Literarische Wiesn

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Wiesn und Literatur – da scheint was nicht zusammen zu passen, gerade das hat mich aber neugierig gemacht und ich bin der Einladung des Literaturhauses daher gerne gefolgt und habe mich überraschen lassen. An einem verregneten Tag wie heute kann man sich noch einmal weniger vorstellen, dass noch vor ein paar Wochen so ein strahlend blauer Himmel existieren konnte.

Der Münchner an sich, der geht ja nicht auf die Wiesn. Der geht nur einmal mit den Kindern, einmal mit der Arbeit, einmal mit den Spetzln und einmal, damit er wieder weiß, warum er nicht auf die Wiesn geht – eigentlich 😉 Als Zuageroaste hab ich meine Prinzipien dann mal auf Seite geworfen und bin gleich morgens um 10 Uhr losgezogen, eine für mich doch eher ungewöhnliche Wiesn-Uhrzeit.

Georg Reichlmayr, der nach 17 Tagen Wiesn-Führung schon fast keine Stimme mehr hatte, begleitete uns auf diesem literarisch-historischen Rundgang und hat uns so unglaublich viele, mir völlig unbekannte Ecken gezeigt. Erstaunlich, bin schließlich schon x-mal da gewesen und sicherlich kein Wiesn-Frischling.

Es macht Spaß, die Leute an den Käse- und Wurschtständen kennenzulernen, durch die fast leeren Zelte zu gehen und witzige, spannende, unglaubliche Wiesn-Anekdoten zu hören. Von wegen früher war alles besser und ruhiger und gesitteter. Totaler Schmarrn. Am Maurer-Montag haben sich die Handwerker der Stadt jedes Jahr ordentlich aufs Maul gehauen, ganze Zelte mussten geräumt werden, da wäre heute sofort eine riesige Schlagzeile fällig und Security würde das Gelände doch über Tage und Wochen weiträumig absperren 😉


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Wir haben das Wiesn-Engerl gesucht und gefunden, dass jedes Jahr in einem anderen Zelt angebracht wird, sind dem Bürgermeister zufällig über die Füße gelaufen, haben den Ochsen Max in der Ochsenbraterei bestaunt und erfahren, dass so manches Fahrgeschäft auf der Wiesn älter ist, als die vorgeblich alten auf der „Oidn Wiesn“, die witzigerweise zum Teil Nachbauten der Originale dort stehen haben.

Spannend auch, dass noch bis in die 70er Jahre hinein menschliche „Kuriositäten“ ausgestellt wurden, z.B. beim Schichtl, wo sich schon Joachim Ringelnatz von der kolossal dicken Frau zu dem Gedicht „Emmy der Koloss“ inspirieren ließ:

Die Riesendame der Oktoberwiese
Die Zeltwand spaltete sich weit, 
Und eine ungeheure Glocke wuchtete Herein. 
„Emmy, das größte Wunder unsrer Zeit!“ 
Dort, wo der Hängerock am Halse buchtete, 
Dort bot sich triefenden Quartanerlüsten 
Die Lavamasse von alpinen Brüsten, 
Die majestätisch auseinanderfloß. 
„Emmy, der weibliche Koloß.“ 
Hilflose Vorderschinken hingen 
Herunter, die in Würstchen übergingen. 
Und als sie langsam wendete: – Oho! – 
Da zeigte sich der Vollbegriff Popo 
In schweren erzgegoßnen Wolkenmassen. 
„Nicht anfassen!“ 
Und flüchtig unter hochgerafften Segeln 
Sah man der Oberschenkel Säulenpracht. 
Da war es aus. Da wurde gell gelacht. 
Ich wußte jeden Witz zu überflegeln, 
Und jeder Beifall stärkte meinen Schwung. 
Die Dicke schwieg. Ich gab die Vorstellung. 

Besonders lachten selbst recht runde Leute. 
Ich wartete, bis sich das Volk zerstreute. 

Aus irgendeinem Grund hab ich eine Menge Oskar Maria Graf, Karl Valentin, Gerhard Polt oder Ludwig Thoma erwartet und ja auch bekommen, Leute wie Erika und Thomas Mann, Bert Brecht, Mark Twain oder Thomas Wolfe habe ich mir da nicht so recht vorstellen können.

lora924.de

Foto: lora924.de

„Die Festwiese, die größte, glaub ich, der Welt, ist herrlich anzuschauen, alle Münchner sind lustig, diese Stadt is wie gemacht für Feste! Feiert sie, zeigt sie ihr wahres Gesicht.“ (Erika Mann)

“ «München hat mich beinahe umgebracht», stöhnte Thomas Wolfe nach einer Wiesnschlägerei. Doch trotz gebrochener Nase und etlicher Platzwunden hielt er seiner Schicksalsstadt zeitlebens die Treue. Kein Ort auf der Welt bezauberte den großen amerikanischen Schriftsteller mehr, kein Ort bescherte ihm – im Guten wie im Bösen – so überwältigende Gefühle.“ Er berichtet über seine Wiesn-Erlebnisse in seinem Roman „Geweb und Fels“

„Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horwath war natürlich ebenso vertreten, wie der erste Film der über die Wiesn inszeniert wurde. Das war 1923 und der Produzent und Hauptdarsteller war kein Anderer, als der Münchner Komiker Karl Valentin. „Mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt auf dem Oktoberfest“ heißt die Valentinade, ein Kurzfilm. Konnte leider keinen Clip dazu finden. Sonst hätte ich den gerne hier verlinkt.

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Foto: sz
Bert Brecht, Karl Valentin und Liesl Karlstadt mit ihrer Schaubude auf der Wiesn, wo sie das Kabarett-Programm „Oktoberfestschau“ aufführten.

Interessant auch, wer verantwortlich war für die Elektrifizierung des Oktoberfests – kein anderer nämlich als der Vater von Albert Einstein, der in München eine eigene Fabrik für elektrische Geräte gegründet hatte (Elektrotechnische Fabrik J. Einstein & Cie). 

Again what learned 😉 Wir hatten nach gut 2 Stunden und etwa 6 km Fußmarsch Hunger und Durst und ließen uns eine sehr leckere, kühle Augustiner-Mass schmecken.

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Wer nächstes Jahr die Wiesn auch mal von einer anderen Seite kennenlernen möchte, dem kann ich eine Stadtführung mit Georg Reichlmayr nur empfehlen. Buchen kann man so eine Tour über http://www.muenchen-stadtführung.de (Literarisch-historischer Rundgang über das Oktoberfest). Herr Reichlmayr hat übrigens auch ein sehr spannendes Buch geschrieben: „Die Geschichte der Stadt München“. Erschienen ist es hier.

Und zum Schluss lassen wir den für mich unerwartetsten Wiesn-Besucher zu Wort kommen, Thomas Mann:

München mit seinen Bauernbällen im Fasching, seiner Märzenbier-Dicktrunkenheit der wochenlangen Monstre-Kirmes seiner Oktoberwiese wo eine trotzig-fidele Volkhaftigkeit, korrumpiert ja doch längst von modernem Massenbetrieb, ihre Saturnalien feierte

Gut, ob er diese Beobachtungen aus eigener Hand hatte wissen wir nicht, aber mir gefällt einfach das Bild eines krachledernen Thomas Mann schunkelnd im Paulaner Zelt oder auf der Schiffschaukel.

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