Es geht weiter auf unserer Reise, diesmal nach Estland. Ein kleines Land im Nordosten Europas, das im Alltag vieler Menschen kaum präsent ist und doch in den letzten Jahren immer wieder als Beispiel für eine moderne, digitale Gesellschaft genannt wird. Estland liegt zwischen der Ostsee, Lettland und Russland und gehört geografisch wie historisch zu einer Region, die über Jahrhunderte hinweg von wechselnden Mächten geprägt wurde. Gerade deshalb ist das heutige Selbstverständnis des Landes stark von Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und einem klaren Blick nach Westen bestimmt.
Anders als bei vielen anderen Stationen unserer Reihe waren wir dieses Mal selbst vor Ort und zwar erst vor ein paar Wochen. Das Baltikum stand schon lange auf unserer Liste, und eher spontan fiel die Entscheidung auf Tallinn. Eine Stadt, die uns vom ersten Moment an überrascht und beeindruckt hat.
Tallinn vereint auf sehr besondere Weise zwei Welten. Da ist zum einen die mittelalterliche Altstadt mit ihren engen Gassen, Stadtmauern und Türmen, die fast schon wie eine Kulisse wirkt. Und gleichzeitig wächst direkt darum herum eine moderne, lebendige Großstadt, die sich dynamisch entwickelt und eine ganz eigene Energie ausstrahlt. Estland gilt nicht ohne Grund als eine Art „Silicon Valley des Baltikums“. Digitale Verwaltung, Start-ups und technologische Innovation spielen hier eine große Rolle , nicht zuletzt, weil Unternehmen wie Skype ihren Ursprung in Estland haben.








Was uns ebenfalls überrascht hat, waren die Preise. Viele Dinge, gerade in Restaurants oder Cafés, erinnern eher an das Niveau in Finnland als an das, was man vielleicht in Osteuropa erwarten würde. Gleichzeitig haben wir aber gelernt, dass Wohnen und öffentlicher Nahverkehr vergleichsweise günstig sind. Besonders spannend fanden wir, dass der Nahverkehr für Einwohner Tallinns sogar kostenlos ist. Für Besucher kostet er zwar etwas, ist aber sehr erschwinglich und hervorragend ausgebaut. Auch Taxifahren ist unkompliziert und vergleichsweise günstig.
Diese wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben spürbare Auswirkungen auf das Stadtbild. Überall gibt es kleine Cafés, Restaurants, Bars, Buchläden und Antiquariate. Viele davon sind unabhängig geführt und haben eine sehr persönliche Atmosphäre. Man merkt, dass es hier noch möglich ist, solche Orte zu betreiben, ohne sofort von extremen Mietkosten verdrängt zu werden. Selbst in der Vorsaison war alles geöffnet, auch wenn teilweise nur wenige Gäste da sind, etwas, das in vielen anderen europäischen Großstädten zunehmend verschwindet.
Gleichzeitig ist Estland ein Land, in dem Geschichte und geopolitische Realität sehr präsent sind. Die Nähe zu Russland ist nicht nur geografisch spürbar – Sankt Petersburg ist nur etwa 300 Kilometer entfernt – sondern auch politisch und gesellschaftlich. Während unseres Aufenthalts wurden wir einmal nachts von einer SMS geweckt, in der die estnische Regierung vor gesichteten russischen Drohnen warnte. Am Ende stellte sich das als Fehlalarm heraus, aber der Moment bleibt hängen. Er macht deutlich, wie nah große politische Spannungen hier tatsächlich sind.

Umso eindrücklicher war für uns die sichtbare Solidarität mit der Ukraine. Viele Gebäude werden nachts in den ukrainischen Nationalfarben angestrahlt, Flaggen sind im Stadtbild präsent, und vor der russischen Botschaft gibt es klare politische Statements. Diese Haltung wirkt nicht inszeniert, sondern selbstverständlich, als Ausdruck einer historischen Erfahrung, die in Estland tief verankert ist.



Denn die estnische Bevölkerung hat im 20. Jahrhundert mehrfach unter fremder Herrschaft gelitten, insbesondere unter der deutschen und der sowjetischen Besatzung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Estland Teil der Sowjetunion, und viele Esten mussten in der sowjetischen Armee dienen. Geschichten darüber, wie Familien versuchten, ihre Söhne mit kleinen Geschenken oder Lebensmitteln für die russischen Vorgesetzten zu unterstützen, damit sie gefährlichen Einsätzen entgehen konnten, geben einen sehr persönlichen Einblick in diese Zeit. Die Erinnerung daran ist bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses.
Seit der erneuten Unabhängigkeit 1991 hat sich Estland schnell neu orientiert. Das Land ist Mitglied der Europäischen Union und der NATO und versteht sich klar als Teil Europas. Diese Zugehörigkeit ist im Alltag sichtbar, nicht zuletzt durch die vielen europäischen Flaggen, die wir in Tallinn gesehen haben. Gleichzeitig hat Estland seinen eigenen Weg gefunden, Tradition und Moderne zu verbinden.
Auch die Situation der queeren Community in Estland zeigt diese Mischung aus Fortschritt und Spannungsfeldern. Auf der einen Seite gehört das Land heute zu den liberaleren Gesellschaften in Osteuropa: Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind seit den 1990er Jahren legal, eingetragene Partnerschaften gibt es seit 2016, und seit dem 1. Januar 2024 ist die Ehe für alle geöffnet, als erstes Land im Baltikum und erstes post-sowjetisches Land überhaupt. Diskriminierungsschutz besteht zumindest in zentralen Bereichen, und besonders jüngere Generationen zeigen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Gleichzeitig ist die Realität komplexer: Gerade außerhalb der urbanen Zentren und insbesondere für trans und nicht-binäre Menschen bestehen weiterhin Hürden, rechtliche Unsicherheiten und Diskriminierungserfahrungen. Studien zeigen, dass sich ein erheblicher Teil der Community im Alltag nicht vollständig sicher fühlt, und Hassrede hat in den letzten Jahren eher zugenommen als abgenommen. Estland bewegt sich damit in einem Spannungsfeld, das man aus vielen europäischen Ländern kennt, zwischen rechtlichem Fortschritt und gesellschaftlicher Aushandlung, die noch längst nicht abgeschlossen ist. Im Hotel haben wir aber auf jeden Fall queer freundliche Vibes empfangen.







Auch kulturell hat uns das Land beeindruckt. Die estnische Küche ist bodenständig, oft geprägt von Fisch, Fleisch und einfachen, herzhaften Gerichten. Wir haben viel Hering und Rote Bete gegessen, gefüllte Teigtaschen probiert und uns durch verschiedene Blechkuchen gekostet, natürlich haben wir auch das lokale Bier getestet. Es ist keine Küche, die laut oder spektakulär daherkommt, aber eine, die uns durch und durch gefallen hat.
Was uns außerdem positiv aufgefallen ist: die Sprachkompetenz. Selbst ältere Menschen sprechen erstaunlich gut Englisch, was das Reisen sehr angenehm macht und gleichzeitig zeigt, wie stark Estland international ausgerichtet ist.
Die vergleichenden Daten:
- Bevölkerung: ca. 1,3 Mio. Menschen
- Fläche: rund 45.000 km²
- Bevölkerungsdichte: gering, starke Konzentration auf Tallinn und wenige größere Städte
- Sprachen: Estnisch als Amtssprache, weit verbreitet sind auch Englisch und Russisch
- Politisches System: parlamentarische Republik
Ein Blick auf die Karte zeigt, wie klein Estland im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist. Es ist etwa so groß wie Niedersachsen, hat aber nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Große Teile des Landes sind von Wäldern, Mooren und Seen geprägt, während sich das Leben stark auf die Hauptstadt und einige wenige urbane Zentren konzentriert.
Gerade diese Mischung aus Weite, Geschichte und moderner Entwicklung macht Estland so interessant. Es ist ein Land, das sich seiner Vergangenheit sehr bewusst ist und gleichzeitig stark in die Zukunft denkt. Vielleicht ist es genau diese Kombination, die Tallinn so besonders macht: eine Stadt, die gleichzeitig alt und neu ist, ruhig und lebendig, lokal verwurzelt und international offen.
Literatur in Estland
Und dann sind da noch die Buchläden. Wir haben in Tallinn einige wirklich schöne entdeckt: kleine, liebevoll gestaltete Orte, oft mit einer Mischung aus neuer Literatur, Klassikern, einen tollen englischen Buchladen und schöne Antiquariate. Es sind genau diese Läden, in denen man gern Zeit verliert, ein bisschen stöbert und nebenbei ein Gefühl für ein Land bekommt. Für uns waren sie der perfekte Ausgangspunkt, um Estland auch literarisch zu entdecken und genau damit geht es im nächsten Teil weiter.






Auch literarisch ist Estland bemerkenswert vielschichtig, gerade wenn man die Größe des Landes bedenkt. Die estnische Literatur ist stark von ihrer Geschichte geprägt: Jahrhunderte der Fremdherrschaft verzögerten lange die Entwicklung einer eigenständigen Schriftsprache, sodass sich eine kontinuierliche literarische Tradition erst im 19. Jahrhundert herausbildete. Gleichzeitig spielte mündlich überlieferte Dichtung eine große Rolle, insbesondere die lyrische Volksdichtung, die bis heute das kulturelle Selbstverständnis beeinflusst. Im 20. Jahrhundert entstand durch Krieg und Exil eine zweite, parallele Literatur außerhalb des Landes, während im Inneren sowjetische Zensur wirkte. Heute ist die literarische Szene erstaunlich lebendig und international vernetzt. Autor*innen wie Jaan Kross oder Jaan Kaplinski haben Estland auch außerhalb des Landes sichtbar gemacht, und eine jüngere Generation verbindet zunehmend nationale Themen mit globalen Perspektiven. Gerade in Tallinn spürt man diese Offenheit: Literatur ist hier nichts Elitäres, sondern Teil des Alltags, sichtbar in den vielen Buchhandlungen, Lesungen und einer Kultur, die Sprache und Geschichten einen hohen Stellenwert einräumt.
Ich habe für Estland zwei Bücher der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen mitgenommen und vor Ort gelesen:
When the Doves disappear – Sofi Oksanen auf deutsch unter dem Titel „Als die Tauben verschwanden“ im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen, übersetzt von Angela Plöger
Der Roman spielt im Estland des Zweiten Weltkriegs und erzählt die Geschichte einer fiktiven Familie, die sich in einer Zeit von wechselnden Besatzungen, politischen Umbrüchen und moralischen Grauzonen behaupten muss. Im Zentrum stehen persönliche Entscheidungen, Opportunismus, Loyalität und Verrat, also die Frage, wie Menschen sich verhalten, wenn es ums nackte Überleben geht.
Oksanen legt dabei einen sehr starken Fokus auf ihre Figuren. Die Handlung entfaltet sich weniger durch äußere Ereignisse als durch die inneren Konflikte, Beziehungen und Entwicklungen der Charaktere. Das macht das Buch stellenweise intensiv und psychologisch dicht, gleichzeitig aber auch etwas distanziert. Mir hat ein stärkeres Gefühl für den Ort gefehlt, gerade weil ich selbst in Tallinn war, hätte ich mir mehr Atmosphäre, mehr konkrete Verankerung in der Stadt gewünscht.
So blieb für mich vor allem eine eindringliche Charakterstudie, die historisch interessant ist, aber emotional nicht durchgehend greifbar wurde. Trotzdem war es eine besondere Leseerfahrung, gerade weil sich Realität und Fiktion durch den eigenen Aufenthaltsort immer wieder überlappt haben.
Putins Krieg gegen die Frauen – Sofi Oksanen erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, übersetzt von Angela Plöger und Maximilian Murmann
Wie man auf dem Bild sehen kann, haben wir von Tallin aus einen Abstecher per Fähre nach Helsinki gemacht. Über diesen Teil der Reise, erfahrt ihr dann demnächst mehr, wenn wir auf der Weltreise in Finland halt machen. Dieses Sachbuch hat mich auf eine ganz andere Weise getroffen und ehrlich gesagt auch ziemlich erschüttert zurückgelassen. Oksanen beschreibt hier, wie sexualisierte Gewalt systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wird. Es geht um wiederholte Vergewaltigungen, Folter und gezielte Erniedrigung von Frauen durch russische Soldaten, nicht als vereinzelte Verbrechen, sondern als strukturelles, bewusst eingesetztes Mittel.
Was dieses Buch so eindringlich macht, ist die Klarheit, mit der Oksanen die Zusammenhänge darstellt. Sie zeigt, dass diese Gewalt kein „Ausreißer“ ist, sondern tief verwurzelt in einem System, das von Machtmissbrauch, Frauenfeindlichkeit und Entmenschlichung geprägt ist. Dabei bleibt sie sachlich, fast nüchtern und genau das macht die beschriebenen Inhalte fast noch schwerer zu ertragen.
Es ist wirklich kein leichtes Buch. Es ist verstörend, belastend und stellenweise kaum auszuhalten. Aber genau deshalb ist es so wichtig. Es zwingt dazu hinzusehen, sich mit unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen und nicht wegzuschauen. Gerade in Zeiten, in denen politische Narrative oft verharmlosen oder relativieren, ist dieses Buch eine klare, unbequeme Gegenstimme.
Sofi Oksanen ist eine finnisch-estnische Autorin, die für ihre schonungslosen, politisch aufgeladenen Werke bekannt ist. In vielen ihrer Bücher setzt sie sich mit osteuropäischer Geschichte, Machtstrukturen und insbesondere mit der Rolle von Frauen in Konflikten auseinander. Ihre Texte verbinden literarische Tiefe mit gesellschaftlicher Analyse oft unbequem, aber immer eindringlich.
Ihre Bücher sind mir sowohl in Tallin als auch in Helsinki in vielen Buchläden begegnet und auch empfohlen worden, eine Autorin, von der ich auf jeden Fall noch mehr lesen möchte, auch wenn ich jetzt erst einmal durchschnaufen muss und eine Pause brauche.
Film in Estland
Für den filmischen Part zu Estland habe ich wieder großartige Unterstützung bekommen – danke an Cinéphile Sabrina Schaub für diesen interessanten Einblick und die Filmempfehlung
Die Geschichte des estnischen Films begann 1931 mit der Gründung der Filmproduktionsgesellschaft Tallinnfilm, die zunächst vor allem Nachrichtenbeiträge produzierte und unter der sowjetischen und deutschen Besatzung als Propagandainstrument herhalten musste.
Neben eigenen Produktionen sind in Estland auch Werke internationaler Filmschaffender entstanden. Fans von Andrei Tarkowskis können bei einem Besuch in Tallinn zum Beispiel einige der Originalschauplätze des Filmklassikers Stalker besuchen. Auch Christopher Nolan zog es nach Tallinn, wo er 2019 einige Szenen seines Sci-Fi-Thrillers Tenet spielen ließ.
Wer einen echten estnischen Film mit Literaturbezug sehen möchte, dem sei Rehepapp ehk November (deutscher Titel: November) von 2017 ans Herz gelegt. Regisseur Rainer Sarnet verfilmte damit den gleichnamigen Roman des estnischen Schriftstellers Andrus Kivirähk, der lange als unverfilmbar galt.
Die märchenhafte Geschichte spielt im 19. Jahrhundert in einem kleinen estnischen Dorf, das von Pest, Tod und Teufel geplagt wird. In surrealen Schwarz-Weiß-Bildern zeichnet Sarnet einen düsteren Dorfalltag, den er mit krudem Humor und einer Liebesgeschichte bricht, die den roten Faden durch den ansonsten fragmentierten Film bildet. Inspiration für die beeindruckenden Bilder fand Sarnet unter anderem in den Werken des estnischen Fotografen Johannes Pääsuke.
November ist ein seltsamer, zuweilen sperriger, manchmal lustiger, und vor allem beeindruckender Film. Dennoch eine absolute Empfehlung für alle, die Gefallen an Filmen wie The VVitch finden, und für Folkhorror-Fans, die in estnische Folklore und „schwarze Romantik“ (epd Film) eintauchen wollen.
Musikszene in Estland
Auch musikalisch durfte ich auf eine musikalische Koryphäe zugreifen. Gerhard Emmer, der den Blog „Kulturforum“ betreibt, gibt Einblick in die Musikszene in Estland. Vielen lieben Dank für deine Unterstützung!
Musikalisch hat Estland eine erstaunlich starke Identität. Besonders prägend ist die lange Tradition der Chormusik, die bis heute eine große Rolle spielt, nicht zuletzt beim landesweiten Sängerfest, das als Symbol für Zusammenhalt und kulturelle Selbstbehauptung gilt. Gleichzeitig ist die Szene sehr offen und modern: Von klassischer Musik über Indie und elektronische Sounds bis hin zu international erfolgreichen Künstler*innen verbindet Estland auch hier Tradition mit einem klaren Blick nach vorn.
Die Postrock-Band Wolfredt aus Tallin startete vor gut einer Dekade als One-Man-Projekt des estnischen Multiinstrumentalisten Margus Voolpriit, live und auf den jüngsten Tonträgern wird der Musiker mittlerweile von drei Gleichgesinnten begleitet, auf dem Ende 2023 veröffentlichten Album ‚Live At The Estonian Public Broadcasting Radio Studio One‘ gar von einem kompletten Streichorchester. Einen exzellenten Einstieg in den Wolfredt-Klangkosmos bietet das Album ‚IIII‘, das die Band nahezu vollständig unter anderem auch bei einem ihrer bisher seltenen Deutschland-Gigs im Dezember 2023 in München aufführte, über den Auftritt gab es seinerzeit zusammenfassend folgendes zu berichten: ‚Den Abend eröffnete die Formation Wolfredt aus Tallinn/Estland ohne langes Fackeln und Herantasten, direkt mit ihrer vehementen Mixtur aus gewichtigem Prog-Rock und unverstelltem Postmetal in die Vollen gehend, angereichert mit Zitaten aus schimmernder Postpunk-Dunkelheit, Space-Rock-Gelichter und klirrenden Sonic-Youth-Gitarren, aufgetürmte Soundwände wie treibender Flow inklusive.‘
https://wolfredt.bandcamp.com/album/iiii
https://wolfredt.bandcamp.com/album/live-at-the-estonian-public-broadcasting-radio-studio-one
Setzt man sich mit Musik aus Estland auseinander, kommt man in keinem Fall an Arvo Pärt vorbei. Der 1935 in der zentralestnischen Kleinstadt Paide geborene Tondichter ist der bedeutendste und meistgespielte Komponist der klassischen Neuen Musik, er zählt neben dem Polen Henryk Górecki und dem Deutschen Wolfgang Rihm zu den wichtigsten Vertretern der ‚Neuen Einfachheit‘, einem Kompositionsansatz, der sich einer tonalen, traditionellen Klangsprache zuwendet und sich Mittel aus der Minimal Music wie Neoklassik bedient, als Gegenentwurf zu atonalen oder Zwölfton-Experimenten des 20. Jahrhunderts.
Arvo Pärts Kompositionen setzen sich oft mit christlich-religiösen Themen auseinander, zu Zeiten der Sowjetunion brachte ihm das im offiziellen Kulturbetrieb keine Anerkennung. In den Siebziger Jahren zog sich Pärt für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück und entwickelte in dieser Zeit mit der 1976 veröffentlichten Klavier-Komposition ‚Für Alina‘ seinen eigenen meditativ-minimalistischen ‚Tintinnabuli‘-Stil. Herausragend sind neben Hauptwerken wie ‚Te Deum‘, ‚Tabula Rasa‘ und den Sinfonien seine Chor-, Orgel- und Ensemble-Arbeiten zur liturgischen Passionszeit wie ‚Miserere‘, die ‚Johannespassion‘, ‚Stabat Mater‘ oder ‚Passio‘, in denen sich der Komponist neben biblischen Themen im Zeitalter der Flüchtlinge auch immer mit zum Teil selbst Erlebtem wie Exil oder innerer Emigration auseinandersetzt. Von den jüngsten Aufnahmen ist das 2022 eingespielte Chor- und Orchesterwerk ‚Tractus‘ mit Neuinterpretationen älterer Werke erwähnenswert.
Schön, dass ihr wieder dabei wart und bis zur nächsten Station unserer Reise – es geht nach Afrika! Kommt ihr mit? Und falls ihr noch mal an eine der vorherigen Stationen zurückkehren wollt, hier findet ihr sämtliche bisher angefahrenen Stationen:
https://bingereader.org/category/read-around-the-world/
Seid ihr schon mal in Estland gewesen? Habt ihr noch andere Empfehlungen für Bücher, Musik oder Filme? Freue mich auf euer Feedback.



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