Connection with Reader could not be established

Ab und an schnackelt es nicht und dann ist diese Rubrik mein virtueller Beichtstuhl für mangelndes Durchhaltevermögen. In den allermeisten Fällen trifft die Autoren, die hier landen, deutlich weniger Schuld (wenn man von solcher sprechen möchte) als die Leserin, die häufig zu ungeduldig ist oder zur falschen Zeit das falsche Buch in die Hand nimmt. Dieses Mal hat es diese Werke getroffen:

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Ich freute mich riesig, als ich ganz überraschend den neuen Seethaler in der Post hatte, ist er doch einer der Gegenwartsautoren, der sich ganz sachte und heimlich mit seiner poetischen leisen Sprache in mein Herz geschlichen hat.

Die Idee, die Begrabenen eines Friedhofs ihre Geschichte erzählen zu lassen, fand ich sehr spannend, ich freute mich auf ein vielstimmiges Porträt, aber vollkommen überraschend sind wir dieses Mal überhaupt nicht zusammen gekommen, der Herr Seethaler und ich.

Seethaler ist grundsätzlich einfach und ehrlich wie das deutsche Abendbrot und kaum einer schafft es sonst so einfach wie er, mich in die literarische Provinz zu locken, aber dieses Mal war ich einfach nur gelangweilt. Diese deutschen Toten waren wie Pumpernickel, von dem ich auch immer nur maximal zwei Scheiben mag und dann bleibt die Packung liegen, guckt vorwurfsvoll und beschämt werfe ich sie irgendwann weg.

Das mache ich mit Herrn Seethaler natürlich nicht. Ich stelle ihn ins Regal und versuche es noch einmal, denn ich kann noch nicht so wirklich glauben, dass das dieses Mal nix geworden ist mit uns …

Ich danke dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Mein erster Bolano. Sein bekanntestes Werk 2666 habe ich schon seit Ewigkeiten auf dem Wunschzettel, auf dieses Büchlein stieß ich vor Kurzem im offenen Bücherschrank und bin ganz fürchterlich daran zerschellt. Es ist ein außergewöhnliches Buch, komplett in Monologform. Vieles wiederholte sich, die Sätze sind ausschweifend, aber ich bin einfach nicht hineingekommen.

Das Buch bekommt wahnsinnig gute Kritiken, es liegt also definitiv mehr an mir als an  Bolano. Ich habe es probiert, nach einigen Seiten weggelegt, wie Kaviar vor einigen Jahren, den hab ich noch 2-3 mal weggeschoben, bis ich ihn irgendwann mochte. Vielleicht wird es mit dem Buch auch so sein.

Auch dieses wandert zurück ins Regal und wir versuchen es irgendwann noch einmal miteinander. Kennt es jemand? Hat jemand eine Idee wie man es knackt? Ich gebe doch so ungern auf …

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Als stolze Eltern eines gelegentlich auf dem Balkon mitwohnenden Eichhörnchens namens Willy war es klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

Veblen (die nach einem Philosophen benannt ist) ist eine unterbeschäftigte Mittzwanzigerin, die mit Eichhörnchen spricht. Sie hat eine anstrengende Beziehung zu ihrer hypochondrischen Mutter und glaubt, niemals den Mann fürs Leben zu finden. Bis sie Paul trifft und alles toll zu werden scheint, aber er mag keine Eichhörnchen…

Irgendwo mittendrin verlor ich die Lust an der Geschichte, versuchte stattdessen, mit unserem Willy zu kommunizieren, was dieser ablehnte und beschloss, das Buch nicht weiterzulesen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Im Kern eine Liebesgeschichte“ im Dumont Verlag.

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Ja und dann traf meine Widerborstigkeit auch noch die grandiose Sybille Berg. Ich schätze ihre Romane sehr, im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass ihr Debüt und ich ü-ber-haupt nicht miteinander können.

Zuviel menschlicher Abgrund? Ich weiß es nicht, ich hatte einfach keine Geduld mit den verschiedenen Protagonisten, wollte sie dauernd schubsen oder schütteln, hatte auch gelegentlich Schwierigkeiten, die Informationen dem richtigen Charakter zuzuordnen und habe das Buch dann entnervt in die Ecke geworfen.

Wir sollten das einfach so unter uns lassen, Frau Berg muß das nicht erfahren. Ich kann mir ihren strafenden Blick sehr gut vorstellen und es ist mir ja auch wirklich unangenehm.

So, Beichte abgelegt, fühle mich gleich besser. Welche literarischen Sünden habt ihr zu beichten?

 

Schmale Schönheiten II

Als ich kürzlich krankheitsbedingt mein Regal auf der Sache nach etwas schmaleren Bänden absuchte, bin ich auf den Geschmack gekommen und habe mich weiter durch den Stapel schmaler Werke gefräst, auch nachdem ich längst wieder fit war. Eines, das mich in dieser Zeit im Briefkasten überraschte, war das vielbesprochene aber auch wirklich großartige

Rattatatam, Mein Herz von Franziska Seyboldt

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Mit dem Thema Angst kenne ich mich leider besser aus, als ich es jemals wollte. Ein paar Jahre lang war das ein Thema, das mein Leben so bestimmt hat, dass eine Zeit lang für wenig anderes in meinem Leben Platz war.

Ich habe mich so derart geschämt – auch vor mir selbst – dass ich von dem Thema absolut nichts hören, lesen oder gar darüber sprechen wollte. Ich hatte Angst vor der Angst und wollte nichts mit ihr zu tun haben, wollte sie einfach nur loswerden, zu allen Schwierigkeiten, die ich im Leben so hatte, mich nicht auch noch mit Psycho-Scheiß rumschlagen. Das war etwas für Leute, die Zeit und Geld für sowas hatten und sich mit sowas beschäftigen konnten.

Irgendwann habe ich mich zum Glück damit beschäftigt, ich habe keine Angst mehr vor der Angst, sie ist weg und ich habe auch keine Angst mehr davor, dass sie wiederkommt, denn selbst wenn, ich biete ihr dann einen Stuhl an und frage sie, was sie mir mitteilen möchte und dann schauen wir mal.

Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ war das einzige Buch bislang, das mir zu dem Thema gefiel, mit dem ich mich einigermassen identifizieren konnte. Als „Rattatatam“ im Briefkasten lag, wollte ich nur kurz reinlesen, dachte es wäre sicherlich nichts für mich und bin dann heftig hängengeblieben.

„Ist man schwach, wenn man Schwäche zeigt, oder holt man sich gerade so die Kontrolle zurück?“

Spätestens mit diesem Satz hatte sie mich. Die Journalistin und Autorin Franziska Seyboldt schreibt ohne Pseudonym, stellt gleich von Anfang an die richtigen Fragen „Warum spricht niemand darüber? Warum ist Angststörung nicht so »normal« wie Depressionen oder Burn-out?

Die Angst schleicht sich früh in ihr Leben, „allgemeine Angststörung“ wird diagnostiziert und Seyboldt beschreibt wie sie versucht, ihren beruflichen Alltag zu meistern ohne aufzufliegen, immer stark sein, nur keine Schwäche zeigen. Das ist so anstrengend, dass kann sich glaube ich niemand vorstellen, der das nicht selbst einmal erlebt hat.

Dr. Goldberg wird das später eine „depressive Episode“ nennen; es ist die erste von dreien, immer im Abstand von einer Woche. Er erklärt mir, dass mein Körper mich schützt, wenn die Ängste zu groß werden. Oder die Ansprüche an mich selbst. Wie bei einem Stromausfall: Überhitzung, zack, dunkel. Man könnte auch sagen: Ich bin ein Stern, der in einer Supernova explodiert und seine äußeren Schichten abwirft. Der Rest kollabiert und wird auf winzigstem Raum zusammengepresst, woraufhin ein schwarzes Loch ensteht, das kein Licht mehr entkommen lässt. Abblende.“

Ich bin absolut beeindruckt, wie klar, poetisch und schön Seyboldt über ein Tabu-Thema schreibt. Ich wünschte mir, jemand hätte dieses Buch vor vielen Jahren in die Hand gedrückt, aber auch ohne Angst ist das ein wunderbares und wichtiges Buch.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Als ich mir kürzlich am Bahnhof etwas Zeit vertreiben musste, fiel mir dieses Buch in die Hand, das ich schon länger auf dem Radar habe:

„Dear Ijeawele. A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“ – Chimamanda Ngozi Adichie

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Because social norms are created by human beings…there is no social norm that cannot be changed.
Adichie ist eine Autorin, die wie keine andere Essays schreibt, die den Nagel nicht nur direkt auf den Kopf trifft, sondern auch so derart schön und dennoch zugänglich. Ihre Bücher sind Pageturner, denen man sich nicht entziehen kann. Definitiv eine Autorin, von der ich unbedingt das Gesamtwerk lesen möchte.

Bei diesem Essay hier handelt es sich um einen Brief, den Adichie schreibt, als eine Freundin sie um Rat darum bittet, wie sie ihre Tochter zu einer Feministin erziehen kann.

Der Text ist eloquent und sehr bewegend. Adichies Stil ist einfach und zugänglich und sie kritisiert die häufige Tendenz von Feministinnen, unnötigen Jargon zu verwenden wie    z. B. „patriarchy“, ohne diesen im Kontext zu erklären.

Sie schreibt über Feminismus, Liebe, Ehe, Gender Rollen, Rassismus, Sexismus, die Privilegien der Weißen, Gleichberechtigung, weibliche Sexualität, die Probleme, die Frauen häufig mit ihrem Körper haben, Unterdrückung etc.

Ein revolutionärer Text mit so viel spannenden treffenden Zitaten, dass ich das halbe Buch hier markieren könnte:

“Teach her that if you criticize X in women but do not criticize X in men, then you do not have a problem with X, you have a problem with women.”

“Your feminist premise should be: I matter. I matter equally. Not ‘if only’. Not ‘as long as’. I matter equally. Full stop.”

„Because you are a girl“ is never a reason for anything. Ever.“

Ein Buch, das sich wunderbar verschenken läßt und dem ich jede Menge Leser und Leserinnen wünsche.

Einmal um die halbe Welt ging es dann, um mich mit Oscar Niemeyer in einer kleinern Bar in Rio de Janeiro zum Gespräch zu treffen (zumindest in Gedanken war ich beim Lesen dort)

„Wir müssen die Welt verändern“ – Oscar Niemeyer

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Als Oscar Niemeyer 2012 nur wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag starb, galt er weltweit als einer der letzten der großen Architekten des 20. Jahrhunderts. Sein bekanntestes Werk ist Brasilia, der Höhepunkt des utopischen modernen Urbanismus. Die Erschaffung dieses sozialen Experiments und logistischen Abenteuers dauerte nur 3,5 Jahre von der Konzeption bis zur Fertigstellung.

„Wenn man mich fragt, was für mich die Fantasie bedeutet, antworte ich: Fantasie ist die Suche nach einer besseren Welt“

Niemeyers Stil wird oft mit brasilianischer Musik verglichen – die sich wiegenden Linien und anschwellenden Konturen seiner Gebäude lassen an Samba, sinnliche Tänze, schwülen Sex und den Schmelztiegel der unterschiedlichen Nationalitäten in Brasilien denken.

Dieses kleine Büchlein ist das Resümee seines Lebens, in dem er über die Gesellschaft reflektiert, die Rolle der Fantasie und der Freundschaft, über das Alter, Politik, Kunst und seine Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie Sartre, Le Corbusier und Fidel Castro.

„Die Architektur ist nur ein Vorwand. Wichtig ist das Leben, wichtig ist der Mensch, dieses merkwürdige Wesen mit Seele und Gefühl, das nach Gerechtigkeit und Schönheit hungert“

Niemeyer ist einer meiner liebsten Architekten und ich würde sofort in die Casa das Canoas einziehen, irgendwann werde ich mir seine Gebäude mal vor Ort ansehen und dann auf jeden Fall dieses Büchlein im Gepäck haben.

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Ob Niemeyer in seinem langen Leben Psychedelika zur Hilfe nahm um seine Architektur-Visionen zu unterstützen, weiß ich nicht, Aldous Huxley hätte ihm auf jeden Fall dazu geraten. Von einem Utopisten zum nächsten, wo Niemeyer die Welt durch schönere Gebäude verbessern wollte, experimentierte Huxley mit Drogen um sich dadurch neue Einblicke und Perspektiven auf die Welt zu ermöglichen:

Psychedelics – Aldous Huxley

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In seinem Roman „Brave New World“ experimentiert Huxley mit der Idee, wie eine Droge namens Soma genutzt wird, um soziale Gleichheit herzustellen. In diesem Auszug aus seinem Essay „The Doors of Perception“ beschreibt er sein einmaliges Erlebnis nach der Einnahme von Mescalin (eine psychedelisch und halluzinogen wirkende Droge, die sich in mittelamerikanischen Kakteen befindet und seit Jahrhunderten von den amerikanischen Ureinwohnern bei heiligen Zeremonien verwendet wurde). Durch die Einnahme von Mescalin versuchte er, den Geheimnissen des Universums auf die Spur zu kommen.

Er beschreibt seine Empfindungen zum Beispiel beim Anblick von Blumen in einer Vase:

„a bundle of minute, unique particulars in which, by some unspeakable and yet self-evident paradox, was to be seen the divine source of all existence.“

oder das Wunder, das sich vor seinen Augen vollzieht beim Betrachten seines Bambus-Stuhls:

„I spent several minutes – or was it several centuries? – not merely gazing at those bamboo legs, but actually being them – or rather being myself in them; or, to be still more accurate (for „I“ was not involved in the case, nor in a certain sense were „they“), being my Not-self in the Not-self which was the chair.“

Huxley beschreibt seinen Trip, der etwa 8 Stunden dauert, als vollständige Auflösung des Ichs, ein Experiment, das ihm das Gefühl gab, unendlich viel Zeit zu besitzen, sich in einer Art immerwährendem Moment zu befinden und in einer Art „Über-Achtsamkeit und Aufmerksamkeits“-Taumel, völlig losgelöst von seinem Hirn zu sein.

Das Buch war sicherlich sehr einflußreich in den 1960er Jahren und es macht einem bewusst, dass das, was wir als Realität empfinden, wohl nur die Spitze des Eisberges ist. Eine immense Verlockung für Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle, sich der immerwährenden Tyrannei der Logik und Realität zu entziehen und sich auf ein sensorischen Abenteuer einzulassen, das im wahrsten Sinne des Worte die Türen der Wahrnehmung weit öffnet.

Ein faszinierendes Büchlein, dass durchaus Lust auf einen kleinen Mescalin-Trip macht vielleicht während der Lektüre des nächsten Murakami? 😉

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„Die seligen Jahre der Züchtigung“ – Fleur Jaeggy

Ein Buch, das ich schon vor längerer Zeit aus dem Regal meines Bruders entliehen habe und das auf dem Weg in die Berge kürzlich die perfekte Zuglektüre war.

Jaeggys seltsam schönen, beklemmenden Novelle spielt in der Nachkriegs-Schweiz, die recht unschuldig beginnt und schon im zweiten Satz mit Robert Walser aufwarten kann:

„Mit vierzehn war ich Zögling in einem Internat im Appenzell. In einer Gegend, in der Robert Walser viel spazieren ging, während er in Herisau, nicht weit von unserem Institut, in der Nervenheilanstalt war.“

Eve, die Erzählerin der Geschichte, berichtet von ihrem Leben als Zögling der Schule und ihre Versuche, die Zuneigung der neuen interessanten und perfekt wirkenden Schülerin Fréderique zu gewinnen. Während sie entsprechende Pläne schmiedet, sie über die Kontrolle, Wahnsinn und Liebe nachdenkt, nimmt das Büchlein ordentlich an Fahrt auf. Die Geschichte ist kurz aber von beunruhigender Energie.

Die Erinnerungen der Erzählerin fokussieren sich auf Disziplin, Zwang und verfehlte Ausbrüche aus der Enge und einem unbändigen Freiheitswunsch. Diese Extreme werden durch die beiden Mädchen repräsentiert, zwischen denen sich Eve hin- und hergerissen fühlt: Fréderique, die Nihilistin, die nahezu perfekt für Kontrolle und Gehorsam steht, und die fröhliche extrovertierte Michelle, deren Zukunftsträume sich um Parties, Freiheit und ihren Daddy drehen.

Jaeggys Novelle ist hypnotisch, man fühlt sich wie in einem dunklen Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die unschuldige Zeit der Jugend zeigt sich als alles andere als unschuldig, der schmale Grat zwischen Disziplin und Wahnsinn verschwimmt immer mehr und nichts scheint die Charaktere der Freiheit näher zu bringen.

Das New York Times Literary Supplement wählte es 1992 zu einem der Bücher des Jahres und meiner Meinung nach durchaus zu Recht.

Hier die Bücher nochmal im Überblick:

  • Rattatatam mein Herz von Franziska Seyboldt erschienen im Kiepenheuer und Witsch Verlag
  • A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“ – Chimamanda Ngozi Adichie auf deutsch erschienen unter dem Titel „Liebe Ijeawele: Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden erschienen im Fischer Verlag
  • Wir müssen die Welt verändern von Oscar Niemeyer schienen im Kunstmann Verlag
  • Psychedelics von Aldous Huxley auf deutsch in dem Band „Die Pforten der Wahrnehmung“ im Piper Verlag erschienen
  • Die seligen Jahre der Züchtigung von Fleur Jaeggy erschien im Berlin Verlag

Schmale Schönheiten I

Die fette Erkältung, die mich kürzlich lahmlegte, führte dazu, dass ich eine ganze Reihe dünner Bücher aus dem Regal holte. Ich mag das Gefühl nicht, den ganzen Tag nix zu schaffen und ein Buch durchzulesen gibt einem zu mindest ein Minimum an „erledigt“ am Tag, wenn man auch sonst nur wenig von der To Do Liste abgearbeitet bekommt.

Ob das Gefühl des immer „beschäftigt sein müssens, um sich nützlich zu fühlen“ so das Vernünftigste ist, steht auf einem anderen Blatt – auf jeden Fall habe ich mich in letzter Zeit durch eine Reihe dünnerer Bände gefräst. Hier der erste Teil derer, die ich zu den schmalen Schönheiten zähle, davon wird es sogar noch einen zweiten Teil geben. Es gab aber auch wieder Futter für die Rubrik „Connection with Reader could not be established“ – die kommen aber demnächst separat. Hier jetzt erst einmal zu denen, die ich eher zu den Schönheiten zählen würde.

Den Anfang macht „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ – Peter Stamm

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Vom Titel her hätte das auch ein Kettcar Album sein können, ich bin zumindest entsprechend darauf angesprungen. Die schönste Kurzzusammenfassung las ich in der Zeit, die dazu schrieb: „In seinem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ erzählt Peter Stamm erneut, wie Literatur so lange ins Leben eingreift, bis Realität und Fiktion verschmelzen.“

Bäm – genau so. Die Idee des Buches fand ich genial, die Umsetzung war nicht perfekt. Die Figuren haben mich überraschenderweise seltsam kalt gelassen und so schön ich auch den einen oder anderen Satz fand und ihn herausgeschrieben habe, ich fürchte das ist – trotz aller definitiv vorhandener Schönheit – ein Buch an das ich mich bald nicht mehr wirklich erinnern kann.

Christoph und Chris, Magdalena und Lena – zwei Paare in Dopplung, das jeweilige Paar mit seinem Gegenbild. Der heutige Christoph trifft sein jüngeres Ich sowie die Partnerin seines früheren Ichs und die Frage ist, könnte man sein eigenes Leben mit dem Wissen von heute rückwirkend in andere Bahnen lenken?

Ein Buch, das einen definitiv zum Nachdenken bringt, wunderschön erzählt wird, nur die Nachhaltigkeit der Geschichte, die stelle ich ein wenig in Frage. Trotzdem zähle ich das Buch definitiv zu den schmalen Schönheiten, ich habe es mit großem Genuß gelesen und wieviel ich davon in ein paar Monaten tatsächlich noch weiß, das werde ich ja sehen.

„Ich denke an mein Leben, das noch gar nicht stattgefunden hat, unscharfe Bilder, Figuren im Gegenlicht, entfernte Stimmen. Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.“

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – Ernest van der Kwast

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Vor einer ganzen Weile sahen wir in einem Restaurant einen mega-schicken Herrn – sehr extravagant und cool gekleidet, der gleichzeitig intellektuell, cool und lässig wirkte, allein an einem Tisch sitzen und lesen. Wir waren beide so fasziniert von seiner Ausstrahlung, das wir unbedingt wissen wollten, was er wohl liest. Es war Ernest van der Kwasts Buch und es hat uns umgehend in den Buchladen geführt, wo wir das Buch suchten und kauften, er hatte uns wirklich neugierig gemacht 😉

Ist das schon Leser-Stalking? Auf jeden Fall habe auch ich jetzt endlich geschafft, mich dem dünnen Büchlein zu widmen. Ich bin jetzt nicht so der Liebesgeschichten-Typ, aber es wirkte spannend, der interessante Typ hat es gelesen, die Bingereader-Gattin war sehr angetan davon und ganz ehrlich – bislang hab ich noch kein wirklich schlechtes Buch aus dem Mare-Verlag gelesen. Keine Ahnung, warum es dennoch einige Zeit dauerte, bis ich mich endlich daran machte, mich in „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ ins Italien der Nachkriegszeit zu begeben.

Die beiden Brüder Ezio und Alberto liegen im Nachkriegssommer am Meer und beobachten Mädchen, als die 20jährige Giovanna Berlucci eines Tages in einem Zweiteiler – dem ersten Bikini – aus dem Meer steigt. Ezio verliebt sich auf der Stelle und Hals über Kopf in das junge Mädchen und es gelingt ihm auch, für kurze Zeit ihr Herz zu erobern.

„Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war.“

Nach nur kurzer Partnerschaft und im Rausch der ersten Liebe macht Ezio ihr einen Heiratsantrag, doch Giovanna liebt nicht nur das Meer, sondern auch ihre Freiheit und ohne zu antworten läuft sie aufs Meer zu und verschwindet in den Fluten. Ezio kann mit dieser Schmach nicht leben, er flieht nach Südtirol, wird Apfelpflücker und tut alles, um Giovanna zu vergessen, doch nach 60 Jahren bekommt er auf einmal einen Brief von Giovanna …

„Die schöne Schrift“ – Rafael Chirbes

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Das Buch habe ich meinem Bruder irgendwann mal aus dem Regal gemopst und wenn ich recht drüber nachdenke, das nächste auch (und noch nicht wieder zurückgegeben – uiuiiiiuiiii….)

Ich habe das Buch direkt nach den „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ gelesen und der verrückte Effekt war, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die „Fünf Viertelstunden“ noch einmal zu lesen nur dieses Mal aus Giovannas Sicht, was ihr in diesen sechs Jahrzehnten so passiert ist.

Ist natürlich Quatsch, das Buch hat damit überhaupt nix zu tun, dennoch fiel es mir regelrecht schwer, mir immer wieder beim Lesen vor Augen zu halten, dass das hier ein komplett anderes Buch ist und die Lebensgeschichte einer ganz anderen Frau erzählt.

Eine einfach ältere Dame erzählt ihrem erwachsenen Sohn in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ihrem bewegten Leben, von ihren seltenen Momenten des Glücks und den häufigeren Augenblicken des Schmerzes, der Sorge, der Liebe und der Verletzungen. Die Familie hielt zusammen während der Zeit des spanischen Bürgerkrieges und den Jahren danach, doch dieser Familienzusammenhalt brach zusammen durch die Heirat ihres Sohnes mit einer überaus hübschen und ehrgeizigen Frau. Ihr wird klar wie sehr sie sich auch von ihrem eigenen Sohn entfernt hat, denn sonst würde er sie nicht aus ihrem eigenen Haus vertreiben, um an desssen Stelle ein lukratives Mietshaus zu errichten. Die Protagonistin Ana erklärt nicht nur ihrem Sohn, sondern vielmehr sich selbst, warum ihr Leben verlaufen ist, wie es verlaufen ist und was das alles für sie bedeutet.

Ein Rückblick auf ein schweres Leben voller Entbehrungen.

Ich mochte Chirbes kargen, prägnanten Schreibstil sehr, der mit sparsamen Worten so viel mehr erzählt als andere auf hunderten von Seiten. Eindrucksvoll und ganz ohne Pathos.

Air Mail – Jeffrey Eugenides

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Eugenides ist nicht nur auf der Langstrecke klasse, er überzeugt mich definitiv auch auf der Sprint-Strecke. Drei Kurzgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ersten treffen wir auf Mitchell, der in Thailand aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus mit entsprechender Diarrhö zu fasten beginnt. Dieses Fasten in einem thailändischen Backpacker-Camp nimmt immer extremere Ausmaße an wird fast zum esoterischen Spiel um Leben und Tod. Die Grenzen zwischen der realen und der spirituellen Welt zerfließen immer mehr, bis sie für Mitchell irgendwann nicht mehr wirklich von einander zu unterscheiden sind…

In der zweiten Geschichte sucht eine verzweifelte Frau mehr oder weniger nach einem Begatter, von dem sie auf einer Party ganz zwanglos etwas Samen abzapfen kann. „Bratenspritze“ ist wunderbar ironisch und vielleicht hat fast jeder von uns eine Tomasina im Bekanntenkreis, die man sich nur zu gut mit der Bratenspritze vorstellen kann.

Auf der Party erhält sie wie gewünscht den Samen, aber da ist auch Wally, der etwas klein geratene Geschäftsmann, mit dem sie vor Jahren mal zusammen war und der sie irgendwie immer noch liebt …

In der letzten Geschichte geht es um den Sohn wohlhabender Eltern, die ihr gesamtes Vermögen in eine abgewirtschaftete Hotelanlage gesteckt haben und die der Vater verzweifelt versucht, zu renovieren. So marode wie die Hotelanlage ist, ist auch die Gesundheit der Eltern und der Sohn wird sich bewusst, dass auch er irgendwann einmal seinen eigenen Wunschbildern zum Opfer fallen wird.

Kurzgeschichten auf höchstem Niveau, rasant erzählt mit spannenden Wendungen.

Hier noch mal im Überblick:

Welche Bücher für ein zwar schnelles aber dennoch tiefgründigen „Quickie“ könnt ihr empfehlen?

Darlinghissima – Janet Flanner

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Die Frauen der Left Bank in Paris haben mich immer schon sehr fasziniert und Janet Flanner ganz besonders. Ich habe kürzlich ihre Kurzportraits „Legendäre Frauen und ein Mann – Transatlantische Portraits“ gelesen und ich war einfach neugierig auf die Frau hinter dem Pseudonym „Genet“, die über 50 Jahre lang regelmäßig alle zwei Wochen für den New Yorker ihren „Letter from Paris“ über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte ihres Lebens in Paris schrieb.

Flanner kam in den 20er Jahren mit ihrer Partnerin Solita Solano (was für ein Name! 😉 ) in Paris an und wurde innerhalb kürzester Zeit Mitglied des intellektuellen Künstlerkreises um Getrude Stein, Alice B. Toklas, Djuna Barnes, Natalie Clifford Barney, Romaine Brooks, die später als die „Frauen der Left Bank“ bekannt werden sollten. Was würde ich dafür geben wie im Film „Midnight in Paris“ einmal nur in dem Kreis verbringen zu dürfen. Nur zuhören und beobachten und ein Gläschen Whisky dabei trinken.

Sie war ihr lebenlang als Journalistin tätig und politisch stets interessiert. Den 2. Weltkrieg verbrachte sie in New York wo sie 1940 die gebürtige Italienerin Natalia Danesi Murray traf und mit ihr und ihrem Sohn zusammenlebte. Schon während der Olympischen Sommerspiele 1938 veröffentlichte sie ein kritisches Portrait über Hitler und war nach dem Sieg der Allierten als eine der ersten Journalistinnen zurück in Paris, wo sie als Kriegsberichtserstatterin für den New Yorker unter anderem über die Nürnberger Prozesse berichtet.

Ihr Treffen mit der damals 38jährigen Natalia war der Beginn einer sehr leidenschaftlichen und über 38 Jahre lang andauernden Beziehung. Die beiden lebten nur die ersten vier Jahre ihrer Beziehung und die letzten drei tatsächlich zusammen, aber die Briefe in „Darlinghissima“ legen Zeugnis ab, das es ihnen trotzdem gelungen ist, eine intensive Beziehung zu führen. Flanner und Solano führten zwar bis dahin keine monogame Beziehung, doch zerbrach diese daraufhin aber endgültig.

Das Buch ist sowohl als Liebesgeschichte zu lesen, als auch als spannender Zeitbericht. Vom Ende des 2. Weltkrieges, die Nachkriegszeit, die McCarthy Ära in den USA, über der Vietnam-Krieg bis zum Watergate Skandal reichen die Berichte hinaus. Janet Flanner und Natalia Danesi verkehren mit den interessantesten Schriftstellern, Künstlern, Filmstars ihrer Zeit. Dieser über 500 Seiten dicke Schinken wird nie langweilig. Er macht Lust auf mehr, man liest nach, verläuft sich gelegentlich im Internet und kehrt doch immer wieder zu Janet und Natalia zurück.

Flanner ist eine äußerst kritische intellektuelle Kommentatorin ihrer Zeit und sie kann richtig gut schreiben. Sie kann austeilen, kümmert sich aber liebevollst um ihre Freunde.

Ein wundervolles Buch, das es verdient nicht vergessen zu werden finde ich und eines das Lust macht, wieder einmal einen schönen Brief zu erhalten oder einen zu verschicken. Ich düse jetzt auf jeden Fall seit ein paar Tagen hoffnungsfroher an den Briefkasten und habe auch schon den guten Stift und das hübsche Briefpapier rausgesucht – gute Vorsätze muß man gleich umsetzen.

„I am always paralyzed at first in this city. Like an old gray bird from the country that can find no perch. But beneath my feathers my heart beats for you, dear one.“

„I am astounded how much more close to the points of decision the young ones are today, he is for example, when at his age, until thirty or more, I drifted, events pushed me, people pushed me, a French Civilization pushed me. I was like an eccentric young middle westerner in a foreign dream in which I lost my youth without noticing and all that energy for the work which it could have brought.“

„Dammit, give me a smoked-in bar and a good old martini anytime“, exlaimed Janet …
That had been the first and last attempt I ever made to get Janet interested in exercise of any kind…

„Most of the people on cure here are Germans: Marienbad is in the Russian Zone, but apparently even before the war the Nazis were here. The Germans have changed sartorially at least … dress well, act well, and, of course, eat like elephants.“

„I don’t know if you ever see the London Time Sunday Magazine; this last Sunday it contained a profile written by Miss Brody on Colette that treats her nearly exclusively as a lesbian (so named) and incestuously in love with her mother (so phrased). Quite brilliantly written but excessively sexual I find. After all, she had another organ too, did Colette – her writer’s brain, and it was not between her legs but in her skull…“

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Darlinghissima – Briefe an eine Freundin“ im Kunstmann Verlag erschienen.