#WomeninSciFi (51) Die Stadt, nicht lange danach – Pat Murphy

Ich freue mich sehr, über diese Rezension, denn auch wenn die Reihe „offiziell“ zu Ende gegangen ist, werde ich immer mal wieder einen Artikel dazu schalten, denn SciFi Autorinnen können auch weiterhin jeden Scheinwerfer brauchen.

Ganz großes Danke an Eszter vom wunderbaren Blog „Esthers Bücher“  die uns eine sehr spannende Dystopie aus den 1970er Jahren vorstellt. Alle anschnallen, wir reisen in nach San Francisco und da geht es nicht gerade gemütlich zu:

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Eine Seuche hat fast alle Einwohner von San Francisco getötet, nur wenige sind übrig geblieben. Auch sonst scheint das Land wie ausgestorben, wenn hundert Leute irgendwo zusammenkommen, ist das schon eine bedrückende Menge. Die Stadt wird jetzt von Künstlern bewohnt, die überall in den Straßen ihre Werke platzieren. Konflikte gibt es hier allerhöchtens dann, wenn zwei Künstler sich die gleiche Fläche ausgesucht haben, aber auch diese Auseinandersetzungen werden schnell beigelegt. Kunst spielt hier für alle eine große Rolle, die Überlebenden haben nämlich erkannt, dass sie ihnen und der Stadt Gutes tut.

„Wenn man etwas Schönes erschafft, dann verändert das einen. Du gibst etwas von dir her, und lässt es in diesem Werk. Man ist einfach nicht mehr dieselbe Person, wenn man fertig ist.”

Die Seuche ist erst vor sechzehn Jahren ausgebrochen, aber die nächste Generation, die in dieser neuen Welt heranwächst, weiß kaum noch etwas über das Leben vorher. Leere Wohnungen und Häuser dienen als Fundorte kurioser Gegenstände, Totenschädel finden in den Kunstwerken eine neue Bestimmung.

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Es haben alle nicht alle die alte Welt vergessen und sie losgelassen. General Miles, der von den Künstlern nur „Vierstern” genannte Soldat hegt große Pläne. Er möchte den organisierten Staat, sein Amerika wiederherstellen, wenn es sein muss, dann mit Gewalt. Er sammelt seine Truppen in Sacramento und erobert mit ihnen immer mehr Städte. Sein nächstes Ziel ist San Francisco.

Das namenlose Mädchen ist auf einer Farm, weit weg von anderen aufgewachsen. Außer ihrer Mutter kennt sie nicht viele Menschen. Als ihre Mutter stirbt, zieht sie auf ihrem Pferd los in die große Stadt, um die Einwohner vor Vierstern zu warnen. Die Künstler müssen für den Krieg rüsten oder sich dem General und seinem Ordnungswahn unterordnen.

Par Murphy schrieb diesen Roman 1989 – eine Jahreszahl, die das Ende einer Ära einleutete. Der Kalte Krieg hat seine Spuren an diesem Roman eindeutig hinterlassen. Die USA und der Ostblock standen sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten argwöhnisch gegenüber, immer wieder stand die Menschheit kurz vor dem Ausbruch eines neuen, womöglich alles Leben vernichtenden Krieges. So verwundert es nicht, dass sich die Autorin in ihrem Buch auf die Suche nach einer Lösung, nach einer friedlichen Lösung dieses Konflikts begab.

Und dieser Wunsch nach Frieden erklärt, warum eine postapokalyptische Geschichte wie diese nicht niederdrückend, sondern ausgesprochen positiv wirkt. Die leeren Straßen, die Millionen von Toten, die verlassenen Bürogebäude, die verwaisten Kinder erzählen zwar eine traurige Geschichte, wie die Künstler der Stadt jedoch damit umgehen, bringt den Leser aber immer wieder zum Schmunzeln. In eine Welt, die äußerlich doch so sehr an The Walking Dead erinnert, nehmen Kunst, Farben und ein wenig Magie die Überhand. In unserer heutigen, von Konflikten zerrüttelten Welt sollten mehr Leute dieses Buch lesen.

#WomeninSciFi (50) The Dispossessed – Ursula LeGuin

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Das #WomeninSciFi Jahr neigt sich dem Ende zu und ich möchte es abschließen, wie es begann – mit der wunderbaren Ursula LeGuin. Vielen vielen Dank an die vielen Beteiligten, diese Reihe hätte nicht bestehen können ohne Euch! Dies soll nicht das endgültige Ende der Reihe sein, aber ich werde sie im nächsten Jahr nicht mehr im wöchentlichen Rhythmus weiterführen. Aber auch künftig werde ich die Finger nicht von großartiger, weiblicher SciFi lassen können und werde sicherlich auch bei euch mal wieder anklopfen, sollte ich auf euren Blogs etwas erspähen, was ich gerne in der Reihe hätte.

Ich hoffe sehr, dass es irgendwann genauso selbstverständlich sein wird, Autorinnen in den Science Fiction Abteilungen der Buchhandlungen zu finden.

Doch bevor ich gleich ganz sentimental werde, lasst uns aufbrechen in ferne Galaxien, in denen ein brillanter Physiker versucht, die Mauern des Hasses einzureißen, die seinen Planeten vom Rest des Universums isoliert haben. Von solchen Menschen können wir auch 2019 gar nicht genug haben.

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Science Fiction vor 30 oder 40 Jahren beschäftigte sich fast immer mit dem Szenario, ob die Zukunft auf der Erde kommunistisch, sozialistisch, faschistisch, kapitalistisch oder totalitär strukturiert sein würde. Man ging immer davon aus, dass es die Erde und die Menschheit gibt, die Fragestellung drehte sich zumeist um das vorherrschende politische System.

Heute stellt sich die Systemfrage fast gar nicht mehr. Selbst SciFi Autoren können sich eine Welt ohne Kapitalismus nicht vorstellen, aber durchaus, dass es unsere Erde nicht mehr gibt. Heute haben wir es sehr häufig mit Endzeitszenarien zu tun, in denen der Kapitalismus die Welt ans Messer geliefert hat.

In Ursula LeGuins Roman „The Dispossessed“ präsentiert sie eine durchaus plausible anarchistische Utopie. Utopien haben es immer schwer, die meisten sind sehr kurz gedacht, sind unrealistisch oder auch einfach nur dämlich. Diese Utopie hier ist anders. LeGuin hat sie tief durchdacht und durchaus einkalkuliert, das Menschen häufig einfach selbstsüchtig und dumm agieren. Beim Lesen kann man sich durchaus vorstellen, dass ihre anarchistische Gesellschaft tatsächlich funktionieren könnte. Nicht immer und es gibt auch durchaus Probleme, aber es scheint genügend Flexibilität und Realitätssinn darin zu geben, um sich auf verändernde Bedingungen einzustellen.

In Le Guins Roman wurde der kleine Planet Anarres von einer Gruppe von Dissidenten seines Zwillingsplaneten Urras besiedelt, einem Planeten, der dem unseren sehr gleicht. Urras hat eine reiche und luxuriöse Biosphäre und die urrastische Kultur ist reich, es gibt jede Menge Einkaufsmöglichkeiten, Klassensysteme, große Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft sowie Gewalt und Sexismus.

Anarres ist im Vergleich dazu eine harsche Welt. Seine Biosphäre hat sich nicht weit über das Devon hinaus entwickelt und es braucht unglaubliche Disziplin der Siedler und jede Menge Mut, um diese harsche Umgebung Heimat zu nennen. Die Annaresti sind Anarchisten. Ihre Gesellschaft kennt keinen Besitz, keine Hierarchie, nur wenig Gewalt, komplette Gleichheit und keinerlei Einkaufsmöglichkeiten. LeGuin schafft es glaube ich deshalb so gut, diese Gesellschaft nachvollziehbar zu machen, weil sie eben kein utopisches Paradies ist. Die Psychologie der Annaresti ist durchaus glaubwürdig. Sie zeigen ganz normale Eigenschaften wie Eifersucht, Rivalität, Egoismus  und Ängste. Es gibt durchaus das Bedürfnis nach Besitz, aber dieses Bedürfnis wird nicht weiter gefördert oder kultiviert. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die harten Bedingungen auf dem Planeten helfen, die Bedürfnisse nach Gleichheit und Freiheit zu befriedigen.

Le Guin ist eine großartige Erzählerin, die weder überzeichnet, noch ins Predigen verfällt. Ich glaube tatsächlich, das Geheimnis, warum die Annaresti Kultur funktionieren könnte, liegt in der Knappheit, gerade weil sie keine Fülle haben, weil ihre Welt so fordernd ist und es gar nicht so einfach ist, Überschuss zu produzieren. Knappheit kann ein großer Segen sein.

Die Anarchisten in LeGuins Geschichte kommen im Übrigen eher aus der Star Trek Philosophie. Es sind keine reinen „Zurück-zur-Natur-Hippies“, sondern sehr fortschrittliche, realistische und technologieaffine Menschen. Das gefiel mir sehr an der Geschichte, denn ich glaube, die Menschen brauchen Technologie, sie ist es, was uns als Menschen unter Anderem ausmacht.

LeGuin zeigt uns, dass uns nicht das, von dem wir es glauben, uns glücklich macht. Überschuss wird wahrscheinlich immer missbraucht werden. Autonomie, soziale Eingebundenheit und sinnvolle Arbeit sind der Ursprung von Zufriedenheit und Glück und davon haben die Anarresti tatsächlich mal Überfluss. Man kann wohl tatsächlich nicht alles haben. Ein einfaches Leben führt schnell zu Überfluss, der wiederum für die Menschen überaus schwierig zu managen ist.

„The Dispossessed“ ist ein großartiger Roman, der einem noch lange nachgeht, jede Menge Fragen aufwirft und den ich liebend gerne einmal im Bookclub diskutieren würde.

Jetzt müssen wir nur noch einen Weg finden uns künst,lich zu beschränken, ohne dass unser inneres Kleinkind sofort die Krise bekommt und der Raubbau an der Erde könnte vielleicht noch gestoppt werden. Wie wir das allerdings hinbekommen sollen ohne Ursula LeGuin, die Queen of Science Fiction, die dieses Jahr leider verstorben ist, kann ich mir so gar nicht vorstellen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Freie Geister“ im Fischer Tor Verlag.

#WomeninSciFi (49) Everything belongs to the future – Laurie Penny

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Vor kurzem entdeckte ich Sabines Blog „Ant1heldin“ – ein großartiger Blog über Frauenfiguren und außergewöhnliche Protagonistinnen in der Literatur und auf der Leinwand. Das liegt ganz auf meiner Wellenlänge und daher war mir schnell klar, hier werde ich sicherlich nicht vergeblich anklopfen, wenn ich frage, ob Sabine Lust hat bei meiner #WomeninSciFi Reihe mitzumachen. Es war in der Tat nicht schwer, sie zu überreden und ich freue mich sehr über den heutigen Beitrag. Bitte hier entlang in eine dystopische Zukunft, die sich um den Traum der immerwährenden Jugend dreht:

Als mich Sabine von Binge Reader fragte, ob ich bei ihrer Blog-Aktion #WomeninSciFi mitmachen wollte, habe ich natürlich zugestimmt. Bei der Aktion stehen weibliche Sci-Fi-Autoren und ihre Werke im Mittelpunkt. Denn ihr Beitrag zu dieser Genreliteratur wird leider oft unterschätzt und zudem unterstellt, Frauen würden, wenn überhaupt, dann nur „soft Sci Fi“ mit dem Fokus auf Liebesplots schreiben. Dass das Unsinn ist, beweist schon die berühmte Margaret Atwood, daher finde ich es sehr wichtig, die Beteiligung von Frauen hier hervorzuheben.

Everything belongs to the future – darum geht‘s

Meine eigene Science-Fiction-Erfahrung beschränkt sich vor allem auf dystopische Romane und Filme, siehe Blade RunnerGattacaHunger Games und The Handmaid’s Tale. Daher hat mich Laurie Pennys Plotidee bei Everything belongs to the future gleich angemacht. Es geht in diesem Kurzroman um eine Gesellschaftsdystopie gegen Ende des 21. Jahrhunderts, in der nur die Reichen Zugang zu einer lebensverlängernden Droge haben. 100 Jahre Jugend sind keine Seltenheit mehr. Dabei zeichnen die verschiedenen Erzählstimmen das typische Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die Reichen leben in Saus und Braus, während die Armen in den Slums von Oxford, dem Schauplatz des Romans, mehr schlecht als recht überleben. Dystopisch wird’s zusätzlich mit der Erwähnung von Überschwemmungen, die den armen Teil von Oxford regelmäßig unter Wasser setzen. Die Erderwärmung hat in diesem Szenario längst dramatische Folgen nach sich gezogen. Der Plot dreht sich, einfach ausgedrückt, um eine Gruppe punkiger Aktivisten, die gegen das Vorrecht der Reichen auf lebensverlängernde Mittel kämpfen und die kleinen blauen Wunderpillen stehlen, um sie Robin-Hood-mäßig umsonst an die Armen zu verteilen. Die Erfinderin der Droge, Daisy, schlägt sich heimlich auf die Seite der Aktivisten. Gemeinsam planen sie eine Unterwanderung des Establishments.

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Der Reiz an dieser Dystopie – und ihr Versagen

Das Motiv des „Jungbrunnens“ ist in der Sci-Fi natürlich nichts Neues. Einige Kinofilme haben das Thema schon behandelt, z.B. Elysium, wo die reiche Oberschicht auf einer Raumstation lebt und alle Mittel hat, Krankheit und Alterung am menschlichen Körper zu verhindern. Das macht aber nichts, denn der Reiz an Dystopien liegt ja darin, Szenarien zu entwerfen, die gar nicht so unwahrscheinlich und daher umso beunruhigender sind. Von diesen Szenarien gibt es natürlich nicht unendlich viele, wenn man als Autor*in auf aktuelle Diskurse und deren zukünftige Implikationen verweisen möchte. Das wäre bei Everything belongs to the future das Gedankenspiel eines ins Extreme gesteigerten Jugendwahns. Diese spannende Grundprämisse hätte Laurie Penny daher mit ein bisschen mehr Geduld in eine überzeugende Story gießen können. Das hat sie leider versäumt.

Der kurze Text (114 Seiten) ist überfrachtet mit schwergewichtigen Ideen, die dann nicht ausgeführt werden. Wirklich an allen Ecken und Enden fehlt es an Erklärungen. Entwicklungen werden nur angerissen, Figuren bleiben flach, ihre Handlungen wirken unmotiviert. Warum Laurie Penny nicht einfach einen Roman in vollständiger Länge geschrieben hat, ist mir unverständlich. In ihrem Text gibt es so viele spannende Ansätze, die einen langen Text mühelos gefüllt hätten, z.B. die ganze Geschichte rund um die Entwicklung der Droge und ihre Auswirkung auf die dargestellte Gesellschaft. Bei der Kürze des Textes bleibt ein überzeugendes Worldbuilding jedoch auf der Strecke.

Fehlendes Worldbuilding

Wo ist die Science in dieser Fiction?

Das fängt schon mit der Idee an, die dieser Dystopie zu Grunde liegt, der lebensverlängernden Droge („the fix“ genannt): Ihre genaue Wirkung wird zum Beispiel nicht erklärt. Sie verzögert das Altern ab dem Tag der Einnahme extrem. Darüber hinaus: Wenig. Verhindert sie auch alle Krankheiten? Vermutlich, es wird aber nicht erläutert. An einer Stelle erklärt Protagonistin Daisy, die Droge bestehe aus einem Pilz, der irgendwie in den Körper eingreift. Ein bisschen mehr Details und Recherche wären hier angemessen gewesen. Ohne weitere Informationen, die dieses plot device glaubwürdiger machen, wirkt die grundlegende Prämisse der ganzen Erzählung ein bisschen wie ein billiger Jahrmarkttrick. Von den vampirhaften (entschuldigt!) Beschreibungen der „fixer“ ganz zu schweigen: „there was an uncanny smoothness to the skin, a ghastly glisten that made them doll-like.“ (S. 19) Wer wird hier auch an Twilight erinnert? *hust*

Ebenso bleibt es unklar, ob es einen Schwarzmarkt mit der Droge gibt und warum die Aktivistengruppe im Roman die Droge so völlig ungestört kostenlos verteilen kann.

Für die Glaubwürdigkeit dieses Sci-Fi-Romans sprechen einige Details zum technologischen Fortschritt (zum Beispiel Minichips, die Spion Alex unter dem Fingernagel verstecken kann). Erstaunlich altmodisch wird hingegen der Zustand der Gesellschaft dargestellt. Transfeindlichkeit, Sexismus und Rassismus bzw. Islamfeindlichkeit sind immer noch genauso große Themen wie heute in der Realität. Das könnte glaubwürdig sein, wenn man diese fehlende Entwicklung denn erklären würde. Stattdessen sind die 80 Jahre, die zwischen unserer Zeit und dem Handlungszeitpunkt des Romans bestehen, nur eine einzige große Leerstelle.

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Toll angelegte (Frauen-) Figuren, leider ohne Tiefgang

Wirklich schade ist allerdings, dass Everything belongs to the future uns keine Chance lässt, eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Penny bemüht sich, Figuren sprechen zu lassen, über die sie vermutlich selbst gerne lesen würde: Es sind fast nur Figuren abseits von heteronormativen Geschlechts- und Sexualitätszuschreibungen wie die bisexuelle Daisy oder der trans Mann Fidget. Darüber hinaus gibt es mehrere unabhängige Frauenfiguren, wie eben Daisy oder auch die Aktivistin Nina.

Der gute Wille, interessante Figuren zu schaffen, reicht aber leider nicht aus, wenn es bei oberflächlichen Charakterisierungen bleibt. Alle Beschreibungen vom Innenleben der Figuren wirken gehetzt, wie hastig zusammengeflickt. Daisy, die ewig wütende greise Frau im Körper eines Teenagers, muss noch schnell eine rührselige Liebesgeschichte aus der Vergangenheit verpasst bekommen. Diese Erinnerungssequenz ist aber völlig unmotiviert in den Plot gepresst und verfehlt so ihre Wirkung. Ich hätte stattdessen so gern mehr über Daisys Werdegang erfahren. Oder warum sie sich dazu entschieden hat, die Droge schon im Alter von 14 Jahren einzunehmen, was dazu führt, dass sie für immer im unfertigen Körper einer Pubertierenden feststeckt. Die Erzählstimme erklärt etwas nebulös: „Daisy had not had fun of any kind since she could remember, but particularly not horizontal fun involving other humans. Keeping her appearence static at awkward mid-puberty helped with that.“ (S. 24). Was diese Andeutung genau bedeutet, bleibt unklar (ist Daisy asexuell und legt gar keinen Wert auf körperliche Intimität? Und ist deshalb froh über einen unterentwickelten Körper? Wer weiß.). Das ist nur ein Beispiel für vergeudetes Erzählpotential in Everything belongs to the future.

Wie viel Laurie Penny bekommt man bei Everything belongs to the future?

Laurie Pennys erster Roman ist alles andere als leichte Unterhaltung, wie schon angedeutet. Neben zwei komplexen Erzählsträngen gibt es noch einen theoretischen Überbau in diesem Text. Zwischen den Erzählteilen aus Daisys oder Alex‘ Sicht erscheinen fiktive Briefe, die eine anonyme Schreiberin aus dem Gefängnis an die Protagonistin Daisy richtet. Darin stellt sie philosophische Überlegungen in Bezug auf das Recht der Reichen auf ewige Jugend an. Dabei rutscht sie gerne mal ins Schwadronieren ab: „The truth is that life extension itself is not sinful. The only sin is to treat time as privilege. … We discovered the fountain of youth, and then we put it behind high walls and poisoned its promise.“ (S. 36). Als Leserin fühle ich mich da doch ein bisschen für dumm verkauft. Ach nee, den Reichen noch mehr Macht zu geben hat nicht zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beigetragen? Wer hätte das gedacht? Die Regel „show, don’t tell“ gibt’s wahrlich nicht umsonst. Zeig‘ die Auswirkungen der Droge doch in der Erzählung und an den Figuren, liebe Laurie, und nicht in einem erklärenden Text.

Aber, das muss ich anmerken: Die anonymen Briefe im Roman enthalten auch einige sehr gute gendertheoretische Überlegungen, wie man sie aus Laurie Pennys Sachbüchern kennt. Die beste Stelle ist diese: „The aging woman is a special object of horror in this gerontocracy.“ (S. 86). In der Dystopie von Everything belongs to the future ist die Droge im allgemeinen Verständnis für Frauen ein größerer Segen als für Männer. Frauen haben mehr zu verlieren, weil sie, mehr als Männer, auf ihr Aussehen reduziert werden. Daher stellt die anonyme Schreiberin, die es einfach nur „wagt“, zu altern, eine Rebellin dar. Allein ihre „Hässlichkeit“ ist ein Akt des Widerstands. Lasst uns beten, dass das Altern in unserer Gesellschaft niemals zu einem rebellischen Akt wird.

Diese Ausgabe habe ich gelesen: Laurie Penny, Everything belongs to the future, Tor Books: New York 2016.

#WomeninSciFi (48) Clover – CLAMP

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Meine Lieben, heute gibt es eine ganz wunderbare Premiere bei Women in SciFi. Ich freue mich, mit Stefanie von miss-booleana.de  nicht nur eine weitere Wiederholungstäterin für die Reihe begrüßen zu dürfen, sondern auch noch die erste extra für die Reihe angefertigte Fanart feiern zu dürfen. Auf ihrem Artblog verfolge ich schon seit Längerem ihre großartigen Illustrationen und Webcomics und freue mich, dass sie die Arbeit auf sich genommen hat und für diesen Beitrag eine wirklich gelungene Illustration anzufertigen. Als seien das nicht schon genug Premieren, Women in SciFi bringt hier heute auch die erste Manga-Besprechung in der Reihe.

CLAMP ist eine seit vielen Jahren vierköpfige Gruppe aus Mangazeichnerinnen, die sich im Laufe ihrer inzwischen langen Karriere an allen möglichen Genres versucht haben. Sie vereinen meist eine bittersüße Geschichte mit fantastischen Elementen und einem dichten World Building. Worin sie wirklich meisterhaft sind: moralische Zwickmühlen, unausgesprochene Worte und sie brillieren darin selbst den Nebencharakteren ihrer Manga (Manga = Comics im japanischen Stil) eine komplexe Handlung zu geben. Vielleicht beherrschen sie das so gut, weil sie komplexe Emotionen verstehen und v.A. treffend und nahezu minimalistisch abbilden können. Da braucht es manchmal wenig, um viel zu erzählen. Clover stellt CLAMPs Ausflug in das Fantasy und Science-Fiction-Genre mit einem Touch Steampunk dar.

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Der Manga handelt von dem Ex-Soldaten Kazuhiko, der als Söldner angeheuert wird um etwas zu transportieren. Dieses Etwas entpuppt sich als das Mädchen Suu, das durch ihre zarte und ätherische Erscheinung den schroffen Kazuhiko etwas vor den Kopf stößt. Die Kleine und der Auftrag sind rätselhaft. Scheinbar lebte sie seit jeher alleine in einem wortwörtlichen goldenen Käfig wie ein seltener Vogel – in einem verglasten Gebäudekomplex. Wohin er Suu „transportieren“, also begleiten soll, weiß nur Suu. Beide werden mehrmals angegriffen, mal von Leuten, die hinter Suu her sind, mal von Leuten, die mit Kazuhiko noch eine Rechnung offen haben. Bei diesen Übergriffen und Suu’s Gegenwehr wird dem Söldner schnell klar, dass sie kein normales Mädchen ist, sondern ein Kleeblatt. So werden Menschen bezeichnet, die übermenschliche Fähigkeiten besitzen, die typischerweise von Teleportation (offensichtlich nicht Suu’s Ding) bis hin zu Telepathie oder Telekinese reichen (sehr wohl Suu’s Ding). Anhand des Grades ihrer Fähigkeiten, werden sie in drei Kategorien eingeteilt – ein „einblättriges Kleeblatt“ hat beispielsweise sehr begrenzte Fähigkeiten. Ein „dreiblättriges“ gilt als gefährlich und wird vom Staat unter ständige Überwachung gestellt und darf sich nicht in der Öffentlichkeit frei bewegen. Suu aber ist etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte: sie ist ein Vierblättriges.

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Dass Suu eine Laune der Natur ist, macht die Reise der Beiden umso gefährlicher und führt sie und den Leser durch eine Welt, die schön, klinisch, technologisiert und ein bisschen tot wirkt. Meterhohe Hologramme einer schönen singenden Frau, die wie sich später herausstellen wird sowohl Kazuhiko als auch Suu kennen, prägen das Stadtbild ebenso wie Sendemasten, tote Industrieanlagen, Retro-Telefone und andererseits Laser-Waffen. Zeppeline bewegen sich stumm durch die Luft, Steampunk wo das Auge hinschaut. Den zarten Unterton der ungewöhnlichen Reise zweier ungleicher Menschen, die doch etwas in dem anderen berühren, wird von CLAMP mit stark stilisierten und reduzierten Schwarz-Weiß-Panels unterstrichen. Wer viel Manga liest, ist gefüllte Seiten gewöhnt. Clover aber bricht mit diesen Mustern und präsentiert nicht selten nur ein Panel oder einen Charaktermoment auf einer ganzen Seite. Der Manga vereint Zartheit und Steampunk auf außergewöhnliche Weise und wirkt stellenweise mehr wie ein Kunstbuch als ein Manga, nicht zuletzt auch dank der poetisch anmutenden Lieder und Dialoge, die die Seiten zieren.

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Man kann sich darüber streiten, ob Clover Fantasy oder Science-Fiction ist, denn viel Science gibt es in dieser Fiction nicht. Der Leser wird mit einer Welt konfrontiert, die einen großen technischen Fortschritt zu verzeichnen, aber ihren Zenit auch überschritten hat. Hologramme und Laser existieren, aber die Welt steht trotz der schönen Bilder am Ende. Es gab Kriege. Die Städte wirken leer, anonym, noir. Es gibt keine Tiere mehr. Die meisten haben entweder mechanische Prothesen oder sind gar künstlich. Nicht selten sieht man Vögel auf mechanischen Schwingen in den Himmel steigen. Gerade vor dieser Kulisse wirken Suu und die Nebencharaktere des Manga besonders verletzlich. Natürlich lernen wir nicht nur Suu als eines der Kleeblätter kennen, der Kinder, die der Staat gezielt sucht und beobachtet oder sogar  wegsperrt. Anhand der zarten Gefüge und Beziehungen zwischen den Kleeblättern und den normalen Menschen erkennt man schnell CLAMPs wahre Stärke. Zarte Schattierungen in Emotionen und Liebe ohne Labels oder Schubladen. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die des Soldaten Gingetsu, ein Freund von Kazuhiko, und seines „Schützlings“ Lan. Oder auch die Verbindung zwischen Suu und der Frau, die das Hologramm wiedergibt. Deren Geschichten entfaltet sich erst später vor den Augen des Lesers, denn Clover wird nicht synchron erzählt in den bisher vier erschienen Bänden. Aber bevor ich zuviel verrate, würde ich gern sagen: lest selbst 🙂 Überzeugt euch von dem wunderbaren Steampunk-Manga und von der melancholischen Atmosphäre von Suus Reise. Aber das ist gar nicht einfach. Clover erschien in Deutschland Anfang der 2000er und ist aktuell vergriffen. Was es noch bittersüßer macht.

If you find a four-leaf clover,
It will bring happiness;

But don’t tell Anyone
Where its white flower blooms

Or how many leaflets from its stem extend.
The four-leaved clover.

I only want your happiness, knowing
I can never be yours to share it.

Das folgende Video ist eine kurze Animation, die als Extra auf den DVDs zu anderen Werken von CLAMP erschien und gibt die Stimmung des Manga wunderbar wieder.

#Women in SciFi (47) meets Book-a-Day Challenge Day 8: Mary Shelley’s The Last Man

Luckily Mary Shelley continued to write after her first novel „Frankenstein“ was such a huge success. Today I would like to introduce to you one of her less known works „The Last Man“. The novel starts at the end of the 21st century and ends in the year 2100.

This futuristic story talks about the gradual extermination of the human race by a mysterious plague and a tragic love story. Mary Shelley is not just the Grandmother of Science Fiction, I’m sure she also was the first person to write a post apocalyptic novel. She basically invented the dystopian genre. Compared to this book, Frankenstein is a happy comedy.

“What is there in our nature that is for ever urging us on towards pain and misery?” 

This novel is a slow burn. Like many Victorian authors, Shelly took her time, she did not rush her plot along and she backed it up with ideas and feelings. The book is intriguing, especially for people with an interest in the ideals and philosophies of Victorian times.

“It is a strange fact, but incontestable, that the philanthropist, who ardent in his desire to do good, who patient, reasonable and gentle, yet disdains to use other argument than truth, has less influence over men’s minds than he who, grasping and selfish, refuses not to adopt any means, nor awaken any passion, nor diffuse any falsehood, for the advancement of his cause.”

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The book is partly a „roman a clef“ with the main protagonists modelled after her husband Percy Shelley and Lord Byron. I’m sure Mary Shelley felt pretty lonely after the deaths of so many people that played such a big role in her own life. She created a story about the deconstruction of the Romanticism movement, showing how the world view and optimism of an aesthete never really survives contact with the real world.

“I spread the whole earth out as a map before me. On no one spot of its surface could I put my finger and say, here is safety.” 

This is a pretty sad story and it clearly reflected Mary Shelley’s own life. She also outlived all of her friends and her husband, four of her five children had died and was actually „The Last Relict“.

If you are a little brave and can tolerate the hopelessness and dispair of this novel, you will rewarded with beautiful language, interesting ideas and vivid melancholy pictures of a world that gets lonelier and emptier every day.

Mary Shelley is not just the Ur-Mother of Science Fiction with her novel „Frankenstein“ she is also the Ur-Mother of the apocalyptic novel. I bow my head in respect to Mary Shelley…

Here is a really interesting short BBC documentary on Mary Shelley’s „The Last Man“:

#WomeninSciFi (46) Amanda – Carol Hill

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Woohoo, endlich ist auch Petra vom wunderbaren Sachbuch Blog „Elementares Lesen“ dabei, die Gewinnerin des Buchblogger Awards 2018. Da mein Herz immer auch sehr für diverse  Sachbuch-Themen schlägt, ist Petras Blog brandgefährlich für mich. Mit fast 100%iger Trefferquote landen die von ihr vorgestellten Bücher auf meinem Wunschzettel oder auch direkt im Regal. Sie nimmt uns mit Amanda auf eine spannende Mars Mission mit, bei der erstaunlich viel getanzt wird.

Amanda Jaworski ist blond, blauäugig und attraktiv. Sie ist Feministin, leidenschaftliche Physikerin und die beste Astronautin der Erde. Ihre Mission: der erste Flug zum Mars, im Wettlauf gegen die Russen. Ihr größtes Vergnügen: auf den Korridoren des NASA-Geländes Rollschuh laufen, in einem sexy Outfit, das ihren Ausbilder zur Weißglut treibt. Amanda ist immun gegen Kritik und macht stur ihr Ding. Das ist das Setting des 1984 in den USA erschienenen Romans „The Eleven Million Mile High Dancer“ von Carol Hill. Die deutsche Ausgabe erschien 1987 im Diogenes Verlag mit dem Titel „Amanda“.

Die Vorbereitungen für Amandas Flug zum Mars laufen auf Hochtouren. Da häufen sich seltsame Vorfälle: In der texanischen Wüste verschwindet ein Indianerstamm. Astronauten kehren verändert von ihren Missionen zurück. Kernreaktoren explodieren. Das Wetter spielt verrückt. Fische sterben, und eine Rote Flut bedroht das Land. Natürlich versucht die Regierung alles zu vertuschen.

Währenddessen kämpft die Astronautin Amanda mit übersinnlichen Wahrnehmungen und unheimlichen Begegnungen. Ihren Vorgesetzten verschweigt sie alles, um ihren Start nicht zu gefährden. Sie ist eine selbstbewusste Heldin, die viele Widersprüche in sich vereint. Neben ihrem analytischen Verstand hat Amanda eine ausgeprägte spirituelle Seite. Sie vertraut ihrer Intuition, und die Liebe geht ihr über alles. Sie schwankt zwischen Donald Hotchkiss, dem zuverlässigen, viel zu besitzergreifenden Freund und ihrem Liebhaber Bronco McCloud, bei dem sie dahinschmelzen kann. Ihre tiefsten Gefühle gelten dem Kater Schrodinger, der ständig in einen komatösen Schlaf fällt, so tief, dass alle außer Amanda ihn für tot halten. (Die Anlehnung an Erwin Schrödingers Gedankenexperiment mit einer Katze ist beabsichtigt, wie die Autorin in ihrem Nachwort erklärt.)

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Erzählt wird dieser originelle Roman aus den Perspektiven verschiedener Charaktere, die mit eigenwilligen Stimmen in ihre Gedankenwelten hineinziehen. Auch die Physik spielt eine wichtige Rolle. Carol Hill wartet mit vielen Phänomenen auf, von der Relativitätstheorie bis zur Quantenmechanik. Wenn ihre Heldin Amanda Schulkindern die Faszination des Universums nahe bringt, dann verwendet sie gern das Bild einer wunderschönen, elf Millionen Meilen großen Tänzerin, um die Relativität von Raum und Zeit zu verdeutlichen. Dieser Tänzerin wird Amanda in einer fernen Galaxis leibhaftig begegnen!

Eines Tages trifft Amanda einen Außerirdischen in ihrer Küche, den sie wegen seines Aussehens den Klecks nennt. Er informiert sie über die wahre Geschichte der Erde, das Große Kosmische Gehirn und Künstliche Wesen, die alle biologischen Existenzen vernichten wollen. Auf der anderen Seite des Universums sind sie nämlich verdammt sauer, dass die Menschheit, in die so viel Arbeit investiert wurde, andere Arten in großem Stil ausrottet und den Planeten ruiniert!

Als ihr Kater Schrodinger in die vierte Dimension entführt wird, ist Amanda drauf und dran, die Mars-Mission, deren Start für den nächsten Tag geplant ist, sausen zu lassen. Sie will lieber Schrodinger befreien. Doch zum Glück lässt sich beides miteinander verbinden. Die abenteuerliche Reise nach Epsilon Eridani beginnt. Wird es ihr gelingen, ihren Kater – und die Menschheit – zu retten?

Dieser Roman ist vor mehr als 30 Jahren erschienen, doch vieles klingt vertraut: starke Frauen, die Männern suspekt sind; das Misstrauen des Westens gegen die Russen, die scheinbar alles manipulieren; ein US-Präsident, der Lügen für das beste Mittel zum Regieren hält; die zögerliche Reaktion von Politikern auf Umweltzerstörung und den Klimawandel. Hier treffen Quantenphysik, Feminismus, Politik und ein Hauch Esoterik aufeinander, intelligent erzählt und unglaublich komisch! Wer einen Sinn für abgedrehte Geschichten hat, wird diesen Roman lieben!

#WomeninSciFi (45) Teri Terry: Gelöscht – Zersplittert – Bezwungen

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Häufig trifft man auf Buchmessen die Blogger endlich „in echt“, deren Blogs man schon länger folgt und die man virtuell schon ganz gut kennt. Bei Jana vom Blog „Wissenstagebuch“ und mir war es genau umgekehrt. Wir hatten ein kurzes Blitz-Treffen in Leipzig am Stand eines kleinen Indie-Verlages und dann erst fand ich den Weg zu ihrem Blog. Und dieser Weg hat sich gelohnt, der Name ist Programm. Neben Klassikern, weitgereistem, philosophischem und nischigem – da ist so viel Spannendes zu entdecken, in der Tat eine „Gabel für die Suppe der Weisheit“. Ich freue mich, dass auch Jana einen Beitrag zur #WomeninSciFi Reihe beiträgt und wir reisen heute ins neofaschistische England der nahen Zukunft:

Teri Terry hat sich mir deswegen ins Gedächtnis gebrannt, weil ich ihren Namen wohl zwanzigmal durch die Suchmaschine laufen lassen musste, bis ich Vor- und Nachnamen nicht mehr verwechselt habe. Und auch deshalb, weil sie in ihrer Young-Adult-Dystopie so richtig viel so richtig gut gemacht hat. So gut, dass ich finde, sie hat eine Aufnahme in die Reihe #WomeninSciFi des tollen Blogs Binge Reading and More verdient.

Neofaschismus in England

In naher Zukunft: England ist vom Rest der Welt isoliert, ein faschistischer Überwachungsstaat hat sich etabliert (wie auch bei George Orwells „1984“ oder dem Film „V wie Vendetta“). Kyla wurde eines seiner Opfer, sie wurde geslated. Als verurteilte Kriminelle wurden all ihre Erinnerungen durch eine Operation gelöscht; jede Neigung zu aggressivem oder abweichendem Verhalten wurde ausradiert. Nachdem sie in einer Klinik wieder einigermaßen lebenstüchtig gemacht wurde, wird sie einer neuen Familie zugewiesen; möglichst weit weg von ihrem bisherigen Umfeld, an das sie sich nicht mehr erinnert. Erinnern sollte. Denn Kyla erlebt in ihren Träumen immer häufiger Flashbacks, die sie nicht einordnen kann, die aber auf eine grauenvolle Vergangenheit hindeuten. Will sie überhaupt wissen, was passiert ist?

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Um nicht erneut den staatlichen Behörden zum Opfer zu fallen – die Todesstrafe wurde wieder eingeführt –, versucht sie so unauffällig wie möglich, ihre Vergangenheit zu rekonstruieren. Dabei macht sie schon bald Bekanntschaft mit einer gut organisierten Widerstandsgruppe und fühlt sich gleich heimisch. War sie früher etwa eine Terroristin?

Terry siedelt ihre Geschichte in einer nicht allzu fernen Zukunft an, die mit dem bevorstehenden Brexit noch einmal glaubhafter wird. Allzu viele typische SciFi-Elemente finden sich nicht, doch sind Wissenschaft und Technik ein kleines Stück weiter als heutzutage: Es ist möglich, bei Jugendlichen präzise Gehirnoperation vorzunehmen, einzelne Erinnerungen zu löschen oder auch den ganzen Menschen clean slate, mit einer weißen Weste, erwachen zu lassen. Einmal geslated folgt eine 24/7-Überwachung bis zum Eintritt in das Erwachsenenalter. Sie wird ganz „klassisch“ durch Observationen und inoffizielle Mitarbeiter in Familien und Schulen, aber auch durch monatliche Pflichtbesuche beim staatlichen Psychiater gewährleistet. Wichtigstes Überwachungs-Gimmick ist das Levo, ein dünnes Armband, das Standort und Erregungszustand misst und das dem Träger bei starken negativen Emotionen wie großer Trauer, Angst oder Wut einen Schlag versetzt, der mindestens zur Bewusstlosigkeit, durchaus aber auch zum Tode führen kann. Das Selbstentfernen des Levos – schon auf die Idee zu kommen, ist strafbar – führt ebenfalls zum Tode.

Nicht Zimperlich und wenig Klischee

Überhaupt geht Terry mit Gewaltdarstellungen nicht allzu zimperlich um und ein ums andere Mal musste ich mir ins Gedächtnis rufen, dass es sich immer noch um ein Jugendbuch handelt. Hier wird geblutet, getötet, vergewaltigt, gefoltert, terrorisiert, abgefackelt, ausgebombt, ins Arbeitslager gesperrt oder einfach verschwinden gelassen. Das alles wirkt dabei nicht übertrieben, vielmehr macht es den Schurkenstaat, der aus England geworden ist, greifbarer. (Irland ist übrigens ein freies Land und nimmt englische Flüchtlinge auf.) Das Worldbuilding ist nicht allzu ausgefeilt – vielfach fühlt man sich an Berichte aus Nordkorea erinnert – zum Verständnis der Geschichte aber völlig ausreichend.

Teri Terrys Trilogie ist für mich besonders gelungen, weil sie so viele Klischees, die immer wieder in Young-Adult-Romanen auftauchen, mühelos umschifft: Wir treffen mit Kyla auf eine Protagonistin, die absolut selbstwirksam agiert. Unter widrigsten Umständen versucht sie, ihre Identität zu rekonstruieren – allein um ihrer selbst willen und entgegen der Angst vor der eigenen Vergangenheit. Sie holt sich dabei Hilfe, wenn sie sie braucht, macht sich aber nicht abhängig.

Terry erschafft dabei eine Protagonistin, die alles andere als eindimensional daherkommt. Das zeigt sich vor allem an den verschiedenen Eigenarten der Figur: Ihre Kyla ist nicht nur eine begnadete Zeichnerin und talentierte Läuferin, sondern beherrscht Überlebenstechniken, bewegt sich gern in der Natur, mag Katzen und hasst mädchenhafte Kleider. Dabei wirkt sie nicht wie ein unnahbarer Roman-Übermensch; wir treffen sie ebenso tagelang weinend in ihr Zimmer eingeschlossen oder mit ihren traumatischen Erinnerungen kämpfend an.

Die Vielseitigkeit der Protagonistin kommt nicht von ungefähr. Die Autorin Teri Terry – die erst acht Romane schreiben musste, bis mit Slated schließlich ihr neunter veröffentlicht wurde – lebte in Frankreich, Kanada, Australien und England und ist selbst viel mehr als „nur“ Schriftstellerin:

„I’ve been a scientist [microbiology], a lawyer, an optometrist; I’ve managed businesses, worked in secondary schools and libraries.”

                            Hachette Children’s Group – Author Spotlight. Teri Terry chats to Graham Marks*

Ebenso bemerkenswert: Zwar hat das Gros der männlichen Figuren einen Narren an der Protagonistin gefressen (es ist ja immer noch Young Adult), doch gibt Terry ihrer Kyla das Selbstbewusstsein mit, sich auch vom love interest trennen zu können – einfach, weil er ein schlechter Mensch ist. Als bemerkenswert gut entwickelt fand ich außerdem die unaufgeregt eingestreute lesbische Liebesgeschichte, Eheprobleme und eine elterliche Scheidung.

Der Plot ist stellenweise vertrackt und trägt mühelos über drei Bücher (am Ende bricht sogar leichte Hektik bei der Auflösung aus) und es war eine gute Idee, die Trilogie in einem Schwung zu lesen, denn manchmal weiß man nicht, ob Kylas Erinnerungen trügen – oder die eigenen an das Gelesene.

Erste Wahl bei Young-Adult-SciFi

Ich bin kein Fan von SciFi im Young-Adult-Genre und bin es durch diese Reihe auch nicht geworden. Dafür bin ich bei Science Fiction zu sehr begeistert von ausgefeiltem Weltenbau und Querverbindungen zu anderen Werken und zur Wissenschaft; gern dürfen die Geschichten von fremden Planeten und Lebensformen handeln. Aber wenn ich nochmal Lust auf Young-Adult-SciFi habe, dann nehme ich ganz bestimmt wieder ein Buch von Teri Terry in die Hand – die hat mit The Dark Matter nämlich gerade ihre nächste Reihe abgeschlossen.

* Das vollständige Interview mit der Autorin findet sich unter https://www.hachettechildrens.co.uk/assets/hachettechildrensbooks/author%20spotlights/AuthorSpotlight_TTerry.pdf.