Meine Woche

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Gesehen: Ex Libris: The New York Public Library (2017) von Frederick Wiseman. Doku darüber, wie eine dominante kulturelle Institution ihre traditionellen Aktivitäten aufrechterhält und gleichzeitig die Digitalisierung voranbringt.

Mean Girls (2004) von Mark Waters mit Lindsay Lohan, Rachel McAdams, Tina Fey und Amy Schumer. Einer der besten coming-of-age/High School Filme mit tollem Cast und wirklich witzig.

Clueless (1995) von Amy Heckerling mit Alicia Silverstone. Auch ein guter High School Film, der aber deutlich weniger gut gealtert ist finde ich.

Black Mirror: Bandersnatch (2018) von David Slade mit Fionn Whitehead. 1984 beginnt ein junger Programmierer, die Realität in Frage zu stellen, als er einen dunklen Fantasy-Roman in ein Videospiel adaptiert. Interaktiver Film mit multiplen Enden. War ok.

Gehört: Are you a magician – SOKO, , Viola da Gamba – Carl Friedrich Abel/Shirley Edith Hunt, Again – Archive, I just wanna live – Keedron Bryant, Intro – Besides

Gelesen: The truth behind filter bubbles, Margaret Atwoods Artikel über Aldous Huxleys „Brave New World„, Michael Pollan on the sickness in our food supply, diesen Artikel über Hilda af Klint, Will Covid-19 reverse globalisation? What will your office look after lockdown? Rebecca Solnit: the slow road to sudden change

Getan: ein virtuelles Bookclub Meeting, Dinner mit einer Freundin, ins Büro geradelt und nass geworden

Geplant: ein beruflicher Trip ins Rheinland

Gegessen: sehr lecker bei unserem sardischen Abend: Fregola, Käse und Pane Carasau

Getrunken: “Korem” Bovale Isola dei Nuraghi 2016

Gefreut: über unseren neuen Balkontisch und die Solar-Lämpchen

Geärgert: über JK Rowling und Warren Ellis

Geklickt: Barack Obama on cancel culture, Vote him away und auf diesen Twitter Feed von Anne Roth warum Politik oft so unlogisch ist

Gestaunt: über diesen Roboter

Gelacht: über diesen Adler

Gewünscht: diesen Messerblock, dieses Haus, diese Schuhe

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: „I like people who refuse to speak until they are ready to speak“
//Lillian Hellman:

Meine Woche

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Gesehen: „Portrait of a Lady on Fire“ (2019) von Céline Sciamma mit Adèle Haenel und Noémie Merlant. Der Film wird mit jedem Mal besser – wunderschöne Bilder, mausert sich zu einem meiner Lieblingsfilme.

Parasite (2019) von Bong Joon-ho. Interessantes Sozialdrama mit viel Witz, der jeden Oscar verdient hat. Großartige Darsteller und ich möchte bitte auf der Stelle in das Haus einziehen 😉

BlaKKKlansman (2018) von Spike Lee mit John David Washington und Adam Driver. Ein Afro-Amerikanischer Polizist unternimmt mit seinem jüdischen Kollegen in den 1970er Jahren eine Undercover Operation um den Ku Klux Klan zu infiltrieren. Basiert auf wahren Begebenheiten. Sehr interessant.

Gehört: The Engine of Night – Rat Abbey, Intro – The XX,  Home Diaries 007 – Jazzdefector, Immersion: three – Steve Roach, Kind Of – Mano Le Tough, Leaving – Planning for Burial, Mendelssohns Violinkonzert in e-moll – Anne Sophie Mutter

Gelesen: Julia Jäkel – Zurück in der Männerwelt, What do famous people’s bookshelves reveal? Death of the office, Women’s resilience is saving the world, Clemens Setz schimpft über Elon Musks Starlink Satelliten, dieses Interview mit Johannes Kleske, diesen Artikel über Li Ziqui

Getan: viele Meetings, das Münchner Büro zum Desinfizieren freigeräumt, viel geradelt

Geplant: endlich wieder in einen Buchladen und virtuell ins Theater gehen

Gegessen: Scones

Getrunken: Taiwanesischen Whisky (sehr lecker)

Gefreut: über eine Büchersendung

Geärgert: nö

Geweint: nein

Geklickt: auf dieses Interview mit Adèle Haenel und Noémie Merlant, why 1.5 billion people eat with chopsticks, Cheryl Strayed interviewt Margaret Atwood  und auf diese, diese und diese Bücherliste und das Geheimnis der Sea Monkeys endlich gelöst 😉

Gestaunt: über die Videos von Li Diqui (kann gar nicht mehr aufhören, die sind so schön und beruhigend irgendwie ;))

Gelacht: über meine Reisepläne und die vielen Aluhutträger momentan

Gewünscht: das Parasite House, dieses Tshirt, diese floating plants

Gefunden: nix

Gekauft: gebrauchte Klassik-CDs

Gedacht: Poetry is language made special

Meine Woche

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Gesehen: The Heat (2013) von Paul Feig mit Sandra Bullock und Melissa McCarthy. Was für ein riesen Spaß. Unbedingt anschauen – die zwei sind ein Hammer Duo.

The Ritual (2017) von David Bruckner. Schon wieder Horror in Schweden, so schnell machen wir da keinen Urlaub. 4 Dudes werden im Wald von einem Monster gejagt. Sehr spannend und sehenswert.

Margaret Atwood: Aus Worten entsteht Macht von Peter Raymont und Nancy Lang. Spannende Doku über eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen. Noch bis 15.6. auf Arte zu sehen.

Gehört: Radiohead Live in Dublin, Diorama live in Reutlingen, David Lynch – Good Day Today, Ocean Eyes – Billy Eilish, Birthmarks – Hilary Woods, You Say – Lauren Daigle, Mountain Baby – Austra , Lo/Hi – The Black Keys, Vacation – Honey Cutt

Gelesen: Die Zeit und Forbes Magazin fragen sich ob weiblich regierte Staaten besser auf die Pandemie reagieren, Björk interviewt sich selbst, Fran Lebowitz „the patron saint of staying home and doing nothing“ wird interviewt, Allein im Hotel Adlon, I don’t want to be your content

Getan: endlos viele Teams, Zooms, FaceTime Meeings – das ist was ich am meisten vermisse: Unterhaltungen ohne screen (was spricht eigentlich gegen das gute alte telefonieren???)

Geplant: laufen gehen und Yoga machen

Getrunken: Tee & Wein

Gefreut: das die Buchläden wieder aufmachen und diese talentierte Familie

Geärgert: Warum diese Deppen nicht verstehen: Die relativ niedrige Anzahl von Infizierten und Toten gibt es WEIL die Maßnahmen getroffen wurden. Und nicht, wie sie glauben: Maßnahmen wurden getroffen obwohl eh nix war. (inspiriert von Twitter)

Geklickt: auf diesen TED Talk von Barbara Sher  und dieses Interview von Stephen Colbert mit Cate Blanchett

Gestaunt: über den Exoplanet Kepler 1649c und über seltsamste Verschwörungstheorien zu Impfungen und Covid-19 im entfernten Bekanntenkreis (manchen Leuten scheint social distancing echt nicht zu bekommen)

Gelacht: If 2020 was a slide

Gewünscht: dieses Notizbuch, diese Zahnbürstenhalter, dieses Outfit

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: Absence of evidence is not evidence of absence

Mein Lesejahr 2019

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Erst wollte ich nicht, dann dachte ich es sei eh zu spät, aber da die Erfinderin dieser wunderbaren Blogparade, die Frauenleserin,  auch erst vor ein paar Tagen ihren Beitrag veröffentlichte, spring ich einfach mit auf den Zug und teile mit Euch mein Lesejahr:

Diese Fragen galt es zu beantworten:

  1. Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

    Ich habe unglaubliche 108 Bücher bei Goodreads geloggt, wobei da auch ein paar Comics dabei waren. Trotzdem eine stattliche Zahl, die mich selbst überrascht hat. Davon waren 56 Bücher von Autorinnen. Also ganz knapp mehr als die Hälfte.
    Rezensiert habe ich alle – glaube ich zumindest.

  2. Welches Buch einer Autorin ist Dein Lesehighlight in 2019? (Warum?)

    Hier würde ich die für mich gerade entdeckte Christa Wolf nennen, von der ich im Urlaub auf Naxos „Kassandra“ und „Medea“ gelesen habe und die mich sehr begeistert hat.

    Eine weitere Überraschung war Jenny Erpenbeck, deren Roman „Gehen, Ging, Gegangen“ zu einem absoluten Highlight zählt.

    Final möchte ich noch die Interviewbände aus dem Kampa Verlag nennen, die mich jedes Mal wieder sehr begeistern. Dieses Jahr las ich die Interviews mit Siri Hustvedt und Margaret Atwood und konnte beide gar nicht aus der Hand legen. Ich liebe diese Reihe.

  3. Welche Autorin hast Du in 2019 für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

    Wie oben erwähnt war das Christa Wolf für mich. Möchte jetzt unbedingt nach und nach alles von ihr lesen. Was sie für mich so besonders macht kann ich gar nicht sagen. Sie schreibt einfach irre gut, ihre Biografie macht mich neugierig, ihre Bücher sind klug, sie beobachtet genau und sie empfindet Wärme für ihre Protagonist*innen.

  4. Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich besonders beeindruckt (und warum?)

    Ich habe 2019 unglaublich viel von und über Virginia Woolf und Vita Sackville-West gelesen und von daher würde ich diese beiden Autorinnen nennen.

  5. Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2020 unbedingt lesen?

    Da gibt es so einige Autorinnen. George Eliots „Middlemarch“ ist wohl eher ein größeres Projekt für die Weihnachtstage am Ende des Jahres.

    Ich lese gerade die aktuelle Nobelpreisträgerin und möchte dieses Jahr unbedingt endlich etwas von Herta Müller lesen. Als ich mir die Liste der Literatur-Nobelpreisträgerinnen mal ansah, bin ich echt erschrocken. In all den Jahren haben gerade einmal 14 Frauen den Preis verliehen bekommen. Schwach, wenn man bedenkt der Preis wird seit 1901 vergeben und es gab glaube ich nur 6x kriegsbedingt nicht vergeben.

    Könnte also durchaus sein, dass ich eine kleine Reihe starte #Nobelpreisträgerinnen lesen, eine weitere neue Reihe die ich definitiv für 2020 plane sind die #FemmesdesLettres.

    #WomeninSciFi und #WomeninScience gehen aber auf jeden Fall auch weiter.

    Wie war dein Lesejahr 2019? Man kann noch bis zum 23.01. an der Blogparade  der Frauenleserin teilnehmen.

Book-a-Day Challenge Day 21

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Die von mir sehr geliebte Interview Buch-Reihe „Kampa Salon“ trifft nach  meiner Lieblingsschriftstellerin 1 Siri Hustvedt auf Lieblingsschriftstellerin 2 Margaret Atwood, da geht doch zumindest literarisch das Jahr überaus versöhnlich zu Ende.

Der unter anderem für die „Zeit“ arbeitende Journalist Caspar Shaller interviewte die Booker Gewinnerin 2019 zwei Tage lang in einem Café in Toronto im Herbst 2018 und selbst ein ausgesprochenes Fangirl wie ich, konnte noch eine Menge spannendes über die Autorin erfahren.

Der Journalist staunt darüber wie klein Ms Atwood und wie groß ihre Sonnenbrille ist, er freut sich über ihren frechen schwarzen Humor und die beiden sprechen zwei Tage lang über Atwoods Kindheit in den kanadischen Wäldern, ihre Gedichte, die #MeeToo-Debatte, die unterschiedlichen Feminismus-Ausprägungen, über Religion, die Post-Truth-Ära (bei dem Wort vertippe ich mich jedes Mal und schreibe Post-Trump – hach ja) und über den Klimawandel.

Außerdem gibt Atwood dem Autor Tipps wie man im Bedarfsfall aus einem Wald herausfindet und hilft ihm für sich eine familienfreundliche Kanada-Reise zu planen.

Sie gilt fast schon als Prophetin durch ihre Romane in denen ökologische Katastrophen, die Rückkehr des Faschismus thematisiert wurden, bevor überhaupt in der breiten Masse darüber nachgedacht wurde. Sie verrät wenig über die Fortsetzung „Die Zeuginnen“ ihres dystopischen Welterfolgs „Der Report der Magd“ der zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht erschienen war und deren rote Roben der Figuren aus Buch und Serie haben sich zwischenzeitlich zu einem Meme der Anti-Trump Bewegung entwickelt.

Ich hatte das Glück Margaret Atwood vor ein paar Jahren bei einer Lesung im Münchner Literaturhaus in erstaunlich kleiner Runde kennenzulernen und war da schon von ihrer unglaublichen Intellekt, ihrem politischen Gespür und ihrem Humor beeindruckt und fand es klasse, wie sehr sie sich politisch engagiert mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und sich öffentlich insbesondere für Maßnahmen gegen den Klimawandel einsetzt.

Margaret Atwood wurde 1939 in Ottawa geboren und gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr umfangreiches Werk umfasst zahlreiche Romane, Gedichte, Essays, Kurzgeschichten etc. Nicht zuletzt die großartige Verfilmung ihres Jahrhundert-Romans „Der Report der Magd“ haben die Autorin in den letzten Jahren zu einer Leitfigur insbesondere für junge Menschen werden lassen.

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Wer dringend ein Buch braucht, der kann beim Kampa Verlag wirklich unbedenklich blind jeden Band aus der Kampa-Salon Reihe greifen und wird immer ein sehr spannendes, zum Nachdenken anregendes Interview finden.

Ich denke ich werde nach und nach jeden Band lesen, denn man schlägt das Buch definitiv etwas klüger zu als man es begonnen hat.

Ich möchte euch auch das Interview mit Siri Hustvedt, das ich hier kürzlich besprochen habe ans Herz legen, sowie das Gespräch mit Susan Sontag und Hannah Arendt.

Ich danke dem Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar.

Dystopien & Skurriles

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Es gab Kriege und die Zivilisation ist in finstere Zeiten zurückgefallen. Die Leute überleben irgendwie, einige haben alles verloren andere sind kurz davor alles zu verlieren.

”A haggard man used one of the huts as a home. He lay on a sagging mattress, his head on his pack, surrounded by rubbish–paper, porcelain shards, food remains, and unidentifiable debris. His hand was over his eyes. He looked like a failed soldier. Dirt seemed so worked into him that the lines of his face were like writing.”

Und dann sind da noch die verwaisten Kinder, die in der Stadt zusammenleben, die sich zusammen geschlossen haben, um irgendwie zu überleben.

Der Vater des Jungen ist ein Schlüsselmacher. Er macht Schlüssel, die in alte Maschinen passen. Er macht Schlüssel für Wettermaschinen, für Schlösser, die Herzen öffnen und alles was er tut ist geheimnisvoll und mysteriös. Aberglaube ist die neue Religion, genau wie ein Voodoo-Zauber nur funktioniert, wenn man an ihn glaubt.

Der Junge lebt oben auf dem Berg. Das macht ihn zu einem „Uphiller“. Er hat Dinge gesehen und er weiß Dinge über seinen Vater, die ihm keiner glaubt.

”I knew that, by whatever means he’d killed it, it was not to eat. I wanted to cry; I stood still.“

Da ist dieses Loch in der Höhle, ein tiefes Loch ohne Boden. Ein Loch, das vielleicht bis zum Mittelpunkt der Erde geht. Als seine Mutter verschwindet, bekommt er Alpträume.

”I thought of my mother’s hands hauling her up. Of her climbing all grave-mottled and with her face scabbed with old blood, her arms and legs moving like sticks or the legs of insects, or as stiff as toys, as if maybe when you die and come back you forget what your body is.”

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Aber sein Vater behauptet steif und fest, die Mutter würde noch leben. Als der Mann, der die Menschen zählt kommt, sieht der Junge in ihm die einzige Chance herauszubekommen, was mit seiner Mutter passiert ist. Was das eigentliche Geheimnis seines Vaters ist.

“He said, You’ll write it not because there’s no possibility it’ll be found, but because it costs too much to not write it.”

Das ist eines der abgefahrensten, merkwürdigsten Bücher die ich seit langem gelesen habe und ich fand es großartig. Es ist sehr kafkaesk in dem Gefühl, dass man keine Möglichkeit hat, den Ereignissen zu entkommen. Es dauert eventuell, bis man hineinfindet in diese düstere Welt, aber irgendwann hebt sich der Nebel.

Für mich hätte das Buch gut noch ein paar Hundert Seiten haben können, ich hätte zu gerne gewusst, wie es weitergeht. Ich hätte nur zu gerne das verschwundene Notizbuch gefunden …

Der Roman hat auch durchaus Gothic Elemente, die Schatten, das bedrohliche Unbekannte, der sich ständig aufbauende blanke Horror. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, wollte unbedingt einen Weg finden, dem Jungen zu helfen, vom Berg zu entkommen.

Das wird ganz sicher nicht mein letzter Miéville sein, ich habe Blut geleckt. Hat eigentlich noch jemand das Bild oben in seinem Buch gehabt? Oder lag nur meinem eines bei? Es sieht so sehr aus wie ich mir die Brücke zur Stadt vorgestellt habe, dass ich auf der einen Seite annehme, es handelt sich um eine Beilage zum Buch vom Verlag, auf der anderen Seite sieht es aus wie ein ganz normales Foto – hinten steht auf jeden Fall „The census maker“ und ein Datum drauf. Sehr mysteriös – wie das Buch.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Dieser Volkszähler“ beim Liebeskind Verlag.

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Bei Margaret Atwoods Nachfolger zum weltberühmten „The Handmaids Tale“ sollte man vor Lektürebeginn ganz klar seine Erwartungshaltung in den Griff bekommen. „The Testaments“ ist spannende Unterhaltung, aber eventuell keine Weltliteratur wie sein Vorgänger.

Es unterscheidet sich von dem 1985 erschienenen „The Handmaids Tale“ was den Ton, und die Stimme der Protagonisten und auch was die literarische Güte angeht. Der frühere Roman hat eine Kraft und eine Gewichtigkeit, mit der „The Testaments“ nicht mithalten kann.

Offred war so sehr Gefangene ihrer Umstände, ihre Isolation für den Leser unmittelbar beklemmend spürbar. Sie ist völlig passiv, hält die Füße still und versucht nur von einem Tag zum nächsten zu überleben, während andere Charaktere im Buch (Moire zum Beispiel oder Ofglen) deutlich aktiver versuchen, das Regime in Gilead zu unterwandern. Offred war eine absolute Durchschnittsfrau, die den Leser stets mit der Frage konfrontiert „Was hättest Du in meiner Situation gemacht – und mach Dir bloß nix vor“.
Der Roman war völlig hoffnungslos, die Kraft des Romans lag in seinem intimen Portrait völliger Hilflosigkeit.

„The Testaments“ ist dagegen viel Action geladener, viel hoffnungsvoller und dadurch aber vielleicht auch deutlich weniger realistisch. Man folgt den Stimmen dreier unterschiedlicher Protagonisten, die alle drei absolut bereit sind, sich dem System zu widersetzen. Sie riskieren alles, um die Patriarchie zu beenden. Zwei der drei Protagonistinnen sind Teenager, ich glaube, auch Margaret Atwood sieht unsere einzige Hoffnung auf Rettung in der Jugend.

Dieser Wandel wird insbesondere den Fans der TV Serie „The Handmaids Tale“ bekannt vorkommen. Wahrscheinlich haben sowohl Margaret Atwood als auch die Produzenten der Serie das Gefühl, dass die Menschen jetzt einfach Hoffnung und eine Katharsis brauchen, die ein gewonnener Kampf gegen all die Vollidioten in der Welt mit sich bringt.

Nein, keine große Literatur – aber ein sehr unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Die Zeuginnen“ beim Piper Verlag.

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The October Country ist eine Sammlung an Kurzgeschichten ohne jeglichen Science Fiction Bezug, die eher im Bereich des Okkulten, Makabren und Düsteren anzusiedeln sind.

 “The October Country … that country where it is always turning late in the year. That country where the hills are fog and the rivers are mist; where noons go quickly, dusks and twilight linger, and midnights stay. That country composed in the main of cellars, sub-cellars, coal bins, closets, attics and pantries faced away from the sun. That country whose people are autumn people, thinking only autumn thoughts. Whose people passing at night on the empty walks sound like rain.”

Die Kritiken überschlagen sich für diese Sammlung an Kurzgeschichten und sie sind auf jeden Fall gut geschrieben. Es sind definitiv keine „Horrorgeschichten“, denn sie sind nicht sonderlich gruselig, aber sie sind skuril und sie haben teilweise etwas verstörendes.

Passende Lektüre für den Horroctober, kurz vor Halloween. Besonders mochte ich die Geschichten „Skeleton“, „The Emissary“ und „The Scythe“. Ein unterhaltsamer Kurzgeschichtenband, aber komplett umgehauen war ich jetzt nicht.

Auf deutsch erschien dieser Kurzgeschichten-Band unter dem Titel „Familientreffen“ im Diogenes Verlag.

Was ist für euch perfekte Halloween-Lektüre?

Meine Woche

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Gesehen: „La belle saison“ (2015) von Catherine Corsini. Delphine und Carole finden den Feminismus und die Liebe in den 1970ern in Paris und auf dem Land. Sehr schöner Film.

Drag me to Hell“ (2009) von Sam Raimi. Christine hat einen guten Job, einen netten Freund und eine strahlende Zukunft aber in drei Tagen wird sie in der Hölle landen. Solider Horror.

Gehört: „Move over“ – Janis Joplin, „Neu!“ – Neu!, „Tow’rs“ – Vanilla Pines, „17“ – Sharon van Etten, „Trackerplatz“ – 65daysofstatic, „Deranged for Rock & Roll – Chelsea Wolfe, „Death is not the end“ – Kylie Minogue, Nick Cave, Shane McGowan & Blixa Bargeld, „Warm Leatherette“ – Grace Jones

Gelesen: dieses Interview mit Linda Hamilton und dieses mit Margaret Atwood zu ihrem neuen Buch „The Testaments“, The tyranny of the ideal woman, How the prison economy works, why are there so many weird tech patents? A woman’s greatest enemy? A lack of time to herself

Getan: einen sehr schönen Abend mit Freunden in einer Weinbar verbracht, die lieben Schwiegereltern in Dortmund getroffen und den BVB gewinnen sehen und das Stadion angeschaut

Geplant: einen richtig guten Leadership Workshop durchführen und später noch lesen auf der Dachterrasse

Gegessen: Penne Arrabiata mit Walnuss-Parmesan

Gefreut: Orphan Black geht als Hörbuch/ebook weiter 🙂

Geweint: nein

Geklickt: auf diesen Bericht über den Tiefseeforscher Oliver Franklin-Wallis und auf Women you should know

Gelacht: I pay therefore I am

Gestaunt: über die tollen Bilder in der Saul Leiter Ausstellung in München

Gewünscht: diese Blumenampeln, diese Wohnung, dieses Haus

Gefunden: The scarlet Letter von Nathanial Hawthorne im Bücherschrank in Dortmund

Gekauft: nix

Gedacht: „Because you are a girl“ is never a reason for anything. Ever.“ – Chimamanda Ngozi Adichie

Meine Woche

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Gesehen: „Stranger Things Season 3“ (2019) Die perfekte Serie um den Sommer zu verabschieden. Freue mich schon auf die nächste Staffel.

Under the Silver Lake“ (2018) von David Robert Mitchell mit Andrew Garfield. Comedy meets Neo-Noir. Eine abgefahrene Verschwörungsgeschichte im wunderschönen Los Angeles.

Gehört: „It’s coming, it’s real“ – The Swans, „This country makes it hard to fuck“ – Fever Ray & Björk, „Piano Concerto No 1″ – Giovanni Paisiello, „Happiness is a butterfly“ – Lana del Rey, „Dlp 1.3“ – William Basinski, „Suite Castor et Pollux“ – Jean-Philippe Rameau

Gelesen: dieses Interview mit Mark Blyth „The crisis of globalization“, The tyranny of the ideal woman, A company that hired everyone and started a movement, Ruby Rose has no time for critics, If Yuval Noah Harari’s „Sapiens“ were a blog post, Facial recogniction turned on at summer camps und wie #dichterdran zum Twitter Phänomen wurde

Getan: eine Lesung besucht, im Biergarten kalte Füße bekommen und mit Freunden zum Essen getroffen

Geplant: die Erkältung noch abbiegen zu können und eine Reise nach Kopenhagen

Gegessen: leckeres vietnamesisches Essen hier und hier und  sehr guten Zwetschgen-Streuselkuchen

Gefreut: dass es der Freundin meines Bruders wieder besser geht und über den Cardigan den mir die Bingereader-Gattin genäht hat

Geweint: nicht aber ich fand es schon sehr süß, wie der kleine Junge hier gemerkt hat, dass es dem anderen nicht gut geht

Geklickt: auf diese super spannende und informative Economics-Vorlesung (How we got here and why) und ein Münchner Jutebeutel erobert New York

Gelacht: über Cloudzilla,   diese Tampax-Werbung und dieses Foto erinnerte mich an Margaret Atwoods „Handbags Tale

Gestaunt: über diese Muschel auf Speed

Gewünscht: diese Kamera, dieses Auto, diesen Mantel

Gefunden: nix

Gekauft: eine Opernkarte für Händels „Alcina“ in Düsseldorf und Tickets für Boy Harsher

Gedacht: „I rise in the morning torn between a desire to improve the  world and a desire to enjoy the world. This makes it hard to plan the day. (E. B. White)

Meine Woche

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Gesehen: „The Handmaid’s Tale“ (2017) Grandiose Serien-Verfilmung von Margaret Atwoods gleichnamigem Buch mit Elizabeth Moss, Samira Wiley und Joseph Fiennes. Düster, beeindruckende Bilder, jeder Emmy ist hier wirklich verdient.

Solaris“ (2002) von Steven Soderbergh mit George Clooney und Viola Davis. Verfilmung von Stanislaw Lems gleichnamigem Roman. Wenn er auch nicht ganz an die russische Verfilmung aus dem Jahr 1972 rankommt, unbedingt sehenswert.

Gehört: „If you really love nothing“ – Interpol, „Lucid Intrusion“ – Ajna, „Violence“ – Skaen, „Islands“ – Frida Sundemo, „Die Unendlichkeit“ – Tocotronic, First Sleep – Cliff Martinez, „Unconquered“ – thisquietarmy

Gelesen: über den Rausschmiss von Barbara Laugwitz, das Geschäft mit Fake News, How to start a Book club, the paradox of Karl Popper, diesen Artikel über Katherine Johnson aus Hidden Figures

Getan: mit Michael Ondaatje Geburtstag gefeiert, ein spannendes literarisches Dinner im Walter & Benjamin und Dublin unsicher gemacht

Geplant: ein richtig gutes Bootcamp durchführen

Gegessen: unglaublich gutes koreanisches BBQ im Arisu in Dublin

Getrunken: Guinness und Jameson Black Barrel

Gelacht: über irish jokes

Geärgert: das die Literary Pub Tour ausgebucht war

Gefreut: über die tolle Zeit in Dublin

Geklickt: Everything we know about addiction is wrong und auf dieses Interview mit Aldous Huxley

Gewünscht: eigentlich alles aus dem Shop der Science Gallery

Gekauft: Bücher und Whisky

Gestaunt: über die Bibliothek im Trinity College – so wunderschön und über Ally Sherlock wir haben sie zufällig gestern auf der Straße singen hören (ohne zu wissen wer sie ist) mein Video ist nix daher schaut euch mal das an – unglaublich

Gefunden: nix

Gedacht: Youth is a wonderful thing. What a crime to waste it on children (George Bernard Shaw))

#WomeninSciFi (35) The Heart goes last – Margaret Atwood

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Die Sci-Fi Women haben einen freien Sonntag gefordert, was will man machen – da fügt man sich natürlich. Deshalb ab jetzt #WomeninSciFi immer samstags. Heute hat die Grand Dame der speculative Fiction das Zepter in der Hand:

Gute Dystopien oder Atwoods bevorzugter Begriff „spekulative Fiktion“ sagen viel mehr über unsere aktuellen Probleme und den Zustand unserer Gesellschaft aus, als über eine mögliche Zukunft. Dieses Genre beherrscht Atwood einfach. Dieser Roman ist nicht ganz so stark wie die „Oryx und Crake“ Reihe, aber ein etwas schwächerer Atwood ist immer noch besser als vieles andere.

Wenn man auf der Straße lebt, weil die Wirtschaft komplett zusammengebrochen ist und so gut wie nichts mehr funktioniert oder die Gesellschaft zusammenhält, man sich vor marodierenden Banden schützen muss, bekommen auch extreme Angebote eine gewisse Attraktivität.

Charmaine und Stan, beide etwa Mitte Dreißig, sind nach dem Absturz aus ihrem Mittelklasse-Leben gezwungen im Auto zu leben, sie leben von Essensresten die sie finden, jeder Tag ein neuer Überlebensakt.

Das seltsame Angebot übermittelt sich ihnen in Form eines TV Spots in dem Interessenten für das Positron Projekt in Consilience (Wortspiel aus „Con“ für convict = Straftäter und „resilience“ = Anpassungsfähigkeit) gesucht werden. Der Deal: sie leben künftig einen Monat als glückliche Mittelstandsfamilie mit hübschem Haus, Motorroller und Arbeitsplatz – und einen Monat im Knast.

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Du bekommst alles auf dem Tablett serviert, aber während du im Knast bist, ziehen am Wechseltag deine „Alternates“ in dein Haus, sitzen auf deinem Sofa und essen von deinen Tellerchen. Musik- und Fernsehprogramm sind auf beruhigende Doris Day und Frank Sinatra Schmonzetten beschränkt, aber Beggers can’t be choosers und der eine Monat Knast lässt sich auch irgendwie überstehen und vielleicht hält es ja auch die Liebe frisch, wenn man sich immer nur alle zwei Monate sieht.

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Charmaine und Stan lassen sich auf den Deal ein und insbesondere Charmaine fällt es anfangs sehr leicht, die Werbetrommel-Ansagen der Positron Leitung zu glauben. Sie gleitet in ihr Stepford Wife Leben und ist eigentlich rundum glücklich, obwohl die ihr zugeteilte Aufgabe in der Euthanesie von unangepassten Außenseitern liegt. Der etwas skeptischere Stan arbeitet auf einer Hühnerfarm. Langsam aber sicher leben sich die beiden auseinander.

Als Charmaine dann eine Affaire mit ihrem „Alternate“ beginnt, wird alles richtig kompliziert und unabhängig voneinander merken Stan und Charmaine, was wirklich hinter den Gefängnismauern vor sich geht.

Das letzte Drittel des Buches wird dann recht bizarr mit seinen lebensechten Gummipuppen, den Heerscharen an Marilyn Monroe und Elvis Doubles und reichlich Sex. Kein Buch für moralisch schnell Erschütterte, aber eine spekulative Tour-de-Force, die sich mit Kapitalismus, Biotech, Neurowissenschaften und Identität beschäftigt.

„Would Doris Day’s life have been different, he muses, if she’d called herself Doris Night? Would she have worn black lace, dyed her hair red, sung torch songs?”

Auch wenn sie gelegentlich über das Ziel hinausschießt, man merkt Atwood an, wieviel Spaß sie beim Schreiben dieser seltsamen 50er Jahre Gesellschaftskonstellation hatte. Das Buch steckt voller spannender Ideen und Spekulationen, es ist teils Satire, teils Science Fiction und stellenweise unglaublich witzig.

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Seine Freiheit aufgeben für noch so edle Zwecke ist und bleibt eine schlechte Idee, egal wie heroisch das Set-up auch ursprünglich vielleicht ist, am Ende fliegen einem soziale Experimente wie diese einfach unweigerlich um die Ohren.

Ich habe das Gefühl, Atwood hat mit jedem Buch mehr Spaß am Schreiben. Von altersmilde oder ruhiger werden keine Spur. You go Girl, ich warte schon sehnsüchtig auf ihr nächstes Buch.

Hier ein tolles Interview zu „The Heart Goes Last“

 

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Das Herz kommt zuletzt“ im Berlin Verlag erschienen.