Dystopien & Skurriles

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Es gab Kriege und die Zivilisation ist in finstere Zeiten zurückgefallen. Die Leute überleben irgendwie, einige haben alles verloren andere sind kurz davor alles zu verlieren.

”A haggard man used one of the huts as a home. He lay on a sagging mattress, his head on his pack, surrounded by rubbish–paper, porcelain shards, food remains, and unidentifiable debris. His hand was over his eyes. He looked like a failed soldier. Dirt seemed so worked into him that the lines of his face were like writing.”

Und dann sind da noch die verwaisten Kinder, die in der Stadt zusammenleben, die sich zusammen geschlossen haben, um irgendwie zu überleben.

Der Vater des Jungen ist ein Schlüsselmacher. Er macht Schlüssel, die in alte Maschinen passen. Er macht Schlüssel für Wettermaschinen, für Schlösser, die Herzen öffnen und alles was er tut ist geheimnisvoll und mysteriös. Aberglaube ist die neue Religion, genau wie ein Voodoo-Zauber nur funktioniert, wenn man an ihn glaubt.

Der Junge lebt oben auf dem Berg. Das macht ihn zu einem „Uphiller“. Er hat Dinge gesehen und er weiß Dinge über seinen Vater, die ihm keiner glaubt.

”I knew that, by whatever means he’d killed it, it was not to eat. I wanted to cry; I stood still.“

Da ist dieses Loch in der Höhle, ein tiefes Loch ohne Boden. Ein Loch, das vielleicht bis zum Mittelpunkt der Erde geht. Als seine Mutter verschwindet, bekommt er Alpträume.

”I thought of my mother’s hands hauling her up. Of her climbing all grave-mottled and with her face scabbed with old blood, her arms and legs moving like sticks or the legs of insects, or as stiff as toys, as if maybe when you die and come back you forget what your body is.”

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Aber sein Vater behauptet steif und fest, die Mutter würde noch leben. Als der Mann, der die Menschen zählt kommt, sieht der Junge in ihm die einzige Chance herauszubekommen, was mit seiner Mutter passiert ist. Was das eigentliche Geheimnis seines Vaters ist.

“He said, You’ll write it not because there’s no possibility it’ll be found, but because it costs too much to not write it.”

Das ist eines der abgefahrensten, merkwürdigsten Bücher die ich seit langem gelesen habe und ich fand es großartig. Es ist sehr kafkaesk in dem Gefühl, dass man keine Möglichkeit hat, den Ereignissen zu entkommen. Es dauert eventuell, bis man hineinfindet in diese düstere Welt, aber irgendwann hebt sich der Nebel.

Für mich hätte das Buch gut noch ein paar Hundert Seiten haben können, ich hätte zu gerne gewusst, wie es weitergeht. Ich hätte nur zu gerne das verschwundene Notizbuch gefunden …

Der Roman hat auch durchaus Gothic Elemente, die Schatten, das bedrohliche Unbekannte, der sich ständig aufbauende blanke Horror. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, wollte unbedingt einen Weg finden, dem Jungen zu helfen, vom Berg zu entkommen.

Das wird ganz sicher nicht mein letzter Miéville sein, ich habe Blut geleckt. Hat eigentlich noch jemand das Bild oben in seinem Buch gehabt? Oder lag nur meinem eines bei? Es sieht so sehr aus wie ich mir die Brücke zur Stadt vorgestellt habe, dass ich auf der einen Seite annehme, es handelt sich um eine Beilage zum Buch vom Verlag, auf der anderen Seite sieht es aus wie ein ganz normales Foto – hinten steht auf jeden Fall „The census maker“ und ein Datum drauf. Sehr mysteriös – wie das Buch.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Dieser Volkszähler“ beim Liebeskind Verlag.

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Bei Margaret Atwoods Nachfolger zum weltberühmten „The Handmaids Tale“ sollte man vor Lektürebeginn ganz klar seine Erwartungshaltung in den Griff bekommen. „The Testaments“ ist spannende Unterhaltung, aber eventuell keine Weltliteratur wie sein Vorgänger.

Es unterscheidet sich von dem 1985 erschienenen „The Handmaids Tale“ was den Ton, und die Stimme der Protagonisten und auch was die literarische Güte angeht. Der frühere Roman hat eine Kraft und eine Gewichtigkeit, mit der „The Testaments“ nicht mithalten kann.

Offred war so sehr Gefangene ihrer Umstände, ihre Isolation für den Leser unmittelbar beklemmend spürbar. Sie ist völlig passiv, hält die Füße still und versucht nur von einem Tag zum nächsten zu überleben, während andere Charaktere im Buch (Moire zum Beispiel oder Ofglen) deutlich aktiver versuchen, das Regime in Gilead zu unterwandern. Offred war eine absolute Durchschnittsfrau, die den Leser stets mit der Frage konfrontiert „Was hättest Du in meiner Situation gemacht – und mach Dir bloß nix vor“.
Der Roman war völlig hoffnungslos, die Kraft des Romans lag in seinem intimen Portrait völliger Hilflosigkeit.

„The Testaments“ ist dagegen viel Action geladener, viel hoffnungsvoller und dadurch aber vielleicht auch deutlich weniger realistisch. Man folgt den Stimmen dreier unterschiedlicher Protagonisten, die alle drei absolut bereit sind, sich dem System zu widersetzen. Sie riskieren alles, um die Patriarchie zu beenden. Zwei der drei Protagonistinnen sind Teenager, ich glaube, auch Margaret Atwood sieht unsere einzige Hoffnung auf Rettung in der Jugend.

Dieser Wandel wird insbesondere den Fans der TV Serie „The Handmaids Tale“ bekannt vorkommen. Wahrscheinlich haben sowohl Margaret Atwood als auch die Produzenten der Serie das Gefühl, dass die Menschen jetzt einfach Hoffnung und eine Katharsis brauchen, die ein gewonnener Kampf gegen all die Vollidioten in der Welt mit sich bringt.

Nein, keine große Literatur – aber ein sehr unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Die Zeuginnen“ beim Piper Verlag.

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The October Country ist eine Sammlung an Kurzgeschichten ohne jeglichen Science Fiction Bezug, die eher im Bereich des Okkulten, Makabren und Düsteren anzusiedeln sind.

 “The October Country … that country where it is always turning late in the year. That country where the hills are fog and the rivers are mist; where noons go quickly, dusks and twilight linger, and midnights stay. That country composed in the main of cellars, sub-cellars, coal bins, closets, attics and pantries faced away from the sun. That country whose people are autumn people, thinking only autumn thoughts. Whose people passing at night on the empty walks sound like rain.”

Die Kritiken überschlagen sich für diese Sammlung an Kurzgeschichten und sie sind auf jeden Fall gut geschrieben. Es sind definitiv keine „Horrorgeschichten“, denn sie sind nicht sonderlich gruselig, aber sie sind skuril und sie haben teilweise etwas verstörendes.

Passende Lektüre für den Horroctober, kurz vor Halloween. Besonders mochte ich die Geschichten „Skeleton“, „The Emissary“ und „The Scythe“. Ein unterhaltsamer Kurzgeschichtenband, aber komplett umgehauen war ich jetzt nicht.

Auf deutsch erschien dieser Kurzgeschichten-Band unter dem Titel „Familientreffen“ im Diogenes Verlag.

Was ist für euch perfekte Halloween-Lektüre?

Meine Woche

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Gesehen: „What keeps you alive“ (2018) von Colin Minihan mit Hannah Anderson und Brittany Allen. Wunderschöne Landschaft, ein einsamer See aber Lügen und düstere Geheimnisse vergiften das einjährige Jubiläum eines Frauenpaaares in einer Hütte in Kanada. Empfehlenswert.

Green Room“ (2015) von Jeremy Saulnier mit Anton Yelchin und Patrick Stewart. Eine Punkband wird von amerikanischen Neonazi in einem Raum festgehalten und sie versuchen irgendwie raus zu entkommen. Brutal aber richtig gut.

Gehört: „Heavenly“ – Cigarettes after Sex, „Wolf Totem“ – The Hu, „The Sandman“ – PJ Harvey, „Thunderstruck“ – 2Cellos, „Messias“ – Georg Friedrich Händel, „All Mirrors“ – Angel Olsen, „A hidden path“ – Jazzdefector, „You Shadow“ – Sharon Van Etten

Gelesen: Abandoning a cat von Haruki Murakami, diesen Artikel über Rachel Maddows, Why books won’t die, dieses Interview mit Kim Petras, Why are rich people so mean, Inside Aspen the retreat for the liberal elite, The economist Mariana Mazzucato has an idea how to fix capitalism

Getan: in der Sonne am Tegernsee spaziert, meinen nächsten Workshop vorbereitet und Händels Messias gehört und viel gelesen

Geplant: Kopenhagen unsicher machen

Gegessen: Räuchertofu mit Avocado-Mango-Salsa

Gefreut: den Husten losgeworden zu sein

Geweint: nein

Geklickt: auf dieses Interview mit Maggie Smith

Gestaunt: über diese phantastischen Bilder von den Färör Inseln, See what it’s like to fly on the back of an eagle

Geärgert: nein

Gelacht: Don’t try to hug me

Gewünscht: eines dieser Häuser, diese Post-Its, dieses Spiel, diesen Kalender aber als Notizbuch

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: „May you never be the reason why someone who loved to sing, doesn’t anymore. Or why someone who dressed so differently now wears standard clothing. Or why someone who spoke always of their dreams so wildly is now silent about them. May you never be the reason of someone giving up on a part of them because you were demotivating, non-appreciative or – even worse – sarcastic about it. (Shorouk Mostafa Ibrahim)

Kiwi Musikbibliothek

 

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Thees Uhlmann – Die Toten Hosen

Mit den Toten Hosen kam ich das erste Mal in Berührung, als der Nachbarsjunge im Sommer 1991 mit seinem Ghettoblaster vor unserem Haus saß und lautstark „Opelgang“ abspielte. Einen Tag später hatte er, wie man es damals noch so machte, mir die Kassette überspielt.

1994 durfte ich zum ersten Mal auf ein Toten Hosen Konzert. Meine Liebe zu den Hosen hält seit 1991 an. Mein persönliches Highlight war Anfang der 2000er Jahre das Konzert in einem Flugzeughangar auf Sylt mit nur 500 Personen, wenn überhaupt. Neues Hosen T-Shirt? Oder das letzte Geld lieber in die Bahnfahrkarte zurück investieren? Das war da die große Frage.

Thees Uhlmann blickt in seinem Buch ebenso zurück auf seine Hosen-Zeit. An sein erstes Konzert hat er allerdings viel weniger Erinnerungen als ich an meines – es fing an mit einer Liste, die am schwarzen Brett in seiner Schule hing, als er in die 9. Klasse ging. Überraschenderweise genehmigten seine Eltern den organisierten Konzertausflug aus dem kleinen Hemmoor nach Hamburg und schon stand er vor der Konzertlocation im mega Gedrängel (wie es auch heute noch immer ist!). Ab Lied 4 oder 5 hatte er bereits einen Filmriss – die Erinnerung an das erste Hosenkonzert fällt also eher spärlich aus…

Es sollten sich im Verlauf seines Lebens aber noch viele weitere Gelegenheiten bieten, die Hosen live zu erleben. Das Buch ist kurzweilig und gut zu lesen. Wer eine Biographie der Hosen erwartet, ist hier fehl am Platz, es ist viel mehr eine kurze Geschichte des turbulenten Lebens des Thees Uhlmann, der es vom Filmriss zur Freundschaft mit den Hosen gebracht hat. Mit Fortschritt des Buches und seines Lebens nahmen auch die Hosen einen größeren Stellenwert ein. Für einen echten Hosen-Fan, der ein Buch über die Hosen erwartet, nimmt das Buch dann auch bis zum bitteren Ende etwas an Fahrt auf. Hat mir insgesamt gut gefallen und vor allem – schönes Format, lässt sich auch mal gut in die Tasche stecken und schnell unterwegs lesen.

Weiter geht es hier demnächst mit Nick Cave – jetzt krame ich erst mal die alten Hosen Platten wieder raus…

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für die Rezensionsexemplare und Wonnie von den Münchner Küchenexperimenten für diesen Beitrag.

Kein Teil der Welt – Stefanie de Velasco

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Der zweite Roman von Stefanie de Velasco, die mich schon mit „Tigermilch“ sehr begeistern konnte, macht seine Leser*innen mit einer Parallelwelt vertraut, die mir bislang ziemlich unbekannt war. Esther und Sulamith sind beste Freundinnen seit sie klein sind, sie gehen nicht nur nach dem Kindergarten auch in die gleiche Schule, sie verbringen auch ihre gesamte Freizeit miteinander, die wirkliche freie Zeit und die organisierte Freizeit, die bei beiden eng mit den Zeugen Jehovas verwoben ist.

Esthers Familie war schon vor ihrer Geburt bei den Zeugen Jehovas, Sulamith flüchtete mit ihrer Mutter aus Rumänien und diese tritt aus Dankbarkeit für die erbrachte Unterstützung für sie und ihre Tochter ebenfalls den Zeugen Jehovas bei. Die Kindheit der beiden Mädchen unterscheidet sich gravierend von der ihrer Mitschüler. Wie fundamentalistisch und komplett nicht Teil dieser Welt diese Glaubensgemeinschaft ist, war mir bislang nicht klar.

Was de Velasco in ihrem Buch gut gelingt, ist aufzuzeigen, wie eng die Welt in einer solchen Glaubensgemeinschaft ist. Wie nebensächlich es ist, ob das woran geglaubt oder nicht geglaubt wird einen Sinn ergibt, es erscheint fast, je widersinniger die Ansichten, desto eifriger glauben die Gemeindemitglieder. In erster Linie bieten die Zeugen Jehovas – wie wahrscheinlich auch viele andere Sekten und strengen Glaubensgemeinschaften – Halt, Zusammengehörigkeitsgefühl, Unterstützung, aber eben auch enge Kontrolle, viel Autorität und wenig Freiheit.

Ich fand es interessant, dass man an Sulamith sieht, dass gerade diejenigen, die wirklich nach etwas Höherem suchen, die wirklich glauben wollen, die sich ernsthaft mit dem beschäftigen, wofür ihr Glaube steht, in Schwierigkeiten geraten und oft den Glauben verlieren bzw. die Glaubensgemeinschaft verlassen. Wem es hauptsächlich um die Gemeinschaft geht, hinterfragt weniger, glaubt, was geglaubt werden soll und versucht, einfach nicht anzuecken.

Beim Lesen hab ich mich manchmal regelrecht beklemmt gefühlt. Ich fühlte mich stellenweise an Tara Westovers „Educated“ erinnert, zwischen dem Fundamentalismus der Mormonen und dem der Zeugen Jehovas habe ich keinen großen Unterschied gesehen. Krass war für mich, wie sehr sich diese Glaubensgemeinschaft für die einzig Auserwählten hält, im Gegensatz zu all den anderen draußen in der Welt. Die Ungläubigen, die sich nicht auf ihre Bekehrensversuche einlassen, sind eigentlich nur unverständliches Hintergrundrauschen.

De Velasco, die selbst mit 15 Jahren aus der Gemeinschaft austrat, spricht schonungslos darüber, wie es ist , in einer Glaubensgemeinschaft wie den Zeugen Jehovas aufzuwachsen, ohne je eine reine klassische Aussteigergeschichte zu schreiben. Interessant fand ich auch die geschichtliche Entwicklung zu sehen, die die Zeugen Jehovas durchlaufen haben. Als absolute Pazifisten wurden sie während der NS-Zeit ins KZ gebracht, auch in der DDR wurde ihnen die Glaubensausübung untersagt und sie waren eher auf der Seite der Verfolgten. Heute, wo sie keinerlei Zwängen unterliegen, kommen die Zeugen Jehovas deutlich mehr als Verfolger rüber, die Andersgläubigen wenig Symphatie entgegenenbringen.

Wenn ich das nächste Mal in der Innenstadt Menschen mit ihren „Wachturm“ oder „Erwachet“-Hefterln sehe, muss ich aufpassen, dass ich nicht ein Fachgespräch starte, jetzt wo ich soviel weiß über den treuen und verständigen Slaven, Harmagedon und den Gemeinschaftsentzug…

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

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Gesehen: Ms 45 (1981) von Abel Ferrara mit Zoë Lund. Stylischer Thriller um die Verwandlung einer jungen Frau auf Rachefeldzug. Großartig.

Dark“ (2018) von Baran bo Odar. Großartige deutsche Mystery-Serie, bei der man nicht eine Sekunde unaufmerksam sein darf. Tolle Bilder und Atmosphäre aber gelegentlich verursacht sie Knoten im Kopf.

The Unbelievers“ (2013) Dokumentation von Gus Holwerda über die Atheismus-Diskussions-Tour von Richard Dawkins und Lawrence Krauss. Die Doku ist echt langweilig, da gibt es deutlich bessere Vorträge der beiden auf youtube. Kann man sich sparen.

Gehört: „Closer to Grey“ und „Kill for Love“ – Chromatics, „Nisi Dominus“ – Antonio Vivaldi,  „God’s gonna cut you down“ – Marilyn Manson, „At the end of all time“ – April Larson, „Night swept the forest“ – Hilyard, „Melody X“ – Bonaparte, „Goodbye“ – Apparat & Agnes Obel, „Twisted Olive Branch“ – Asaf Avidan, „Icy“ – Kim Petras

Gelesen: Zadie Smith in defense of fiction, dieses Interview mit Ursula LeGuin, Stephen Kings Haus wird Archiv und Writers‘ Retreat, Why you never see your friends anymore, Tokarczuk oder Handke – wie political correctness als Männerquote fungiert, Adventures in Psychedelia und mit Rechten im Stuhlkreis

Getan: mir ne fette Erkältung eingefangen

Geplant: wieder fit werden und den Bookclub besuchen

Gegessen: Persischer Knusperreis und gerösteter Kürbis mit Schafskäse

Gefreut: über das traumhaft schöne Herbstwetter

Geweint: über eine junge Frau in den USA die in ihrem Haus erschossen wurde

Gestaunt: über diese Jetpacks, gehäkelte Seegurken und über die Hunters Point Library in New York

Geärgert: Stell dir vor, du bekommst den Nobelpreis für Literatur und kein Mensch spricht über dich, weil ein anderer Preis-Dude seine Ego-Show abzieht. (Fräulein Elfe)

Gelacht: #ichkommevonhomer und all my passwords are protected by amnesia

Gewünscht: diese Lego-Dinos, Stroodles – Strohhalme aus Nudeln, dieses Outfit

Gefunden: nix

Gekauft: das neue Philosophie Sonderheft „Philosophinnen

Gedacht: “To a disciple who was forever complaining about others, the Master said, ‘If it is peace you want, seek to change yourself, not other people. It is easier to protect your feet with slippers than to carpet the whole of the earth.’” — Anthony de Mello

Women in Science (23) Sonja Kowalewski

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Sonja Kowalewski wurde als Sofya Vasileyevna Kovalevskaya 1850 in Rußland geboren. Wie üblich bei russischen Namen, wurde ihr Name in vielen Varianten übersetzt, ich belasse es der Einfachheit halber hier bei der in Deutschland gängigen Variante Sonia Kowalewski.

Sie war eine Pionierin auf dem Gebiet der Mathematik und die erste Frau, die einen Doktor in Mathematik machte, sowie die erste Professorin für Mathematik in Nordeuropa.

Ihr Interesse für Mathematik wurde durch mathematische Unterlagen geweckt, die sie in ihrem Kinderzimmer enteckte. Da die Tapete in ihrem Zimmer nicht ausreichte, wurde der Rest der Wand mit Unterlagen einer mathematischen Vorlesung von Michail Ostrogradski zu Differential- und Integralrechnung tapeziert. Die Unterlagen gehörten ursprünglich ihrem Vater.

Mit diesen Berechnungen beschäftigte sich die kleine Sonja intensiv und ihr Interesse an der Mathematik wurde besonders von einem Onkel gefördert, der sich als Nichtmathematiker selbst in die Höhen der Mathematik eingearbeitet hatte.

Der Unterricht, den sie zu Hause erhielt, wurde ihr schnell langweilig und als ihr Interesse an Algebra und Geometrie stärker wurde, verbot ihr Vater ihr zunächst den Unterricht. Sie verfolgte ihre Interessen daher heimlich weiter.

Mit 15 begann sie, sich selbst Physik sowie die trigonometrischen Formeln, auf die sie beim Studium der Optik stieß, beizubringen. Sie korrespondierte mit dem Verfasser des Physik-Lehrbuchs und dieser setzte sich dafür ein, dass sie Unterricht in höherer Mathematik bekam.

Diesen bekam sie bei einem Professor in Sankt Petersburg, wo sie auch auf Dostojewski traf, für den sie von Jugend an schwärmte. Dieser interessierte sich allerdings mehr für ihre Schwester Anna.

Da Frauen zu dieser Zeit in Russland weder studieren, noch als Gasthörerinnen an Vorlesungen teilnehmen durften, gingen sie häufig zum Studium in den Westen (Marie Curie zum Beispiel nach Paris).

Es war gar nicht einfach für Frauen in Russland auszureisen, denn sie besaßen zu dieser Zeit keinen eigenen Reisepass. Eine Auslandsreise war ihnen daher nur in Begleitung des Vaters oder Ehemanns möglich. Ihr Vater war gegen ihr Auslandsstudium, sie aber setzte sich gegen seinen Willen durch und ging 1868 mit dem Studenten Wladimir Kowalewski eine Scheinehe ein. Im darauffolgenden Jahr reisten beide nach Wien, wo Sonja die Genehmigung eines Physikprofessors erhielt, an seinen Vorlesungen teilzunehmen.

Das Leben in Wien war teuer und  es gefiel ihr dort auch nicht sonderlich, so dass sie beschloss, nach Heidelberg zu gehen, wo sie im Sommer 1869 ihr Studium der Mathematik (bei Paul du Bois-Reymond und Leo Koenigsberger), Physik (bei Helmholtz) und Chemie (bei Bunsen) aufnahm.

Im Winter 1870 wechselte Sonja auf Anraten von Professor Koenigsberger nach Berlin, zu Karl Weierstraß, dem bedeutendsten Mathematiker seiner Zeit. Nach vier Jahren begann sie, an ihrer Dissertation zu arbeiten, teilweise arbeitete sie 16 Stunden am Stück. Dazwischen war sie hin- und wieder in Paris bei ihrem Mann und ihrer Schwester, die beide auf Seiten der Aufständischen aktiv in der Pariser Kommune waren. Nach der Niederschlagung der Kommune konnte ihre Schwester fliehen, ihr Mann wurde dabei verletzt. Kowalewski pflegte ihn und andere Verletzte in dieser Zeit im Hospital, nahm jedoch nicht am Aufstand selbst teil.

Obwohl ihr Lehrer Weierstraß selbst gegen das Studium von Frauen war, unterstützte er sie bei der Promotion, die sie 1874 an der Universität in Abwesenheit und ohne mündliche Prüfungen absolvieren konnte. Sie machte ihren Abschluss mit summa cum laude.

Nach ihrer Promotion ging sie mit ihrem Mann nach Russland zurück, wo sie jedoch keine Möglichkeit hatte zu unterrichten, außer in den untersten Klasse an einer Mädchenschule. Aus diesem Grund beschloss sie, der Mathematik den Rücken zu kehren und ihre Scheinehe zu einer richtigen zu machen. Im Jahr 1878 brachte sie eine kleine Tochter zur Welt.

Doch schon nach kurzer Zeit gerieten sie in finanzielle Bedrängnis und sie mussten vor Gläubigern nach Moskau fliehen. Dort begann sie, sich wieder mit der Mathematik zu beschäftigen. Nachdem ihr Mann durch irrsinnige Spekulationen finanziell immer weiter abrutschte, trennte sie sich von ihm und ging zurück nach Berlin, später nach Paris, wo sie in die Mathematische Gesellschaft gewählt wurde. Ihre Tochter schickte sie zurück nach Rußland, wo sie von einer Freundin aufgezogen wurde.

1883 erhielt sie eine Stelle als Privatdozentin an der Universität Stockholm. Eine Position, die ihr als getrennt lebende Frau lange verwehrt war, die ihr aber durch den Selbstmord ihres Gatten und ihrer somit neuen Rolle als ehrbare Witwe nun offen stand.

Ihre Ankunft in Stockholm war ein großes Ereignis, so ungewöhnlich war die Vorstellung einer weiblichen Professorin. August Strindberg bekleckerte sich auch nicht gerade mit Ruhm als er folgende Zeilen in einem Artikel veröffentlichte:

„…eine Frau als Mathematikprofessor eine schädliche und unangenehme Erscheinung sei, ja, daß man sie sogar ein Scheusal nennen könnte. Die Einladung dieser Frau nach Schweden, das an und für sich männliche Professoren genug habe, die sie an Kenntnissen bei weitem überträfen, sei nur durch die Höflichkeit der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegenüber zu erklären.“

1887 lernte Kowalewski Alfred Nobel kennen, der ihr den Hof machte, den sie aber abblitzen ließ. Es gibt Gerüchte, dass seine gekränkte Eitelkeit der Grund dafür seien, dass es bis heute keinen Nobelpreis für Mathematik gäbe.

Im Juni 1889 wurde ihr in Stockholm eine Professur auf Lebenszeit übertragen und sie wurde in Frankreich zum Officier de l’Instruction publique ernannt, was allerdings keine nennenswerten Vorteile mit sich brachte. In Russland wurde sie nun immerhin zum „korrespondierenden Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften“ gewählt.

Leider hatte Kowalewski nicht mehr viel von ihrer Stellung auf Lebenszeit, da sie 1891 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Sie wurde nur 41 Jahre alt. Die Nachricht ihres frühen Todes erschütterte die Mathematiker in ganz Europa.

Seit 1992 wird von der Russischen Akademie der Wissenschaften für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Mathematik der Kowalewskaja-Preis verliehen. Erste Preisträgerin war Olga Ladyschenskaja.

Persepolis – Marjane Satrapi

Foto: Ueberreuter Verlag

Persepolis ist eine wunderbare Graphic Memoir. Witzig, weise und teilweise herzzerreißend. Marjane Satrapi erzählt von ihrer Kindheit im Iran, wo sie während der Islamischen Revolution aufwuchs. In kraftvollen schwarz-weiß Bildern erzählt Satrapi von ihrem Alltag in Teheran zwischen ihrem sechsten und vierzehnten Lebensjahr. Jahre, in denen das Regime des Schah gestürzt wurde, die Islamische Revolution triumphierte und über die verheerenden Folgen des Krieges mit dem Irak.

Das intelligente, offene Mädchen ist die einzige Tochter überzeugter Marxisten und die Ururenkelin des letzten iranischen Kaisers. Marjane Satrapis Kindheit ist eng verbunden mit der Geschichte ihres Landes.

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Persepolis zeigt in unvergesslichen Bildern den Alltag im Iran während der Islamischen Revolution und den verwirrenden Widersprüchen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Leben. Marjane erlebt die staatlich sanktionierten öffentlichen Auspeitschungen, die Absetzung der bisherigen Herrscher sowie die Helden der Revolution und man versteht durch sie und das Leben ihrer Familie die Geschichte dieses außergewöhnlichen Landes.

Eine Graphic Memoir, die unglaublich intensiv, persönlich und politisch ist, ist gleichzeitig eine Coming-of-age Geschichte und eine Erinnerung daran wie hoch der Preis ist, den die Menschen für Kriege und politische Unterdrückung zahlen müssen.

 Satrapi spricht über die Schmerzen als Frau in ein Land geboren zu werden, dass eines der strengsten unterdrückerischsten islamischen Regime der Welt ist. Sie tut dies, ohne je moralisierend zu klingen oder ins melodramatische abzudriften.

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Marjani hat richtig tolle Eltern, die es problemlos in die Top 10 der coolsten Eltern in Büchern schaffen, über die ich jemals gelesen habe.

Ein Buch, das ein wirklich originelles und wahrhaftiges Bild der Revolution und seiner Konsequenzen schafft und auch die schiere Absurdität religiöser Dogmen aufzeigt.

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Foto: Ueberreuter Verlag

Im zweiten Band ihrer Memoiren begegnen wir Marjane in Österreich. Ihre Eltern ermöglichten ihr, dem Fundamentalismus und dem Krieg im Iran zu entkommen, in dem sie sie zu Verwandten nach Wien schickten. Dort angekommen, ist sie ziemlich allein mit ihren Problemen in der Pubertät und es gelingt ihr nur langsam, einen Platz für sich in einer Gruppe von Außenseitern zu finden. Immer wieder kämpft sie darum, irgendwo dazuzugehören.

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Nach ihrem Abschluss beschließt Marjane, trotz der Repressalien in den Iran zurückzukehren, da sie ihre Heimat und ihre Familie immer mehr vermisst. Ihre schwierige Rückkehr zwingt sie dazu, sich den Veränderungen zu stellen, die sie und ihr Land mittlerweile vollzogen haben. Marjane leidet sehr unter ihrem „Versagen“ in Österreich und verkriecht sich zunächst bei ihren Eltern. Es dauert eine ganze Weile, bis sich gleichgesinnte Freunde findet, sich verliebt und beginnt Kunst zu studieren.

Doch die immerwährenden Unterdrückungen und der staatlich sanktionierte religiöse Fundamentalismus und Chauvinismus ihres Landes bringt sie irgendwann dazu, sich wieder zu fragen, ob sie im Iran wirklich eine Zukunft hat….

Ich habe die beiden Bände verschlungen, kann sie nur jedem ans Herz legen und bin schon sehr gespannt auf die Verfilmung.

Hier der Trailer:

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