union bestehenden Probleme durch ein optimistischen Grundton auszeichnet. Die Verbindung von technischer Spekulation am Beispiel der KI Lovelace/Sidra, die ein eigenes Bewußtsein entwickelt hat, mit der allgemein menschlichen – oder besser: speziesimmamenten – Frage nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Aufgabe erweist sich dabei als roter Faden des Buches. Am Ende der Geschichte werden Parallelen und Unterschiede in den Lebensgeschichten von Pepper und Lovelace/Sidra sichtbar, sind sie einander auch durch das den furiosen Abschluss bildende Finale einander näher als zu Beginn.

Was Chambers besonders macht, ist die emotionale und charakterliche Tiefe der Figuren: schnell identifiziert man sich mit den nachvollziehbar gezeichneten Figuren und kann ihrer erkennbaren Weiterentwicklung und Veränderung nachvollziehbar folgen. Die fantasievoll und detailreich ausgemalte Welt der Galaktischen Union mit ihren vielen Spezies und Ritualen trägt ein Übriges dazu bei, dass aus „Zwischen zwei Sternen“ ein überaus unterhaltsames, anregendes und spannendes Buch geworden ist, das seinen Reiz nicht aus genreüblicher Action, sondern aus den Figuren und ihren Interaktionen in einer plastisch geschilderten fernen Welt bezieht. Dabei berührt sie auch hier wie im ersten Band Themen von sozialer und gesellschaftlicher Relevanz (Geschlechteridentität, Rassismus, Toleranz, Krieg), setzt sie aber nicht dem derzeit modischen dystopischen Blick in Düstere aus, sondern wendet sie positiv.

Klare Leseempfehlung also auch für den zweiten Teil der Wayfarer-Reihe, verbunden mit dem Hinweis, dass im Sommer wohl unter dem Titel „Record of a Spaceborn Few“ der nächste Teil erscheint. Man darf nach der Lektüre von „Zwischen zwei Sternen“ gespannt sein und uns eine rasche Übertragung ins Deutsche wünschen.

Zwischen zwei Sternen / Becky Chambers. Deutsch von Karin Will.

ISBN 9783596035694

Verlag FISCHER Tor

Erscheinungsdatum 25.01.2018

 

Budapest by the Book

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Unsere erste Reise in diesem Jahr führte uns in die Gulasch-Paprika-Langos-Metropole Budapest, um alle Klischees gleich abgearbeitet zu haben. Die Wettergöttin meinte es die ersten beiden Tage nicht so wirklich gut mit uns, aber wir hatten eine wunderschöne Wohnung gemietet, es gab jede Menge Kaffeehäuser und Restaurants zu testen, ein klassisches Konzert und eine Fotoausstellung zu besuchen und nachts machten wir die Ruinenbars unsicher, daher kein Problem.

 

Ungarisch ist tatsächlich eine der unzugänglichsten Sprachen überhaupt. Auch nach ein paar Tagen war da gar keine Idee was die unglaublich langen Worte auch nur ansatzweise bedeuten könnten. Habe ich in dieser Form bisher noch nicht erlebt. Zum Glück kamen wir mit Englisch wirklich gut durch, so dass Egészégedre das einzige Wort blieb, dass wir von unserem Trip nach Hause brachten.

Der Wahlkampf ging auch nicht an uns vorbei. Unzählige Wahlplakate hingen in der Stadt und die Botschaft konnte man auch ohne Ungarisch-Kenntnisse leider nur zu gut verstehen: Immer wieder Plakate auf denen Massen an männlichen finster dreinblickenden Flüchtlingen  abgebildet waren…

Wir sind wahrscheinlich eher mit den urbanen englischsprachigen weltgewandten jungen Ungarn in Kontakt gekommen, die Orbán sehr kritisch gegenüber stehen, aber leider haben dessen Manipulationen ja wieder genügend Menschen dazu gebracht, das Kreuzchen an der für ihn richtigen Stelle zu machen.

 

Obwohl die Regierung Ungarns extrem homophob ist, haben wir ein paar LGBT Menschen entdecken können, die aber alle (wie wir auch) extrem vorsichtig in der Öffentlichkeit agierten.

Wer sich über die ungarische Küche und unsere kulinarischen Abenteuer informieren möchte, der sollte hier bei den Münchner Küchenexperimenten vorbeischauen.

Vor dem Trip habe ich natürlich die heimische Bibliothek nach passender Reiselektüre durchsucht und dachte schon, ich muss wieder Fernlese kontaktieren, die in schwierigen Fällen Lektüre für jeden Ort der Welt aufspüren können, als ich dann aber doch noch fündig wurde.

Arthur Koestler, der Budapester Jung! Drei Bände gleich von ihm standen allesamt ungelesen im Regal, schauten vorwurfsvoll und reiselustig in die Gegend und damit war das Thema Reiselektüre auch geklärt, wenn auch nur zwei von drei in den Koffer wanderten.

 

Koestler schrieb „Sonnenfinsternis“ ursprünglich auf deutsch, aber das deutsche Manuskript ging verloren, so dass nur die englische Übersetzung des Buches überlebte.

„Sonnenfinsternis“ ist ein wichtiges, tiefgründiges und erschütterndes Buch. Es erinnert an Orwells „1984“ nicht nur, weil es in beiden Romanen um totalitäre Regime geht, aber auch weil beide Werke tief in die menschliche Seele blicken und die Natur des Menschen ergründen. Koestler beschäftigt sich in dem Roman mit dem Thema Überzeugungen: wie der unerschütterliche Glaube an Ideologien moralisches Empfinden in Schieflage bringt und wie Menschen immer wieder versuchen, ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen und mit ihrer Ideologie in Einklang zu bringen. Er zeigt, wie unzuverlässig unser viel beschworener gesunder Menschenverstand und unsere Logik ist, denn gerade die Logik kann immer wieder dazu missbraucht werden, schrecklichste Taten rational zu erklären, wenn schon die anfänglichen Annahmen ausreichend verdorben sind. Koestler gibt Einblick darin wie idealistische Intentionen sich in totalitäre Realitäten verwandeln können.

„Die Bewegung kannte keine Rücksichten, unbeirrbar wälzte sie sich ihrem Ziele zu und lagerte die Leichen der Ertrunkenen an den Krümmungen, so verlangte es ihr Gesetz…
Die Gründe des einzelnen interessierten sie nicht. Die Moral des einzelnen interessierte sie nicht, was in seinem Kopf und Herzen vorging, war ihr gleichgültig. Sie kannte nur ein Verbrechen: vom Kurs abzuweichen, und nur eine Strafe: den Tod. Der Tod in der Bewegung war kein Mysterium, er hatte keine erhabenen Aspekte; er war die logische Folge politischer Divergenzen.“

Die Sprache im Buch ist einfach und deklaratorisch, die Themen des Buches arbeitet Koestler aber aufs Feinste und Sicherste heraus. Das Buch ist wahnsinnig düster und ohne jede Hoffnung, trotz des gelegentlichen Humors im Text. Der Leser gerät nach und nach immer tiefer in Rubashovs Gedankenwelt, wo er versucht das verwobene Netz an Überzeugungen, Taten und Rechtfertigungen zu entwirren.

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Die Alten erleiden das Schicksal, das ihre durchs Alter langsam gereifte Weisheit sie ihre schrecklichen Jugendsünden erkennen lassen, ihren naiven Idealismus dem sie alles geopfert haben. Sie können diese Erkenntnisse aber nicht wirklich weitergeben, sie werden jetzt selbst gerichtet von den jugendlichen Parteisoldaten, die ihnen folgen.

Koestler selbst war definitiv ein Mann mit einer mehr als kontroversen Vergangenheit. Er wurde 1905 in Budapest als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten geboren. Er war als Journalist tätig und lebte in Palästina in einem Kibbuz, in Paris, Berlin und später in London. Er trat 1931 in die kommunistische Partei ein und berichtete aus dem spanischen Bürgerkrieg, wo ihn die Faschisten ins Gefängnis warfen, wo er in wochenlanger Einzelhaft damit rechnete erschossen zu werden.

Nach einer journalistischen Reise durch die Sowjetunion, entsetzt über die dortigen Verhältnisse, tritt er aus der Kommunistischen Partei aus. Während des 2. Weltkriegs schloss er sich der Fremdenlegion an, wo er nach einiger Zeit desertierte. Seine Partnerin Daphne Hardy flüchtete mit seinem Manuskript von „Sonnenfinsternis“ vor den Nazis, doch das Schiff auf dem sie reiste, wurde bombardiert und sie ertrank, Koestler beging daraufhin einen Selbstmordversuch, wobei mir nicht ganz klar ist, ob er mehr um seine Partnerin oder das vermeintlich verlorene Manuskript trauerte.

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Koestler lebte seit den 1940er Jahren in London, arbeite als Autor und Journalist. Er wurde wiederholt mit Vergewaltigungsvorwürfen belastet, die er versuchte dadurch weg zu erklären, dass er ein stürmischer Liebhaber sei. Seine letzte Lebensgefährtin soll er in den gemeinsamen Selbstmord tyrannisiert haben, den er aufgrund seiner fortgeschrittenen Leukämie-Erkrankung nicht alleine begehen wollte. Aber egal, wie sehr er als Mensch teilweise versagt hat, er hat mit „Sonnenfinsternis“ ein überaus wichtiges Buch geschrieben, das sich ganz klar gegen jede Form von Totalitarismus ausspricht.

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Koestler untersucht in „Das Gespenst in der Maschine“ die Idee, dass die Teile des menschlichen Hirns, die für Vernunft und Emotion zuständig sind, nicht komplett koordiniert sind. Aus diesem Fehler lässt sich der Wahnsinn, die Gewalt und die Paranoia erklären, mit der große Teile der menschlichen Geschichte zu kämpfen hatte.

Das Buch war teilweise richtig brilliant, wenn er sein Konzept der „Holons“ erklärt, die allgegenwärtigen Teile im Gesamten natürlicher Systeme. Es ist überaus unterhaltsam, wie er den Behaviorismus auseinander nimmt, in dem Buch stecken wirklich eine ganze Reihe großartiger Ideen. Gleichzeitig aber auch eine ganze Menge Blödsinn, insbesondere mit Blick auf seine Interpretation der Evolutionstheorie. Bei einigen Kapiteln merkte man, dass das Buch während der Hochzeit der Drogenjahre Ende der 1960er entstand, ich kann noch immer nicht wirklich fassen, dass er ernsthaft vorschlägt, der einzige Weg, die Menschheit vor sich selbst zu retten, ist sie komplett weltweit unter Droge zu setzen. Ab ins Trinkwasser damit, hat man schließlich auch mit Jod gemacht und wie wunderbar ist es, dass jetzt auch in den abgelegensten Bergdörfern keiner mehr mit Kropf rumrennt. Also neben Jod einfach noch LSD ins Wasser – hätten wir das doch nur beherzigt, vielleicht hätten wir dann jetzt in der Tat keinen Vollidioten als amerikanischen Präsidenten – wer weiß 😉

Dennoch lohnt es sich, das Buch wegen des großartig interessanten Holon Konzepts zu lesen und für eine paar ausgesprochen schön geschriebene wissenschaftliche Einsichten. Die durchgeknallten Absätze einfach mit genug Humor umschiffen

Meine Woche

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Gesehen: „The Fly“ (1986) von David Cronenberg mit Jeff Goldblum und Geena Davis. Kult-Horror um ein misslungenes Experiment. Großartig.

„Citizen Kane“ (1941) von und mit Orson Welles. Zu Recht ein Meilenstein der Filmgeschichte.

Gehört: „Moon River“ – Jade Pearl Baker, „Mahajanaka“ – Sebastian Reynolds, Aricie – Black Polygons, Lot0019-2 – Oleg Rozov, „Markland“ – Northumbria, „Anthéne“ – 1834

Gelesen: How Joan Didion became Joan Didion, Wie Viktor Orbán vom flippigen Jung-Revolutionär zum gefährlichsten Autokraten Europas wurde, haben wir die Mathematik entdeckt oder erfunden? über die Astronomin Henrietta Leavitt, weird habits of famous writers und Maren Kroymann über die Behandlung älterer Darstellerinnen im TV

Getan: einen sehr interessanten Hannah-Arendt Abend im Literaturhaus erlebt, Gin angesetzt, im Gartencenter nach Balkonmöbeln gesucht und einen Geburtstagsbrunch besucht

Geplant: mal wieder Dortmund unsicher machen

Gegessen: Pasta Primavera

Getrunken: unseren Hibiskus-Kardamom-Gin

Gelacht: über die Geschichte der Religion und über den Begriff „Neat-Freak“

Geweint: nein

Gefreut: über die Nervenstärke meiner coolen Boss-Lady

Geklickt: auf „The Psychology of Human Misjudgement“ von Charlie Munger

Gewünscht: dieses Schlafzimmer, dieses Bad, dieses Regal und diese Pflanzen-Ecke

Gefunden: jede Menge Philosophie-Bücher

Gekauft: einen Kaktus

Gestaunt: über diesen Batfish (WTF Evolution?!? ;))

Gedacht: Überdies haben wir die allergrößte Gefahr erlebt, dass nämlich aus dem abgebrochenen Versuch, die Institutionen der Freiheit zu gründen, die gründlichste Abschaffung der Freiheit und sämtlicher Freiheitsrechte erwächst (Hannah Arendt)

#WomeninSciFi (14) Die Stunde der Rotkehlchen – Jo Walton

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Das Bloggerkombinat „Feiner Reiner Buchstoff“ ist schon mit dem zweiten Beitrag für diese Reihe vertreten und ich freue mich sehr darüber. Ralf ist bei den „üblichen Verdächtigen“ häufig mit Büchern aus dem Bereich Science Fiction vertreten und heute stellt er Jo Walton vor, eine Science Fiction Autorin, die mit ihrem Roman „Die Stunde der Rotkehlchen“ sehr gekonnt mit dem beliebten SciFi Gimmick „Alternative Zeitlinie“ spielt.

Um die Gegenwart zu begreifen, ist es unumgänglich, die Vergangenheit zu kennen. Das gilt sowohl für Menschen, als auch für die Geschichte. Geschichte und die Reaktionen der Menschen wiederholen sich und so erkennt man bestimmte Verhaltensmuster von Menschen, aber auch der Geschichte sehr schnell wieder. Wichtig ist ein Gesamtüberblick, der sich aus der Gegenwart nicht immer entschlüsseln lässt. Erst rückblickend wird Geschichte umfassend verstanden. Nichtsdestotrotz begehen wir als Menschen und Menschheit aber auch immer dieselben Fehler. Danach will man es natürlich gewusst haben. Klar. Und dann beginnt das Jammern, hätte man nicht dieses oder jenes … Fehler sollten nicht noch einmal begangen werden.

In der Literatur wird das Thema ‚Was wäre wenn?‘ gerne in den sogenannten ‚Parallelwelten‘ aufgenommen. Dieses Thema beschäftigte schon die alten Griechen in der Antike und dient sicherlich auch der Aufarbeitung von Geschichte. Thema des vorliegenden Buches ist die Hypothese, dass Hitler im zweiten Weltkrieg Frieden mit England geschlossen hat, um sich ganz dem großen Feind, dem Bolschewismus, zu widmen. Dieser Friede, auch ‚Farthing-Friede‘, wurde von einer kleinen Geheimgesellschaft initiiert, die sich in England gebildet hat. Hauptinitiator des Friedens war 1941 Sir James Thirkie, der acht Jahre später plötzlich tot auf dem Landsitz der Familie Farthing aufgefunden wird.

Wie auch in ihrem prämierten Buch: „In einer anderen Welt“ baut Jo Walton den Kriminalfall, diesmal aus der Sicht von zwei Personen, in tagebuchähnlicher Form, behutsam auf. Lucy ist die Tochter des Hauses Farthing und hat sich durch ihre Liebesheirat mit dem Juden David keine gesellschaftlichen Freunde geschaffen. Juden sind in England zwar geduldet, aber wegen des Friedens mit Hitler, der diese auf dem Kontinent interniert und verfolgt, immer ein Dorn im Auge der Engländer. Lucy hat ihren eigenen Kopf und die Angst um ihren Mann und die Abtrennung von ihren gesellschaftlichen, engen Wurzeln bestimmen ihr Denken und Tun.

Das England des Jahres 1949 ist noch stark vom Adel und der englischen Gesellschaft geprägt. Inspektor Carmichael von Scotland Yard, welches bei diesem hochbrisanten, politischen Mord, hinzugezogen wurde, ist der zweite Ich-Erzähler dieses Buches. Er hat einen sehr wachen Geist und merkt schnell, dass dieser Fall ihm über den Kopf wächst, ja, dass über seinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden. Im Grunde genommen geht es nicht darum, den wirklich Schuldigen des Mordes zu finden. Es geht darum, den politisch richtigen Schuldigen zu finden.

Jo Walton führt den Leser behutsam in ihre Alternativwelt ein und verknüpft diese geschickt mit dem Mordfall, um dem Leser Hintergrundinformationen ihrer Welt zu liefern. Ihre sehr empathische Art zu schreiben lässt die Personen sehr warm und nahe wirken. Die eingeflochtenen Beschreibungen der herrschenden Zustände in England und auf der Welt sind sehr schlüssig und wirken nie aufdringlich. Man hat wirklich das Gefühl so und nicht anders hätte es durchaus ablaufen können.

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Damit kommen wir zu einem sehr perfiden Punkt des Buches. Die Schrecken und Toten des zweiten Weltkrieges und des Naziregimes sind bekannt. Wäre es, nachträglich gesehen besser gewesen, Hitler hätte den Frieden mit England gehalten, was sicherlich ein klügerer Schachzug, als ein Krieg an allen Fronten gewesen wäre, oder ist ein Ende mit Schrecken, wie es abgelaufen ist, dieser Alternativwelt vorzuziehen? Diese Frage ist deswegen so perfide, weil so oder so, beides ein leidvolles und schreckliches Erlebnis bedeuten würde. Und die Frage nach Pest oder Cholera erübrigt sich.

Als Widmung stellt Jo Walton folgendes vorab:

„Für alle, die sich jemals mit den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte beschäftigt haben, schaudernd eigentlich, doch vor Überraschungen sicher, als ginge es um die Autopsie eines toten Drachen, nur um im nächsten Augenblick den sehr lebendigen Nachkommen des Drachen gegenüberzustehen und ihnen ins offene Maul zu starren.“

Diese hintergründig lauernde Heimtücke der geschichtlichen Bedeutung, gepaart mit dem wirklich schönen sanften Schreibstil macht dieses Buch zu einem bemerkenswerten Beispiel von gedankenvoller und hintergründiger Literatur. Eine echte Perle, die der Golkonda Verlag liebevoll im Hardcover neu aufgelegt hat. Das erste Buch der Serie um Inspektor Carmichael.

„Die Stunde der Rotkehlchen“ ist im Golkonda Verlag erschienen.

Big in Japan

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass wir in Japan waren und wahrscheinlich war es der kürzlich beendete neue Roman von Murakami, der wieder heftiges Japan-Fernweh auslöste, es musste also dringend etwas gegen die Sehnsucht unternommen werden. Einfach nur japanisch essen gehen war auf keinen Fall genug, ich plante daher eine intensive Japan-Literaturwoche, um mir ein bisschen von der Stimmung des Landes nach Hause zu holen.

Das Glück ist eine Festung

Fuminoris Roman beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite dunkler Themen von Mord über Krieg, Terrorismus und Identitätsdiebstahl. Auch sein zweiter auf deutsch erschienener Roman ist das, was man einen Krimi-Noir nennen würde. Dunkel und urban schleicht er sich ganz langsam in die Nervengänge und wenn man etwa in der Mitte des Buches angelangt ist, kann man es partout nicht mehr aus der Hand legen.

Als Kind wird Fumihiro Kuki von seinem Vater erzählt, dass dieser ihn allein zu dem Zweck gezeugt hat, um ihn als Krebsgeschwür in die Welt zu entlassen. Die Welt hat es nicht besser verdient und sein Vater wünscht sich, dass Fumihiro soviel Zerstörung und Unheil anrichtet, wie er nur kann. Das möchte er der Welt als Erbschaft hinterlassen.

Fumihiro rebelliert gegen diesen Plan. Als sein Vater ein kleines Mädchen, Kaori, adoptiert,  verliebt sich Fuminori in sie. Von Anfang an ist klar, das sein Vater das Mädchen nicht aus reiner Gutherzigkeit adoptiert hat. Fuminori versucht alles, um Kaori vor seinem zutiefst bösartigen Vater zu beschützen…

Die Sprache ist wunderschön und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die zwar düster, aber dennoch voller Schönheit ist. Man fiebert mit Fumihiro und fühlt mit ihm, dem einzigen, der in seiner kranken, verkorksten Familie versucht, das Richtige zu tun, was nicht einfach ist, wenn man in einer derartig verkorksten Umwelt aufwächst.

Krieg wird in der Geschichte sehr richtig als moderne Form des Bösen dargestellt, das als effiziente Maschine von Kapitalisten, Arbeitern und Soldaten am Laufen gehalten wird durch die unerschöpfliche Energie der ständig neu entstehende Kriegsherde. Krieg als Laboratorium der Unmenschlichkeit im ungezügelten Kapitalismus. Das ist das eigentliche Thema des Buches, das damit unweigerlich Bilder aus den beiden Weltkriegen, dem Vietnam Krieg, dem Krieg in Syrien etc., aufbeschwört.

„Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg.“

Fumihiros Bemühungen, Kaori zu schützen, bringt einiges in Bewegung und bietet und einen schonungslosen Blick in die verdrehten Köpfe von Kriegstreibern, Machthabern und Terroristen, denen völlig egal ist, womit sie Geld verdienen, hauptsache die Kohle stimmt.

Momentan scheinen die spannendsten und intelligentesten Krimis aus Japan zu kommen und Fuminori Nakamura ist ganz vorne dabei. Schon sein erster Roman „The Thief„, den ich mir während unseres Japan-Urlaubs kaufte, war richtig gut.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich schon auf seinen nächsten Roman. Eine weitere schöne Rezension könnt ihr hier bei letusreadsomebooks lesen.

 

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In der Serie „Lost“ gab es einen Protagonisten, der stets das einzige von ihm noch nicht gelesene Exemplar eines Charles Dickens Romans mit sich herumschleppt, weil er glaubte, solange er den noch nicht gelesen hat, kann ihm nix passieren. Vielleicht hatte ich unbewußt einen ähnlichen Beweggrund, warum ich den (vermeintlich wie sich herausstellte) letzten noch ungelesenen Murakami Band „Nach dem Beben“ noch immer jungfräulich im Regal stehen hatte. Bis ich irgendwann merkte, dass „Nach dem Beben“ und „Untergrundkrieg“ natürlich zwei gänzlich verschiedene Bände sind, die ich aus welchem Grund auch immer mental für eines gehalten hatte.

„Untergrundkrieg“ besitze ich derzeit noch nicht einmal, ich konnte also meine Japan-Woche erfreulicherweise um einen Murakami ergänzen, ohne wie Desmond aus Lost das letzte noch ungelesene Buch des Lieblingsautors zu opfern.

„Nach dem Beben“ sind Kurzgeschichten, die Murakami als Reaktion auf das verheerende Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 schrieb. Er schuf sechs unglaubliche Geschichten, deren Hauptcharaktere zwar nicht selbst vom Erdbeben betroffen waren, deren Leben aber dennoch von Grund auf erschüttert und verändert werden. Ein Erdbeben, das nicht nur das Land sondern auch das Gewissen eines ganzen Landes erschütterte.

In typischer Murakami Manier ist es wieder nicht unbedingt der Plot der einzelnen Geschichten, der zentral oder sonderlich wichtig ist, sondern die Atmosphäre, die er wieder untrüglich zu schaffen weiß. In jeder einzelnen Geschichte schafft er eine eigene kleine Welt, seltsam, surreal und komplett faszinierend.

Meine liebste Geschichte war Thailand, auch wenn sie die am wenigsten surreale war. Eine kleine leise entspannende Perle von einer Story, ich wollte sofort und auf der Stelle in einem Freibad alleine früh morgens ein paar Runden drehen.

Mein liebstes Zitat stammt aus der Geschichte „Frosch rettet Tokio“:

„Manche behaupten zwar, Verständnis sei nichts als die Summe unserer Missverständnisse…“

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„Der Bergmann“ ist ein gewagter experimenteller Roman und der, wie ich las, anscheinend das am wenigsten bekannte Buch des großen „Meji„-Autoren Natsume Soseki, der es im Jahr 1908 schrieb. Es ist ein absurder Roman über die unbestimmbare Natur der menschlichen Persönlichkeit, eine Art Vorahnung auf Bücher von Autoren wie Woolf, Beckett oder Joyce.

Der Roman wird als Lieblingsbuch von Haruki Murakami angepriesen und bislang bin ich gerne jeglicher Musik oder Buchempfehlung von Murakami gefolgt und habe das nie bereut (abgesehen von ein paar Jazz-Stücken, mit denen ich nichts anfangen konnte). Dieser Roman war allerdings eine Herausforderung für mich, da er fast gänzlich ohne wirkliche Story fungiert und ausschließlich im Hirn des Protagonisten spielt.

Stream-of-conciousness ist immer schwierig und bei Jocye habe ich da auch immer riesige Schwierigkeiten, komischerweise so gar nicht bei Virigina Woolf. Muss mich irgendwann noch mal damit beschäftigen, woran das liegen könnte. Natsume Sosekis „Der Bergmann“ ist allerdings wieder einer, an dem ich mir ordentlich die Zähne ausgebissen habe.

Die ersten 50 Seiten gingen durchaus gut, wäre das ganze eine Kurzgeschichte die nach 50-60 Seiten endet, ich hätte glaube ich Lobeshymnen abgelassen, aber irgendwann merkte ich beim Lesen, dass ich mehr und mehr zum störrischen Maulesel wurde, der einfach nicht mehr weiter wollte. Kein gutes Zureden, kein „es ist doch Murakamis Lieblingsbuch“ wollten helfen, selbst meine Versuche, mich mit Majus aus dem Asialaden zu bestechen, waren erfolgreich, etwa in der Mitte des Buches ging es nicht mehr weiter und ich sitze sozusagen noch immer im Bergwerk fest.

„Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. Und dann die Leser, die so tun, als würden sie alles verstehen, indem sie von diesem und jenem da reden. Erstere scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, Lügen zu fabrizieren, und letztere sich daran zu ergötzen, diese Lügen zu lesen. Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht. Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich drauf verlassen, dass daraus kein Roman wird. Der reale Mensch ist seltsam undefinierbar.“

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, ich werde es sicherlich noch einmal versuchen, ich glaube das Buch ist wie Matcha Tee, man muss sich da langsam rantasten, es immer mal wieder versuchen. Hat irgendeiner von euch bessere Erfahrungen gemacht und kann mir Tipps geben wie ich das „Bergwerk“ knacken kann?

Ich danke auf jeden Fall dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Während meiner Japan-Woche habe ich im offenen Bücherschrank noch ein obskures Buch aus den 1970er Jahren gefunden. „Bei den Weisen Japans“ von Paul Arnold eine Reise ins mystische Japan und den dortigen Geheimlehren und -sekten. Ich habe bislang nur hineingeblättert, es wirkt etwas esoterisch, erinnert mich aber aus irgendeinem Grund an den „Commendatore“ von Haruki Murakami…


Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust auf Japan machen – bei Interesse kann ich euch meinen Reisebericht empfehlen, dann könnt ihr zumindest schon mal virtuell verreisen, die richtige Reiselektüre hättet ihr auf jeden Fall schon mal 🙂

Meine Woche

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Gesehen: „The Runaways“ (2010) von Floria Sigismondi mit Kristen Stewart als Joan Jett. Sehr cooles Musik Bio-Pic das mir sehr gefallen und große Lust auf mehr Musik von Ms Jett gemacht hat.

Raw“ (2017) von Julia Ducournau. Krasser Horror aus Belgien um ein junges Mädchen das als Aufnahmeritual in die Veterinärsschule rohes Fleisch essen muss mit ungeahnten Konsequenzen. Heftig, aber ein wirklich guter Film.

Oldboy“ (2003) von Park Chan-Wook. Ein Geschäftsmann wird entführt und 15 Jahre gefangen gehalten und er hat keine Ahnung warum. Plötzlich wird er freigelassen und er begibt sich auf eine 5-tägige Rachetour. Guter Film der gelegentlich an Tarrentino erinnert.

Gehört: „Cherrybomb“ – The Runaways, „I love Rock’n’Roll – Joan Jett, „Crimson & Clover“ – Joan Jett, „Despair, Hangover & Ecstasy“ – The Do, „Plus putes que tous les Putes“ – Orties, „Chaconne“ – Johann Sebastian Bach, „Out of Darkness“ – OP3

Gelesen: Data is the new lifeblood of Capitalism, Roal Dahls letter of advice to a young writer, Fixing Gender Imbalances in stories, from imitation to innovation – how China became a superpower, Frauen in der Forschung und ihre historischen Vorbilder, was besser wird wenn wir ohne Bedingungen helfen, Ambassadors recommending books to read before visiting their countries

Getan: die Biergarten-Saison eröffnet, die „Concept of Lines“ Ausstellung angeschaut, an der Isar in der Sonne spazieren gegangen

Geplant: ein Hannah-Arendt Abend im Literaturhaus

Gegessen: viel Salat

Getrunken: diesen Rioja

Gelacht: Ahhh April 1st, the only day of the year that people critically evaluate things they find on the internet before accepting them as true

Geweint: nein

Gefreut: über den Frühling der endlich da ist

Geklickt: auf diesen Ted Talk „To eliminate waste we need to rediscover thrift“ von Andrew Dent

Gewünscht: diese Sessel, diesen Whisky, diesen Pool und diese Lampe

Gefunden: On the Move und Die Insel der Farbenblinden von Oliver Sacks im offenen Bücherschrank

Gekauft: 2 schwarze Tshirts und die Zeitschrift „Hohe Luft

Gestaunt: über den Death Row Bookclub

Gedacht: The best way to predict the future is to create it