Women in Science (27) Elizabeth Kolbert

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Die Umweltjournalistin Elizabeth Kolbert erhielt 2015 für ihr Buch „Das sechste Sterben“ den Pulitzerpreis für Non-Fiction.

Falls ihr auf der Suche nach einer richtig guten Horrorgeschichte seid, die euch garantiert den Schlaf rauben wird, dann seid ihr hier richtet. Dieses Buch zeigt den völlig erbarmungslosesten, erfindungsreichsten und erfolgreichsten Serienkiller, über den je geschrieben wurde. Die Zahl seiner Opfer steigt exponentiell und sein Appetit ist leider noch lange nicht gestillt. Der Bösewicht ist im Grunde genommen jeder von uns, die wir auf diesem wunderbaren Planeten leben.

Seit seinem Erscheinen vor etwa 200 000 Jahren hat der Homo sapiens seine Umwelt verändert: Anfangs kaum spürbar,  seit der neolithischen Revolution vor gut 12 000 Jahren deutlich stärker und seit Beginn der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts radikal. Heute ist sein Einfluss auf die Natur und das globale Ökosystem so tiefgreifend, dass der niederländische Meteorologe Paul Crutzen vorschlug, den jetzigen Abschnitt der Erdgeschichte, bislang als Holozän bezeichnet, in „Anthropozän“ umzubenennen.

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Die fünf großen Massensterben im Laufe der Geschichte sind durch verschiedene, vom Menschen unabhängige Phänomene verursacht worden, etwa Eiszeiten oder Meteoriteneinschläge. Doch das derzeit ablaufende sechste Massensterben liegt allein in unserer Verantwortung, wie das Buch überzeugend darlegt.

Bei der Vernichtung des amerikanischen Mastodon, dem Riesenalk, den Neanderthalern und auch des Panamanischen goldenen Frosches, der hawaiianischen Krähe, dem Sumatra Nashorn und diversen Fledermaus-Arten wird eines ganz klar deutlich: fast immer starben diese Arten aus, als der Mensch begann, die Umwelt zu betreten.

Auch wenn das Thema eher entmutigend ist, Kolbert schreibt mit trockenem Galgenhumor, der für mich immer dann auftrat, wenn die Dinge allzu deprimierend zu werden drohten. Das Buch ist recht naturwissenschaftlich, aber dennoch zugänglich geschrieben, ohne je nach Lehrbuch zu klingen.

Interessant fand ich die Kapitel am Anfang, wo sie über Wissenschaftler wie Cuvier, Lyell oder Darwin schreibt, die mit die ersten waren, die Mutmaßungen anstellten mit Blick auf Aussterben und Evolution. Mir war nicht klar, dass das Aussterben von Rassen eine relativ neue Idee ist. Lange Zeit nahmen Wissenschaftler an, dass nichts aussterben konnte und erst mit der Entdeckung der Fossilien begann sich diese Auffassung zu ändern.

Faszinierend fand ich auch die Idee eines neuen Pangea. Das die Leichtigkeit, mit der wir zwischen Ländern und Kontinenten hin- und herreisen, im Grunde genommen einem wieder entstandenen Pangea gleicht und das wir teils wissentlich, teils unwissentlich fremde Tier- oder Pflanzenspezies in neue Umgebungen mitnehmen, die die Balance zwischen Jäger und Gejagtem immens durcheinander bringen können – mit teilweise desaströsen Konsequenzen.

Kolbert schafft es, all das klar, unterhaltsam, aber auch durchaus erschreckend zu transportieren. Zum Ende hin wurde ich etwas müde und im Grunde kann man die letzten Kapitel einfach so zusammenfassen: Menschen sind scheiße.

Das elaboriert zu lesen, die unwiderlegbaren Beweise vorgelegt zu bekommen und selbst aber auch mit Schuld zu sein, zieht einen doch ziemlich runter. Aber wahrscheinlich benötigen wir diese Art von runter ziehen ganz dringend, denn die Menschheit muss lernen und erkennen, was wir der Umwelt antun.

Man kann den Generationen vor uns nur begrenzt einen Vorwurf machen, teilweise wussten sie einfach nicht, was sie da taten und sind wahrscheinlich wirklich davon überzeugt gewesen, dass es egal ist wie viele Mastodons man jagt und isst, es werden immer wieder welche nachkommen. Aber diese ignoranten Tage liegen jetzt hinter uns. Wir wissen es besser, also müssen wir es auch besser machen.

Kolbert zitiert am Ende eine Wissenschaftlerin mit den Worten, „solange wir weiter forschen, wird die Menschheit überleben“, womit sie suggeriert, wir werden uns aus der bestehenden dramatischen Situation schon irgendwie „herauszutechnologisieren“. Das aber wird mit Sicherheit nicht eintreten. Nur ein radikaler Wandel unseres ökonomischen und ökologischen Handelns kann das Schlimmste verhindern.

Die Menschheit ist definitiv deutlich weniger schlau als sie allgemein so von sich annimmt.

Unbedingte Lese-Empfehlung, auch wenn das nicht wirklich ein Vergnügen ist.

Women in Science (26) Janna Levin

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Janna Levin ist Professorin für Physik und Astronomie am Barnard College der Columbia Universität. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung hauptsächlich mit dem frühen Universum, mit der Chaos-Theorie und Schwarzen Löchern.

Schwarze Löcher sind dunkel, das ist mehr oder weniger ihre Essenz. Wenn schwarze Löcher miteinander kollidieren, passiert das in kompletter Dunkelheit. Doch wenn diese miteinander kollidieren, ist das ein Ereignis, das mehr Kraft freisetzt, als alles seit der Geburt unseres Universums. Der Überschuss an Energie der dabei entsteht, zeigt sich in der Form von Raumzeit: als Gravitationswellen.

Alles, was wir bisher über unser Universum wissen, kommt daher, dass wir seit Jahrtausenden den Himmel beobachten, erst mit unseren Augen, später mit immer besser werdenden Teleskopen. Neben der Erforschung über das Auge kommt jetzt die Erforschung des Alls über die Ohren hinzu. Die Entdeckung der Gravitationswellen ist eine der wichtigsten Entdeckungen in der gesamten Geschichte der Physik.

„Astronomy promises a score to accompany the silent movie humanity has compiled of the history of the universe from still images of the sky, a series of frozen snapshots captured over the past four hundred years since Galileo first pointed a crude telescope at the Sun.”

Gravitationswellen konnten bisher noch von keinem Teleskop aufgenommen werden, der einzige Hinweis auf ihre Existenz ist das Klingen der Raumzeit. Einstein sagte 1916 die Existenz von Gravitationswellen voraus und es war seine größte Priorität sie nachzuweisen, da sie seine Theorie der gekrümmten Raumzeit beweisen würden.

Ein Jahrhundert später gibt es Aufnahmen von den ersten Klängen aus dem Universum, sozusagen der Soundtrack, der den Stummfilm der Astronomie begleitet.

In „Black Holes and Other Songs from Outer Space“ gibt Janna Levin die faszinierende Geschichte der besessenen Suche der Wissenschaftler wieder, die sich auf die mehr als 50 Jahre dauernde Jagd nach den schwer fassbaren Wellen machten. Es war anfangs nur ein ambitioniertes Gedankenexperiment, das zu einer fixen Idee wurde für die Astronomen Rai Weiss, Kip Thorne und Ron Drever. Um ihre wilde Idee umzusetzen, sammelten sie im Laufe der Zeit ein internationales Team von über Hundert Wissenschaftlern und Technikern um sich.

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Das Herz der Geschichte liegt für Levin nicht so sehr in der Astronomie, sondern in den Wissenschaftlern, in ihrem Background, ihrer Art zu denken, ihre Arbeitsumgebung und wie sie mit anderen zusammenarbeiten. Sie schafft damit einen sehr faszinierenden, fast schon psychologischen Bericht des astronomischen Wissenschaftsbetriebs nach dem zweiten Weltkrieg.

Die Tatsache, dass man große astronomische Events wie die Kollision zweier Galaxien hören kann, war fast genau 100 Jahre lang das Hauptthema der theoretischen Physik, bis Ende 2015 dann zum ersten Mal eine offizielle Aufnahme im LIGO gelang. LIGO ist die Abkürzung für Laser Interferometer Gravitational Wave Observatory. Man kann sich vorstellen, dass solche riesigen Projekte eine ganze Menge Drama erzeugen.

Levins Buch hat mir noch einmal mehr verdeutlicht, wie sehr auch die Wissenschaft von Ellbogen- und Haifischmentalität bestimmt ist und auch, dass man sich eigentlich immer darüber klar sein sollte, dass wenn man an dem Nachweis einer bahnbrechenden Theorie arbeitet, man das in der Regel nicht alleine tut. Irgendwo auf der Welt wird jemand an genau dem gleichen Nachweis arbeiten und eigentlich hoffen, dass das Labor der Konkurrenz in Flammen aufgeht und man selbst in Ruhe den Preis einheimsen kann.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Jana Levin sich bei einigen nicht gerade beliebt gemacht hat, als sie auch über die ganzen unschönen Konflikte am LIGO geschrieben hat.

Aber abgesehen von pikantem Wissenschaftstratsch ist das Buch voll spannender Informationen zum Thema Gravitationswellen, es ist in einer sehr zugänglichen Sprache geschrieben und es liest sich teilweise wie eine Soap Opera mit seinen Abteilungsstreitereien, den politischen Winkelzügen, den schwierigen Persönlichkeiten oder wenn es wieder einmal so aussah, als würde es keine Finanzierung mehr geben.

Ich finde es nach wie vor sehr beeindruckend, dass Levin das Buch schrieb, bevor die Gravitationswellen tatsächlich entdeckt wurde. Sie startete das Buch also weniger als Beschreibung eines Triumphes, als über den mühseligen Aufstieg, während der Gipfel noch unerreicht in nebeliger weiter Ferne liegt. Das macht das Ganze noch einmal mehr zu einem bedeutenden Zeugnis, wozu der menschliche Geist fähig ist, wie hartnäckig der Mensch sein kann und warum es immer wieder Menschen gibt, die ihr gesamtes Leben einer Sache widmen, von der sie weder sicher sein können, dass sie jemals oder zumindest zu ihren Lebzeiten erfolgreich sein wird und die für diese Sache gegen unglaubliche Widerstände und Rückschläge kämpfen.

Wer das Buch liest weiß, dass sich die nervenaufreibende hoffnungsvolle, oft enttäuschende Suche gelohnt hat. Aber während des Lesens erlebt man deutlich die Unsicherheit, ob es wirklich gelingen wird, Gravitationswellen zu finden, oder ob man nach dem heiligen Gral sucht? Die Suche war riskant, kontrovers und aus technologischer Sicht eigentlich unmöglich.

Scientists are like those levers or knobs or those boulders helpfully screwed into a climbing wall. Like the wall is some cemented material made by mixing knowledge, which is a purely human construct, with reality, which we can only access through the filter of our minds. There’s an important pursuit of objectivity in science and nature and mathematics, but still the only way up the wall is through the individual people, and they come in specifics… So the climb is personal, a truly human endeavor, and the real expedition pixelates into individuals, not Platonic forms.

Als Laie braucht man keine Angst vor dem Buch zu haben, es gibt keine Formeln oder umständlichen physikalischen Erläuterungen, nur das Thema an sich – die Gravitationswellen – sind per se nicht ganz einfach zu verstehen und klingen irgendwie nach Star Trek.

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Foto: Guardian

Das Buch ist leider bisher noch nicht auf deutsch erschienen.

Women in Science (25) Digitale Ethik – Sarah Spiekermann

Digitale Ethik

Ich freue mich sehr die Women in Science Reihe mit einem so großartigen Beitrag, von Wiederholungstäterin Claudia vom wunderbaren Blog „Das graue Sofa„, fortführen zu dürfen. Mir liegt die Reihe sehr am Herzen, wer also ebenfalls Lust hat mit einem Gastbeitrag in dieser Reihe weitere interessante Frauen aus der Wissenschaft vorzustellen, meldet euch gerne. Jetzt aber geht es hier mit einem Thema weiter, mit ich mich bislang noch viel zu wenig beschäftigt habe:

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertsystem für das 21. Jahrhundert

In ihren Seminaren zum Thema Innovationsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien stellt Sarah Spiekermann ihre Studierenden vor die Aufgabe, eine Produkt-Roadmap für den fiktiven Lieferdienst FoodIS, dessen Geschäftsmodell an denen von Foodora und Deliveroo angelehnt ist, zu erstellen. Hier setzen die Studierenden um, was sie gelernt haben, wenn sie die technischen Raffinessen eines selbstlernenden, eines intelligenten Systems mit Blick auf die verschiedenen Nutzer – die Kunden, die Restaurants und Fahrradkuriere, den Betreiber der App – erarbeiten und darlegen. Sie denken daran, dass die Handy-App den Kurieren immer den schnellsten Weg weist, über ihre Ortung aber auch erkannt werden kann, wie lange sie Pausen machen. Sie wollen eine App entwickeln, die Aufträge mit einer nach einem Menschen klingenden Stimme weitergibt und sie so bearbeitet und bündelt, dass eine hohe Effizienz entsteht. Und weil sie im Seminar von Sarah Spiekermann sitzen, denken die Studenten auch daran, Werte wie Datensicherheit und Privatheit mit einzubinden.

Aber, so erklärt die Autorin, die Studierenden überlegen nicht eine Sekunde, ob solch eine App überhaupt nötig ist. Ob Digitalisierung wirklich immer sofort eine bessere Lösung erzielt, „weil technische Entwicklungen schlichtweg die Zukunft sind“. Und sie denken überhaupt gar nicht – und das haben eigene Erfahrungen mit einer ähnlichen Aufgabenstellung gezeigt – darüber nach, welche Folgen diese digitalen Leistungen haben, wiederum für die Kunden, die Fahrradkuriere, die Mitarbeiter der App, wenn sie nämlich zu Services ohne Wert, ja, ohne Herz werden.

Mit ihrem Fallbeispiel zielt Sarah Spiekermann ins Herz einer Debatte, die sie in ihrem Buch vor allem mit Blick auf die technische Entwicklung führt  – die aber ebenso für unser Wirtschaftsgeschehen insgesamt geführt werden sollte. Indem sie mit ihren Studenten zu einem gedanklichen Ausflug in die Welt der Philosophie startet, indem sie mit ihnen die Frage vom „guten Handeln“ auslotet und Einblicke in die Diskussion um Werte gewährt, ermöglicht sie ihren Studenten einen anderen Blick auf die ursprüngliche Aufgabenstellung. Die dann, in einem zweiten Durchgang, sehr viel mehr kreatives Potenzial und entsprechend auch mehr Lösungsvorschläge für die Konzeption einer Liefer-App einbringen: „Was jedoch eine solche kurze Einführung in die Ethik zu kreativen und menschenfreundlichen Ideen für den Innovationsprozess bewirken kann, hat selbst mich überrascht.“

So ist es Sarah Spiekermanns erklärtes Ziel, den digitalen Entwicklungsprozess, der ja unausweichlich sein wird, durch eine werteorientiertes Debatte zu begleiten. Nicht, wie sie schreibt, um den Unternehmen ein „ethisches Feigenblatt“ zu gewähren, nicht, um ihnen zu zeigen, wie sie „noch mehr Geld mit der Digitalisierung machen können“, sondern um „besser und weiser“ diese Entwicklungen zu steuern: „Meine Zielfunktion ist also nicht das Geld. Meine Zielfunktion ist ein gutes Leben, die Eudaimonia, bei der das Geld nur eine Randbedingung ist.“

Dass sich mit dieser Haltung, nämlich werthaltige (digitale) Produkte zu erstellen und anzubieten, durchaus auch Geld verdienen lässt, hat schon Michael Porter 1980 mit seinem Modell zur Wettbewerbsstrategie und der Strategie der Qualitätsführerschaft, herausgestellt.

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Sarah Spiekermann hat das „digitale Fieber“ 1996 gepackt, als sie – mehr aus Zufall – einen Praktikumsplatz bei 3com im Silicon-Valley antrat. 3com galt damals als Marktführer von Netzwerktechnologien, war mit seinen Produkten einer der Pioniere beim Aufbau der ersten Datenautobahnen. Sie verstand erst nicht, was die blinken Plastikplatten ermöglichten, doch dann holte sie nach, was die Welt der IT ausmacht. Und blieb auch nach dem Studium voller Begeisterung und Enthusiasmus in der IT-Welt, promovierte in diesem Bereich auch. Doch dann kam der 11.9.2001, den sie als Wendepunkt in ihrem Blick auf die Entwicklung des Internets betrachtet. Ihr schwirrten Ideen durch den Kopf, wie Künstliche Intelligenz geschaffen werden könnte, wie KI die Menschen tagtäglich unterstützen, wie die Kommunikation und der Umgang mit ihr gestaltet werden könnte. Ihr Stipendium für ein Forschungsjahr in Berkeley wurde nicht genehmigt, weil ihre Forschungsfrage plötzlich obsolet war. Sie wollte darüber forschen, wie der Wert der digitalen Privatheit zu erreichen sei, wenn KI zu unseren alltäglichen Begleiter wird. Tatsächlich aber zeigte sich nach den Anschlägen in New York, dass das Internet genutzt wurde, um die Täter zu identifizieren. Die amerikanische Regierung gründete das Department of Homeland Security und brachte fast über Nacht den Patriot Act durch das Parlament. Nun konnten die Behörden ihren Bürgern auch ohne richterlichen Beschluss auf ihren digitalen Spuren im Internet folgen: „Der Wert der Privatheit schien durch die Ereignisse des 11. September erloschen.“

Seit dieser Zeit wohl treibt Sarah Spiekermann die Frage nach einem Konzept von digitaler Ethik um. Um die gesellschaftlichen Folgen der einen oder anderen Fehlentwicklung im Umgang mit Daten analysieren und auch die Konzeption von Programmen kritisch auszuloten arbeitet und forscht Sarah Spiekermann derzeit am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre fachlichen Kenntnisse der Informatik kann sie nun ergänzen durch ihre Suche nach philosophischen Fragestellungen und Denkansätzen, die zu einem anderen Verständnis des Einsatzes der Technik führen können.

Diesem zweifachen Ansatz folgt sie auch in ihrem Buch zur digitalen Ethik. Indem sie nämlich zunächst einmal die verschiedenen Besonderheiten der digitalen Güter beschreibt und analysiert. Hier spricht sie von der „Big-Data-Illusion“, weil die komplexe reale Welt eben auch durch die beste Datenanalyse nicht abgebildet werden könne. Hier weist sie auf die „Fehleranfälligkeit des Digitalen“ hin, weil der Code Fehler hat und für Fehleranalysen oft keine Zeit bleibt, weil der Code nicht über genügend Daten verfügt – oder sich schlicht ein Hacker seiner bemächtigt hat. Hier setzt sie sich damit auseinander, wie schnell wir uns in die digitalen Welten „verstricken“ lassen und durch die Aufmerksamkeit, die wir eher unseren digitalen Geräten und den darauf eingehenden Push-Nachrichten schenken zu „seichten“ Persönlichkeiten werden können. Mit der Forderung nach einer besonders ausgeprägten Bildung im Umgang mit der Technik versucht sie, Fehlentwicklungen einzuhegen.

Forscht sie einmal den Charakteristika des Digitalen im Detail nach, so weitet sie im nächsten Kapitel den Blick und betrachtet die Geschichte des Fortschrittsdenkens über die letzten 900 Jahre. Lange galt das „klassische“ Streben nach dem „persönlichen Fortschritt“ als Ideal der menschlichen Entwicklung, die Suche nach einem kultivierten Leben, die Suche nach dem Glück, die „Sorge um sich“. Erst im Hochmittelalter änderte sich diese Sicht langsam, festzumachen am Begriff des „Fortschreitens“, den Albertus Magnus (1200 – 1280) erstmals nutzte, als er davon sprach, dass wir nach Weisheit streben und uns dabei von dem, was bereits bekannt oder erfunden ist „fortschreiten“.

Dass das Neue gerne als das Bessere angesehen wird, das weist Spiekermann nach in den Schriften der Philosophen, Erfinder und Wissenschaftler der kommenden Jahrhunderte, in der immer deutlicher werdenden wissenschaftlichen Entwicklung weg von der Philosophie hin zu Mathematik und Naturwissenschaften und damit zu einem Denken in Modellen. Ja, bis hin zu der Vorstellung, dass sich die Zukunft prognostizieren lasse, wenn man nur die Vergangenheit kenne (Condorcet, 1793). Damit sind wir bei den heute gängigen Prognose- und Wachstumsmodellen, die sich durch die Vielzahl der jetzt vorliegenden Daten und Algorithmen noch viel schneller, einfacher und vermeintlich besser berechnen lassen. Dass das eben nicht klappt, dass sich daraus geradezu erschreckende Fehlentscheidungen ergeben können, das weist Spiekermann an der seit sieben Jahren plötzlich, unerwartet und überhaupt nicht prognostizierten Steigerung der Geburtenzahlen nach – und den daraus folgenden fehlenden Kita-Plätzen und Schulangeboten. Trotzdem: Die Idee, dass das Neue immer besser ist als das Alte und dass die neue Technik so viel zu leisten vermag als der Mensch, das ist in unserem Denken fest verankert. Und führt, zumindest bei denjenigen, die dieser Idee anhängen, den Transhumanisten, dazu, den Menschen als durch Maschinen zu optimierendes Wesen anzusehen.

Dem stellt Spiekermann ihren Ansatz der digitalen Ethik entgegen und fordert alle Beteiligten dazu auf, Werte zu leben. Die „Kunst des Weglassens“ könnte zum Beispiel eingesetzt werden, um den Wert der Gesundheit zu stärken. Dann nämlich, wenn gesammelte Gesundheitsdaten nicht weiter verkauft werden, sondern alleine der wissenschaftlichen Forschung dienen. In dieser Form setzt sich die Autorin mit weiteren Werten auseinander, mit den Werten des Wissens und der Freiheit. Gerade bei diesen Argumentationen in den abschließenden Kapiteln macht Sarah Spiekermann deutlich, welche Chancen in der Digitalisierung liegen, wenn ihre Nutzung werteorientiert ist und der Mensch zum Zielpunkt ihres Einsatzes wird.

Vermutlich werden die digitalen Güter, die Werte beinhalten, einen höheren Preis haben, als diejenigen, die Privatheit und Freiheit beispielsweise nicht berücksichtigen, so dass Werte eben nur den Nutzern zugänglich sein werden, die sie sich leisten können. Vielleicht erscheint die eine oder andere Forderung Spiekermanns auch unrealistisch, wenn sie vom „Willen zum Guten spricht“, vom „guten Leben“, von der gelungenen Lebensführung. Und fordert, dass Werte eben nicht durch „finanzielle Anreize“ eingeschränkt werden dürfen. Welche Anbieter werden sich an diese hehren Ziele halten? Welche werden tatsächlich werthaltige digitale Dienste für alle anbieten und ihr Angebot nicht nach Preisen differenzieren? Trotzdem: „Digitale Ethik“ ist ein ungemein anregendes und vielschichtiges – und nebenbei auch noch gut verständlich geschriebenes – Buch darüber, wie das Verhältnis von Mensch und IT in Zukunft sein könnte. Ein Buch, das die losen wissenschaftlichen Fäden vom technischen Fortschritt und von den Werten wieder zusammenbringt.

Sarah Spiekermann (2019): Digitale Ethik. Das Wertesystem für das 21. Jahrhundert, München, Droemer/Knaur

Wer mag, kann sich hier (https://sarahspiekermann.com/) und hier (https://www.wu.ac.at/ec/team/sarah-spiekermann) über die Autorin informieren und sie in Videos auch als Sprecherin bei Konferenzen sehen.

Book-a-Day-Challenge Day 18

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Especially in times of the pursuance and killing of people of a different faith or of different ideas by fanatic Islamists on the one side and equally fanatic fascists on the other side Voltaire’s text is more important than ever.

No philosopher has fought for this ideal more than the French Enlightenment thinker Voltaire. His treatise “Über die Toleranz” is a timeless document that shows how important religious moderation is. It is a plea for humility against megalomania, and for humanity against dogmatism. Wherever religious fanaticism occurs Voltaire is having none of it:

„Mensch, du erhebst dich über Gott, wo du andere Menschen aufgrund ihres Glaubens richtest.“

Unfortunately he does not speak about non-religious fundamentalism which is based on class, race or a nation at all in his treatise and that certainly is a major shortcoming from the vantage point of the present.

Voltaire’s text is a reaction to the religiously motivated judicial murder of the Protestant merchant Johann Calas. Voltaire, who was mainly known in well-educated parts of society before he published this treatise, became very popular with the masses with his text. His text is not – as some people assumed – an attack on or a plan to abolish Catholicism (even though he seems to have a slight preference for eastern philosophies) his interest lies in a tolerant, enlightened spirituality.

His text was the main reason that Johann Calas was posthumously rehabilitated and the legal scandal publicly denounced. Voltaire continued the tolerance discourse of the Enlightenment which was amongst others triggered by John Locke.

Which philosophical texts would you recommend?

Check out Hannah Arendt’s “Die Freiheit frei zu sein“, Steven Pinker’s „Enlightenment Now“ and Manfred Geier’s „Aufklärung – Das europäische Projekt

 

Book-a-day-Challenge Day 14

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Another gem of the „Naturkunden“ series by Matthes & Seitz Verlag. At some stage I think I really want them all. I was never particularly interested in snails but that certainly changed after reading this funny, insightful and beautiful little book.

There is so much more to these fascinating creatures than their chalky little shells would make you believe. So let’s get closer to  dsiscover the creature that is hidden most of the time and let’s carefully open up the entrance so we can carefully and slowly ever so slowly sneak into the entwined coils to have a proper look.

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We admire the snail for its beautiful spiral shell, we laugh about their slow method of locomotion are disgusted by their slimy body but enjoy eating them with garlic butter. We have a highly ambivalent relationship to the snail so it was high time to get closer to it and better understand this highly fascinating creature.

Florian Werner takes up it’s trail from an cultural-historical point. He visits the World Snail Racing Competion in England, an eco snail farm in France and he explains the virtuosity of snail sex. He is not only checking out the outstanding position the snail had in the history of Architectur or movies he also looks into their participation in founding the financial system and brass music.

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Maybe the tenacity and persistance of the snail is the perfect antidote for our hectic and restless times.

You can really tell that Judith Schalansky has a hand in this series and I highly recommend to check out her books for example her beautiful and interesting „Verzeichnis einiger Verluste“ or her „Atlas der abgelegenen Inseln“ that I introduced here a few days ago.

Can’t wait to read another one from this series, I am quite keen on „Korallen“ and have high hopes to read one about the „Octopus“ or about „Jellyfish“ pretty soon.

Have you read any of the titles? Which one would you recommend?

Book-a-Day-Challenge Day 13

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Diesen Roman hatte mir meine sehr belesene Chefin schon vor Ewigkeiten empfohlen und ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum es derart lange gedauert hat, bis ich ihn endlich in Angriff nahm.

Die Anthropologin Margaret Mead stand Patin für diesen Roman, der auf ihren Erlebnissen am Sepik Fluß in Neu Guinea basiert, wo sie mit ihrem Ehemann Reo Fortune und dem britischen Anthropologen Gregory Bateson, der später ihr zweiter Ehemann wurde, die Eingeborenenstämme untersuchte. Die Geschichte selbst ist allerdings von der Autorin frei erfunden, auch die im Roman genannten Stämme. Dieser Roman vermischt ganz meisterhaft genaue Recherche, Phantasie, Leidenschaft, Zurückhaltung und Abenteuer zu einem grandiosen Leseerlebnis.

Schon in den ersten Absätzen schwingt eine gewisse leise Bedrohung in diesem fast klassisch anmutenden Abenteuerroman. In den frühen 1930er Jahren fliehen Nell Stone, eine amerikanische Anthropologin und ihr australischer Ehemann Fen vor dem aggressiven Mumbanyo Stamm. Die Mumbanyo werfen ihnen etwas hinterher, doch Nell kann nicht erkennen, was es ist, da Fen in einem Wutanfall Nells Brille zerbrochen hat und sein hingeworfenes „wieder ein totes Baby“ ist unglaublich herzlos, wenn man später erfährt, wie sehr Nell unter ihren Fehlgeburten und etwaiger Unfruchtbarkeit leidet.

Keine glückliche Ehe, die die beiden führen.  Beide sind begabte Anthropologen, doch Nell ist die deutlich erfolgreichere, die die den Ruhm und das Geld nach Hause bringt und das nagt immens an Fen. Sie beschließen, Neu Guinea zu verlassen und in Australien die Aborigines zu studieren, als sie auf Andrew Bankson treffen, einen Engländer, der ebenfalls seit Jahren als Anthropologe am Sepik Fluß lebt und den Kiona Stamm untersucht.

Bankson ist durch den Tod seiner Brüder, seiner ihn erdrückenden Mutter und vor Einsamkeit am Rande des Selbstmords, als er das Ehepaar trifft und er versucht alles, um sie an „seinem“ Fluß zu halten und verspricht zu helfen, einen spannenden Stamm zu finden, den sie erforschen können. Sie geben Bankson eine Chance, er findet den Tam Stamm für sie und sie lassen sich dort nieder und beginnen mit ihrer Arbeit. Hatten sie anfangs noch Sorge vor einem Konkurrenzkampf mit einem anderen Anthropologen ,werden die drei innerhalb kürzester Zeit zu einer intellektuellen Menage a trois.

Die Erzählung ist aus Bankson’s Sicht geschrieben, Nells in der dritten Person. Die wechselnden Stimmen, Zeitsprünge und Rückblicke erhöhen die Spannung und Bankson deutet immer mal wieder an, dass etwas schlimmes passiert ist, aber die Autorin offenbart immer nur gerade soviel, dass man das Buch nicht weglegen kann und man in dieser schwül-fiebrigen Atmosphäre festhängt, bis man zu spät zur Arbeit kommt, weil man nachts viel zu lange gelesen hat.

Die drei Anthropologen entwickeln ein ziemlich geniales Koordinatensystem, in dem sie sämtliche menschlichen Kulturen einsortieren, sind aber komplett unfähig, ihre eigenen Emotionen zu verstehen.

Lily King beschreibt geradezu genial, wie die drei westlichen Forscher mit einer ihrer Unwissenheit geschuldeten Arroganz die Rolle der Wissenschaftler einnehmen und ihre Versuchsobjekte unter die Lupe nehmen. Die Anthropologie ist zu der Zeit eine noch neue Wissenschaft, die sich noch beweisen muss und die drei sind ganz scharf darauf, große Entdeckungen zu machen und sich in ihrem Forschungsgebiet einen Namen zu machen.

Lily King hatte wohl Unmengen an Recherchematerial zusammengetragen, sie hätte locker einen Riesenwälzer füllen können, stattdessen hat sie ein perfektes kleines Buch geschrieben, vielleicht gerade aufgrund dieser Zurückhaltung. Sie hat ein exzellentes Buch geschrieben, das in meinen Augen das weibliche Pendant zu Conrads „Heart of Darkness“ ist.

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One of the most beautiful books I own but then all of Judith Schalanky’s books are incredibly well made and astoningishly  beautiful.

Like the author I loved world atlases and globes as a kid (and still do) and constantly travelled the world flicking through or spinning them whilst lying on the living room floor.

Schalansky grew up in East Germany during the late 80’s and early 90’s, so her atlases were filled with a world that was unavailable to most East German citizens. She went on imaginary trips like probably many of us. When the wall fell,  she was faced with infinite possibilities to travel to these strange lands that had filled her imagination.

Judith Schalansky has produced a wonderful atlas that combines everything that us atlas-nerds love in maps combined with history and interesting stories. I’m also a sucker for good introductions, something I miss too often in German books. Her introduction really gets you into the mood and then we are treated to a multitude of islands arranged by ocean.

Each island has two pages dedicated to it, the right hand page a map at the 1:125000 scale and the left hand page shows the nearest other land and a timeline of discovery and significant events that happened on or around the island.

The stories are really interesting and range from whale hunting, Robinson Crusoes, idyllic atolls, atomic bombs, murder and Penguins to cannibalism.

It is amazing to know that there are still places on earth that are unknown. Visually stunning and perfectly designed, this wondrous book is the perfect gift for yourself or any fellow armchair-traveller that whizzes you off to the far ends of the world in no time.

And I nearly forgot to mention – I have been to one of the Islands in real life *looking very proud“ I visited St. Kilda’s some years ago a tiny island off the Outer Hebrides that had a tiny post office because they have their own stamps. I’m still looking everywhere for them now, I hope I still have my St. Kilda stamps somewhere. You could walk around this little place in no time, it’s always windy and the air tastes of salt. Would love to go back and maybe stay a night or two…

Check out Judith Schalansky’s other books „Der Hals der Giraffe“ and „Verzeichnis einiger Verluste“ and make sure you come by here again when I introduce another beautiful book of maps to you: The atlas of literature – coming soon 🙂