#WomeninSciFi (6) Die steinernen Götter – Jeanette Winterson

moai-1857652_1280

Über Birgits Teilnahme (vom Blog Sätze und Schätze) bei dieser Reihe habe ich mich ganz besonders gefreut, ahnte ich doch spätestens seit der letzten Buchmesse in Leipzig, wie weit SciFi und Birgits übliche Lesewelten voneinander entfernt sind. Sie musste mit mir einen kurzen Abstecher in die Halle 1 der Comic Convention in Leipzig überstehen, sie wiederum legt mir immer wieder (durchaus erfolgreich) Klassiker, Autoren und Autorinnen aus der Weimarer Republik, Vergessenes und Übersehenes ans Herz.

Ich liebe unsere Treffen, bei denen ich mich hinterher ein ganzes Stück gebildeter fühle, denn Birgit schafft es, mir beim Bier ganz nebenbei das Äquivalent von ein zwei Semestern Literaturstudium zu verpassen, ohne dass es wehtut, nein ganz im Gegenteil, es macht riesigen Spaß. Leider muss ich dieses Jahr wohl ohne meinen Buchmesse-Buddy in Leipzig auskommen, aber vielleicht finde ich ja ein schönes Batgirl Shirt für sie zum Trost 😉

Vielen Dank liebe Birgit, dass für die Women in SciFi Reihe Jeanette Wintersons „Die steinernen Götter“ vorstellst, eine Autorin die ich sehr bewundere – also anschnallen bitte Ladies and Gentlemen jetzt düsen wir in weit entfernte Galaxien:

„Diese Dinger, sind das Bücher?“, fragte Pink und pflückte einen morschen Band aus dem Regal. „Wie süß. So was seh ich zum ersten Mal.“

Jeanette Winterson, „Die steinernen Götter“, 2007.

Eine der gruseligsten Zukunftsvorstellungen für mich ist: Eine Welt ohne gedruckte Bücher. In der alles, was nicht nur unseren Geist, sondern auch die Sinne anregen könnte, digital serviert wird. In der Lesen als Kulturtechnik vom Aussterben bedroht ist – vielleicht sind wir davon, mag man Umfragen glauben, sowieso nur noch einen Schritt entfernt.

Und in der Zukunft, die die britische Autorin Jeanette Winterson in ihrem Roman „Die steinernen Götter“ zeichnet, ist es bereits soweit – doch es scheint nicht nur das Lesen verloren gegangen zu sein, sondern auch jedwede Fähigkeit der Menschen zur Empathie. Wobei beides meiner Meinung nach zusammenhängt: Wer viel liest und sich in Romanfiguren einfühlen kann, der ist oftmals auch empathischer im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Lesen: Ja! Science Fiction? Bisher eher weniger. Daher möchte ich mich zunächst nochmals sehr bei Sabine bedanken für diese tolle Idee, den „Women in SciFi“ einen eigenen Platz einzuräumen. Geht es mir doch so wie vielleicht vielen anderen Leserinnen auch: Ich hatte keine Ahnung.

Keine Ahnung davon, wie viele Schriftstellerinnen sich bereits in diesem Genre bewegt  hatten, keine Ahnung davon, wie breit gefächert die Auswahl an Romanen von Frauen in diesem Bereich ist. Das mag damit zusammenhängen, dass ich in der knapp bemessenen Lesezeit bisher eher den Blick in die Vergangenheit warf – ich lese viele Bücher aus Zeit der Weimarer Republik – und damit wenig Zeit für die Zukunft blieb. Und es mag sicher auch mit einem der gängigen Vorurteile gegenüber diesem Genre liegen, dass ich bislang eher einen Bogen um SciFi-Literatur schlug: Zu viel Technik, zu viel Krieg der Sterne, zu viel Testosteron, literarisch eher einfach gestrickt.

logo-scifi3

Vorurteile, wie gesagt – und je mehr Beiträge ich zu dieser Reihe lese, desto geringer werden die Vorbehalte. Auch wenn „mein“ Buch, das ich dafür gelesen habe, mich nicht restlich überzeugen konnte – das aber lag weniger am Gerne, sondern mehr am Konzept des Romans. Von Jeanette Winterson kannte ich bislang nur „Der Leuchtturmwärter“: Eine poetische, herbe, schroff-schöne Geschichte über das Geschichtenerzählen und über die Liebe, die mir in guter Erinnerung blieb. Schon lange wollte ich von der britischen Schriftstellerin wieder etwas lesen.„Die steinernen Götter“, 2007 in Großbritannien erschienen, 2011 in Übersetzung von Monika Schmalz dann im Berlin Verlag, kam da gerade als Beitrag zur „Women in SciFi“ recht.

Auch in diesem Roman bleibt Jeanette Winterson ihrem Erzählstil treu: Sie experimentiert mit verschiedenen Erzählebenen, knüpft lose Fäden zwischen den Geschichten, schiebt Wort- und Sprachspiele ein. Das Buch beginnt zunächst wie ein starkes Stück feministischer Literatur – geschildert wird unsere Zivilisation, nur wenige Jahrzehnte entfernt, die dem Optimierungs- und Jugendwahn verfallen ist. Frauen lassen sich „genfixieren“, das heißt, auf ein möglichst niedriges Lebensalter „einfrieren“. Weil das den „Herren der Schöpfung“ bald langweilig wird, greift Pädophilie ganz offen um sich. Schöne neue Welt.

„Die Zukunft der Frau ist ungewiss. Wir pflanzen uns nicht mehr per Gebärmutter fort, und wenn wir nicht einmal mehr für Sex interessant sind … Männer dagegen wird es immer geben. Frauen stehen nun mal nicht auf kleine Jungs. Frauen haben einen anderen Ansatz. Umgeben von Muskelprotzen, suchen sie nach dem „hässlichen inneren Mann“. Schläger und Gangster, Vergewaltiger und Frauenprügler sind wieder groß im Kommen. Sie lächeln wie Surferjungs, aber in Wirklichkeit sind es Haie.
So sieht die Zukunft aus. Z steht für Zukunft.“

Kritisch beobachtet wird dies von Billie, die den „guten“ alten Zeiten (die an unsere Gegenwart erinnern) nachtrauert und sich in einen „Ropo sapiens“ verliebt. Sie und der intelligente Roboter, der gelernt hat, Gefühle zu entwickeln, nutzen eine Weltraummission zum „Blauen Planeten“, um ihrem Heimatgestirn „Orbus“ zu entkommen: Billie, weil sie mit ihren Ansichten nicht nur unter Generalverdacht steht, sondern zuletzt sogar für eine Terroristin gehalten wird, der Ropo Spike, weil er verschrottet werden soll.

Zudem ist „Orbus“ längst schon nicht mehr lebenswert: Überbevölkert und ausgeweidet, von der Klimakatastrophe nur Sekunden entfernt. Auf dem „Blauen Planeten“ scheint ein Neuanfang für die Menschheit möglich zu sein – jedenfalls für die privilegierte Menschheit, die der Konzern „Mehr-Zukunft“, der längst schon anstelle gewählter Politiker die Geschicke leitet, für die eine Ansiedlung dort vorgesehen hat. Die Weltraummission soll den neuen Planeten zunächst erkunden und vor allem in Erfahrung bringen, wie man mit der großen Gefahr dort, urzeitlichen Dinosauriern, umgehen kann. Der waghalsige Raumschiff-Kapitän Handsome meint, durch einen gesteuerten Asteroideneinschlag die Plage beseitigen zu können. Ein Schuss, der nach hinten losgeht: Durch den Einschlag wird das Neuland in die Eiszeit zurückkatapultiert, Billie und Spike finden in der Einöde ihr Ende.

Übrig bleiben am Ende nur die Reiseaufzeichnungen von James Cook, eine der favorisierten Lektüren von Handsome. Sie sind der rote Faden zum nächsten Kapitel, das 1774 auf der damals neu entdeckten Osterinsel spielt. Ein englischer Schiffsjunge, der aus Versehen auf der Insel zurückgelassen wird, gerät in die Streitigkeiten der Insulaner, die auf dem unwirtlichen Eiland um die spärlichen Ressourcen kämpfen und um ihre Götzen, jene berühmten Steinfiguren, die dem Roman auch seinen Titel verliehen haben. Auch die Liebe des Erzählers zu einem Eingeborenen endet tragisch:

„Ein weißer Vogel breitet die Flügel aus.“

Zurück in die Zukunft: Eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg. Die Ich-Erzählerin findet in der U-Bahn ein Manuskript mit dem Titel „Die steinernen Götter.“ Ihre spontane Reaktion beim Querlesen:

„Eine Liebesgeschichte ist das – vielleicht über Aliens. Ich hasse Science Fiction.“

Mehr und mehr wird deutlich: Die Erzählerin dieses Kapitels, die, die das Manuskript findet, ist Billie:

„Ich bin ein verlorenes Manuskript.“

Sie erzählt von ihrer Kindheit, einem ruinierten Planeten, vom Krieg zerstört, Armut, die Mütter dazu bringt, ihre Kinder wegzugeben, Kinder, die sich verloren fühlen, die von ihren wenigen Erinnerungen zehren. Und dieses Kapitel erklärt schließlich auch, wieso aus Billie wurde, was sie in der Zukunft sein wird: Eine Rebellin, die sich der schönen neuen Welt von Mehr-Zukunft entzieht, sich auf die Seite der Outsider schlägt, die schließlich einen Roboter wartet, der sich in sie verlieben wird …

Man ahnt vielleicht bereits an diesen verschiedenen Volten und Rollen vorwärts wie rückwärts, wie komplex das Buch ist und wie sehr Jeanette Winterson mit verschiedenen Zeitebenen spielt. Was ist Zukunft, was Vergangenheit? Die Struktur macht den Roman spannend – man muss sich das Geschehen und Billies Persönlichkeit beinahe wie ein Puzzle zusammensetzen, darf den roten Faden nicht verlieren. Winterson bringt dabei auch differenzierte Sprachstile unter: Mal irrwitzig komisch und satirisch überspitzt, mal poetisch-leise, mal schroff und herb.

In der Stärke des Romans ist jedoch – so paradox das klingen mag – auch seine Schwäche angelegt. So sehr ich komplexe Erzählstrukturen zwar als Herausforderung mag, in „Die steinernen Götter“ fügt sich das nicht zu einem runden Ganzen. Klar ist: Ob Weltall oder Osterinsel, der Mensch an sich ist das Übel, wie der gestrandete Schiffsjunge bemerkt:

„Ich möchte behaupten, dass der Mensch, wo immer man ihn findet, ob zivilisiert oder wild, sich keinem Bestreben lange widmen kann, ausgenommen jenem, sich selbst zu zerstören.“

Und Billie, eine starke Frauenfigur und Science-Fiction-Heldin, schlagfertig und witzig, konkretisiert dies:

„Frauen nehmen immer alles persönlich“, sagte Handsome. „Das ist der Grund, warum ihr keine Weltherrscher werden könnt.“

„Und Männer nie“, sagte ich, „weshalb wir am Ende keine Welt mehr zum Herrschen haben.“

Trotz solcher pointierter Aussagen wirkt der Roman merkwürdig unentschlossen, schwankend zwischen feministischer Satire, Dystopie und romantischer Liebesgeschichte. Mir blieb am Ende ein Rätsel, worauf Jeanette Winterson hinaus wollte: Zu beweisen, dass Liebe alle Grenzen, auch die zwischen Mensch und Maschine, zwischen Raum und Zeit, überschreitet? Wenn ja, dann ist das Experiment gescheitert – am Ende ist immer einer tot. Oder wollte sie die „Botschaft“ unterbringen, dass Krieg, Ausbeutung der Natur, Kapitalismus und Konsumgier das Ende der Welt und unser aller Untergang sein wird? Auch hier kann man so oder so die einzelnen Passagen deuten. Schließlich sagt Billie auch:

„Die Geschichte ist nicht der Abschiedsbrief eines Selbstmörders – sie ist das Zeugnis unseres Überlebens.“

Vielleicht wollte Jeanette Winterson aber einfach auch nur mit dem Genre spielen. Wenn ja, dann ist ihr das nur bedingt gelungen – doch eine Vielzahl witziger, pointierter Szenen und einige poetische Momente wiegen die Schwächen dieses etwas zerfaserten Buches beinahe auf.

 

Advertisements

Shakespeare & Co

 

Shakespeare

Die Hogarth Press wurde 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründet mit der Vision, das beste zu drucken, was die moderne Literatur zu bieten hatte. 2012 wurde Hogarth in London und New York neu gegründet, um diese Tradition weiterleben zu lassen. Im Oktober 2015 begann der Verlag ein Shakespeare Projekt, das der Neuerzählung von Shakespeares Stücken gewidmet ist. Einige der renommiertesten Autoren der Gegenwart konnten für das Projekt gewonnen werden und haben sich jeweils einem Werk Shakespeares angenommen.

Den Anfang machte Jeannette Winterson, die sich in „The Gap of Time“ der Neuerzählung von Shakespeares „Winter Tale/Das Wintermärchen“ widmet und das gleichzeitig und eher zufällig die Oktober-Lektüre in unserem Bookclub war.

Bereits erschienen sind zudem Anne Tyler „Vinegar Girl“, basierend auf „The Taming of the Shrewd/Der Widerspenstigen Zähmung“, Howard Jacobsen „Shylock is my name“, basierend auf „The Merchant of Venice/Der Kaufmann von Venedig“, Margaret Atwood „Hagseed“, basierend auf „The Tempest/Der Sturm“ und Tracey Chevaliers „New Boy“, basierend auf „Othello“.

Geplant sind desweiteren Edward St. Aubyn mit einer Neuinterpretation von King Lear, Jo Nesbø versucht sich an Macbeth und Gillian Flynn an Macbeth.

Ian McEwans Buch „Nutshell“, die Neuinterpretation Hamlets, ist also außerhalb dieser Reihe entstanden und hat, wie es scheint, nichts mit dieser zu tun. Ich habe die deutsche Diogenes-Ausgabe kürzlich in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, gerade als ich mit Jeannette Wintersons „The Gap of Time“ begonnen hatte und sah das als Fingerzeig für den Bookclub, gleich beide Bücher zu lesen (für Extrapunkte, die ich dann bei Gelegenheit in einen Extra-Nachtisch umwandle oder so).

DSC_0226

„The Winter’s Tale“ ist eines von Shakespeares späten Stücken, in denen er etwas sanfter wurde und auch nicht mehr all seine weiblichen Protagonisten abmetztelt. Es ist die Geschichte eines Königs, dessen rasende Eifersucht zur Verbannung seiner kleinen Tochter führt und in den Tod seiner wunderschönen Frau. Die Tochter wird von einem Schäfer an der Küste Böhmens gefunden und nach einer Reihe außergewöhnlicher Umstände finden sich Vater, Tochter und gar die Mutter am Ende wieder.

In Jeanette Wintersons Version spielt der größte Teil der Geschichte im London im Jahr 2008 nach der Finanzkrise und von dort geht es in die amerikanische Stadt „New Bohemia“. Ihre Geschichte dreht sich um die zwei Jugendfreunde Leo und Xeno, die sich während ihrer Internatzeit mehr als nahe standen.

16 Jahre später ist Leo ist ein irre reicher, arroganter und ziemlich paranoider Hedge Fund Manager, der mit der wunderschönen Sängerin MiMi verheiratet ist und mit der er einen Sohn hat namens Milo. MiMi ist schwanger mit ihrem zweiten Kind.
Xeno ist ein schwuler, introvertierter Designer von Videospielen.

In seinem Wahn wird Leo immer besessener von der Idee, seine hochschwangere Frau MiMi habe eine Affäre mit Xeno und er sei der Vater des Kindes. Leo versucht Xeno zu töten, vergewaltigt seine Frau und gibt nach der dadurch ausgelösten Geburt das Kind einem Angestellten den Auftrag, es Xeno zu überliefern.

Natürlich geht das schief. Der Bote wird umgebracht, nachdem er das Baby in einer Babyklappe gelassen hat, da er den Angriff kommen sieht. Ein Mann namens Shep und sein Sohn Clo finden das Baby und nehmen es mitsamt der Tasche, die Geld und Juwelen enthält, mit, um es großzuziehen.

“And the world goes on regardless of joy or despair or one woman’s fortune or one man’s loss. And we can’t know the lives of others. And we can’t know our own lives beyond the details we can manage. And the things that change us forever happen without us knowing they would happen. And the moment that looks like the rest is the one where hearts are broken or healed. And time that runs so steady and sure runs wild outside the clocks. It takes so little time to change a lifetime and it takes a lifetime to understand the change.”

Nach unglaublichen Umwegen trifft das Findelkind Perdita 16 Jahre später Xeno und dessen Sohn Zel und – na klar – verliebt sich in Zel. Sie wird schlussendlich mit ihrem reumütigen und einsamen biologischen Vater wiedervereint als auch mit ihrer Mutter.

Fast alle Wunden werden geheilt und nahezu alles wieder gut gemacht. Ein überraschend befriedigendes Happy End, das man bei Shakespeare nicht oft erlebt.

Ich liebe Wintersons Art zu schreiben, ihren Witz, ihre Klugheit, die Mühelosigkeit, mit der sie die komplexen Emotionen der Charaktere und die Geschichte erzählt hat.

Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Geld, dem besonderen Schicksal von adoptierten Kindern und der Zeit, die sich immer wieder in elliptischen Kreisen dreht.

“I guess I’m afraid of not being like other people. No, that’s not true. I’m not afraid of not being like other people. I’m afraid I won’t find anybody who doesn’t mind me not being like other people. I’m not ambitious for money or power. I want to find some real way to live.” 

Hier ist ein Interview mit der Autorin in dem sie über „The Gap of Time“ spricht:

Jeanette Winterson wurde selbst adoptiert und hat daher ganz bewußt „The Winter Tale“ gewählt, dass sich wie ein roter Faden durch viele ihre Bücher zieht. In ihrem Nachruf auf die Autorin Ruth Rendell schreibt sie „… she (Ruth Rendell) did worry that I would shipwreck. I was reckless, wild, outspoken, lost, at odds with my past – I hated being adopted. I wanted to belong but not at the price of conformity. Ruth understood my contradictions…“ 

Vielleicht noch ganz interessant zu erfahren, dass wenige Bücher so einhellig gelobt und geliebt wurden im Bookclub. Zu große Harmonie und Übereinstimmung kann sonst gelegentlich zu etwas langweiligen Diskussionen führen, nicht bei diesem Buch, da war dank Shakespeare und auch dank Winterson so viel Stoff zum diskutieren.

Marion von Schiefgelesen hat hier eine wunderbare Rezension zu „The Gap of Time“ geschrieben, ebenso die Bücherphilosophin – ihre Rezension findet ihr hier.

Es hat sich auch mit dem Cast im Buch ganz vorzüglich „Who would you marry / Who would you shag / who would you throw off a cliff“ spielen. Über die Frage wer im Bookclub mit wem im Buch und so hüllen wir jetzt den Mantel des Schweigens und widmen uns dem nächsten Shakespeare 2.0 Kandidaten Ian McEwan:

 

Ian McEwan traut sich was. Seine Geschichte wird aus der Perspektive eines unglaublich gebildeten Fötus erzählt, der ein ganz unglaubliches Wissen über Wein, Geschichte und dem Zeitgeschehen angesammelt hat, überwiegend durch die Podcasts, die seine Mutter aufgrund von Schlaflosigkeit hört.

Dieser neunmalkluge Fötus ging mir anfangs auf den Nerv, ich brauchte etwas, bis ich mich auf die Geschichte eingelassen habe, aber dann war ich nur noch begeistert. „Nusschale“ ist eine zutiefst durchtriebene Version von „Hamlet“, wo die Treuelosigkeit zwischen „Trudy“ und ihrem Schwager „Claude“ nicht vom jugendlichen Hamlet beobachtet wird, sondern vom ungeborenen und unbenannten Fötus.

McEwans Spiel mit der Sprache gleicht einem Drahtseiltänzer, der routiniert ohne Netz und doppelten Boden die gewagtesten Sprünge vollzieht. Ich habe gefühlt das halbe Buch unterstrichen und möchte es unbedingt noch einmal im Original lesen, die Übersetzung scheint mir aber überaus gelungen zu sein.

„Mein Selbstmitleid, im einsamen Höhenflug, sieht mich irgendwo im dreizehnten Stock des barbarischen Hochhauses enden … Allein der Gedanke da zu wohnen.
Ganz genau. Eine Kindheit mit Computerspielen statt Büchern, mit Zucker, Fett und körperlicher Züchtigung. Schlagetal, o ja. Keine Gutenachtgeschichten, um meine Hirnplastizität zu fördern. Die neugierfreie Gedankenwelt der modernen englischen Unterschicht. Dann doch lieber Madenzucht in Utah? Ich Armer, ich elender Dreijähriger mit Igelschnitt, Wampe und Tarnhose, verloren in einer Wolke aus Fernsehlärm und Passivrauch. Die tätowierten, geschwollenen Knöchel der Adoptivmutter staksen vorbei, gefolgt vom stinkenden Köter ihres labilen Lovers.“

Download

Ich bleibe bei meiner Beschreibung hier jetzt absichtlich kurz, was den Plot angeht. Fast jeder hat wahrscheinlich „Hamlet“ in der Schule gelesen, daher nur kurz die Grobübersicht, das muss erst mal reichen. Ob also die zarte Truy und ihr tölpelhafter Lover ihren Plan durchgezogen bekommen, müsst ihr schon selbst rausfinden, es lohnt sich.

Dies also meine Kurzbesprechung von Ian McEwans „Nusschale“ in a nutshell…

Jeanette Winterson „Der weite Raum der Zeit“ ist im Knaus Verlag erschienen.

Ian McEwan „Nussschale“ erschien im Diogenes Verlag.

Gerade gesehen, dass mein Satz mit der Verlinkung zu Marions Shakespeare Projekt auf schiefgelesen verschwunden ist, hier also jetzt der link, dort gibt es auch jede Menge Hogarth Shakespeare zu entdecken.

 

 

Kurzgeschichten für lange Nächte


Ich bin kein großer Kurzgeschichten-Fan, ich glaube das ist – wie bei Gedichten auch – so ein „aquired taste“ wie Rotwein, Whisky, Blauschimmel-Käse. Kurzgeschichten haben es nicht leicht bei mir, drohen immer mal wieder in die Ecke zu fliegen, wenn ich in die Geschichten nicht reinkomme (wie kürzlich beispielsweise bei George Saunders), daher wiegen die hier aufgelisteten für mich um so mehr, denn die haben mich in der Regel von der ersten Zeile nicht mehr losgelassen.

Eine liebe Freundin hat mir vor kurzem einen Kurzgeschichten Band zugeschickt: Victoria Hislops Sammlung mit Kurgeschichten von Frauen und zu meinem Entzücken fand ich dort meine Lieblingsgeschichte „The Lottery“ wieder, was mich auf den Gedanken brachte, meine Bibliothek zu durchforsten, um meine persönliche Sammlung aus den für mich besten Kurzgeschichten der Welt hier zu präsentieren.

Einige kann man im Internet finden, da habe ich den link ensprechend angehängt und bin jetzt sehr gespannt, ob Euch meine Sammlung gefällt, welche ihr davon kennt und vielleicht auch mögt oder eben auch nicht. Fehlt euch etwas? Freue mich sehr auf Eure Kommentare und etwaigen Ergänzungen. So long äh short 😉

Isaac Asimov – The Martian Way
Margaret Atwood – Torching the Dusties
Margaret Atwood – Death by Landscape
Margaret Atwood – The Martians claim Canada
Paul Auster – Augie Wren’s Christmas Story
James Baldwin – The Outing
Karen Blixen – The Monkey
Wolfgang Borchert – Nachts schlafen die Ratten doch
Jorge Luis Borges – Die Bibliothek von Babel
Octavia Butler – The Morning, and the evening and the night
TC Boyle – Dogology
Ray Bradbury – The Veldt
Ray Bradbury – A sound of Thunder
Ray Bradbury – The Million-Year Picnic
Albert Camus – The Artist at Work
Truman Capote – Handcarved Coffins
Truman Capote – Miriam
Raymond Carver – Neighbors
Angela Carter – The Bloody Chamber
Ted Chiang – Story of Your Life
Roald Dahl – Lamb to the Slaughter
Philip K Dick – The Golden Man
Philip K Dick – The Minority Report
Charles Dickens – The Signal-Man
Charles Dickens – A Christmas Carol
Denis Diderot – Gründe meinem alten Nachtrock nachzutrauern
Joan Didion – On Self-Respect
Emma Donoghue – Words for Things
Fjodor Dostojewski – Weihnachtsbaum und Hochzeit
Fjordor Dostojewski – Weiße Nächte
Arthur Conan Doyle – The Adventure of the Blue Carbuncle
Agatha Christie – The Witness for the Prosecution
Jennifer Egan – Safari
Harlan Ellison – I have no mouth and I must scream
Sheridan Le Fanu – Green Tea
William Faulkner – A Rose for Emily
F Scott Fitzgerald – The Curious Case of Benjamin Button
Gillian Flynn – The Grownup
EM Forster – The Machine Stops
Neil Gaiman – Der Fluch der Spindel
Neil Gaiman – Snow, Glass, Apples
Ursula LeGuin – Coming of Age in Karhide
Ursula LeGuin – The ones who walk away from Omelas
Graham Greene – The Third Man
Ernest Hemingway – The Snows of Kilimanjaro
Ernest Hemingway – A clean well-lighted place
O. Henry – The Robe of Peacej
Patricia Highsmith – The stuff of Madness
Aldous Huxley – Young Archimedes
Washington Irving – The Legend of Sleepy Hollow
Mary Gaitskill – The Other Place
Charlotte Perkins Gilman – The Yellow Wallpaper
Maria Dahvana Headley – See the Unseeable, Know the Unknowable
Judith Hermann – Kaltblau
Siri Hustvedt – Mr. Morning
Henry James – The Turn of the Screw
Shirley Jackson – The Lottery
Franz Kafka – Die Verwandlung
Franz Kafka – In der Strafkolonie
Stephen King – Rita Hayworth and Shawshank Redemption
Stephen King – Children of the Corn
Stephen King – The eerie aftermath of a mass exit
Stephen King – The Road Virus heads north
Heinrich Kleist – Die Marquise von O
Lautréamont – Die Gesänge des Maldoror
Stanislaw Lem – Test
Hengtee Lim – The Girl at the Bar
Jack London – The Red One
HP Lovecraft – Cool Air
HP Lovecraft – The Dunwich Horror
Guy de Maupassant – Der Horla
Herman Melville – Bartleby, the Scrivener
Laurie Moore – How to become a writer
Daphne Du Maurier – Don’t look back
Daphne Du Maurier – The Birds
Haruki Murakami – Kinos Bar
Haruki Murakami – Yesterday
Haruki Murakami – The Elephant Vanishes
Vladimir Nabokov – Terra Incognita
Joyce Carol Oates – Where are you going, where have you been?
Dorothy Parker – Sentiment, A Telephone Call
Sylvia Plath – Johnny Panic and the Bible of Dreams
Edgar Allan Poe – The Tell-Tale Heart
Edgar Allan Poe – The Pit and the Pendulum
Annie Proulx – Brokeback Mountain
Karen Russell – Vampires in the Lemon Grove
Karen Russell – Reeling for the Empire
JD Salinger – For Esme
JD Salinger –  A Perfect Day for a Banana-Fish
Oliver Sacks – Altered States
Jean-Paul Sartre – The Room
Jean-Paul Sartre – The Wall
Arthur Schnitzler – Traumnovelle
Ali Smith – Free Love
Robert Louis Stevenson – The Body Snatcher
Bram Stoker – Dracula’s Guest
Donna Tartt – The Ambush
James Tiptree Jr – And I awoke and found me here on the Cold Hill’s side
Mark Twain – Cannibalism in cars
Jules Verne – Der ewige Adam
Kurt Vonnegut – Harrison Bergeron
Kurt Vonnegut – The Drone King
HG Wells – Empire of the Ants
Jeanette Winterson – Days like this
Virginia Woolf – A mark on the wall
Richard Yates – Saying Goodbye to Sally
Banana Yoshimoto – Lizard
Stefan Zweig – Die Schachnovelle
Stefan Zweig – Brief einer Unbekannten

2015 – The Year in Books

Ja nee hat super geklappt mit meiner Wahl der 10 Lieblingsbücher. Ich kann mich partout nicht entscheiden und schicke jetzt immer zwei ins Rennen. Die Kombi ist eventuell nicht immer einleuchtend, gibt aber schönen Einblick in meine abstrusen Synapsen-Schaltungen.

Es sind die Bücher, die mich am intensivsten beschäftigt haben in diesem Jahr, nicht automatisch die, die mir am besten gefallen haben. Habe nicht viele Bücher gelesen, die mir gar nichts gesagt haben oder die ich schlichtweg schlecht fand.

Vielleicht könnt ihr mir ja helfen mit der Entscheidung. Unter allen die in den Kommentaren hier oder bei Facebook abstimmen verlose ich eines der zur Wahl stehenden Bücher hier (nach Wunsch). Am 10.1. guck ich dann mal, ob es Entscheidungen und einen Gewinner gibt.
Wow – mach ich echt ein Gewinnspiel? Haha, wahrscheinlich gehts eh im Neujahrskoma unter und keiner kommentiert. We will see 😉

Hier kommen die Teilnehmer:

https://bingereader.org/2015/01/31/the-goldfinch-donna-tartt/

oder

https://bingereader.org/2015/06/07/die-kunst-des-feldspiels-chad-harbach/

https://bingereader.org/2015/02/16/fahrenheit-451-ray-bradbury/

oder

https://bingereader.org/2015/04/22/the-bone-clocks-david-mitchell/

https://bingereader.org/2015/12/14/geliebtes-wesen-briefe-von-vita-sackville-west-an-virginia-woolf-louise-desalvo-mitchell-a-leaska/

oder

https://bingereader.org/2015/03/16/anais-nin-die-tagebucher-1927-1929-und-1931-1934/

https://bingereader.org/2015/12/03/the-master-and-margarita-mikhail-bulgakov/

oder

https://bingereader.org/2015/11/07/the-strange-library-die-unheimliche-bibliothek-haruki-murakami/

https://bingereader.org/2015/03/27/9-stories-j-d-salinger/

oder

https://bingereader.org/2015/03/21/meistererzahlungen-stefan-zweig/

https://bingereader.org/2015/03/23/the-paying-guests-sarah-waters/

oder

https://bingereader.org/2015/11/03/auf-den-koerper-geschrieben-jeannette-winterson/

https://bingereader.org/2015/07/05/cannery-row-john-steinbeck/

oder

https://bingereader.org/2015/09/09/der-susan-effekt-peter-hoeg/

https://bingereader.org/2015/11/20/die-frau-die-nein-sagt-francoise-gilot/

oder

https://bingereader.org/2015/04/14/bossypants-tina-fey/

Was wirklich Spaß macht ist, sich die jeweiligen „Konkurrenten“ bei einem Treffen vorzustellen. JD Salinger und Herr Zweig beim gediegenen Whisky im Club-Sessel oder Tina Fey die der vornehmen Madame Gilot versehentlich ein Glas Rotwein über die Hose kippt…

Auf den Körper geschrieben – Jeanette Winterson

winterson

Merken wir wirklich erst wie wichtig uns etwas ist, wenn es nicht mehr länger da ist? Und dass das Maß der Liebe der Verlust ist? Das sind Fragen, mit denen Jeannette Winterson sich und uns beschäftigt. Nicht alle Menschen denke und hoffe ich. Was aber sicherlich stimmt ist, dass es einfacher ist, über eine Beziehung oder Affäre zu schreiben, wenn sie vorbei ist.

Wer Lust hat, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, wird hier fündig. Menschen die ohne großartigen Plot nervös werden, denen müsste ich eigentlich abraten, wobei ich selbst normalerweise auch ein Plot-Freak bin, bei Winterson allerdings mache ich da immer wieder eine Ausnahme. Winterson lesen ist für mich wie in die Oper gehen. Ich liebe ihre barocke Sprache, ihre überbordenden Bilder und ihre betrunkenen Metaphern.

Das Geschlecht des Erzählers wird uns nicht verraten, was irgendwie ein wenig nervig ist, da eigentlich nur eine Frau als Protagonistin in Frage kommt, so wie sie spricht und agiert. Sie erzählt von ihrer Affäre mit einer verheirateten Frau, Louise, die für sie ihren Mann verlässt. Kurz darauf sieht sich sich allerdings gezwungen Louise wieder freizugeben, da sie erfährt, dass diese an Knochenkrebs leidet und nur ihr Mann, ein Onkologe, sie heilen kann. Das Buch beginnt mit dem Abschiedsbrief an Louise.

„Du sagtest Ich liebe Dich. Warum ist das Unoriginellste, was wir einander sagen können, immer noch das, was wir unbedingt hören wollen? „Ich liebe Dich“ ist stets ein Zitat. Du bist nicht der erste Mensch, der es gesagt hat, ich auch nicht und dennoch: Wenn du es sagst und wenn ich es sage, sprechen wir wie Wilde, die drei Wörter entdeckt haben und sie anbeten. Ich habe sie angebetet, doch nun bin ich allein auf einem Fels, aus meinem eigenen Körper gehauen.“

Beschreibt Winterson in ihrem Buch wirklich die Liebe oder ist es nicht viel mehr Obsession? Oft hatte ich den Eindruck, die Protagonistin ist verliebt in die Idee und das Konzept von Liebe, dass diese ihr kostbarer wird, je unerreichbarer und unerfüllbar sie ist.

FullSizeRender

„Louise, in diesem Einzelbett, zwischen diesen knallbunten Laken, werde ich eine Schatzkarte voller Verheißungen finden. Ich werde dich erforschen und in dir schürfen, und du wirst mich nach deinem Willen neu kartographieren. Wir werden jedes des anderen Grenzen überschreiten und uns zu einer Nation machen. Schöpf mich in deine Hände, denn ich bin gute Erde. Iß von mir und laß mich dir süß munden.

Ein Rezensent attestierte der Autorin eine geglückte Mischung aus Virginia Woolf und Charles Bukowski zu sein und ich fand diesen Vergleich sehr treffend.

Bei dem Roman mußte ich unweigerlich an Wintersons Affäre mit Pat Kavanagh, der Ehefrau von Julian Barnes denken, Anfang der 90er Jahre, wobei es sich hier wohl eher nicht um einen Schlüsselroman handelt. Winterson hat in einem Interview bestätigt, ihre Beziehung in ihrem Roman „The Passion“ verarbeitet zu haben. So, genug in der Gerüchteküche gerührt. Ich kann den Roman empfehlen, mich hat er bewegt und die Sprache verzaubert und ich wünsche ihm jede Menge Leser.

„Betrug ist leicht. Man braucht sich nichts einzubilden auf Untreue. Am Anfang kostet es nichts, eine Anleihe zu nehmen, auf das Vertrauen, das jemand in dich gesetzt hat. Du kommst damit davon, du nimmst dir ein bißchen mehr und noch ein bißchen mehr, bis es nichts mehr zu nehmen gibt. Das Seltsame ist, daß deine Hände voll sein müßten von all dem Genommenen, aber wenn du sie öffnest, ist nichts da.“

Hier ein kurzes inspirierendes 5-minütiges Interview, in dem Jeannette Winterson gegrillt wird und in dem ich erfahren habe, dass sie tatsächlich auch eine Opernliebhaberin ist, wie passend 😉

Meine Woche

10985565_10152667204630823_3485763127564144197_n

Foto: A Kuscu

Gesehen: Wild im Kino – eine absolut sehenswerte Verfilmung, unbedingt angucken und dann die nächste Fernwanderung planen 😉
Dirty Pretty Things von Stephen Frears mit Audrey Tatou, eine sehr bewegender Film über einen illegal in London lebenden Nigerianer der mit den widerwärtigen Realitäten Londons konfrontiert wird. Auch unbedingt gucken !
Ich will Dich“ ein deutscher Film, den ich mit viel Skepsis startete und den ich dann überraschend gut fand.

Gehört: Rósín Murphy „Simulation„, Sneaker Pimps „6 Underground“ und „Glory Box“ von Portishead

Gelesen: Jeanette Wintersons Artikel „On the transforming Power of Art„, und diesen Artikel aus dem Monopol „Wider den ästhetischen Blick auf Krieg

Getan: Den Mainz-Besuch verschoben 😦
in der Arbeit versucht die Administration zu zähmen, ins Kino gegangen, eine Oper besucht und viel zu Fuß gegangen

Gegessen: Geröstete Blumenkohlsuppe und Pizzaaaaaaaa

Getrunken: Granatapfel-Sprizz

Gefreut:  über Tickets für St. Pauli – 1860 nächstes Wochenende

Geärgert: back to square one mit meinem Bruder

Gelacht: „Fuck it“ – my final thought before making most decisions (so true!)

Geplant: ein paar Ideen zu einem bestimmten Thema mal zu Papier zu bringen

Gewünscht: ha ha dieses T-Shirt ist einfach perfekt für mich, natürlich nur in schwarz 😉 und diese Vasen sind einfach cool und diese Jacke ist toll

Gekauft: Konzertkarten und ein Buch

Gefunden: leider noch nicht – die perfekte neue Brille

Geklickt: hier – „Readers best worst Celebrity Traumas“ und diesen Artikel – ich hab Tränen gelacht über die epic hangovers. Sie hat sooo recht.

Gewundert: well we’re all just molecules, cutie!

Why be happy when you could be normal? Jeanette Winterson

Winterson

Es gibt Bücher, die gehen so nah ran, da finde ich es unglaublich schwer, eine Rezension zu schreiben. Vielleicht habe ich daher so lange gewartet, bis ich mich an Jeanette Wintersons „Why be happy when you could be normal“ herantraute. Es ist die Geschichte hinter ihrem Erfolgsroman „Oranges are not the only fruit“, der Mitte der 80er Jahre erschien und ein riesiger Erfolg war. Es ist die analytischere Fortsetzung des semi-autobiographischen „Oranges“.

„Why be happy“ ist überall mit den Worten „heartbreaking and funny“ beschrieben worden und ich habe während des Lesens in der Tat häufig an Olli Schulz‘ „Brichst Du mir das Herz, brech‘ ich Dir die Beine“ gedacht. „Why be happy“ ist kratzig, es tut weh, es macht Mut und immer wieder komme ich an die Frage, die mich beschäftigt wie wenige andere. Warum sind die einen so widerstandsfähig, überleben, kommen anscheinend sogar gestärkt aus solchen Kindheiten heraus, während andere vernarbt und verkrüppelt durchs Leben gehen und nicht drüber wegkommen.

„…upset that there are so many kids who never get looked after, and so they can’t grow up. They can get older, but they can’t grow up. That takes love. If you are lucky, the love will come later. If you are lucky you won’t hit love in the face.

Die Sprache ist knapp und gedrängt, gelegentlich in Notizform, aber das passt einfach zu der Geschichte, die davon handelt, wie sie als kleines Kind von überreligiösen Pfingstgemeindlern adoptiert wird, die hoffen, aus ihr eine Missionarin zu machen, aber stattdessen verliebt sie sich mit 16 in eine Frau. Schlimmer geht es nicht. Mrs. Winterson, die furchteinflössende harsche und total in sich gefangene liebesunfähige Frau, stellt sie vor die Wahl. Trennung von der Frau oder sie fliegt raus. Jeanette entscheidet sich für Letzteres und Mrs. Winterson fragt sie beim Gehen: „Why be happy when you could be normal?“

Ja warum? Jeanette erzählt diese Geschichte, die Suche nach Liebe, danach Dazuzugehören, nicht mehr einfach nur ein Blatt im Wind zu sein, das ziellos irgendwo hin geweht wird, nach einem Heim.

„It is a book full of stories: about a girl locked out of her home, sitting on the doorstep all night; about a tyrant in place of a mother, who has two set of false teeth and a revolver in the duster drawer, waiting for Armageddon…“

Was Jeanette in der Kindheit rettet, sind Bücher. “A book is a door,” entdeckt Winterson in der lokalen Bücherei. “You open it. You step through.” Sie liest sich in die Freiheit. Raus aus dem Kohlenkeller, in dem sie wiederholt eingesperrt war, weg von ihrer prügelnden Mutter. Das einzig gute am Kohlenkeller war, das es die Reflektionsfähigkeit fördert, erinnert sich Jeanette.

Aber Mrs. Winterson ist nicht nur eine ausgenommen strenge Gegnerin, wenn es um Geschlechtsverkehr oder jegliche Interessen außerhalb der Kirchengemeinde geht, auch Bücher gehören zu den Dingen, die auf ihrer persönlichen Bannliste stehen. Das Problem ist “that you never know what’s in it until it’s too late, it’s the same trouble that complicates parenthood.“ Sowenig wie sie bei der Adoption ahnen konnten, welches Baby sie in der Wiege erwartet, so wenig weiß man, auf welche Ideen einen ein Buch bringt.  “The Devil led us to the wrong crib.”

Jeanette versteckt Bücher heimlich unter ihrem Bett, es passen genau 72 Stück unter eine Matratze und irgendwann hat sie mehrere Schichten drunter, die Mrs. Winterson natürlich findet und sie im Garten verbrennt.

„I had no one to help me, but the T. S. Eliot helped me.
So when people say that poetry is a luxury, or an option, or for the educated middle classes, or that it shouldn’t be read at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people saying that had things pretty easy.
A tough life needs a tough language – and that is what poetry is. That is what literature offers – a language powerful enough to say how it is.
It isn’t a hiding place. It is a finding place.“

Ohne Bücher ist es so oder so Zeit für Jeanette zu gehen. Sie übersteht den Exorzismus, den ihre Mutter versucht, um sie von der bösen gleichgeschlechtlichen Liebe zu heilen und geht. Sie verlässt das Haus mit 16 und verbringt die nächsten Jahre damit zur Schule zu gehen, in einem geliehenen Auto zu schlafen und sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Teilzeitjobs. Sie schafft es, sie geht zur Uni, studiert und wird erfolgreich – nur eines schafft sie nicht, wie sie später merkt.

Sie kommt einfach nicht wirklich los von Mrs. Winterson, weder in ihren Büchern noch im wirklichen Leben. Sie wird immer und immer wieder zurückgeholt an die Wunden, die ihr Schreiben im Grunde ausgelöst haben.

“I can’t remember a time when I wasn’t setting my story against hers,”

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Warum glücklich statt einfach nur normal“ im Fischer Verlag.