The Summer Book – Tove Jansson

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Tove Jansson ist die Autorin der berühmten Mumin-Kinderbücher und „The Summer Book“, ein skandinavischer Klassiker, ist eines ihrer wenigen Bücher, das sie für Erwachsene geschrieben hat. Jansson die zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland gehört und alle ihre Bücher auf schwedisch schrieb, verlor im Jahr 1972 ihre Mutter, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hatte. „The Summer Book“ ist ihre Art der Trauerbewältigung, die Geschichte eines Sommers, den eine ältere Künstlerin mit ihrer 6-jährigen Enkelin Sophia und deren Vater  auf einer winzigen Insel im Golf von Finnland verbringt.

Die Insel ist so klein, dass man sie in 4 1/2 Minuten umrundet hat und doch bietet sie dem Großmutter-Enkelin-Gespann eine unglaubliche Fülle an Abenteuern. Die Geschichte basiert auf Tove’s Nichte Sophie und ihrer eigenen Mutter Signe Hammarsten-Jansson, besonders schön, dass die Neuausgabe des Buches Fotos der echten Charaktere beinhaltet.

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„The Summer Book“ ist ein sehr leises, melancholisches Buch, das sich genauso anfühlt wie die ewig langen Sommer der Kindheit, auch wenn es nur knapp 170 Seiten hat. Ich bin selbst bei meiner Oma aufgewachsen und habe viele Parallelen gefunden, auch wenn meine Oma keine Künstlerin war. Die langen Sommer haben wir ähnlich verbracht. Unsere Insel war eine Mietwohnung mit Balkon, auch in 4 1/2 Minuten zu umrunden und doch voller Abenteuer.

“It’s funny about love‘, Sophia said. ‚The more you love someone, the less he likes you back.‘
‚That’s very true,‘ Grandmother observed. ‚And so what do you do?‘
‚You go on loving,‘ said Sophia threateningly. ‚You love harder and harder.”

Während Sophia mit ihrer Großmutter Skulpturen bastelt, haben wir im Hochsommer, wenn es auf dem Balkon nicht auszuhalten war, im kühlen Schlafzimmer gelegen und ich habe meiner Oma „Serengeti darf nicht sterben“ vorgelesen und anschließend haben wir Löwenbilder gemalt und fiktive Postkarten aus Afrika geschrieben.

“It was a particularly good evening to begin a book.”

Warum scheinen Großmütter immer irgendwie weiser zu sein als alle anderen? Ob Serengeti oder eine Wikingerinsel im finnischen Golf, unsere Großmütter waren tough, liebevoll, aber nicht sentimental. Oma-Enkelin-Gespanne auf Augenhöhe, die ganz klar die jeweils wichtigsten Menschen im Leben der anderen waren.

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Kindheits-Sommer fühlen sich ewig an, sind sie aber nicht. Sie sind trügerisch kurz, wie auch dieses Buch. Kindheit dauert nicht ewig und Großmütter leider auch nicht. Es ist ein großes Glück, bei einer starken, liebevollen Oma aufzuwachsen, die einem hilft zu werden, wer man ist oder sein möchte.

Ich wünsche diesem spröden, blauen, sonnigen Büchlein ganz viele Leser. Es ist ein tolles Leseabenteuer, nicht nur für rebellische Großmütter und deren Enkelinnen – versprochen! Und wenn man fertig ist mit „The Summer Book“ dann lest doch gleich im Anschluß noch ein paar Mumin-Geschichten, am besten spät abends so lange es noch hell ist, auf dem Balkon oder wer hat im Garten oder auf der Insel.

“Wise as she was, she realized that people can postpone their rebellious phases until they’re eighty-five years old, and she decided to keep an eye on herself.”

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Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Das Sommerbuch“ im Lübbe Verlag erschienen.

Der Mond flieht – Rax Rinnekangas

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Finnland ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse, eine gute Gelegenheit also, sich literarisch mit Rax Rinnekangas in den hohen Norden zu begeben. Und dann ist es auch noch das nächste Buch, das im Lesekreis des Münchner Literaturhauses besprochen wird und ich wollte ja im September buchclubtechnisch mal fremd gehen. Nicht, dass ich meinem eigentlichen Buchclub jemals untreu werden würde, aber ich schau mal vorbei bei der Konkurrenz 😉

„Der Mond flieht“ ist ein dünnes Bändchen, es kommt ganz leicht und zart als Sommergeschichte getarnt daher und eine Sommergeschichte ist es schon auch. Aber auch viel viel mehr. Von der ersten Seite an ahnt man, dass etwas Schreckliches passieren wird, aber dieses sich langsam anschleichende Grauen kann die wundervoll leichte, poetische Sommerstimmung trotzdem niemals zerstören.

Ich mag solche langsamen Bücher ja sehr gerne, die überwiegend von der Atmosphäre und der Sprache leben und nicht allein von der äußeren Handlung. Mich hat das Buch sehr gefangen genommen und auch überrascht.

In „Der Mond flieht“ erzählt Rinnekangas in wirklich wunderschöner poetischer Sprache vom 13-jährigen Lauri und seinen beiden Cousins Leo und Sonja. Er verbringt wie jedes Jahr den Sommer bei den beiden auf dem Land in Nordfinnland, in Latvala, wo er sich mit den beiden in eine geheimnisvoll-sinnliche Bewußtseinsebene hineinträumt.

Dieses kurze knapp 160 seitige Meisterwerk beschreibt äußerst präzise die verwirrende Gefühlswelt der Jugendlichen, die in der streng gläubigen, asketischen und langweiligen Atmosphäre im Haus von Leo und Sonja’s Eltern auf der Suche sind nach ihrer Identität und die sich tänzelnd auf der Schwelle zwischen Kindheit und Adoleszenz bewegen.

Die starke, selbstbewußte Sonja führt die beiden Jungen durch die Spiele und die Fantasiewelten.  „Ihr waren auch das Tempo und der Rhythmus zu verdanken, mit denen wir uns im Mondschein unseres Geistes vorwärtsbewegten.“

„Sonja war für Leo und mich kein sterblicher Mensch. Sie bestand aus Wunderenergie, die uns das Gefühl verlieh, mehr zu sein, als wir waren, und die Art und Weise, wie Sonja uns und sich selbst behandelte, schuf den Glauben, dass wir drei tatsächlich in einer Welt lebten, in der es neben uns keine weiteren Menschen gab.“

„Sonja führte uns in eine Finsternis, die faszinierend und unbekannt war und in der es glühte. (…) Unsichtbare, von unten her wachsende Flammen leckten an dem magischen Stein, auf dem wir schwankten, balancierten, uns aufrecht zu halten versuchten.“

Angeführt von Sonja stolpern sie in ein tödlich endendes, verbotenes Terrain. Die Erwachsenen sind so mit sich und ihrer Religiösität beschäftigt, sie bemerken nichts von alledem. „Erst viel später verstand ich, dass der Glaube von Onkel Eino und Tante Marjaana wie ein Schleier war, hinter dem Sonja und Leo sich zu dem entwickeln konnten, was sie waren. Die Gläubigen hatten vor lauter Glauben ihre eigenen Kinder nicht gesehen.“

„Auf den Tod nahmen wir keine Rücksicht. Wir kannten ihn nicht und dachten auch nicht an ihn, bis er in jenem Sommer in unser Leben trat.“

„Sie waren Wesen , denen ein sonderbarer Nachtwind das Leben eingehaucht hatte, alle beide, Leo und Sonja.“

Die Geschichte entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ich bin nicht überrascht, dass Rinnekangas für dieses Buch den Finnischen Nationalpreis für Literatur erhalten hat. Rinnekangas ist einer der bekanntesten Künstler Finnlands. Nicht nur Autor, auch Regisseur, Fotograf.

Ein absoluter Lesetipp, der gut einstimmt auf das Buchmessen-Gastland Finnland und nicht nur ein „Haus das mit dem Schicksal auf Du und Du steht“, sondern auch ein ebensolches Buch.

Bemerkenswert auch das Vorwort:

„Die Vergangenheit ist ein Ort, wo sich die Dinge anders zutragen.“ (Joseph Losey, The Go-Between)

„In dieser Finsternis hörte ich Sonjass glückliches Lachen, das ich zu fassen versuchte. Erwischte ich es auch nur für einen Moment, vergaß ich meinen Schmerz und war fähig zu atmen und die kleinen Bestandteile der Wirklichkeit zu berühren, ja fast ein Mensch zu sein.“

„Weil die Wirklichkeit – die Gedanken, das Wissen, die Begriffe, die wir von uns haben – nichts anderes ist als die Summe unserer Vorstellunen.“

Hier ein Trailer zu Rinnekangas Film „WatermarkVedenpeili_press_2-860x400