Prag by the Book

Nach der Buchmesse in Leipzig verschlug es mich direkt im Anschluss auf eine Konferenz nach Prag. Meine Teilnahme an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Women in Telco“ war der Hauptgrund dieser Reise, die Diskusison war leider ziemlich schwach, aus verschiedensten Gründen. Immerhin ergab sich noch ein sehr interessantes Abendessen mit einer der Teilnehmerinnen.

Da es im Anschluss nach Berlin zur „New Work Experience“ gehen sollte, genehmigte ich mir einen Tag Urlaub dazwischen, denn das Hin- und Her wäre ziemlich unsinnig. Den Tag nutzte ich dann ausgiebig um Prag zu entdecken und natürlich bin ich nicht ohne Kafka im Gepäck verreist.

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Die Stadt zeigte sich von seiner sonnigsten Seite. Bier war tatsächlich allgegenwärtig und das tschechische Bier ist meines Erachtens tatsächlich eines der besten der Welt. Kein Wunder, dass die Tschechen mehr Bier pro Kopf pro Jahr trinken, als jede andere Nation. Ich mochte insbesondere das Staropramen, die fleischlastige tschechische Küche fand ich allerdings heftig. Als Vegetarier biste da innerhalb von ein paar Tagen tot glaube ich 😉

Ich habe unglaublich freundliche Menschen getroffen, der Satz „I’ve always relied on the kindness of strangers“ hat sich hier absolut bewahrheitet, ich fühlte mich enorm sicher in Prag und bin zum Glück auch vor Taschendieben verschont geblieben, vor denen mich etliche Menschen gewarnt hatten.

Kafkas „Schloss“ war die perfekte Reiselektüre für diesen Trip und ich kann das kleine Kafka-Museum in der Cihelna sehr empfehlen. Dunkel und atmosphärisch schafft es die Ausstellung die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Kafkas Werken zu beleuchten. Mir gefiel es sehr, war aber auch froh im Anschluss wieder in der Sonne zu sein, man fühlte sich schon recht beklommen da drin.

Prag ist in 10 Distrikte aufgeteilt, die über drei Metro-Linien und ein sagenhaft effizientes Tram-System miteinander verbunden sind. Das jüdische Viertel „Josephstadt“ ist eines der spannendsten Ecken der Stadt mit seinem alten jüdischen Friedhof, dem Golem-Museum und den Synagogen.

Natürlich kann man auch nicht wirklich in Prag gewesen sein ohne über die weltberühmte 0,5km lange Karlsbrücke gelaufen zu sein, mit den 16 Heiligenfiguren. Die Brücke ist im Dunkeln oder im Nebel am mysteriösesten und schönsten finde ich.

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Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch. Auch literarisch gibt es noch eine Menge zu entdecken neben Kafka und Kundera. Welche Reiselektüre hättet ihr eingepackt?

 Ahoi Prag – Ahoi Kafka ! Zatím!

Meine Woche

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Gesehen: „Ghost in the Shell“ (2017) von Rupert Sanders mit Scarlett Johansson. Das white-washing des Films fand ich doof, für mich hat die Manga-Verfilmung mit ihren bestechenden Bildern, spannender Story und umwerfender Ästhetik dennoch für großartige Unterhaltung gesorgt. Möchte jetzt unbedingt die Anime Version sehen.

The 100 Years Show“ (2015) von Alison Klayman. Dokumentation über Carmen Herrara, die älteste aktive Künstlerin, die erst kurz vor ihrem 100sten Geburtstag entdeckt wurde. Hat mich sehr beeindruckt. Was für eine wunderbare Frau, so klug und humorvoll – tolles Vorbild. Never give up.

Kafka“ (1991) von Stephen Soderbergh darf während eines Prag-Aufenthaltes natürlich nicht fehlen. Jeremy Irons ist perfekt in der Rolle.

Hannah Arendt“ (2012) von Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa. Porträt über Hannah Arendt während und nach ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess. Spannend.

Gehört: „Enjoy the Silence“ – KI Theory, „It is the Nature of Dreams to End“ – Reeder, „Orphée and Eurydice“ – Vesselina Kasarova, „Stupenda e miserabile citta“ – Klimt 1918, „Mirage“ – Alexandra Savior, „Always sad“ – The Jesus and Mary Chain, „Kisswell“ – Farai

Gelesen: Warum Kinder in Singapur so gut in Mathe sind, über das Hacken von menschlichen Zellen, wenn Soziologen soviel Einfluss hätten wie Ökonomen, wie man bessere Entscheidungen trifft,

Getan: eine Podiumsdiskussion zur Rolle der Frau in der Telekom-Branche geführt, Prag erkundet, in Berlin die „New Work Experience“ Konferenz besucht, viel Zug gefahren und diskutiert.

Geplant: es zu schaffen mich schneller deutlicher auszudrücken, um weniger oft falsch verstanden zu werden

Gegessen: böhmische Knödel

Getrunken: Staropramen und Pilsner Urquell

Gelacht: Do you ever look at stuff and wonder how it got there

Geärgert: über das herablassende Verhalten einiger Männer bei der Podiumsdiskussion und die Rosen die wir danach geschenkt bekommen haben und über meine mangelnde Offenheit bei manchen Themen, bzw meine Unfähigkeit mich besser zu erklären

Gefreut: I have always relied on the kindness of strangers

Gewünscht: diese Wohnung, diese Hängematte, dieses Tshirt

Geklickt: auf den Talk von Christopher Niemann über die Ängste kreativer Menschen und auf den TED Talk von Adam Grant „Are you a giver or a taker“

Gekauft: Sichtschutz für den Balkon, ein Hochbeet und Blumen

Gefunden: Ansporn noch mehr zu lernen, zu geben und zu erreichen

Gewundert: was ich alles nicht weiß

Short and Sweet

Es wird mal wieder Zeit für eine Short and Sweet Session, jedes Einzelne der Bücher hätte eine ausführliche Rezension verdient, die Binge Readerin ist aber zu faul und möchte ihren Stapel wegbekommen, daher hier kurz und knackig die Kurzrezensionen der gelesenen und bisher noch nicht rezensierten Bücher der letzten Wochen.

Ich lasse dem wunderbaren Dandy Fritz J Raddatz den Vortritt, dessen Erinnerungen „Unruhestifer“ mich sehr begeistert haben. Habe ihn ehrlich gesagt erst seit kürzerer Zeit auf dem Radar, ausgelöst meine ich durch ein Interview in „druckfrisch“ vor ein paar Jahren, aber wow – was für eine spannende Persönlichkeit.

Er war meine passende Reisebegleitung nach Hamburg.

Raddatz

Seine Erinnerungen sind eine actionreiche, glamouröse Tour de Force durch den Kulturbetrieb der BRD. Der ehemalige Programmchef des Rowohlt-Verlages und ehemalige Feuilleton-Chef der Zeit hat als Literaturkritiker, Autoren-Entdecker und Feuilletonist überall mächtig Staub aufgewirbelt und kein Stein auf dem anderen gelassen. Für mich waren insbesondere der Anfang, seine Wurzeln, Familienhintergründe und seine späten Erinnerungen von besonderem Interesse, da ich doch mit einigen Namen aus dem früheren Kulturbetrieb nicht wirklich etwas anfangen konnte. Herr Raddatz schaut dem Feuilleton unter den Rock und wir ihm voyeuristisch dabei über die Schulter. Unbedingt kaufen und lesen.

„Unsere Beziehung, die wir – und wir beide wissen, warum – sachlich gehalten haben, weil Nähe nur aus Distanz möglich ist, weil man sich nicht duzt, wenn man sich per Sie näher ist – diese Beziehung sollte erlauben, auch spontan für den anderen da zu sein, ohne sich Intimitäten breit auszuwalzen.“

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Von meiner entzückenden Buchmessen-Begleiterin Birgit von Sätze und Schätze habe ich kürzlich passenderweise Raddatz‘ „Bestarium der deutschen Literatur“ geschenkt bekommen, das bot sich natürlich gleich als Anschlusslektüre an. Die literarischen Fabeltiere der Gegenwartsliteratur sind ausgesprochen charmant und die Zeichnungen von Klaus Ensikat absolut meisterhaft.

Jane Jacobs – The Godmother of the American City ist die legendäre Autorin des einflussreichen Buches „The Death and Life of Great American Cities“ das seit seinem Erscheinen 1961 ununterbrochen wieder verlegt wurde und die maßgeblich Einfluss auf die Disziplinen Stadtplanung und städtische Architektur genommen hat.

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In der „Last Interview„-Reihe umfasst ihre Interview aus den Jahren 1962, 1978, 2001 und das letzte aus dem Jahr 2005.  Die Gespräche beleuchten die einzigartige Karriere der beliebten und einflussreichen Intellektuellen und Aktivistin, die sich schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für eine organische nachhaltige Stadtplanung eingesetzt hat.

Jane Jacobs ist in Deutschland noch recht unbekannt, als Einstieg kann ich diesen Band absolut empfehlen. Eine brilliante Analystin, Ökonomin und politische Kommentatorin, die sich lohnt kennenzulernen.

„Jacobs has probably bludgeoned more old songs, rallied more support, fought harder, caused more trouble, and made more enemies than any other American woman … She is the terror of every politican in town“

Eine unterhaltsame Zugfahrt bereitete mir vor einer ganzen Weile schon Daniel Kehlmanns „F“ – der Roman erzählt von drei Brüdern, die – jeder auf seine Weise – Betrüger, Heuchler, Fälscher sind. Das „F“ hängt von Anfang an schicksalsschwer über ihren Köpfen in Form von Familie, Fälschung, Fehlentscheidungen und das Kapitel mit dem Hypnotiseur war einfach nur brilliant, zum Ende hin ist es etwas abgefallen, aber Kehlmann ist eigentlich immer ein Garant für Unterhaltung auf hohem Niveau.

Kehlmann

„Keiner konnte einem helfen. Kein Buch, kein Lehrer. Alles Entscheidende musste man aus eigener Kraft lernen, und gelang es nicht, hatte man sein Leben verfehlt. Iwan fragte sich oft, wie Leute, die nichts Besonderes konnten, das Dasein eigentlich ertrugen.“

Vladimir NabokovsInvitation to a Beheading“ verkörpert die reichlich bizarre Vision einer komplett irrationalen und absurden Welt. In der März-Lektüre unseres Bookclubs geht es um einen jungen Mann namens Cincinnatus, der in einem nicht genannten Land im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Seine Begegnungen dort sind komplett irrational und reichen von Henkern, die sich als Gefangene maskieren, bis hin zu phantastischen Gefängniswärtern und künstlichen Spinnen.

Im Inneren des Traumzustandes herrscht jedoch eine gewisse Logik, die der Erzählung seine Glaubwürdigkeit verleiht: Wir glauben, dass in einem totalitären Staat das Schicksal eines Cincinnatus nur allzu real ist. Das erinnert an die Megalomanie der Tyrannen, die ja leider gerade wieder Hochkonjunktur haben.

Nabokov

“But then I have long since grown accustomed to the thought that what we call dreams is semi-reality, the promise of reality, a foreglimpse and a whiff of it; that is they contain, in a very vague, diluted state, more genuine reality than our vaunted waking life which, in its turn, is semi-sleep, an evil drowsiness into which penetrate in grotesque disguise the sounds and sights of the real world, flowing beyond the periphery of the mind—as when you hear during sleep a dreadful insidious tale because a branch is scraping on the pane, or see yourself sinking into snow because your blanket is sliding off.”

Die Angst eines Sträflings in der Todeszelle wirkt unglaublich beklemmend und man teilt seine Unglauben über seine Umstände, seine Reue für nicht wirklich begangene Verstöße und Misserfolge und seine falsche Hoffnung auf Rettung. Wenn Cincinnatus am Ende auf dem Weg zur Hinrichtung ist, lässt er seinen Henker durch die Kraft seiner Gedanken verschwinden und mit ihm zerfällt die gesamte Welt um ihn herum. Oder nicht?

Cincinnatus hätte sich sicherlich gut mit Kafkas K oder Figuren aus Becketts Stücken verstanden, das Absurde hat nicht jedem in unserem Bookclub zugesagt, auf die wunderschöne Sprache Nabokovs konnten wir uns hingegen absolut einigen. Ich kam aus dem Unterstreichen gar nicht mehr hinaus. „Lolita“ ist nach wie vor mein absoluter Lieblingsroman von Nabokov, aber dieses kleine Büchlein hat es absolut in sich – große Empfehlung von mir.

“What are these hopes, and who is this savior?” “Imagination,” replied Cincinnatus.”

Meine Woche

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Gesehen: „Lolita“ (1997) von Adrian Lyne mit Jeremy Irons und Dominique Swain. Gelungene Nabokov-Verfilmung, mit wunderschönen Bildern.

Une Femme est une femme“ (1961) von Jean-Luc Godard mit Anna Karina und Jean-Paul Belmondo. Die Farben ! Die Musik! Die Buch Szene ! Hatte trotz etwas abstruser Story viel Spaß.

Gehört: „Whisky and Wine“ – Planning for Burial „Forever More“ – Molokko, „Solis“ Hermione Harvestman „On Dockweiler Beach“ – Ana & Ina „Ragged Hollow“ Nevada Greene „Your halo is a swarm of bees“ – Clara Engel „Terrestrial Non“ Loop Goat „Hit to the Head“ – Actors

Gelesen: Nimmt das Silicon Valley sein Sexismus-Problem endlich ernst fragen Wired und The Atlantic ? Naomi Alderman über „How feminist science fiction predicted the future“, Yuval Noah Harari erkärt warum der Homo Sapiens verschwinden wird und wie sich das staubige Merriam Webster Wörterbuch neu erfunden hat

Getan: Leipzig erkundet, was für eine wunderbare Stadt, die Buchmesse unsicher gemacht, viele tolle Bloggerkollegen, Verlagsmenschen und Autoren getroffen, zu viele Bücher auf die „muss ich unbedingt lesen-Liste“ gepackt, Streetart fotografiert und abends die müden Füsse massiert.

Geplant: eine spannende Podiumsdiskussion in Prag zu „Redefining the role of Women in Telecom“ zu führen und danach auf nach Berlin zur „New Work Experience“ Konferenz

Gegessen: tschechisches Gulasch (mit Sättigungsbeilage) wie bei Oma im Kollektiv

Getrunken: Staropramen

Gelacht: wie Zebras über die Straße gehen

Geärgert: das ich keine Schlafbrille eingepackt hab

Gefreut: über die vielen spannenden Begegnungen und die mega freundlichen Menschen in Leipzig

Gewünscht: dieses Lowboard, dieses String-Regal und mein AirB&B Bett hier in Leipzig

Geklickt: auf den Unterschied zwischen Nerds und Geeks, wie die Tech Branche so männlich wurde und diesen TED Talk „4 Principles for an open world“

Gekauft: zu viele Bücher, Comics und Batman Tshirts

Gefunden: Inspiration

Gewundert: wieviele Kilometer man auf so einer Buchmesse abreissen kann

4 3 2 1 – Paul Auster

Auster

Diese Schrankwand von einem Buch, im Englischen so wunderbar „Doorstopper“ genannt, ist schon ein Projekt, auf das man sich als Leser einlassen muss, aber eines, das sich in meinen Augen absolut lohnt. Umfangreich ja, aber der Stil ist unkompliziert und sobald man sich auf die vier parallel verlaufenden Handlungstränge eingeschwungen hat und vielleicht ab und an mal ein paar Notizen macht, hat dieses Buch absolut nichts Unnahbares an sich.

Fans oder zumindest vorherige Leser werden mit seinem Ideenreichtum und seiner unglaublichen Vorstellungskraft vertraut sein. Es gibt soviele spannende Einsichten und Gedanken, ich weiß gar nicht wo ich mit dem Zitieren beginnen soll.

“The world wasn’t real anymore. Everything in it was a fraudulent copy of what it should have been, and everything that happened in it shouldn’t have been happening. For a long time afterward, Ferguson lived under the spell of this illusion, sleepwalking through his days and struggling to fall asleep at night, sick of a world he had stopped believing in, doubting everything that presented itself to his eyes.”

4 3 2 1 ist ein wunderbarer und sehr intelligenter Einblick in die vier verschiedenen Leben des jüdischen Ferguson, der 1947 in New York geboren wird. Wir erleben das Kennenlernen der Eltern Stanley und Rose und mit der Geburt ihres Sohnes Ferguson nehmen die parallel verlaufenden Lebenslinien ihren Lauf.

Auster verbindet die unterschiedlichen Entscheidungen und Erlebnisse in Fergusons Leben in Verbindung mit realen Erlebnissen aus der amerikanischen sozialen und politischen Gesichte der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zeitgleich mit den Fergusons nehmen wir an der Bürgerrechtsbewegung, dem Vietnam-Krieg und den Protesten dagegen teil.

Ab und an war ich mal etwas verwirrt, welcher Ferguson gerade am Start war, aber nix was mit ein paar Markern im Buch und schnellem Zurückblättern nicht zu entwirren wäre. Auster lässt Charaktere aus früheren Romanen auftauchen und die Leben seiner Fergusons haben eine stark autobiographische Färbung, es ist ihm wunderbar gelungen, sein Leben mosaikartig in den Roman einzuweben.

3 feb Paul Auster

„Everything always happens for the best — in this, the best of all possible worlds.“

Alle Fergusons (und Paul Auster) lieben Romane, Gedichte, Filme und Baseball und haben den großen Wunsch, Schriftsteller oder Journalisten zu werden. Seine Zeit in Paris und seine Universitätszeit an der Columbia University haben ihn stark geprägt, ebenso wie der Blitzschlag, der einen Jungen direkt neben ihm tötete, als er vierzehn Jahre alt war.

Besonders spannend fand ich die Parallelen der verschiedenen Leben, wie ähnlich und doch verschieden diese verlaufen sind. Einige der Protagonisten im Buch tauchen in ähnlichen Rollen in den verschiedenen Kapiteln auf, die Beziehungen untereinander sind teilweise jedoch deutlich anders und auch der Einfluss, den sie aufeinander und auf Ferguson haben.

Ich habe dieses Buch mit wachsender Euphorie gelesen. Auster kann einfach schreiben. Ich würde so gerne einmal in meinem Leben zu einem Abendessen in Austers &  Hustvedts Haus eingeladen werden und die ganze Nacht mit Ihnen über Literatur, Filme, Paris und Musik zu sprechen (Baseball würde ich auslassen). Hey, man wird doch wohl noch träumen dürfen.

Ich versuche nicht zu inflationär mit dem Begriff um mich zu werfen, aber dieses Buch ist ein Meisterwerk und ein ziemliches Highlight für mich im jungen Jahr 2017. Ein Roman, der Sehnsucht weckt an eine literarische Welt, der für mich das liberale und intellektuelle New York verkörpert, das aktuell als elitär und abgehoben gilt. Mir egal, heute Elite, morgen Proletariat – darauf ein Dosenbier 😉

Konzert-Marathon III+IV: Trentemøller und Austra

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Foto: trentemoller. com

Andreas Trentemøller Andersen ist ein dänischer Komponist und Musiker. Er hat unzählige EPs und vier Studio Alben veröffentlicht, die alle bei mir zu Hause wohnen: ‘The Last Resort’ (2006), ‘Into the Great Wide Yonder’ (2010), ‘Lost’ (2013) and ‘Fixion’ (2016).

Es wurde also höchste Zeit, ihn endlich live zu sehen, auch wenn die Freiheizhalle mit ihrem Charme eines evangelischen Gemeindezentrums nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Konzert-Locations gehört.

Die Setlist, die insgesamt 16 Stücke umfasste, kam größtenteils von seinen letzten beiden Alben und startete recht sanft mit November. Als der Rauch sich verzogen hat, konnte man die gespenstische Figur des Dänen erahnen, der gekonnt und gerne den Freak gibt, wenn er gebückt über seinem Synthesizer hängt. Die Musik ist der perfekte Soundtrack, um dem Regisseur im Kopf freie Bahn zu lassen, für eigene dunkel-epische Filmteppiche. Augen zu und weg bin ich. Wer sich einen musikalischen Eindruck vom Abend machen möchte, sollte mal in die Setlist reinhören:

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Foto: D Raatz
  1. November
  2. One Eye Open
  3. Never Fade
  4. Shades of Marble
  5. My Conviction
  6. Redefine
  7. Trails
  8. Complicated
  9. River in Me
  10. Miss You
  11. Still on Fire
  12. Circuits
  13. Vamp
  14. Moan
  15. Where the Shadows Fall
  16. Take me into your Skin

Support war „T.O.M. and his Computer“, eine ebenfalls dänische one-man show mit DJ Equipment. Hat mir sehr gut gefallen, der Anfang ging Richtung White Noise und wurde von Song zu Song vielschichtiger. Den behalte ich mal im Auge. Besonders gefiel mir „Cello Bender“

 

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Foto: austramusic.com

Den vorläufigen Abschluß im Konzert-Marathon machte Austra. Da haben sich gerade sehr spannende Diskussionen im Freundeskreis ergeben. War ich wirklich im November 2015 im Atomic Cafe und falls ja, warum kann ich mich partout nicht daran erinnern? Meine Erinnerung behauptet, ich habe Katie Stelmanis vorher erst einmal gesehen und zwar im Feierwerk, zweifelsfrei jedoch vor ein paar Abenden im Ampere.

Das ich sie da sehen würde, stand eine ganze Weile lang in den Sternen, war sie doch bis zum Tag davor noch in einem Hamburger Krankenhaus, zum Glück schien sie wieder fit zu sein und hatte an dem Abend glaube ich, genauso großen Spaß wie wir.

Katie Stelmanis, die kanadische Sängerin mit Ausbildung zur Opernsängerin legt 2017 mit ihrem neuen Album „Future Politics“ ihr drittes Album vor, das sie dieses Mal komplett alleine geschrieben und produziert hat. Mit dem Vorgänger „Olympia“ habe ich mich schwer getan, ein für mich typisch schwieriges zweites Album, „Future Politics“ knüpft für mich wunderbar am Meilenstein-Erstling an, den ich bis zum Abwinken gehört habe.

Ob sie am Anfang des Projektes schon ahnte, wie gruselig realitätsnah das Album wird mit der Wahl Trumps, es ist auf jeden Fall der passende Soundtrack einer dystopischen Zukunftsvision. Treibende Synthisizer treffen auf Dancefloor Beats, die von Stelmanis‘ kraftvoller und dennoch delikater Stimme dirigiert werden.

In einer fließenden Robe, die an eine Opernsängerin denken lassen, steht sie in der Mitte der Bühne und dirigiert ihr Publikum nach Belieben. Ein atemberaubender Abend, eine weitere Künstlerin, die ich definitiv nicht zum letzten Mal gesehen habe.

 

Hier die Setlist

  1. We Were Alive
  2. Future Politics
  3. Utopia 
  4. I’m a Monster
  5. Forgive Me
  6. Freepower
  7. Gaia
  8. Home
  9. I love you more than you love yourself
  10. Angel in your Eye
  11. Beat and Pulse
  12. Lose it
  13. The Villain
  14. Habitat
  15. Painful like
  16. Hurt Me now

Support war Hannah Rogers alias Pixx aus London, die mit verträumt ätherischem Dreampop gut in den Abend einstimmte. Very smooth: „A way to say Goodbye“ als kleine Kostprobe:

Kein Ausfall bei den letzten vier Konzerten, jedes ein individuell wunderbares Ereignis. Danke für die schönen Abende an die Künstler und meine Freunde.

Und in den nächsten Tagen geht es auch wieder einmal weiter mit einer Buchrezension, wie sich das für einen Literaturblog gehört. Die Konzert-Schuhe bleiben im Schrank, es wird gelesen. Versprochen 🙂

Konzert-Marathon Teil II: Russian Circles + Cloakroom @ Strom

Das Konzert wurde so perfekt von Gerhard in Worte gefasst, dem habe ich nix hinzuzufügen. Wundere mich bloß noch immer, wie er es geschafft hat an mir vorbeizuschlüpfen im Strom. Nächstes Mal klappt das wieder mit dem Treffen beim Konzert hoffe ich 🙂

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KULTURFORUM

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Den intensiven Konzertabend zum lauten Wochenend-Abgesang am vergangenen Sonntagabend im Münchner Strom eröffnete das US-Trio Cloakroom aus Northwest/Indiana, die Band um den klagenden Sänger und Gitarristen Doyle Martin stieß im vollen Saal des Indie-Clubs auf die offenen Ohren der dankbaren Abnehmer und wusste das zugewandte Publikum in der halben Stunde ihres vehementen Auftritts zu überzeugen mit ihrem Konglomerat aus schwergewichtigem Alternative Rock/Post-Core, Grunge, gedehnt-ätherischen Psychedelic-Elementen und einer hinsichtlich Härte bereichernden Prise Space-Rock-Abgedrehtheit, versehen mit einem treibenden, schnörkellosen Rhythmusgerüst durch die Herren Brian Busch und Bobby Marcos an Drums und Bass.
Die Band ist seit 2013 aktiv und hat nach einer Handvoll Singles Anfang 2015 den Debüt-Longplayer „Further Out“ via Run For Cover Records veröffentlicht, die Entwicklung der Band darf getrost mit Interesse weiterverfolgt werden.
(**** – **** ½)

Für schwerste Begeisterung sorgten die Headliner von Russian Circles mit ihrem Auftritt beim fachkundigen Postmetal/Postrock-Publikum, das Trio aus Chicago glänzte wie zuletzt…

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