Women in Science (20) Maria Sibylla Merian

Als ich diese Reihe begann hätte ich niemals damit gerechnet, wie schwierig es ist unter meinen Blogger-Kolleginnen und Kollegen Mitstreiter für diese Reihe zu finden. Um so mehr freue ich mich, mit Birgit von Sätze und Schätze eine „Wiederholungstäterin“ zu haben, die auch schon bei den „Women in SciFi“ dabei war. Heute stellt sie uns eine sehr spannende Frau vor, die aufgrund ihrer genauen Beobachtungen und Darstellungen zur Metamorphose der Schmetterlinge sie als wichtige Wegbereiterin der modernen Insektenkunde gilt. Vorhang auf für

Maria Sibylla Merian – Die Frau der Metamorphosen

Surinam! Schon der Name klingt wie eine exotische Verheißung. Zwar steht das kleinste unabhängige Land Südamerikas nicht auf der Top Ten der Reiseländer, doch ist es für Touristen inzwischen relativ bequem zu besuchen. Doch was bewegte im Jahre 1699 eine Frau, die sich von Amsterdam zu einer nicht ungefährlichen Seereise aufmachte, dazu, die Strapazen und Gefahren solch eines Unternehmens auf sich zu nehmen? Es war, um es kurz zu machen, der reine Forschungstrieb.

Der Aufenthalt in der niederländischen Kolonie Surinam, den sie wegen gesundheitlicher Beschwerden 1701 vorzeitig beenden musste, das war sicher das größte Abenteuer im Leben der Maria Sibylla Merian, die aber auch sonst nicht über mangelnde Beschäftigung und Abwechslung klagen konnte. Mit der erstmaligen Erforschung der Flora und Fauna Surinams war die gebürtige Frankfurterin im Grunde die Wegbereiterin für Alexander von Humboldt und andere, die naturwissenschaftliches Interesse nach Südamerika zog.

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Welche Bedeutung die Forscherin heute noch für das kleine Land hat, zeigt sich das Geschenk, dass die Niederlande der ehemaligen Kolonie 1975 zur Unabhängigkeit machte: Surinam erhielt eine der raren Originalausgaben der „Metamorphosis insectorum Surinamensium“. Das opulente Werk mit Kupferstichen und Texten, das als Folioausgabe erschien und von Merian zum Teil handkoloriert wurde, gilt als ihr Hauptwerk, die wenigen erhaltenen Originalbände sind inzwischen bibliophile Kostbarkeiten.

Wer aber war diese Frau, die sich wegen einiger Insekten und Raupen, um es salopp auszudrücken, in solche Abenteuer stürzte?

Maria Sibylla Merian wird am 2. April 1647 in Frankfurt geboren. Sie stammt aus der berühmten Verlegerfamilie, jedoch aus der zweiten Ehe von Matthäus Merian dem Älteren. Der Vater stirbt bereits drei Jahre nach ihrer Geburt, die Mutter heiratet erneut, den Maler Jacob Marrel. Die künstlerische Ader ist ihr bereits als Talent schon durch die väterliche Familienseite mitgegeben, der Stiefvater wird dieses Talent fördern und ihr den Weg für ihre spätere berufliche Karriere bereiten.

Der Name Merian nutzt der kleinen Familie zunächst wenig: Maria Sibyllas Halbbrüder übernehmen die Verlagsgeschäfte, die Stiefmutter, nun verwitwet, wird gemieden und finanziell abgespeist. Maria Sibylla geht also schon in frühen Jahren beim Stiefvater Marrel sozusagen in die Lehre, arbeitet in dessen Atelier – oder besser Kunstwerkstatt – mit. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit, wie die Merian-Biographin Barbara Beuys hervorhebt:

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„Zu sehr hat das 19. Jahrhundert, als Bürgertöchter keinen Beruf erlernen durften, weil standesgemäßes Frauenleben sich nur mit Kindern, am Herd und im häuslichen Salon abspielte, den Blick dafür verstellte, dass in ferneren Epochen Gleichberechtigung Realität war – bei Handwerkern wie bei Kaufleuten. (…) Die mittelalterliche Stadt hatte die Frau aus der Vormundschaft ihrer Verwandten und ihres Mannes befreit; sie wurde eine Person eigenen Rechts und war geschäftsfähig. Finster dagegen war die moderne Zeit.“

Diese hohe Selbständigkeit und Unabhängigkeit wird sich Maria Sibylla Merian auch im weiteren Lauf ihres ungewöhnlichen Lebens bewahren. Von ihrer Herkunftsfamilie bekommt sie dafür das nötige Rüstzeug mit: Neben ihrem künstlerischen Talent die entsprechende Ausbildung und kaufmännisches Geschick. Später wird sie dies als Verlegerin ihrer Werke – heute wäre sie „Selfpublisherin“ – gut gebrauchen. Neben der künstlerischen Ader ist die junge Merian jedoch auch noch von einer anderen Eigenschaft geprägt: Einer unbändigen Neugier auf alles, was kreucht und fleucht.

Aus den wenigen Quellen geht nicht eindeutig hervor, warum sich die 13-jährige plötzlich mit Seidenraupen beschäftigte – ein doch etwas ungewöhnliches Hobby zu jener Zeit. Barbara Beuys, die 2016 ihre ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Merian-Biographie veröffentlichte, verweist auf den damals gängigen Handel mit Seide und Seidenraupen, der Bruder von Merians Stiefvater ist ebenfalls in diesem Metier tätig. Im Vorwort zu ihrem Surinam-Buch schreibt sie:

„Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung der Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupenarten viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen. Das veranlasste mich, alle Raupenarten zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten. Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen.“

Woher auch immer das Interesse kam, „das junge Mädchen füttert in einer Spanschachtel, die geschlossen, aber mit Luftlöchern versehen ist, über Tage und Wochen eine Seidenraupe. Es beobachtet, wie das Tier mit dem Spinnen des Seidenfadens beginnt und nach acht Tagen von einem festen Seidenkokon umgeben ist.“ Es ist der Beginn einer Karriere, die Maria Sibylla Merian in den Rang einer der wegweisenden Insektenforscherinnen erheben wird, auch wenn sie manchmal einseitig nur als „Künstlerin“ wahrgenommen wird. Tatsache aber ist, dass sie durch ihre jahrzehntelange Beobachtung und Protokollierung der Entwicklung von Raupen, deren Nahrungsgewohnheiten, deren Entwicklungsstadien usw., die Grundlagen für die moderne Insektenforschung mitbestimmte. Barbara Beuys betont:

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„Forschung und Kunst, Kunst und Forschung sind bei Maria Sibylla Merian nach ihrer eigenen Auskunft von Anfang an eine ausgewogene Partnerschaft eingegangen. Es gab keinen Bruch. Sie war nicht hin- und hergerissen, sondern führte die beiden Begabungen auf ideale Weise zusammen.“

1665 heiratet Maria Sibylla den Maler Johann Andreas Graff, ebenfalls ein Schüler ihres Vaters. Das Paar bekommt zwei Töchter, die das naturwissenschaftliche Interesse der Mutter später teilen, sie in ihrer Arbeit unterstützen und das Ganze zu einem Familienunternehmen ausbauen. Doch zunächst ist ein Ortswechsel angezeigt: 1670 zieht die Familie nach Nürnberg, wo die junge Frau durch Zeichenunterricht und den Handel mit Malutensilien zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt. In Nürnberg entstehen zudem ihre ersten Bücher. Das „Neue Blumenbuch“, ein Musterbuch für stickende Damen, und das zweiteilige „Raupenbuch“. Es muss recht eigenartig ausgesehen haben in diesem Haushalt: Neben den Handwerksutensilien der Maler standen wohl allerorten Schachteln mit Raupen und es konnte, wie Barbara Beuys hinweist, durchaus geschehen, dass die Hausfrau beim Bearbeiten von Geflügel mehr Interesse für Maden aufbrachte, die sie im Inneren der Vögel fand, als für die Zubereitung des Mittagessens.

Painted portrait of Maria Sibylla Merian

Foto: Wikipedia

Daran ist die Ehe wohl nicht gescheitert – die eigentlichen Gründe dafür werden für immer im Dunkeln bleiben. Allerdings ist das Geschehen, wie Briefzeugnisse zeigen, vor allem für Johann Andreas Graff dramatisch: Nach zwanzig Jahren Ehe beschließt die Merian, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Töchtern in eine urchristliche Kolonie im niederländischen Friesland zu ziehen. Was Barbara Beuys über das Leben der Labadisten schreibt, erinnert an strenges, engherziges Sektierertum – dennoch aber scheint Maria Sibylla Merian hier den nötigen Abstand und die Ruhe für ihre Arbeiten zu finden. 1692 wird die Ehe geschieden.

1691 zieht sie nach Amsterdam, damals das Tor zur Welt. Es gelingt ihr auch dort wieder, ein eigenes Leben, eigene Geschäftstätigkeit und Beziehungen aufzubauen. Mit ihrem anschließenden Umzug nach Amsterdam habe sich Merian wiederum „genau die internationalen Kontakte“ gesucht, die sie für ihre weitere Forschungsarbeit benötigt habe, meint Barbara Beuys:

„Amsterdam war damals die Weltmetropole. Dort kamen Schiffe an aus aller Welt, mit exotischen Gewürzen aber auch Pflanzen und Tieren. Und dort ist sie ein- und ausgegangen bei den Gelehrten, sie war befreundet mit dem Bürgermeister, auch das in damaliger Zeit kein Problem.“ 

Und vielleicht trieb sie auch dabei die Neugier auf ein fernes Land namens Surinam an: Denn die frühpietistische niederländische Sekte, der sie angehörte, war eng mit dem Gouverneur von Surinam verbunden, schon in Friesland muss sie viel über die Kolonie erfahren haben. Dennoch: Von der Neugierde bis zur selbstfinanzierten Forschungsreise ohne männlichen Begleitschutz ist es ein weiter Weg. Das ganze Vorhaben war seinerzeit die reinste Sensation, viele Freunde rieten der Merian von der Reise ab. Ohne Erfolg: 1699 schiffte sie sich ein.

Zwar von der Malaria und anderen Krankheiten geschwächt nahm die Forscherin nach ihrer Rückkehr zu den Grachten 1701 ihr geschäftiges Leben wieder auf. Auch nach einem Schlaganfall arbeitete sie noch bis zu ihrem Tod 1717 trotz der körperlichen Einschränkungen weiter. Zumal ihr auch nichts anderes übrig blieb: Trotz ihrer guten Kontakte und vielfältigen Beziehungen, trotz ihres Handels mit Malutensilien und dem Verkauf ihrer Bilder und Präparate sowie anderer geschäftlicher Unternehmungen: Maria Sibylla Merian verstarb unvermögend. Viel Geld wird in die von ihr mit viel Aufwand und Liebe zum Detail erstellten Bücher geflossen sein.

Und gerade deshalb, weil sie sich diese Neugier an einem bis dahin unbeachteten Element der Natur – Insekten waren für die Forscher jener Zeit kein bemerkenswerter Gegenstand – von ihren Mädchenjahren bis ins hohe Alter bewahrte, weil sie sich von der Lust an der Erkenntnis leiten ließ, gerade deshalb kann man von einem erfüllten Leben sprechen. Barbara Beuys schreibt:

„Was von Maria Sibylla Merian bleibt, ist das Bild einer Persönlichkeit, deren Leben trotz der selbstgewählten Umbrüche und inmitten des dramatischen Übergangs von mittelalterlichen Gewissheiten in eine moderne, ungewisse Zeit, gelassen und beständig verlief. Maria Sibylla Merian behauptet sich neben ihren eindrucksvollen Büchern als eine Frau, die verwirklichte, was sie früh als ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten erkannte. Die mit konzentriertem Ernst und Ehrgeiz bei der Sache war.“

 

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Otto – Dana von Suffrin

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Um Familienromane mache ich in der Regel einen Bogen – insbesondere, wenn Patriarchen darin eine tragende Rolle spielen. Daher wollte ich „Otto“ schon gelangweilt auf Seite packen, doch klugerweise habe ich erst einmal in das Buch hineingelesen, bevor ich mich mit meinem vorschnellen Urteil um ein großes Lesevergnügen gebracht hätte.

Otto, besagter Familienpatriarch, ist tatsächlich ein sehr anstrengender Zeitgenosse, der selbst aus dem Krankenhaus heraus seine beiden Töchter noch ordentlich auf Trab hält. Er macht den beiden ganz selbstverständlich klar, solange er da ist, haben sich die beiden um ihn zu kümmern und sich für ihn auf zu opfern, das sei nun einmal so in einer Familie und in einer jüdischen Familie gleich dreimal.

So unvernünftig, aufbrausend und nervend Otto ist und sein kann, im Laufe des Buches schleicht er sich tatsächlich in mein Herz und ich leide mit seinen Töchtern Timna und Babi mit, denen es schwerfällt, ihren Vater loszulassen, so sehr sie ihn früher ganz gerne losgeworden wären. Und er geht ihnen ganz schön auf die Nerven mit seinen Marotten, seinem Geiz und den ständigen Anrufen. Seine Pflege stellt insbesondere Timna vor große Herausforderungen, aber gleichzeitig gibt es ihr auch die Möglichkeit, in ihre eigene Familiengeschichte einzutauchen.

„Jetzt musst du dich noch entschuldigen, sagte Otto, dann ist alles gut, und wir können bald wieder einen neuen Streit beginnen.“

Timna erzählt ihre Familiengeschichte, die voller Höhen und Tiefen steckt und die gleichzeitig saukomisch und tieftraurig ist. Otto war noch nie einfach, aber er hat es auch wirklich nicht leicht gehabt im Leben. Er wurde in Rumänien geboren, überlebte im Gegensatz zu großen Teilen seiner Familie den Holocaust, siedelte nach Israel um und mußte dort gleich viermal in den Krieg ziehen, um seine neue  Heimat zu verteidigen, bevor er beschloss ausgerechnet Deutschland, die Heimat seiner früheren Verfolger, zu seiner künftigen Heimat zu machen.

„Ich liebe euch, rief Otto, ihr seid alles was ich habe. Und ich bin alles, was ihr habt. Diesen Satz meinte er genau so, wie er ihn sagte.“

Dana von Suffrins gelang es mit viel Humor und auf wunderbare Weise, das Bild eines Lebens zu zeichnen, das voller Schrecken und Diskontinuitäten steckte. Eine Familiengeschichte, die mir in Erinnerung bleiben wird und die ich sehr gerne gelesen habe und bei der ich stellenweise schallend gelacht habe.

Einziger kleiner Kritikpunkt – mir war Otto manchmal fast ein wenig zu schablonenhaft und es wurde kaum ein Klischee ausgelassen. Aber wir reden hier von jammern auf hohem Niveau. Ich bin auf jeden Fall auf das nächste Buch von Dana von Suffrin gespannt, ein wirklich gelungenes Debüt.

Katharina hat den Roman ebenfalls auf ihrem Blog „Kulturgeschwätz“ sehr umfassend und großartig besprochen, den Link findet ihr hier.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

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Gesehen: „Stranger Things Season 3“ (2019) Die perfekte Serie um den Sommer zu verabschieden. Freue mich schon auf die nächste Staffel.

Under the Silver Lake“ (2018) von David Robert Mitchell mit Andrew Garfield. Comedy meets Neo-Noir. Eine abgefahrene Verschwörungsgeschichte im wunderschönen Los Angeles.

Gehört: „It’s coming, it’s real“ – The Swans, „This country makes it hard to fuck“ – Fever Ray & Björk, „Piano Concerto No 1″ – Giovanni Paisiello, „Happiness is a butterfly“ – Lana del Rey, „Dlp 1.3“ – William Basinski, „Suite Castor et Pollux“ – Jean-Philippe Rameau

Gelesen: dieses Interview mit Mark Blyth „The crisis of globalization“, The tyranny of the ideal woman, A company that hired everyone and started a movement, Ruby Rose has no time for critics, If Yuval Noah Harari’s „Sapiens“ were a blog post, Facial recogniction turned on at summer camps und wie #dichterdran zum Twitter Phänomen wurde

Getan: eine Lesung besucht, im Biergarten kalte Füße bekommen und mit Freunden zum Essen getroffen

Geplant: die Erkältung noch abbiegen zu können und eine Reise nach Kopenhagen

Gegessen: leckeres vietnamesisches Essen hier und hier und  sehr guten Zwetschgen-Streuselkuchen

Gefreut: dass es der Freundin meines Bruders wieder besser geht und über den Cardigan den mir die Bingereader-Gattin genäht hat

Geweint: nicht aber ich fand es schon sehr süß, wie der kleine Junge hier gemerkt hat, dass es dem anderen nicht gut geht

Geklickt: auf diese super spannende und informative Economics-Vorlesung (How we got here and why) und ein Münchner Jutebeutel erobert New York

Gelacht: über Cloudzilla,   diese Tampax-Werbung und dieses Foto erinnerte mich an Margaret Atwoods „Handbags Tale

Gestaunt: über diese Muschel auf Speed

Gewünscht: diese Kamera, dieses Auto, diesen Mantel

Gefunden: nix

Gekauft: eine Opernkarte für Händels „Alcina“ in Düsseldorf und Tickets für Boy Harsher

Gedacht: „I rise in the morning torn between a desire to improve the  world and a desire to enjoy the world. This makes it hard to plan the day. (E. B. White)

Women in Science (19) Siri Hustvedt

„Ich liebe Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften. Ich bin Schriftstellerin und Feministin“

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Wenn Gefühle auf Worte treffen

Siri Hustvedt fing sich ihren Schreibvirus mit 13 Jahren ein. Ihr Vater, ein Professor für Norwegisch-Amerikanische Geschichte, nahm seine Frau und die vier Töchter mit nach Reykjavík, wo er die isländischen Sagen studierte. Dort konnte sie wegen der fehlenden Dunkelheit im Sommer und dem Jetlag nicht schlafen und begann, angeregt durch die intensive Lektüre von Klassikern wie „Der Graf von Montechristo“ oder „David Copperfield“, mit dem Schreiben.

Wenn es das ist, was Bücher machen können, dann ist es das, was ich machen will“

Und das hat sie dann auch getan. Insgesamt gibt es 7 Romane, einen Gedichtband, 6 Sachbücher zu ihren Spezialgebieten Kunst und Neurologie sowie diverse Veröffentlichungen, unter anderem in neurologischen Fachzeitschriften.

Was mich von jeher an Siri Hustvedt faszinierte, ist neben ihrem glühenden Intellekt ihre Begeisterung sowohl für naturwissenschaftliche Themen als auch für geisteswissenschaftliche, denn diese Verbindung ist nach wie vor viel zu selten. Sie sucht stets das Verbindende und beleuchtet jedes Thema aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Sie sucht nicht nach Gewissheiten, sondern fühlt sich gerade wohl in den Zwischenbereichen, in den sowohl-als-auch-Momenten.

In dem Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und Professorin für Anglistik an der Universität Zürich, Elisabeth Bronfen, spricht Siri Hustvedt über ihre Anfänge, ihre Zeit in New York, ihr Engagement für den Feminismus, den Zauber der Malerei, über das magische Reich der Fiktion, über das verwundete Selbst und ihr Engagement für eine Kultur der Sorgsamkeit im politischen Handeln.

Hustvedt hat ihr Leben lang daran gearbeitet, sich als intellektuelle Schriftstellerin in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Im Gespräch mit Elisabeth Bronfen erzählt sie, warum man Autoren nicht trauen kann und wie sehr sie sich der Zeit bewusst wird, die ihr davon zu laufen scheint, wo sie doch noch so unglaublich viele Pläne hat wie, z.B. ein philosophisches Buch zu schreiben oder ihre diversen Essays zu kuratieren und in einem Band herauszugeben.

Ihren Tag beginnt sie üblicherweise sehr früh und sitzt nach einer Meditationseinheit in der Regel schon gegen 7 Uhr am Schreibtisch. Den Nachmittag verbringt sie meist lesend, in der Regel liest sie wissenschaftliche Papiere, die die Basis ihrer vielen Vorträge bilden, die sie zu Neurologie und Psychologie weltweit hält.

Sie ist seit 38 Jahren mit Paul Auster verheiratet und sie lesen einander noch immer nahezu täglich vor. Beide lieben Märchen, genauso wie ihre Tochter Sophie, die als Singer-Songwriterin relativ berühmt ist. Es gibt sicherlich noch andere Schriftsteller-Ehepaare, aber die wenigsten sind so lange zusammen wie Siri Hustvedt und Paul Auster.

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Siri  Hustvedt hatte wie die meisten Schriftstellerinnen häufig mit Vorurteilen zu kämpfen. Sie hat einen Doktor in Literaturwissenschaft, hat kürzlich die Ehrendoktorwürde der Universität Oslo erhalten, hat Artikel im European Journal of Epilepsy, Neurophychoanalysis, and Clinical Neurophysiologie veröffentlicht, ist Dozentin am Dewitt Wallace Institut für Psychiatrie an der Cornell Universität und erhielt 2012 den International Gabarron Prize for Thought and Humanities, aber immer wieder wollen Journalisten ihr erklären, ihr Mann habe ihr Neurowissenschaft oder Psychologie „beigebracht“.

„… Ich erzählte ihm, mein Mann wisse nicht viel darüber (Neurowissenschaft und Psychologie), weder über das eine noch über das andere. Paul habe etwas Freud gelesen, sich aber nie in die Pychoanalyse vertieft wie ich, und nie einen einzigen neurowissenchaftlichen Aufsatz angerührt. Der Journalist war schockiert. Ihm fiel der Unterkiefer runter. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen wie er meine Lernbegierde als direkten Angriff auf den Status meines Ehemannes empfinden. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft man mir ihn als großen Kenner von Jacques Lacan angepriesen hat. ..“

Das Interview von Hustvedt mit Elisabeth Bronfen ist das Gespräch zweier Universalgelehrter, die ein immens großes Interesse und Wissen haben. Die beiden wirken wie die Gelehrten des 18. Jahrhunderts, die zufällig Frauen des 21. Jahrhunderts sind. Solche Universalgelehrten gibt es heute leider nicht mehr so häufig.

Ich konnte diesen Interviewband überhaupt nicht aus der Hand legen. Ich fand das Gespräch so spannend und anregend, habe seitenweise unterstrichen, Sätze rausgeschrieben, Namen nachgeschlagen.

Egal wie viel man von Hustvedt schon gelesen hat, dieses Buch gibt einen spannenden Einblick in das stets brodelnde Hirn einer faszinierten Gelehrten, die eine großartige Bereicherin für die „Women in Science“-Reihe ist.

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The Shaking Woman – A History of My Nerves

Als Siri Hustvedts Vater stirbt, hielt sie die Grabrede auf seiner Beerdigung mit fester Stimme und ohne Tränen. Zweieinhalb Jahre später, als sie bei einem Vortrag vor einem College-Publikum wieder auf ihren Vater zu sprechen kommt, fängt sie plötzlich an, unkontrollierbar vom Genick abwärts zu zittern, so heftig, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Ihre Sprache war von diesem Anfall gänzlich unberührt und sie konnte den Vortrag unter Zittern weiterführen, ihre Mutter, die im Publikum saß, fühlte sich schrecklich an Hinrichtung auf einem elektrischen Stuhl erinnert.

In „The Shaking Woman – A history of my nerves“ versucht sie herauszufinden, wer diese zitternde Frau ist und woher ihre Symptome kommen könnten. Es ist eine persönliche Suche, eine philosophische Ermittlung, die auch in Augenschein nimmt, wie sich sowohl die Psychiatrie als auch die Neurologie in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt hat.

Kann ihr Zittern auf eine anatomische Ursache zurückgeführt werden oder ist diese abstrakter, weniger fassbar? Sie unterzieht sich Gehirnscans, die nichts aufzeigen, begibt sich in eine Psychoanalyse, die sie als Thema ohnehin schon lange fasziniert. Wie hätten Ärzte im Laufe der Jahrhunderte ihre Symptome klassifiziert?

Im 19. Jahrhundert wäre ihr wahrscheinlich Hysterie attestiert worden, im 20. Jahrhundert eher eine dissoziative Störung – eine Störung, die ihre Ursache im Bewußtsein hat, sich aber im Körper manifestiert. Unter Stress werden manche Menschen depressiv, andere brechen zusammen.

Macht es eigentlich Sinn, Erkrankungen als entweder psychisch oder körperlich zu klassifizieren? Welchen Einfluß hat Physiologie auf die Persönlichkeit? Wo beginnt das Selbst und wo endet es? Was ist Schmerz und kann man es vom Körper trennen, der ihn erleidet oder vom kulturellen Kontext in dem er stattfindet? Auf diesem verflochtenen Gebiet fühlt Siri Hustvedt sich durchaus wohl, da wo einfache oder singuläre Erklärungen nicht einmal ansatzweise ausreichen.

Hustvedt gelingt es, den Leser bei dieser anspruchsvollen Suche bei der Stange zu halten, ihre Untersuchungen von Geist und Körper und ihre glasklare Intelligenz fräsen sich durch Unmengen an interdisziplinärem Material. Ihr Referenzrahmen ist weit und sie nimmt sich mehr Zeit für Freud, als das heutige Wissenschaftler üblicherweise noch tun. Wenn Teile einer Theorie nicht perfekt sind, bedeutet das noch lange nicht, dass die gesamte Theorie falsch ist. Es ist sicherlich menschlich, allem einen Namen geben zu wollen, es einteilen und klassifizieren zu wollen, aber durch die Klassifizierung verweigern wir den Dingen teilweise ihre Komplexität.

„Science needs to be rigorous in defining a field of study, or evidence will be worthless; at the same time, there are disciplinary windows that narrow the view. Knowledge does not always accumulate; it also gets lost.“

Das Buch hat keine Kapitel und die haben mir ein wenig gefehlt, ich hätte gerne etwas mehr Struktur begrüßt. Ich nehme an, es war eine bewußte Entscheidung das Buch nicht in Kapitel aufzuteilen, denn wie Hustvedt abschließend bemerkt, Menschen leben ihr Leben auch nicht in sorgfältig sortierten Boxen, sondern eher total unorganisiert. Ein Neuronenfunke genügt und wir schalten vom Verstand auf Emotion um und innerhalb von Sekunden wieder zurück, wieder und wieder.

Wer Oliver Sacks gerne liest, wird an diesem Buch Spaß haben, denn wie er schafft sie es hervorragend, Wissenschaft und Empathie miteinander zu verbinden.

Lust auf mehr Siri? Hier findet ihr die Rezension zu ihrem Roman „The blazing world“ und hier einen Artikel über einen Abend mit ihr im Münchner Haus der Kunst wo sie einen Vortrag zu Louise Bourgeois hielt.

„The shaking woman – a history of my nerves“ erschien unter dem Titel „Die zitternde Frau – eine Geschichte meiner Nerven“ im Rowohlt Verlag.

Ich bedanke mich beim Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar von „Wenn Gefühle auf Worte treffen“.

Es ist Sarah – Pauline Delabroy-Allard

„Es ist Sarah“ ist ein Bestseller aus Frankreich, geschrieben von der gerade knapp über 30-jährigen Pauline Delabroy-Allard, es ist ihr Debüt und sie kam mit dem Roman immerhin in die zweite Runde des Prix Goncourt.

An einem Silvesterabend verliebt sich die Erzählerin dieses Romans Hals über Kopf in die aufregende Sarah. Die namenlos bleibende Erzählerin ist komplett fasziniert von dieser vor Leben sprühenden Frau, die ihr ruhiges Leben als Lehrerin mit kleinem Kind und Lebensgefährten total aus den Fugen wirft.

Sie liebt es, mir Romane vorzulesen, sie imitiert die verschiedenen Figuren mit verschiedenen Stimmen, fuchtelt bei den Dialogen mit den Händen.“

Die in Paris spielende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen hat mir richtig gut gefallen. Ich bin kein großer Liebesroman-Fan, aber hier ist die Sprache so schön, die Erzählweise interessant. „Es ist Sarah“ legt ein unglaubliches Tempo an dem Tag. Mit Sarah ist es einem keine Minute langweilig und so ganz kann man es der Protoganistin nicht verdenken, dass ihr gelegentlich die Puste ausgeht mit dieser 1000 Volt-Frau.

Warum die beiden nach der anfänglich heftigen Verliebtheit nicht einfach glücklich und zufrieden zusammen in Paris leben können, habe ich nicht ganz verstanden. Aber vermutlich wäre die Hälfte aller Filme nicht gedreht, die meisten Bücher nicht geschrieben, wenn die Menschen alle einfach rational und wenig dramatisch wären 😉

Nicht bei ihr zu sein wird sinnlos nach der ersten Nacht.“

Insbesondere den ersten Teil des Romans mochte ich sehr. Ich habe aber auch definitiv eine Schwäche für Romane mit inkludiertem Soundtrack, den ich beim Lesen ablaufen ließ. Das Schöne an einem selbst zusammengestellten Soundtrack ist auch, dass man entscheiden kann, ob man die Stücke in Allegro oder Andante hören möchte.

„In unserem Sturm ist sie die Kapitänin. Ich werde zur Seemannsfrau.“

Mit Sarah wird es niemals langweilig, sie kann nicht genug bekommen vom Sex, von der Liebe, von der Musik, selbst vom Obst nicht, das sie isst. Ein Roman, der mich wirklich mitgerissen hat und der den Leser genauso verliebt zurücklässt, wie die namenlose Erzählerin.

Wer Lust auf eine spannende intellektuelle Liebesgeschichte hat, bei der man stets versucht ist, einen Nachtzug nach Paris, Venedig oder Triest zu buchen, der macht mit diesem Roman nichts falsch.

 

Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

Gesehen: „Easy Rider“ (1969) von und mit Dennis Hopper und Peter Fonda. Wunderschöne Landschaftsbilder, tolles Road-Movie.

Andrei Rublev“ (1966) von Andrei Tarkovsky. Definitiv ein guter Film, bin aber nicht wirklich reingekommen und fand ihn etwas lang.

Diverse SciFi-Kurzfilme: „Afronauts“ (2014) von Frances Bodomo, „Negative Space“ (2017) von Ru Kuwahata / Max Porter, „Corrections“ (2019) von Nick Tucker und Alpha Squadron (2018) von Michael Lukk Litvak

Gehört: „Glory Box“ – Portishead, „Fuck it I love you & The Greatest“ – Lana del Rey, „Slow Riot for New Zero Kanada“ – Godspeed You! Black Emperor!, „Blackworld Blues“ – Force Feeding Love, „Tumült“ – Spuce Trap, „Satellite“ – Cehryl,

Gelesen: „In man it’s Parkinson in women it’s hysteria“, How Portishead defined the 90s, Just buy the f*** latte, How employees shaped strategy at the New York Public Library, The female patrons who shaped art history, Chasing the pink, Hong Kongs fight for life

Getan: eine Woche lang keine Termine gehabt – juhu. Daher viel gelesen und geschrieben

Geplant: eine Lesung besuchen

Gegessen: eine grüne Asiabowl und ein türkisches Frühstück

Gefreut: über das musikalische Überraschungspaket von Kiwi, den L-Word Trailer und das Äthiopien es geschafft hat in 12 Stunden 350 Mio Bäume zu pflanzen

Geweint: nein

Geklickt: auf die wunderschönen Fotos von Fabien Michenet und Miss Aniela und die spannende Debatte zwischen Mary Beard und Boris Johnson

Gelacht: über diese eleganten Vögel

Gestaunt: über diese riesige Qualle vor Cornwall, Our Solar System to scale

Gewünscht: dieses kleine Cottage, diese Lunchboxen, diese Solar-Jacke

Gefunden: einen Marlene-Dietrich-Bildband

Gekauft: noch ein Nachzügler Geburtstagsgeschenk

Gedacht: „Now every time I witness a strong person I want to know:
What did you conquer in your story? Mountains to not rise without earthquakes“ (Katherine MacKenett)

Women in Science (18) Cordelia Fine

Geschlechterdiskriminierung möchten uns viele glauben machen, ist ja ein Ding der Vergangenheit. Heute ist ja alles absolut ausgeglichen und wenn Mädchen Prinzessinnen werden wollen und Jungs sich beim Spielen dreckig machen, dann ist das halt biologisch schon so vorgesehen, das sind halt die unveränderlichen Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gehirn. Jede Menge Artikel erscheinen auch heute noch, die wissenschaftlich erklären wollen, warum es so wenig Frauen in der Naturwissenschaft oder in technischen Berufen gibt.

Cordelia Fine ist eine kanadisch-britische Wissenschaftsautorin, Forscherin und Journalistin. 2001 promovierte Fine im Fach Psychologie am Institut für kognitive Neurowissenschaften des University College London. Sie ist Research Associate im Centre for Value, Agency & Ethics der Macquarie University in Australien und Ehrenmitglied in der Fakultät der psychologischen Wissenschaften der Universität Melbourne.

Basierend auf neuesten Forschungsergebnissen aus der Entwicklungspsychologie, den Neurowissenschaften und der sozialen Psychologie, räumt Cordelia Fine mit diesen Mythen auf und zeigt, wie hier alter Wein in neue angeblich wissenschaftliche Schläuche gefüllt wurde, um den geschlechterdiskriminierenden Status Quo zu erhalten.

Fines Buch bietet eine Fülle an spannenden Informationen, besonders spannend fand ich diesen Punkt:

Wir haben wahrscheinlich alle (mehrfach) die folgende Geschichte gehört: „Ich wollte meine Kinder wirklich geschlechtsneutral erziehen, aber an einem bestimmten Punkt hat der Bub einfach ganz natürlich angefangen, mit den Autos zu spielen und die Mädchen haben sich in rosafarbene Prinzessinnen verwandelt. Obwohl ich doch alles dafür getan habe, dass die Mädchen Autos spielen und die Jungs mit Puppen. Das muss also biologisch sein, an meiner Erziehung lag es jeden Falls nicht.“ Dieses Phänomen ist unter Soziologen als „biology as fallback“ bekannt.

„The frustration of the naively nonsexist parent has become a staple joke. An all but obligatory paragraph in contemporary books and articles about hardwired gender differences gleefully describes a parent’s valiant, but always comically hopeless, attempts at gender-neutral parenting“

Fine berichtet dann über über das Experiment von Sandra und Daryl Bem (Bem Sex-role inventory), die in den 1970er versuchten, Kinder geschlechtsneutral zu erziehen – und was sie dabei alles beachten mussten. Sie bearbeiteten sämtliche Kinderbücher, in dem sie Bärte wegretuschierten, die Haarlänge anglichen und Brüste hinzufügten oder übermalten (übrigens selbst heute ist sind Männer mit einer Ratio von 2:1 gegenüber Frauen repräsentiert). Sie überarbeiteten die Texte die Männer und Frauen in geschlechterspezifischen Stereotypen beschrieben und so weiter und so fort.

Foto: Wikipedia

Das zeigt, wie schwer es ist, ein Kind geschlechterneutral erziehen zu wollen. Fine erklärt, dass die Vergeschlechtlichung (manchmal wünschte ich, ich hätte diesen Artikel auf Englisch geschrieben und könnte einfach gendern schreiben 😉 ) so omnipräsent in unserer Kultur vorhanden ist und unglaublich intensiv. Nicht einmal die Kinder der Bems konnten sich dem komplett entziehen. Und Kinder reagieren unglaublich sensibel auf die unterschiedlichen Anleitungen, die sie bekommen, mit Blick darauf, wie sie sich ihrem Geschlecht entsprechend verhalten sollen.

Children randomly assigned at preschool to a ‘red’ group or a ‘blue’ group, and wearing the appropriate colored T-shirts to school each day, after three weeks, with no further reinforcement, will find themselves conforming to what they take to be the norms for their respective groups. One needs little imagination to see how much more intrusive the pressures on gender conformity will be, even if the parents are like the Bems.“

Fines Angriffsziel im Buch ist das, was sie mit „Neurosexismus“ bezeichnet – die Misinterpretation der modernen Neurowissenschaften, die bestehende Stereotypen bekräftigen und Diskriminierungen weiter aufrechterhalten. Frauen sind angeblich emphatischer, Männer analytischer, Frauen können nicht führen und Männer keine Kinder erziehen etc. etc.

Die Wurzeln dieser Überzeugungen finden sich aber nicht in inhärenten biologischen Limitationen, sondern in kulturellen Vorurteilen, in der Erziehung, der Bildung und darin, wie wir unsere Kinder prägen.

Wissenschaft existiert nicht in einem Vakuum. Fine zeigt jede Menge Fehler auf, in der grundlegenden Methodologie wie Experimente durchgeführt werden oder zeigt wilde Extrapolationen auf die auf dem Verhalten von Säuglingen basieren. Auch wenn Ergebnisse auf solidem Wege generiert wurden, werden die Interpretationen oft so hingebogen, wie man sie gerne hätte.

Cordelia Fine ist aber keine Dogmatin, sie akzeptiert, dass es medizinische Forschungsergebnisse gibt, die bestimmte biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen erkennen lassen (zum Beispiel im Vergleich von Lupus oder Haarausfall) aber es wäre völliger Unsinn zu behaupten, dass diese erkennbaren Unterschiede eine Basis bieten würden, um stereotypes Verhalten und gesellschaftliche Rollenverteilungen zu rechtfertigen.

Große Empfehlung für alle, die sich für Feminismus, Neurowissenschaften, Psychologie und Gender Studies interessieren.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel: „Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Mann und Frau“ im Klett Cotta Verlag.