Meine Woche

man in green

Gesehen: Lucy – Ein cooler kaugummi-comic-bunter wunderbar abgedrehter action geladener Film – hat mir Spaß gemacht.

Gehört: die neue Morrissey Platte und viel Oper. Besonders schön: diese und diese

Gelesen: ein Interview mit Haruki Murakami, und eines mit einer mir bis dahin völlig unbekannten Frau – Mary Baumeister – das ich sehr bewegend fand.

Getan: nächste Workshops vorbereitet und geschrieben, gelesen, Freunde getroffen

Gegessen: ein richtig leckeres veganes Menü bei einer Freundin

Getrunken: einen wirklich guten Mai Tai im Havanna Club, der mir bislang irgendwie entgangen war. Schöne Bar, gute Cocktails, nette Bedienung.

Gefreut: das wir im April eine Woche nach Andalusien fahren. Und über einen großzügigen Menschen in Boston.

Geärgert: das es in manchen Restaurants nicht einmal ein Glas Leitungswasser zum Wein gibt – Geiz ist nicht geil!

Gelacht: über den Roo-Gips von Joey

Geplant: meine Fotos auf dem Rechner endlich mal zu sortieren

Gewünscht: diese Büx sollte ich jemals im Lotto gewinnen 😉 Die muß aber soooo kuschelig sein.

Gekauft: 2 Bücher: Max Frisch und Sasa Stanisic und die neue Morrissey Platte

Gefunden: 10 Cent in der Sofaritze

Geklickt: auf einen Bericht über die von Interior-Designerin Ilse Crawford eingerichtete Residency –  hyggelig 🙂

(diese Auflistung bei philuko gesehen für toll befunden und übernommen – hoffe, das ist ok).

Das rote Haus – Mark Haddon

das rote haus

Wer Mark Haddons „Das Rote Haus“ aus großer Begeisterung für „The curious incident of the dog at night-time/Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ in die Hand nimmt, der sei ein wenig gewarnt. Dieses Buch ist deutlich anders.

Mir kam Mark Haddon hier vor wie einer, der üblicherweise mit Kapuzenpulli und Chucks durch die Gegend läuft und der sich nun unbedingt erwachsen geben will und sich mit einem nicht recht sitzenden Smoking verkleidet. Momentan ist es ja – insbesondere wie mir scheint – bei männlichen „mittelalten“ Autoren recht en vogue im „stream of consciousness“ zu schreiben, oft gefühlt, als würden sie damit ihre Seriosität erhöhen wollen. Auch Haddon übt sich im „Roten Haus“ darin und lässt den Leser oft ratlos zwischen Gedankenströmen, Listen, Buchauszügen und fragmentierten Sätzen herumwandern.

Im zweiten Teil des Buches wird das erfreulicherweise etwas weniger und man kann den Geschichten der verschiedenen Familienmitgliedern wesentlich besser folgen.

Denn abgesehen von den abstrusen Fragmenten und Gedankenfetzen ist es ein wirklich gutes Buch mit komplexen und vielschichtigen Charakteren, die einem teilweise auch sehr ans Herz wachsen.  Die Story selbst ist schnell erzählt. Die Woche Ferien in Wales im roten Haus vereint das sich voneinander entfernte Geschwisterpaar Angela und Richard, die in den den letzten 15 Jahren kaum mehr als einen Nachmittag miteinander verbracht haben. Der Tod der Mutter ist der Anlass für diesen Ausflug beider Familien in ein altes, rotes Backsteinhaus.

Jedes Familienmitglied kommt mit einer Menge emotionalem Gepäck: Geheimnisse, Verletzungen, Missverständnise, Ängste. Wie Tolstoi eben „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“. Dabei geht es gar nicht so sehr um großes Unglück, mehr so das normale, alltägliche mehr oder wenig große Unglücklichsein.

Richard bringt seine neue Ehefrau und deren 15-jährige Tochter Melissa mit. Melissa gibt das frühreife Miststück, permanent am Flirten und mit recht scharfer Zunge ausgestattet.

Angelas Ehemann ist ein ziemlicher Schlaffi, als vielversprechender, aber niemals erfolgreicher Musiker empfindet er dem erfolgreichen Richard gegenüber Minderwertigkeitskomplexe, lebt nur noch neben Angela her und tröstet sich mit einer anhänglichen Geliebten über seinen grauen Alltag hinweg. Ihre Kinder, die Teenager Daisy und Alex, haben ihre eigenen Schwierigkeiten, sich in der Welt zurecht zu finden. Daisy ist in die Religiosität geflüchtet, um sich von ihrer etwaigen Homosexualität ablenken zu können, Alex wirft sich auf den Sport und versucht durch klare Regeln und Disziplin sein Leben in Ordnung zu halten. Benyi, der kleine 8-jährige Sohn von Angela und Dominic, ist wohl der Unbelastetste von allen.

Im Buch lauern stets und ständig Konflikte und Missverständnisse. Komische und ernste, kleine und große. Das größte trägt Angela mit sich herum und im Laufe dieser Woche bricht dieses endlich auf. Ich liebe Haddons Charaktere, die Empathie, die seine Figuren ausstrahlen (insbesondere meiner Meinung nach die der Jugendlichen).

Dadurch das es keinen zentralen Erzähler im Buch gibt, schwenken die Ansichten rapide hin und her zwischen den 4 Erwachsenen, den 3 Teenagern und dem kleinen Jungen. Ja, das ist ab und an etwas anstrengend, aber diese Mühe lohnt sich. Die sollte man sich unbedingt geben, dafür denke ich, kann man sich ab und zu erlauben, über die anstrengenden ollen Listen, Buchauszügen, Aufzählungen von Inhalten in irgendwelchen Geschäften etc. drüber weg zu lesen.

Es ist nicht allzu schwierig, den verschiedenen Stimmen zu folgen, wenn man ein wenig aufpasst, das Buch ist allerdings eine ziemliche emotionale Achterbahn.

Also meine Damen und Herren, nehmen sie Platz in Haddons Achterbahn, aber schnallen sie sich an für eine anstrengende, aber durchaus lohnende Fahrt.

„Du hasst Richard, weil er dreihundert Meilen entfernt in Edinburgh in seinem großzügigen, georgianischen Apartment am Moray Place umherschlendert, während du auf diesem abgenutzten olivgrünen Stuhl sitzt und Mum dabei zuhörst, wie sie durch den Käfig ihres gebrochenen Geistes tobt.“

„Man konnte darum bitten, in den Arm genommen zu werden, wenn man traurig war oder sich weggetan hatte, doch wenn es einfach so spontan passierte, fühlte man sich innen drin so warm.“

„Kämpfen oder die Flucht ergreifen, dieser treue Wachhund, der seit Millionen von Jahren nicht von unserer Seite weicht und uns vor jedem Anzeichen von Gefahr warnt. Doch wie konnte man vor einem Hirngespinst flüchten? Wie konnte man den Bildern in seinem Kopf entkommen? Wie hatte es Hecht noch in seinem Artikel für Nature ausgedrückt, wir hatten die Welt da draußen gezähmt, aber nicht die Waffen, die wir besaßen, um in ihr zu überleben.“

„Doch als er dies tat, sagte Richard, bloß, Wunderbar, ohne Anzeichen von Überraschung oder Erleichterung, sodass Dominic sich kurzzeitig fragte, ob es möglich war, die Zukunft schon dadurch zu beeinflussen, dass man sie mit großem Selbstbewußtsein vorhersagte.“

I Capuleti E I Montecchi

Nach wie vor mit einer der schönsten Opern die ich in München gesehen habe: „I CAPULETI E I MONTECCHI“ mit Vessellina Kasarova und Anna Netrebko.

Das war unglaublich. Und ich will noch immer Kasarova’s Lederjacke, die hier im Bild leider nicht zu sehen ist 😉

https://thadieu.wordpress.com/2014/08/27/screencap-for-midweek/

thadieu's opera rambling outlet

was listening to a loooong playlist while working through the night, and naturally this came past… and got a rewind.. i simply amazed how well it was delivered, not the image dear reader**, but the vocal part, how true it was. amazing musicianship*.
screencap

——–
* musicianship:
noun
1.
knowledge, skill, and artistic sensitivity in performing music.

** the image definitely doesn’t hurt

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Meine Lieblinge (1)

Habe beschlossen, es wird Zeit, dass ich hier nach und nach mal meinen liebsten Buchläden in der Welt so vorstelle. Den Anfang macht Literatur Moths in München in der Rumfordstraße. Ein toller Laden, der auch meine heißgeliebten Büchergilden-Bücher vertreibt, immer wieder sehr spannende Bücher auftut, sehr ästhetisch eingerichtet ist, buchvernarrtes, kompetentes Personal hat und auch des Öfteren tolle Lesungen anbietet.

Ein Buchladen ganz nach meinem Geschmack – nicht zu groß, nicht zu klein – ganz wunderbar. Hier ein paar Eindrücke von meinem gestrigen Besuch:

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Der Mond flieht – Rax Rinnekangas

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Finnland ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse, eine gute Gelegenheit also, sich literarisch mit Rax Rinnekangas in den hohen Norden zu begeben. Und dann ist es auch noch das nächste Buch, das im Lesekreis des Münchner Literaturhauses besprochen wird und ich wollte ja im September buchclubtechnisch mal fremd gehen. Nicht, dass ich meinem eigentlichen Buchclub jemals untreu werden würde, aber ich schau mal vorbei bei der Konkurrenz 😉

„Der Mond flieht“ ist ein dünnes Bändchen, es kommt ganz leicht und zart als Sommergeschichte getarnt daher und eine Sommergeschichte ist es schon auch. Aber auch viel viel mehr. Von der ersten Seite an ahnt man, dass etwas Schreckliches passieren wird, aber dieses sich langsam anschleichende Grauen kann die wundervoll leichte, poetische Sommerstimmung trotzdem niemals zerstören.

Ich mag solche langsamen Bücher ja sehr gerne, die überwiegend von der Atmosphäre und der Sprache leben und nicht allein von der äußeren Handlung. Mich hat das Buch sehr gefangen genommen und auch überrascht.

In „Der Mond flieht“ erzählt Rinnekangas in wirklich wunderschöner poetischer Sprache vom 13-jährigen Lauri und seinen beiden Cousins Leo und Sonja. Er verbringt wie jedes Jahr den Sommer bei den beiden auf dem Land in Nordfinnland, in Latvala, wo er sich mit den beiden in eine geheimnisvoll-sinnliche Bewußtseinsebene hineinträumt.

Dieses kurze knapp 160 seitige Meisterwerk beschreibt äußerst präzise die verwirrende Gefühlswelt der Jugendlichen, die in der streng gläubigen, asketischen und langweiligen Atmosphäre im Haus von Leo und Sonja’s Eltern auf der Suche sind nach ihrer Identität und die sich tänzelnd auf der Schwelle zwischen Kindheit und Adoleszenz bewegen.

Die starke, selbstbewußte Sonja führt die beiden Jungen durch die Spiele und die Fantasiewelten.  „Ihr waren auch das Tempo und der Rhythmus zu verdanken, mit denen wir uns im Mondschein unseres Geistes vorwärtsbewegten.“

„Sonja war für Leo und mich kein sterblicher Mensch. Sie bestand aus Wunderenergie, die uns das Gefühl verlieh, mehr zu sein, als wir waren, und die Art und Weise, wie Sonja uns und sich selbst behandelte, schuf den Glauben, dass wir drei tatsächlich in einer Welt lebten, in der es neben uns keine weiteren Menschen gab.“

„Sonja führte uns in eine Finsternis, die faszinierend und unbekannt war und in der es glühte. (…) Unsichtbare, von unten her wachsende Flammen leckten an dem magischen Stein, auf dem wir schwankten, balancierten, uns aufrecht zu halten versuchten.“

Angeführt von Sonja stolpern sie in ein tödlich endendes, verbotenes Terrain. Die Erwachsenen sind so mit sich und ihrer Religiösität beschäftigt, sie bemerken nichts von alledem. „Erst viel später verstand ich, dass der Glaube von Onkel Eino und Tante Marjaana wie ein Schleier war, hinter dem Sonja und Leo sich zu dem entwickeln konnten, was sie waren. Die Gläubigen hatten vor lauter Glauben ihre eigenen Kinder nicht gesehen.“

Die Geschichte entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ich bin nicht überrascht, dass Rinnekangas für dieses Buch den Finnischen Nationalpreis für Literatur erhalten hat. Rinnekangas ist einer der bekanntesten Künstler Finnlands. Nicht nur Autor, auch Regisseur, Fotograf.

Ein absoluter Lesetipp, der gut einstimmt auf das Buchmessen-Gastland Finnland und nicht nur ein „Haus das mit dem Schicksal auf Du und Du steht“, sondern auch ein ebensolches Buch.

Bemerkenswert auch das Vorwort:

„Die Vergangenheit ist ein Ort, wo sich die Dinge anders zutragen.“ (Joseph Losey, The Go-Between)

Hier ein paar Zitate aus dem Buch die mir noch ganz besonders gut gefallen haben:

„Auf den Tod nahmen wir keine Rücksicht. Wir kannten ihn nicht und dachten auch nicht an ihn, bis er in jenem Sommer in unser Leben trat.“

„Sie waren Wesen , denen ein sonderbarer Nachtwind das Leben eingehaucht hatte, alle beide, Leo und Sonja.“

„In dieser Finsternis hörte ich Sonjass glückliches Lachen, das ich zu fassen versuchte. Erwischte ich es auch nur für einen Moment, vergaß ich meinen Schmerz und war fähig zu atmen und die kleinen Bestandteile der Wirklichkeit zu berühren, ja fast ein Mensch zu sein.“

„Weil die Wirklichkeit – die Gedanken, das Wissen, die Begriffe, die wir von uns haben – nichts anderes ist als die Summe unserer Vorstellunen.“

Hier ein Trailer zu Rinnekangas Film „WatermarkVedenpeili_press_2-860x400

Meine Woche

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Gesehen: „Capote“ – Faszinierende Verfilmung von Truman Capote’s Arbeit an seinem Buch „In Cold Blood“. Eine Reise in sein nicht unbedingt liebenswertes Inneres. Tolle Schauspieler. Philip Seymour Hoffman als auch Catherine Keener sind überragend.

Gehört:  Sandra Kolstad – interessante Elektro-Mukke aus Norwegen

Gelesen: einen interessanten Artikel über einen Typ der über 30 Jahre allein im Wald lebte – spooky

Getan: 2 Workshops gehalten – gut gelaufen

Gegessen: sehr leckeren und farblich interessanten Flammkuchen mit lila Kartoffeln, roten Zwiebeln und Feta

Getrunken: Dortmunder Hövels

Gefreut: dass in Wonnie’s Geburtstagspäckchen auch für mich was mit drin war und zwar Gesa Schneider’s „Das andere Schreiben. Kafkas fotografische Poetik“

Geärgert: das ich keine Gelegenheit hatte den öffentlichen Bücherschrank in Dortmund zu besuchen

Gelacht: über einen Kaugummi den der Typ vor mir im Flieger während des Board-Snacks hinter sein Ohr klebte, um ihn danach genüsslich wieder in seine Klappe zu schieben *schüttel*

Geplant: mir den Film „Lucy“ nächste Woche im Kino anzuschauen

Gewünscht: diese George Nelson Saucer Lampe – noch muß ich etwas sparen 😉

Gekauft: Bücher – was sonst ? 😉

Gefunden: den Radiosender The Lake – mal was anderes.

Geklickt: auf einen Artikel über Dorothy Parker auf der Paris Review und dann nicht mehr weggekommen von der Seite 😉

(diese Auflistung bei philuko gesehen für toll befunden und übernommen – hoffe, das ist ok).

Die Mandarins von Paris – Simone de Beauvoir

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Es ist immer eine gewagte Sache ein Buch, das einen mit Anfang 20 total begeistert hat, Ewigkeiten später noch einmal zu lesen. Mir ist es immer schwer gefallen, mein absolutes Lieblingsbuch zu nennen, ich habe stattdessen immer eine Handvoll – gelegentlich auch wechselnder – Lieblingsbücher. Aber die „Mandarins“ waren immer dabei. Mit diesem Buch habe ich damals blau gemacht, ich bin nicht ins profane Büro, ich wollte intellektuelle Luft schnappen und habe den ganzen Tag im Cafe Max Liebermann in den Hamburger Kunsthallen zugebracht und mir vorgestellt, ich sei in Paris 😉

Das Buch also nochmal. Großes Wagnis. Die Camus-Biografie die ich kürzlich las, dann die Reportagen von Janet Flanner – ich bin in den letzten Wochen einfach unweigerlich darauf zurück getrieben. Ich habe es gewagt und zum Glück – ich habe keine Enttäuschung erlebt. Es hat mich wieder genauso gepackt wie damals – die einzige Konzession ans Alter – ich habe dieses Mal nicht blau gemacht, sondern es im Urlaub begonnen und abends zu Ende gelesen 😉

Simone de Beauvoir ist eine Frau, deren Werk ich sehr bewundere. 1908 als ältere von zwei Töchtern in ein gutbürgerliches Elternhaus hineingeboren, studierte sie in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts Philosophie und legt als zweitbeste nach Sartre, den sie im Studium kennenlernt, ihre Prüfung ab. Sartre und Beauvoir arbeiten einige Jahre in unterschiedlichen Städten, bis sie es Mitte der 30er Jahre schaffen, beide eine Anstellung in Paris zu finden.

Sie veröffentlicht 1954 den Roman „Die Mandarins von Paris“ und es wird ihr bis dahin größter Erfolg, gekrönt durch den renommierten Prix Goncourt. Das Buch gilt als Schlüsselroman, der die Situation der intellektuellen Elite (der Mandarins) in Frankreich beleuchtet. Für Simone de Beauvoir ist alles Fiktion. Sie beleuchtet facettenreich die Situation der Intellektuellen, die nach dem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis auf der Suche nach einer Lösung sind, um Kriege ein für alle mal zu beenden, die ihre persönliche Verantwortung hinterfragen und in ihren politischen Engagements zersplittern und in verschiedenste Lager zerfallen. Die Handlung beginnt Weihnachten 1944 und endet Anfang der 50er Jahre.

Sie versuchen ihrem Gewissen zu folgen, versuchen Wege zu finden, mit den USA umzugehen, mit denen sie gemeinsam gegen die Nazis kämpften, dessen ungehemmten Kapitalismus sie aber schwer verurteilen, aber auch die Sowjetunion und der Kommunismus, der kurzfristig als allein seligmachende Ideologie dasteht, verliert mehr und mehr an Bestand durch die Informationen über brutalste Arbeitslager und Verfolgung von Andersdenkenden die aus dem stalinistischen Rußland kommen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Paare Henri Parron (Albert Camus) und Paule, sowie Robert Dubreuilh (das Pendant zu Jean Paul Satre) und Anne (Simone de Beauvoir). Dazwischen gibt es noch Nadine, die Tochter der Dubreuilh’s, die ein wenig wie die Summe all der jungen Frauen wirkt, die im realen Leben Beziehungen mit de Beauvoir und Sartre hatten.

Die Freundschaft zwischen Parron und Robert Dubreuilh zerbicht am Espoir, der Tageszeitung, die Parron leitet und die ihm wahnsinnig viel bedeutet und die Dubreilh versucht, für seine politischen Zwecke einzusetzen. Dubreilh versucht einen Weg zwischen Kommunismus und europäischem Sozialismus zu finden. Für ihn ist die Sache wichtiger als die Menschen, bei Parron ist das eher umgekehrt. Am Ende gibt es weder die Zeitung noch Dubreilh’s Bewegung.

Anne Dubreilh steht etwas außerhalb der politischen Diskussionen. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin und sucht mehr nach dem Glück im privaten Bereich als in der politischen Szene. Sie wird zu einer Vorlesungsreihe in die USA eingeladen und trifft dort auf Lewis (Nelson Algren). Es entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre, deren Zerrissenheit und späterem Ende der Situation der aus der Resistance hervorgegangenen Intellektuellen ähnelt.

Man traut de Beauvoir solche Romantik gar nicht zu, aber eines der schönsten Zitate überhaupt aus dem Buch ist eine Stelle, in der sie über ihre Liebe zu Lewis sagt:

„She was ready to deny the existence of space and time rather than admit that love might not be eternal“

Die Liebesbeziehung von Henri und Paule steht eher für die Schattenseite der Liebe und die Rolle der Frau in traditionellen Beziehungen. Paule gibt sich völlig auf für Henri, hat keinen anderen Lebensinhalt mehr als ihre Liebe und zerbricht später nahezu völlig, als Henri die Beziehung beenden will.

Neben der politischen und privaten Sinnsuche geht es bei den „Mandarins von Paris“ auch um die Lebensweise der Links-Intellektuellen. Die meisten von Ihnen haben einen priviligierten Hintergrund und können sich im Gegensatz zu den Arbeitern, für deren Rechte sie sich einsetzen, Reisen, Restaurantbesuche, schöne Wohnungen leisten.

De Beauvoir akzeptiert die Ehe oder eine lebenslange Partnerschaft auf geistiger Ebene. Körperliche Monogamie ist nicht ihr Ding. Sowohl im Roman als auch im realen Leben wird Promiskuität ganz selbstverständlich gelebt. Ich fand es interessant, dass sich der Feminismus bei ihr am frühesten auf sexuellem Gebiet bemerkbar macht.

Der Roman schildert den Konflikt zwischen Camus und Sartre sehr gut. Mir hat gefallen, dass sie nahezu objektiv schreibt und Camus meines Erachtens den Roman zu Unrecht als einen Angriff auf seine Person empfand.

Die „Mandarins von Paris“ ist nicht nur ein Roman für die Fans von de Beauvoir, Sarte und Camus oder Anhängern des französischen Existentialismus, in den man einen kleinen Einblick bekommt, sondern für alle, die Interesse an guter, tiefgründiger Lektüre haben.

Die über 800 Seiten lesen sich nicht einfach so weg, das wäre gelogen, aber es ist ein fesselndes Buch. Es spielt großteils in Paris mit Abstechern in die USA, Portugal, Mexiko, es ist das schillernde Zeugnis einer Zeit, in der die Menschen genau wie heute auf der Suche sind, wie man authentisch und richtig lebt. Auch wenn es auf der einen Seite schon gut 60 Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch teilweise erschreckend aktuell.

„Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur.“

„Um nichts in der Welt hätte ich diese Vergangenheit noch einmal erleben wollen, und doch hatte sie durch den Abstand der Zeit einen düsteren Zauber bekommen. Ich verstand wohl, dass Lambert sich in diesem Frieden langweilte, der uns das Leben wiederschenkte, nicht aber unsere Lebensinhalte.“

„Fest stand nur, dass er ein fast angstvolles Mitleid mit allen diesen Leben verspürte, die nicht einmal versuchten, sich auszudrücken.“

„Wenn die Situation an sich ungerecht ist, kannst du nicht korrekt in ihr leben. Deshalb wird man wohl dazu veranlaßt, sich politisch zu betätigen: um eine Änderung der Situation anzustreben.“

„Sie glaubte, die Arbeit sei für uns nur ein Mittel, um Erfolg oder Vermögen zu erreichen, und ich war irgendwie davon überzeugt, daß alle diese Snobs ihre gesellschaftliche Stellung gern hergegeben hätten, um dafür Begabung und intellektuelle Erfolge einzutauschen. Schon in meiner Kindheit schien mir eine Lehrerin eine wesentlich bedeutendere Persönlichkeit als eine Herzogin oder eine Millionärin zu sein, und diese Hierarchie hat sich kaum verändert.“

„Aber es ist keineswegs das gleiche, ob man im Interesse des andern oder in seinem eigenen anspruchsvoll ist.“

„Er unterschiebt den andern gern seine eigenen Anschauungen. Sie müssen doch zugeben, daß dies eine etwas imperialistische Form ist, den andern zu schätzen.“

„Die Menschen wandeln sich, aber was nützt es, wenn man das weiß. Man möchte sie sich doch in mancher Hinsicht unbeweglich vorstellen: hier war wieder ein Fixstern, der sich plötzlich an meinem Himmel bewegte.“

„Der ist glücklich, der der Wahrheit seines Lebens ins Gesicht schauen und sich daran freuen, der sie auf den Gesichtern von Freunden entziffern kann.“

„Wenn man sich heute in die Politik mischt, so ist das Schreckliche daran, daß man zu genau weiß, welchen Preis die Fehler kosten.“

„Im Allgemeinen reagiert er auf die großen Zusammenhänge, nicht aber auf besondere Einzelfälle“.

„Überleben bedeutet letztlich, daß man unaufhörlich mit dem Leben wieder beginnt. Ich hoffte, daß ich es noch konnte.“

„Um zu erfahren, wer du bist und was du tun willst, mußt du entscheiden, wo in der Welt dein Standort ist.“

„Dazu verhilft die Literatur: sie zeigt die Welt den andern so, wie man sie selbst sieht.“

„Die Kunst ist ein Versuch, das Böse zu integrieren“.

„Es ist wahr, daß wir alle ein wenig puritanisch sind, dachte er, ich auch. Weil wir es verabscheuen, wenn man uns unsere Privilegien vor Augen führt.“

„Ihm bedeutet eine Idee keine Anhäufung von Worten, sondern etwas Lebensvolles; Ideen, die er in sich aufnimmt, werden in ihm lebendig, sie bringen alles in Unordnung, und er muß schwer arbeiten, um in seinem Kopf wieder Ordnung zu schaffen.“

Hier noch ein wirklich interessantes Porträt über Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1973. Fand ich sehr spannend 🙂