Short but sweet – Tierisch viel los

Herz auf Eis – Isabelle Autissier

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Eindeutig zur falschen Jahreszeit gelesen, dickster Winter hätte sein müssen, damit ich ein Bild von Buch auf zugefrorener Eisscholle machen kann. Hab auch eigentlich nur kurz reingeguckt, nachdem die Bingereader Gattin so begeistert war und zack hängengeblieben. Eine spannende, dramatische, melancholische Geschichte, die mir noch immer nachgeht.

Perfekte „was wäre wenn“ Lektüre. Zwei Pariser Hipster, denen ihr Leben zu angenehm und langweilig geworden ist, gönnen sich ein Sabbatjahr, kaufen sich ein Boot und reisen um die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel reißt ein Sturm ihre Jacht fort und sie stranden ohne jede Möglichkeit, die Außenwelt zu kontaktieren.

Die kleine Alltagsflucht entwickelt sich zu einem existentiellen Drama ums Überleben. Was wird aus der Liebe, wenn man jeden Tag ums Überleben kämpfen muss?

Die französische Autorin, Isabelle Autissier, wurde bekannt, als sie im Rahmen einer Segelregatta alleine die Welt umrundete. Dabei hatte sie vermutlich eine Menge Zeit, sich vorzustellen wie es wohl wäre, wenn man auf einer Insel festsitzt ohne Kontakt zur Außenwelt, mit wenig mehr als den Klamotten am Leib, ohne vernünftige Unterkunft, hungernd und frierend.

„Unter den Decken versinken sie in er warmen Feuchtigkeit der Kleider, die sie nicht ausgezogen haben. An Rücken, Hals und Kopf spüren sie die Kälte, die sie umgibt, unangenehm und aggressiv. Alles ist so schnell gegangen gestern. Kopf und Körper sind noch ganz erschöpft davon. Die Zeit vergeht, vergeht nicht, sie wissen es nicht mehr. Sie tauchen in unterschiedlichen Momenten aus ihrer Benommenheit auf und lassen sich dazu hinreißen, wieder abzutauchen. Draußen ist alles zu kalt, zu schwer.“

Mir hat das Buch sehr gefallen, ich fand es spannend und intensiv. Habe mit den Protagonisten mitgefiebert und ihren erbarmungslosen Kampf ums Überleben begleitet. Die Sprache ist karg, die Geschichte schnell erzählt. Das ist einigen Menschen durchaus zu knapp ausgefallen und ich kann diese Kritik gut verstehen. Die Charaktere und die Entwicklung der Beziehung des Paares hätte durchaus vertieft werden können.

Mir hat es gefallen, es lässt viel Raum für eigenen Gedanken und eigene Fragen denen man nachgehen kann. Wie behält man die Menschlichkeit in solch einer Situation? Wie verändern sich (Liebes)beziehungen in ständiger existentieller Bedrohung und wie geht der moderne Mensch damit um, plötzlich auf archaische Bedingungen zurückgeworfen zu sein?

Ich kann das Buch für ein paar spannend-nachdenklich Stunden im kommenden Winter absolut empfehlen. Tierliebhabern möchte ich vielleicht eine kleine Warnung gegenüber aussprechen, das Pinguin-Massaker fand ich schon recht heftig.

 

How to teach Quantum Physics to your dog – Chad Orzel

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Auf ganz andere Art wurde mein Hirn von Chad Orzel gefordert. Sein Buch passt bestens in unsere Reihe „Der Hund in der Literatur“ (Sachliteratur gilt auch, bin sehr sicher) oder auch in meine Hirngymnastik Physik.

Ein Einstieg in die Quantenphysik für Hundefreunde, der aber auch als Katzenmensch funktionieren sollte. Emmy ist ein verdammt kluger Hund, die Orzel immer wieder auf den rechten Weg bringt, wenn er zu sehr in den Science Sprech abzudriften drohte.

Ich mochte auch ihre klugen Kommentare zu den Parallelen von Quantenmechanik und Postmodernismus 😉 Beide Themen ähnlich schwer zu verstehen und für beide gilt: gar nichts ist irgendwie absolut definiert.

Um die „Viele-Welten-Theorie“ wurde nicht viel Federlesen gemacht, da wäre ich gerne noch etwas tiefer eingestiegen, aber Emmy hat uns auch da wieder in die Spur gebracht.
“Dogs come to quantum physics in a better position than most humans. They approach the world with fewer preconceptions than humans, and always expect the unexpected. A dog can walk down the same street every day for a year, and it will be a new experience every day. Every rock, every bush, every tree will be sniffed as if it had never been sniffed before. If dog treats appeared out of empty space in the middle of a kitchen, a human would freak out, but a dog would take it in stride. Indeed, for most dogs, the spontaneous generation of treats would be vindication—they always expect treats to appear at any moment, for no obvious reason.”
Grundsätzlich ein guter Einstieg in die Quantenphysik für Leute, die wenig über Physik wissen oder auch (wie ich) immer wieder Einstiegsbücher lesen können und mit jedem Mal ein bisschen mehr verstehen, aber deswegen noch lange nicht gelangweilt sind,  Leute mit abgeschlossenem Physik-Studium brauchen das Buch nicht.
Thomas Pyczak – Nachtigall
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Tiere spielen auch eine große Rolle in diesem Kurzgeschichten-Band von Thomas Pyczak, insbesondere in der titelgebenden Geschichte, die auch mein großer Favorit dieser Sammlung ist. Schon in seinem Roman „Ende der Welt“, der in Feuerland spielt, gefiel mir die fiebrig-dunkle Atmosphäre, die ich auch in „Nachtigall“ wiedergefunden habe. Die elektrisierende Luft in heißen dunklen Sommernächten kurz vor einem Gewitter…
„Als sie 16 war, befahl er ihr, eine Nachtigall zum Schweigen zu bringen.“
Katzen und Hunde kommen neben der Nachtigall reichlich vor in den Geschichten, aber auch ein Moskito, ein Schattenvogel und eine Taube. Einzig mit der Lederhose wurde ich nicht wirklich warm, die anderen Geschichten sind stärker, voller zu entschlüsselnder Symbole und kleinen Bösartigkeiten.
Drei sehr unterschiedliche Empfehlungen insbesondere für Tierfreunde 😉
„Herz auf Eis“ erschien bei der Büchergilde Gutenberg
„How to teach Quantum Physics to your dog“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Schrödingers Hund“ im Springer Verlag.
Nachtigall“ von Thomas Pyczak ist hier erhältlich.
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Her mit den schönen Büchern

Schönheit liegt ja immer im Auge des Betrachters, aber bei diesen kleinen Schmuckstücken kann man nicht anders als schwach zu werden und zuzugreifen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für schöne Bücher, damit hat mich die Büchergilde schon vor gefühlten 100 Jahren zur Mitgliedschaft überzeugen können.

Ich habe hier schon des Öfteren Bücher vorgestellt, die nicht nur inhaltlich schön waren, sondern die auch optisch etwas Besonderes waren, deswegen wurde es höchste Zeit für eine eigene Rubrik auf dem Blog, die ich hiermit feierlich eröffne und in meinem gewohnten Anglizismus-Wahn „Bookporn“ nenne.

Als ich kürzlich (zum ersten Mal im Übrigen) in der Buchhandlung Perthel am Gasteig in München war, wollte ich eigentlich nur ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin kaufen (zu stepanini winkt) und konnte mich dann absolut nicht mehr von gleich mehreren Schmuckstücken trennen und schwer bepackt verließ ich einen neuen „Liebling“. Die Ausbeute möchte ich euch hier kurz vorstellen.

Anfangen möchte ich aber mit dem Buch, das ich vorab schon zum Geburtstag bekam, Franz Kafkas „Ein Landarzt“ mit Illustrationen von Kat Menschik, zu der ich glaube ich nicht mehr viel sagen muss. Der Band erhält ein paar sehr schön ausgewählte kleine Erzählungen von Kafka, wobei nur die erste, „Der neue Advokat“, neu für mich war, vielleicht habe ich sie deshalb zu meinem Favoriten in dieser Ausgabe erklärt.

Galliani ist ein Verlag, der immer wieder wunderschöne Bücher herausbringt und bei diesem Bändchen und der Zusammenarbeit mit der wunderbaren Kat Menschik handelt es sich um ein ganz besonderes Schmuckstück, das in keiner Sammlung fehlen sollte.

Hier eine Übersicht der Erzählungen:

  • Der neue Advokat
  • Ein Landarzt
  • Auf der Galerie
  • Ein altes Blatt
  • Vor dem Gesetz
  • Schakale und Araber
  • Ein Besuch im Bergwerk
  • Das nächste Dorf
  • Eine kaiserliche Botschaft
  • Die Sorge des Hausvaters
  • Elf Söhne
  • Ein Brudermord
  • Ein Traum
  • Ein Bericht für eine Akademie

Bei der übrigen Beute aus dem Buchladen handelte es sich um drei Bände aus der Insel-Bücherei.

Mario Vargas Llosa: „Sonntag“

Vargas Llosa erzählt in dieser kleinen Novelle von den typischen „Rites of Passage“, die junge Peruaner der Oberklasse durchlaufen, bevor sie zum Mann werden. Miguel, der Protagonist der Geschichte, erlebt seinen Männlichkeitstest, wenn er mit einem Rivalen um das Herz seiner Angebeteten Flora um die Wette schwimmt. Es ist eine zarte melancholische Geschichte voll beklommener Langeweile um jugendliche Unsicherheit, Verzweiflung und Mutproben, die Llosa erzählt und die wiederum von Kat Menschik wunderbar illustriert wurde.

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In Stanislaw Lems „Professor A. Donda“ geht um einen Wissenschaftler der vermutet, es gäbe eine Äquivalzenz zwischen Information und Materie ähnlich der von Energie und Materie. Information ist ein Ordnungszustand von Materie und um diese zu ordnen braucht man Energie.

Das ganze wird in einer atemlos durchgeknallten Geschichte erzählt, perfekt für Freunde satirischer Sci-Fi. Der Illustrator Benjamin Courtault hat mich sehr beeindruckt, den behalte ich mal auf dem Radar, seine Arbeiten gefallen mir sehr:

Max Frischs „Questionnaire“ kann zwar nicht mit Illustrationen aufwarten, aber mit schlichtem Design und vor allen Dingen einfach die unglaublich guten Fragen. Ich liebe Fragen. Ich war immer schon deutlich mehr an Fragen als an Antworten interessiert und diese 10 Fragebogen kreisen jeweils um ein konkretes Thema: Ehe, Frauen, Humor, Geld, Freundschaft, Vatersein, Heimat, Eigentum und die Erhaltung des Menschengeschlechts.

Meine Lieblingsfrage war: „Are you disconcerted by an intelligent Lesbian“ ?!?

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Natürlich geht Inhalt vor Optik, aber es gibt keinen Grund, warum gute Bücher nicht auch schön sein sollten und diese vier sind ein paar wunderbare Beispiele dafür.

Ein paar weitere besonders schöne Bücher findet ihr hier auf meinem Blog:

 

Welche Eurer Bücher findet ihr am schönsten oder welches hättet ihr noch gerne?

 

Trick or Treat ?

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Dieses Jahr hatte ich Lust, mich Halloween thematisch stärker zu widmen. Mir ist gerade unabhängig von diesem „Feiertag“ gerade nach einer Prise Horror, Grusel, Düsterkeit. Daher gibt es bei momentan nicht nur mehr Vampir- und Horrorfilme als sonst, sondern auch entsprechende Lektüre.

Vampire dürfen zu Halloween nicht fehlen, auch wenn ich dieses Jahr keinen gelesen habe, filmisch habe ich mich von ihnen verführen lassen. Listen sind immer gut (habe ich auch gerade wieder bei Emily the Strange gemerkt, dazu aber später). Hier also eine Liste mit meinen liebsten Vampirfilmen:

  1. Only Lovers left alive von Jim Jarmusch
  2. The Hunger von Tony Scott
  3. Let the Right One in von Tomas Alfredson
  4. A Girl walks home alone at night von Ana Lily Amirpour
  5. Dracula von Francis Ford Coppola
  6. Interview with a Vampire von Neil Jordan
  7. Underworld von Len Wiseman
  8. From Dusk Till Dawn von Robert Rodriguez
  9. The Lost Boys von Joel Schumacher
  10. Gothic von Ken Russell
  11. Blade von Stephen Norrington
  12. Twilight von Catherine Hardwicke (ja ja I know, aber ich mag Kristen Stewart)
  13. Daybreakers von den Spierig Brothers

Neben Bram Stokers „Dracula“ darf bei einem Halloween-Special keinesfalls „Carmilla„, von Joseph Sheridan Le Fanu fehlen, den ich bereits Anfang des Jahres gelesen hatte. Würde ich jedem Vampirfreund ans Herz legen, ist mittlerweile auch als Web-Serie verfilmt worden.

Auch ohne Vampire habe ich es dunkel-schaurig angehen lassen und habe den dunklen Marathon mit der ausgezeichneten Graphic Novel „Black Hole“ von Charles Burns gestartet.

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Black Hole beschäftigt sich mit einer Gruppe Jugendlicher, die sich mit einer Art Virus anstecken, der sexuell übertragbar ist und die sie auf krasse Art mutieren lässt (den einen wachsen Schwänze, ein Mädchen häutet sich wie eine Schlange etc). Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Außenseitern umgeht und wie der Virus die Jugendlichen beeinflusst, die ohnehin überaus gehemmt und unsicher sind, was ihren Pubertätskörper so betrifft.

Ich fand die Frage spannend was passiert, wenn irgendwann keiner mehr makellos und selbstsicher ist.

Eine ziemlich düstere Graphic Novel mit phantastischen wuchtigen Bildern. Unbedingt lesen.

Die schwarz-weiß Zeichnungen erinnerten mich beim Lesen an eine ganz alte Liebe: „Emily the Strange“ von Rob Reger und zack waren alle literarisch-wertvollen Anwandlungen erstmal aus dem Fenster und ich habe mich Stunden am Stück Emily und ihren Abenteuern gewidmet.

In „Die verschwundenen Tage“ taucht Emily in einer Stadt namens Blackrock auf und kann sich an absolut nichts erinnern. Nicht wie sie heißt, wo sie wohnt – gar nix. Sie hat einzig ein Notizbuch und einen Stift und versucht zu rekonstruieren, was ihr wohl passiert sein könnte und warum sie in Blackrock ist.

Das Buch hat mich wirklich überrascht. Einfach, weil ich nicht wirklich großartig was erwartet hatte, außer etwas exzentrischer Unterhaltung, aber das Buch ist ein richtiger Roman mit spannender Story und interessanten Charakteren und Listen. Jede Menge davon. Ich hatte solchen Spaß mit dem Buch, mit den Listen und Emily, ich habe mir in der Bibliothek gleich zwei weitere Bände ausgeliehen, die große Literatur muss also noch ein paar Tage warten, ich muss erst noch ein paar Abenteuer mit Emily bestehen, dann bin ich wieder bereit.

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13 Elements you will find in the first Emily the Strange novel:
1. Mystery
2. A beautiful golem
3. Souped-up slingshots
4. Four black cats
5. Amnesia
6. Calamity Poker
7. Angry ponies
8. A shady truant officer
9. Top-13 lists
10. A sandstorm generator
11. Doppelgängers
12. A secret mission
13. Earwigs

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Bevor ich jetzt aber Vorwürfe bekomme, dass weder „Emily the Strange“ noch „Black Hole“ gruselig genug seien und man für Halloween schon andere Kaliber benötigt, den versuche ich jetzt mit einem Klassiker der amerikanischen Horror- und Gruselliteratur zu besänftigen. Schon seit ein paar Jahren befindet sich die wunderschöne Büchergilden-Ausgabe von Ambrose Bierce „Hinter der Wand“ in meinem Besitz.

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Ambrose Bierce ist neben Edgar Allen Poe der Meister des amerikanischen Gothics und war wohl nicht wirklich ein heiterer Zeitgenosse. Bekannt als „Bitter Bierce“ und Misanthrop erster Güte sind seine düsteren, schrägen Geschichten auch heute noch zeitgemäß. Sie haben einen sehr amerikanischen Touch, der Bürgerkrieg spielt in einigen Geschichten eine Rolle, die Expansion Richtung Westen und ab und an hatte ich Bilder aus dem Film „There will be Blood“ vor den Augen.

Die Büchergilden-Ausgabe ist ein absolutes Schmuckstück. Die Zeichnungen von Klaus Böttger geben dem Buch eine ganz besondere morbide Note. Hier passen Illustrationen und Geschichten perfekt zueinander.

Die Geschichten werden nahezu immer aufgeklärt, man fühlt sich gelegentlich an Sherlock Holmes erinnert, auch wenn diese Erklärungen weitaus weniger von Logik und Deduktion bestimmt sind, als von Horror, Übersinnlichem und Unerklärbarem.

Bierce eigenes Ende könnte einer seiner düsteren Kurzgeschichten entsprungen sein. Mit 70 unternimmt er noch einmal eine Reise nach Mexiko, gerät dort in die Revolution und scheint sich dem Revolutionär Pancho Villa angeschlossen zu haben. Um die Jahreswende 1913/14 verliert sich jede Spur von ihm, in seinem letzten erhaltenen Brief rechnet er mit seiner standrechtlichen Erschießung. Aber genaues weiß man nicht. Man hat nie eine Spur von ihm finden können.

Am besten haben mir die Geschichten „Der Tod Halpin Fraysers“, „Moxons Meister“, „Das Verfluchte Ding“ und „Die mondhelle Straße“ gefallen.

 

Zum Abschluss noch ein wunderschön illustriertes Märchen von Neil Gaiman.

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Ich bin kein großer Märchen-Fan. Der ganze niedliche Prinzessinnen-böse Stiefmütter-treudoofe Königinnen war nie meins, daher hatte ich keine übergroßen Erwartungen  für „Der Fluch der Spindel“, Neil Gaiman als Autor und die wunderschönen Zeichnungen waren allerdings Grund genug, dem ganzen zumindest eine Chance zu geben.

Die Geschichte ist eine Mischung aus Schneewittchen und Dornröschen. Die junge Königin erfährt von ihren drei treuen Gefolgsleuten , den Zwergen, dass das Nachbar-Königreich schon von Jahrzehnten von einer seltsamen Schlafkrankheit heimgesucht wurde, die sich jetzt auch in ihrem Königreich ausbreitet.

Im Gegensatz zu den ganzen Weichei-Königinnen bekannter Märchen nimmt diese junge Königin die Lösung des Problems selbst in die Hand und zieht mit den Zwergen los, um der Seuche Einhalt zu gebieten und ihrem Ursprung auf den Grund zu kommen.

Gaiman mischt hier die ursprünglich deutliche dunkleren Töne alter Märchen mit einigen progressiveren Elementen und bastelt daraus ein wunderbar melancholisch unheimliches  Märchen mit zauberhaften Bildern.

Ein letzter Tipp, weil ich sie euch einfach nicht vorenthalten kann: Shirley Jackson, die sowas wie die Urmutter des finsteren Horror/Gruselromans, was einem irgendwie ulkig vorkommt, wenn man bedenkt, dass sie eine Mittelklasse-Hausfrau aus Vermont war, deren erster Roman 1948 erschien. Besonders bekannt wurde sie mit ihre Kurzgeschichte „The Lottery“, die erstmals in der New York Times erschien und bergeweise Leserpost bescherte, die die Bedeutung der Geschichte zu erfassen versuchten. Sie hat nach wie vor großen Einfluss in diesem Genre, die „Tribute von Panem“-Trilogie zeigt beispielsweise große Parallelen zu der Kurzgeschichte auf.

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Ihr Roman „The Haunting of Hill House“ ist eines meiner Lieblingsbücher, unbedingt lesen, meine Rezension dazu findet ihr hier.

Hoffe ich konnte Euch etwas Lust machen auf die etwas dunkler melancholisch gruseligeren Seiten des Oktobers. Von wem lasst ihr euch gerne gruseln?

Trick or Treat? Happy Halloween allerseits 🙂

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Charles Burns – „Black Hole“ erschienen im Reprodukt Verlag
Rob Reger – „Emily the Strange: Die verschwundenen Tage“ erschienen im cbj Verlag
Ambrose Bierce – „Hinter der Wand“ erschienen bei der Büchergilde Gutenberg
Neil Gaiman – „Der Fluch der Spindel“ erschienen im Knesebeck Verlag

Das hündische Herz – Michail Bulgakow

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Ein angesehener Chirurg schnappt sich einen Straßenköter, um diesem in seiner Wohnung einer Operation zu unterziehen, bei dem er dem Hund die Hoden und die Hirnanhangsdrüse eines toten Mannes transplantiert. Er erschafft dabei ein Monster, ein agressives, betrunkenes, selbstsüchtiges Wesen. Er scheint die schlimmsten Charaktereigenschaften des unfreiwilligen Spenders gleich mit transplantiert zu haben. Seine vorab so geregeltes wohltemperiertes Bourgouis-Zuhause gleitet in Chaos und Anarchie ab und der gute Arzt sieht keinen anderen Weg, als die Transplantation rückgängig zu machen.

So eine Geschichte um einen durchgeknallten Wissenschaftler und sein Frankendog-Experiment, das komplett schiefläuft, muss man einfach lieben. Der feinnervige, opernliebende Doktor ist natürlich komplett überfordert mit der ätzenden Kreatur, doch repräsentiert diese vielleicht den „Homo Sowjeticus“, der ganz und gar dem Zeitgeist entspricht und ist nicht vielleicht der Arzt derjenige, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht (mehr) findet?

Die Büchergilden Ausgabe ist wunderschön. Ein echtes Sammlerstück, ich kann sie jedem ans Herz legen. Die Ästhetik der Illustrationen erinnert in seiner Bild- und Formensprache an wissenschaftliche Bücher, Baupläne und technische Zeichnungen.


Auch diese Novelle Bulgakovs hat eine gute Prise Faust in sich, ist vielleicht noch wilder, komischer und absurder als „Der Meister und Margarita.“ Es ist einerseits eine Kritik an den Zuständen im Russland der 1920er Jahre und gleichzeitig eine Satire auf die menschliche Natur.

„Begreifen Sie doch, das Furchtbare ist, dass er kein hündisches Herz mehr hat, sondern eben ein menschliches.“

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein oder ein Invididuum ? Egal wie viel wir vielleicht an uns herumschnippeln, uns zu optimieren versuchen, wir bleiben doch wer wir sind. Wir können uns nicht akzeptieren, wie wir sind, sind dadurch in der Regel unseres eigenen Unglücks Schmied und zeitgleich unsere eigenen schlimmsten Albträume.

Bulgakow reißt jede Menge Ideen an auf diesen knapp 100 Seiten. Er warnt vor unkontrollierten Eingriffen von Menschen und Regierungen auf andere, davor, wie sehr es schief gehen kann, wenn die Priviligierten sich an den Unterpriviligierten vergreifen, um deren Leben zu verändern.

Auch dieser Bulgakow hat mich wieder absolut überzeugt, mich in seinen Bann gezogen mit seiner einzigartigen, erschreckenden, beißenden Stimme. Eine Stimme, die heute noch genauso relevant ist wie vor knapp 100 Jahren.

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„Das hündische Herz“ macht Spaß, es ist sehr unterhaltsam. Der Doktor kann einem irgendwann einfach nur noch leid tun, statt Ruhm und Aufstieg in den wissenschaftlichen Olymp hat er ein Monster geschaffen, das weder auf ihn hört, ihn schlecht behandelt und ihm seine Unzulänglichkeiten auch noch ständig aufs Butterbrot schmiert.

Es gibt eine italienisch-deutsche Verfilmung des hündischen Herzens aus dem Jahr 1976 „Warum bellt Herr Bobikow“ mit Max von Sydow in der Hauptrolle, die ich mir gerne ansehen würde, so ich ihn denn irgendwo zumindest mit Untertiteln finde:

 

Mehr über den Autor Michail Bulgakow findet ihr in meiner Besprechung seiner Biografie „Ich bin zum Schweigen verdammt.“

„Das hündische Herz“ erschienen bei der Büchergilde Gutenberg.

Ein Tropfen Zeit – Daphne du Maurier

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Daphne du Maurier, der Meisterin des dunklen Suspense und tiefer seelischer Abgründe, wird in dieser Ausgabe mit Illustrationen von Kristina Andres ein wundervolles Denkmal gesetzt. Hitchcocks „Die Vögel“, „Rebecca“ sowie Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gehen auf ihre Erzählungen zurück und auch „Ein Tropfen Zeit“ hätte durchaus Verfilmungs-Potential.

„Ein Tropfen Zeit“ erschien bereits 1969 und wurde jetzt von der Büchergilde Gutenberg neu aufgelegt. Der Protagonist Dick Young (von du Maurier als sehr unsympathischer Zeitgenosse angelegt – ein echter Dick, sorry for the pun) läßt sich von seinem alten Studienfreund Magnus, in dessen Cornwaller Strandhaus er seine Ferien verbringt, dazu überreden eine Zeitdroge zu testen, die dieser entwickelt hat.

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Natürlich hat diese Droge auch so ihre Nebenwirkungen. Er landet immer wieder im 14. Jahrhundert, stets in naher Umgebung des Strandhauses, in dem er für einige Zeit lebt. Er beobachtet die Geschehnisse, Intrigen, Geheimnisse um Isolda Carminowe, ihren heimlichen Liebhaber Otto Bodrugan, dessen böse Schwester Joanna und den Verwalter Roger Kylmerth. Allerdings kann er weder den genauen Zeitpunkt bestimmen, an den er transportiert wird, noch kann er die Geschehnisse in irgendeiner Weise beeinflussen. Berührungen, auch zufällige mit den Personen im 14. Jahrundert, haben heftige Nachwirkungen. Er wird sofort in seine Zeit zurückgeschleudert und Übelkeit, Desorientierung und zeitweilige Paralyse sind die unangenehmen Folgen.

Während er auf der Droge ist, bewegt er sich benommen durch die Gegend und ist für die äußeren Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr zugänglich, was durch Züge, Autos etc. durchaus gefährlich werden kann. Zudem macht die Droge natürlich auch noch süchtig und Dick wird der Gegenwart und auch seiner Familie gegenüber immer gleichgültiger. Der nächste Zeitreisetrip ist alles, was ihn noch interessiert, und dass das alles nicht gut enden wird, wird einem ziemlich bald klar.

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Die beiden Erzählstränge waren für mich jetzt keine absoluten „page-turner“. Ich habe nicht vor lauter Spannung und Atemlosigkeit ins Kopfkissen gebissen, aber die Atmosphäre und die Stimmung des Buches haben mich voll und ganz eingefangen.

Neben den in du Mauriers Werk immer wiederkehrenden Themen Wahnsinn, Manie, Besessenheit, Sucht und wissenschaftliche Experimente, spürt man auch den Einfluß Carl Jungs, den sie sehr schätzte, und der sich stark mit dem „kollektiven Unbewussten“ beschäftigt hat.

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Man spürt in „Ein Tropfen Zeit“ du Mauriers große Liebe zu Cornwall, der Landschaft, der Geschichte und den Menschen dieser Region. Der Roman heißt im englischen „The House on the Strand“. Die Vorlage für Magnus‘ Haus „Kilmarth“ war ihr eigenes, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, nachdem sie gezwungen war, ihr geliebtes „Menabilly“ 1967 zu verlassen.

Diese Ausgabe ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen.

Verzauberter April – Elizabeth von Arnim

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Als ich diesen Roman vor vielen Jahren in London zum ersten Mal las, war es tatsächlich an einem verregneten April-Wochenende und wie sehr habe ich mir damals gewünscht, in diesem Castello zu sein, im Frühling, in der Wärme, in dieser Blütenpracht und habe mir immer geschworen, sollte ich tatsächlich einmal in diese Gegend reisen, dann lese ich es nochmal.

Et voilà – da sind wir also. „Verzauberter April“ – ein kleines weißes Häuschen in Ligurien, Juli und nicht April, aber ansonsten ist alles einfach genau so schön, wenn nicht noch schöner als im Buch. Und es hat mir auch nach all diesen Jahren noch genauso gut gefallen.

Die Story dieses 1922 erstmalig erschienenen Romans ist einfach perfekt. Vier Frauen, die sich vorher nicht wirklich kennen, teilen sich einen Monat lang ein mittelalterliches Castello an der Italienischen Rivera. Jede der Ladies hat ihren eigenen Grund, ihrem trüben Londoner Leben zu entfliehen und das Castello verzaubert jede von ihnen und sie verwandeln sich, blühen auf durch ihre Reise dorthin.

Es ist nicht nur ein Roman voller Wärme und Charme, er ist auch extrem witzig und scharfsinnig. Die Geschichte ist eine Hymne an die Freundschaft, die Liebe und die verwandelnde Kraft des Reisens. Wie sehr einen Sonnenschein, Schönheit und Glück verändern können. Das Castello ist wirklich ein wenig „verzaubert“ und verzaubert auch alle die, die ein paar Tage darin verbringen.

„Denken Sie daran, wieviel freundlicher wir sein werden, wenn wir zurückkommen“, sagte Mrs. Arbuthnot, um diese bleiche Dame aufzumuntern.

„Jetzt hatte sie all ihr Gutsein abgelegt und in die Ecke geworfen wie einen Haufen durchnäßter Wäsche, und sie fühlte nur Freude.“

„Es war ein großer Irrtum zu glauben, daß eine Frau, eine ausgesprochen gut angezogene Frau, ihre Kleidung abnutzte; vielmehr war es die Kleidung, die eine Frau abnutzte – indem sie sie zu jeder tages- und Nachtzeit hierhin und dorthin schleppte.“
Ich fand die Entwicklung und Veränderung der vier so unterschiedlichen Frauen sehr spannend und die Geschichte hat für mich durch die Anreise der Ehemänner etwas an Charme verloren. Das sich zwei so derart zerrüttete Ehen durch ein paar Tage Aufenthalt im Märchenschloss gleich wieder hundertprozentig reparieren lassen, fand ich dann doch ein wenig übertrieben.

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„Loses Gerede über Ehemänner war in Mrs. Fishers Kreis nicht gerade ermutigt worden. In den Achtzehnachzigern, als sie ihre Hauptblütezeit hatte, wurden Ehemänner ernst genommen als die einzig wahren Hindernisse für die Sünde.“

„Sie hatte kein Vergnügen daran, andere Frauen auszustechen; sie wollte deren lästige Männer nicht. Was konnte man mit Männern anfangen, wenn man sie erobert hatte? Alle sprachen über nichts anderes als Liebeskram, und wie läppisch und langweilig das nach einer Weile wurde. Es war so, als kriegte ein gesunder Mensch mit normalem Appetit nichts als Zuckerzeugs zu essen. Liebe, Liebe …., das Wort schon weckte in ihr den Wunsch, jemanden zu ohrfeigen.“

„Es stimmte, am meisten mochte sie ihn, wenn er nicht anwesend war, aber andererseits mochte sie ganz allgemein diejenigen am meisten, die nicht anwesend waren.“
Eines ist sicher, sollte ich jemals in der Lotterie gewinnen oder eine mir noch unbekannte entfernte Verwandte vererbt mir ein Castello oder das notwendige Kleingeld für ein Castello, ich würde sofort ein solches für ein paar Wochen mieten und all meine Freunde einladen. Ich stelle mir das wundervoll vor.

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Die Ladies im Buch sind mir sehr ans Herz gewachsen, die verknöcherte alte Dame Mrs Fisher, die eigentlich nur noch in der Vergangenheit leben will, die wunderschöne It-Lady Caroline, die so sehr den Kanal voll hat, von allen bewundert zu werden und die ständig das Gefühl hat, jeder will sie vereinnahmen, sowie die verklemmte religiöse Rose Arbuthnot, die kaum über 30 schon wie eine alte Jungfer agiert und die exzentrische Mrs Wilkins, die unbeachtete Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts. Sie alle blühen auf, verändern sich und ihre Umwelt.

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Die vier Stimmen – jede für sich unverwechselbar haben mich alle auf unterschiedliche Art und Weise angesprochen. Elizabeth von Arnim hat die Charaktere sehr clever entwickelt und die verschiedenen Schilderungen gekonnt zu einem kohäsiven Ganzen verbunden. Auch wenn man die literarische Absicht hinter den Sätzen spüren konnte, wirkte es doch wunderbar mühelos.

Vier Wochen verbringen sie im Castello und die größten Veränderungen finden im Inneren der Charaktere statt und in der Natur. Sie bleiben die ganze Zeit dort, sie düsen nicht durch die Gegend, um möglichst viel von der Gegend zu sehen, sind keine Touristen, die atemlos jeder Sehenswürdigkeit hinterher hecheln. Das hat mir gefallen, diese Ruhe, die das ausgestrahlt hat und diese Notwendigkeit ,die es gibt, für innere große Entwicklungen und Veränderungen braucht es vielleicht um so mehr äußere Beständigkeit und Ruhe.

Elizabeth von Arnims Sprache ist poetisch, stellenweise regelrecht karg. Das passt sehr gut zu einer Geschichte, die vom Glück trauriger Menschen handelt. Ein Buch, das hoffnungsvoll und warm ist, ohne sentimental zu sein. Ein Buch, das für jeden Italien-Urlaub eingepackt werden sollte.

Hier ein paar Ausschnitte aus der Verfilmung von Mike Newell aus dem Jahr 1992:

Die Kunst des Feldspiels – Chad Harbach

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Keiner hatte einen einfachen Sommer in diesem Jahr. Die Charaktere in diesem Buch haben mich total in die Geschichte hineingezogen. Ein paar Tage lang lebte ich auf dem Campus des fiktiven Westish Colleges in Wisconsin. Jeder einzelne der Protagonisten hätte locker ein eigenes Buch füllen können. Der College-Direktor, ein Herman-Melville-Enthusiast, der sein ganzes Leben lang ein heterosexueller Frauenheld war und sich unerwartet in den jungen Owen verliebt, der Angst hat sich zum Trottel zu machen aus Liebe und doch nicht lassen kann von Owen. Seine Tochter Pella, die die High School abgebrochen hat, um einen wesentlich älteren Mann zu heiraten und die nach Westish zurückkommt und versucht ihr Leben da wieder aufzunehmen, wo sie es verlassen hat.

„Ich erinnere mich an gar nichts. Habe ich gelesen?“ Affenlight nickte. „Ich habe Dich gewarnt. Es ist ein gefährlicher Zeitvertreib.“

„Von all den Dingen, die zwei Menschen im Verborgenen miteinander tun konnten, hatte Affenlight eine besondere Vorliebe für das gegenseitige Vorlesen.“

Der ambitionierte Mike Schwartz, der sich den Hintern aufreisst um Erfolg zu haben und seine Herkunft hinter sich zu lassen. Der den kleinen schmächtigen Henry Skrimshander spielen sieht und auf Anhieb erkennt, was für ein wahnsinniges Talent da vor ihm steht, ihn unter seine Fittiche nimmt und zum ganz großen Talent ausbaut. Mike muß im Laufe des Romans aber auch erkennen, dass seine Ambitionen gegebenenfalls größer sind, als sein Talent.

Und schließlich Henry selbst, das Ausnahmetalent unter den Shortstoppern, der durch Mike ein Stipendium am Westish College bekommt und von Mike rigoros trainiert wird. Der schmächtige Mike blüht auf unter der harten, liebevollen Führung von Mike und er bringt das bis dahin eher mittelmässige Westish Baseball Team zu ersten Erfolgen und professionelle Scouts beginnen sich für Henry zu interessieren. Henry ist kurz davor, den phänomenalen Baseballrekord seines großen Idols zu brechen, das ganz große Geld klopft an seine Tür und dann passiert ihm dieser disaströse, schicksalshafte Fehler.

Ein Fehler, der nicht nur seinen Freund Owen schwer verletzt, vielmehr zerstört er Henry’s Selbstbewußtsein komplett und er ist nicht mehr in der Lage, auch nur die einfachsten Würfe zu parieren. Verzweifelt versucht er sein Mojo wiederzubekommen. Henry ist nicht nur einfach eine Sportmaschine, er arbeitet sich den Arsch auf und nicht weil er reich und berühmt werden will, er will einfach der Beste sein in dem was er am liebsten tut. Er ist vollkommen verzweifelt, als er feststellen muss, dass es außerhalb seines Einflussbereiches zu liegen scheint, sein Talent wiederzuerlangen. Er kämpft, er versucht sich durchzubeissen, sich nichts anmerken zu lassen, es zerreisst einem das Herz und man will ihn einfach nur in den Arm nehmen und ihm sagen „Hör einfach auf zu denken und hau den Ball weg“

Ich hatte schon soviel positives über den Roman gehört, konnte mir aber einfach nicht vorstellen, dass ein Buch über Baseball etwas für mich sein könnte und dann bin ich in der Büchergilde über diese wunderbare Ausgabe gestolpert und habe sowohl meine Aversion gegen Sportromane, als auch für Übersetzungen über Bord geworfen und bin so belohnt worden.

Nicht nur die Charaktere bleiben einem lange nach Beendigung des Romans erhalten, auch ihre Namen. Selten habe ich ein Buch gelesen mit schrägeren Namen. Pella und ihr Vater Guert AFFENLIGHT, Henry Skrimshander, Adam Starblind – da kommt einem Mike Schwartz schon fast seltsam dagegen vor.

“Henry war zu klug, um sich diese Freiheit zu wünschen. Das einzig lebenswerte Leben war das unfreie Leben, das Leben, das Schwartzy ihn gelehrt hatte, das Leben, in dem er an seinen einen und einzigen wahren Wunsch gekettet war, den Wunsch, einfach und perfekt zu sein.”

“Sein einziger Wunsch war immer gewesen, dass sich niemals irgendwas änderte. Oder dass sich die Dinge nur zum Guten änderten, dass alles Tag für Tag immer ein bisschen besser wurde, bis in alle Ewigkeit.

Gefallen hat mir auch, dass man Henry’s plötzlichem Talentschwund nicht auf die Schliche kommt. Plötzlich ist sein Mojo weg und keiner weiß warum. Von einer Minute zur anderen wird er unsicher und es gibt zum Glück kein typisch amerikanisches Erweckungserlebnis, das alles erklärt und ihm die Sicherheit wieder zurück gibt, er muß einfach ganz von vorne anfangen und sich seine Sicherheit wieder neu erkämpfen.

Henrys schicksalhafter Fehlwurf setzt eine Reihe von Ereignissen in Gange und am Ende des Sommers ist nichts mehr so wie es war. So sehr die Selbstoptimierer-Mantra „Du kannst alles schaffen wenn Du nur willst“ auch durch das College bläst, doch Sieg und Niederlage liegen bekanntlich verdammt nah beeinander und gerade der Sport zeigt uns, das Wille allein nicht reicht und genau darin liegt eigentlich auch der Reiz.

“Du hast mir einmal gesagt, dass man nicht mit einer Seele geboren wird, sondern dass sie erst gebildet werden muss, durch Versuche und Irrtümer, Lernen und Liebe. Und du hast dich dieser Aufgabe hingebungsvoller gewidmet als die meisten anderen Menschen, der Aufgabe, eine Seele zu bilden – nicht zu deinem eigenen Nutzen, sondern zum Nutzen derer, die dich kannten. Das ist einer der Gründe dafür, dass dein Tod so schwer für uns ist. Es ist schwer zu akzeptieren, dass eine Seele wie deine, die zu bilden ein Leben lang gedauert hat, aufhören kann zu existieren. Es macht uns zornig, rasend vor Wut auf das Universum, dich nicht bei uns zu haben.”

Harbach’s Roman wirkt auf wundervolle Art ein wenig altmodisch. Es ist ein großer Roman um Freundschaft, Toleranz, Hoffnungen. Um’s Zeifeln und Scheitern. Es geht um Liebe und Homosexualität, das Erwachsenwerden und das sich immer wieder neu erschaffen.

„Das Mitgefühl, das Affenlight für ihn empfand, überstieg alles, was er je für eine Romanfigur empfunden hatte. Es war sogar möglich, dass er überhaupt noch nie ein solches Mitgefühl für irgendjemanden empfunden hatte. Niemand war frei von Zweifeln und Schwächen, der arme Henry aber musste sich den seinen öffentlich und zu festen Zeiten stellen, während die eine Hälfte der Menge ängstlich auf ihn zählte und die andere ihm lauthals Pech wünschte. Wie bei einem Theaterschauspieler war sein innerer Kampf für alle offenbar.“

„Sprechen war, wie einen Baseball zu werfen. Es ließ sich nicht vorausplanen. Man mußte einfach loslassen und sehen, was passierte. Man musste mit Worten werfen, ohne zu wissen, ob irgendjemand sie auffangen würde – man musste mit Worten werfen, von denen man wusste, dass niemand sie auffangen würde. Man musste seine Worte dorthin schicken, wo sie einem nicht mehr gehörten. Es fühlte sich besser an, mit einem Ball in der Hand zu sprechen, es fühlte sich besser an, den Ball sprechen zu lassen. Aber die Welt, die Nicht-Baseball-Welt, die Welt der Liebe, der Sexualität, der Arbeit und der Freunde, war aus Worten gemacht.“

Lest dieses Buch – es wird Euch glücklich machen und vielleicht werdet ihr wie ich zum ersten Mal im Leben ernsthaft darüber nachdenken, Moby Dick zu lesen.

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Travel Photography © Nicola Joanne Carter 2014

Hier noch ein sehr interessantes, aber recht langes Interview mit Chad Harbach, das auf dem Sydney’s Writer Festival geführt wurde. Und hier noch eine Rezension zum Buch von Frau Buzzaldrins 🙂

Das Buch erschien im DuMont Verlag erschienen.