Prag by the Book

Nach der Buchmesse in Leipzig verschlug es mich direkt im Anschluss auf eine Konferenz nach Prag. Meine Teilnahme an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Women in Telco“ war der Hauptgrund dieser Reise, die Diskusison war leider ziemlich schwach, aus verschiedensten Gründen. Immerhin ergab sich noch ein sehr interessantes Abendessen mit einer der Teilnehmerinnen.

Da es im Anschluss nach Berlin zur „New Work Experience“ gehen sollte, genehmigte ich mir einen Tag Urlaub dazwischen, denn das Hin- und Her wäre ziemlich unsinnig. Den Tag nutzte ich dann ausgiebig um Prag zu entdecken und natürlich bin ich nicht ohne Kafka im Gepäck verreist.

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Die Stadt zeigte sich von seiner sonnigsten Seite. Bier war tatsächlich allgegenwärtig und das tschechische Bier ist meines Erachtens tatsächlich eines der besten der Welt. Kein Wunder, dass die Tschechen mehr Bier pro Kopf pro Jahr trinken, als jede andere Nation. Ich mochte insbesondere das Staropramen, die fleischlastige tschechische Küche fand ich allerdings heftig. Als Vegetarier biste da innerhalb von ein paar Tagen tot glaube ich 😉

Ich habe unglaublich freundliche Menschen getroffen, der Satz „I’ve always relied on the kindness of strangers“ hat sich hier absolut bewahrheitet, ich fühlte mich enorm sicher in Prag und bin zum Glück auch vor Taschendieben verschont geblieben, vor denen mich etliche Menschen gewarnt hatten.

Kafkas „Schloss“ war die perfekte Reiselektüre für diesen Trip und ich kann das kleine Kafka-Museum in der Cihelna sehr empfehlen. Dunkel und atmosphärisch schafft es die Ausstellung die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Kafkas Werken zu beleuchten. Mir gefiel es sehr, war aber auch froh im Anschluss wieder in der Sonne zu sein, man fühlte sich schon recht beklommen da drin.

Prag ist in 10 Distrikte aufgeteilt, die über drei Metro-Linien und ein sagenhaft effizientes Tram-System miteinander verbunden sind. Das jüdische Viertel „Josephstadt“ ist eines der spannendsten Ecken der Stadt mit seinem alten jüdischen Friedhof, dem Golem-Museum und den Synagogen.

Natürlich kann man auch nicht wirklich in Prag gewesen sein ohne über die weltberühmte 0,5km lange Karlsbrücke gelaufen zu sein, mit den 16 Heiligenfiguren. Die Brücke ist im Dunkeln oder im Nebel am mysteriösesten und schönsten finde ich.

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Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch. Auch literarisch gibt es noch eine Menge zu entdecken neben Kafka und Kundera. Welche Reiselektüre hättet ihr eingepackt?

 Ahoi Prag – Ahoi Kafka ! Zatím!

Israel – By the Book Part II

Alle einsteigen und anschnallen, es geht mit dem Bus nach Jerusalem. Knapp 1 Stunde braucht man auf der Autobahn und fährt dabei durch das Jordan Valley an vielen geschichtsträchtigen Orten vorbei. Da wir uns das Auto fahren in Jerusalem schenken wollten, begaben wir uns für diesen Trip auf einen geführten Ausflug und waren mit 10 Leuten etwa ein international bunt gemischte Truppe, die an diesem kühlen Morgen Jerusalem erkundete.

Wahrscheinlich ist es nicht überraschend, dass Jerusalem das Ziel schlechthin für religiöse Touristen ist, trotzdem war ich nicht drauf vorbereitet. In Deutschland sind mir selbst in Bayern selten sehr gläubige Menschen gegegnet, die deutschen Touristen die mit uns unterwegs waren fielen mit ihren riesigen Kreuzen, die sie um den Hals trugen, definitv in diese Kategorie.

Der erste und zum Glück einzige kommerzielle Stop der Tour brachte uns auf dem Ölberg in ein biblisches Devotionaliengeschäft, in dem man bei christlichen Arabern alles bekommen konnte, was das religiöse Herz begehrt. Kreuze, Krippen, Rosenkränze, Öle in allen Ausführungen und Preisklassen – erstaunt musste ich feststellen, das wir die einzigen in der Gruppe waren, die nichts einkauften. Die anderen ließen da richtige Summen springen.

Die Altstadt von Jerusalem ist aufgeteilt in vier Bezirke: das jüdische, das armenische, das arabische und das christliche Viertel und die engen Gassen voller Menschen, Geschäfte, Stimmengewirr und Gerüche vermitteln ein Gefühl aus einer Mischung von 1001 Nacht und Indiana Jones.

Bei der Führung durch die diversen Kirchen fühlte ich mich glaube ich wie die Bingereader-Gattin in Hogwarts im Universal Picture Park in Japan als nahezu einzige, die Harry Potter nicht gelesen hatte. Ich kenne und interessiere mich für die Historie, bin allerdings so gar nicht bibelfest und konnte mit den meisten Namen und Begriffen nur wenig verbinden. Die Pilger, die sich zum Beispiel in der Erlöserkirche auf den Boden warfen, um den Boden zu küssen, den angeblichen Abdruck von Jesus Hand in der Via Dolorosa küssten oder stundenlang anstanden, um sich das Grab von Joseph von Arimatrea anzusehen und dort fanatisch weinend zu knien, fand ich etwas beängstigend.

Die Klagemauer ist erwartungsgemäss absolute Hochsicherheitszone. Man geht durch Sicherheitschecks wie am Flughafen und reiht sich dann in die Schlange vor dem nach Geschlechtern getrennten Eingang. Es gibt eine Art free little library, in der man sich Bibeln in allen Sprachen ausleihen kann und in weißen Plastikstühlen kann man vor der Mauer sitzen und beten oder einen Zettel mit einem Gebet in die Klagemauer stecken.

Jerusalem ist eine aufregende Stadt, es gibt so viel Geschichte und wahnsinnig viel zu sehen, dennoch war ich doch froh, abends wieder im leichtlebigeren Tel Aviv zu sein.

Wir sahen uns auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem an. Das Museumsgebäude ist eine architektonische Besonderheit, bei dem man nicht gerade durch das Museum gehen kann, sondern man immer wieder um eine Ecke biegen muss und immer neuen schrecklicheren Geschehnissen gegenübersteht. Dabei verliert sich der Boden immer weiter nach unten und gleicht einem Abstieg in die Hölle. Das Gebäude läuft vorne spitz zu und öffnet sich dann einer positiven Zukunft entgegen. Die Gedenkstätte sollte man sich unbedingt ansehen, auch wenn man denkt, man hat schon soviel zu dem Thema gehört. Es ist erschütternd, schrecklich und zeigt, wie schnell die Welt aus den Fugen geraten kann.

Das im Jahre 1987 errichtete „Denkmal für die Kinder“ ist dem Gedenken an die 1,5 Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Kinder gewidmet. Das Denkmal ist als unterirdischer Raum angelegt, in dem fünf Kerzen durch Spiegel in der Dunkelheit so reflektiert werden, dass ein ganzer Sternenhimmel entsteht. Im Hintergrund werden die Namen, das Alter und der Geburtsort der Kinder von einem Tonband abgespielt. Dieses Endlosband braucht ungefähr drei Monate, um alle Namen wiederzugeben. (Wikipedia)

Ohne Worte 😦

Puh, ok, das wird jetzt ein krasser Themenwechsel, noch ein paar Gedanken zur Sicherheit vielleicht, bevor ich mich positiveren Themen widme. Wir haben uns die ganze Zeit über ausgenommen sicher gefühlt in Israel. Gegen Ende der Woche gab es einen Anschlag eines Alleintäters auf einem Markt in Jaffa, der anscheinend mit einem Messer auf Leute losgegangen war, davon erfuhren wir aber nur durch nervöse Anrufe unserer Familie in Deutschland.

Am nächsten Tag gab es dazu nur eine kleine Notiz in der Zeitung, in der ich auch las, das es die ganze Woche über einzelne Raketenangriffe auf den Süden des Landes gegeben hatte, die allerdings alle vom Raketenabwehrsystem abgefangen werden konnten. Auch davon merkten wir nichts, als es in der letzten Nacht allerdings gewitterte, hatten wir beide unabhängig voneinander im ersten Moment kurz die Sorge, es können Raketenangriffe sein.

Jetzt wird es Zeit sich wieder etwas erfreulicheren Themen zu widen und wir reden jetzt mal über das Essen. Es gibt keine speziell israelische Küche, diese ist mehr ein Schmelztiegel mediterraner und osteuropäischer Einflüsse. Wobei der mediterrane in Restaurants und Kneipen deutlich überwiegt.

Zum Frühstück holten wir uns meist leckere Sesamkringel, Orangen, Oliven und Hummus und starteten den Tag auf dem Balkon.

Wir haben entweder Kleinigkeiten wie Shawarma, Falafel oder Fladenbrot auf dem Carmel-Markt gegessen, das Essen in den Restaurants war sehr gut, aber in der Regel ziemlich teuer. Der Shabbat beginnt am Freitagabend je nach Jahreszeit zwischen 18:00 und 20:00 Uhr mit dem Anzünden der Hawdala-Kerze und endet am nächsten Tag etwa 45 min nach dem Sonnenuntergang. Wir wurden in unserem Hotel in der Lobby ebenfalls mit brennender Hawdala-Kerze sowie getrockneten Früchten und Halva begrüßt.

Insbesondere in Jerusalem sieht man die Leute am Freitag abend im Stechschritt nach Hause eilen. Es ist orthodoxen Juden nicht erlaubt, elektronische Geräte zu bedienen und auch unser Hotel hatte daher einen Schabbat-Aufzug, der in dieser Zeit automatisch an jedem Stockwerk hielt und die Türen öffnete, so dass man mitfahren konnte, ohne irgendwelche Knöpfe zu drücken.

Wer sich noch etwas ausführlicher über die Küche Israels informieren will, den schicke ich hiermit zu den Münchner Küchenexperimenten, wo die Bingereader-Gattin einen kulinarischen Blick auf unseren Urlaub geworfen hat.

Sehr schön sind im übrigen auch die Straßencafés in Tel Aviv. Gläschen Wein, Sonne geniessen – perfekt. Auf diese Szene direkt vor uns konnte ich mir partout keinen Reim machen:

Half nix, musste meine gute Freundin „Rabbi“ Ruth anrufen und wurde auch umgehend informiert:

Hierbei handelt es sich um das Tefilin Ritual. Dabei handelt es sich um ein Paar schwarze mit Lederriemen versehene kleine lederne Gebetskapseln, die Texte aus der Tora enthalten. Tefillin werden von religiösen jüdischen Männern beim Gebet getragen.

Bevor ich mich mit einem letzten Literaturtipp von Euch verabschiede nehme ich euch noch mit auf einen Ausflug in die Wüste und ans Tote Meer.

Im Masada National Park in der Judäischen Wüste liegt die Masada Festung die Herodes, König von Judea von 37 bis 4 BC erbauen ließ. Es war die letzte Bastion der jüdischen Zeloten (Freiheitskämpfer) gegen die Römer. Zwei Jahre lang versuchten etwa 8000 römische Soldaten die Leute auf der Festung auszuhungern, gelang ihnen aber nicht, denn diese legten Gärten, Zisternen und Bäder an, hielten Tiere und lebten einigermaßen vergnüglich in ihrer Festung, während die Römer in der Wüste litten.

Nach zwei Jahren hatten die aber genug und ließen sich von jüdischen Zwangsarbeitern eine Rampe bauen, mit der sie dann die Festung eroberten. Bevor die etwa 960 Zeloten allerdings gefangengenommen werden konnten, brachten sie sich gegenseitig um, um nicht in feindliche Hände zu fallen.

Die tragischen Ereignisse der letzten Tage der Rebellen von Masada transformierten den Ort in eine kulturelle Ikone als Symbol für den dauernden Kampf der Menschheit für Freiheit und gegen Unterdrückung. 2001 wurde Masada von der Unesco in die Liste der Weltkulturerbstätten aufgenommen.

Nach ein paar Stunden in der Wüste wurde es dann endlich Zeit für ein ausgiebiges Bad im Toten Meer.

Das Tote Meer ist das tiefstgelegenste Meer der Welt und hat einen Umfang von etwa 135 km und in der Mitte des Sees verläuft die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Die Einsamkeit und Weite der Wüste und des Toten Meeres schaffen eine ganz surreale Atmosphäre.

Die Oberfläche des Toten Meeres nimmt pro Jahr etwa um etwas mehr als 1 Meter ab. Aufgrund des hohen Salzgehaltes, der fast das Zehnfache der Ozeane beträgt, und der damit verbundenen hohen Dichte trägt das Wasser den menschlichen Körper außergewöhnlich gut, man kann allerdings dennoch ertrinken. Das Baden dort ist gar nicht so ungefährlich, den die Menschen verlieren am Toten Meer oft die Balance und schlucken dann große Mengen an Wasser. Das ist lebensgefährlich, da es schwere Lungenverletzungen verursachen kann.

Gleichzeitig besitzen die Mineralien des Toten Meeres eine heilende Wirkung bei Hautkrankheiten und nach einem ausgiebigen Bad mit dazugehöriger Schlammpackung hat man wirklich babyzarte Haut.

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Jetzt erst mal ein riesiges Lob, wer bis hierhin durchgehalten hat. Wahrscheinlich hat jetzt keiner mehr Kopf für meine letzte Urlaubslektüre, aber ich würde euch dieses dünne Bändchen trotzdem gerne noch ans Herz legen. Es hat rein gar nichts mit Israel zu tun, dafür viel mit Technologie und deren Auswirkungen auf Gesellschaft, Ethik und die Zukunft. Ein kritisches, aber keinesfalls technologiefeindliches Buch von der großartigen Ursula Franklin.

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„The real world of Technology“ ist die Niederschrift ihrer berühmten 1989 CBC Massey Lectures, in der die kanadische Experimentalphysikerin sich mit den Auswirkungen der Technologie auf unser Leben beschäftig und sich auch strittigen Fragen wie der Verwässerung der Privatsphäre und den Rechten des geistigen Eigentums, den Auswirkungen der derzeitigen Technologie auf Regierung und Governance, dem Wechsel vom Konsumkapitalismus zum Investitionskapitalismus und dem Einfluss des Internets auf das Handwerk des Schreibens befasst. 

Ein Grundlagenbuch, in dem ich seitweise Absätze unterstrichen habe. Eine ihrer Hauptbeobachtungen ist die Unterscheidung zwischen holistischer und präskriptiver Technologie. Ganzheitliche Technologie bedeutet, dass die Person, die die Technologie einsetzt, den Prozess ihrer eigenen Arbeit von Anfang bis Ende kontrolliert.

Technologie als Definition von erprobten Arbeits- und Lebenspraktiken war immer schon Teil der menschlichen Existenz. Neu ist der Maßstab, in dem Technologie unseren Alltag heute durchdringt und wie diese zu einer Kultur der Regelbefolgung werden kann und unsere Akzeptanz und die immer größer werdende Normalität von externer Kontrolle und Management im alltäglichen Leben.

„How will our society cope with its problems when more and more people live in technologically induced human isolation?“

„The political impact of technology on government took a quantum jump. Technologies became political in a new meaning of the word.“

„Putting people into a prescriptive mode of work where they have no latitude for judgment and decision-making acculturates them to external control, authority, and conformity. Prescriptive technologies are a seed-bed for a culture of compliance.“

Meiner Meinung nach essentieller Lesestoff für jeden, der sich mit Technologie, Soziologie oder Ethik beschäftigt. Das Buch ist ein absolutes Vergnügen zu lesen.

Danke das ihr mir auf diese Reise gekommen seid. Israel ist ein wunderbares Reiseland mit warmherzigen, humorvollen Menschen. Es gibt noch so einiges dort für uns zu entdecken, wir werden also sicher irgendwann wieder Shalom Israel sagen.

Israel by the Book – Part I

Tel Aviv haben wir relativ spontan gebucht. Nach Israel wollten wir schon immer einmal, das Wetter sprach für eine Veränderung und als wir einen recht günstigen Flug gefunden hatten, machten wir Nägel mit Köpfen. Ab nach Tel Aviv – in das Hotel, in dem Freunde von uns vor einer Weile schon einmal waren und es für gut befunden hatten.

Natürlich kann eine solche Reise nicht ohne die passende Lektüre unternommen werden. Ran ans gut gefüllte Bücherregal um mit Erschrecken festzustellen, dass da eine Israel-Lücke bestand. Mit Jonathan Safran Foers neuem Roman hätte ich die zwar irgendwie auch a bisserl füllen können, aber ich habe mir dann doch professionelle Hilfe bei Fernlese geholt. Reiseziel plus literarische Vorlieben und Abneigungen geklärt, mich fürs Zweier-Buchpaket entschieden und dann bequem auf die Vorschläge gewartet, die auch blitzschnell eintrafen.

Meine Wahl fiel auf Lizzie Dorons „Ruhige Zeiten“, ein Roman mit knapp 180 Seiten, der gleichzeitig warmherzig, humorvoll und voll dunkler Melancholie ist. Leale ist Witwe und arbeitet als Kosmetikerin in einem kleinen Friseursalon in Tel Aviv. Sajtschik, der Frisör hat die junge Witwe aus Mitleid eingestellt, sie freunden sich an und irgendwann ist klar, dass sie ihn liebt. Die meisten in ihrem Viertel lebenden Menschen sind Überlebende der Shoah und der Friseursalon hat für viele fast therapeutische Zwecke.

„Der Krieg hat uns die Familie und die Verwandten genommen, und die Zeit, die vergeht, nimmt uns die Nachbarn und die Freunde.“

„Wenn das Herz weh tut, sieht man nur das, was nicht da ist.“

Das Buch hat mich sehr berührt und beim Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem habe ich immer wieder an die Figuren im Roman denken müssen. Ein Buch, das auf keiner Reise nach Tel Aviv fehlen sollte, das aber auch außerhalb von Israel ganz sicher ein wertvoller Lesegewinn ist. Unbedingte Empfehlung von mir für diesen Roman.

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Israel ist ein recht kleines Land, in etwa so groß wie das Bundesland Hessen. Es grenzt an Syrien, Jordanien, Libanon, Ägypten und die West Bank und ist somit militärisch stets und ständig sehr gefordert.

Zum Konflikt selber mag ich nicht viel schreiben, dazu weiß ich einfach noch immer nicht genug, die Hardcore-Siedler finde ich schwierig, die heftige Trump-Verehrung der Zeitungen vor Ort war aber massiv anstrengend. Aber wie gesagt, ich weiß zu wenig, um mich auf ernsthafte Diskussionen einzulassen, werde mich aber definitiv künftig intensiver damit beschäftigen.

Die Anreise ist auf definitiv nicht ohne. Man fliegt von einem speziellen Terminal am Flughafen ab und es gibt außer den üblichen Sicherheitsvorkehrungen kurze persönliche Interviews, in denen es weniger darum geht, etwaige Bomben als etwaige Terroristen zu finden. Bei der Ausreise war das persönliche Interview fast noch intensiver.

Nach Jerusalem heißt es fährt man zum Beten, nach Haifa zum Arbeiten und nach Tel Aviv zum Sündigen. Zu Haifa kann ich nix sagen, da sind wir nicht gewesen, aber Tel Aviv ist auf jeden Fall die deutlich entspanntere Stadt mit einem etwa 14 km perfekten Sandstrand.

Die Menschen sind dort sind freundlich, relaxed und hat die Stadt hat den Ruf, die gay-freundlichste des Mittleren Ostens zu sein. Habe ich auf jeden Fall auch so empfunden.

Meine nächste Empfehlung von Fernlese war Etgar Kerets „Gaza Blues“ – Kurzgeschichten, die fast comicartig daherkommen in ihrer Kürze und seinem teils absurden Tonfall. Keret genießt ziemlichen Kultstatus in Israel. Seine Kurzgeschichten sind heftig, lakonisch, teils böse, lustig aber auf jeden Fall voller Energie dabei oft tragisch und sehr bewegend.

Ich habe sie sehr gerne gelesen, meine einzige Kritik vielleicht ist, sie blieben mir nicht wirklich im Gedächtnis. Sollte dennoch in keinem Reisegepäck nach Israel fehlen.

Tagsüber waren es angenehme 20/21 Grad, aber sobald die Sonne unterging, wurde es ruckzuck verdammt kalt und da kam dann die dicke Münchner Winterjacke zum Einsatz. Der Strand ist wirklich einmalig schön. Hat jede Menge bequeme Bänke auf Steintreppen eingelassen am Wasser, auf denen man stundenlang liegen und lesen kann. Kein Wunder, das ich mit den ersten beiden Büchern also ruckzuck durch war.

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Bevor ich Euch im zweiten Teil von Jerusalem und unserem Ausflug in die Wüste und ans Tote Meer berichte, noch ein bisschen mehr Tel Aviv. Die Stadt wurde 1909 gegründet, als die alte Hafenstadt Jaffa aus allen Nähten platzte. Eine überaus junge Stadt also. In den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen jede Menge deutschstämmige jüdische Architekten ins Land und bauten bis in die 50er Jahre etwa 5000 Gebäude im Modernist-Stil von Bauhaus und Le Corbusier. Die meisten befinden sich rund um den Boulevard Rothschild und wurden von der UNESCO als Weltkulturerbe aufgenommen.

Viele der Gebäude sind mittlerweile ziemlich runtergekommen, aber das Bauhaus-Center in Tel Aviv setzt sich seit einiger Zeit recht erfolgreich für die Renovierung und Instandhaltung der Gebäude ein.

Da ich ein echter Bauhaus-Fan bin, habe ich mir für die Reise den Roman „Gläserne Zeit“ von Andreas Hillger besorgt. In seinem Roman stellt er bewußt nicht die Bauhaus-Meister in den Mittelpunkt, wie der Autor in einem Interview erklärt, „denn wissenschaftliche Bücher über die Hochschule gibt es genug“.

Er verknüpft Realität und Fiktion und stellt die Designstudentin Clara in den Mittelpunkt der Geschichte, die mit dem Architekturstudentin Carl und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Lukas im Zentrum einer gewagten Ménage à trois steht. Immer wieder begegnet man historischen Figuren wie dem Bauhaus-Direktor Walter Gropius oder dem Maler Paul Klee.

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„Mittlerweile diente das Dossier von Mutmaßungen und Verdächtigungen, Halbwahrheiten und polemischen Angriffen als Beleg für die Ohnmacht der Rechtschaffenen, die mit dem Krieg auch den Einfluss auf die eigenen Kinder verloren hatten.“

Die Politik spielt eine wichtige Rolle. Hillger zeigt den Einfluß der nationalsozialistischen und kommunistischen Tendenzen, die nicht nur die beiden Männer immer stärker beschäftigen, sondern die auch immer größen Einfluß auf die Bauhaus-Schule nehmen.

Ein sehr interessanter Einblick in die Dessauer Jahre des Bauhaus vor dem Panorama der Weimarer Republik. Auch wenn ich während der Lektüre die Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv und nicht in Dessau vor Augen hatte, für mich war es die perfekte Reiselektüre.

Das letzte Buch, das ich hier für heute erwähnen möchte, hat nicht wirklich mit Israel zu tun, aber mit Architektur und ich habe es direkt vor dem Urlaub beendet und es hat die Bauhaus-Lektüre für mich um so spannender gemacht.

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Buckminster Fuller war seiner Zeit glaube ich stets gut 50 Jahre voraus. Sein Name ist mir in letzter Zeit wieder und wieder untergekommen, so dass ich „Bucky Works“ von J. Baldwin unbedingt haben musste.

Keine Biografie im klassischen Sinne, mehr ein Werkschau und chronologische Übersicht von Buckys Ideen, die teilweise schon wirklich abgefahren waren.

Er war ein amerikanischer Architekt, Systemtheoreteiker, Designer und Erfinder, der mehr als 30 Bücher publizierte und insbesondere durch die von ihm geprägten Begriffe „Spaceship Earth“ und „Ephermerisierung“ bekannt wurde sowie für seine geodätischen Kuppeln, die man gerne mit Science Fiction assoziiert.

Er entwickelte zahlreiche Erfindungen, hauptsächlich architektonische Designs außerdem wurde ein Karbon Molekül nach ihm benannt, da diese von der Struktur her seinen geodäsischen Kuppeln ähnelte.

Soviel heute zum ersten Teil unserer Israel-Reise, die in diesem Teil etwas architekturlastiger ausfiel, im nächsten Teil verspreche ich deutlich mehr landestypische Inhalte und ich möchte euch auf einen Ausflug nach Jerusalem und ans Tote Meer einladen.

Kommt Ihr mit ?

Nizza – Le weekend dans les livres

So ein verlängertes Wochenende kann sich im Glücksfall anfühlen wie eine ganze Woche Urlaub.Handgepäck mit Badehose, Sonnenbrille und nem kleinen Stapel Bücher und ab ging es am Freitag Abend ins wundervolle sonnig-warme Nizza.

Neben Strand und gutem Essen stand auch Kultur auf dem Programm. Eine Ausstellung des Streetart Künstlers Ernest Pignon Ernest und ein Besuch im Matisse Museum.

Ernest Pignon Ernests Ausstellung war richtig gut. Bin immer etwas zwiegespalten bei Streetart, die im Museum hängt, aber hier hat es wirklich gut funktioniert. Das vielleicht bekannteste Motiv von ihm ist ein Porträt von Rimbaud, das wir uns auch gleich als Poster gekauft haben. Mal schauen, ob wir ein schönes Plätzchen dafür finden:

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Neben ein paar sehr schönen Buchläden hatte Nizza auch eine Open Library zu bieten, bei der im Park Stühle und Bücherregale zum Schmökern einluden.

Ich bin in das Frankreich-Wochenende mit Marcelle Sauvageots „Fast ganz die Deine“ (Commentaire) eingestiegen. Ein wundervoller poetischer kleiner Brief-Roman. Marcelle Sauvageot wurde 1900 in Frankreich geboren und litt Zeit ihres Lebens an Tuberkulose. Als sie 1930 von Paris nach Hauteville ins Sanatorium zurückkehrt, erhält sie einen Brief ihres Geliebten, indem er ihr mitteilt: „Ich heirate… Unsere Freundschaft bleibt.

Melancholisch schön beschreibt Sauvegeot ihr Leiden, ihre Einsamkeit und denkt über die verschiedenen Formen der romantischen und sexuell motivierten Liebe nach. Sie schreibt einen Antwortbrief, den sie nie abschicken wird, analysiert ihre Verletzungen, ihre Wut, ihr Loslassen, bei dem sie wieder und wieder von einem Gefühl ins nächste taumelt. Es hat mich sehr beeindruckend wie treffend sie den ihren Liebeskummer beschreibt ohne jegliche Sentimentalität.

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„Das erste von einer Frau geschriebene Buch, aus dem nicht Unterwerfung spricht… Ein Buch voll erhabener Traurigkeit; ein Buch voller Würde! Großartig!“, schieb die Lyrikerin Clara Malraux sehr treffend.

Ein Abschied ohne Neuanfang. Unbedingt lesen !

„Die Theorie vom Marmeladenbrot“ von Titiou Lecoq sollte danach für etwas Leichtigkeit sorgen. Das Buch wurde mir dankenswerterweise von Herrn Brasch überlassen, dessen Rezension mich auf das Buch aufmerksam machte.

So ganz warm sind wir allerdings nicht miteinander geworden. Vielleicht hatte ich mir zuviel versprochen von einem Buch, das sich mit den Anfängen des Internets beschäftigte, die Entwicklung der Digital Natives, aber zum Teil verliefen die Erzählstränge für mich ins Leere und die Protagonisten blieben schablonenhaft.

Es war dennoch anregende Café-Lektüre und trotz der deprimierenden Theorie, die hinter dem Marmeladenbrot steckt, das schief geht, was schief gehen kann, hatte der Roman durchaus humorvolle Momente.

Der Roman beginnt 2006 und erzählt die miteinander verwobene Geschichte des rechtschaffenen Online-Journalisten Christophe, der Bloggerin Marianne, die als Opfer eines Sex-Videos unerwünschte Popularität erlangt, und dem jungen Hacker Paul, der gemeinsam mit Christophe versucht, Marianne zu helfen.

Alle drei versuchen, die Anonymität des Internets zu bewahren, ahnen aber bereits von der Ausweglosigkeit ihres Vorhabens. Wir treffen die drei im Jahr 2015 wieder. Sie sind noch immer befreundet, etwas erwachsener geworden vielleicht, aber nach wie vor gleicht ihr Leben dem Marmeladenbrot. Christophe hat nach wie vor Ärger im Job, wo Clicks mehr zählen als journalistische Qualität und seine Ehe ist am Zerbrechen.

Paul betreibt weiterhin im Internet sein lukratives halbseidenes Penis-Vergrößerungs-Geschäft, kann sich aber aufgrund einer Angststörung kaum aus der Wohnung bewegen und hat ebenfalls ordentliche Beziehungsprobleme.

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Marianne hat nach wie vor keinen Job und hält sich mit Botendiensten für Pauls Internetgeschäft über Wasser. Sie bloggt weiter ein wenig, hat mittlerweile eine Tochter mit ihrem schwulen Kumpel und dümpelt antriebslos durchs Leben.

Alle drei kommen an einen „Swim or Sink“ Moment in ihrem Leben, ob sie es schaffen, verrät das Buch uns nicht. Die Charaktere fand ich jetzt nicht weiter liebens- oder bemerkenswert, die Themen wie Netzanonymität, Big Data und der Wandel, den das Internet durchlaufen hat, waren ganz interessant.

Der Roman ist ganz unterhaltsam, unbedingt gelesen haben muss man ihn nicht.

Bringt mich zum letzten Roman „Ausweitung der Kampfzone“ von Michel Houellebecq. Auf meinen ersten Houellebecq war ich mächtig gespannt. Im Englischen wurde der Titel wohl mit „Whatever“ übersetzt, das würde es für mich ehrlich gesagt schon treffen.

Sicher habe ich auch den Fehler gemacht, das Buch am Strand zu lesen, es ist derart trost- und hoffnungslos, dass man durchaus Lust bekommt, sich im Meer zu ertränken. Ich fand es nicht schlecht, aber wirklich vom Hocker gehauen hat es mich nicht.

Die „Ausweitung der Kampfzone“ beschäftigt sich mit den (fehlenden?) Abenteuern eines 30jährigen IT Spezialisten (den ich eher für Mitte 50 gehalten hätte, wäre sein Alter nicht explizit genannt worden).

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Er verkauft langweile IT Programme an Kunden, die diese eigentlich nicht brauchen oder wollen, gibt gelangweilten Angestellten entsprechende IT Schulungen in der Provinz und nimmt an noch langweiligeren Abendveranstaltungen teil.

Er ist sexuell frustriert und ist dabei mit Raphael, einem  ziemlich hässlichen IT Kollegen, in bester Gesellschaft.  Der ist Mitte 20 nicht sehr charmant und wenig attraktiv und daher noch immer ein Jungmann. Jeglicher Versuch, sich dem weiblichen Geschlecht zu nähern schlagen fehl.

Aus irgendeinem Grund habe ich immer damit gerechnet, unser IT Protagonist würde Raphael nun zum Selbstmord animieren, war aber nicht so.

Es wird viel geraucht, getrunken und gekotzt, es gibt ein paar interessante Gedanken aber alles in allem kein so guter Start für mich. Hier stehen noch die „Elementarteilchen“ rum – kann mir das jemand empfehlen, oder soll ich aufgeben? Eine sehr interessante Rezension (die ich eben noch einmal nachgelesen habe findet man bei Sätze und Schätze)

Wären uns am Montag nachmittag nicht noch unsere strahlend blauen Leihräder gestohlen worden vor dem Restaurant, es wäre ein perfektes Wochenende gewesen. Aber mit diesem einen kleinen Wermutstropfen kann ich leben.

Nizza ist eine sehr schöne Stadt und wir hatten ein wundervolles Wochenende. Die Narben des kürzlich verübten Attentats an der Promenade kann man noch immer sehen und spüren, aber glücklicherweise schaffen die Terroristen es nicht, den Menschen den Lebensmut zu nehmen – wir sind und bleiben „en terrasse“

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Japan by the Book – Teil 2

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Welcome back. Nach Bergen, Natur und Hinterland wurde es Zeit, sich wieder den urbanen Ecken Japans zu nähern. Natur ist schön und gut, allzulange halte ich es jedoch ohne Stadt und Menschen nicht aus. Unser nächstes Ziel war Kyoto, die ehemalige Hauptstadt. Eine Stadt die überall als die hübschere kleine Schwester Tokyos gehandelt wird und auf die wir sehr gespannt waren. Begrüßt wurden wir allerdings mit strömendem Regen und unfreiwilligen Abenteuern mit Taxi-Fahrern, der kompliziertesten Spezies der wir in Japan begegnet sind 😉

Alle Taxifahrer die wir gesehen haben, waren ausnahmslos alte Männer, weiß behandschuht in blitzsauberen Taxis, die mit weißen Häkeldeckchen verziert waren. Ein Schild weist meist auf „foreign friendly english speaking Taxi“ hin, davon haben wir nur leider nichts gemerkt. Keiner der Taxifahrer sprach auch nur ein Wort Englisch. Der erste Fahrer in Kyoto (wie erwähnt sehr sehr alt) dem wir unsere Ziel-Adresse (extra in japanisch) hinhielten, schüttelte den Kopf, griff zu einer riesigen Lupe, um dann endlos in einem Stadtplan nach der Adresse zu suchen, während er pausenlos auf japanisch auf uns einplauderte um uns dann nach etwa 10 min resigniert aus dem Taxi zu schicken.

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Nächster Versuch. Wieder zurück in die Taxischlange und die Hoffnung, der nächste würde die Adresse lokalisieren können. Es war nicht einmal sehr weit weg vom Bahnhof Kyoto, nur die Sturzbäche, die runtergingen, ließen uns weiterhin auf ein Taxi hoffen. Der nächste wieder alt und weiß behandschuht, schüttelt den Kopf, plaudert japanisch mit uns, aber dann fährt er doch irgendwann los – juhu – bis zur nächsten Polizeistation, wo wir schon befürchteten, verhaftet zu werden für Irreführung von Taxifahrern oder Verweigerung der japanischen Sprache, aber nein, er liess sich nur den Weg erklären und zack ging es endlich ins angemietete AirBnB.

Ein Wort noch zur unglaublichen Ehrlichkeit der Japaner. Es scheint nahezu keine Kriminalität zu geben (abgesehen ggf. von der Yakuza (japanische Mafia) von der wir im Alltag allerdings nichts mitbekommen haben. Der Taxifahrer schaltete auf halber Strecke den Meter aus, damit wir nicht für seine Orientierungslosigkeit zahlen müssen, uns wurden T-Shirts kilometerweit nachgefahren, die wir in einem der Ryokans haben liegen lassen. Nicht eine Sekunde kommt einem die Idee, in den überfüllten U-Bahnen könnte einem jemand den Geldbeutel stehlen – ein wirklich unglaublich sicheres und ehrliches Land.

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Literarisch habe ich mich in Kyoto von Banana Yoshimoto begleiten lassen. „Amrita“ ist die Geschichte einer jungen Japanerin, die trotz diverser Schicksalsschläge nicht aufgibt, weiterhin sehr offen ist und ein großes Herz hat. Sakumi, die Protagonistin hat bei Beginn des Buches nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Schwester, eine Schauspielerin, verloren, sie selbst erleidet Hirnverletzungen bei einem Unfall. Das alles ist aber weniger tief und dramatisch, als man vielleicht befürchtet. Sakumi lebt mit und in ihrer ungewöhnlichen Familie zu der ihre Mutter, ihr kleiner Bruder und eine Freundin der Mutter gehören und mit ihnen begibt sie sich auf eine Reise durch Trauer und Leiden, verlorenen und weidergefundenen Erinnerungen, verbotene Liebe und erlebt auf einer einsamen kleinen Insel im Pazifik eine intensive Zeit.

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Nach ein paar spannenden Tagen in Kyoto brachte uns der Shinkansen nach Kobe. Eine wunderschöne kleine Hafenstadt und zugleich der Geburtsort von Haruki Murakami. Wir haben uns dort so wohl gefühlt, dass wir unsere Pläne umwarfen und dort unser Basislager aufschlugen, um von dort Ausflüge zu machen, aber nicht mehr alle 2-3 Tage die Unterkunft zu wechseln.

Mir ist erst in Japan klar geworden, wie außergewöhnlich Murakami und auch Yoshimoto sind, wie sehr ihre Protagonisten und vermutlich auch sie selber als Individuen unterwegs sind, in einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Konformität legt.
Man sieht das bespielsweise daran, dass es in den Städten überall dort voll ist, wo es Geschäfte gibt, oder Restaurants oder an designierten Sehenswürdigkeiten, ist etwas nicht als Sehenswürdigkeit deklariert, dann ist da auch niemand. Niemand und ich meine niemand. Wir haben in Tokyo in der „Golden Week“ das Rathaus anschauen wollen, in der Ecke ist einiges an wirklich beeindruckender Architektur zu sehen, zwei Straßen weiter ist man von den Menschenmassen erdrückt worden, aber Rathaus und die anderen Gebäude gelten nicht wirklich als „Sehenswürdigkeit“ und zack waren wir komplett alleine da, das fühlte sich richtig seltsam an 😉

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Von William Gibsons „Idoru“ habe ich mich in der letzten Woche begleiten lassen. Sein „Blade Runner“ ist ja fast schon synonym mit dem Cyper-Tokyo der Zukunft. Aber auch „Idoru“ spielt im Tokyo der Zukunft nach dem katastrophalen Riesen-Erdbeben. Nano-Technologie führt dazu, dass die Gebäude sich selbst errichten, ein melancholischer Protagonist fegt durch das neonfarbene japanische Wunderland auf der Suche nach Arbeit. Colin Laney ist ein Datenfischer, einer der Muster in den Daten erkennt, die Individuen in der Datenwelt hinterlassen. „Idoru“ beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, inwieweit Prominente natürliche Ressourcen sind, die man anzapfen kann und darf, ein Gemeingut sozusagen.

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Die Menschen in der Geschichte sind alle auf der Suche nach etwas das „echt“ ist, mit dem sie sich wirklich verbunden fühlen können und gleichzeitig ist es die Geschichte von Rez, einem Rock Star, der sein Management und seine Fans mit der Nachricht schockt, eine softwarebasierte Lebensform namens Rei Toei – ein Idoru – heiraten zu wollen.

Film-Fans werden insbesondere in Tokyo immer wieder auf Orte stoßen, die man aus Filmen kennt. Sei es der Moment, wenn man auf die Autobahntrasse fährt, die man aus Tarkovskys „Solaris“ kennt:

oder ob man sich in der Lost in Translation Hotel-Bar einen Cocktail oder zwei gönnt:

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Godzilla begegnet man natürlich auch auf Schritt und Tritt:

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Unser leztes großes Abenteuer in Japan war der Besuch des Universal Pictures Themepark. Ich war mehr als skeptisch und hätte mir nie träumen lassen, wieviel Spaß ich dort haben würde. Spätestens als wir auf einmal in Hogsmeade standen, war ich wieder 9 und konnte vor Aufregung kaum gerade aus laufen. Zum Glück hatten wir uns Speed Tickets gegönnt, denn selbst Harry Potter zuliebe hätte ich mich wohl nicht 160 Minuten irgendwo angestellt. Aber der 3D-Ride war unglaublich und das abgefahrenste, beste und aufregenste was ich jemals gefahren bin.

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Sayonara Japan es war wunderschön. Es war einer der außergewöhnlichsten und aufregendsten, aber auch teuersten Urlaube meines Lebens und ich bin froh, dass ich durch die Literatur wenigstens im Geiste auch weiterhin ab und an eine Stipvisite machen kann.

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Japan by the Book

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Japan ist ein Bücherland. In keinem der asiatischen Länder, die wir bislang bereisten, waren Bücher so allgegenwärtig wie in Japan. Die Menschen schlafen in der U-Bahn nicht nur in den verrücktesten Positionen, sie lesen auch im größten Gedränge und, wenn die Bücher häufig eher kleinformatig sind, so werden doch immer wieder auch Mangas in der Größe des früheren Quelle-Kataloges mitgeschleppt.

Mangas sind natürlich etwas, das wohl jeder mit Japan assoziiert. Und sie sind tatsächlich auch überall. In der Ubahn werden auch Romane gelesen, aber doch überwiegend Mangas und das vom Schulkind über schicke Business-Menschen bis hin zu älteren Damen.

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Schaut man seinen Mitfahrern in der U-Bahn über die Schulter, kann man auch schnell mal schamviolett werden. Die haben es teilweise wirklich in sich. Da wird geschnackselt was das Zeug hält, hetero und homosexuell, auf freiwilliger Basis, aber Vergewaltigungen z.B. kommen durchaus auch vor, alles recht explizit. Neben den sexuell freizügigen, gibt es auch einige, die recht düster sind, aber im Grunde genommen ist hier für wohl für jeden Geschmack etwas dabei. Man könnte sicherlich ganze Abhandlungen schreiben, möchte hier aber nur einen kurzen Einblick in den japanischen Manga-Alltag geben, den wir erlebt haben. Eine wunderbare Facette sind natürlich auch die vielen Cosplayer, die in einen spannenden Kontrast bieten, zu den monochromen Business-Menschen.

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Japan nimmt wenig Rücksicht auf nicht-japanische Besucher. Das ist deutlich weniger negtiv gemeint, als das jetzt klingt. Ob im Alltag, oder wenn es um den Tourismus geht, das Angebot richtet sich eben in der Regel an die einheimische Bevölkerung und ausländische Gäste werden höflich und sehr sehr freundlich inkludiert, aber es wird keine Extrawurscht gebraten. Uns hat das weniger gestört, da man so deutlich mehr vom alltäglichen Leben in einem Land mitbekommt, aber natürlich kann es einem das Leben auch mal schwerer machen.

Ich hatte damit gerechnet, mir im Urlaub Bücher kaufen zu können und bin ziemlich in Panik geraten, als ich in Tokyo die ersten 3-4 riesigen Buchläden abgeklappert hatte und keiner davon eine Abteilung mit englischsprachigen Büchern hatte. Ich bin dann in Kyoto fündig geworden und das war dann auch ein wundervoller Laden, bestens sortiert mit einer riesigen Auswahl, aber man muss schon ein wenig danach suchen. Zeitungen, Zeitschriften habe ich gar nicht gefunden, wobei die normalen Tageszeitungen ab und an 1-2 englischsprachige Seiten enthielten.

In Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha waren an jeder Ecke Läden in denen man gebrauchte englische Bücher kaufen konnte, das findet man in Japan eigentlich überhaupt nicht. Um so glücklicher war ich, in einer kleinen Straße in Kobe ziemlich ab vom Schuss, einen winzig kleinen entzückenden Second-Hand-Bookshop „Wantage“zu entdecken. Der Besitzer, ein sehr herzlicher, älterer Engländer öffnet seinen Laden nur am Wochenende. Ich hätte da gut und gerne ein paar Stunden drin verloren gehen können.

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Meine Urlaubslektüre bestand natürlich unter anderem aus einem Haruki Murakami. Geht ja gar nicht ohne und nach Japan reisen ohne ein Buch von ihm – völlig undenkbar. Ich hatte mich für „Hard-Boiled Wonderland“ entschieden, einer der Romane, die ich bisher noch nicht gelesen hatte und der seit dem Haidhausener Flohmarkt auf seinen Auftritt wartet.

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„Hard-Boiled Wonderland“ ist ein ziemlich komplexer Roman, den ich sehr langsam lesen musste, manche Kapitel benötigten gar eine zweite Runde, bis ich mich wieder zurechtgefunden habe. Die Geschichte spielt im Tokyo der nahen Zukunft. Dank wundersamer fortschrittlicher Technologien wird einem schüchternen, intelligenten Datenanalysten etwas ins Hirn implantiert, das es ihm ermöglicht, geheime Daten zu „waschen“ und zu „shuffeln“.

Ein verrückter Wissenschaftler, die Datenmafia und die Semiotecs, eine rivalisierende Intelligence Unit, sind ihm auf den Fersen und dabei, in sein Unterbewusstsein eine komplett andere Welt zu implantieren. Nach und nach verwischen die Grenzen der beiden Welten und es entbrennt eine Jagd um dem Ende der Welt zu entkommen, oder nicht ?

Einer der abgefahreneren Murakamis, der einen an Kafka und Orwell denken läßt. Keine einfache Lektüre, aber eine lohnende, die perfekt nach Tokyo passt. Die perfekte Überschrift für eigentlich fast jeden seiner Romane könnte dieses Zitat sein:

„Everyone may be ordinary but they’re not normal“

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Mit Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“ begab ich mich auf unsere Wanderung und gleichzeitig ein paar Jahrhunderte zurück in das Japan der Samurais. Unser Weg führte uns drei Tage lang auf dem Nakasendo Trail entlang, ein über 500km langer uralter Handelsweg, der von den Shoguns zum Reisen genutzt wurde. Es gibt 69 Stationen, die zumeist aus winzig kleinen Örtchen bestehen. Unsere Wanderung führte uns damit drei Tage lang durch die japanischen Alpen. Wir haben uns allerdings mehr als einmal verlaufen, da wir die ganze Zeit über wirklich niemanden getroffen haben auf den Wanderung und sämtliche Schilder natürlich in japanisch waren. Am zweiten Tag haben wir daher einen ordentlichen Umweg eingebaut und statt der geplanten 18km waren wir 25km unterwegs. Puh, da hing uns doch die Zunge auf Halbmast und wir wurden irgendwann etwas panisch. Aber am Ende haben wir unser Ryokan doch noch gefunden.

Übernachtet haben wir in Ryokans, den traditionellen Herbergen der Edo-Periode. Die Zimmer bestehen aus den am Boden liegenden Tatami Matten und den mit Washi bespannten Schiebetüren.

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Abendessen und Frühstück sind im Übernachtungspreis enthalten und werden im Gemeinschaftsraum eingenommen, man trägt Yukata und faltet die Beine irgendwie unter den niedrigen Tisch. Serviert wird in der Regel ein einheitliches, typisches sehr reichhaltiges Abendessen, das aus sehr vielen gleichzeitig servierten kleineren Portionen besteht. Miso-Suppe, eingelegtes Gemüse, geräucherter Fisch gehören eigentlich zu jeder Mahlzeit. Das Essen ist wahnsinnig gut, sehr frisch, aber teilweise auch gewöhnungsbedürftig. Sashimi, roher Fisch in dünne Scheiben geschnitten, kennt man und mag ich auch sehr gerne, lebt der Fisch allerdings noch und man schneidet ihm bei Bewußtsein Scheiben raus, das ist dann noch mal eine andere Geschichte. Auch Fleisch wird gern roh gegessen, wie Sushi und so haben wir uns dann auch rohem Pferd gegenüber gesehen, die gegrillten Grashüpfer waren für mich da die einfachere Herausforderung.

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Nach dem Abendessen macht man üblicherweise einen Abstecher ins Gemeinschaftsbad Onsen. Wir haben diesen Abstecher nur zweimal geschafft, denn auf Tattoos ist man in Japan gar nicht gut zu sprechen, sind diese doch so untrennbar mit der japanischen Mafia der Yakuzi verbunden. Schafft man es hinein in ein Onsen, ist das schon ein phantastisches Erlebnis. Nach ausgiebiger gründlicher Reinigung gehts dann ins große Becken, in dem meist auch andere Leute schon vor sich hin kochen. Seit dem Onsen habe ich eine ungefähre Idee, wie sich Hummer fühlen mögen, wenn sie ins heiße Wasser fliegen. Krass war das heiß. Japan hat Unmengen heißer Quellen und es tut schon gut so ein Bad, nach einer langen Wanderung.

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Seitenschläfer haben es auf den Tatami Matten nicht leicht. Ich mußte mich morgens origamimäßig erst einmal wieder auseinanderfalten und hab ein paar blaue Flecken davon getragen, wer üblicherweise auf dem Rücken schläft und es hart mag, dem dürften Tatami Matten gut gefallen.

Nun aber zu „Der Tod des Teemeisters“ – es war die perfekte Wahl für die Wanderung und unsere Übernachtung im Ryokan, die ganze Stimmung und der Inhalt der Erzählung haben einfach wunderbar gepasst.

Die Geschichte handelt davon, was aus der Kunst der Teezeremonie wird, wenn sein Meister verschwindet. Es ist nicht wirklich ein Thriller, wie der Umschlagtext vermuten ließ, sondern eher eine Suche nach Antworten darauf, warum der Master of Tea „Rikyu“ seinen angeordneten ritualen Suizid ohne Kampf akzeptierte. Sein letzter Schüler, Honkakubo versucht die Umstände, die zum Tod seines Meisters führen, zu verstehen und nachzuvollziehen.

Die Sprache ist karg und spröde, aber auch poetisch fein. Könnte man ein Buch schmecken, so wäre dieses ganz eindeutig ein Matcha-Tee. Ein kleines Wunderwerk, das aber sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen wird.

Dieses Zitat trifft die Essenz des Buches für mich, ohne das es aus diesem Buch ist. Woher ich es habe, weiß ich leider nicht mehr:

„…we find beauty not in the thing itself but in the patterns of shadows, the light and the darkness, that one thing against another creates.“

Vom Rest unserer Reise und der dazugehörigen Lektüre berichte ich im zweiten Teil. So stay tuned for more adventures …

Paris – Coup de Chapeau

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Mit dem TGV direkt von München nach Paris – bequemer und perfekter geht es gar nicht. Draußen zischt die Welt vorbei und drinnen bin ich in meiner Lese-Bubble und tauche ein in meinen Bücherkoffer. Ganz bin ich nicht durchgekommen, aber für einen Coup de Chapeau hat es immerhin gereicht.

Begonnen habe ich mit Roland Barthes „Der Eiffelturm“ – ein dünnes wunderschönes Bändchen, das einen perfekt einstimmt auf die Paris-Woche. In seinem Essay betrachtet Barthes liebevoll eines der beliebtesten Symbole der Welt. Er entdeckt den Eiffelturm für uns auf ganz neue Art, macht ihn sicht- und greifbar.

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Es macht Spaß, mit Barthes gemeinsam die Welt zu entdecken, macht mir mit diesem Essay Lust, noch mehr von der Welt durch seine Augen zu entdecken. Er schreibt charmant, bleibt zugänglich bei gleichbleibend hohem Niveau und hat Humor . Ich liebe Barthes‘ Exaktheit in der Betrachtung und seine Ästhetik.

Der Eiffelturm ist so sehr Sinnbild für Paris geworden, dass man sich partout nicht vorstellen kann, wie groß die Ablehnung war, als der Turm anlässlich der Weltausstellung 1887 gebaut wurde. Es gab unzählige Proteste, eine Gruppe Künstler entwarf gar einen Protestbrief der in der Zeitschrift „Le Temps“ veröffentlicht wurde und der die Welt vor der unfranzösischen „tragischen Straßenlaterne“ bewahren sollte:

„Wir, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Architekten und leidenschaftliche Liebhaber der bis jetzt noch intakten Schönheit von Paris, protestieren hiermit mit all unserer Kraft und aus all unserer Empörung, im Namen des falsch verstandenen französischen Geschmacks, im Namen der Kunst und der bedrohten französischen Geschichte, gegen die Errichtung des nutzlosen und monströsen Eiffelturms im Herzen unserer Hauptstadt, den die Bösartigkeit der Öffentlichkeit – die oft über gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitssinn verfügt –, bereits den ‚Turm zu Babel‘ nennt.“

Das zeigt einem noch einmal deutlich, wie sehr Menschen dazu neigen, alles Neue erst einmal abzulehnen, um es ein paar Jahre später ganz selbstverständlich zu nutzen und noch ein paar Jahre später verzweifelt darum zu kämpfen, wenn sie es bedroht sehen. Daher versuche ich stärker ein UND zu propagieren statt einem ODER. Taxis UND Uber, Hotels UND AirBnB, Bücher UND Kindle, Treppen UND Rolltreppen etc 😉

Es hätte die perfekte Länge gehabt, das Büchlein in der Schlange zum Aufgang des Eiffelturms zu lesen, aber ich bin so gar kein Schlangesteher. Möche gar nicht wissen, was mir im Leben alles schon entgangen ist, weil ich mich einfach nicht anstellen mag. Entweder ich schlupfe irgendwo durch wie bei der Sagrada Familia in Barcelona oder ich bleibe draußen. Schön blöd vielleicht, aber mei nen kleinen Schaden hat jeder. Deswegen fahre ich auch lieber Zug als zu fliegen, wann immer möglich. Das ständige überall dumm rumstehen macht mich kirre.

Wer aber gelegentlich nicht abgeneigt ist, in einer Schlange zu stehen, dieses Büchlein hat die perfekte Anstehlänge und ist sicherlich das beste und anspruchsvollste, womit man sich die Zeit vertreiben kann.

Hat Barthes vielleicht auch einen Essay über das Warten geschrieben ? Falls ja, dann bräuchte ich den wohl.

Eine sehr schöne Besprechung, die mich überhaupt erst  zum Kauf des Buches animierte findet ihr hier:
https://phileablog.wordpress.com/2016/02/21/roland-barthes-theorie-praxis/

Mit Djuna Barnes Biografie bin ich dann ins Paris der 20er Jahre durchgebrannt. Das ist die Zeit, die ich wohl wählen würde, sollte mich eine Zeitreisemaschine mal per Anhalter mitnehmen.

Djuna Barnes (1892 – 1992) war eine bekannte Persönlichkeit der Pariser Left Bank und in lesbischen Kreisen der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Fields Autobiografie beschäftigt sich ausführlich mit Barnes Familienleben, ihrer Herkunft und es ist vielleicht auch notwendig, soviel über ihre Wurzeln zu erfahren, um die Schriftstellerin, Journalistin, Dichterin besser verstehen zu können.

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Foto: Rhys Tranter

Heute ist sie hauptsächlich für ihren Roman „Nightwood“ bekannt, den ich ehrlich gesagt nie fertig gelesen habe, da ich damals zumindest partout keinen Zugang zu dem Werk gefunden habe. Bei einem der vielen Umzüge ist mir „Nightwood“ leider abhanden gekommen, es wäre die passende Begleitlektüre gewesen. Trotz meiner Schwierigkeiten mit ihrem Werk (bei ihren Gedichten tue ich mich sichtlich leichter) übt Barnes auch heute noch eine ziemliche Faszination auf mich aus.

Die Biografie ist die faszinierende Dokumentation einer inspirierenden Persönlichkeit, die eine Vorreiterin des modernen Feminismus war in vielerlei Hinsicht. Die Frauen der Left Bank, zu denen auch Djuna Barnes gehörte, glaubten an ihr Recht auf kreative Selbstbestimmung und auf ihr Recht so zu leben, wie sie es für richtig hielten.

Besonders überrascht hat mich, dass Djuna Barnes nie irgendeine Form von formaler Schulbildung genossen hat, sondern komplett autodidaktisch unterwegs war. Ich sags ja, lieber literarische und oder Science-Salons statt universitäre Massenabfertigung 😉

Wer speziell an Djuna Barnes interessiert ist, dem kann ich Andrew Fields‘ Biografie empfehlen, wobei ich ihn stellenweise dröge fand. Zugänglicher und spannender geschrieben fand ich Andrea Weiss‘ Buch „Paris was a Woman„, das ich vor einigen Jahren gelesen habe.

Meine dritte und letzte Paris Lektüre war „Never any End to Paris“ von Enrique Vila-Matas, das Buch mit einem der schönsten Cover überhaupt. Wer in Paris den Buchladen „Shakespeare & Co.“ besucht, kann innerhalb von Minuten sein erstes Kreuzchen auf seiner Bookshop-Bingo-Karte machen, denn länger als vielleicht 5-7 Minuten dauert es nicht, bis der erste nach einer Ausgabe von Hemingways „A moveable Feast“ fragt. Da ich mich nicht auf andere verlassen wollte und das Kärtchen ja unbedingt voll werden muss, habe ich das gleich selbst in die Hand genommen und mir ebenfalls Lemming-mässig mein Exemplar gekauft 😉

Der Protagonist das Alter Ego des Autors gibt sich mit solchen Devotionalien allerdings nicht zufrieden, er steigert sich ziemlich hinein in seinen Glauben, ein absoluter Doppelgänger Hemingways zu sein und reflektiert über die Parallelen seiner und Hemingsways Zeit in Paris als jeweils junger Schriftsteller.

Was für Hemingway Gertrud Stein war, war für Vila-Matas Margarete Dumas. „Never any End to Paris“ ist weniger durchgehender Roman, eher eine Aneinanderreihung von Erinnerungen auf verschiedenen Ebenen. Das Buch hat fast durchgehend gute Kritiken bekommen, mich hat es zwischendrin immer mal wieder verloren und ein Vila-Matas Fan bin ich nicht geworden. Ich bleibe beim Original und freue mich auf das Wiederlesen von „A moveable Feast“.

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Ich könnte direkt schon wieder losfahren, gibt noch soviel zu entdecken in Paris und der Koffer war ja auch noch nicht fertiggelesen 😉