Karnak Cafe – Naguib Mahfouz

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Mit Naguib Mahfouz hatte ich im Oktober schon den zweiten Literaturnobelpreisträger am Start. Das war reiner Zufall und die beiden Herren Saramago und Mahfouz könnten auch kaum unterschiedlicher sein. Das Oktober-Bookclub-Buch ist eine dünne Novelle, die Mahfouz kurz nach dem Sechstage-Krieg 1967 schrieb und die vom Krieg geprägt ist und allem, was damit in Ägypten zusammenhing.

Der Erzähler kommt mehr oder weniger zufällig ins Karnak Cafe und fühlt sich dort augenblicklich wohl, nicht zuletzt aufgrund der warmherzigen und gutaussehenden Besitzerin, einer ehemaligen berühmten Bauchtänzerin. Für ihn eine kleine Oase inmitten der hektischen Stadt.

„Here you get to sense past and present in a warm embrace, the sweet past and glorious present.“

Das Cafe wird von einer Reihe Besuchern regelmäßig frequentiert, neben älteren Stammgästen auch ein paar junge idealistische Studenten. Eines Tages inmitten einer Verhaftungswelle sind diese verschwunden und die Atmosphäre im Cafe verändert sich. Die Gäste fürchten, jemand habe die Studenten verpfiffen, die recht offen die politische Lage diskutiert hatten. Obwohl die jungen Leute nach einer Weile wiederkommen, bleibt die Atmosphäre steif und die sorglose Stimmung ist verschwunden. Keiner traut dem anderen, insbesondere nachdem die Studenten ein zweites Mal verschwinden. Sie kehren fast vollzählig zurück, allerdings gebrochen und misshandelt, einer der jungen Männer bleibt verschwunden.

„True love will always give a relationship a legitimacy that is hard to fault.“

Erst Jahre später gelingt es dem Erzähler, das Schicksal der jungen Leute vollständig aufzudecken und er entdeckt, wie barbarisch der Staat die jungen Leute gegeneinander ausgespielt hatte. Im letzten Kapitel sitzt der staatliche Folterer persönlich im Cafe, inmitten seiner früheren Opfer und nimmt für sich das Recht in Anspruch, einer von ihnen zu sein….

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Ich will nicht zuviel von der Geschichte verraten, mich hat das Büchlein seltsam kalt gelassen. Vielleicht, weil Mahfouz im Gegensatz zu seinen sonstigen Romanen die Charaktere seltsam eindimensional belassen hat. Ich kam nicht wirklich rein in die Geschichte und habe es überaus bedauert, dass es dem Leser überlassen blieb, den Kontext zu suchen, in dem das Buch spielt.

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Foto: amnesty-electric-picnic

Hätten wir das Buch nicht im Bookclub diskutiert, ich hätte es wohl umgehend vergessen und es auch nicht wirklich weiterempfohlen. Beschäftigt man sich dann aber mit dem Kontext in dem es spielt, dem Sechstagekrieg, der Situation im nahen Osten Ende der Sechziger Jahre, wird vieles deutlicher.

Mahfouz zeigt den nahezu blinden Nationalstolz der Ägypter, die nach dem Sturz von König Farouk und seiner pro-britischen Monarchie die Gründung der Republik unterstützen. Ägypten war damals das große Vorbild für andere Staaten im mittleren Osten und Nordafrika, die ihre Unabhängigkeit erlangen wollten. Als Nasser 1954 Präsident wird in Ägypten, steigen die Hoffnungen der Leute ins Unermessliche.

1967 greift Ägypten Israel an, um ihr verlorenes Gebiet zurückzuerobern. Die Ägypter sind komplett überzeugt von ihrer Überlegenheit und vom bevorstehenden Sieg gegen Israel. Doch schockiert müssen sie nach nur 6 Tagen die komplette Niederlage hinnehmen.

Es wird wenig hinterfragt in Mahfouz‘ Welt. Alles ist Schicksal und von Gott gewollt, da lohnt sich kein Auflehnen, er zeichnet das Bild einer Gesellschaft mit totalem kollektiven Gedächtnisverlust. Das ist uns in Deutschland ja auch nicht unbekannt.

Solche Schicksalsgläubigkeit ist für mich nur schwer erträglich, ich meide solche Bücher mittlerweile gerne, bin dennoch froh, „Karnak Cafe“ gelesen zu haben.

Vor vielen Jahren habe ich die Kairoer Trilogie gelesen, die würde ich als Einstieg für Nagib Mahfouz-Neulinge wohl eher empfehlen.

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Meine Lieblinge (6) or Lovers I had and still have ?

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Guys I really hope this isn’t going to be the post that lands Bingereader in prison, but it’s time to own up to the sins of my Youth.

Daunt Books is probably one of my oldest Lovers (in terms of bookshops, ok ?) besides the Buechergilde in Mainz. I stumbled across its branch on Marylebone High Street in London when I started working nearby about 1000 years ago. I spent many lunch times huddled over books I wanted to read and keep and sadly mostly couldn’t afford. The super cute temp that worked there for a few months added to the attraction enormously, even so I never dared asking her out for coffee 😉

Life in London is and always has been mega expensive and it really often was the question of books or food. Luckily never had to renounce alcohol working for United Distillers but books were a real treat then. So here comes the confession for which I hope Daunt Books will not make me pay. I quite often bought a book, reading it very very carefully only to bring it back a few days later, claiming the person I meant to give it to as a present had read it already *blush*

Yes – bad bad Bingereader. I feel guilty and ashamed and will never ever do that again, big promise – but these were hard times. Honestly. BUT I sooo make up for it now, every time I am in London by buying tons of books there.

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Daunt is just one of the most wonderful bookshops. The staff is always friendly,  well-read and happy to recommend books I would have overlooked otherwise. All of the 6 branches are nice but my favourites are Marleybone High Street, Holland Park and Chelsea with their long oak galleries, and endless selections of books shelved by country, no matter if it is fiction or non-fiction. They aim to provide a full portrait of a country or city and are pure heaven for seasoned travellers and culturally curious people.

So in case I end up in prison, can you please arrange for the appropriate bunk mate and send me books from Daunts but most definitely visit one of their branches when you are in London next time. Stock up on good books and carry them around in their hip fashionable bag, and Bibliophiles around the world will be able to spot you as one of their own . No book lover should ever be without one.

Here the link and now I check for flights to London …

The Behaviour of Moths – Poppy Adams

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Auch wenn ich Motten Ü-BER-HAUPT nicht leiden kann, ich hatte mir von diesem Buch einiges versprochen. Ich mag es „Gothic“, der Klappentext klang interessant, das Cover war ansprechend und wann hat man schon mal Gelegenheit, etwas über Lepidopterologen (cooles Wort) zu erfahren, also Leute, die sich der Studie der Motten, Schmetterlinge und ähnlichem Flatterzeug widmen. Hm? Genau, eher sehr selten. Daher dachte ich, es sei eine gute Wahl für den Flug ins nebelige London und habe auf angenehme Gothic-Spannung gehofft. Vielleicht hat mich aber auch der Typ beeinflusst, der sich im Tattoo-Studio vor ein paar Wochen neben mir eine riesige Motte auf den Rücken hat tätowieren lassen. Wer weiß…

Jaaaa, also um es kurz zu machen – war nicht. Der Anfang war noch einigermaßen vielversprechend. In einer runtergekommenen viktorianischen Villa in Dorset wartet Ginny, die Erzählerin, auf ihre Schwester, die sie seit 40 Jahren nicht gesehen hat und es gibt jede Menge Andeutungen, was sich in diesem Haus so unheilvolles zugetragen habe, das nicht zuletzt zu Vivis langer Abwesenheit führte.

Ginny Stone, die komplett zurückgezogen lebt auf ihre plötzlich zurückkehrende Schwester wartet, erinnert sich an ihre gemeinsame Zeit als Kinder, vergessen geglaubte Geschehnisse werden ihr wieder bewußt und unter den Teppich gekehrte Geheimnisse scheinen sich selbständig zu machen.

“I love her and hate her at the same time. I even love the parts of her that I hate, her vitality and her colour, her disruption and disorder, her humour and her despair, her conceit and her narcissism, her everything that isn’t me.”

Ginny und Vivi sind die Töchter eines berühmten Lepidopterologen. Ginny führt diese Familientradition weiter und in der Tat, der interessierte Leser erfährt wirklich eine Menge über Motten und deren Verhalten. Es gibt wohl kaum ein Tier, das so extrem den Determinismus veranschaulicht wie die Motte. Motten sind eigentlich so etwas wie kleine Automaten oder Roboter, einzig dazu programmiert, auf Stimuli zu reagieren ohne jede Wahlmöglichkeit. Die Frage, die sich natürlich stellt, ist wie ähnlich sind wir Menschen den Motten? Die berühmte Nature vs Nurture Frage. Unterscheidet uns wirklich hauptsächlich unsere Selbstwahrnehmung?

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“A moth is such a simple machine in the animal world – the go-kart to the modern car – and it takes a lot of glitches to prevent it going. It’s this intriguing simplicity, the idea that you could pull it into its constituent parts and put it back together in the same rainy day, that if you pulled back the skin, you could watch the inner workings, that makes a moth such an absorbing creature to study. Moths have a universal character: there are no individuals. Each reacts to a precise condition or stimulus in a predictable and replicable way. They are pre-programmed robots, unable to learn from experience. For instance, we know they will allways react to a smell, a pheromone or a particular spectrum of light in the same way. I can mimic the scent of a flower so that a moth will direct itself towards that scent …”

Dieser Teil des Buches war der interessanteste für mich. Eine wirklich gute Mystery/Sensational Autorin ist sie nicht. Sie baut Spannung auf, reisst jede Menge Ermittlungswege auf, schafft es aber nicht, diese auch nur einigermassen vernünftig wieder zusammen zu bringen. Der Plot ist löchrig, keine Ahnung, ob sie keine Lust dazu hatte oder es einfach nicht ihre Stärke ist. Ich fand das sehr schade, denn das Buch hatte durchaus Potential mit seiner Mischung aus Goth Suspense, unzuverlässiger Erzählerin, Enthüllungen, die nach und nach offenbart werden und mit den Motten eher außergewöhnlichen Nebendarstellern.

Wer Lust hat auf gute Schauerliteratur, der greife doch eher zu Wilkie Collins, Mary Wollstonecraft oder Sheridan Le Fanu.

Meine Woche

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Gesehen: „Predestination“ mit Ethan Hawke nach einer Kurzgeschichte von Robert A. Heinlein – grandios. Einer der besten Zeitreise-Filme die ich je gesehen habe, den gucke ich sicherlich nochmal.

The Shining“ von Stanley Kubrick. Auch wenn Stephen King selbst wohl nicht so zufrieden gewesen sein soll mit der Verfilmung, ich fand ihn klasse. Dachte aber, ich würde mich mehr gruseln.

Gehört:  „Fight Song“ – Rachel Platten,  „I’m waiting here“ – David Lynch & Lykke Li, „Strange Entity“ – Oscar and the Wolf, „Night – A Landscape with Factory“ – David Lynch & Marek Zebrowski, „Führe mich“ – Rammstein, „Every time the Sun comes up“ – Sharon Van Etten

Gelesen: diesen grandiosen Artikel von Frank Strauss – selten hat ein Text mir derart aus der Seele gesprochen, diesen Artikel im Economist und die Frage was Shakespeare zur Flüchtlingsfrage gesagt hätte, diesen Reiseführer für die 4. Dimension, diesen Artikel über den Pianisten James Rhodes,

Getan: Meetings in Dortmund, Zug gefahren,den eingeklemmten Nerv mit Krankengymnastik bearbeitet, meine Bücher (mal wieder) komplett umsortiert und einen wunderschönen Abend mit tollen Freunden verbracht

Gegessen: Gin-Nudeln mit Tomatensauce und eine sehr leckere Kichererbsensuppe

Getrunken: Basil Smash

Gefreut: nach der Reiserei wieder zu Hause zu sein

Geärgert: fällt mir nix ein

Gelacht: They say I act like I don’t give a fuck – tell them I’m not acting

Geplant: das Step Up Camp erfolgreich durchführen, den Herbstmix im Literaturhaus besuchen und Garbage in Köln sehen

Gewünscht: diesen Schrank

Gekauft: diesen Rucksack und Bettwäsche von Muji

Geklickt: auf diese Rede von Chimamanda Ngozi Adichie

Gewundert: wie warm es nochmal geworden ist

Literarische Wiesn

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Wiesn und Literatur – da scheint was nicht zusammen zu passen, gerade das hat mich aber neugierig gemacht und ich bin der Einladung des Literaturhauses daher gerne gefolgt und habe mich überraschen lassen. An einem verregneten Tag wie heute kann man sich noch einmal weniger vorstellen, dass noch vor ein paar Wochen so ein strahlend blauer Himmel existieren konnte.

Der Münchner an sich, der geht ja nicht auf die Wiesn. Der geht nur einmal mit den Kindern, einmal mit der Arbeit, einmal mit den Spetzln und einmal, damit er wieder weiß, warum er nicht auf die Wiesn geht – eigentlich 😉 Als Zuageroaste hab ich meine Prinzipien dann mal auf Seite geworfen und bin gleich morgens um 10 Uhr losgezogen, eine für mich doch eher ungewöhnliche Wiesn-Uhrzeit.

Georg Reichlmayr, der nach 17 Tagen Wiesn-Führung schon fast keine Stimme mehr hatte, begleitete uns auf diesem literarisch-historischen Rundgang und hat uns so unglaublich viele, mir völlig unbekannte Ecken gezeigt. Erstaunlich, bin schließlich schon x-mal da gewesen und sicherlich kein Wiesn-Frischling.

Es macht Spaß, die Leute an den Käse- und Wurschtständen kennenzulernen, durch die fast leeren Zelte zu gehen und witzige, spannende, unglaubliche Wiesn-Anekdoten zu hören. Von wegen früher war alles besser und ruhiger und gesitteter. Totaler Schmarrn. Am Maurer-Montag haben sich die Handwerker der Stadt jedes Jahr ordentlich aufs Maul gehauen, ganze Zelte mussten geräumt werden, da wäre heute sofort eine riesige Schlagzeile fällig und Security würde das Gelände doch über Tage und Wochen weiträumig absperren 😉


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Wir haben das Wiesn-Engerl gesucht und gefunden, dass jedes Jahr in einem anderen Zelt angebracht wird, sind dem Bürgermeister zufällig über die Füße gelaufen, haben den Ochsen Max in der Ochsenbraterei bestaunt und erfahren, dass so manches Fahrgeschäft auf der Wiesn älter ist, als die vorgeblich alten auf der „Oidn Wiesn“, die witzigerweise zum Teil Nachbauten der Originale dort stehen haben.

Spannend auch, dass noch bis in die 70er Jahre hinein menschliche „Kuriositäten“ ausgestellt wurden, z.B. beim Schichtl, wo sich schon Joachim Ringelnatz von der kolossal dicken Frau zu dem Gedicht „Emmy der Koloss“ inspirieren ließ:

Die Riesendame der Oktoberwiese
Die Zeltwand spaltete sich weit, 
Und eine ungeheure Glocke wuchtete Herein. 
„Emmy, das größte Wunder unsrer Zeit!“ 
Dort, wo der Hängerock am Halse buchtete, 
Dort bot sich triefenden Quartanerlüsten 
Die Lavamasse von alpinen Brüsten, 
Die majestätisch auseinanderfloß. 
„Emmy, der weibliche Koloß.“ 
Hilflose Vorderschinken hingen 
Herunter, die in Würstchen übergingen. 
Und als sie langsam wendete: – Oho! – 
Da zeigte sich der Vollbegriff Popo 
In schweren erzgegoßnen Wolkenmassen. 
„Nicht anfassen!“ 
Und flüchtig unter hochgerafften Segeln 
Sah man der Oberschenkel Säulenpracht. 
Da war es aus. Da wurde gell gelacht. 
Ich wußte jeden Witz zu überflegeln, 
Und jeder Beifall stärkte meinen Schwung. 
Die Dicke schwieg. Ich gab die Vorstellung. 

Besonders lachten selbst recht runde Leute. 
Ich wartete, bis sich das Volk zerstreute. 

Aus irgendeinem Grund hab ich eine Menge Oskar Maria Graf, Karl Valentin, Gerhard Polt oder Ludwig Thoma erwartet und ja auch bekommen, Leute wie Erika und Thomas Mann, Bert Brecht, Mark Twain oder Thomas Wolfe habe ich mir da nicht so recht vorstellen können.

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Foto: lora924.de

„Die Festwiese, die größte, glaub ich, der Welt, ist herrlich anzuschauen, alle Münchner sind lustig, diese Stadt is wie gemacht für Feste! Feiert sie, zeigt sie ihr wahres Gesicht.“ (Erika Mann)

“ «München hat mich beinahe umgebracht», stöhnte Thomas Wolfe nach einer Wiesnschlägerei. Doch trotz gebrochener Nase und etlicher Platzwunden hielt er seiner Schicksalsstadt zeitlebens die Treue. Kein Ort auf der Welt bezauberte den großen amerikanischen Schriftsteller mehr, kein Ort bescherte ihm – im Guten wie im Bösen – so überwältigende Gefühle.“ Er berichtet über seine Wiesn-Erlebnisse in seinem Roman „Geweb und Fels“

„Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horwath war natürlich ebenso vertreten, wie der erste Film der über die Wiesn inszeniert wurde. Das war 1923 und der Produzent und Hauptdarsteller war kein Anderer, als der Münchner Komiker Karl Valentin. „Mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt auf dem Oktoberfest“ heißt die Valentinade, ein Kurzfilm. Konnte leider keinen Clip dazu finden. Sonst hätte ich den gerne hier verlinkt.

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Bert Brecht, Karl Valentin und Liesl Karlstadt mit ihrer Schaubude auf der Wiesn, wo sie das Kabarett-Programm „Oktoberfestschau“ aufführten.

Interessant auch, wer verantwortlich war für die Elektrifizierung des Oktoberfests – kein anderer nämlich als der Vater von Albert Einstein, der in München eine eigene Fabrik für elektrische Geräte gegründet hatte (Elektrotechnische Fabrik J. Einstein & Cie). 

Again what learned 😉 Wir hatten nach gut 2 Stunden und etwa 6 km Fußmarsch Hunger und Durst und ließen uns eine sehr leckere, kühle Augustiner-Mass schmecken.

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Wer nächstes Jahr die Wiesn auch mal von einer anderen Seite kennenlernen möchte, dem kann ich eine Stadtführung mit Georg Reichlmayr nur empfehlen. Buchen kann man so eine Tour über http://www.muenchen-stadtführung.de (Literarisch-historischer Rundgang über das Oktoberfest). Herr Reichlmayr hat übrigens auch ein sehr spannendes Buch geschrieben: „Die Geschichte der Stadt München“. Erschienen ist es hier.

Und zum Schluss lassen wir den für mich unerwartetsten Wiesn-Besucher zu Wort kommen, Thomas Mann:

München mit seinen Bauernbällen im Fasching, seiner Märzenbier-Dicktrunkenheit der wochenlangen Monstre-Kirmes seiner Oktoberwiese wo eine trotzig-fidele Volkhaftigkeit, korrumpiert ja doch längst von modernem Massenbetrieb, ihre Saturnalien feierte

Gut, ob er diese Beobachtungen aus eigener Hand hatte wissen wir nicht, aber mir gefällt einfach das Bild eines krachledernen Thomas Mann schunkelnd im Paulaner Zelt oder auf der Schiffschaukel.

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Der Doppelgänger – Jose Saramago

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Doppelgänger sind ein beliebtes Motiv in der Literatur und kommen da in allen möglichen Formen und Erscheinungen daher. Richard Ayoades grandioser Film „The Double“ brachte mich darauf, dass sich Saramagos „Doppelgänger“ auch noch irgendwo in der Wohnung befinden mußte und ich beschloss, mich noch ein Weilchen mit dem Doppelgänger-Thema zu beschäftigen.

Diese Doppelgänger spielen mit unseren Urängsten und konfrontieren uns mit komplexen Fragestellungen. Sie kommen in der Literatur und im Film in allen möglichen Formen und Ausprägungen daher. Die abgrundtief Bösen wie bei Dr. Jekyll und Dr. Hyde,  die die kurzerhand dein Leben übernehmen, wie in der obigen Verfilumung oder in Oscar Wilde’s „The Picture of Dorian Grey“. Wirklich Gutes kommt nur selten heraus, wenn ein Doppelgänger ins Spiel kommt (mit Ausnahme vom Doppelten Lottchen vielleicht) und das muß auch Tertuliano Maximo Afonso sofort empfunden haben, als er in einem Film überraschend seinen Doppelgänger zu sehen glaubt.

Der mit dem unglücklich gewählten Namen Tertuliano Maximo Afonso ausgestattete hölzerne Schulgeschichtsprofessor sieht sich eines abends einen Film an, den ihm ein wohlmeinender Kollege zur Bekämpfung seines seelischen Schnupfens empfohlen hatte. Unvermittelt sieht er in dem mittelmäßigen Film in einer unwichtigen Nebenrolle einem Doppelgänger seines jüngeren Ichs gegenüber. Tertuliano versucht alles über seinen Doppelgänger herauszubekommen, sieht sich sämtliche anderen Filme der gleichen Produktionsfirma an, um den Namen des Schauspielers herauszubekommen (hier wird einem noch einmal klar, wie umständlich Recherche im Prä-Internetzeitalter war) und bekommt nach einigen Umwegen den Namen tatsächlich heraus.

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“Wir wissen alle, dass jeder anbrechende Tag für einige der erste und für andere der letzte und dass er für die moisten einfach nur ein weiterer Tag ist. Für den Geschichtslehrer Tertuliano Maximo Afonso wird dieser Tag, den wir heute schreiben und bei dem es kein Grund zu der Annahme gibt, dass es sein letzter ist, dennoch nicht einfach ein weiterer Tag sein. Das heißt, er präsentierte sich dieser Welt als Möglichkeit, ein weiterer erster Tag zu sein, ein weiterer Beginn, der daher auf ein weiteres Schicksal verweist.“

Natürlich will er sein Double Antonio Clara dann auch treffen und das Schicksal nimmt seinen unvermeintlichen Lauf… Das Ende ist nicht wirklich überraschend und so richtig hat mich der Plot nicht umgehauen – aber die Sprache hat ganz vieles wieder wett gemacht. Poetisch mit teils anspruchsvollen Ausdrücken die seltsam gut zum scheinbar durchschnittlichen und oft unbeholfenen Tertuliano passt. Etwas schwülstig-barockig gelegentlich, aber mit wirklich wunderschönen Passagen.

„… es gibt Situationen im Leben, in denen es tausendmal besser ist, weniger zu tun als mehr, man überlässt die Sache einfach der Sensibilität, sie weiß besser als die rationale Intelligenz, wie man vorzugehen hat, um die Vollkommenheit zu erreichen, sollten sie denn wirklich zu Vollkommenheit geboren sein.“

Ein Buch, das mir gleichzeitig richtig gut gefallen hat und mich mit seinen ellenlangen Sätzen ohne wörtliche Rede und exzessivem Komma-Gebrauch aber auch gelegentlich an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Hinter diesem Buch hätte ich wohl keinen Literaturnobelpreisträger vermutet. Es ist ein stark strapaziertes klassisches Motiv, ich hatte etwas mehr erwartet, trotzdem habe ich es gerne gelesen. Saramago-Neulingen würde ich es wohl nicht als Einstieg empfehlen. Da hat mir insbesondere „Die Stadt der Blinden“ oder auch „Die Geschichte der Belagerung Lissabons“ doch deutlich besser gefallen.

Auf die Verfilmung „Enemy“ mit Jake Gyllenhaal bin ich gespannt:

https://www.youtube.com/watch?v=FJuaAWrgoUY

Meine Woche

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Gesehen: “Amores Perros“ – Pulp Fiction auf mexikanisch, sehenswert, wenn auch ganz schön brutal.
Laurence Anyways“ – kanadisches Filmdrama von Xavier Nolan, hat mir sehr gut gefallen.

Gehört:  Dillon – In Silence, Christine and the Queens – Jonathan, Asaf Avidan – Little Parcels of an endless time, Camera Obscura – Llyod I’m ready to be heartbroken

Gelesen: diesen Artikel über die unterschiedlichen Blickwinkel auf Rassismus, diesen Artikel über die erste Programmerin Ada Lovelace, diesen Artikel über die florierende neue irische Literatur

Getan: erfolgreich Bootcamp 3.0 durchgeführt, mir auf der Buchmesse die Füße plattgelaufen und erfolglos seit gestern Migräne bekämpfen 😦

Gegessen: diese asiatische Gemüse-Pfanne und Meenzer Spunde-Käs

Getrunken: Tetleys Tee und rheinhessischen Riesling

Gefreut: gute Freunde nach längerer Zeit wiedergetroffen

Geärgert: über die Migräne

Gelacht: Floppy discs are like Jesus, they died to become the icon of saving

Geplant: jede Menge Meetings in Dortmund, Zeit finden zum lesen und schreiben

Gewünscht: diesen Lautsprecher fürs iPhone, diesen Duschkopf und diesen Mantel

Gekauft: nix

Geklickt: auf diesen TED-Talk

Gewundert: wie elend man sich fühlt, wenn man krank und nicht zu Hause ist