Der Mond flieht – Rax Rinnekangas

mond

Finnland ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse, eine gute Gelegenheit also, sich literarisch mit Rax Rinnekangas in den hohen Norden zu begeben. Und dann ist es auch noch das nächste Buch, das im Lesekreis des Münchner Literaturhauses besprochen wird und ich wollte ja im September buchclubtechnisch mal fremd gehen. Nicht, dass ich meinem eigentlichen Buchclub jemals untreu werden würde, aber ich schau mal vorbei bei der Konkurrenz 😉

„Der Mond flieht“ ist ein dünnes Bändchen, es kommt ganz leicht und zart als Sommergeschichte getarnt daher und eine Sommergeschichte ist es schon auch. Aber auch viel viel mehr. Von der ersten Seite an ahnt man, dass etwas Schreckliches passieren wird, aber dieses sich langsam anschleichende Grauen kann die wundervoll leichte, poetische Sommerstimmung trotzdem niemals zerstören.

Ich mag solche langsamen Bücher ja sehr gerne, die überwiegend von der Atmosphäre und der Sprache leben und nicht allein von der äußeren Handlung. Mich hat das Buch sehr gefangen genommen und auch überrascht.

In „Der Mond flieht“ erzählt Rinnekangas in wirklich wunderschöner poetischer Sprache vom 13-jährigen Lauri und seinen beiden Cousins Leo und Sonja. Er verbringt wie jedes Jahr den Sommer bei den beiden auf dem Land in Nordfinnland, in Latvala, wo er sich mit den beiden in eine geheimnisvoll-sinnliche Bewußtseinsebene hineinträumt.

Dieses kurze knapp 160 seitige Meisterwerk beschreibt äußerst präzise die verwirrende Gefühlswelt der Jugendlichen, die in der streng gläubigen, asketischen und langweiligen Atmosphäre im Haus von Leo und Sonja’s Eltern auf der Suche sind nach ihrer Identität und die sich tänzelnd auf der Schwelle zwischen Kindheit und Adoleszenz bewegen.

Die starke, selbstbewußte Sonja führt die beiden Jungen durch die Spiele und die Fantasiewelten.  „Ihr waren auch das Tempo und der Rhythmus zu verdanken, mit denen wir uns im Mondschein unseres Geistes vorwärtsbewegten.“

„Sonja war für Leo und mich kein sterblicher Mensch. Sie bestand aus Wunderenergie, die uns das Gefühl verlieh, mehr zu sein, als wir waren, und die Art und Weise, wie Sonja uns und sich selbst behandelte, schuf den Glauben, dass wir drei tatsächlich in einer Welt lebten, in der es neben uns keine weiteren Menschen gab.“

„Sonja führte uns in eine Finsternis, die faszinierend und unbekannt war und in der es glühte. (…) Unsichtbare, von unten her wachsende Flammen leckten an dem magischen Stein, auf dem wir schwankten, balancierten, uns aufrecht zu halten versuchten.“

Angeführt von Sonja stolpern sie in ein tödlich endendes, verbotenes Terrain. Die Erwachsenen sind so mit sich und ihrer Religiösität beschäftigt, sie bemerken nichts von alledem. „Erst viel später verstand ich, dass der Glaube von Onkel Eino und Tante Marjaana wie ein Schleier war, hinter dem Sonja und Leo sich zu dem entwickeln konnten, was sie waren. Die Gläubigen hatten vor lauter Glauben ihre eigenen Kinder nicht gesehen.“

Die Geschichte entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ich bin nicht überrascht, dass Rinnekangas für dieses Buch den Finnischen Nationalpreis für Literatur erhalten hat. Rinnekangas ist einer der bekanntesten Künstler Finnlands. Nicht nur Autor, auch Regisseur, Fotograf.

Ein absoluter Lesetipp, der gut einstimmt auf das Buchmessen-Gastland Finnland und nicht nur ein „Haus das mit dem Schicksal auf Du und Du steht“, sondern auch ein ebensolches Buch.

Bemerkenswert auch das Vorwort:

„Die Vergangenheit ist ein Ort, wo sich die Dinge anders zutragen.“ (Joseph Losey, The Go-Between)

Hier ein paar Zitate aus dem Buch die mir noch ganz besonders gut gefallen haben:

„Auf den Tod nahmen wir keine Rücksicht. Wir kannten ihn nicht und dachten auch nicht an ihn, bis er in jenem Sommer in unser Leben trat.“

„Sie waren Wesen , denen ein sonderbarer Nachtwind das Leben eingehaucht hatte, alle beide, Leo und Sonja.“

„In dieser Finsternis hörte ich Sonjass glückliches Lachen, das ich zu fassen versuchte. Erwischte ich es auch nur für einen Moment, vergaß ich meinen Schmerz und war fähig zu atmen und die kleinen Bestandteile der Wirklichkeit zu berühren, ja fast ein Mensch zu sein.“

„Weil die Wirklichkeit – die Gedanken, das Wissen, die Begriffe, die wir von uns haben – nichts anderes ist als die Summe unserer Vorstellunen.“

Hier ein Trailer zu Rinnekangas Film „WatermarkVedenpeili_press_2-860x400

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3 Kommentare zu “Der Mond flieht – Rax Rinnekangas

  1. Ooooh auch ich liebe Tove und die Mumins, hab mir vor einigen Jahren ein gr. Backpiece am Rücken stechen lassen mit den Moomins drauf ❤ Dein Blog ist echt super, nehm ihn hiermit in meinen Blogroll auf ^^ Alles Liebe aus Graz, Tinka

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