#Women in Science (8) Mary Beard

„The aim of Classics is not only to discover or uncover the ancient world. Its aim is also to define and debate our relationship to that world“

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Ich mag die „Very Short Introduction“-Serie sehr gerne, diese Ausgabe habe ich mir explizit wegen der Co-Autorin Mary Beard geholt, eine der führenden Historikerinnen, die einen wunderbar trockenen Humor besitzt. In dieser Ausgabe war jetzt nicht unbedingt viel Platz für ihren Humor, aber mir hat die Herangehensweise hier sehr gefallen. Die Beschreibung eines griechischen Tempels, den sie aus ganz unterschiedlichen Richtungen beleuchtet um nicht nur dessen Geschichte herauszuarbeiten, sondern die Entwicklung der Altertumswissenschaften selbst mit Ausflügen in die Mythologie, antike Religionen, Reisen in der Antike, Erdkunde, Philosophie und die Literatur.

Mary Beard ist Professorin of Classics an der Universität Cambrige, Fellow am Newnham College und der Royal Academy of Arts und Professorin für antike Literatur. Sie ist Redakteurin für die Classics beim Times Literary Supplement und betreibt nebenher noch recht regelmäßig einen Blog namens „A Don’s Life“. Durch ihre regelmäßigen Auftritte in den Medien und ihre gelegentlich etwas kontroversen Aussagen ist sie mittlerweile die wohl bekannteste britische Altertumswissenschaftlerin.

Ihr ist wichtig, dass antike Quellen als Dokumente der Meinungen und Überzegungen ihrer jeweiligen Autoren zu werten sind und nicht als zuverlässige Quellen für die Ereignisse die sie beschreiben. Ein Gedanke, dem ich mich tatsächlich gut anschließen kann.

Diese „Very Short Introduction“ ist eine eloquente und fesselnde Reise in die Welt der Antike. Aber anstatt zum x-ten Mal den Peleponnesischen Krieg zwischen den Griechen und den Persern hoch- und runterzubeten, oder Athen als Geburtsstätte der Demokratie oder ähnliche Meilensteine der Antike zu beleuchten, fokussiert sie sich auf ein ganz bestimmtes Objekt. Auf die Ruinen eines antiken griechischen Tempels: den Tempel des Apollo in Bassae in Arkadia.

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Der Tempel agiert als Landkarte die Beard und Henderson die Möglichkeit gibt die Altertumsforschung aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die Leser werden zu Touristen und Beard und Henderson sind die informativen Tour Guides.

“When we look, for example, at the Parthenon for the first time, we look at it already knowing that generations of architects chose precisely that style of building for the museums, town-halls, and banks of most of our major cities.” 

Die Fragen, die die Altertumsforschung stellt zielen nicht einfach nur darauf ab, Licht in das Dunkel der Antike zu bringen, es geht auch darum unsere Beziehung zu dieser antiken Welt zu definieren.

So ein kurzes Büchlein kann natürlich nicht alles abdecken und das versucht es auch gar nicht unbedingt. Es ist sehr gut geschrieben und macht Lust sich wieder einmal intensiver mit griechischer und römischer Geschichte auseinander zu setzen. Die Altertumsforschung ist ein Fachgebiet, dass so tief wie die Menschheitsgeschichte ist und was Altertumsforschung tatsächlich bedeutet muss stets und ständig neu austariert und erkundet werden.

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Foto: Wikipedia

Et in Arcadia Ego“ – Auch ich war in Arkadien. Noch nicht, aber nach der Lektüre dieses Buches möchte ich wahnsinnig gerne einmal die Ruinen in Griechenland ansehen, idealerweise mit der Hörbuch-Ausgabe. Dann steige ich mit Mary Beard in eine Zeitmaschine und sehe mir den Tempel an so wie er ursprünglich einmal war mit bunt bemalten Säulen und voller Leben.

Auf deutsch erschien das Büchlein unter dem Titel „Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft“ im J. B. Metzler Verlag.

Hat einer von Euch den Tempel bzw seine Ruinen schon einmal besichtigt? Oder die Fresken im Britischen Museum in London?

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#Women in Science (7) Brené Brown

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Brené Brown ist Professorin an der Universität Houston, wo sie den Lehrstuhl für Social Work inne hat. Ich bin nicht sicher, ob es ein entsprechendes Equivalent in Deutschland gibt. Sie widmet sich seit zwei Jahrzehnten in ihren Studien den Themen Scham, Empathie, Mut und Verletzlichkeit. Ihr TED Talk „The Power of Vulnerability“ ist einer der fünf meistgeschauten TED Talks (35 Millionen views), auch ich habe Ms Brown durch diesen Talk kennengelernt.

Auch in ihrem neuesten Buch beschäftigt sich Brown wieder mit ihrem Hauptthema, der Verletzlichkeit. Der volle Titel ist Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone.

Ich habe Brené Browns Buch „Braving the Wilderness“ schon vor einer Weile als Hörbuch gehört und mir ist es selten so schwer gefallen in Worte zu fassen, worum es eigentlich genau geht und was mir daran jetzt eigentlich gefallen hat.

Brown beschäftigt sich mit dem Zugehörigkeitsgefühl, was es genau für den Einzelnen bedeutet, dazuzugehören und warum unsere Verbindungen zu anderen so angespannt und schwierig sein können, wenn wir insgesamt als Gesellschaften immer polarisierter und antagonistischer werden. In dem Buch geht es zum Einen darum, sich selbst treu zu bleiben mit den entsprechenden Konsequenzen, und zum anderen versucht es, einem dabei zu helfen, sich genau das zu trauen.

Today we are edging closer and closer to a world where political and ideological discourse has become an exercise in dehumanization. And social media are the primary platforms for our dehumanizing behavior. On Twitter and Facebook we can rapidly push the people with whom we disagree into the dangerous territory of moral exclusion, with little to no accountability, and often in complete anonymity.“

In der Regel haben wir diese zwei Möglichkeiten: das zu machen, was man von uns erwartet, was man machen muss um dazuzugehören, selbst wenn das unter Umständen nicht unseren Werten, unserer Persönlichkeit und unserer Weltanschauung entspricht. Oder uns in die „Wilderness“ zu begeben. Also sich dafür zu entscheiden, seinen Werten zu folgen.

Was ich im Buch etwas vermisste waren die Details. Brown erwähnt ihre Forschung recht häufig, die Interviews, die sie mit unterschiedlichen Leuten führte und ihre daraus resultierenden Ergebnisse. Sie erwähnt häufiger, dass sie bestimmte Konzepte zu Rate gezogen hat, benennt diese aber nicht spezifisch. Sie erwähnt nicht, wen sie genau interviewt hat, wie die demografische Repräsentation ausgesehen hat. Mir fehlte eine nachvollziehbare Erklärung ihrer Methodologie, ich hatte immer das Gefühl, einfach glauben zu müssen, was sie schreibt und vieles hörte sich ja auch vernünftig an, ich hätte einfach nur mehr Fakten sehen wollen.

Außer ein paar Interviews mit bekannten Leuten, wie zum Beispiel Viola Davis, blieb völlig unklar, mit wem sie gesprochen hat, was genau sie gefragt hat etc. Also ich muss nicht seitenweise Studien voller Prozentzahlen, Tabellen und Fußnoten haben, aber ein bisschen mehr hätte schon drin sein dürfen.

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Und klar, man könnte denken, ist halt Pech, wenn man das Hörbuch nimmt statt des Buches, ich habe aber reingeschaut und auch in der gedruckten Version findet sich da nichts.

Das alles klingt jetzt nach totalem Verriss – das soll es aber gar nicht sein. Mich hat so einiges durchaus angesprochen und ich fand vieles sehr nachvollziehbar. Insbesondere die Kapitel, in denen sie darüber schreibt, wie schwierig, anstrengend und teilweise auch beängstigend es sein kann, sich seinen eigenen Pfad durchs Leben zu schlagen. Wie die Entscheidung, für sich und seine Werte einzustehen, immer wieder gleichzeitig so bereichernd aber eben auch schwierig ist.

„Stop walking through the world looking for confirmation that you don’t belong. You will always find it because you’ve made that your mission. Stop scouring people’s faces for evidence that you’re not enough. You will always find it because you’ve made that your goal. True belonging and self-worth are not goods; we don’t negotiate their value with the world. The truth about who we are lives in our hearts. Our call to courage is to protect our wild heart against constant evaluation, especially our own. No one belongs here more than you.“

Was das Buch auch richtig gut aufzeigt ist, wie schnell wir dabei sind (insbesondere natürlich on social media) Leute in Boxen zu packen. Schwarz/Weiß, Gut/Schlecht, die, die drin sind und die, die draußen sind etc. – ohne anzuerkennen, wie differenziert und nuanciert die meisten von uns doch sind. Brown erinnert daran, wie kollektive Momente der Freude oder auch der Trauer (Konzerte, Fußballspiele, 9/11, Beerdigungen etc.) uns zusammenbringen, wenn auch nur für kurze Zeit, über die unterschiedlichsten ansonsten bestehenden Barrieren hinweg.

Es geht ihr nicht darum, dass wir uns jetzt einfach alle lieb haben sollen und an den Händen halten, es geht ihr viel mehr darum, öfter mal inne zuhalten und geduldiger zu sein, wirklich verstehen zu wollen, nachzufragen. Anzuerkennen, dass wir Fehler machen und gemacht haben, dass fast alle von uns privilegiert sind und ja, das kann unbequem sein und das muss man einfach mal aushalten.

„…shouldn’t the rallying cry just be All Lives Matter? No. Because the humanity wasn’t stripped from all the lives the way it was stripped from the lives of black citizens. In order for slavery to work, in order for us to buy, sell, beat, and trade people like animals, Americans had to completely dehumanize slaves. And whether we directly participated in that or were simply a member of a culture that at one time normalized that behavior, it shaped us.“

Ein interessantes Buch mit kleinen Schwächen, das aber auf jeden Fall eine Menge Stoff zum Nachdenken bietet – ich könnte mir vorstellen, dass man das gut in einem Bookclub lesen und sich dann die Köpfe heiß diskutieren kann.

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Entdecke deine innere Stärke: Wahre Heimat in dir selbst und Verbundenheit mit anderen finden“ im Kallash Verlag erschienen.

#Women in Science (6) Lisa Genova

Ich freue mich ganz besonders, dass Claudia vom wunderbaren Blog „Das graue Sofa“ bei dieser Reihe dabei ist, denn bei den #WomeninSciFi kassierte ich einen Korb 😉 Eine geglückte Zusammenarbeit haben wir mit der Reihe „Der Hund in der Literatur“ bereits hinter uns.

Sie stellt die Neurowissenschaftlerin Lisa Genova vor, die an der Harvard Medical School lehrte und auch als Autorin tätig ist.

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Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Lange Jahre nach den naturwissenschaftlichen Pionierinnen, den Frauen, die noch darum kämpfen mussten, studieren zu können, wissenschaftliche Studien durchzuführen und zu publizieren, die hinter ihren Männern versteckt lebten, obwohl sie ebenfalls Anteil an den wegweisenden neuen Forschungsergebnissen hatten, hat Lisa Genova ihre Studien begonnen. 1970 geboren, studierte sie zunächst Biopsychologie und promovierte dann in Harvard im Bereich der Neurowissenschaften über Drogenabhängigkeit. Als ihre Großmutter an Alzheimer erkrankte und Genova nach Literatur suchte, um nachvollziehen zu können, wie es ihrer Großmutter erging, was sie empfand und was sie von ihrer Umwelt noch wahrnahm, fand sie nur medizinische Literatur, die sich jedoch kaum mit den Erlebnissen und Empfindungen der Patienten beschäftigten.

So verband sie ihre Kenntnisse der Neurowissenschaften, deren Aufgabe ja die Erforschung des Nervensystems und des Hirns ist, mit dem Ziel, die Patientensicht mehr in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Das leistete ihrer Meinung nach besonders der Roman. Und so begann sie 2004 mit der Arbeit an „Still Alice“, der Geschichte der an einer früh ausbrechenden Alzheimer-Erkrankung leidenden Harvard-Professorin Alice Howland.

Wahrscheinlich ist es 10 Jahre her, denn meine Romanausgabe datiert von 2009, dass ich Genovas Roman gelesen habe. Und doch sind mir noch einige Szenen ganz lebhaft in Erinnerung: Wie Alice sich auf ihrer Jogging-Runde, die sie fast täglich läuft, auf einmal nicht mehr zurechtfindet und es geraume und panikerfüllte Zeit dauert, bis sie sich wieder erinnert, welcher Weg nach Hause führt. Wie sie in ihrem Büro sitzt, sich wundert, wie ruhig es auf den Gängen ist, sich aber freut, endlich ihre To-do-Liste in Ruhe und sogar ohne störende Telefonate abarbeiten zu können, dann nach Hause geht und dort endlich sieht, dass es draußen ja tiefste Nacht ist. Dass sie bei den Alzheimer-Untersuchungen irgendwann nicht mehr in der Lage ist, eine analoge Uhr mit einer vorgegebenen Uhrzeit aufzuzeichnen. Dass sich in ihrem Hausflur plötzlich ein großes Loch auftut, das ihr Angst verursacht. Ich habe die Szenen alle wiedergefunden, als ich den Roman jetzt noch einmal gelesen habe. Und mir scheint auch, dass das wenige, was ich über Alzheimer weiß, aus diesem Roman über Alice Howland stammt.

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Alice Howland ist eine renommierte Psychologie-Professorin, die sich besonders mit der Linguistik beschäftigt. Sie ist verheiratet mit John, der als Biologe und Zellforscher ebenfalls Professor in Harvard ist, und hat drei erwachsene Kinder. Sie lebt ein rundherum erfülltes, glückliches und erfolgreiches Leben. Bis sie im Sommer 2004, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, nicht mehr darüber hinwegsehen kann, dass ihr doch immer öfter wichtige Dinge entfallen. Und es ist nicht die ständig verlegte Brille oder der nicht mehr auffindbare Hausschlüssel, das sind Johns Spezialität, die ihr zu denken geben, sondern Absprachen, die sie vergisst einzuhalten, oder die Termine, die ihr – morgens noch daran gedacht – über den Tag entfallen. Ausschlaggebend aber ist ihre völlige Orientierungslosigkeit während einer ihrer üblichen und immer gleichen Joggingrunden. Sie kennt den Platz, an dem sie steht, sie kennt alle Gebäude um sich herum, alle Straßen, aber diese Einzelinformationen kann sie nicht mehr zu einem Gesamtbild zusammensetzen, um zu wissen, in welcher Richtung ihr Haus liegt. Ihr bricht der Schweiß aus, das Herz rast – und es dauert endlose Minuten, bis die Erinnerung wiederkehrt. Noch zu Hause zittern ihr die Beine, wirkt die Panikattacke nach.

Alice wendet sich an ihre Hausärztin, erzählt ihr die Vorkommnisse, möchte mir ihr abklären, ob es sich bei ihrer Vergesslichkeit und der Orientierungslosigkeit um eine Begleiterscheinung der Wechseljahre handeln und eine Hormonersatztherapie Abhilfe schaffen könnte. Und so beginnen eine Reihe von weiteren Untersuchungen, an deren Ende die Erkenntnis steht: Alice ist an Alzheimer erkrankt, an einer Form, die in besonders jungen Jahren ausbricht.

Lisa Genova erzählt Alice´ Geschichte am Verlauf der Erkrankung entlang. Sie erzählt von Therapieüberlegungen, von den schnell immer gravierender werdenden Gedächtnisstörungen, von manchen Fehlern und fatalen Irrtümern, die Alice bei ihrer Arbeit unterlaufen. Vor allem aber erzählt sie davon, welche Wirkungen die Diagnose auf Alice und auf ihre Familie hat. Dabei nimmt Alice die Mitteilung ziemlich gefasst auf und geht oft überraschend rational damit um. Immer wieder kann sie sich Mut machen, wenn sie überlegt, was ihr wichtig ist in ihrer verbleibenden Zeit, nämlich jeden Moment zu genießen. Und so fällt ihr auch eine Geschichte aus ihrer Kindheit ein, als sie so traurig gewesen ist darüber, dass die Schmetterlinge nur ein paar Tage leben. Ihre Mutter hat sie getröstet und gesagt, sie solle nicht traurig sein wegen der Schmetterlinge, denn dass ihr Leben kurz sei, heiße ja nicht, dass es tragisch war. […] Sieh mal, sie haben ein wunderschönes Leben.“ Manchmal aber ist die Verzweiflung erkennbar, manchmal das Grauen vor dem, was ihr noch bevorstehen mag. Dass sie irgendwann die Worte nicht mehr wird finden können, um sich auszudrücken, dass sie sich selbst mehr und mehr verliert, dass sie ihre Kinder und ihren Ehemann nicht mehr wird erkennen können. Einmal besucht sie ein Pflegeheim und besichtig die Alzheimer-Abteilung, in der vor allem alte Menschen leben: Da will sie nicht hin, da muss es einen anderen Plan geben.

John aber will den Befund nicht wahrhaben. Er meint, Alice sei viel zu früh zu einem Neurologen gegangen. Es wäre doch klar, dass der finde, was in sein Spezialgebiet passe. Dann liest er sich ins Thema ein, geht mit Alice zu einer Untersuchung und spricht mit dem Neurologen über exaktere Diagnosemethoden, über andere Krankheiten, die Alice´ Symptome auch hervorrufen könnten. Alice lässt ein Screening durchführen und hat nun die Gewissheit, dass sie eine vererbbare Form der Alzheimer-Erkrankung hat. John lässt nicht locker. Denn nun schlägt er dem behandelnden Arzt neue Medikationen vor, allesamt Therapien, die noch in der Erforschung sind. Immer wieder kommt es zwischen ihm und Alice zu Konflikten, weil er so schlecht zuschauen kann, wie sich ihr Zustand immer weiter verschlechtert und sich stattdessen in seine Arbeit stürzt, während Alice ihn vermisst und möglichst viel Zeit mit ihm verbringen möchte.

Starke Momente hat der Roman immer dann, wenn sich aus den Folgen der Erkrankung Fragen für alle Familienmitglieder stellen: Für Alice – solange sie das entscheiden kann – wie sie leben möchte. Und wie sterben. Vielleicht kann sie so ruhig und gefasst mit ihrer Situation umgehen, weil sie ja ihre Exit-Strategie hat. Die dann aber grandios scheitert, weil sie doch nicht mit allen Tücken der Krankheit gerechnet hat. Für John stellt sich die Frage, ob er es schafft, Alice nahe zu bleiben und sie zu pflegen. Und wie er sein eigenes Leben weiter plant, für die Zeit, wenn Alice ihn nicht mehr erkennt. Und für ihre Kinder: Wollen sie sich testen lassen und wissen, ob sie die Gen-Mutation ebenfalls geerbt haben. Wie werden sie sich bei einem eigenen Kinderwunsch entscheiden? Werden sie dann auf die embryonale Gendiagnostik zurückgreifen und nur gesunde Embryonen auswählen? Wenn Alice sich so entschieden hätte, dann hätte sie eine ihrer Töchter nicht zur Welt gebracht und kennengelernt.

Starke Momente hat der Roman auch immer dann, wenn er aus Alice´ Sicht erzählt, wie ihre Demenz verläuft. Es ist diese Erzählperspektive, die die Geschichte interessant, die ihre Krankheit so nachvollziehbar macht. Die Entscheidung für die Sie-Erzählerin ist eine Gratwanderung, denn im Grunde ist die Erzählerin mit Blick auf ihre Erkrankung nicht glaubwürdig. Indem Alice aber ihr Verhalten und ihr Erleben erzählt, ihre Fehlleistungen inklusive, indem sie auch die Reaktionen ihrer Umwelt miterzählt, können wir uns ein Bild machen von der Verschlechterung von Alice Gedächtnisleistung, insbesondere ihres Kurzzeitgedächtnisses. Wir können aber auch erkennen, welche Kompetenzen sie zu jedem Zeitpunkt noch hat. Und lernen, dass es gerade die Emotionen sind, über die die Alzheimer-Erkrankten noch lange mit ihrer Umgebung kommunizieren können.

Genova Erfolg in den USA hat sich erst später eingestellt. Denn zunächst interessierte sich kein Verlag für ihren Roman. Erst als ihre Veröffentlichung im Selbstverlag so erfolgreich war, fand sich auch ein Verlag. Nun ist Lisa Genova im englischsprachigen Raum anerkannt und wird mit Oliver Sacks verglichen, ihre Bücher, allen voran „Still Alice“, sind zu New-York-Times Bestsellern geworden. Dagegen ist ihr Erfolg in Deutschland sehr viel bescheidener. In den Zeitungsfeuilletons ist ihr Roman kaum besprochen worden, einige Beiträge gab es im Radio.

Das mag daran liegen, dass Genovas Roman an manchen Stellen sehr gefällig konstruiert ist, hollywood-like, mit – soweit das unter diesen Umständen geht – gutem Ausgang. So gibt es keine Auseinandersetzung mit der Uni-Verwaltung, kein finanzielles Desaster und sogar eine perfekte Betreuung durch ihre Töchter – die allerdings nur eine begrenzte Zeit funktionieren wird. Die geringe Resonanz mag auch an der sprachlichen Gestaltung liegen, die wenig poetisch ist, oft eher an einer möglichen Realität entlangerzählt mit langen Passagen wörtlicher Rede bei den Patientengesprächen. Und die immer wiederkehrende Rede von der „harten Arbeit“ ist für europäische Augen und Ohren auch nicht gut erträglich.

 „Still Alice“ ist keine Literatur, die durch die überraschenden Wendungen der Handlung oder eine originelle Sprache überzeugt. Trotzdem hat der Roman einen nicht zu unterschätzenden Wert, wenn er den Lesern den Verlauf und die Auswirkungen einer Krankheit näherbringt und so dazu beiträgt, die Stigmatisierung der Betroffenen zu mindern. Zu diesem Ziel hat sicherlich auch seine Verfilmung beigetragen und die Auszeichnung der Hauptdarstellerin Julianne Moore mit dem Oscar und dem Golden Globe.

Lisa Genova (2009): Mein Leben ohne Gestern (Still Alice), aus dem amerikanischen Englisch von Veronika Dünnger, Bergisch Gladbach, Verlagsgruppe Lübbe GmbH und Co KG

#Women in Science (5) Sabine Hossenfelder

Es wird feierlich bei den #WomeninScience, denn der heutige Beitrag kommt von der Gewinnerin des Buchblog-Awards 2018, den sie völlig zu Recht für ihren immens spannenden Blog „Elementares Lesen“ bekam. Petra führt uns zudem mit der heutigen Physikerin endlich auch einmal in die Gegenwart und wir werfen mit der Autorin einen kritischen Blick auf die heutige Physik. Ich habe das Buch bereits hier liegen und bin schon sehr gespannt darauf:

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Sabine Hossenfelder ist theoretische Physikerin. Sie studierte Mathematik und Physik an der Goethe-Universität Frankfurt und wurde dort 2003 mit Auszeichnung über „Schwarze Löcher in Extra-Dimensionen“ promoviert. Nach Forschungsaufenthalten in den USA, am Perimeter Institute im kanadischen Waterloo und am NORDITA-Institut für Theoretische Physik in Stockholm arbeitet die 42-Jährige heute am Frankfurt Institute for Advanced Studies über Quantengravitation und Physik jenseits des Standardmodells der Elementarteilchen. Sie veröffentlicht Artikel in diversen Wissenschaftsmagazinen und betreibt das Blog Backreaction.

In ihrem Buch Das hässliche Universum, das 2018 zunächst in englischer Sprache unter dem Titel „Lost in Maths“ erschien, kritisiert Sabine Hossenfelder die Irrwege der gegenwärtigen Physik. Seit Jahrzehnten gibt es in der Grundlagenforschung keine nennenswerten Fortschritte, denn die Wissenschaftler lassen sich von falschen Idealen leiten. Eine Theorie muss schön, natürlich und einfach sein, um Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinde zu finden. Der Weg zu neuen Erkenntnissen wird dadurch versperrt. Die Physik ist in der Sprache der Mathematik formuliert, und so ist der Originaltitel des Buches „Lost in Maths“ zu verstehen als eine Verlorenheit in der Mathematik, in möglichst eleganten Formeln. In der Geschichte der Wissenschaften war die Orientierung an ästhetischen Prinzipien oft hilfreich. In der modernen Physik hat sie keinen Platz mehr und führt zum Scheitern einer ganzen Generation, stellt die Autorin fest. Was hat das subjektive Schönheitsempfinden mit objektiver Wissenschaft zu tun? Wo bleiben die Ergebnisse zum Beweis all der schönen Theorien?

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Foto: © S. Hossenfelder; CC BY-SA 4.0

Hossenfelder besuchte Teilchenphysiker, Stringtheoretiker und Kosmologen, die sie mit dieser verfahrenen Situation konfrontierte. Sie sprach unter anderem mit Gian Giudice vom Schweizer Kernforschungszentrum CERN, der die emotionale Kraft schöner Theorien betont, und Frank Wilczek, Nobelpreisträger von 2004, der von der Schönheit des Universums überzeugt ist; mit Steven Weinberg, Nobelpreisträger von 1979, der versucht, sie von der Existenz des Multiversums zu überzeugen; mit Astrophysikerin Katherine Mack, die von der bisher erfolglosen Suche nach Axionen erzählt – jenen unsichtbaren Teilchen, aus denen Dunkle Materie vermeintlich besteht, und mit dem Stringtheoretiker Joseph Polchinski, dem die hässliche Wahrheit, die sich aus seinen Berechnungen über Schwarze Löcher ergab, Kopfzerbrechen bereitet. Diese Gespräche vermitteln einen Überblick über den aktuellen Stand der Grundlagenphysik. Sie zeigen aber auch die Ratlosigkeit mancher Wissenschaftler über den mangelnden Erfolg ihrer teuren Experimente.

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Am heutigen Zustand kritisiert Sabine Hossenfelder, dass alle der Meute folgen und sich auf die angesagten Forschungsrichtungen konzentrieren. Physiker, die gegen den Strom schwimmen, erhalten keine Gelder für ihre Projekte und werden angefeindet. Hossenfelder verschweigt auch nicht ihre eigene, oft prekäre berufliche Situation von einem befristeten Job zum nächsten. Trotz ihrer Kritik am Wissenschaftsbetrieb hat sie die Hoffnung auf Veränderungen nicht aufgegeben und macht Vorschläge für eine ausgewogene, von objektiven Kriterien geleitete Forschung.

Das hässliche Universum, 2018 im Verlag S. Fischer erschienen, ist eine faszinierende Reise in die moderne Physik und ihre Grenzen. Mir hat die trockene, selbstironische Art der Autorin sehr gut gefallen und über manche Hürden beim physikalischen Verständnis hinweg geholfen. Wer mehr erfahren möchte, sollte auch Sabine Hossenfelders Blog Backreaction lesen, in dem die streitbare Physikerin sich mit aktuellen Entwicklungen der Forschung auseinandersetzt – eine Plattform für lebhafte Debatten

#WomeninSciFi (52) Kallocain – Karin Boye

Ich freue mich mich, dass es bei #Women in SciFi heute um einen sehr interessanten dystopischen Klassiker aus Skandinavien geht. Karin Boyes Roman ist immer wieder auf meinem Radar aufgetaucht – und wieder verschwunden. Um so glücklicher bin ich, dass ihn Jana vom Blog „Wissenstagebuch“ aufgestöbert und im Rahmen einer Twitter-Leserunde besprochen hat. Dem „Wissenstagebuch“ müßt ihr im Übrigen unbedingt einen Besuch abstatten – so viele spannende Reihen die Jana da präsentiert: über die Philosophische Hintertreppe und Klassiker zu #WirlesenFrauen und vielem mehr. Aber jetzt lasst uns nach Skandinavien reisen, gemütlich wird es allerdings nicht:

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Karin Boyes 1940 erschienener Roman „Kallocain“ gilt als Klassiker der dystopischen Literatur und wird mit Werken wie Aldous Huxleys „Brave New World“ und George Orwells „1984“ in eine Reihe gestellt. Im Rahmen der Twitter-Leserunde von 54books (#54readsKB) habe ich mir die schwedische Dystopie näher angeschaut.

Der Chemiker Leo Kall entwickelt ein Wahrheitsserum, das wirklich jeden zum Reden bringt. Nicht uneitel benennt er das Mittel nach sich selbst „Kallocain“. Als treuer Staatsbürger stellt er es sogleich dem herrschenden Regime zur Verfügung – mit fatalen Folgen für alle, deren Gedanken nicht im Gleichschritt marschieren.

Karin Boyes „Kallocain“ wurde zwar schon 1947 einmal ins Deutsche übersetzt, aber erst die Neuübersetzung 2018 durch Paul Barf – verbunden mit dem allgemeinen Interesse an dystopischer Literatur – hat den Roman zumindest in der Bloggosphäre stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Geschichte nimmt viele Elemente von Orwells unermüdlich zitiertem Roman „1984“ vorweg (hier 10 Gründe, warum 1984 immer noch aktuell ist), reicht in seiner Bekanntheit aber bei Weitem nicht an den später erschienenen Roman heran. Warum?

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Vielleicht liegt es daran, dass Boye ihren Schwerpunkt nicht auf die Beschreibung und Ausgestaltung der von ihr erfundenen Welt, auf das Worldbuilding, legt. Bis weit in die Geschichte hinein hat der Leser nur eine vage Vorstellung davon, wie der Heimatstaat Leo Kalls organisiert ist, welche Machtstrukturen und politischen Seilschaften es gibt und was eigentlich das erklärte Staatsziel sein soll. Anachronistisch wirkt, dass die Institution der Familie sich bis zum Zeitpunkt der Geschichte bewährt hat und dass das Staatsleben trotz völliger Informationsabschottung seiner Bewohner (sogar geografische Informationen sind verboten) funktioniert.

Was Boye nicht in den Entwurf der von ihr geschaffenen Welt steckt, investiert sie in das Innenleben ihres Protagonisten Kall. Als Leser sieht man die Geschehnisse nach Erfindung des Kallocains durch seine Augen. Anfangs fühlt man sich so gar nicht wohl im Kopf des perfekten „Mitsoldaten“, der keinen Dienst verpasst und seine Frau Linda dafür hasst, dass kein offenes Gespräch mit ihr möglich ist, während er selbst jederzeit zum Denunzieren bereit ist. Langsam setzt dann ein Wandel in Kalls Denken ein; leise Zweifel melden sich an, bis er schließlich zum ersten Mal eigenen, frischen Gedanken Einlass in sein Bewusstsein gestattet.

Der Kopf des Einzelnen ist zweifellos der spannendste Ort im totalitären System. Boye gelingt es, ein Abbild des möglichen Denkens und Fühlens im nationalsozialistischen Deutschland und im Stalinismus zu schaffen. Beide Systeme kannte sie aus eigener Anschauung. Und doch fehlte es für meinen Geschmack an einer pointierten Darstellung. Einige der Figuren wagen es, über die Fehler des Systems zu sprechen, doch bleibt dies immer seltsam nebulös, geschieht nie in griffigen Worten. Insbesondere beim Scharfprozess gegen Kalls Kollegen Rissen hat Boye aus meiner Sicht die Gelegenheit verpasst „einen Punkt zu machen“. Vielleicht war dieses Verweilen im Unscharfen auch nötig, um das Manuskript durch die selbstauferlegte Zensur des nicht besetzten Schwedens der 40er Jahre zu schleusen. Etwas besser gelingt Boye der Drahtseilakt bei Lindas Reflexion über ihre Rolle als Frau, Mutter und Mitsoldatin – für mich die stärksten Worte im Roman.

Kallocain verdient sicher seinen Platz in der Reihe klassischer Dystopien/Romane mit dystopischen Elementen. In seiner Mahnwirkung reicht es für mich an „Brave New World“ und „1984“ aber nicht heran.

Karin Boye, Kallocain, 1940 (2018).

#Women in Science (4) Mileva Marić

Beim Blog „Lesevergnügen“ ist der Name Progamm. In Jacqueline habe ich was Bücherverrücktheit angeht eine Zwillingsschwester im Geiste gefunden. Kürzlich erschien auf ihrem Blog eine Gastrezension von Odette die ein Buch über die brilliante Mileva Marić vorstellt, die so zu Unrecht im Schatten ihres ehemaligen Ehemannes Albert Einstein steht.

Ich freue mich, in der Reihe #Women in Science die erste Mathematikerin vorzustellen:

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Foto: Wikipedia

Mileva Marić war Frau Einstein, die erste Frau von Albert Einstein. Sie wurde am 19. Dezember 1875 in Vojvodina in Serbien geboren, zu einer Zeit der raschen Entwicklung von Wissenschaft und Forschung. So war ihre Generation eine der ersten Generationen, die es jungen Frauen erlaubte, eine wissenschaftliche Bildung zu genießen. Marić entstammt einer wohlhabenden serbischen Familie, in der Bildung eine zentrale Rolle spielte. Ihr Vater investierte früh in ihre Ausbildung, weil er ihre Begabung erkannte, aber auch dachte, dass sie mit ihrer Behinderung, einer schiefen Hüfte, wohl eher einen guten Job, als einen Ehemann findet. Er schickte sie erst auf eine höhere Mädchenschule, anschließend auf die Realschule und ins Gymnasium. Um 1900 studierten bereits vereinzelt Frauen an Universitäten, auch Mileva Marić erhielt die Chance und immatrikulierte sich als einzige Frau in den Studiengang Mathematik und Physik an dem Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. In diesem Studiengang lernte sie Albert Einstein kennen.

Mit dem Kennenlernen von Einstein beginnt die Erzählung des Buches von Marie Benedict. Über das Leben von Mileva Marić ist wenig bekannt, deshalb hat sich die Autorin an die wenigen Fakten gehalten und eine Geschichte herum erschaffen. Marie Benedict kombiniert reale Fakten mit fiktiven Zusammenhängen, denn in der Wissenschaft ist das Verhältnis Albert Einsteins zu seiner ersten Frau nicht eindeutig nachvollziehbar. Fakt ist, dass sich beide ziemlich schnell ineinander verliebten und sich anfangs noch streng nach der damalig herrschenden Etikette richteten. Marić wohnte mit anderen weiblichen Kommilitoninnen in der Pension Engelbrecht. Hier war Männerbesuch nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Albert kam oft zum Musizieren in die Pension und wurde von seiner späteren Frau bei der Erarbeitung von Hausarbeiten unterstützt. Oft schwänzt er Vorlesungen und Mileva schrieb für Einstein mit. Während eines heimlichen Ausfluges wurde Mileva Maric schwanger. Besonders die Familie von Albert Einstein tolerierte die Beziehung der Beiden nicht. Obwohl nun eigentlich eine rasche Hochzeit folgen musste, zögerte Albert Einstein diese bis deutlich nach der Geburt der Tochter heraus.

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Ab der Hochzeit beginnt der Leidensweg, den die Autorin in dem Buch schildert. Mileva Maric wird von Albert Einstein missverstanden, er zwingt sie zu Dingen, wie der Adoption der Tochter. Auch wissenschaftlich erkennt er ihr Mitwirken an seinen Arbeiten nicht an. In seinen Publikationen wird sie nie als Mitautorin genannt. Einstein wird immer selbstsüchtiger, vielleicht ist er schon dem Wahn verfallen, dass er der alleinige Urheber aller Theorien ist. Hörig und gesellschaftlich abhängig von ihm, begehrt Mileva nicht auf. Als Leserin resümiert man, sie hat sich an den Mann verkauft, ist auf seinen Charme hereingefallen und hat so ihre erwartungsvolle Karriere geopfert. Für Albert und ihre gemeinsamen Kinder, führt sie das Leben einer gewöhnlichen Hausfrau. Trotz der Worte von Albert vor Freunden, sie sei die Mathematikerin, er der Physiker in der Familie, behandelt er sie nicht mehr wie seine Partnerin in der Forschung.

Das es auch andere Konstellationen gab, zeigt die Ehe der Curies. Marie Curie wurde immer von ihrem Ehemann unterstützt und das sogar vor dem Nobelpreiskomitee. Im Buch lässt die Autorin Marie Benedict, Mileva Marić ein Gespräch mit Marie Curie über die Wissenschaft führen. Das Buch endet mit der Scheidung der Beiden. Was der Autorin in der Annahme der Unterschlagung der Autorenrechte von Mileva Marić Recht gibt ist, dass Mileva Marić, als Einstein den Nobelpreis bekommt, von ihm das Preisgeld erhält.

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Der Roman Frau Einstein ist spekulativ, es gibt Biographien von Mileva Marić und Albert Einstein, die Teile bestätigen und auch wieder nicht. Etwas eigenartig finde ich, dass Mileva Marić die Relativitätstheorie plötzlich und in Gänze, in nur einem Augenblick auf einem Bahnhof, entwickelt haben soll. In diesem Moment als ihr der Einfall zu dieser bahnbrechenden Theorie kommt, fährt sie wieder zurück zu ihrem Mann, kurz nachdem sie die gemeinsame Tochter Lieserl, welche Einstein nie gesehen hat, beerdigte. Das Buch ist sehr gut lesbar geschrieben. Es wandelt sich von einem Liebesroman zu einem patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Ehedrama, das traurig und wütend zu gleich macht. Die Autorin Marie Benedict setzt in dem letzten Kapitel „Anmerkung der Autorin“ ein klares Statement und man kann sich mit dem Thema und dem Leben von Mileva Marić gut auseinandersetzen. Das Buch wird aus Sicht der Ich-Erzählerin erzählt und ist trotz tragischem Frauenschicksal ein wahres Lesevergnügen.

An Ende stellt sich die Frage: Wäre Einstein ein genialer Wissenschaftler ohne seine erste Frau geworden? Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.

Frau Einstein“ von Marie Benedict erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

#Women in Science (3) Mary Anning

Heute darf ich mit Marion vom Literatur-Blog „Schiefgelesen“ eine wunderbare Wiederholungstäterin begrüßen, die schon tatkräftig bei den #Women in SciFi mitgeholfen hat. Auf ihrem Blog finde ich immer wieder spannende Literatur auch insbesondere von Autorinnen und außerdem glaube ich, sie ist ein fast genauso heftig infiziertes Dino-Fangirl wie ich. Aber jetzt auf nach Lyme Regis, wo sie uns mit Mary Anning bekannt macht:

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Foto: Wikipedia

Mary Anning – Jägerin der verborgenen Schätze

An der heute bekannten Jurassic Coast in Dorset lebte von 1799 ‑1847 Mary Anning, die erste professionelle Fossiliensammlerin Englands und vermutlich sogar der Welt. Sie wurde in Lyme Regis geboren und verbrachte dort ihr ganzes Leben. Dieser Abschnitt der englischen Küste ist aufgrund seiner geologischen Beschaffenheit ein idealer Ort um Fossilien zu finden, da sie in den dortigen Gesteinsformationen besonders gut konserviert wurden.

Zunächst sammelte Mary Anning die Fossilien aber nicht aus Freude an ihrer Seltenheit oder Schönheit. Ihr Vater war Tischler in dem kleinen Ort und sammelte, wenn die Auftragslage mal wieder schlecht war, Fossilien am Strand, um sie als Kuriositäten an Touristen zu verkaufen. Mary war von Kindesbeinen an dabei und bewies schnell ein außergewöhnliches Talent für die Suche und erkannte mit sicherem Blick, in welchen Steinen sich fossile Funde verbargen. Als Mary elf Jahre alt war, starb ihr Vater und der Fossilen-Verkauf wurde zur einzigen Einnahmequelle der Familie. Von da an war Mary Anning bei Wind und Wetter am Strand zu finden, wo sie mit Sammelkorb und Hammer auf der Suche war. Auch dass sie mehrfach fast von Steinschlägen erwischt wurde, hielt sie nicht davon ab, wieder und wieder auf die Suche zu gehen. Und der Erfolg gab ihr Recht. Sie sammelte außergewöhnlich schöne und gut erhaltene Fossilien, von deren Verkauf sich die Familie zumindest leidlich über Wasser halten konnte. Der große Durchbruch für sie kam aber, als sie am Strand das Fossil eines altertümlichen Krokodils entdeckte – zumindest wurde es zunächst dafür gehalten. Es bedurfte mehrerer Jahre erhitzter wissenschaftlicher Debatten, bis man einsah, dass das Krokodil eine völlig neue Spezies war. Mary Anning hatte den ersten Ichtyosaurus gefunden. Die Debatte bot einigen Zündstoff, denn zu Annings Lebzeiten ging man noch davon aus, dass die Erde und alles Leben auf ihr an sieben Tagen nach einem perfekten Plan geschaffen wurde. Eine ausgestorbene Spezies hatte in diesem Weltbild keinen Platz.

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Umso größer war die Aufregung um Marys Funde, erst Recht, nachdem sie auch andere unbekannte Skelette in den Klippen fand. Über die Jahre entwickelte sie ein gut funktionierendes Unternehmen. Zusammen mit ihrer Mutter betrieb sie einen Laden im Ort und engagierte immer wieder Arbeiter, die ihr halfen, die riesigen Fossilien unbeschadet aus den Klippen zu brechen. Außerdem führte sie auswärtige Besucher an den Strand und zeigte ihnen gute Fundorte. Für eine unverheiratete Frau ihrer Herkunft war das eine stolze und ungewöhnliche Leistung, brachte ihr aber keine gesellschaftliche Anerkennung ein. Eher im Gegenteil. Das ungebührliche Verhalten der Annings fand im Ort wenig Beifall. Auch der Zugang zur wissenschaftlichen Untersuchung ihrer Funde blieb ihr aber verwehrt. Sie konnte zuverlässig Arten beschreiben, vergleichen und unterscheiden, zuverlässiger als manche Männer, die über die Skelette schrieben. Aber sie war eben nur eine Dienstleisterin. Mary Anning lieferte die gereinigten Skelette ab, bekam den verhandelten Preis und verschwand dann von der Bildfläche. In den Museen, in denen ihre Funde ausgestellt wurden, war ihr Name völlig unbekannt. Erst in den letzten Jahren ändert sich das an vielen Stellen. Zu ihren Lebzeiten war Anning aber oft verbittert, weil sie selbst erkennen musste, dass es für sie in der starren Gesellschaft in der sie lebte, keine Aufstiegsmöglichkeiten gab, obwohl sie Wissen und Talent genug besaß.

Immerhin wurde sie in der Geological Society aber so sehr geschätzt, dass man eine Sammlung für sie veranstaltete, als sie jung an Brustkrebs erkrankte und nicht mehr arbeiten konnte. Als sie verstarb, wurde sie gegen jedes Protokoll im Jahresrückblick der Gesellschaft erwähnt. Danach allerdings geriet sie für lange Zeit fast völlig in Vergessenheit. Heute sind unterschiedliche Fossilien nach ihr benannt und ihr Heimatort ehrt sie mit einer Straße und einem Museum. Auch wenn Mary Anning nie als anerkannte Wissenschaftlerin tätig werden durfte, hat sie für die Paläontologie viel geleistet. 2010 ehrte die Royal Society sie als eine der zehn einflussreichsten Frauen in der Wissenschaft Großbritanniens.

Anning

Wer mehr über diese Frau lesen möchte, findet diverse Biographien, die in den letzten Jahren erschienen sind, darunter Jurassic Mary: Mary Anning and the Primeval Monsters von Patricia Pierce, auf dem dieser Text und mein ganzes Wissen über Anning basiert. Soweit ich weiß, ist bisher leider keine Biographie ins Deutsche übersetzt worden. Aber nicht weniger interessant ist der Roman Remarkable Creatures (dt.: Zwei bemerkenswerte Frauen) von Tracy Chevalier. Sie schreibt über Anning und ihre Freundin und Mit-Sammlerin Elizabeth Philpot, die zur gleichen Zeit in Lyme Regis lebte, wenn auch unter völlig anderen Voraussetzungen. Besonders die gesellschaftliche Brisanz von Mary Annings Verhalten und ihrer Funde wird im Roman sehr deutlich und lebendig. Dabei bleibt Chevalier so eng an den historischen Fakten, dass das Fehlen einer deutschen Biographie kein sehr großer Verlust mehr ist.

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Foto: Wikipedia

Wer jetzt Lust auf mehr Dinosaurier und Paläontologie bekommen hat, bitte hier entlang zur entsprechenden Hirngymnastik.

Bis zum nächsten Mittwoch, da wird es bei #Women in Science um eine brilliante Mathematikerin gehen.