Türchen 20: Die Topeka Schule – Ben Lerner

Dieses Buch kam ganz spontan und überraschend ins Haus, von einer lieben Freundin aus Berlin, auf deren literarische Empfehlungen ich viel gebe. Ich wollte auch nur schnell mal reinlesen, um es dann in den Weihnachtsferien zu lesen, bin aber direkt hängengeblieben und es ist einer meiner literarischen Highlights dieses Jahr geworden:

Adam Gordon ist Oberstufenschüler an der Topeka High School, Abschlussjahrgang 1997. Seine Mutter, Jane, ist eine berühmte feministische Autorin; sein Vater, Jonathan, ist ein Experte darin, „verlorene Jungen“ dazu zu bringen, sich zu öffnen. Beide arbeiten in der Foundation, einer bekannten psychiatrischen Klinik, die Mitarbeiter und Patienten aus der ganzen Welt anzieht. Adam ist auch einer der älteren Schüler, die den Einzelgänger Darren Eberheart – der, was Adam nicht weiß, ein Patient seines Vaters ist – in deren Clique einführen, was katastrophale Auswirkungen hat.

Adam Gordon ist erfolgreiches Mitglied des Debattierclubs seiner Highschool. Die Wettbewerbe haben sich durch eine Technik verändert, die „Schnellsen“ genannt wird. Ähnlich wie in einer Fernsehwerbung für Medikamente, in der die potentiellen Nebenwirkungen am Ende in Hochgeschwindigkeit heruntergespult werden, befeuern sich auch beim Schnellsen die Diskutanten mit einer Flut von in unverständlichem Tempo vorgetragenen Fakten. Es geht nicht um Argumentation, sondern um Überwältigung, nicht um Kompetenz, sondern um die effektivste Strategie in einem Krieg der Redeströme:

Derartige Offenlegungen waren zur Verschleierung gedacht; sie setzten einen Informationen aus, die, sollte man die betreffende Institution herausfordern, wie ein übergangenes Argument in einer Debattierrunde behandelt würden – man hat die Stichhaltigkeit des Arguments bereits zugestanden, indem man nicht darauf eingegangen ist, als es vorgebracht wurde. Dass man keine Zeit dazu hatte, ist keine Ausrede.

„Schon vor dem 24-Stunden-Nachrichtenzyklus, den Twitter-Stürmen, dem algorithmischen Handel, den Tabellenkalkulationen und der DDoS-Attacke wurden Amerikaner in ihrem Alltagsleben „geschnellst“; unterdessen sprachen ihre Politiker weiter ganz langsam von Werten, die mit ihrer Politik überhaupt nichts zu tun hatten.“

Die Topeka Schule ist die Geschichte einer Familie um die Jahrtausendwende. Die Geschichte einer Mutter, die sich von einem Missbrauch befreien will; eines Vaters, der seine Ehe verrät; eines Sohnes, dem die ganzen Rituale von Männlichkeit suspekt werden und der zunehmend verstummt. Eine Geschichte von Konflikten und Kämpfen und versuchten Versöhnungen. In „Die Topeka Schule“ geht Ben Lerner den Ursachen der rhetorisch aufgeheizten politischen Gegenwart gekonnt auf den Grund.

Ich möchte defintiv noch die anderen Bücher von Lerner unter die Lupe nehmen und mich auch mit den Werken seiner Mutter, Harriet Lerner, einer Psychologin und Feministin beschäftigen. Eine spannende Familie.

Habt ihr schon was von Ben oder Harriet Lerner gelesen?

Meine Woche

Gesehen: E.T. (1982) von Steven Spielberg mit Henry Thomas und Drew Barrymore. Immer noch einer meiner liebsten Filme und das Ende *schluck*

Gremlins (1984) von Joe Dante mit Zach Galligan und Phoebe Cates. Für mich nach wie vor einer der coolsten Weihnachtsfilme.

Birds of Prey – (and the fantabolous emanciapation of one Harley Quinn) 2020 von Cathy Yan mit Margot Robbie, Mary Elizabeth Winstead, Jurnee Smolett und Rosie Perez. Der hat großen Spaß gemacht und ich werde die Haargummi-Szene für immer lieben.

The Addams Family (1991) von Barry Sonnenfeld mit Angelica Houston und Christopher Lloyd. Den hatte ich witziger in Erinnerung, war aber trotzdem unterhaltsam. Hätte natürlich besser in den Horroctober gepasst.

Gehört: I’m not fine and that’s a totally reasonable response – B & Aaron Dessner, Winter – Tory Amos, Faith Healer – Julien Baker, Aubade – Hana Vu, Bluish – Arlo Parks,

Gelesen: #KorsettGate: Die Geschichte hinter den Korsettmythen in historischer Fiktion, What big history misses, was formt die Zukunft des Journalismus, Noah Yuval Harari on the most important survival skills

Getan: eine virtuelle Weihnachtsfeier gefeiert, den eingeklemmten Nerv fit spritzen lassen, ein Talent als Auktionatorin entdeckt, den Bookclub besucht, in Bad Tölz eine liebe Freundin besucht und einen sehr schönen Spaziergang gemacht

Gegessen: Bun Xa Dau Hu

Gefreut: über eine entscheidende Erkenntis

Gesorgt: Omikron

Geärgert: nein

Geklickt: auf diverse Bücherbestenlisten 2021

Gestaunt: über gehörnte Wasserkastanien und über die Ansammlung an Gekreuzigten in Bad Tölz

Gelacht: über meine versehentlich fehlgeschlagene Liebeserklärung „ich liebe dich wirklich sehr, aber weißt du auf was ich mich auch sehr freue wenn Stranger Things weitergeht“ – keine Ahnung welche Synapsen da versehentlich verschmort waren 😉

Gewünscht: dass 2022 entschieden weniger stressiger wird

Gefunden: nix

Gekauft: Weihnachtsgeschenke und einen Laptop-Ständer

Gedacht: Dor kann’s nix moken: schittst ins Bett, schittst ins Loken (Oma Erika)

Türchen 19: Gesammelte Tshirts – Haruki Murakami

Herr Murakami ist mir mit dieser Idee zuvor gekommen! Ich könnte und würde schon auch gerne mal ein Buch machen zu meinen gesammelten Tshirts. Im Gegensatz zu ihm ziehe ich die aber alle an. Und mangels Haus oder gar Häuser muss ich mich auch schweren Herzens trennen, wenn Bandshirts aus den 90ern vom Leib fallen oder man selbst mit viel Anstrengung nicht mehr erkennen kann, was überhaupt zu sehen sein sollte auf dem Shirt.

Eine liebe Freundin aus dem Bookclub hat mich (neben einem anderen spannenden Buch – doch dazu demnächst hier mehr) mit diesem Kleinod des Murakamischen Kaleidoskops als Secret Santa überrascht.

Das Buch bietet einen Überblick über die megalomanische Sammlung an Tshirts im Hause Murakami. Der Mann ist anscheinend der geborene Sammler. Ob Shirts, Platten, Bücher, Autos, Flipperautomaten, Laufveranstaltungen – er kann nicht genug bekommen. Seltsam eigentlich für einen ansonsten so asketisch agierenden Herren, der stets nur einfache Mahlzeiten zu sich nimmt mit maximal einem kleinen Bier oder Whisky und der spätestens um 21.00 Uhr im Bett liegt nachdem er 50km gelaufen ist.

Oh und er spricht wirklich nicht gern über sich, aber auch grundsätzlich glaube ich nicht so wahnsinnig gerne mit anderen Leuten. Da lässt er lieber seine Shirts sprechen, die tatsächlich eine Menge über ihn verraten. Also zum Beispiel wie wenig gerne er mit anderen spricht, oder noch schlimmer von anderen angesprochen werden möchte, wie er es schon als junger Mann geschafft hat soviel Zeit in seinem Leben ohne Lohn-Arbeit zu verbringen (die Sache auf die ich bei ihm am allerneidischsten bin – behalte all dein Geld, deine Häuser, deine Autos – ich will nur deine ZEIT!) und wie sehr er auf sein Geld achtet, egal wieviel er mittlerweile davon wahrscheinlich hat.

Das Buch selbst hat nur zwei Tshirts auf meinen Shirt-Wunschzettel geworfen, ansonsten haben Herr Murakami und ich auch weiterhin eine erstaunlich kleine Schnittmenge was Shirts, Musik und Autos angeht. Bei Büchern ist sie deutlich größer.

Das perfekte Geschenk für alle Hardcore Murakami Fans, die ihre Sammlung komplettieren wollen, oder Lust haben noch ein bisschen mehr über den introvertierten Meister zu erfahren. Erschienen ist „Gesammelte Tshirts“ im Dumont Verlag, übersetzt wurde es von Ursula Gräfe.

Ach ja und Vorbestellungen für mein Buch „Bingereaders gesammelte Tshirts“ können hier direkt aufgegeben werden 😉

18. Türchen: The secret history – Donna Tartt

Dieses Buch ist meine absolut wunderbare Wiederentdeckung, die ich Nadine und Alex vom Blog letusreadsomebooks verdanke, die das Buch auf Instagram posteten und ich war Feuer und Flamme. Das musste wieder ins Haus. Das Buch hatte ich irgendwann in den 90ern mal in einer Nacht durchgelesen, es heiß und innig geliebt und dann ist es irgendwo zwischen Schottland / London / Hamburg oder der WG in München verloren gegangen. Ich war schon auch etwas nervös, ob es nach so vielen Jahren meinen Erinnerungen und Erwartungen entsprechen würde – um es kurz zu machen: ja und ja und ja. Liebe es genauso wie damals und habe – Instagram sei Dank – auch rausgefunden, dass ich immer schon ein Dark Academia Girl bin, hatte nur nie eine Bezeichnung dafür. Man gebe mir Filme wie „Der Club der toten Dichter“, Bücher wie „The Secret History“ (Die geheime Geschichte), „Posession“ von A. S. Byatt, „Carmilla“ von Le Fanu (eignentlich fast alles wo Vampire drin sind), Harry Potter oder auch „Wuthering Heights“ von Emily Bronte etc etc und ich bin im 7. Bücherhimmel.

Aber jetzt kurz zu Donna Tartts Meisterwerk „The Secret History“. Ms Tartt schreibt ja immer gerne etwa 10 Jahre an einem Buch, ihr Gesamtwerk wird also voraussichtlich übersichtlich bleiben.

Die geheime Geschichte ist einer der besten Krimis, die ich je gelesen habe. Und das liegt vielleicht daran, dass es sich nicht um einen Krimi im herkömmlichen Sinne handelt, sondern um literarische Fiktion mit jeder Menge moralischer Ambiguität und dem Verlust der Unschuld als zentralen Themen. Die eigentlichen Straftaten spielen eine untergeordnete Rolle es geht auf subtile Weise um eine verheerende Kettenreaktion, die zum kollektiven Zerfall des Gefüges von fünf jungen Leben führt.

“Does such a thing as ‚the fatal flaw,‘ that showy dark crack running down the middle of a life, exist outside literature? I used to think it didn’t. Now I think it does. And I think that mine is this: a morbid longing for the picturesque at all costs.”

Und es ist der Schatten dieses Verbrechens, die Vorwegnahme seines Eintretens und die niederschmetternden psychologischen Nachwirkungen, die der Erzählung ihre wahre Substanz verleihen. Die Diskrepanz zwischen den gelegentlichen Gewissensbissen der Täter und ihrer egoistischen Rechtfertigung des Mordes macht dieses Buch so fesselnd und eindringlich. Hier geht es nicht primär um die Lösung eines komplizierten Kriminalfalls, sondern wir erleben das Ganze aus der Sicht des Erzählers, der ein widerwilliger Komplize des Verbrechens ist.

Dieses Buch ist voll von schrecklichen Menschen. So ziemlich alle Menschen, die unser Erzähler Richard trifft, sind auf irgendeine Weise furchtbar. Sie sind egozentrisch, elitär, soziopathisch und krasse Snobs. Auch Richard ist nicht gerade ein toller Typ. Aber das Faszinierende an diesem Romans besteht darin, dass man diese schrecklichen Menschen irgendwie zutiefst sympathisch findet.

Ich liebe die sich langsam aufbauende Spannung und das Gefühl, dass ich als Leser gekonnt manipuliert wurde. Ja, das. Das letzte. Ich glaube, das ist es, was ich an diesem Roman am meisten liebe. Ich habe das Gefühl, dass Donna Tartt diesen Roman vollkommen unter Kontrolle hatte. Alles ist wohldurchdacht und einfach perfekt inszeniert

Große Empfehlung – unbedingt lesen!

Habt ihr ein Buch, dass euch vor Jahren mal so richtig begeistert hat und das ihr nach Ewigkeiten wieder entdeckt habt? Wie war das? Oder traut ihr euch (noch) nicht?

17. Türchen: Northanger Abbey – Jane Austen

Northanger Abbey war der erste Roman, den Jane Austen geschrieben hat, und er klingt tatsächlich ein wenig anders, was ich aber gar nicht negativ meine. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Catherine Morland, ein siebzehnjähriges Mädchen, das in ländlichen Umgebung aufwächst. Sie liebt Bücher und ist hungrig auf das Leben als sie die Gelegenheit erhält, ihre wohlhabenden Nachbarn nach Bath zu begleiten und an der Wintersaison mit Bällen, Theater und anderen gesellschaftlichen Vergnügungen teilzunehmen.

Schon bald lernt sie eine neue Welt kennen, die der Welt in ihren Büchern ganz ähnlich ist und sie begegnet dem klugen jungen Herrn Henry Tilney. Sie findet auch eine neue beste Freundin, Isabella, eine temperamentvolle und kokette junge Frau, die sich als ganz anders erweist, als Cathrine es sich vorgestellt hat. Schon bald besucht sie das geheimnisvolle Schloss Northanger Abbey und muss feststellen, dass sich die reale Welt dann doch von dem unterscheidet, wie sie in ihren geliebten Schauerromanen beschrieben wird….

Zu der Zeit, als der Roman geschrieben wurde, explodierte das Genre der „Gothic Novels“ geradezu und das Lesen von Romanen war zu einer Obsession geworden, insbesondere für Frauen. Die britische Gesellschaft war jedoch ziemlich geteilter Meinung über die Auswirkungen der Romane auf die Werte und das Verhalten der Frauen. Viele hielten diese Romane für albern und befürchteten, dass die dramatischen Liebesgeschichten junge Frauen dazu verleiten könnten, bei der Wahl des Ehepartners ihren Familien nicht zu gehorchen. Die Befürworter des Romans vertraten hingegen die Ansicht, dass die Lektüre der Erfahrungen und Gefühle der verschiedenen Figuren die Fähigkeit der Leser stärke, Mitgefühl zu empfinden und in ihrem eigenen Leben moralisch zu handeln.

Es ist auf jeden Fall der Roman mit dem schönsten Jane Austen Zitat:

“The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid.”

Jane Austen hat mit „Northanger Abbey“ eine Satire auf die Gothic Romane geschrieben, aber für mich klingt auch durchaus ein wenig Wohlwollen durch, oder will ich das nur lesen, weil ich Gothic Novels immer schon geliebt habe und sie sind und bleiben mein heimliches Laster…

Wenn die Welt draußen doof ist, dann geht für mich eigentlich nur eine düstere Dystopie oder eine dunkel-romantische Gothic Novel und schon ist alles wieder gut.

Was sind eure literarischen Laster? 😉

16. Türchen: Solaris – Stanislaw Lem

Ist das nicht die weltschönste Ausgabe dieses Klassikers? Da hat sich die Büchergilde wirklich ins Zeug gelegt. Der Sci-Fi Klassiker des berühmten polnischen Schriftstellers ist ein Buch, bei dem ich tatsächlich behaupten würde, da ist die Verfilmung (zumindest die aus dem Jahr 1972 von Andrei Tarkowski) mindestens genauso gut wie die Romanvorlage.

Er nimmt den langjährigen Traum von der Kontaktaufnahme mit Außerirdischen und dreht das Konzept komplett um. Sein (möglicherweise) planetengroßer lebender Ozean ist so komplett fremdartig und seltsam, dass es für Menschen absolut unmöglich ist, seine enorme Andersartigkeit zu verstehen oder eine Beziehung zu ihr aufzubauen.

Schlimmer noch, der Ozean scheint sich dafür nicht im Mindesten zu interessieren. Eines der schlimmsten Dinge, die man Menschen antun kann, ist, sie zu ignorieren. Als Spezies sehnen wir uns nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Aber im Gegensatz zu den Außerirdischen unserer Weltraumträume, die uns mal lieben, hassen oder verachten, scheint sich der Ozean von Solaris nicht besonders für uns zu interessieren. Das versetzt die Menschen in einen Rausch, der zu umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen führt. Versteht er uns nicht? Ist es ihm egal? Ist er primitiv? Ist er unglaublich fortschrittlich? Was ist das Problem? Sind wir nichts weiter als ein Ärgernis für ihn, Ameisen, die auf seiner Oberfläche krabbeln? Ist sie überhaupt lebendig? Was ist eigentlich „lebendig“?

Das Faszinierende an dieser Geschichte ist, dass wir nie eine Antwort bekommen. Der Ozean bleibt da, riesig und fremd, und seine Geheimnisse werden nicht gelüftet. Alles, was wir haben, sind Spekulationen und ein fast kindliches Staunen. Und die Frage, warum er die Menschen, die ihn erforschen, an den Rand des Wahnsinns zu bringen scheint und ihnen lebende Geister aus ihrer Vergangenheit schickt – im Fall des Psychologen Kris Kelvin seine längst verstorbene Frau Harey Rheya. Aber auch alle anderen Besatzungsmitglieder werden von Halluzinationen und Tagträumen heimgesucht. Warum? Wir wissen es nicht. Das Schöne und Besondere an diesem Buch ist, dass wir es nie erfahren. Es gibt Dinge, die wir vielleicht einfach nie werden verstehen können. Was uns als Spezies aber ausmacht, ist, dass wir es immer weiter und immer wieder versuchen werden.

Und diese Atmosphäre des Buches – es liest sich wie halluzinatorischer surrealistischer Fiebertraum, eines Alptraums, aus dem man nicht aufwachen kann, der mit Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit einhergeht, bei dem man klaustrophobisch am Rande des eigenen Verstandes entlang schwankt.

Ein Buch für Menschen die gut mit Ambiguität umgehen können und die es aushalten nicht auf alles eine Antwort zu bekommen. Poetisch, seltsam, düster – ein wunderbares Buch um dem Alltag zu entfliehen. Große Empfehlung für ein ganz besonderes Schmuckstück unter dem Weihnachtsbaum.

Habt ihr Solaris schon gelesen oder welches ist euer Lieblingsroman von Stanislaw Lem?

15. Türchen: The Historian – Elizabeth Kostova

Seit Jahrhunderten hat die Geschichte von Dracula die Phantasie von Lesern und Autoren gleichermaßen beflügelt. Kostovas atemberaubender erster Roman, an dem sie zehn Jahre gearbeitet hat, ist eine gelungene Nacherzählung dieser alten Geschichte. „The story that follows is one I never intended to commit to paper… As an historian, I have learned that, in fact, not everyone who reaches back into history can survive it. And it is not only reaching back that endangers us; sometimes history itself reaches inexorably forward for us with its shadowy claws.“ Mit diesen Worten beginnt ein namenloser Erzähler uns in eine Geschichte zu ziehen, die 30 Jahre zuvor begann.

Ein 16-jähriges Mädchen entdeckt eines Abends im Jahr 1972 in der Bibliothek ihres Vaters ein geheimnisvolles Buch und ein Bündel Briefe – eine Entdeckung, die schreckliche und weitreichende Folgen haben wird und sie auf eine Reise mit unvorstellbaren Gefahren schickt. Auf der Suche nach Hinweisen auf die Geheimnisse der Vergangenheit ihres Vaters und das rätselhafte Verschwinden ihrer Mutter folgt sie einer Spur von London über Istanbul bis nach Budapest und darüber hinaus und erfährt, dass die Briefe in ihrem Besitz eine Verbindung zu einer der dunkelsten und faszinierensten Figuren der Welt darstellen.

Sechshundertfünfzig Seiten über Vampire, die sich weniger mit der blutsaugenden Seite dieser Kreaturen befasst, als mit minutiöser historischer Forschung derselbigen.

Eines der zentralen Elemente des Romans ist die Tatsache, dass ein Großteil der Geschichte in Form von Briefen erzählt wird, die der Vater der jungen Erzählerin geschrieben hat.

Während ihre Recherche die sie immer weiter nach Ost- und Mitteleuropa führen, fangen die Texte an, sich wie russische Matroschkas ineinander zu schieben. Während die Erzählerin die Briefe ihres Vaters liest, erzählt Paul von einem Besuch bei einem bulgarischen Gelehrten, der ihm aus einem Manuskript vorliest, das in seiner Geschichte die ausführliche Abschrift einer anderen Person enthält, die sich an Vlad Tepes erinnert.

“When you handle books all day long, every new one is a friend and a temptation.”

Beeindruckend ist, wie Kostova drei große Erzählstränge miteinander verwebt und dabei Zeit, Ort und Erzählstimme wechselt. Wir befinden uns zunächst im Amsterdam des Jahres 1972, als unsere junge Erzählerin, ein sechzehnjähriges Schulmädchen, von der Entdeckung eines geheimnisvollen Bandes im Büro ihres Diplomatenvaters und später von ihrer Reise nach Frankreich erzählt. Sie liest darin in Briefen, die ihr Vater nach seinem Verschwinden hinterlassen hat und die von seinen Reisen und Nachforschungen über die Dracula-Legende im Ostblock der 1950er Jahre berichten. Er macht sich auf den Weg quer durch das sowjetische Reich sowie durch die verworrenen Labyrinthe der Straßen und Bibliotheken Istanbuls, um herauszufinden, was aus seinem verschwundenen Mentor geworden ist. Während wir versuchen, Rossi zu finden, erfahren wir von seinen Nachforschungen über die Dracula-Legende in Rumänien in den 1930er Jahren.

Das hier ist keine typische Dracula-Lektüre. Das hier ist ein Buch, das man entweder liebt oder hasst. Man sollte auf jeden Fall Spaß an Geschichte und vor allem historischer Forschung haben, dann allerdings ist es ein echtes Schmankerl.

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Der Historiker“ im Berlin Verlag erschienen.

14. Türchen: Invisible Women von Caroline Criado Perez

Achtung – das hier ist alles andere als ein Wohlfühlbuch. Es macht vielmehr wütend, verzweifelt, ohnmächtig und ist doch mit eines der wichtigsten Bücher, die in den letzten Jahren erschienen sind.

Daten sind in der modernen Welt von grundlegender Bedeutung. Von der wirtschaftlichen Entwicklung über das Gesundheitswesen bis hin zu Bildung und öffentlicher Politik verlassen wir uns auf Zahlen, um Ressourcen zuzuweisen und wichtige Entscheidungen zu treffen. Aber weil so viele Daten das Geschlecht nicht berücksichtigen, weil sie Männer als Standard und Frauen als atypisch behandeln, sind Voreingenommenheit und Diskriminierung in unsere Systeme eingebrannt. Und Frauen zahlen enorme Kosten für diese Voreingenommenheit, in Form von Zeit, Geld und oft auch mit ihrem Leben.

“The result of this deeply male-dominated culture is that the male experience, the male perspective, has come to be seen as universal, while the female experience–that of half the global population, after all–is seen as, well, niche.”

Die bekannte Frauenrechtlerin Caroline Criado Perez geht in Invisible Women den schockierenden Ursachen der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf den Grund und erforscht das Leben von Frauen zu Hause, am Arbeitsplatz, auf öffentlichen Plätzen, in Arztpraxen und vielem mehr. Basierend auf Hunderten von Studien in den USA, Großbritannien und auf der ganzen Welt gewürzt mit viel Energie, Witz und funkelnder Intelligenz, ist dieses Buch ein bahnbrechendes, unvergessliches Exposé, das den Blick auf die Welt nach der Lektüre komplett verändern wird.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Unsichtbare Frauen“ bei btb.

13. Türchen: Nerds von Sibylle Berg

Noch ein garantiert schlauer machendes Buch.

„Verloren in der Gegenwart kurz vorm Untergang? Dieses Buch hilft!

Permanent sind wir mit Meldungen aus aller Welt konfrontiert, die wir weder einordnen noch anständig bewerten können. Und zum Handeln befähigen sie uns auch nicht. Was soll man gegen den aufkommenden Faschismus tun? Gegen schmelzende Gletscher? Gegen Überwachung und Verknappung des Wohnraums? Sibylle Berg versucht es in Gesprächen mit Wissenschaftler*innen herauszufinden. Während der Arbeit an ihrem Roman »GRM« sprach Sibylle Berg über zwei Jahre hinweg mit Expert*innen aus den verschiedensten Disziplinen – mit Systembiolog*innen, Neuropsycholog*innen, Kognitionswissenschaftler*innen, Meeresökolog*innen, Konflikt- und Gewaltforscher*innen. Über den Zustand in ihren Fachgebieten. Und über Ideen für eine Zukunft, die sich nicht wie ein Albtraum ausnimmt. Wie sich wehren gegen Parolen, die den Verstand beleidigen? Wie verhalten wir uns zu der Politik des Spaltens und Herrschens, die gerade weltweit ein Erfolgsmodell zu sein scheint? Was bedeutet die digitale Revolution, und gibt es eigentlich noch Hoffnung? Dieses Buch ist das Richtige für alle, die sich auch solche Fragen stellen und besser gewappnet sein wollen für das, was auf uns zukommt.“

Gespräche mit:
Jürgen Schmidhuber – Lorenz Adlung – Jens Foell – Odile Fillod – Hedwig Richter – Matthias Schuler – Lynn Hersham Leeson – Dirk Helbing – Jutta Weber –Iddo Magen –Valerie M. Hudson – Avi Loeb – Carl Safina – Robert Riener – Wilhelm Heitmeyer – Anja Thierfelder

Meine Woche

Gesehen: Emma (2020) von Autumn de Wilde mit Anya Taylor-Joy. Austen Verfilmung mit tollen Bildern, die mir sehr gut gefallen hat.

The Black Hole (2008) Kurzfilm von Philip Sansom und Olly Williams. Ein Büroangestellter unter Schlafentzug, produziert versehentlich ein schwarzes Loch aus dem Kopiergerät – und dann wird er gierig…

Gehört: Atoms – Ludovico Einaudi, Ave Maria – Kings Return, Sisyphus – Foie Gras, Döda flickan rädda rösten – Fågelle, Mul – Lili Refrain, Fire in me – Julia Stone, Your body changes everything – Perfume Genius (Box Harsher Remix)

Gelesen: Burying Leni Riefenstahl: one woman’s lifelong crusade against Hitler’s favourite film-maker, Orwell’s Roses, Getting real about hybrid work, in praise of generalism

Getan: weiterhin hohe Meeting-Taktung, Glühwein im Biergärtchen nebenan getrunken und im Wohnzimmer das Tanzbein geschwungen

Gegessen: Eichhörnchenkekse

Gefreut: über mein Secret Santa Päckchen

Gesorgt: nein

Geärgert: über mich – Lernen durch Schmerzen, jedem sage ich richte dir das Homeoffice vernünftig ein und ich mach mir das Genick kaputt nach 2 Jahren Küchentisch und muss zum Doc

Geklickt: auf Kaitlyn Changs Vortrag zu #Momtoo, Ella Anscheins Poetry-Slam zu Armut, 5 London pubs with literary histories

Gestaunt: Historic Photographer of the Year, über diese Lava Bilder, auf der ISS gabs Tacos mit selbstgezüchteten Chilis, A nightclub in Glasgow is trying out tech that will turn dancing into renewable energy

Gelacht: über den TRex im ugly sweater

Gewünscht: diesen Stuhl, diese Dickens-Gesamtausgabe, diesen Whisky

Gefunden: nix

Gekauft: einen Schreibtisch (!)

Gedacht: No need to hurry. No need to sparkle. No need to be anybody but oneself. — Virginia Woolf, A Room of One’s Own