Atemschaukel – Herta Müller

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Viel zu lange habe ich – ähnlich wie Katrin Passig im Übrigen (zumindest bin ich in ganz guter Gesellschaft) – die Autorin Herta Müller irgendwie mit schwergängiger Deutschunterricht-Lektüre in Verbindung gebracht. Hätte ich gewusst, dass es von Zwangsarbeitern in einem russischen Gulag handelt, hätte ich es vielleicht auch tatsächlich noch länger liegen lassen. Und mir wäre dadurch ein wahnsinnig gutes Buch durch die Lappen gegangen.

Herta Müller hat mich tatsächlich umgehauen. Die Art und Weise, wie sie mit Sprache umgeht, hat etwas von der Präzision einer Hirnchirurgin bei der Arbeit. Ich nehme es gleich vorneweg – ich bin unglaublich beeindruckt von dieser großartigen Autorin und Nobelpreisträgerin und dieses Werk ist sicherlich nicht das letzte Buch von ihr das ich lese.

Es geht um die mir bis dahin relativ unbekannte tragische Geschichte von unzähligen Rumänen deutscher Abstammung, die offenbar als Vergeltung für den Zweiten Weltkrieg in russische Arbeitslager gezwungen wurden. Diese Menschen waren keine Kriegsgefangenen, sondern aus ihren Häusern zusammengetriebene Männer und Frauen, die fünf Jahre lang unter unfassbaren Umständen leben mussten. Sie hungerten jahrelang, da sie täglich nur zwei Mahlzeiten bekamen, bestehend aus wässriger Krautsuppe und einer Scheibe Brot. Der Hunger war allgegenwärtig, so präsent, dass er zu einem Objekt  wurde – dem Hunger-Engel, der definitiv eher ein Teufel war. Es gab keine medizinische Versorgung, und diejenigen, die starben, wurden einfach im Hinterhof begraben.

Atemschaukel ist ein Buch, das man langsam lesen muss. So brutal die Geschichte ist, so schön ist die Sprache. Ein Buch über den menschlichen Überlebenswillen und darüber, wie reich das Leben selbst unter entsetzlichsten Umständen noch sein kann.

„Es ist gar keine Katze, sagte ich mir, nur die Verpelzung der graugestreiften Langeweile, die Geduld der Angst in einer schmalen Straße.“

Am Ende seines Lebens erinnert sich ein schwuler Mann daran, wie er aus seinem Familienhaus in Rumänien in ein russisches Gulag transportiert wurde. Es geschah im Jahr 1945, und er war ein 17-jähriger Spätaussiedler, der für die Verbrechen Hitlers zur Rechenschaft gezogen wurde.  Was für ihn eine denkwürdige Zeit des sexuellen Erwachens hätte sein sollen, war in Wirklichkeit eine Zeit, in der Homosexualität ein Verbrechen war, das mit dem Tode bestraft wurde, eine Zeit, in der Stalin noch immer regierte.

„Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss. Ich bin eingesperrt in den Geschmack des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.“

Die Gespräche mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden lieferten ihr die notwendigen Hintergründe, aus dem sie diesen großartigen Roman formte. Es gelingt ihr, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Habt ihr ein Lieblingsbuch von Herta Müller – welches würdet ihr mir empfehlen?

Meine Woche

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Gesehen: The Old Guard (2020) von Gina Prince-Bythewood mit Charlize Theron. Angeführt von einer Kriegerin namens Andy kämpft seit Jahrhunderten eine verdeckte Gruppe von befreundeten unsterblichen Söldnern um die Welt zu beschützen. Coole Comic Verfilmung.

Cunk on Britain (2018) Mockumentary von und mit Diane Morgan – großartig, ich hab Tränen gelacht.

Gehört: Blasphémie – Soko, Your memory feels like home to me – The Echelon Effect, Blissful morning dream interpretation melody – Discovery Zone, Like This – Park Hye Jin, After All – Ohmme, Inspired – Julianna Barwick, DNA – Akira Kosemura, I have a radio – David Lynch

Gelesen: Bertrand Russells „In Praise of Idleness„, Why do American cities waste so much space on cars?, dieses Interview mit der Ökonomin Maja Göpel, How Munich turned it’s Corona Virus outbreak into a scientific studies, diesen Sylvia Plath Comic von Summer Pierre im New Yorker

Getan: ein Picknick an der Isar, ein Brunch bei Freundinnen zu Hause und meinen VUCA-Kurs beendet

Geplant: den Zahnarzt Besuch gut überstehen

Gegessen: sehr leckeren Glasnudelsalat

Getrunken: Cremont

Gefreut: über Jupiter und Saturn am Nachthimmel

Geärgert: nö

Geklickt: auf die unglaublich gute Rede von Alexandria Ocasio-Cortez,  auf dieses Interview mit Mariana Mazzucato „The covid-19 crisis is a chance to do capitalism right“

Gestaunt: über den ultraschwarzen Vanta-Fisch

Gelacht: Dad Photoshops Kids’ Drawings As If They Were Real, And It’s Terrifyingly Funny

Gewünscht: dieses Arbeitszimmer, dieses kühlende Kopfkissen, diese Bettwäsche

Gefunden: spannende Bücher im Bücherschrank

Gekauft: die Platon Ausgabe vom Philosophie Magazin

Gedacht: Never do things others can and will do, if there are things others cannot or will not do // Amelia Earhart

The Glass Hotel – Emily St. John Mandel

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Vincent ist Barkeeper im Hotel Caiette, einem Fünf-Sterne-Palast aus Glas und Zedernholz auf einer Insel in Kanada. Jonathan Alkaitis arbeitet im Finanzbereich und ist Eigentümer des Hotels. Als er Vincent seine Karte inklusive Trinkgeld gibt, ist das der Beginn ihres gemeinsamen Lebens. Am selben Tag kritzelt Vincents Halbbruder Paul eine Notiz an die Fensterwand des Hotels: „Warum schluckst du kein zerbrochenes Glas?“

Leon Prevant wiederum ist Abteilungsleiter einer Firma namens Neptun-Avramidis, sieht die Notiz im Fenster von der Hotelbar aus und ist bis ins Mark erschüttert. Dreizehn Jahre später verschwindet Vincent auf mysteriöse Weise vom Deck eines Schiffes der Neptun-Avramidis. Die Geschichte bewegt sich zwischen dem gläsernen Hotel,  den Wolkenkratzern von Manhattan und der Wildnis im Norden von Vancouver Island hin und her, alles ist meineinander verwoben und es entsteht ein Bild aus Habgier und Schuld, Fantasie und Wahn, Kunst und den Gespenstern der Vergangenheit.

Wer sich fragt, ob „The Glass Hotel“ wie Emily St John Mandel’s vorheriger Roman Station Eleven ist, den möchte ich vielleicht warnen. Station Eleven ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher und immer wieder mache ich den Fehler, in jedem ihrer folgenden Romane die gleiche Stimmung und Atmosphäre zu erwarten und werde jedes Mal wieder enttäuscht. ABER, was ich dafür in der Regel auf jeden Fall immer wiederfinde sind hervorragend geschriebene Romane, mit außergewöhnlichen Geschichten und Protagonistinnen.

“Memories are always bent retrospectively to fit individual narratives”

Vielleicht war es gut, dass ich aufgrund der Kurzbeschreibungen auf dem Buchrücken etwas ganz anderes erwartet hatte, weil vermutlich hätte ich ein Buch, das sich um die Finanzkrise 2008 und einen Ponzi-Scheme dreht, niemals in die Hand genommen.

“There is exquisite lightness in waking each morning with the knowledge that the worst has already happened.”

In einem Interview bemerkte St. Mandel das sie sehr von David Mitchells „Cloud Atlas“ beeinflußt wurde und das merkt man dem Buch definitiv an. Es fühlt sich an, als wären vier Bücher in einem einzigen verwoben worden. Das hat mich manchmal genervt, aber meistens fand ich es großartig.

Es gibt auch noch direktere Verbindungen. Charaktere aus Station Eleven tauchen hier wieder auf, und auch die Idee der Paralleluniversen findet sich wieder. Ich bin gespannt, ob sie wie Mitchell noch weiter mit Metafiktion experimentieren wird. Immer wieder taucht auf jeden Fall bei ihr das Thema des „Was wäre wenn“ auf: das melancholische Nachdenken darüber was hätte sein können, der Nachhall zwischen alternativen Realitäten, den Geisterversionen von alternativen Leben, die hätten sein können, wenn sie eine andere Wahl getroffen hätten.

Aus parallelen Welten entstehen parallele Geschichten, die sich klanglich unterscheiden, aber im Kern ganz ähnliche Kompositionen ergeben. Mandel’s einfühlsame Charakterisierungen, ihr akribisches Freilegen von immer tiefer liegenden Schichten sowie ihr Philosophieren über Verlust, Reue und die Zerbrechlichkeit des Lebens machen jedes ihrer Bücher zu etwas besonderem, auch wenn ich die Welt in Station Eleven immer wieder vergeblich suchen werde.

Meine Woche

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Gesehen: A secret Love (2020) von Chris Bolan. Doku um zwei Frauen, die ihre Liebe über Jahrzehnte verstecken mussten. Sehr berührend.

Killing Eve Season 3 (2020) von Sally Woodward mit Sandra Oh und Jodie Comer – immer wenn man denkt, jetzt schockt mich nichts mehr, legt die Serie noch mal einen drauf. Einfach nur genial.

The Neighbour’s Window (2019) von Marshall Curry mit Maria Dizzia. Kurzfilm um zwei Paare die glaube die anderen hätten das perfekte Leben…

Gehört: Again – Archive, Whole Life – Perfume Genius, Because the Night – Garbage & Screaming Females,  Time – Arca, XS – Rina Sawayama, Heather – Conan Gray, Sometimes Always – The Jesus & Mary Chain, Sigillum Diaboli – Lamia Vox, Vedro con mio diletto – Antonio Vivaldi, Sicilienne for violin and piano – Maria Theresia von Paradis

Gelesen: diesen Artikel über Futurist Barbara Marx Hubbard, A Neuroscientists Theory of Everything, die Welt nach Corona wird jetzt ausgehandelt, diesen Artikel über Ottessa Moshfegh, How to rebuild cities for caregiving, dieses Interview mit Jio Tolentino

Getan: die Bücherregale aufgeräumt und eine wunderschöne Wanderung durch Aying gemacht

Geplant: ein Picknick mit lieben Freunden

Gegessen: sehr gutes Sushi im Mangostin und heute Tomatensalat mit Bratbrot

Getrunken: Ayinger Weißbier

Gefreut: über unsere tolle DJ Nacht am Freitag

Geärgert: nö

Geklickt: auf diesen wunderbaren Tänzer

Gestaunt: Benjamin Bratton on „What is wrong with TED Talks

Gelacht: When you finally get your vaccine and start emitting your own Wifi signals

Gewünscht: diese Vitrine, dieses Gefäss für Keimlinge, dieses Haus

Gefunden: nix

Gekauft: Geburtstagsgeschenke

Gedacht: My entire life has been a protest // Viola Davis

Stadt der Engel – Christa Wolf

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Drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wurde der Schriftstellerin Christa Wolf Zugang zu ihren Stasi-Akten gewährt. Wolf, die für ihren Trotz und ihre Offenheit bekannt war, war nicht besonders überrascht, zweiundvierzig Bände mit Dokumenten der ostdeutschen Geheimpolizei zu entdecken. Was sie überraschte, war jedoch eine dünne grüne Mappe, deren Inhalt eine ungewohnte – und sie sehr beunruhigende – Geschichte erzählte: Anfang der 1960er Jahre war Wolf selbst Informantin der kommunistischen Regierung gewesen. Und doch hatte sie dreißig Jahre später überhaupt keine Erinnerung mehr daran. Wie konnte das sein?

Die Ich-Erzählerin, eine deutsche Schriftstellerin Mitte 60, fliegt 1992 für ein paar Monate als Stipendiatin des Getty Center nach Los Angeles. Ihr Zuhause für diese Zeit ist ein skurriles Hotel, das „Ms Victoria Old World Charm“ in Santa Monica. Dort schaut sie gerne Star Trek:

„Abend für Abend erinnert sich die Protagonistin „saß ich vor dem Fernseher, wenn die Star-Trek-Serie lief, und erlaubte mir die Ausrede, ich müsse mein Englisch vervollkommnen, wusste aber insgeheim, es war mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu schaden kommen würde.“

Selten fühlte ich mich Christa Wolf näher… 😉

Christa Wolf mischt Reisebericht, Tagebuch, Erinnerungen, Traumerzählungen und Fiktion. Dieses Buch ist ein subtiler Blick auf Selbsttäuschung, Erinnerung, Geheimnisse, das Bekenntnis zu den eigenen Werten und den Kontrast zwischen Innen- und Außenleben. Das Buch ist definitiv keine schnelle Lektüre. Ich hatte mit etwas tiefergehenden Passagen zu dem Auffinden ihrer Stasi-Akten gerechnet und eventuell mehr Aufregung und Dramatik, aber sie ist das Thema viel nuancierter angegangen.

Hatte ich zwiespältige Gefühle, als wir dann auf dem Nachhausweg in unserem Auto lange an der Kreuzung Schönhauser / Bornholmer Straße stehen mussten, weil der Strom der Trabis und Wartburgs, der auf den Grenzübergang Bornholmer zuflutete, nicht abriss? Was habe ich da wirklich gefühlt? Freude? Triumph? Erleichterung? Nein. Etwas wie Schrecken. Etwas wie Scham. Etwas wie Bedrückung. Und Resignation. Es war vorbei. Ich hatte verstanden.

Reich an philosophischen Einsichten, persönlichen Enthüllungen und lebendigen Beschreibungen einer vielfältigen Stadt und ihrer Bürger ist City of Angels ein zutiefst humaner und sehr ehrlicher Roman, der Politik, Buddhismus, Psychologie, Freundschaft, Kultur und Geschichte miteinander verbindet – ein würdevoller Abschluss einer bemerkenswerten Schriftstellerinnen-Karriere.

Meine Woche

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Gesehen: The Vast of the Night (2019) von Andrew Patterson mit Sierra McCormick und Jake Horowitz. Kleines atmosphärisches SciFi Indie-Juwel mit passendem Soundtrack, perfekt für laue Sommernächte.

Summer of ’84 (2018) von Francois Simard und Anouk Whissell. Retro Mystery-Horror, ein Mix aus Stranger Things und Stand by Me. Auch ein perfekter Sommerfilm und ebenfalls richtig gutem Soundtrack.

Ghost World (2001) von Terry Zwigoff mit Scarlett Johansson und Thora Birch. Zwei etwas skurile zynische Mädchen im Teenageralter versuchen herauszufinden, was sie nach dem Abitur mit ihrem Leben anfangen sollen. Hat mir gut gefallen.

Gehört: I Capuleti et I Montecchi – Anna Netrebko & Vesselina Kasaraova, The Vast of the Night – Erick Alexander & Jared Bulmer, Eutopia – Massive Attack, Summer of ’84 – Le Matos, The Cold Song – Klaus Nomi, Mercy – Max Richter, Healing is a Miracle – Julianna Barwick, My Sweet Lord – Nina Simone

Gelesen: Laurie Penny on Productivity is not working, über Space Age Möbel im Film, über häusliche Gewalt während der Pandemie, über die muslimische Boxerin Ramla Ali, den Text der Bachmann Preisträgerin Helga Schubert und diese Kurzgeschichte von Haruki Murakami, Hail the Maintainers, Neoliberalism – the ideology at the root of all our problems

Getan: der Bingereader Gattin bei der Prüfung die Daumen gedrückt, liebe Freunde getroffen und viel über New Work nachgedacht

Geplant: Geburtstagsgeschenke besorgen und mit meinem kaputten Knie zum Orthopäden gehen

Gegessen: Käse-Tomaten-Hörnchen und ein leckeres indisches Thali

Getrunken: auf die Prüfung mit einem 2015 Saint-Émilion Grand Cru angestossen

Gefreut: über sehr positives Feedback

Geärgert: nö

Geklickt: How A Girl From A Remote Nepali Village Became a World-Class Trail Runner, Arundhati Roy: “We Need a Reckoning”

Gestaunt: Jodie Comer reads a love letter from Vita Sackville-West to Virginia Woolf über diese mega gute Erklärung zu Quantenphysik von Drag Queen Amrou Al-Kadhi

Gelacht: über Pandas auf dem Spielplatz

Gewünscht: diese Küche, dieses XS-Klimagerät, dieses Puzzle, diesen Hoody

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: We tell people to follow their dreams, but you can only dream of what you can imagine, and depending on where you come from, your imagination can be quite limited // Trevor Noah

Meine Woche

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Gesehen: Sole Survivor (1984) von Thom Eberhardt ein kleines unbekanntes Horror-Juwel aus den 1980er Jahren, das mich von der ersten Sekunde gefesselt hat. Unbedingt anschauen.

Alien – A low budget high-cardboard remake. Großer Spaß 😉

The 3Rs (2011) von David Lynch – 1:42 min typisch verspulter, atmosphärischer Lynch

Gehört: Claws – Charli XCX, People have the power – Patti Smith,  Swill – Jónsi, Sanguine – Julianna Barwick, Spes – thisquietarmy, Apathy – Gia Margaret, Effektology – Noveller, Remotion – Grace Ferguson, Kitchen – This will destroy you, Achime – Tengger,

Gelesen: dieses Interview mit der Dirigentin Joana Mallwitz, Robots aren’t taking warehouse employees’ jobs, they’re making their work harder, Rock’n’Roll was invented by a queer black woman, diesen Artikel über die Astrophysikerin Cecilia Payne-Gaposchkin, wie Astronomie in der Brustkrebsforschung hilft und CRISPR Gene Editing Prompts Chaos in DNA of Human Embryos

Getan: eine Woche voller zufälliger und geplanter Begegnungen mit lieben Freunden, eine Hageldusche abbekommen und erste Ideen für ein neues Führungskräfte-Konzept gesammelt

Geplant: viele Interviews führen

Gegessen: sehr leckere griechische Tapas im Melina Merkouri

Getrunken: ein Taschenfass Astra

Gefreut: dass mein Bruder mein altes E-Bike gut nutzen kann

Geärgert: über den blöden Hagel der unser Hochbeet und die Balkonpflanzen kaputt gemacht hat

Geklickt: Robin DiAngelo on „White Fragility„, ‘What To The Slave Is The Fourth Of July?’: Descendants Read Frederick Douglass‚ Speech, Why some Asian accents swap Ls and Rs in English

Gestaunt: über Reichtum maßstabsgetreu und Invading Cicadas May Turn Into Sex-Crazed Zombies This Summer

Gelacht: What gives people the feeling of power

Gewünscht: diese Badematte, diese Lunchtüte, diese Schalen, diese Lampe

Gefunden: tolle Bücher im offenen Bücherschrank

Gekauft: den Kurs „Planen und handeln in der VUCA-Welt“

Gedacht: Capitalism excels at innovation but fails at maintenance // Lee Vinsel

Gemischte Tüte

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1997 reisen die neunzehnjährige Michelle und ihr gelber Spielzeugroboter Richtung Westen durch ein dystopisches Amerika. Die Ruinen gigantischer Kampfdrohnen liegen verstreut in der Landschaft, zusammen mit dem weggeworfenen Müll einer im Niedergang begriffenen Hightech-Konsumgesellschaft. Während sich ihr Auto dem Rand des Kontinents nähert, scheint sich die Welt vor dem Fenster immer schneller aufzulösen – als ob irgendwo jenseits des Horizonts der hohle Kern der Zivilisation zusammengebrochen wäre.

Großartige Illustrationen, eine ergreifende, fesselnde Geschichte und eine höllisch gute Präsentation machen dieses Buch zu einem absolut perfekten Erlebnis. Es war ein riesiges Vergnügen, dieses wunderbare Buch zu lesen. Es ist nicht gerade günstig, aber es ist sein Geld definitiv wert. Das ist kein Bildband, den man einfach nur so durchblättert, dieses Buch braucht die ganze Aufmerksamkeit und es ist für mich eines der tollsten Bücher die ich bislang dieses Jahr gelesen habe.

In the beginning, God created the neuron, and when electricity flowed through the three-dimensional nerve cell matrix in the brain, there was consciousness.

Simon Stålenhag ist ein schwedischer Künstler, Musiker und Designer, der sich auf retro-futuristische digitale Bilder spezialisiert hat. Die Schauplätze seiner Kunstwerke bildeten unter anderem die Grundlage für die Amazon-Serie „Tales from the Loop“ (2020).

Eine weitere Rezension findet ihr bei Zeichen & Zeiten.

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Why I’m No Longer Talking to White People About Race ist die Lektüre der Stunde für jeden, dem soziale Gerechtigkeit, der Zustand unserer Gesellschaft und das Miteinander unter den Menschen am Herzen liegen. Reni Eddo-Lodge erzählt die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus in Großbritannien und spricht über weiße Privilegien, weißgewaschenen Feminismus, Rassismus, Klassenunterschiede und mehr. Eddo-Lodge ist provokativ, aber jedes Wort fühlt sich notwendig und richtig an und sie verschwendet keinen Platz. Sie schafft eine perfekte Balance zwischen der Vermittlung, wie tief verwurzelt und allumfassend Rassismus wirklich ist, und der Hoffnung, dass wir die Vorherrschaft der Weißen bekämpfen können. Sie weigert sich, weiße Menschen zu verhätscheln, und fordert, die weiße Zerbrechlichkeit zu überwinden. Ich habe mindestens ein Dutzend Passagen angekreuzt, aber diese eine zu Feminismus möchte ich hier teilen:

Feminism is not about equality, and certainly not about silently slipping into a world of work created by and for men. Feminism, at its best, is a movement that works to liberate all people who have been economically, socially, and culturally marginalised by an ideological system that has been designed for them to fail. That means disabled people, black people, trans people, women and non-binary people, LGB people and working-class people. The idea of campaigning for equality must be complicated if we are to untangle the situation we’re in. Feminism will have won when we have ended poverty. It will have won when women are no longer expected to work two jobs (the care and emotional labour for their families as well as their day jobs) by default.

 

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Die alternde und zurückgezogene Hollywood-Filmikone Evelyn Hugo ist endlich bereit, die Wahrheit über ihr glamouröses und skandalöses Leben zu erzählen.

Als sie die unbekannte Magazinreporterin Monique Grant für den Job auswählt, ist in Journalistenkreisen niemand mehr erstaunt als Monique selbst. Warum sie? Warum jetzt? Monique ist beruflich kein Überflieger und macht auch gerade schwere Zeiten durch. Ihr Ehemann David hat sie verlassen, und ihre Karriere stagniert. Unabhängig davon, warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihre Biografie zu schreiben, ist Monique entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen, um ihre Karriere voranzutreiben.

People think that intimacy is about sex. But intimacy is about truth. When you realize you can tell someone your truth, when you can show yourself to them, when you stand in front of them bare and their response is ‚you’re safe with me‘- that’s intimacy.

In Evelyns Wohnung in der Upper East Side hört Monique Evelyns Geschichte zu: von ihrem Weg nach Los Angeles in den 1950er Jahren bis zu ihrer Entscheidung, das Showgeschäft Ende der 80er Jahre zu verlassen, und natürlich erfährt sie viel über die sieben Ehemänner, die Evelyns Weg pflastern. Während Evelyns Leben sich entfaltet – von rücksichtslosem Ehrgeiz, einer unerwarteten Freundschaft, über eine große verbotene Liebe – beginnt Monique eine sehr reale Verbindung zu der Schauspielerin zu spüren. Doch während Evelyns Geschichte die Gegenwart einholt, wird klar, dass sich ihr Leben auf tragische und unumkehrbare Weise mit dem von Monique überschneidet.

Mehr kann man nicht schreiben ohne heftigst zu spoilern. Das ist sehr gute Strandlektüre, die großen Spaß macht und die ich wirklich empfehlen kann. Habe es sehr gerne gelesen und es hat für spannende Diskussionen im Bookclub gesorgt. Wir waren uns einig, hohe Literatur ist was anderes, aber keine von uns konnte das Buch wirklich aus der Hand legen…

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Sollte man jedes Buch beenden, das man beginnt?

Wie hat Deine Familie Deine Art zu lesen beeinflusst?

Was ist literarischer Stil?

Was hat der Nobelpreis mit der Fußballweltmeisterschaft zu tun?

Warum findet du das Buch total doof, das ein Freund dir so empfohlen hat?

Ist Schreiben wirklich wie jeder andere Beruf?

Was passiert mit deinem Gehirn, wenn Du ein gutes Buch liest?

Der Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und Literaturprofessor Tim Parks geht diesen Fragen nach und beschäftigt sich mit all dem, worüber man sich unbewußt oder bewusst schon mal Gedanken gemacht hat mit Blick auf Bücher, Lesen und Literatur. Diese Sammlung an spannenden und teilweise provokanten Essays/Artikeln  ist ein anregender intellektueller Leckerbissen für all die bibliophilen Buchverrückten unter uns.

What wonderful minds we have, even though they don’t seem to get us anywhere, or make us happy.

Eines seiner interessantesten Themen ist „The Dull New Global Novel“. In zunehmendem Maße ist der Markt für neue Romane eher global als lokal oder national. Ein Roman eines bekannten Schriftstellers wird in der Regel in ausländischen Ausgaben gleichzeitig mit der Originalausgabe herausgegeben. Die Bedeutung einer anständigen Übersetzung oder einer einfachen Übersetzung steht an erster Stelle und verändert die Art und Weise, wie manche Romanschriftsteller schreiben – „Kazuo Ishiguro hat davon gesprochen, wie wichtig es ist, Wortspiele und Anspielungen zu vermeiden, um es dem Übersetzer leicht zu machen“. Parks lehrt Übersetzen in Italien und hat hat daher jede Menge interessante Einsichten und Ansichten zu diesem Thema.

Ein Nebeneffekt eines internationalen Marktes für Bücher ist, dass ein bestimmter Stil zu einem unauslöschlichen Merkmal werden kann. Der magische Realismus wurde zu einem solchen Markenzeichen der südamerikanischen Literatur, dass es für südamerikanische Schriftsteller richtig schwierig wurde, veröffentlicht zu werden, wenn sie es wagen sollten nicht das Markenzeichen „magischer Realismus“ zu verwenden.

„Nur wenige Kunstwerke können universelle Anziehungskraft haben“, argumentiert er. Für ihn ist einige der besten Literatur lokal, denn sie verlangt, dass der Leser ein bestimmtes Milieu versteht. Dieser Aspekt der Literatur kämpft gegen den Trend des Globalismus, denn Lokalitäten und kulturelle Besonderheiten lassen sich nicht so gut übersetzen, weder im wörtlichen noch im metaphorischen Sinne. Zu den Schriftstellern dieser Form gehören seiner Ansicht nach Barbara Pym, Henry Green, Natalia Ginzburg – und es gibt durchaus Aspekte dieses Lokalismus/Nichtuniversalismus bei Thomas Hardy, Jane Austen, Shakespeare.

Wer gerne Bücher über Bücher liest und sich grundsätzlich für die Situation der Weltliteratur interessiert, sollte sich dieses Buch keinesfalls entgehen lassen.

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Du bist 82 Jahre alt. Du bist sechs Zentimeter geschrumpft, wiegst nur noch 45 Kilo und bist trotzdem noch schön, anmutig und begehrenswert“ – so beginnt André Gorz‘ „offener Liebesbrief“ an die Frau, mit der er seit 58 Jahren zusammenlebt und die neben ihm im Sterben liegt.
Als einer der führenden Nachkriegsphilosophen Frankreichs schrieb André Gorz viele einflussreiche Bücher, aber nichts von dem, was er schrieb, wurde je so populär oder wird so in Erinnerung bleiben, wie dieser einfache, leidenschaftliche, schöne Brief an seine sterbende Frau.

In einem bittersüßen Postskriptum ein Jahr nach der Veröffentlichung des Briefes an D markierte eine an die Tür geheftete Notiz für die Putzfrau das letzte Kapitel einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte. André Gorz und seine todkranke Frau Dorine fanden sich friedlich nebeneinander liegen, nachdem sie sich gemeinsam das Leben genommen hatten. Sie konnten einfach nicht ohne einander leben.

Der internationale Bestseller „Brief an D“ ist die ultimative Liebesgeschichte – und um so ergreifender, weil sie wahr ist.

Hier noch mal die Bücher im Überblick inklusive der jeweiligen deutschen Übersetzung:

  • Simon Stålenhag – The Electric State erschienen bei Fischer Tor.
  • Reni Eddo-Lodge – Why I’m no longer talking to white people about race erschien auf deutsch unter dem Titel Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche bei Klett-Cotta
  • Taylor Jenkins Reid – The seven husbands of Evelyn Hugo erschienen bei Simon & Schuster
  • Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen erschienen im Kunstmann Verlag
  • André Gorz – Brief an D erschienen im Rotpunktverlag