Atemschaukel – Herta Müller

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Viel zu lange habe ich – ähnlich wie Katrin Passig im Übrigen (zumindest bin ich in ganz guter Gesellschaft) – die Autorin Herta Müller irgendwie mit schwergängiger Deutschunterricht-Lektüre in Verbindung gebracht. Hätte ich gewusst, dass es von Zwangsarbeitern in einem russischen Gulag handelt, hätte ich es vielleicht auch tatsächlich noch länger liegen lassen. Und mir wäre dadurch ein wahnsinnig gutes Buch durch die Lappen gegangen.

Herta Müller hat mich tatsächlich umgehauen. Die Art und Weise, wie sie mit Sprache umgeht, hat etwas von der Präzision einer Hirnchirurgin bei der Arbeit. Ich nehme es gleich vorneweg – ich bin unglaublich beeindruckt von dieser großartigen Autorin und Nobelpreisträgerin und dieses Werk ist sicherlich nicht das letzte Buch von ihr das ich lese.

Es geht um die mir bis dahin relativ unbekannte tragische Geschichte von unzähligen Rumänen deutscher Abstammung, die offenbar als Vergeltung für den Zweiten Weltkrieg in russische Arbeitslager gezwungen wurden. Diese Menschen waren keine Kriegsgefangenen, sondern aus ihren Häusern zusammengetriebene Männer und Frauen, die fünf Jahre lang unter unfassbaren Umständen leben mussten. Sie hungerten jahrelang, da sie täglich nur zwei Mahlzeiten bekamen, bestehend aus wässriger Krautsuppe und einer Scheibe Brot. Der Hunger war allgegenwärtig, so präsent, dass er zu einem Objekt  wurde – dem Hunger-Engel, der definitiv eher ein Teufel war. Es gab keine medizinische Versorgung, und diejenigen, die starben, wurden einfach im Hinterhof begraben.

Atemschaukel ist ein Buch, das man langsam lesen muss. So brutal die Geschichte ist, so schön ist die Sprache. Ein Buch über den menschlichen Überlebenswillen und darüber, wie reich das Leben selbst unter entsetzlichsten Umständen noch sein kann.

„Es ist gar keine Katze, sagte ich mir, nur die Verpelzung der graugestreiften Langeweile, die Geduld der Angst in einer schmalen Straße.“

Am Ende seines Lebens erinnert sich ein schwuler Mann daran, wie er aus seinem Familienhaus in Rumänien in ein russisches Gulag transportiert wurde. Es geschah im Jahr 1945, und er war ein 17-jähriger Spätaussiedler, der für die Verbrechen Hitlers zur Rechenschaft gezogen wurde.  Was für ihn eine denkwürdige Zeit des sexuellen Erwachens hätte sein sollen, war in Wirklichkeit eine Zeit, in der Homosexualität ein Verbrechen war, das mit dem Tode bestraft wurde, eine Zeit, in der Stalin noch immer regierte.

„Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss. Ich bin eingesperrt in den Geschmack des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.“

Die Gespräche mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden lieferten ihr die notwendigen Hintergründe, aus dem sie diesen großartigen Roman formte. Es gelingt ihr, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Habt ihr ein Lieblingsbuch von Herta Müller – welches würdet ihr mir empfehlen?

2 Kommentare zu “Atemschaukel – Herta Müller

  1. Pingback: Herta Müller: Atemschaukel [Rezension]

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