Sally Rooney

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Connell und Marianne wachsen in der gleichen Kleinstadt im ländlichen Irland auf. Damit enden dann aber auch die Gemeinsamkeiten, denn sie kommen aus sehr unterschiedlichen Welten und ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten. Als beide einen Studienplatz am Trinity College in Dublin erhalten, hält die Verbindung, die zwischen ihnen gewachsen ist, bis weit in die folgenden Jahre an.

Normal People spielt hauptsächlich in der schattigen, rauchigen Studentenstadt Dublin, es hat geistreichen Dialog und Rooney beobacht feinfühlig das Auf und Ab von ängstlichen Gefühlen, Verliebtheit und ziemlich grafischem, leidenschaftlich innigem Sex. Normal People folgt den beiden Protagonisten Marianne und Connell – durch die Teenagerzeit bis ins frühe Erwachsenenalter.

Marianne ist ein dünnes, ängstliches, kluges Mädchen mit wenig Selbstwertgefühl und masochistischeren Tendenzen, die das Buch als soziale Ausgestoßene beginnt und in der Mittagspause Proust in der Schule in Galway liest, und Connell, der anscheinend so selbstsichere und beliebte Arbeiterklassen-Star der Fussballmannschaft, der ebenfalls überaus belesen ist.

“It was culture as class performance, literature fetishised for its ability to take educated people on false emotional journeys, so that they might afterwards feel superior to the uneducated people whose emotional journeys they liked to read about.”

Connells Mutter Lorraine stammt aus einer kriminellen Familie und bekam ihn mit 17 Jahren: aber sie scheint ihrer verpassten Jugend nicht hinterher zu trauern, sie ist nicht verbittert, sondern sehr herzlich, selbstlos und weise, das „gute Mutter“-Gegenstück zu Mariannes verwitweter Mutter, die kalt und unterinteressiert an ihrer Tochter ist und die gewalttätige Schikanierung des Bruders sogar fördert. Aber Denise ist so vage gezeichnet, dass selbst Marianne sich nicht einmal die Mühe macht zu erklären, warum. Nach einer ungeheuerlichen Grausamkeit ihrerseits treffen die beiden Mütter und Marianne direkt aufeinander:

They saw Marianne’s mother in the supermarket. She was wearing a dark suit with a yellow silk blouse. She always looked so ‘put together’. Lorraine said hello politely and Denise just walked past, not speaking, eyes ahead. No one knew what she believed her grievance was.“

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Es ist eine Liebesgeschichte die davon erzählt, wie ein Mensch das Leben eines anderen Menschen verändern kann – eine einfache, aber tiefgründige Erkenntnis, die sich im Laufe des Romans wunderbar entfaltet. Sie erzählt davon, wie schwierig es ist, darüber zu sprechen, wie wir uns wirklich fühlen und sie beschreibt die Privilegien, die nach wie vor zumeist unsichtbar daherkommen.

Roony kritisiert unser ständiges Bedürfnis, andere zu beeindrucken. Die meisten Sachen, die Marianne und Connell widerfahren, werden durch andere Menschen, Gruppendruck und soziale Erwartungen verursacht. Es schon traurig, dass jemand den einen anderen aufgibt, obwohl er ihn zutiefst liebt, nur weil er nicht damit umgehen kann, wie der Partner auf andere wirkt.

Die Unfähigkeit des Paares, vernünftig miteinander zu kommunizieren, ist frustrierend, fühlt sich aber realistisch an. Gelegentlich wollte ich mir die Haare ausreißen bei all dem was in diesem Buch ungesagt geblieben ist, aber es war gleichzeitig auch durchaus realistisch.

In Normal People geht es vielleicht nicht darum, wie genau es jetzt ist jung zu sein, aber es zeigt was es bedeutet, zu jeder Zeit jung und verliebt zu sein.

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Conversations with Friends ist ein Buch über vier Personen: zwei Ex-Freundinnen und jetzt beste Freundinnen, Frances und Bobbi, und ein Ehepaar, Nick und Melissa. Frances und Nick geraten mit der Zeit in eine seltsame Romanze.

Es geht aber nicht wirklich um diesen Betrug. Die Autorin weigert sich, es dem Leser so einfach zu machen. Bobbi und Melissa haben ihre eigene merkwürdige Verbindung, genau wie Frances und Bobbi und natürlich auch Nick und Melissa.

Der zentrale Konflikt von Frances besteht darin, dass sie nicht in der Lage ist, anderen ihre Verletzlichkeit zu zeigen,  sie wäre so gerne cool und distanziert und ist einfach nur liebenswert. Aber um geliebt zu werden, müssen wir uns natürlich erlauben, auch wirklich gesehen zu werden.

Es ist diese Weigerung, diese Intimität zuzulassen, die zum Hauptkonflikt des Buches wird; in ihrer Beziehung zu Bobbi, zu Nick und sogar zu Melissa versucht sie ständig (mit zunehmender Verzweiflung) zuzulassen, dass ihre Mauern durchbrochen werden. Erst im weiteren Verlauf des Buches beginnt sie zu verstehen, dass andere sie wirklich lieben und kennen lernen wollen.

Ich mag die Art, wie Sally Rooney schreibt, sehr: einfach und scheinbar mühelos, mit einem natürlichen und lebhaftem Rhythmus. Die gleichzeitige Intelligenz und mangelnde Lebenserfahrung von Frances werden dadurch überzeugend eingefangen; von Anfang an war sie jemand, die ich unbedingt verstehen wollte, in deren Kopf ich für eine Weile wohnen wollte.

“Gradually the waiting began to feel less like waiting and more like this was simply what life was: the distracting tasks undertaken while the thing you are waiting for continues not to happen.”

Sally Rooney schreibt mit Geschicklichkeit, Leichtigkeit und scharfer Beobachtungsgabe über zwischenmenschliche Dynamiken, die einem die Protagonisten sehr ans Herz wachsen lässt. Mit Sympathie, Frustration und etwas besorgt sah ich Frances dabei zu, wie sie eine unbeholfene, schlecht durchdachte Affäre mit einem älteren verheirateten Mann anfängt. Die Dynamik dieser Affäre, Frances‘ begrenztes Verständnis von Liebe, Klasse, Freiheit und Zugehörigkeit und das Zusammenspiel mit den anderen Figuren im Buch machen ihr Leben immer komplizierter.

Das Ende und der damit verbundene Fallout ist chaotisch und seltsam. Interessanterweise wird die Dramatik der Geschichte durch den prägnanten Dialog des Romans überschattet. Die Gespräche, die Frances mit Bobbi, Nick und Melissa führt, nehmen eine Vielzahl von Formen an – verstohlene E-Mail-Nachrichten, persönliche Interaktionen, überstürzte Textnachrichten – und die Figuren grübeln über alles, von der Liebe im Spätkapitalismus bis hin zu den Vorzügen des Anarchismus. Die spannenden Gespräche, zusammen mit Rooneys berauschender Prosa, lassen den Roman in schwindelerregendem Tempo vorbeirauschen.

Definitiv Lektüre, die nicht jedem gefallen wird, aber ich hatte großes Vergnügen an diesen klugen Romanen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr.

Auf Deutsch erschienen die Bücher unter dem Titel „Gespräche mit Freunden“ und „Normale Menschen“ im Luchterhand Verlag.

Meine Woche

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Gesehen: Fahrstuhl zum Schafott (1958) von Louis Malle mit Jeanne Moreau. Super stylischer spannender Film Noir mit sehr passendem Soundtrack von Miles Davis.

The Revenant (2015) von Alejandro González Iñárritu mit Leonardo di Caprio. Wirklich schöne Landschaftsaufnahmen, die Story an sich eher meh.

The Big Bang Theory Season 12 (2018) alles muss mal zu Ende gehen, aber ich werde sie vermissen.

Not alone in here (2020) von David F. Sandberg. Short Horror. Eine Frau glaubt sie sei nicht alleine in ihrem Haus…

Gehört: Ascenseur pour l’échafaud – Miles Davis, Playing the Piano for the Isolated – Ryuichi Sakamoto, Live CVLT – thisquietarmy, Untold Things – Jocelyn Pook, New Day – Kate Havnevik, Isata Kanneh-Mason – Clara Schumann‘s Scherzo No.2, Live at Sydney Opera – Ólafur Arnalds, Deep Focus Music

Gelesen: diesen Artikel über synthetic philosophy, 5 years in Silicon Valley, your brain is not a computer, Why Tales of Female Trios Are Newly Relevant, The Knowledge, the fabled London taxi exam, Coronavirus Will Change the World Permanently, how to design a smart city build on empowerment

Getan: ein Büro-Wiedereröffnungskonzept erstellt, mein neues Radl abgeholt, im Flaucher die Biergartensaison eröffnet und Geburtstag gefeiert

Geplant: ein paar schönes Ausflüge in die Berge während unseres Urlaubs

Gegessen: sehr lecker koreanisch im Mun

Gefreut: über ganz tolle Geburtstagsgeschenke und über den Überraschungsbesuch zum Frühstück

Geärgert: nein

Geschockt: eine Nachbarin im Haus ist überraschend in ihrer Wohnung gestorben 😦 und über den Mord an George Floyd

Geklickt: auf Linda Rising meeting resistance and moving forward

Gestaunt: Nasa and SpaceX successfully launch Crew Dragon Spacecraft, über diese Raupe, diese Qualle und Frisur für Literatur: Gratis Haarschnitte vom Pop-up Friseur an ungewöhnlichen Orten

Gelacht: If 2020 was a sex toy

Gewünscht: diesen Ramen, dieses Haus, dieses Wohnzimmer

Gefunden: nix

Gekauft: nein

Gedacht: Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten // Hilde Domin

Was wir voneinander wissen – Jessie Greengrass

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„Was wir voneinander wissen“ erzählt davon, was wir über unseren Körper, uns selbst oder einander wissen können und ist das Thema des Debütromans von Jessie Greengrass. Der Roman erzählt von einer namenlosen jungen Frau, die, schwanger mit ihrem zweiten Kind, über den Tod ihrer Mutter und dessen Folgen meditiert, über ihre Beziehung zu ihrer psychoanalytischen Großmutter und darüber, wie schwierig es war, sich für ihr erstes Kind zu entscheiden. Die Erzählung streicht in der Zeit hin und her und bringt unerwartete Verbindungen an die Oberfläche.

Der Roman entführt uns ins Paris des 19. Jahrhunderts, als die Brüder Lumière zum ersten Mal ihre Kinofilme zeigen. In derselben Epoche erfindet der deutsche Physiker Wilhelm Röntgen das Röntgengerät, dessen Schwarz-Weiß-Bilder seiner Frau Bertha wie der Blick auf ihren eigenen Tod erscheinen. Das Thema, wie Reflexion und Analyse entweder aufklären oder verkümmern können, zieht sich als roter Faden durch den Roman.

Dies wird in späteren Abschnitten, die sich mit Freuds Studien zur Psychoanalyse befassen, noch deutlicher. Zum Beispiel bei dem kleinen Jungen, der sein Haus nicht mehr verlassen will, nachdem er gesehen hat, wie ein Pferd auf der Straße tot umgefallen ist – eine interessante Fallstudie, in der Freud Parallelen zu dem Pferd und dem Vater des Jungen zieht.

Die Erzählerin ist definitiv für die Analyse prädestiniert,  mit ihrer unglücklichen und distanzierten alleinerziehenden Mutter und ihrer gleichfalls distanzierten Psychiater-Oma. „Doktor K“ nutzt sie des Öfteren als Versuchsperson und vermittelt ihrer Enkelin von klein auf die Fähigkeit zur Reflexion. Das hat ihr zwar ein ausgeprägtes moralisches Gespür gegeben, auf der anderen Seite aber hat sie die instinktiven Freuden der Kindheit verpasst. Nichts wird je ohne vorheriges intensives Nachdenken getan. Als sie Johannes begegnet und sich in ihn verliebt – den der Leser durch die Erzählperspektive des Erzählers nur am Rande kennenlernt – droht die Entscheidung über die Mutterschaft.

„Dieses Tagebuch, sagte sie, sei zwar für die Selbstanalyse nicht zwingend notwendig, das Führen eines solchen aber dennoch eine nützliche Methode, eine Möglichkeit, den Verstand zur Rede zu stellen, ähnlich dem Beten eines Rosenkranzes.“

Der Erzählerin ist von Anfang an klar, dass sie sich ein Kind wünscht, aber sie ist zutiefst unsicher, ob sie eine gute Mutter abgeben würde. Greengrass bringt dieses interessante philosophische Thema mit Leichtigkeit auf den Punkt und zieht den Leser mit einer Stimme in den Bann, die gleichzeitig intelligent und stets auf der Suche ist.

„Nun, da wir davor stehen, das Ganze ein zweites Mal zu durchleben, frage ich mich bisweilen, ob es meiner Muter genauso ergangen sein mochte, oder Doktor K oder Max Graf bei seinem Sohn Hans oder Freud bei seiner Tochter Anna; und wenn ja, wie sie es schafften, sie zu verbergen, wie wir alle sie verbergen, diese schier überwältigende Furcht davor, es zu versauen, die uns ergreift, wenn wir Kinder bekommen, die Erkenntnis, dass wir unmöglich vermeiden können, ihnen zu schaden, ein Gefühl, als fiele man in eine uferloses Gewässer, und dazu die quälende Einsicht, dass es im Erfolgsfall aussieht, als wäre man verlassen worden – doch welche Alternative gibt es?“

Wunderschöne Atmosphäre, klare Sprache – große Empfehlung

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

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Gesehen: Die Wand (2012) von Julian Pölsler mit Martina Gedeck. Sehr gute Verfilmung des großartigen gleichnamigen Romans von Marlen Haushofer.

The Conjuring (2013) von James Wan mit Vera Farmiga. Richtig guter ziemlich gruseliger Haunted House Horror.

Twin Peaks Season 3 (2017) von David Lynch. Absolut abgefahren, total verrückt und so gut. Freue mich, wieviele vom Original Cast wieder dabei sind.

Gehört: Ah perdona al primo affetto – Anna Netrebko & Elīna Garanča, Peace, Love & Understanding – Sharon Van Etten,  Describe – Perfume Genius, New Space Music – Brian Eno, When I am laid in Earth – Henry Purcell, Healing is a Miracle – Julianna Barwick, Journey Home – Atrium Carceri

Gelesen: Warum in der Schule nur männliche Autoren gelesen werden, Dr. Ariane Schröder: Epidemien wirken wie ein Brennglas auf die Gesellschaft, The Haunting of Shirley Jackson, dieses Interview mit Jerry Seinfeld, The books of Reese (Witherspoon), What Lockdown? World’s Cocaine Traffickers Sniff at Movement Restrictions, Jacinda Ardern flags four-day working week as way to rebuild New Zealand after Covid-19

Getan: virtuell den Bookclub besucht, endlich wieder mal im Restaurant gegessen

Geplant: hoffentlich mein neues Radl abholen

Gegessen: Pizza

Getrunken: Sekt

Gefreut:  Orphan Black Charity Read & Reunion 2020 und über das lange Wochenende

Geärgert: nein

Geschockt: über Männerwelten von Joko & Klaas moderiert von Sophie Passmann

Geklickt: auf Marah J. Hardts TED Talk „The quirky sex life of ocean creatures“ und auf was Ideen die Leute kommen um ihre Liebsten zu sehen 🙂 hier und hier

Gestaunt: über die wunderschöne erstaunliche Qualle Deepstaria, man kann das Grab von Pharaoh Ramesses IV virtuell besuchen

Gelacht: über Batman working from home

Gewünscht: diese Prints, diese hängenden Pflanztöpfe, dieses Millennium Falcon Schneidebrett

Gefunden: nix

Gekauft: einen Drucker

Gedacht: Schreiben bedeutet niemandem und allen das zu sagen, was man einem Jemand nicht sagen kann // Rebecca Solnit

Dystopische D(r)amen

Wer glaubt eine Pandemie würde mich von meiner dystopischen Leidenschaft heilen, irrt gewaltig. Diese drei Bücher waren die perfekte Begleitlektüre durch die Covid-19 bedingten Ausgangsbeschränkungen.

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Die Wand ist eine Chronik des Lebens des letzten überlebenden Menschen auf der Erde, einer gewöhnlichen Frau mittleren Alters, die eines Morgens aufwacht und feststellt, dass alle anderen verschwunden sind. In der Annahme, ihre Isolation sei das Ergebnis eines schiefgelaufenen militärischen Experiments, beginnt sie die mit der Arbeit des Überlebens und ihrer eigenen Selbsterneuerung. Dieser Roman ist gleichzeitig eine einfache und bewegende Geschichte und eine verstörende Meditation über die Menschheit.

Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige, und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, daß man es fast nicht spürt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dämmerte, aber wie jede andere Mutter verdrängte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich mußte ja leben, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme?“

Das Buch ist der Bericht, den die Heldin einige Jahre später auf der Grundlage des skizzenhaften Tagebuchs schreibt, das sie geführt hat. Es vermischt Erinnerungen, Rekonstruktion vergangener Episoden, die verblasst sind, und Reflexionen aus der Gegenwart. Doch meistens handelt er von den Einzelheiten des täglichen Überlebenskampfes: wie sie mit ihrem kargen Kartoffelvorrat ein Kartoffelacker anlegt (hat mich sehr an den Martian von Andrew Weir erinnert), wie sie Heu mäht, um ihre Kuh zu füttern, wie sie Holz hackt, um sich in den bitteren Wintern warm zu halten und wie sie manchmal einen Hirsch schießt, um Fleisch zu bekommen.

Sie ist völlig kompromisslos: Die Erzählerin schreibt nur für sich selbst, es gibt sonst niemanden auf der Welt, und sie vermisst auch niemanden so richtig. Sie will die Dinge einfach nur erzählen wie sie sich zugetragen haben. Es ist erstaunlich, wie real ihre Welt wird und wie selten man einen dystopischen Roman ließt, in dem soviel Fürsorge zutage tritt.

Das Buch widersetzt sich einer einfachen Interpretation. Vielleicht ist das nicht einmal die eigentlich spannende Frage. Es ist ein grandioses Bild, das einem im Gedächtnis bleibt, die einsame Frau, die in ihrer unsichtbaren Blase gefangen ist, die fast alles verloren hat, sich aber immer weigert aufzugeben. Eine Frau, die all ihre Entschlossenheit, ihren Einfallsreichtum und ihr Können einsetzt, um noch ein weiteres Jahr zu überstehen, weil ihre kleine Tierfamilie sie braucht. Manchmal denkt sie an die Menschen, die diese unbegreifliche Waffe geschaffen haben, die alle außerhalb der Wand in Stein verwandelt hat, und sie fragt sich, wie sie das geschafft haben konnten. Diese Menschen müssen sich in einer Weise von ihr unterscheiden, die sie nicht in keinem Fall verstehen kann.

Wer weiß, was die Gefangenschaft aus diesem unauffälligen Mann gemacht hätte. Auf jeden Fall war er körperlich stärker als ich, und ich wäre von ihm abhängig gewesen. Vielleicht würde er heute faul in der Hütte umherliegen und mich arbeiten schicken. Die Möglichkeit, Arbeit von sich abzuwälzen, muß für jeden Mann eine große Versuchung sein. Und warum sollte ein Mann, der keine Kritik zu befürchten hat, überhaupt noch arbeiten.“

„Die Wand“ ist der berühmteste Roman der 1920 im österreichischen Frauenstein geborenen Marlen Haushofer. Er wurde 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt. „Die Wand“ wurde in den achtziger Jahren von der Frauen- und der Friedensbewegung wiederentdeckt, und die Geschichte lässt sich vielfältig interpretieren.

Als perfekten Soundtrack empfehle ich Chelsea Wolfes „Pain is Beauty

Empfehlen kann ich auch die Verfilmung mit Martina Gedeck in der Hauptrolle:

Warum hört man eigentlich so gar nichts vom Haushofer Jahr, wo uns doch an jeder Ecke Hölderlin, Beethoven und Paul Celan Gedenktage und Veröffentlichungen begegnen? Sehr schade.

Daher feiere ich dieses Jahr Marlen Haushofer, Annette Kolb und Clarice Lispector 🙂

Und ihr so?

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Winters Garten ist der Name der idyllischen Siedlung, in der alles üppig wächst und gedeiht und der Sehnsuchtsort von Anton der in der Stadt lebt und Vögel züchtet und der dort eine sehr glückliche Kindheit erlebte. Er wuchs mit anderen Kindern und den alten Menschen in einem riesigen Haus mit Winters Garten auf. Er erlebte die Welt und den Tod aus nächster Nähe, streifte durch Wiesen und Wälder, spielt verstecken genießt die Wärme und Liebe seiner geliebten Großmutter.

Als Erwachsener lebt er als Vogelzüchter in der Stadt. Schlaflos steht er nachts am Fenster und blickt auf die verwahrlosten Straßen. Alles ändert sich, nichts ist mehr wie es war. Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere dringen in die Vorgärten und Hinterhöfe ein, der Schlaf der Menschen ist schwer von Träumen und viele gehen hinunter ans Meer, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

Inmitten dieser Hoffnungslosigkeit trifft Anton eine Frau, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Wortlos nimmt sie ihn bei der Hand, folgt ihm nach Hause und bleibt. Sie starren sich an oder lieben sich.

 

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Anton hilft ihr in der Klinik, in der sie arbeitet, die in eine Entbindungsstation umgewandelt wurde. Friederike freundet sich mit der hochschwangeren Marta an. Nach der Geburt des Kindes, stellt sich heraus, dass der Vater Antons Bruder ist. Nach vielen Jahren kehrt Anton mit Friederike, seinem Bruder, dessen Frau und dem Baby in die Gartenkolonie zurück, um vor dem nahenden Ende der Welt zu fliehen. Sie verbringen die Tage damit, sich zu erinnern und auf das zu warten, was kommen mag.

Ich habe so vieles vergessen, aber nicht, wie man von der Zukunft spricht. Es ist niemand da, der fragt, ob man leben will, und niemand, der fragt, ob man sterben will. Genauso wenig, wie man sich aussuchen kann, von wem man geliebt wird. Und selbst wenn man seine Tritte sorgfältig rückwärts in die eigenen Fußspuren setzt, heißt das nicht, dass man dort ankommt, wo man aufgebrochen ist. Wenn mich die Menschen fragen, ob ich die Welt gesehen habe, sage ich ihnen, dass sie nie still genug hält, um gesehen zu werden

Was genau in der Welt passiert, wird nicht näher erläutert, aber das nahende Ende ist in deutlich spürbar. Es ist die Sprache, die eine dunkle Anziehungskraft entwickelt und die einen vom ersten Satz an in die wohlig-dunkle Atmosphäre des Romans hineinzieht.

Das ist kein Roman für Menschen, die einen rasanten Plot lieben mit vielen Wendungen. Denn es passiert nicht viel. Am Anfang und am Ende steht die Gartenkolonie, die voller Erinnerungen ist und den Menschen Heimat bietet in einer Welt die keine Zukunft mehr hat.

Zu lieben ist die einzig angemessene Art zu existieren. Wenn man beginnt, einander zu lieben, weiß man nichts darüber, nichts über die Angst, den Mut, die Trauer, die Bedingungslosigkeit, oder man weiß alles und versteht die Liebe doch nicht, weil sie noch unbelastet ist von den Erfahrungen, die ihr folgen.“

Wortgewaltig, sinnlich, düster, tolle Atmosphäre.

Als passenden Soundtrack zum Buch habe ich Soap & Skin „Lovetune for Vacuum“ gehört.

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The Memory Police von Yoko Ogawa ist ein hypnotischer, ruhiger Roman, der als Dystopie eines Überwachungsstaates beginnt und als etwas Existenzielleres endet: eine surreale und eindringliche Meditation über unser Selbstverständnis.

Dieser Roman, der vor 25 Jahren erstmals in Japan veröffentlicht wurde und jetzt in englischer Übersetzung vorliegt, ist gänzlich zeitlos. Die Bewohner einer namenlosen Insel, die unter einem repressiven Regime leben, erleben eine Form von kollektiver, allmählicher Amnesie. Beim Erwachen beginnt ein scheinbar zufälliger Gegenstand – Rosen, Vögel, Boote – aus ihren Köpfen zu verschwinden. Sie müssen die vollständige Auslöschung des Gegenstandes sicherstellen, indem sie alle Beweise für seine Existenz aus der Welt tilgen. Die Gedächtnispolizei ist dazu da, selbst den schwächsten Widerstand zu brechen, aber die meisten Menschen treiben in passiver Selbstgefälligkeit durch den Tag und Widerstand ist kaum spürbar. Welchen Sinn hat es, sich an etwas zu klammern, an das man sich nicht erinnern kann?

“It’s a shame that the people who live here haven’t been able to hold such marvelous things in their hearts and minds, but that’s just the way it is on this island. Things go on disappearing, one by one. It won’t be long now,” she added. “You’ll see for yourself. Something will disappear from your life.”

Eine kleine Zahl von Menschen ist gegen dieses Phänomen immun. Sie sind verflucht durch ihre vollständige Erinnerung an alles, was verloren gegangen ist, und stellen eine Bedrohung für das Regime dar. Daher müssen sie ihre Andersartigkeit um jeden Preis verbergen.

Memories are a lot tougher than you might think. Just like the hearts that hold them.”

Im Roman geht es um eine junge Frau, die um ihre Karriere als Schriftstellerin kämpft, und die entdeckt, dass ihr Verleger durch die Gedächtnispolizei in Gefahr ist, schmiedet sie einen Plan, ihn in einem eigens dafür errichteten Anbau unter ihren Dielen zu verstecken, in einer Weise, die mich immens an  „Das Tagebuch der Anne Frank“ erinnerte. Es handelt sich um eine geheime Kammer, die nur über eine Falltür in der Decke zugänglich ist. Unterdessen beschleunigt sich das „Vergessen“ und wird immer extremer.

Dies ist eine stille, melancholische Apokalypse, bei der die Widerstandsversuche gering sind und die in der völligen Zerstörung des Selbst gipfelt.

“I don’t know. Maybe there’s a place out there where people whose hearts aren’t empty can go on living.”

Der perfekte Soundtrack für diesen Roman ist „Nowhere Now Here“ von Mono.

Wie ist das bei euch? War euch in der letzten Zeit eher nach Kontrastprogramm oder habt ihr auch ganz bewusst nach eher dunklen, dystopischen Stoffen gegriffen?

Meine Woche

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Gesehen: Don’t look now (1973) von Nicolas Roeg mit Julie Christie und Donald Sutherland. Großartiger Film und wunderbare Venedig-Bilder. Zurecht ein Klassiker.

Blow the Man down (2019) von Danielle Krudy und Bridget Savage Cole. Zwei Schwestern in einem Fischernest in Maine und eine Leiche die eine Menge Probleme macht.

Orphée et Eurydice (2003) Aufzeichnung aus der Bayrischen Staatsoper von Christoph Willibald Gluck mit Vesselina Kasarova. Wunderschön, eine meiner liebsten Opern.

Gehört: J’ai perdu mon Eurydice – Vesselina Kasarova, Stranger – Anna von Hausswolff, Diabolo Menthe – Soko, Downer surrounded by Uppers – Mrs Piss, I finally understand – Charlie XCX, Nothing Else – Archive, Demo(n)s – Foie Gras

Gelesen: The real Lord of the Flies, Igor Levit is like no other pianist, Straight Women Are Marrying Each Other for Safety in Tanzania, Wenn die Eltern plötzlich an Verschwörungstheorien glauben, Nick Cave is showing us a new, gentler way to use the internet, What the corona virus can teach us about hope

Getan: Haare schneiden lassen

Geplant: hoffentlich mein neues Radl abholen

Gegessen: Griechische Pita-Platte

Getrunken: Rotwein

Gefreut: über eine überraschende wunderbare Büchersendung von der lieben Tante Masha

Geärgert: über die ganzen Weltverschwörungstheoretiker

Geweint: nein

Geklickt: auf diese Liste mit den 250 besten Abenteuerbüchern

Gestaunt: über Electrical mushroom-control techniques

Gelacht: über Life Re-Training

Gewünscht: diese Loft, dieses Bad, dieses Teleskop

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: We have begun to raise our daughters more like sons… but few have the courage to raise our sons more like our daughters // Gloria Steinem

Meine Woche

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Gesehen: Frankenstein (2011) Aufführung des National Theatre mit Benedict Cumberbatch. Wow – was für eine Performance. Absolut großartig. Leider endete die Übertragung auf youtube.

Into the Night (2020) belgische apokalyptische SciFi Serie um eine zusammengewürfelte Truppe in einem Flugzeug auf der Flucht vor tödlichen Sonnenstrahlen. Spannend.

Sex Education Season 2 (2020) mit Gillian Anderson und Asa Butterfield. High School Serie mit großartigem Drehbuch, tollen Schauspielern und gutem Soundtrack.

Gehört: Autobahn – Kraftwerk, Da Pacem – Arvo Pärt, The end of the world – Billie Eilish, Messias – Austra, Only Love – Constant Smiles, Burn – The Soft Moon, Wishin‘ and Hopin‘ – Dusty Springfield, Always on my mind – Willie Nelson, Quintana – Slow Meadow

Gelesen: Sybille Anderl über das schwarze Loch in kosmischer Nachbarschaft, diesen Artikel über systemischen Rassismus (ja auf der Ben & Jerry’s Webseite), diesen Artikel von Carl Sagan zu Skeptizismus, Why I am not a Maker, How the internet kept running even as society around closed down, diesen Artikel über Billie Eilish,

Getan: ein neues Radl geleast und endlich wieder den Buchladen besucht

Geplant: ein Twin Peaks Season 4 Marathon

Gegessen: Gebackene Caprese-Eier

Getrunken: Bergkräuter Tee

Gefreut: Bundestag verbietet die „Heilung“ von Homosexuellen

Geärgert: über die ewige Lügerei von Süchtigen und dämliche Corona-Demos

Geweint: um den Afro-Amerikaner der beim Joggen erschossen wurde und RIP Florian Schneider von Kraftwerk

Geklickt: auf dieses Video über die Yamabusihi Mönche, auf diesen Artikel über die Sea Monkeys unserer Kindheit

Gestaunt: wie krass hell Starlink am Himmel ist, über die asiatische Killer-Wespe und über diese Mantis die hier gerade eine verspeist und über tausende von Flamingos in Mumbai

Gelacht: über Diane Keaton beim Klamotten ausmisten, über diesen Artikel über Home-Schooling

Gewünscht: diese Bücherwand, diese social-distancing-Picknickdecke, dieses Schlafzimmer

Gefunden: nix

Gekauft: eine neue Brille und Bücher

Gedacht: Which do you want? The pain of staying where you are or the pain of growth?