Große gemischte Tüte

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Rendezvous mit Rama – Arthur C. Clarke

Als ein riesiges mysteriöses zylindrisches Objekt im Orbit auftaucht, senden die Bewohner des Sonnensystems ein Raumschiff, um herauszufinden, was oder wer zur Hölle das ist. Die Menschen sind mittlerweile zwar multiplanetar, aber nach wie vor die einzigen Lebewesen im All – sollte sich das jetzt ändern? Und falls ja, ist das Objekt in friedlicher Absicht da oder droht Gefahr?

Die Astronauten, die mit der Aufgabe der Erkundung des riesigen Hohlzylinders beautragt sind, können zwar einige, aber längst nicht alle der Rätsel lösen, die ihnen das mysteriöse Raumschiff aufgibt. Es ist komplett leer, woher kommt es? Wer hat es gebaut und was war die Absicht dahinter?

Rama behält seine Geheimnisse erst einmal für sich, aber klar ist schnell, man hat es mit einer weit überlegenen Zivilisation zu tun.

“But at least we have answered one ancient question. We are not alone. The stars will never again be the same to us.” 

Rendezvous with Rama ist ein spannender, faszinierender Science Fiction Roman, der auch fast 50 Jahre nach seinem Erscheinen noch ungemein fesselt. Ich freue mich schon auf den nächsten Band „Rama II“.

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Convenience Store Woman – Sayaka Murata

Keiko Furukura war schon ein seltsames Kind und ihre Eltern hatten stets Sorge, wie und ob sie später in der richtigen Welt zurecht kommen würde. Als sie während ihres Studiums einen Job in einem kleinen Supermarkt annimmt, freuen ihre Eltern sich sehr und hoffen, es ist der erste Schritt in die Normalität.

Vom ersten Moment an liebt Keiko den Supermarkt, in dem sie eine vorhersehbare routinierte Welt findet, die streng nach dem Supermarkt-Handbuch gelebt wird. Dort wird genaustens festgelegt, wie die Mitarbeiter sich zu verhalten haben, was sie anziehen sollen, was sie sagen sollen und wann neue Ware bestellt wird.

Alles, was nicht im Handbuch festgelegt ist bzw. was den Feierabend betrifft, erarbeitet sich Keiko, in dem sie ihre Kollegen kopiert. Sie ahmt ihre Sprachmuster nach, ihre Art sich zu kleiden und zu essen. Kurzum, sie spielt die Rolle einer normalen Person im Supermarkt und in ihrer Freizeit.

“This society hasn’t changed one bit. People who don’t fit into the village are expelled: men who don’t hunt, women who don’t give birth to children. For all we talk about modern society and individualism, anyone who doesn’t try to fit in can expect to be meddled with, coerced, and ultimately banished from the village.” 

Doch langsam machen ihre Eltern sich wieder Sorgen. Denn sie arbeitet auch mit 36 noch im Supermarkt, hatte noch nie eine Beziehung und auch nur ein paar wenige Freunde. Keiko gefällt ihr Leben so wie es ist, doch sie merkt, dass sie etwas tun muss, damit die ständigen Nachfragen aus ihrem Umfeld aufhören…

The normal world has no room for exceptions and always quietly eliminates foreign objects. Anyone who is lacking is disposed of. So that’s why I need to be cured. Unless I’m cured, normal people will expurgate me.”

Sayaka Murata hat die Atmosphäre der kleinen japanischen Supermärkte perfekt eingefangen, die eine große Rolle in Japan spielen. Sie wirft einen scharfen Blick auf die japanische Gesellschaft und den unmenschlichen Druck, sich stets anzupassen und bloß nicht aufzufallen. Das Buch ist stellenweise irre komisch und man schließt Keiko sehr schnell tief ins Herz.

Convenience Store Woman ist ein ungewöhnlicher Roman mit einer unvergesslichen Protagonistin. Für alle Fans von Banana Yoshimoto oder Han Kang.

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Der Klavierschüler – Lea Singer

Im Frühling 1986 plant ein Mann seinen Selbstmord, doch ein bestimmtes Musikstück (Schumanns Träumerei) verhindert die Vollendung. Danach wandelt sich der Roman in ein Road Movie, in dem ein Barpianist den Mann auf eine Reise in seine Vergangenheit mitnimmt.

Hat der geplante Selbstmord etwas mit dem ängstlich gehüteten Geheimnis des weltberühmten Pianisten Vladimir Horowitz zu tun? Dieser hatte 1937 in der Schweiz eine Affäre begonnen, die sowohl seine Ehe mit der Tochter des Dirigenten Toscanini aufs Spiel setzte sowie seine gesamte Karriere.

„Aber Ehefrauen von schwulen Männern vermännlichen fast immer. Proust hat das erkannt, sagte Kaufmann. Ich weiß nicht mehr genau in welchem Teil aber irgendwo steht es in der Suche nach der Verlorenen Zeit. Wenn eine Frau auch zunächst keine männlichen Züge hat, nimmt sie die nach und nach sogar unbewusst an, um ihrem Mann durch jene Art von Mimikry zu gefallen, wie gewisse Blumen sich das Aussehen von Insekten geben, die sie anlocken wollen.“

„Angst kommt von eng, sagte mein Großvater, sie verengt den Blick und hindert einen dran, den Ausweg zu sehen. Deswegen wetterte er ein Leben lang gegen die Kirche mit ihrer Höllendrohung und ihrem Sündenhammer.“

Lea Singer stieß vor einigen Jahren auf brisante unveröffentlichte Briefe von Vladimir Horowitz an einen jungen Schweizer namens Nico Kaufmann.

50 Jahre später erzählt Kaufmann dem Barpianisten von dieser Liebe, zu der sich Horowitz nie bekennen sollte. Er sicherte damit eventuell seine Karriere, vergab sich aber auch die Chance, jemals zu sich selbst zu stehen.

Wie viel Mut fordert die Liebe? Und was geschieht mit dem, der seine Sehnsucht verleugnet?

Ein eleganter Roman, der mir sehr gefallen hat und den man ganz unbedingt bei klassischer Musik und mit einem Glas Rotwein in der Hand genießen sollte.

 

 

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Frida – Sébastien Pérez

Dieses Buch ist ein Festschmaus für die Augen. Ein Buch, das den Leser in die Welt der großen Frida Kahlo entführt. Wunderschön wie dieses Buch es schafft, den Leser in den künstlerischen Schaffensprozess der Malerin einzubinden und dabei die Themen, die Kahlo so wichtig waren (wie Leben, die Liebe, Mutterschaft, Schmerz und Tod) zu durchdringen.

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Dieses Buch ist ein Augenschmaus, den man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte.

 

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Sandra Petrignani – Wo Dichterinnen zu Hause sind

Sollte ich einmal im Lotto gewinnen, wäre genau das mein Plan: so wie die italienische Autorin und Journalistin Sandra Petrignani um die Welt reisen und die Häuser und Wohnungen von großen Autorinnen und Dichterinnen besuchen und erkunden.

Durch die Beschreibung der Wohn- und Arbeitsräume von Grazia Deledda, Marguerite Yourcenar, Colette, Alexandra David-Néel, Tanja Blixen und Virginia Woolf gelingt ihr ein spannender Einblick in das Leben und die Gefühlswelten dieser einzigartigen Autorinnen.

Für alle Fangirls und -boys der oben genannten Autorinnen natürlich ein absolutes Muss – welche Autorinnen oder Autoren hättet ihr gerne besucht?

Hier noch mal alle Bücher im Überblick:

Arthur C. Clarke – „Rendezvous mit Rama“ erschienen im Heyne Verlag.
Sayaka Murata – „Die Ladenhüterin“ erschienen im Aufbau Verlag.
Lea Singer – „Der Klavierschüler“ erschienen im Kampa Verlag.
Sébastien Pérez – „Frida“ erschienen im Jacoby & Stuart Verlag.
Sandra Petrignani – „Wo Dichterinnen zu Hause sind“ erschienen im btb Verlag.

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Noch ein Martini und ich liege unter dem Gastgeber – Michaela Karl

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Das es bei dieser Lektüre feucht zugehen würde, hatte ich vorab ja schon vermutet, dass ich aber bei der Gelegenheit das halbe Schlafzimmer unter Wasser setze und das arme Buch komplett ertränke, damit hätte ich nun doch nicht gerechnet. Die Hitzewelle vor ein paar Tagen, an die man sich jetzt fast schon nicht mehr erinnern kann, hatte mich in der ganzen Wohnung die Fenster aufreißen lassen, das kurz darauf folgende erlösende Hitzegewitter aber leider nicht dazu, das Fenster im Schlafzimmer auch wieder zu schließen *seufz*. Führte neben einer kaputten Steckdose nebst iPhone Kabel, einem feuchten Kopfkissen auch zu einer völlig ertränkten Ms Parker und ich habe sie förmlich zetern hören „Water ? Of all things possible you drown me in water?“

Nun gut, der Lektüre hat es keinen Abbruch getan, ich habe auch das vollkommen aufgeweichte Buch sehr genossen, das wellige Buch dann mit fetten Enzyklopädien wieder geplättet und halbwegs in Form gebracht und mir und Ms Parker natürlich dann nach diesen Strapazen einen wohlverdienten Martini serviert.

Die Journalistin, Autorin und Dichterin Dorothy Parker war in den 20er Jahren der Star der New Yorker Literaturszene, die für ihren bissigen Humor bekannt war. Sie arbeitet in den später 1910er Jahren für renommierte Magazine wie Vogue und Vanity Fair und in den 20er Jahren wurde sie Literaturkriterin bei The New Yorker.

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Sie gründete den legendären Algonquin Round Table mit dem Schriftsteller Robert Benchley und dem Dramatiker Robert Sherwood. Diese illustre Runde unterschiedlicher Künstler und Lebemänner und -frauen, die sich täglich im namengebenden Algonquin Hotel in Manhatten trafen, bestand aus so unterschiedliche Typen wie dem Gründer des Magazins The New Yorker, Harold Ross, dem Komiker Harpo Marx, dem Journalistin und Kritiker Alexander Woollcott, bis hin zu Schauspielern wie Tallulah Bankhead und Douglas Fairbanks. Nicht alle waren regelmäßige Teilnehmer dieses Kreises, der für seine heißen Wortgefechte ebenso bekannt war, wie für die Unmengen an Alkohol, die selbst während der Prohibitionszeit irgendwie aufzutreiben waren. Ich habe mich bei der Lektüre ständig gefragt, wann diese Menschen eigentlich überhaupt Zeit hatten zu schreiben, zu drehen, zu dichten etc. wenn sie doch stets und ständig gesoffen, gequalmt und sich gegenseitig in Affären verwickelt haben?

Michela Karls Biografie ist wunderbar leicht und informativ, der Humor staubtrocken und man erkennt in Parker eine schwierige, vielschichtige Frau, die weit mehr als einfach nur Pointenlieferantin war.

Parker, die von ihrer kurzen ersten Ehe nicht viel mehr behält als den Nachnamen, interessiert sich anfangs nicht wirklich für Politik. Was aber sicher auch der Zeit geschuldet war, dem Wunsch nach Leben und Glamour in den 20er Jahren, nach den Schrecken des ersten Weltkriegs. Allein am Broadway gingen in einem Jahr teilweise über 250 Premieren an den Start, die gesehen und rezensiert werden mussten, New York war die Literaturhauptstadt und eine Neuerscheinung jagte die nächste.

Die New Yorker Gesellschaft liegt ihr zu Füßen auch und gerade ihrer bösen Zunge wegen. Beispiel gefällig? Der Autorin eines Enthüllungsbuches, die sich beschwert, man habe dessen Erscheinen durch Polizeigewalt verhindern wollen, erklärt sie in ihrer Kolumne: „Lady, das waren keine Polizisten, sondern verkleidete Literaturkritiker.“  Auf einer Party erkundigt sich die Gastgeberin, ob Dorothy sich denn amüsiere, woraus diese zur Antwort gibt: „Ob ich mich amüsiere? Noch ein Martini und ich liege unter dem Gastgeber.“

„Men seldom make passes at Girls who wear Glasses“ (kann ich ja gar nicht verstehen 😉 )

„Immer wenn ich einen dieser Briten treffe, fühle ich mich, als würde ich ein Indianerkind auf dem Rücken herumschleppen.“

So wenig, wie sie sich zumindest in ihren jüngeren Jahren für Politik interessiert, so wenig interessiert sie sich ein Leben lang für Geld. Sie zahlt ihre Rechnungen häufig nicht, weniger aus Geiz oder Gemeinheit, als einem ziemlichen Desinteresse an Trivialitäten wie Geld oder anderen materiellen Gütern. Nach ihrem Tod findet man mehrere uneingelöste Schecks über zehntausend Dollar und das, obwohl sie gerade in ihren letzten Lebensjahren ein mehr als spartanisches Leben führen musste.

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Sie träumt lange davon, reich zu werden und wird es dann zeitweise in den 30er und 40er Jahren ausgerechnet dank Hollywood und das, obwohl sie mit dem Kino nicht wirklich viel anfangen kann „“Ich gehe nie ins Kino, weil jedes Kino auf mich nur wie eine vergrößerte, prächtig dekorierte Todeszelle wirkt.“ Sie schreibt mit ihrem zweiten Ehemann Alan Campbell Drehbücher, unter anderem für den Film „A star is born“ und für Alfred Hitchcocks Film „Saboteur“.

Während des 2. Weltkrieges wird Dorothy Parker, von ihren Freunden Dotty genannt, politisch aktiv. Sie ist entschiedene Gegnerin des Nazi-Regimes, ist Mitbegründerin der „Anti Nazi League“, setzt sich für Flüchtlinge ein und gründet in Hollywood eine Gewerkschaft für Drehbuchautoren. Sie wird Kommunistin und steht, gemeinsam mit vielen Kollegen, während der McCarthy Ära auf der schwarzen Liste. Sie entgeht knapp der Vorladung vor den Mc Carthy-Ausschuss, leidet aber ebenfalls unter dem Einstellungsverbot.

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Aber auch wenn ihre Möglichkeiten in Hollywood auf Eis gelegt waren, Dorothy Parker bleibt eine weiterhin hochgeachtete Autorin und Dichterin. 1963 kehrt sie nach jahrelangem „Exil“ nach New York zurück.

Die exzessiven wilden 20er Jahre, die für Parker und ihre Freunde eigentlich ein Leben lang andauerten, hatten einige unverwünschte Nebenwirkungen wie Alkoholismus, Depressionen, Selbstmordversuche und Herzkrankenheiten und ihr Freundeskreis beginnt sich durch frühe Todesfälle immer weiter zu lichten.

F. Scott Fitzgerald erliegt mit 44 seinem zweiten Herzinfarkt, seine Frau Zelda stirbt nur 8 Jahre später bei einem Brand in der psychiatrischen Klinik, in der sie jahrelang untergebracht war,  Hemingway nahm sich ebenso wie ihr erster und ihr zweiter Mann das Leben.

Auch Dorothy wird von ihrem Arzt gewarnt, sie sei in einem Monat tot, wenn sie in diesem Tempo weitertrinke, aber cool wie immer erwidert sie darauf „Alles leere Versprechungen.“

Am 7. Juni 1967 macht sich das Versprechen dann doch wahr und sie erliegt einem Herzinfarkt. Ich weiß nicht, ob etwas auf ihrem Grabstein steht, dieser Spruch von ihr wäre auf jeden Fall passend:

„If I abstain from fun and such, I’ll probably amount to much;
But I shall stay the way I am,
Because I do not give a damn“

Michaela Karl hat auch eine Biografie über  F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda geschrieben, die ich auch gerne noch lesen möchte.

Hier eine spannende Dokumentation über den Algonquin Table „The Ten-Year Lunch“:

Das Buch ist im btb Verlag erschienen und hier erhältlich.

Sich lieben – Jean-Philippe Toussaint

Sich lieben (Marie Madeleine Marguerite de Montalte 1) von [Toussaint, Jean-Philippe]

Vor ein paar Monaten bin ich im Feuilleton über Toussaint gestolpert, hatte noch nie von ihm gehört, aber sein neu erschienener Roman „Nackt“ hat mich neugierig gemacht und der Begriff Roman-Tetralogie klang spannend. Ja und dann fällt mir der erste Band „Sich lieben“ auch noch im offenen Bücherschrank in die Hände. Wenn das kein Zeichen ist 😉

Interessanterweise kurz nach „Takeshis Haut“ wieder ein Roman, der in Tokio spielt, das war aber eher der zufälligen Reihenfolge meines SUBs zu verdanken, als irgendeiner bestimmten Planung und wieder schwankte der Boden und mit ihm die inneren Welten der Protagonisten.

Sich lieben“ erinnert am Anfang sehr an den Film „Lost in Translation“. Die Modeschöpferin Marie befindet sich mit dem Ich-Erzähler in einem Hotel in Tokio. Es wird nicht ganz klar, welche Verwicklungen zur Trennung führen, aber diese scheint unausweichlich zu sein.  Die beiden haben ein letztes Mal Sex, der jedoch von einem eingehenden Fax jäh gestört wird.

„Es braucht Zeit, um den Menschen nicht mehr zu lieben, den man nicht mehr liebt.“

„Aber wie oft haben wir uns nicht schon zum letzten Mal geliebt?“ Ich weiß es nicht, häufig. Häufig…

„An jenem Tag, da Marie mir vorschlug, sie nach Japan zu begleiten, begriff ich, daß sie bereit war, auf dieser großen Tour unsere letzten Liebesreserven zu verheizen.

„… denn so wie die Nähe uns zerriß, so hätte uns die Ferne wieder nähergebracht.“

Touissant erzählt lakonisch und reduziert von dieser Trennung. Immer weiter schält er das Eigentliche aus der äußeren Handlung heraus, entledigt sich lässig aller unwichtigen Nebensächlichkeiten und dringt zum Kern vor. Eine Reise zum Mandelkern der Angst vor dem Verlassen und dem Verlassenwerden.

Die beiden lieben sich noch, aber stets mehr, je weniger sie tatsächlich zusammen sind. Nähe ist Gift für ihre Beziehung. Je mehr man von den beiden erfährt, desto weniger versteht man sie, desto unklarer werden ihre Beweggründe.

Der erste Teil liest sich fast quälend. Quälend im Sinne von, ich habe das alles irgendwie körperlich als quälend empfunden. Ihre Übermüdung, da sie seit fast 48 Stunden auf den Beinen sind und doch gönnen sie sich keinen Schlaf. Irren durch Tokio, gehen ins Hotelzimmer, schlafen miteinander, werden vom Fax unterbrochen, trennen sich. Er bricht in den Wellnessbereich ein, schwimmt eine Runde, geht in Hose, Tshirt und Hotelschlappen in die Lobby und trifft dort Marie im Abendkleid, ebenfalls in Hotelschlappen die das Coitus-Interrupti-Fax an der Rezeption holt. Sie gehen spazieren in der eiskalten Nacht. Es schneit, sie verirren sich, die Schlappen weichen durch und die Erde bebt wieder, sie küssen sich, lieben sich fast auf offener Straße, kurz darauf streiten sie sich wieder.

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Foto: Matt Allison

Irgendwann geht er wirklich. Reist ab zu einem Freund nach Kyoto und erst da konnte ich wieder durchatmen. Die Luft scheint freier zu sein ohne Marie und auch, wenn er grippekrank im Bett liegt und von Kyoto und seinem Freund nicht viel mitbekommt, so spürt man doch, wie gut und wichtig diese Distanz ist.

„Ich versuchte, der Gewalt der Gefühle, die mich zu Marie trugen, zu widerstehen, aber natürlich war es bereits zu spät, ihr Charme war erneut in Aktion getreten, und ich fühlte, daß ich mich wieder einmal in die Spirale hineinziehen lassen würde, diese Spirale wenn nicht der inneren Zerrissenheit und der Dramen, so doch der Leidenschaft.“

Solche Beziehungen sind wie Kerzen, die an beiden Enden brennen. Sie brennen irre hell, aber nicht dauerhaft und meist brennt einer zuerst aus und kann nicht mehr. Doch die Illusion, die Macht der Liebe könnte die immer wiederkehrenden Schmerzen und die Unerträglichkeit eines solchen Zusammensein überwinden, hält sich lange und wieder und wieder gibt man der Liebe eine Chance.

Nach „Sie lieben“ kommen die Bände „Fliehen“, „Die Wahrheit über Marie“ und „Nackt“  – Toussaint zieht einen in den Bann und man will mehr, tiefer eindringen in das Marie-Universum, die Neonlichter Tokios und bei dem Paar sein, dem die Trennung nicht so recht gelingen will. Mehr verstehen oder auch nicht, ich bin auf die kommenden Bände sehr gespannt.

Mister Aufziehvogel – Haruki Murakami

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Der Titel des Buches „Mister Aufziehvogel“ bezieht sich auf einen merkwürdigen Vogel, den nie jemand tatsächlich zu Gesicht bekommt und dessen Ruf irgendwie ein Überbringer schlechter Nachrichten zu sein scheint. Die Geschichte ist nicht einfach wiederzugeben. Man wird von Anfang an in eine Art hypnotischen Strudel hineingezogen, in dem sich das Suchen nach verschwundenen Katzen, Menschen, Gegenständen im Zentrum befindet.

Toru Okada, ein Mann in Tokio Anfang 30, hat keinen Job, keinerlei Ambitionen und eine Ehe, die langsam aber sicher zerbröselt. Als ihre Katze verschwindet, sucht er auf Anraten seiner Frau Hilfe bei dem merkwürdigen Geschwisterpaar Malta und Kreta Kano, die ihm ab da weder im echten Leben, noch im Traum,  von der Seite weichen.

Seine Frau verlässt ihn plötzlich und ohne jegliche Erklärung, er hängt viel mit einer pupertierenden Schulabbrecherin ab, die sich unaufhörlich mit dem Tod beschäftigt und die für eine Perückenfabrik arbeitet.

„Neugier kann manchmal den Mumm aus seinem Versteck hervorlocken, ihm vielleicht sogar einen richtigen Schubs geben. Aber Neugier verfliegt in der Regel bald. Mumm braucht Durchhaltevermögen.“

Toru versucht seine Frau zu finden, versucht all die verschiedenen Sachen zu verstehen, die ihm in letzter Zeit so passiert sind und um besser nachdenken zu können, begibt er sich auf den Boden eines Brunnens in der Nachbarschaft. Dort unten in der absoluten Einsamkeit macht er bizarre Erfahrungen, die wirklich sind oder auch nicht. Er wird irgendwann von Kreta Kano gerettet und im Laufe der Geschichte verbringt Toru mehr und mehr Zeit im Hotel oder in einem mysteriösen Hotelzimmer, das vermutlich nur in seiner Phantasie existiert. Es wird immer schwieriger zu unterscheiden, was wirklich ist und was nicht.

„Die Zeit entzieht in der Regel den meisten Dingen ihr Gift und macht sie harmlos“

Murakami versteht es meisterhaft Flashbacks, Träume, Zeitungsartikel, Internet Chats, Briefe und Berichte in seine Geschichte einzubauen. Bei keinem anderen seiner Bücher die ich bisher gelesen habe (eine ganze Reihe!) habe ich mich so sehr an Kafka erinnert gefühlt.

Sehr viele meiner ähnlich Murakami-besessenen Freunde haben mir immer wieder prophezeit, das Mister Aufziehvogel auch mein Lieblings-Murakami werden wird. Ist er nicht geworden. Ich finde den Roman phantastisch, werde ihn sicherlich auch irgendwann noch einmal lesen, aber sei es aus unbewusster Rebellion oder aus welchen Gründen auch immer, aber mein Lieblings-Murakami ist nach wie vor „Kafka am Strand“ wenngleich ich unmöglich wirkliche eine nachhaltige Platzierung vornehmen könnte, die Positionen würden je nach Tagesform ständig wechseln, da bin ich mir sicher.

Die Frauen in seinen Büchern sind immer die stärkeren, geheimnisvolleren die regelmässig verschwinden und auf deren Suche der meist recht antriebslose Protagonist gehen muss.

Murakami lesen und ganz besonders auch den Aufziehvogel ist, als würde man sich auf eine Achterbahnfahrt durch die Träume eines anderen Menschen bewegen. Das mag man oder eben auch nicht. Einige dieser Bilder lassen mich gar nicht mehr los. Einige sind wiederkehrende Motive seiner Bücher und ich bekomme die verwinkelten labyrinthartigen Hotelflure nicht mehr aus dem Kopf, den trockenen Brunnen, den Vogel in der merkwürdigen Gasse, die keinen Durchgang hat, der Rossini pfeifende Kellner, das Teenager-Mädchen beim ewigen Sonnenbad in den verwunschen anmutenden Gärten und leider vergesse ich auch das Hautabziehen am lebendigen Leib nicht mehr.

„Je beschränkter der geistige Horizont eines Mannes ist, desto mehr Macht kann er in einem Land gewinnen.“

Hier ist noch eine weitere sehr schöne Rezension des Buches.

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Foto: Designtaxi