Meine Woche

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Gesehen: „The Favourite“ (2018) von Yorgos Lanthimoas. Großartiger Historienfilm um die Dreiecks-Beziehung zwischen Queen Anne und ihren Hofdamen Sarah Churchill und Abigail Hill mit Olivia Coleman, die sehr umwerfende Rachel Weisz und Emma Stone. Unbedingt ansehen!

Frantz“ (2016) von Francois Ozon. Wunderschöner Film um einen jungen Franzosen der nach Ende des 1. Weltkriegs die Eltern eines jungen Deutschen besucht. Mit Paula Beer und Pierre Niney.

Gehört: „An attemt to draw aside the veil“ – Jozef van Wissen & Jim Jarmusch „Concerto grosso“ – Friedrich Händel, „Trumpet Sonata“ & Music for a while – Henry Purcell, „Ubi caritas“ – Duruflé, „Two-Edged“ – Gladius, „Sixth Mass“ – thisquietarmy

Gelesen: Der Protest der Frauen im Iran wird lauter, The woman with Lapis lazuli in her teeth, What cafés did for liberalism, Die Erfindung des Rassismus, What our Science Fiction says about us, Digital Authoritarianism is rising

Getan: eine der heftigsten Arbeitswochen ever hinter mich gebracht, den BVB in Dortmund am Flughafen getroffen, die Christoph Niemann Ausstellung im Literaturhaus besucht und den Buchclub zu Gast gehabt

Geplant: einen tollen Workshop bei der Open Society abliefern und die Lesung von Judith Schalansky besuchen

Gegessen: One Pot Mac and Cheese Chili

Gefreut: über klingende Post und die komplettierte Karte aus Berlin

Getrauert: über den Tod von Mary Oliver hier ihr „Advice on Writing

Geklickt:  auf diesen TED Talk von Geena Rocero on „Why I must come out“ und diesen von Shohini Ghose on „Quantum Computers explained in 10 minutes“

Gelacht: Unfriending – the early years

Gewünscht: diese Ecke, diese Kombination aus Regal und Day bed und dieses Outfit

Gestaunt: Einsiedlerkrebse beim Wohnungstausch

Gekauft: nix

Gefunden: jede Menge tolle Bücher im Bücherschrank am Flughafen

Gedacht: „What are the words you do not yet have? What do you need to say?”
—Audre Lorde

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Mit Heine durch den Winter

Ich habe selten eine Biografie gelesen, bei der ich so sehr das Gefühl hatte, mit bloßen Händen einen Fisch fangen zu wollen. Heinrich Heine ist eine ganz unglaublich spannende, vielseitige, widersprüchliche Person, den ich mir ganz wunderbar in unserer Zeit twitternd und instagrammend vorstellen kann,  hier und da immer mal wieder einen Shitstorm auslösend.

Schon auf eine Beschreibung seines Äußeren können sich seine Zeitgenossen nicht einigen. Er war gleichzeitig „der typisch jüdische, große, blonde Bursche mit blauen Augen, stechend schwarzem Blick und satirischen Mundwinkeln beim viereckigen Lächeln um die blassen, vollen, dünnen, dicken Lippen, ein Burschenschaftler im Jägerhemd …..“

Heine, als Sohn jüdischer Eltern geboren, hat sein Leben lang unter den Diskriminierungen gelitten, da Juden von nahezu allen öffentlichen Positionen ausgeschlossen waren. Stets auf der Suche nach bürgerlicher Sicherheit, die ihm verwehrt wurde, und diese gleichzeitig heftig ablehnend emigrierte er 1831 nach Paris, wo er für den Rest seines Lebens blieb.

Geboren wurde er 1797 oder doch 1800 (auch über sein Geburtstag gab er gerne unterschiedliche Auskünfte) und war als Dichter, Romanautor, Kritiker und Journalist tätig. Er war eine der führenden Figures der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus ein vielseitiger und brillianter Briefschreiber, der die europäische Kultur maßgeblich beeinflußt hat. Heine kam Zeit seines Lebens ziemlich herum. Er wuchs in Düsseldorf auf, studierte 1820 Jura in Göttingen, ging im folgenden Jahr nach Berlin, wo er Vorlesungen von Hegel hörte und sich in den Literatursalons der wunderbaren intellektuellen Kreise Berlins profilierte. 1825 schloß er sein Studium ab und trat zum Christentum über in der Hoffnung, dass das seine Chancen erhöhte, eine angemessene Position zu finden. Er geriet mit seinen Gedichten und Spöttereien immer wieder mit der Zensur aneinander. Durch die Juli-Revolution 1830 in Paris motiviert siedelte er im darauffolgenden Jahr dorthin über.

Er war ein echter Kosmopolit und schrieb Essays zu den unterschiedlichsten Themen wie Musik, Politik, Literatur und Kunst. Insbesondere die Musik war ihm neben der Literatur sehr wichtig. Er war mit Berlioz befreundet und war einer der ersten, der Chopins Genie erkannte.

Ende der 1840 Jahre wurde bei ihm eine besondere Art der Tuberkulose festgestellt, die ihn zwang, den Rest seines Lebens im Bett zu verbringen, zu letzt fast gänzlich unbeweglich. Er starb im Jahr 1956 – im gleichen Jahr wie Robert Schumann.

Heine verband eine tiefe Hassliebe zu Deutschland. In „Deutschland – Ein Wintermärchen“ schreibt er über seine Reise von Paris nach Hamburg über Aachen, Köln, Mühlheim, Hagen, Paderborn, Detmold, Minden und Hannover, die er im Jahr 1843 unternahm um seine Mutter zu besuchen. In diesem Reiseberericht erfährt man nicht nur viel über die schlammigen Straßen, die harten Betten und die lokalen Spezialitäten, hauptsächlich nimmt er darin satirisch Prinzen, Könige und Kaiser aufs Korn, genauso wie die deutsche Liebe zu Militär und Mittelalter, die Kirche bekommt genauso ihr Fett weg wie die verhassten Zensoren, die in Heines Augen die Hauptschuld daran trugen, dass er überhaupt nach Paris emigrieren musste. „Deutschland – ein Wintermärchen“ wurde natürlich ebenfalls zensiert und Heine sah sich gezwungen, so manches Feigenblatt über bestimmte Textstellen zu hängen, bevor die heilige Zensur den Abdruck erlaubte. Nichtsdestotrotz sind eine ganze Reihe Leute namentlich erwähnt, heute würde er damit wohl so manche Klage zu verkraften haben.

„Und viele Bücher trag ich im Kopf!

Ich darf es euch versichern,

Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest

Von konfiszierlichen Büchern.“

„Kennst du die Hölle des Dante nicht,

Die schrecklichen Terzetten?

Wen da der Dichter hineingesperrt,

Den kann kein Gott mehr retten –

Kein Gott, kein Heiland erlöst ihn je

Aus diesen singenden Flammen!

Nimm dich in acht, daß wir dich nicht

Zu solcher Hölle verdammen.“

Die Sprache und die die Form der Reime wirken, meiner Meinung nach recht einfach. Aber es ist eine recht ausgefeilte Einfachheit, die sicherlich beabsichtigt ist. Man kann Heines Bitterkeit fast spüren in diesen Zeilen.

Mir ist Heine während meiner gesamten Schulzeit nicht begegnet und es war tatsächlich meine erste Begegnung mit ihm, mit Sicherheit aber nicht meine Letzte. Mir hat das „Wintermärchen“ Lust auf mehr gemacht. Die Biografie von Raddatz kann ich euch ebenfalls sehr ans Herz legen. Das Heine sich nicht wirklich fassen lässt, macht diese Biografie nicht weniger lesenswert und man erfährt unglaublich viel über Deutschland zu Heines Zeiten, und dessen Versuche eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich zu schlagen.

Welche weiteren Werke von Heine würdet ihr mir empfehlen?

Meine Woche

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Gesehen: „Burning“ (2018) von Lee Chang-dong mit Steven Yeun. Koreanische Verfilmung der Murakami Kurzgeschichte „Barn Burning„. Interessant fand es aber einen Ticken lang.

The Fall“ Britisch-Irische Krimiserie von Jakob Verbruggen um einen Serienkiller mit Gillian Anderson und unter anderem Archie Panjabi. Tolle Serie mit großartigen Protagonistinnen.

Gehört: „Breathe“ – Mono,  „Concerning the White Horse“ – Jozef Van Wissem & Jim Jarmusch, „Ill Wind“ – Radiohead,  „Expanses Remixes“ – The Green Kingdom, „Cruxificus“ – Antonio Lotti, „The Sense of Dust and Sheer“ – Treha Sektori, „The Big Chill“ – The Last Ambient Hero, „Black Noise“ – Harnes Kretzer

Gelesen: How Millenials became the burnout generation, Die Frau wird immer über den Mann erzählt, How Alan Turing deciphered shark skin, dieses Interview mit Judith Schalansky, Michelle Obama in conversation with Chimamanda Ngozi Adichie, what movies taught me about being a woman

Getan: Nicht die Lust der Täuschung gesehen stattdessen „Florenz und seine Maler“ und das Phantasy Filmfest besucht

Geplant: endlich die Christoph Niemann Ausstellung im Literaturhaus sehen und den Bookclub bekochen

Gegessen: sehr leckeren Flammkuchen bei lieben Freunden und feine Auberginen-Pide

Gefreut: über unseren Ausflug in die ESO Supernova in Garching, ein schönes Telefonat und über den Schnee

Geärgert: über die langen Schlangen bei der Ausstellung „Lust der Täuschung“

Geklickt:  auf den TED Talk von Cameron Russell „Looks aren’t everything“ und den von Kate Raworth „A healthy economy should be designed to thrive, not grow“

Gelacht: Unfriending – the early years

Gewünscht: dieses Haus, dieses Bild, diese Pflanzen-Bank

Gestaunt: a free little library in a 110 years old dead tree

Gekauft: Konzertkarten für Mono und „Postcards from the edge of the universe

Gefunden: Spiderman3, Gilgamesch und The Other Boleyn Girl im Bücherschrank

Gedacht: „Character — the willingness to accept responsibility for one’s own life — is the source from which self-respect springs,” Joan Didion

Eisblaue D(r)amen

2018 endete mit drei großartigen Damen und so ging erfreulicherweise das neue Jahr gleich weiter. Drei richtig gute Bücher, so lasse ich mir frisch begonnene Literaturjahre gefallen.

Den Anfang machte Judith Schalansky, auf die ich besonders gespannt war. Ich kenne bislang nur „Der Hals der Giraffe“, das ich sehr mochte und in dem ich Unmengen an Sätzen unterstrichen hatte. Die Latte hing also recht hoch…

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In zwölf Geschichten brausen wir mit ihr durch die Weltgeschichte und erfahren von ganz unterschiedlichen Verlusten, auf jeweils 16 Seiten jeweils getrennt durch eine schwarze Seite. Diese sollte man sich etwas genauer ansehen, denn wer genau schaut, der erkennt die jeweiligen Verluste. Den kaspischen Tiger, die Liebeslieder der Sappho, verlorene Gebäude und Gemälde.

„Wo Sapphos Worte lesbar sind, sind sie so unmissverständlich und klar, wie Worte nur sein können. Besonnen und leidenschaftlich zugleich erzählen sie in einer untergegangenen Sprache, die mit jeder Übersetzung erst zum Leben erweckt werden muss, von einer Himmelsmacht, die auch sechsundzwanzig Jahrhunderte später nichts von ihrer Gewaltigkeit eingebüßt hat: Die plötzliche, ebenso wundersame Verwandlung eines Menschen in ein Objekt des Begehrens, das einen wehrlos macht und Eltern, Ehegatten und Kinder verlassen lässt.“

Die Geschichten sind ganz unterschiedlicher Natur. Die gründlich recherchierten Fakten werden in poetisch knapper Sprache zu melancholischen kleinen Kunstwerken gesponnen. Ich kam aus dem Unterstreichen wieder kaum heraus. Es geht mit Captain Cook vom Atoll Tuanakai, das bei einem Seebeben verschwand, dem letzten Kampf des kaspischen Tigers im Kolosseum in Rom, einem Spaziergang einer nölenden Greta Garbo durch Manhattan, über die attische Lyrikerin Sappho hin zu einem ganz besonderen Kapitel deutscher Naturbeschreibung in Greifswald. Diese Form des „Nature Writing“ habe ich bislang in Deutschland noch nicht gelesen (was aber sicherlich meinem beschränken Lesehorizont zuzuschreiben ist, sicherlich gibt es das noch häufiger – kennt jemand Beispiele?)

Die Geschichten gehen mir noch immer nach und es hat mir riesigen Spaß gemacht, meine eigenen Recherchen zu den Geschichten zu betreiben und mich auf die Suche nach weiteren Verlusten zu begeben. Dieses Buch hätte für mich gerne noch einige weitere sechszehnseitige Verlustanzeigen enthalten dürfen. Für mich ein ganz feines Juwel und ich freue mich schon sehr auf die Lesung mit Judith Schalansky in München am 23. Januar.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Auch Maggie Nelson hat ein erstaunliches, besonderes, kleines blaues Kunstwerk geschaffen. In 240 durchnummerierten Absätzen, die kurzen Gedichten ähneln, philosophiert die Autorin über ihre unbeschreibbare Liebe zur Farbe Blau. Es ist eine Liebes- und Leidensgeschichte. Sie trauert um ihren blauen Prinzen und beschreibt gleichzeitig die Leidensgeschichte ihrer querschnittsgelähmten Freundin.

Frei, und ohne sich um irgendwelche Formbeschränkungen zu scheren, reflektiert sie über die verschiedenen Formen des Blaus in Literatur, Philosophie, Musik und Poesie. Es geht in diesen Miniatur-Essays ums Begehren, das Loslassen, das Versinken im Leid aber Nelson verfasst das nicht ohne Selbstironie, einen Hauch Sentimentalität und feministischer Intellektualität.

Ein Buch, das man auf jeder Seite aufschlagen und loslesen kann, und mit dem man bestens prokrastinieren kann. Ein paar Absätze lesen, ein passendes Musikstück raussuchen, die erwähnten Personen nachschlagen und einfach ein bisschen blau-schwermütig aus dem Fenster schauen…

Meine letzte Empfehlung passt bestens zu den aktuellen Wetterbedingungen.

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Hanna befindet sich mit einem Forscherteam in der Antarktis, als sie von ihrem Bruder eine Email mit den Worten „Scott ist tot“ erhält. Vollkommen überrascht und erschüttert versucht sie, die Nachricht vom Tod ihrer ehemals besten Freundin Fido zu verarbeiten. Die ungeklärten Fragen und immer wieder hochkommenden Erinnerungen drohen Hanna und die Expedition in Gefahr zu bringen.

Es geht nicht nur um eine Forschungsexpedition ins ewige Eis, sondern auch und vor allem um Erinnerungen und an die erste, große Liebe. Nüchtern legt Anna von Canal das Beziehungsgeflecht zwischen Hanna, ihrem Bruder Jan und Fido unter das Mikroskop. Ein spannendes poetisches Buch über die Kindheit, die Macht der Erinnerung und den eisigen Schmerz, den „Ghosting“ verursacht, das bewusste Verschwinden eines Menschen ohne jede Erklärung.

„Du bist seit zwanzig Jahren eingefroren in diesem Bild. Festgehalten in meiner letzten Erinnerung an dich. In dem Moment, bevor unsere Freundschaft endete.“

Mir gefiel dieser kurze Roman mit seiner klaren schnörkellosen Sprache und mit einem letzten Satz, über den ich noch immer nachdenken muss.

Aufmerksam wurde ich darauf durch Constanze, die auf ihrem Blog „Zeichen und Zeiten“ vor einiger Zeit schon darüber berichtete.

Meine Woche

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Gesehen: „Rosemary’s Baby“ (1968) von Roman Polanski mit Mia Farrow. Endlich habe ich diesen Horror-Klassiker mal gesehen. Hat mir sehr gut gefallen.

The Immigrant“ (2013) von James Gray mit Marion Cottilard und Joaquin Phoenix. The big american novel als Film. Unbedingt ansehen.

Aufräumen mit Marie Kondo“ (2018) – ich liebe Aufräumen immer schon. Marie Kondo hat meinen Traumjob 😉

Gehört: „Lullaby“ – Krysztof Komeda, „hibou“ – Daina Dieva, „Le Chant des Ruines“ – Cober Ord, „Binchois – Triste Plaisir“ – Jeremy Denk, „Resolve“ – Poppy Ackroyd“, „Forgive yourself and let go“ – Wrekmeister Harmonies, „They won’t have to burn the books if noone reads“ – phal:angst, „The Endeavour“ – BARST, „Through the speech of stars“ – Oiseaux-Tempete,

Gelesen: „In Praise of Mediocrity„, diesen Artikel über die Chefin des amerikanischen Knopf Verlags, sind Plastikstraßen die Zukunft?, the draw of the gothic (literature), diesen Artikel im New Yorker „How to be good“ und diesen Artikel über getrennte Familien aus dem Iran die in einer Bibliothek wiedervereint werden

Getan: mit Freunden Silvester gefeiert, durch den Schnee spaziert und erfolgreich eine Erkältung bekämpft

Geplant: endlich die „Lust der Täuschung“ ansehen und das Fantasy Filmfest besuchen

Gegessen: Sabich

Getrunken: Crémant

Gefreut: über den Schnee

Geärgert: ich finde Felicitas von Lovenberg so so klug und symphatisch, aber dieses Interview phew

Geklickt:  auf dieses Interview mit Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1959

Gelacht: über diesen Cartoon

Gewünscht: dieses Täschchen, dieses Buch, diese Kommode

Gestaunt: über den Super-Blut-Wolfsmond den wir im Januar zu sehen bekommen (hoffe ich)

Gekauft: nix

Gefunden: nix

Gedacht: „All the people you could have been haunt the bookstore alongside the person you could still become.” Steve Edwards