Stefan Zweig

Lassen wir uns nicht beirren durch alle Unvernunft und Unhumanität der Zeit,
bleiben wir dem zeitlosen Gedanken der Humanität treu – es ist nicht so schwer!
Überall können einige Menschen, die guten Willens sind, das Wunder vollbringen,
sich zu verstehen // Stefan Zweig, 1936

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Der wunderbare Topalian & Milani Verlag hat mit den beiden Novellen „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“ nach Buchmendel und die unsichtbare Sammlung wieder ein absolutes Schmuckstück auf den Markt geworfen.

In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1888 heißt es dazu:

Amucklaufen (Amoklaufen, vom javan. Wort amoak, töten), eine barbarische Sitte unter mehreren malaiischen Volksstämmen, zum Beispiel auf Java, besteht darin, dass durch Genuss von Opium bis zur Raserei berauschte, mit einem Kris (Dolch) bewaffnet, sich auf die Straßen stürzen und jeden, dem sie begegnen, verwunden oder töten, bis sie selbst getötet oder doch überwältigt werden.“

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass Amokläufer nur im Vollrausch ihre Tat begingen.

Die Geschichte in „Der Amokläufer“ dreht sich um die plötzliche heftige Leidenschaft eines deutschen Arztes, der in einer holländischen Kolonie in Asien arbeitet für eine schöne englische Frau, die ihn um einen sehr speziellen Gefallen bittet.

Die irre Besessenheit und die verzweifelte Suche nach einer Lösung für das Problem der jungen Frau (nachdem er sie zunächst versuchte sie sexuell zu erpressen), ergeben eine sehr dramatische Dynamik der Geschichte, die der Arzt einem Passagier während einer transatlantischen Seereise erzählt. Er arbeitete als Arzt in Indonesien, fühlt sich dort aber gefangen „wie die Spinne im Netz“. Das Auftreten einer Frau und ihre kühle Überlegenheit reißen ihn aus seiner Lethargie. Er dreht völlig durch und verfolgt die Frau wie ein Amokläufer…

Foto: Topalian-Milani Verlag

„Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet, läßt deine letzte Wesenheit entbrennen, nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.“

„Der Amokläufer“ wurde 1944 in Mexiko verfilmt. Ich habe einen Ausschnitt aus dem Film gefunden, allerdings ohne Synchronisation:

Was „Der Amokläufer“ und die Geschichte „Episode am Genfer See“ miteinander verbindet, ist das Motiv des Selbstmordes. Ein sensibles Thema, zumal wenn man an Zweigs eigenen Freitod im Jahr 1944 denkt.

Vielleicht hat mich auch deshalb die zweite Geschichte noch mehr berührt, mit ihrem autobiografischen Einschlag. Sie handelt von einem russischen Soldaten, der verzweifelt versucht, nach Hause zu kommen. Urplötzlich treibt er in einem Boot auf dem Genfer See und wird dort von einem Fischer an Land gebracht. Der Mann landet in einer kleinen Dorfgemeinschaft – die ihn schnell loswerden will. Es kommt zu einem dramatischen Verlust von Mitmenschlichkeit und Leben.

Er spricht nur eine allen unverständliche Sprache und es dauert eine Weile, bis ein früher im Ausland lebender Gasthof-Besitzer diese als russisch identifiziert und es ihm gelingt, ihm zumindest rudimentär mitzuteilen, dass der Krieg noch immer andauere und es erst einmal keine Möglichkeit für ihn gibt, nach Hause zurückzukehren.

„Ein Protokoll wurde über den Vorfall aufgenommen und, da man den Namen des Fremden nicht kannte, ein billiges Holzkreuz auf sein Grab gestellt, eines jener kleinen Kreuze über namenlosem Schicksal, mit denen jetzt Europa bedeckt ist von einem bis zum anderen Ende.“

Zweigs Schreibstil ist wahnsinnig elegant, anschaulich und leicht und es verwundert nicht, dass er sehr genau wusste wie man über Verlust, Liebe und Ausweglosigkeit schreibt.

Die wunderschönen Bilder der Novellen stammen von dem Oldenburger Grafiker Michael Hahn.

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Auch die Büchergilde lässt sich nicht lumpen, wenn es um illustrierte Zweig Novellen geht und legt mit „Der Zwang“ ein überaus schönes Exemplar vor. Gelegentlich sind die Büchergilde und ich nicht so kompatibel, was Illustrationen angeht, aber das hier war endlich mal wieder ein Volltreffer.

Ohnehin gehört Zweigs „Der Zwang“ aus dem Jahr 1920 zu einer seiner besten Kurzgeschichten. Es geht darin um Ferdinand, einen Künstler, der in die Schweiz geflohen ist, um dem Kriegsdienst zu entkommen. Als er aber auch dort gefunden wird und ihm seine Einberufungsdokumente zugestellt werden, spürt er einen unüberwindbaren Zwang zu gehorchen, sehr zum Entsetzen und Abscheu seiner Frau.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht weil der Wahnsinn jetzt in der Welt stärker ist als die Vernunft. Vielleicht weil ich kein Held bin, eben deshalb wage ich nicht zu fliehen … Man kann das nicht erklären. Es ist irgendein Zwang: ich kann nicht die Kette zerbrechen, die zwanzig Millionen Menschen erwürgt. Ich kann nicht.“

Das amtliche Schreiben übt einen Zwang auf ihn aus, der seine Ehe, seine Freiheit, sein Leben bedroht. Ein Kampf gegen die eigene Feigheit und die Macht militärischer Autorität beginnt. Die Erstausgabe von Zweigs Der Zwang erschien 1920 und der Künstler Frans Masereel, engagierter Kriegsgegner, fertigte für den pazifistischen Text Holzschnitte an. Die Künstler verband eine Freundschaft, die sich neben gegenseitiger Bewunderung der künstlerischen Fähigkeiten auch auf persönlicher Ebene entwickelte.

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Foto: Büchergilde

Die Spannungen, die sich durch Ferdinands Pflichtgefühl auf der einen Seite und seine pazifistischen Überzeugungen ergeben, sowie die Liebe zu seiner Frau sind auf jeder Seite dieser kurzen Novelle spürbar. Die Holzschnitte scharfkantig und bedrohlich.

Die Geschichte ist voller Spannung, Melancholie und hat – mit Ferdinand – den wohl  romantischsten und emotionalsten Protagonisten, den Zweig je geschaffen hat.

„Frei schwang sich ihr Herz in die ewige Freiheit der Dinge, erlöst von der Wirrnis der Worte und der Menschen Gesetz.“

Wer von Stefan Zweig gar nicht genug bekommen kann, dem empfehle ich diesen Beitrag über seine Meistererzählungen

Zwei Bücher, die ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Man kann einfach nie genug Stefan Zweig lesen und mit diesen beiden Bänden habt ihr zusätzlich noch ein paar wirkliche Schmuckstücke im Regal stehen.

Meistererzählungen – Stefan Zweig

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Pünktlich zur Eröffnung der fabelhaften Zweig Ausstellung im Literaturhaus in München, wollte ich endlich die „Meistererzählungen“ von Stefan Zweig in Angriff nehmen, die schon seit ein paar Jahren in meinem Bücherregal stehen, ich aber aus irgendeinem Grund bislang noch nicht gelesen habe. Auch in der Schule bin ich ihm leider nicht begegnet und um es gleich vorweg zu nehmen, da ist mir in wirklich eine Menge durch die Lappen gegangen. Ich habe mich sofort in Stefan Zweigs Sprache verliebt. Die Geschichten haben mich wirklich vollkommen aus den Schuhen gehauen. Jetzt möchte ich alles von ihm lesen und erfreulicherweise habe ich zumindest seinen einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Ungeduld des Herzens“ noch hier stehen, bevor ich wieder die Buchhändler beglücke.

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Die Schachnovelle hat mich am tiefsten beeindruckt. Zweig’s finales Werk –  beendet im Brasilianischen Exil, nur Tage vor seinem Selbstmord an seinen Verleger verschickt ist ein beklemmendes beeindruckendes Werk. Es ist die einzige Geschichte in der sich Zweig mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt.

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Die Geschichte handelt von einem Reisenden auf einem Schiff das auf dem Weg ist von New York nach Buenos Aires. An Bord befindet sich auch der amtierende Schachweltmeister ein dumpfer, unfreundlicher arroganter Typ. Unser Reisender lässt sich zusammen mit einem anderen Passagier auf eine Schachpartie mit dem Weltmeister ein, die dieser sich recht teuer zahlen lässt. Natürlich werden sie umgehend und unprätentiös besiegt, entschliessen sich aber, sich auf eine weitere Partie einzulassen. Es sieht wieder nicht gut für sie aus als ein mysteriöser Passagier ihnen Ratschläge gibt die dazu führen, dass sie den Weltmeister tatsächlich besiegen können.

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Wie der unbekannte geheimnisvolle Fremde zu seinem unglaublichen Schachwissen gekommen ist, ist das Herzstück der Schachnovelle. Ob das Schachspiel den Machtkampf zwischen Hitler und dem Rest der Welt darstellen soll, ich weiß es nicht genau. Zweig hat den ungewissen Ausgang des Schachspiels auf jeden Fall nicht ausgehalten. Er hat sich der Verzweiflung hingegeben, sich in seiner „Zelle“ Brasilien aufgegeben. Hätte er doch nur durchgehalten. Ein paar Jahre später war Hitler schachmatt.

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Besonders beeindruckt hat mich neben der Schachnovelle auch der „Amokläufer“. Wieder eine Geschichte die auf einem Ozeandampfer spielt, wieder ein Mensch der unbedingt eine Beichte ablegen möchte. Überhaupt spielen Geständnisse in Zweig’s als psychologische Studien angelegte Geschichten eine große Rolle. Auch in „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ und „Brief einer Unbekannten“ zum Beispiel – immer die große Lebensbeichte und diese immer wieder in einer Sprache die einen fast dazu bringt, nie wieder etwas schreiben zu wollen, denn nichts wird jemals so gelungen klingen wie ein Satz von Zweig. Mich beschäftigt insbesondere die Frage warum ein weltberühmter, reicher Mann wie Stefan Zweig in den USA kein Visum bekommen konnte. Er war einer der ersten die 1933 ins Exil gingen, zunächst nach London wo er sich eine Wohnung gekauft hatte. Als sechs Jahre später Krieg erklärt wird zwischen Deutschland und England, flüchtet er weiter nach New York. Er wäre gerne dort geblieben, konnte allerdings kein Visum bekommen. Seltsam wenn man bedenkt, dass er zu dieser Zeit der wohl berühmteste und am meisten übersetzte deutschsprachige Autor war.

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Glücklicherweise konnte er ein Visum für Brasilien bekommen und er hat sich dort auch sehr wohl gefühlt. Ihm war wichtig, dass sein Selbstmord nichts damit zu tun hat, dass er sich in Brasilien nicht wohl gefühlt hat. Ich glaube er war einfach müde, depressiv, hat seine Sprache und seine Heimat vermisst und nur wenige Tage vor seinem Selbstmord war ein brasilianisches Schiff von den Deutschen torpediert worden, vielleicht hatte er das Gefühl einfach nie mehr in Sicherheit zu sein, Angst die Nazis könnten auch nach Brasilien kommen. Ich bin auf jeden Fall froh, Stefan Zweig für mich entdeckt zu haben und kann nur jedem die Ausstellung des Münchner Literaturhauses ans Herz legen und lest Stefan Zweig! IMG_1105

WIR BRAUCHEN EINEN ANDEREN MUT !