EMA + Dubais @ Kranhalle, München, 2017-09-27

Das war ein unglaublich tolles Konzert – wunderbar zusammengefasst, könnte ich nicht besser, daher vielen Dank an Gerhard und ich freue mich schon auf unseren nächsten Konzert-Besuch.

KULTURFORUM

Großartige Ladies-Night am vergangenen Mittwochabend in der Münchner Feierwerk-Kranhalle. Dabei ließen im Vorfeld zur Einstimmung auf den Abend abgerufene Videos der im Support-Programm auftretenden „Arabfuturist/Lo-fi Bedroom Pop/Dark-Disco“-Performerin Nadia Buyse aka Dubais Schlimmes an belanglosem Elektro-Pop-Gedöns vermuten, Erinnerungen wurden wach an Konzertabend-Standards vor etlichen Dekaden, als es an der Tagesordnung war, dass erst das Horror-Programm im Vorfeld überstanden werden musste, bevor man zum angenehmen Teil der Veranstaltung vordrang – doch Gottlob in dem Fall weit gefehlt. Die extrovertiert offensiv aufs Publikum zugehende Musikerin, die kosmopolitisch ihre Heimathäfen mit Berlin, Portland und Antwerpen benennt, gab zum Einstieg ein paar simple wie zupackende Folk-Songs zur E-Gitarre zum Besten, ließ sich zwischenzeitlich von EMA-Drummerin Susan begleiten und bestritt den Großteil des bizarren Auftritts dann Laptop-gestützt mit eingespieltem, groovendem Synthie-Pop-Playback formvollendet und Rampen-sauend als stimmlich groß auftrumpfende Disco-Soul-Queen, eine das Grinsen ins Gesicht treibende Aufführung so schräg wie unterhaltend, in der Form sowohl in den…

Ursprünglichen Post anzeigen 427 weitere Wörter

Advertisements

Arundhati Roy @International Literature Festival Berlin

IMG_7499

Fotos: A Kuscu

„India has always lived in several centuries simultaniously“

Arundhati Roy war vermutlich der Star des Internationale Literatur Festivals in Berlin. Meterlange Schlangen warteten auf Einlass zur Podiumsdiskussion mit ihr aus Anlass der Veröffentlichung ihres ersten Romans seit zwanzig Jahren „The Ministry of Utmost Ministry“.

Das muss man ihr natürlich auch erst einmal nachmachen. Gleich mit dem Erstlingswerk „The God of Small Things“ 1997 den Booker Prize gewinnen, dann zwanzig Jahre lang auf den nächsten Roman warten lassen und peng – dann gleich wieder auf der renommierten Shortlist des Booker Prizes zu landen.

Arundthai Roy ist die Grande Dame der indischen Literaturszene und hat in der Zwischenzeit alles andere als faul in der Hängematte gelegen. Sie hat ihre Bekanntheit nach dem Gewinn des Bookerprizes 1997 dazu genutzt, sich als Aktivistin um drängende politische Themen in Indien, aber auch außerhalb, zu kümmern. Sie hat sich für umweltschützende Maßnahmen wie z. B.  gegen den Bau von Dämmen in Indien engagiert, sich für die Unabhängigkeit Kashmirs und gegen Hindu-Nationalismus ausgesprochen, sich mit den Klagen auf Volksverhetzung der indischen Regierung auseinandergesetzt und jede Menge Essays und Non-Fiction Bücher produziert.

Ihr Werk umfasst dabei Bücher zum Thema Globalisierung, Kapitalismus, Demokratie und hat sie als politische Philosophin und Aktivistin auf die politisch-literarische Weltbühne katapultiert.

Ihre Essays haben sie oft genug in Teufels Küche gebracht und ihr viel Ärger und Abneigung eingehandelt. Fast jedes Mal nahm sie sich vor, aufzuhören, den Finger in die Wunde zu legen und Ärger zu machen, bis sie es nicht mehr aushielt und sie sich doch wieder zu Wort melden musste.

Immer wieder bekundet sie auch, dass es eigentlich das belletristische Schreiben ist, dem ihr Herz gehört „“To me, there is nothing higher than fiction. Nothing. It is fundamentally who I am. I am a teller of stories. For me, that’s the only way I can make sense of the world, with all the dance that it involves.”

 

In Berlin diskutierte sie ihren Roman mit Gabriele von Arnim und las daraus einige Passagen.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ beginnt mit Anjum, die aus Gründen, die später erläutert werden, auf einem Friedhof lebt. Anjum ist eine „Hijra“, ein hinduistischer Begriff, der sich frei mit Hermaphrodite, Eunuch, drittes Geschlecht oder Transgender übersetzen lässt. Seit ihrer Jugend lebt Anjum im Khwabgah, was soviel wie Schlafquartier, Haus oder Palast der Träume bedeutet und für sie ein Ort der Freiheit und der Selbstentfaltung ist. Zusammen mit den anderen Hijras bildet sie so etwas wie eine Familie.

Beim Besuch in einem Gujarati Schrein erlebt Anjum das Massaker an Hindu-Pilgern und die darauf folgende Vergeltung der Regierung gegen Muslime und zieht sich auf den Friedhof zurück. Sie legt ihre farbenfrohe weibliche Kleidung ab und kleidet sich in einen maskulinen Pathan Anzug und baut über den Gräbern einen Zufluchtsort, eine Art Schutzraum für Menschen, Tiere und Exzentrikern aller Art wie Obdachlose, Aussteiger, Unberührbare etc. Eine Republik der Verlorenen gegen die brutale Realität des zeitgenössischen Indiens.

Die Geschichte bringt uns von Dehli nach Kaschmir, wo Indien und Pakistan um die Kontrolle ringen und die Einwohner des vielleicht schönsten Tals der Erde sich in Flüchtlinge, Märthyrer, Freiheitskämpfer und Spione verwandeln.

Arundhati Roys Buch gleicht einem farbenfrohen Patchwork Teppich aus einzelnen Erzählsträngen. Schmerzhaft, lustig, sexy, realistisch, magisch und ausschweifend. Ich war mit dem riesigen Aufgebot an Personen überfordert. Mir fehlte die Dynamik in der Geschichte, viele Hauptpersonen verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Ich habe mich mit Arundthai Roys Buch sehr, sehr schwer getan.

Es ist definitiv ein Abbild des chaotischen, uneinigen Indiens mit dem Crescendo unterschiedlicher Stimmen und Stimmungen, aber es hat mich lange nicht so gepackt wie „The God of Small Things“.

Wir lesen den Roman auch noch gemeinsam im Bookclub und vielleicht werde ich durch die erneute Lektüre einige Zusammenhänge besser verstehen, momentan fühle ich mich etwas verloren.

Der Abend in Berlin hat mir Lust gemacht, mich mit ihren Essays zu beschäftigen, insbesondere die Serie „Things that can and cannot be Said“ über ihren Besuch mit John Cusack bei Edward Snowden klingt ausgesprochen spannend. Hier ein Artikel im Guardian darüber:

https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2015/nov/28/conversation-edward-snowden-arundhati-roy-john-cusack-interview

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexmplar „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Meine Woche

21686999_1619896228062986_6246817440584251179_o

Foto: V Ketel

Gesehen: „Metalhead“ (2013) von Ragnar Bragason. Coming-of-Age Film eines isländischen Teenagers, die den Verlust ihres Bruders durch Death Metal zu verarbeiten sucht. Melancholisch mit tollem Soundtrack und wunderschönen Bildern.

Memento“ (2000) von Christopher Nolan mit Guy Pierce und Cary-Anne Moss. Noir Thriller um einen Mann der keine Kurzzeit Erinnerungen aufbauen kann. Immer noch gut.

Gehört: „Treefingers“ – Radiohead, „Something in the Air“ – David Bowie, „What will never be“ – Andrew Liles, „Primer“ – Miles, „The Gate“ – Björk, „Svarthamar“ – Pétur Ben, „Undoing a Luciferian Towers“ – Godspeed You! Black Emperor

Gelesen: diesen Artikel in der Vogue über Joan Didion, warum von zu Hause arbeiten Standard sein sollte, Noah Yuval Harari über die drohende AI Apokalpyse, Klimawandel – wir schweigen uns zu Tode, diesen Artikel im New Yorker über Margaret Atwood, Isaac Asimovs Empfehlungen wie man nie mehr ideenlos ist

Getan: Gewählt, so so viele Meetings und Interviews, einen Workshop vorbereitet, mit einer Freundin auf ein Glas Wein getroffen und nach einer Tasche gesucht

Geplant: einen richtig guten Workshop durchführen

Gegessen: ein excellentes Dinner zum bestandenen Examen der Bingereader-Gattin im Hunsinger

Getrunken: Hemingways Mojito und Sancerre

Gelacht: die AFD Wähler sollen doch ein Hakenkreuz statt eines Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen, ist gleich besser erkennbar … und über Margaret Atwoods „The Handbags Tale“

Geärgert: das über die eigentlich wichtigen Themen Klimawandel und AI kaum jemand spricht und es im Wahlkampf fast keine Rolle spielt

Gefreut: über den wunderbaren Besuch aus Seattle

Gewünscht: diesen Johnnie Walker Black Label, dieses Geschirr, diesen Print

Geklickt: auf diesen Talk von Admiral William McRaven „Change the world by making your bed“

Gekauft: diese Tasche und ein paar Schuhe

Gefunden: die Biografie von Katharine Graham im offenen Bücherschrank

Gewundert: Lisa Simpson hat ihren eigenen Bookclub 🙂

Having a „Fiesta“ with Hemingway’s Mojito

Wer natürlich nicht fehlen darf in dieser illustren Runde ist der Drinks-Spezialist himself, Mr. Ernest Hemingway. „Fiesta“ oder auch unter dem Titel „The Sun also Rises“ las ich als Teenager zum ersten Mal und habe mich kopfüber in das Buch verliebt. Paris, spannende Menschen, Literatur und unglaublich viele Getränke die es für mich zu entdecken gab. Die erste Hälfte des Buches spielt ganz in er Nähe des Boulevard du Montparnasse, eine Ecke in der ich letztes Jahr in Paris auch einen „Hemingway Literary Walk“ mitmachte. Kann ich sehr empfehlen.

Was bei dem Buch wirklich auffällt ist, dass die Protagonisten nicht trinken wie ein Fisch, sondern fast schon wie ein Wal. Wow, die haben einen ganzen Ozean an Alkohol durchschwommen und haben dabei noch immer ganz passabel-interessante Gespräche geführt, wir wären wohl bei der Hälfte der Getränke, die da pro Kapitel vernichtet wurden schon klinisch tot.

Books & Booze Logo

Vielleicht hätte zu dem Buch ein französischerer Cocktail gepasst, aber der Mojito ist nun einmal einer der „Signature Drinks“, passt perfekt zu Hemingway und wir hatten große Lust auf einen.

 

Den perfekten Hemingway Mojito macht man so:

 

Zutaten

  • 6 Zweige Minze
  • 1 Limette
  • 1 Teelöffel Rohrzucker (weiß und möglichst fein)
  • 6 cl Rum (weiß)
  • Gecrushtes Eis Wasser (Soda) – wobei Hemingway statt Soda oder Eiswasser Champagner bevorzugt hat 😉

 

The Left Hand of Darkness – Ursula LeGuin

DSC_0225

 

Ich habe diese Rezension hier mehrfach angefangen, alles wieder gelöscht, wieder gestartet, ich finde es so schwierig, eine Besprechung zu schreiben, die diesem tiefgründigen und bewegenden Buch Rechnung trägt.

Vordergründig geht es in „The Left Hand of Darkness“ um einen Botschafter eines intergalaktischen Planetenverbandes, Genly Ai, die einen weiteren Planeten in ihre Union aufnehmen wollen. Die Welt, um die es geht, ist dabei recht einzigartig. Abgesehen davon, dass es sich um einen Planeten handelt, auf dem extreme Kälte herrscht, die es fast unmöglich macht, dass Leben auf dem Planeten existiert und der informell als Planet „Winter“ bezeichnet wird, die dort lebenden Humanoiden sind darüber hinaus ambisexuell. Den größten Teil des Monats sind sie weder weiblich noch Mensch, nur für einige Tage pro Monat, in denen sie sexuell aktiv sind, können sie weibliche oder männliche Attribute und Eigenschaften wählen.

Genly wird bei seiner diplomatischen Mission in politische Intrigen um Estraven verstrickt, ein ehemals enger Vertrauter des Königs. Genly landet im Gefängnis, ohne wirklich zu verstehen, was er eigentlich getan haben soll, Estraven wird vogelfrei gesprochen und des Landes verwiesen. Estraven rettet Genly aus dem Gefängnis und die beiden machen sich auf eine lange gefährliche Reise über das Eis aus zurück nach Karhide in eine ungewisse Zukunft hinein.

Es war gar nicht unbedingt der Plot, der mich so gefesselt hat bei dem Buch, den fand ich sogar ehrlich gesagt stellenweise etwas langatmig. Es war mehr die Intensität, die dahinterliegende Philosophie, der atemberaubende „Weltenbau“, all das zusammen fand ich ziemlich umwerfend.

Die Art und Weise wie Le Guin Gender, Sex, platonische Beziehungen und Gesellschaften durch die Augen des Botschafters erkundet, ist richtig richtig gut.

„There is no unconsenting sex, no rape. As with most mammals other than man, coitus can be performed only by mutual invitation and consent; otherwise it is not possible. 
Consider: There is no division of humanity into strong and weak halves, protective/protected, dominant/submissive, owner/chattel, active/passive. In fact the whole tendency to dualism that pervades human thinking may be found to be lessened, or changed, on Winter.“

Interessant fand ich, dass Le Guin das Pronomen „er“ wählt, wenn sie von einem Charakter spricht, wodurch der Roman trotz aller Androgynheit eine sehr männliche Welt in der Vorstellung der Leser kreiert.

”Do you know that sign?”
He looked at is a long time with a strange look, but he said, “No.”
“It’s found on Earth… It is yin and yang Light is the left hand of darkness… Light, dark. Fear, courage. Cold, warmth. Female, male. It is yourself. Both and one. A shadow on snow.”

Der Titel „Left Hand of darkness“ ist eine Zeile eines genthenischen Gedichtes das die Ganzheit einer Gesellschaft ohne Geschlechter ausdrückt, die isoliert und abseits am Rande des Universums existiert. Die Gethenians haben währen des „Kemmer“, der Phase sexueller Aktivität zwei Geschlechter, sind aber absolut gleichwertig. Es ist einzig das Geschlecht das teilt, nicht die Dualität.

In diesem Buch spürt man finde ich den Einfluss von Le Guins Eltern, in dem Thema des Erstkontaktes zwischen zwei komplett unterschiedlichen Kulturen. Ihr Vater war der Anthropologe Alfred Kroeber, ihre Mutter Theodora Schriftstellerin. Ihr Vater kümmerte sich um den letzten Überlebenden des Yahi Stammes in Amerika und ihre Mutter schrieb ein Buch darüber „Ishi in Two Worlds“. Le Guin hat des Öfteren gesagt, ihr Vater habe richtige Kulturen studiert und sie erfinde sie, was gar nicht so unterschiedlich sei.

The Left Hand of Darkness ist eine tiefgründige Geschichte voller Menschlichtkeit, Liebe, Entfremdung, Betrug und Akzeptanz. Es ist kein einfaches Buch, man muss sich ein wenig reinfinden und bereit sein sich draufeinzulassen, nachzudenken und zu reflektieren. Als ich drin war, konnte ich es gar nicht mehr aus der Hand legen und es ist ein Buch, bei dem man am Ende mehr Fragen hat als Antworten ,was in diesem Zusammenhang eine wirklich gute Sache ist.

„And I saw then again, and for good, what I had always been afraid to see, and hat pretended not to see in him: that he was a woman as well as a man. Any need to explain the sources of that fear vanished with the fear; what I was left with was, at last, acceptance of him as he was“

Elif Shafak @International Literature Festival Berlin (english version)

“THERE IS NO SUCH THING AS A WELL-MEANING DICTATORSHIP. NOR IS THERE ANY SUCH THING AS AN UNDEMOCRATIC NATION THAT IS STABLE.”

IMG_7583

Fotos: Aslihan Kuscu

I had a lot of people asking me for an english version of this text, so Eibleen ní Riaín was kind enough to translate the text – thanks a lot!

The Turkish author Elif Shafak opened the 17th International Literature Festival on September 6th, 2017. In her opening speech she discussed the crisis that democracy is experiencing worldwide and encouraged her fellow authors to take a stand for the preservation and development of democracy.

Shafak is the most famous female Turkish author and constantly struggles with death threats, verbal assaults and other repressive measures there. She grew up with her mother and grandmother, two women who had a huge influence on her and her writing. Her mother worked as a diplomat for many years and due to this Elif Shafak has a very cosmopolitan background. She has divided her place of residence between London and Istanbul for many years, a traveller between two worlds.

Her grandmother stands for belief and tradition and her mother for modernity and secularity, and London and Istanbul reflect these two poles she moves between.

Democracy is going downhill in Turkey, but not only there. If we take a look around we can see how fragile this model has become in many countries, how we have taken democracy for granted and how we are only waking up now as more and more autocrats who are undermining the system become increasingly powerful.

IMG_7608

The government in Turkey has been in power for 14 years and one can only look on helplessly as freedom of speech and the press are being eliminated, violence against women is growing, Islamism and attacks on intellectuals increasing. By now there are more journalists and writers in prison in Turkey than in China.

For many years Turkey saw itself as part of Europe. English, French and Italian literature was read and translated. Literature from the Middle East has only begun to be translated in the past few years, something which definitely should have happened earlier, but which distinctly demonstrates Turkey’s earlier leanings towards Europe and the swing towards a closer proximity to the Middle East.

Society is becoming more and more polarised in Turkey, just as in many other countries. People are being split up into „them“ and „us“. Believers against unbelievers, city dwellers against country folk, compromises are becoming increasingly impossible. And we shouldn‘t just lean back and describe this as typical „Muddle East“ behaviour. These schisms exist equally in the western European world and the rifts are constantly deepening. This is a dangerous development and the tight results of the elections in France, Austria and the Netherlands are just a brief respite.

IMG_7611

More and more people are questioning democracy, which they don‘t perceive as a model for the future. They want to persuade people that one has to decide between stability and democracy. However there cannot be any long-term stability in countries without democracy. Countries without democracy are unhappy countries and this leads sooner or later to massive problems.

A yearning for a „strong leader“ is widespread all over the world right now like never before. Progressive liberalism is under attack, is being intimidated and eroded. People long for the supposed good old times and the despots’ favourite phrase is „make Turkey/Hungary/Poland/Russia/US … great again“

Unfortunately I couldn’t find Elif Shafak’s talk at the Literature Festival in Berlin online, but I found a pretty similar one which she gave at the Oslo Peace Forum:

„We all need to become activists. We need to become activists for empathy, for diversity, for pluralistic democracy, and very importantly, for a global solidarity“

The Erdogan critic is very possibly in danger in her home country. She says „I was used to being one of the more dark and depressive speakers at international conferences. And I believe that there are a lot of Turkish authors who are pretty depressed and demoralised. But then again there were also authors from other countries, countries like Pakistan, Egypt, Venezuela, Nigeria or the Philippines who were also depressed. We listened to each other, smiled at each other, but emotionally there was always a clear difference between those of us who came from weak or wounded democracies and those who came from stable democracies.

This has changed over the past year, more and more authors are joining the team of the depressed and these authors now come from Europe: from Hungary, Poland, even from Austria, Holland and France. And even authors from the UK, where I live – suddenly there were more and more of us, all worried about the fate of their country and that of the world,“ says Shafak.

We were supposed to do a personal interview with Elif Shafak but unfortunately her flight had a two-hour delay and it didn‘t work out. I flew to Berlin with my friend Aslihan, who is probably the biggest Elif Shafak in the world and who took all the wonderful photos you can see here.

After her speech Elif Shafak took an incredible amount of time for all the people who wanted one (or more) of her books signed or wanted to have their photo taken with her. The queue was unbelievably long, there were so many young Turkish people, who absolutely adore Elif Shafak.

We got the opportunity to speak to Elif Shafak for a short while and – although I already felt a certain emotional connection with this incredibly intelligent and interesting author – after her talk and our brief meeting I am an even bigger fan.

Her latest novel “Three Daughters of Eve” is about three women who are studying in Oxford and become friends. Shirin, Mona and Peri: The sinner, the believer and the confused.

The book describes the current deep rift within Turkish society. When different groups are totally convinced of the absolute correctness of their own opinion conflict is inevitable. Religion continues to be the centre of most of these debates. In her novel Elif Shafak creates the figure of Azur, a controversial Oxford professor, who encourages his students to debate different belief systems in order to put a check on the deplorable custom „The Malady of Certainty“. You can’t just register for his seminar; you have to be chosen by him and be invited to discuss the philosophical relevance of God.

The central character Peri has grown up with a secular Kemalist father and a deeply religious mother which has left her rather confused about God. She is joined by the politically active and devout Muslima Mona and the liberal bi-sexual atheist Shirin, who comes from Iran.

Teile des Buches spielen im heutigen Istanbul und insbesondere während der Dinnerparty gibt es wahnsinnig gute Passagen und ich kam aus dem Unterstreichen kaum heraus.

Parts of the book are set in modern-day Istanbul and there are some amazing passages, particulary during the dinner party. I just couldn’t stop underlining!

„Frankly, I don’t believe in democracy“, said an architect with a crew cut and perfectly groomed goatee… Take Singapore, success without democracy. China. Same. It’s a fast-moving world. Decisions must be implemented like lightning. Europe wastes time with petty debates while Singapore gallops ahead. Why? Because they are focused. Democracy is a loss of time and money“.

IMG_7317

I really enjoyed parts of the book but found other parts too contrived and for someone (me) who is a little too convinced that she knows exactly what she believes the constant confrontation with religion was a bit much.

Before the opening speech there was a performance by the actress Zoran Volantes. Sitting in a cage she read out texts by the imprisoned author Aslihan Erdogan and other imprisoned or endangered authors.

IMG_7282

The meeting with Elif Shafak left me deeply impressed and her talk moved me immensely. I realized yet again how fragile democracy is at present and how important it is not to take it for granted but to fight for it and declare one’s solidarity with all progressive liberal people worldwide, no matter where they be.

FullSizeRender343

 

Elif Shafak @International Literature Festival Berlin

“There is no such thing as a well-meaning dictatorship. Nor is there any such thing as an undemocratic nation that is stable.”

IMG_7583

Fotos: Aslihan Kuscu

Die türkische Autorin Elif Shafak eröffnete am 06.09.17 das 17. Internationale Literaturfestival. Ihre Eröffnungsrede beschäftigt sich mit der Krise, in der sich die Demokratie weltweit befindet und ermuntert insbesondere ihre Schrifsteller-Kollegen, sich stärker für den Erhalt und Ausbau der Demokratie einzusetzen.

Shafak ist die bekannteste Schriftstellerin der Türkei und hat dort immer wieder aufgrund ihrer politischen Äußerungen mit Morddrohungen, Beschimpfungen und anderen Repressalien zu kämpfen. Sie wuchs bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf, zwei Frauen, die sie und ihr Schreiben weitgehend beeinflussen. Ihre Mutter war lange Jahre als Diplomatin tätig und Elif Shafak hat daher einen ausgesprochen kosmopolitischen Hintergrund. Ihren Wohnsitz hatte sie lange Jahre sowohl in London als auch in Istanbul, eine Pendlerin zwischen den Welten.

So wie ihre Großmutter für Glaube und Tradition und ihre Mutter für Moderne und Säkularität steht, so spiegeln auch London und Istanbul die zwei Pole wider, zwischen denen sie sich bewegt.

Die Demokratie ist nicht nur in der Türkei den Bach runtergegangen, wenn wir uns umschauen, müssen wir mit Schrecken feststellen, wie brüchig dieses Modell in vielen anderen Ländern ist, wie selbstverständlich wir die Demokratie genommen haben und erst jetzt, wo mehr und mehr Autokraten sie unterwandern, wachen wir langsam auf.

IMG_7608

Die Regierung in der Türkei ist seit über 14 Jahren an der Macht und fassungslos muss man beobachten, wie Meinungsfreiheit und Pressefreiheit eliminiert werden, Gewalt gegen Frauen wächst, Islamismus und Angriffe auf Intellektuelle um sich greifen. Mittlerweile sitzen mehr Journalisten und Schriftsteller in der Türkei im Gefängnis als in China.

Viele Jahre lang hat sich die Türkei Europa zugehörig gefühlt. Es wurde englische, französische, italienische Literatur gelesen und übersetzt. Erst in den letzten Jahren wurden Autoren aus dem mittleren Osten übersetzt, eine Tatsache die sicherlich schon früher hätte geschehen sollen, die aber zeigt, wie sehr die türkische Gesellschaft Europa zugewandt war und wie sehr sie jetzt die Nähe zum Mittleren Osten sucht.

In der Türkei wie auch in anderen Ländern polarisiert sich die Gesellschaft immer mehr. Die Menschen werden gespalten in „die“ und „wir“. Gläubige gegen Ungläubige, Stadtbewohner gegen Landbewohner, Kompromisse sind immer seltener möglich. Und wir sollten uns auf keinen Fall entspannt zurücklehnen und das ganze als typisches „Muddle East“ Verhalten einordnen. Diese Spaltungen gibt es genauso in der westeuropäischen Welt und die Gräben werden immer tiefer. Eine gefährliche Entwicklung, die knappen Wahlerfolge in Frankreich, Österreich und den Niederlanden sind nur ein kurzes Aufatmen.

IMG_7611

Es gibt mehr und mehr Menschen, die die Demokratie in Frage stellen, die sie definitiv nicht für ein zukunftsfähiges Modell halten. Die den Menschen einreden wollen, man müsse sich zwischen Stabilität und Demokratie entscheiden. Es gibt aber keine langfristige Stabilität in nicht-demokratischen Ländern. Länder ohne Demokratie sind unglückliche Länder und das führt kurz oder lang zu Problemen.

Die Sehnsucht nach dem „starken Führer“ ist momentan in der Welt verbreitet wie noch nie. Progressiver Liberalismus wird angegriffen, eingeschüchtert und aufgeweicht. Man sehnt sich nach vermeintlich goldenen alten Zeiten und der Lieblingsspruch der Despoten ist „make Turkey/Hungary/Poland/Russia/US … great again“

Leider konnte ich den Vortrag von Elif Shafak auf dem Literaturfestival in Berlin nicht online finden, allerdings habe ich einen recht ähnlichen gefunden, den sie auf dem Oslo Friedens Forum gehalten hat:

„We all need to become activists. We need to become activists for empathy, for diversity, for pluralistic democracy, and very importantly, for a global solidarity“

In ihrem Heimatland ist die Erdogan-Kritikerin sehr wahrscheinlich gefährdet. Sie sagt „Ich war es gewöhnt, bei internationalen Konferenzen zu den eher düsteren, deprimiert Vortragenden zu gehören. Und ich glaube, dass es viele türkische Autoren gibt, die ziemlich deprimiert und demoralisiert sind. Aber dann waren da gewöhnlich auch Autoren aus anderen Ländern, aus Ländern wie Pakistan, Ägypten, Venezuela, Nigeria, den Philippinen, die auch deprimiert waren. Wir hörten uns gegenseitig zu, lächelten uns an, aber gefühlsmäßig gab es da immer noch ein Unterschied zwischen denen von uns, die aus wackeligen oder verwundeten Demokratien, und denen, die aus stabilen Demokratien kamen.

Im letzten Jahr habe sich das geändert, immer mehr Autoren treten dem Team der Deprimierten bei und diese kommen jetzt Europa: aus Ungarn, Polen, selbst aus Österreich, Holland und Frankreich. Und sogar Schriftsteller aus dem Vereinigten Königreich, wo ich lebe – plötzlich waren da immer mehr von uns, die sich um das Schicksal ihrer Länder und das der Welt Sorgen machten“, sagt Shafak.

Eigentlich hätten wir die Gelegenheit haben sollen, ein persönliches Interview mit Elif Shafak zu führen, doch leider hatte ihr Flug zwei Stunden Verspätung und daher hat es leider nicht geklappt. Ich bin mit meiner Freundin Aslihan nach Berlin geflogen, die der vermutlich weltgrößte Fan von Elif Shafak ist und die auch die ganzen wunderbaren Fotos hier aufgenommen hat.

Elif Shafak hat nach sich Abschluss ihrer Rede wahnsinnig viel Zeit für all die Menschen genommen, die sich ein (oder mehrere) ihrer Bücher signieren oder ein Foto mit ihr machen lassen wollten. Die Schlange war ewig lang, sehr sehr viele junge Türkinnen und Türken, die Elif Shafak aufs Höchste verehren.

Ein kurzer Austausch war uns möglich mit Elif Shafak und auch wenn ich vorher schon Symphatien hatte für diese unglaublich kluge und interessante Autorin, nach dieser Rede und dem kurzen Kennenlernen bin ich noch einmal mehr Fan.

In ihrem neuesten Roman „Three Daughters of Eve“ geht es um drei Frauen, die in Oxford studieren und sich anfreunden. Shirin, Mona und Peri : The sinner, the believer and the confused.

Der Roman nimmt Bezug auf die aktuelle tiefe Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft. Wenn unterschiedliche Gruppen von der absoluten Richtigkeit ihrer Meinungen überzeugt sind, ist Konflikt unausweichlich. Religion ist auch weiterhin im Zentrum der meisten dieser Debatten. Elif Shafak erschafft in ihrem Roman die Figur von Azur, einem kontroversen Oxforder Professor, der seine Studenten ermuntert, in seinem Seminar über unterschiedliche Glaubenssysteme zu debatieren, um der Unsitte der „Malady of Certainty“ Einhalt zu gebieten. Zu seinem Seminar kann man sich nicht einfach anmelden, man wird von ihm eingeladen und ausgewählt, die philosophische Bedeutung Gottes zu diskutieren.

Neben der Protagonistin Peri, die mit einem sekulären Kemalisten als Vater und einer tiefgläubigen Mutter aufwächst und mit Bezug auf Gott eher verwirrt ist, nimmt ihre politisch aktive und gläubige Muslimin Mona und die freizügige, bisexuelle atheistische Shirin teil, eine Iranerin.

Teile des Buches spielen im heutigen Istanbul und insbesondere während der Dinnerparty gibt es wahnsinnig gute Passagen und ich kam aus dem Unterstreichen kaum heraus.

„Frankly, I don’t believe in democracy“, said an architect with a crew cut and perfectly groomed goatee… Take Singapore, success without democracy. China. Same. It’s a fast-moving world. Decisions must be implemented like lightning. Europe wastes time with petty debates while Singapore gallops ahead. Why? Because they are focused. Democracy is a loss of time and money“.

IMG_7317

Teile des Buches haben mir sehr gefallen, andere fand ich ein wenig zu konstruiert und für eine, die auch ein bisschen zu sehr davon überzeugt ist, zu wissen was sie glaubt, war die pausenlose Auseinandersetzung mit Religion ein bisschen viel.

Vor der Eröffnungsrede gab es im Foyer der Berliner Festspiele eine Inszenierung in der die Darstellerin Zoran Volantes im Käfig sitzend, Texte der inhaftierten Autorin Aslihan Erdogan und anderen inhaftierten oder gefährdeten türkischen Autoren vorlesend.

IMG_7282

Mich hat das Treffen mit Elif Shafak sehr beeindruckt und ihre Rede hat mich sehr bewegt. Wie fragil die Demokratie momentan ist, ist mir danach noch einmal mehr bewusst geworden und wie wichtig es ist, sie nicht als etwas selbstverständliches zu sehen, sondern um sie zu kämpfen und sich mit den progressiven liberalen Menschen weltweit noch viel stärker zu solidarisieren.

FullSizeRender343